Die kleine Genrefibel Teil 49: Stephen King

Weil der erste Satz beim Schreiben einer kleinen Genrefibel immer der schwerste ist, lass ich ihn dieses mal einfach weg. Kommen wir also gleich zur Sache. Auf unserer Reise durch die Genres und Subgenres der Phantastik stehen wir wieder einmal vor einem streitbaren Thema. Vampire, Werwölfe oder Zombies, sie bestimmen als Figuren ihre jeweiligen Subgenres. Anthologien oder der Found Footage Film werden durch strukturelle oder technische Belange klassifiziert. Unser Thema heute aber heißt Stephen King, bzw. Stephen King Verfilmungen. Ist das nun ein eigenes Subgenre?

 

Einen ähnlichen Fall hatten wir bereits in der Kleinen Genrefibel Teil 23: H.P. Lovecraft. Auch da stand ein Autor von Horrorliteratur und die filmische Interpretation seiner Arbeit im Fokus. Der sogenannte Lovercraftsche Horror unterscheidet sich thematisch wie stilistisch zum Teil deutlich von klassischen Horrorstoffen, er ist eine spezielle Nische und kann deshalb gern als Subgenre definiert werden. Bei Stephen King hingegen ist das völlig anders. Kings Geschichten in Literatur und Film sind keine spezielle Nische, sein Werk ist die urtümlichste Definition von Horror überhaupt.

 

Der Filmstar Stephen King

 

Um Stephen King Verfilmungen als eigenes Subgenre zu begreifen, muss man den Blick über den Tellerrand der Materie riskieren. Subgenres definieren sich durch innere (Story, Figuren) und äußere (Dramaturgie, Stil) Faktoren. Aber nicht ausschließlich, man kann Genres und Subgenres auch im geschichtlichen und gesellschaftspolitischem Kontext betrachten (Bruceploitation, Dogma) .

 

Das kann man auch bei Stephen King, vielleicht sogar darüber hinaus, denn King im Film ist eine interessante Abnormalität innerhalb der Phantastiksparte. Im Bereich Literatur ist man sich einig, Stephen King ist der erfolgreichste, zeitgenössische Horrorautor aller Zeiten, er hat über 400 Milionen Bücher verkauft, die in über 40 Sprachen übersetzt wurden.

 

 

 

 

Verfilmungen seiner Werke aber werden oft kritisch betrachtet und sind meist Gegenstand der alten Streitdiskussion, ob Bücher nun besser sind als Filme oder umgekehrt. Obgleich es hier nur um Filme geht, kommt man um diesen Streitpunkt der Interpretation und Wirkungsweise seiner Werke nicht herum, allein aus dem Grund, weil sie zum Teil von Stephen King selbst angestoßen wurden. Doch es gibt noch einen anderen Grund, Stephen King und den Horrorfilm als Einheit zu betrachten.

 

 

 

 

Denn Stephen King, geboren 1947 in Portland, Maine, wurde immens vom Film beeinflusst und seine Geschichten haben wiederum den Horrorfilm beeinflusst. Wenn auch King in erster Linie als Buchautor wahr genommen wird, er ist ein Filmmensch durch und durch. Eines seiner ersten Bücher war sogar ein Sachbuch namens “Danse Macabre”, in dem sich King mit dem Einfluss von Horror auf Buch, Film und Comic beschäftigt hat. Für spätere Auflagen hat Stephen King sein Vorwort aktualisiert und nimmt Bezug auf aktuelle Subgenres wie Found Footage oder kommerzielle Aspekte des Horrorfilms.

 

Wer “Danse Macabre” gelesen hat, weiß, dass King ein überdurchschnittliches Gespür für Genrefilmstoffe hat. King ist dem Medium Film emotional ebenso verbunden wie dem Buch. King schrieb Drehbücher, führte Regie, trat in seinen Werken oft in winzigen Rollen auf und wirkte nicht selten als Mittler zwischen seinen Stoffen und den Regisseuren seiner Verfilmungen. King selbst ist Filmstar, er ist Popkultur, eine Marke und prägt seit 40 Jahren den Horrorfilm entscheidend mit.

 

Contemporary Horror Fiction

 

CARRIE von Brian De Palma (1976)

Das interessante an Stephen King ist, dass sein Werk nicht nachträglich oder gar posthum interpretiert wurde, sondern parallel zu seiner Karriere als Buchautor. Sein erstes veröffentlichtes Werk war 1974 der Roman “Carrie”, der bereits 1976 von Brian De Palma verfilmt wurde. Sein Erfolg als Autor war so immens, dass seine Bücher meist nur wenige Jahre später filmisch interpretiert wurden.

 

Bei CHRISTINE aus dem Jahr 1983 begann die Filmproduktion sogar, bevor der Roman “Christine” überhaupt in den Buchläden stand. In den späteren Jahrzehnten wurde King natürlich auch retrospektiv adaptiert, ältere Kurzgeschichten wurden verfilmt und frühe Filmproduktionen erfuhren Neuauflagen durch Neuinterpretationen der Bücher oder Remakes. Heute beinhaltet das filmische Werk von und mit Stephen King 60 Spielfilme und sieben Fernsehserien.

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Kein anderer klassischer oder zeitgenössischer Horrorautor kann da mithalten. Durch King erlangte der Horror in Amerika eine neue Stufe des Erfolges, Bücher wurden nun sogar in Supermärkten verkauft, Horror wurde kommerzieller als je zuvor. Doch es ist nicht allein der Erfolg oder der quantitative Output seiner Arbeit, der King so berühmt gemacht hat.

 

Bis in die siebziger Jahre hinein war der Horrorfilm in den Staaten sehr klassisch geprägt. Amerika hatte traditionell eine eher kurze Kulturgeschichte, adaptiert wurden hauptsächlich europäische Autoren wie Bram Stoker oder Mary Shelley, der Horrorfilm tastete sich durch Emigranten wie Hitchcock behutsam in die Gegenwart, die neuen jungen Wilden des amerikanischen Horrorfilms wie George A. Romero oder Wes Craven wurden kontrovers betrachtet.

 

Mit King hielt dann Ende der 70er der zeitgenössische Horror endgültig Einzug in den Film. Und der war durch und durch amerikanisch. Der Horror spielte im Hier und Jetzt, die Figuren und ihre Motive unterschieden sich gewaltig von Figuren früherer Jahrzehnte. Es waren einfache Menschen mit normalen Berufen, das Grauen, was sie traf, brach unvermittelt aus der Realität herein.

 

 

Horrorjob Autor: Jack Nicholson in SHINING, Timothy Hutton in THE DARK HALF, Johnny Depp in THE SECRET WINDOW, James Caan in MISERY

Dieses Grauen, der Horror, den Kings Figuren und seine Leser wie Zuschauer erfahren mussten, war im Gegensatz zum klassischen Horror nicht abstrahiert oder auf Legenden beruhend, sondern lag mitten im Hier und Jetzt, der Realität, und konnte so das Publikum umso schmerzhafter und beklemmender treffen. Dieser reale Horror war deshalb so wirkungsvoll, weil er Urängste heraufbeschwor.

 

Stephen King thematisierte alltägliche Konfliktsituationen, Mobbing, Einsamkeit, Alkoholismus, tollwütige Hunde, Clowns oder andere Phobien und Traumata. Das ist bei King teilweise sehr realistisch arrangiert, weil es zum Teil autobiographisch geprägt ist. Die Geschichten von Stephen King schienen nicht nur aus dem täglichen Leben zu kommen, auf schaurige Weise taten sie es zum Teil auch wirklich.

 

MISERY von Rob Reiner (1990) Für King war der Roman eine Metapher seiner eigenen Alkohol- und Drogenabhängigkeit.

King sah als Kind den Unfalltod eines Freundes, hatte mit Alkohol- und Drogensucht zu kämpfen, erlitt einen schweren Autounfall, verzweifelte an seinem Ruhm und wurde von Fans terrorisiert.

 

Nicht selten taucht der Berufsstand des Autors in seinen Geschichten auf, die oft in ländlicher Gegend spielen, in verschlafenen kleinen Ortschaften, aus denen auch King stammte und immer noch lebt. Oft ist der Bundesstaat Maine Schauplatz seiner Geschichten. In Büchern und Filmen fungiert Maine als king’sches Symbol, genau wie die fiktiven Orte Castle Rock, Derry und Jerusalems Lot.

 

 

 

So trifft man in Kings Geschichten immer wieder auf vertraute Elemente, nicht nur in wiederkehrenden Figuren, Namen und Orten. Kings Horror geht trotz der rohbeinigen Verankerung in der Realität auch tief psychologische Wege. Die Figuren in seinen Geschichten kämpfen gegen einen freudschen Dualismus in ihrer Psyche und gegen eine Vielzahl innerer Dämonen.

 

Kings Geschichten enden oft bitter und pessimistisch, aber King hat auch einen vorzüglichen Humor, wenn auch er pechschwarz daherkommt. Das Böse bleibt in Kings Geschichten immer anwesend, auch über das Ende einer Geschichte hinaus. Traditionen und Mythen, aus denen sich andere Geschichten speisen, bei King sind sie das eherne Böse selbst, allgegenwärtig, lauernd, unberechenbar.

 

Obgleich tiefenpsychologisch sehr viel in Geschichten von Stephen King innewohnt, sind sie strukturell oft geradlinig, nahezu filmisch. Das liegt zum Teil an Kings Schreibweise, die einfach, roh und sehr visuell ist. King ist klassischer Geschichtenerzähler und vor allem deshalb sind seine Geschichten als Film so gut adaptierbar. Doch der Teufel steckt im Detai und so gab es so manche Kontroversen unter Fans und mit dem King of Horror selbst.

 

 

„All work and no play makes Jack a dull boy“

 

Kings Horror kommt aus dem Bauch. Probleme mit seiner filmischen Interpretation gab es immer dann, wenn der Horror zu verkopft adaptiert und zu stark stilisiert oder symbolisiert wurde. Gleich zu Beginn seiner Buch- und Filmkarriere passierte das King mit der Verfilmung von “The Shining”, der 1980 von Stanley Kubrick unter dem Titel SHINING verfilmt wurde.

 

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SHINING ist einer der Horrorfilmklassiker schlechthin. King ließ seinerzeit allerdings kaum ein gutes Haar an Kubricks Verfilmung. Seine Kritik galt vor allem dem Weglassen von psychologischen Motiven zugunsten von visuellem Thrill und einer Mehrfachdeutung der Geschehnisse. Er war unzufrieden mit Nicholsons und Duvalls Interpretation ihrer Figuren. King mag seine Kritik in der Interpretation sehen, die Fans des Autoren beschweren sich zu großen Teilen allgemein über mangelnde Werkstreue, die gar nicht allein King trifft, sondern im Grunde alle filmischen Adaptionen von Büchern.

 

Die Diskussion darüber ist schon sehr alt und immer noch aktuell, obgleich sich ein Verständnis dafür entwickelt hat, dass die Medien Buch und Film unterschiedliche Akzente setzen, die sich allein durch das geschriebene Wort und das gefilmte Bild ergeben. Diese Kritik aber ist tiefer verwurzelt als man annimmt. Denn jeder Leser adaptiert Kings Geschichten in seinem Kopf selbst in Bilder, automatisch. Diskrepanzen sind somit vorprogrammiert, wenn ein Individuum wie Kubrick seine Interpretation auf Zelluloid bannt und die vor allem gefühlsmäßig abweichen muss.

 

Denn eigentlich ist es so, dass Verfilmungen von King durchaus werksgetreu einzustufen sind, sieht man es nur von Seiten der Story. Da King aber so erfolgreich ist und seine Fans emotional tief mit seinen Werken verwurzelt sind, hat es streng genommen gar nichts mit Werkstreue an sich zu tun. King hat ein großes Talent, Bilder im Kopf und Stimmungen im Bauch zu erzeugen. Die sind bei jedem anders und so gibt es nicht wenige, die King Verfilmungen grundsätzlich ablehnen, um diese Stimmungen zu bewahren.

 

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Andersherum ist es vielleicht sogar so, dass wenn man zuerst eine King Verfilmung sieht und dann das Buch liest, eine solche emotionale Prägung ebenfalls verhindert, das Buch mit dem inneren Auge neu entstehen zu lassen.

 

Wer allerdings frei von solchen emotionalen Formatvorlagen ist, kann durchaus Gefallen an beiden Medien haben, sie differenzierter betrachten oder filmische Entscheidungen gegen die Buchvorlage sogar für Gut heißen. Die Kritik betrifft ohnehin hauptsächlich Kings Romane, bei der Umsetzungen seiner zahlreichen Kurzgeschichten ist die Fangemeinde oft gnädiger in der Rezeption.

 

“The Shining” wurde 1997 ein weiteres Mal verfilmt, diesmal schrieb King selbst das Drehbuch für den vierstündigen Fernsehfilm, der von Mick Garris werksgetreu und eher konventionell verfilmt wurde. Bei Fans allerdings kam auch diese Version nicht gut an, was die Unmöglichkeit belegt, aus einem Buch von Stephen King das zu machen, was man selbst beim Lesen fühlte. Das begriff auch Stephen King und die Regisseure seines Werkes, sie sind fast alle von konventioneller Erzählweise geprägt sind und freiere Interpretationen oder gar Experimentelles sind eher Mangelware.

 

THE SHINING (1997) war weniger Metapher als Kubricks Interpretation des Buches.

ES trifft oft der Vorwurf der Werksuntreue bei King-Verfilmungen. Trotzdem gehört der Fernsehfilm aus dem Jahr 1990 mit Tim Curry zu den besten Adaptionen Kings.

 

SHINING war somit eher ein Einzelfall unter den King Verfilmungen. Was nicht heißt, dass es keine Unterschiede zwischen den Büchern und Filmen gibt, nur liegt da der Fokus eher auf Straffung oder dem Weglassen von Teilen der Geschichte oder Figuren, weniger im interpretatorischen Bereich.

 

Aus diesem Grund sind Kings Bücher auch so wunderbar für das Fernsehen adaptierbar. In Zeiten vor der Serienrevolution waren das vornehmlich Fernsehfilme oder Mehrteiler, Serien nach Geschichten von Stephen King gibt es noch gar nicht so lang. Im Gegensatz zu anderen Horrorfilmen, die stärker von der inszenatorischen Wirkung lebten (Slasher, Home Invasion, Horrorwesen, Survial), waren King-Verfilmungen von Story und Figuren getrieben, ähnlich dem Subgenre Mystery.

 

Trotzdem sind King-Verfilmungen echte Horrorfilme, der Horror entsteht im Gegensatz zur Mystery im Hier und Jetzt der laufenden Geschichte und speist sich nicht aus der zurückliegenden Legende, die im Mysteryfilm dezentere Auswirkungen auf das Hier und Jetzt der Geschichte und Figuren hat. Weil sie so stark storydriven sind, fallen King Verfilmungen aus dem 90-Minuten-Rahmen unzähliger anderer Horrorfilme. Filme nach King gehen selten unter zwei Stunden, manche sogar vier oder fünf.

 

 

THE GREEN MILE (1999) verbindet Drama, Mystery und Horror.

Wenngleich sich Bücher von King und ihre Verfilmungen seit 1976 Hand in Hand durch die jüngere Filmgeschichte hangeln, eine retrospektive Analyse über die Jahrzehnte ist nicht so interessant wie bei anderen Subgenres. King und Horror sind in gewisser Weise filmische Konstanten. Die Filme wurden durch die Effektrevolution nicht besser oder schlechter, sie haben nie am Gewaltwettrennen anderer Subgenres teilgenommen, sind eher wie eine kleine Insel und blieben sich in den Jahrzehnten inszenatorisch treu. Der Horrorfilm drum herum wurde erzählerisch dagegen dichter, kompakter, visueller und symbolischer.

 

 

Kings Werk kann man auch dahingehend unterteilen, ob er für seine Geschichten übernatürliche Elemente benutzt oder nicht. Obgleich sie einen ähnlich hohen Wirkungsgrad besitzen, kommen die Geschichten wie CUJO, MISERY oder DER MUSTERSCHÜLER ohne phantastische Elemente aus und spiegeln dennoch aus Urängsten geborenen Horror.

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Daneben wurden vor allem in den 90er und 2000er Jahren Geschichten von King als Dramen verfilmt, darunter DIE VERURTEILTEN, DOLORES, THE GREEN MILE oder HEARTS IN ATLANTIS. In dieser Zeit und in dieser Nische ist King über dem kommerziellen Erfolg auch ein Kritikerliebling geworden. DIE VERURTEILTEN, nach der Kurzgeschichte “Pin Up” (Hope Springs Eternal: Rita Hayworth and Shawshank Redemption) rangiert in diversen Listen sogar als bester Film aller Zeiten.

 

 

Stephen Kings “Haßliebe”

 

Eine Reise durch 40 Jahre King Verfilmungen ist auch die Geschichte der großen Regisseure, nicht nur der Horrorregisseure. Die besten ihrer Zunft haben King filmisch interpretiert, darunter Brian De Palma, Tobe Hooper , Mark L. Lester, Stanley Kubrick , George A. Romero , David Cronenberg, John Carpenter, Rob Reiner, Bryan Singer, Tom Holland, Lawrence Kasdan und Taylor Hackford.

 

Mick Garris, Tobe Hooper, Stephen King & Clive Barker am Set von SLEEPWALKERS (1992)

Frank Darabont, Stephen King & Tom Hanks am Set von THE GREEN MILE (1999)

 

Herauszuheben sind aber vor allem Frank Darabont (DIE VERURTEILTEN, THE GREEN MILE, DER NEBEL) und Mick Garris (SCHLAFWANDLER, THE STAND, THE SHINING 1997, QUICKSILVER HIGHWASY, DESPERATION, RIDING THE BULLET und BAG OF BONES). Beide zählen zu Kings Freunden und Wegbegleitern, während Darabont King für die übergroße Leinwand adaptierte und damit unzählige Filmpreise gewann, machte sich Garris einen Namen als traditioneller Fernsehfilmprofi.

 

 

Stephen King Cameos: CREEPSHOW (1982), THINNER (1996), MAXIMUM OVERDRIVE (1986), SLEEPWALKERS (1992), THE SHINING (1997), PET SEMETARY (1989)

Darüber hinaus gibt es aber kaum zwei gleiche Meinungen über King Verfilmungen. Einige behaupten, sämtliche Filme nach King seien billiger Schrott, andere beschweren sich über mangelnde Werkstreue, wieder andere heben SHINING oder DIE VERURTEILTEN in den Filmolymp. King trifft jeden anders. Für mich persönlich war King im Film eine der frühsten Bewährungsproben im Horrorgenre.

 

Ich habe nur wenige Romane gelesen wie “Es” und “Friedhof der Kuscheltiere”, erst seit kurzem arbeite ich mich durch sein unverfilmtes Kurzgeschichtenwerk. Filme, insbesondere King Verfilmungen, haben mich schon immer weit mehr angezogen wie verängstigt. Ich kann nicht mal sagen, dass ich ihn geliebt habe, durch drei Filme habe ich King eher gehasst und drei denkwürdige Szenen lassen mich noch heute frösteln. Sie sind ein Beweis für die Wirkungweise jener Horror-Urängste, die Stephen King in seinen Horrorgeschichten heraufbeschwört.

 

FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE (1989)

Dazu gehören SHINING (die Szene, in der die tote Frau aus der Badewanne steigt), CUJO (der Asthma-Anfall von Tad im Auto) und FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE (die Rückblende um Zelda, die an Multipler Sklerose erkrankt ist und in einer Kammer vor sich hinvegetiert). Ich habe seinerzeit nicht die Regisseure für ihre filmische Umsetzung gehasst, nein, ich habe King gehasst. Aber irgendwie auch dafür geliebt. So ist es heute für mich eher unmöglich, King Verfilmungen gleichzeitig objektiv und subjektiv zu betrachten.

 

 

 

 

“Schund, aber kein übler Schund”

 

Ich bin eher erstaunt, dass meine persönlichen Lieblingsfilme nach Stephen King stark von den üblichen Verdächtigen wie SHINING oder DIE VERURTEILTEN (die ich aber trotzdem ungemein schätze) abweichen. Jeder Fan von Stephen King wird das anders sehen und das ist ja auch richtig so. Trotzdem lade ich euch ein in meine persönliche Hitliste der besten King-Filme.

 

 

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Charles Brady und seine Mutter haben sich gerade frisch im Bundesstaat Indiana niedergelassen, da turtelt der adrette Blondschopf auch gleich mit der Kartenverkäuferin im Kino an. Die Romanze wird von Bradys Mutter argwöhnisch beäugt, denn sie selbst verbindet ein inzestuöses Verhältnis zu ihrem Sohn. Doch das geht schon in Ordnung, denn beide sind gar keine Menschen, sondern Schlafwandler, die sich in Werkatzen verwandeln können, telepathische Fähigkeiten haben und dringend die Seelen von Jungfrauen benötigen, um zu überleben. Als Tanja aus dem Kino dahinterkommt, ist der Teufel los. Zum Glück erhält sie Schutz von herumstreunenden Katzen, den Todfeinden der Sleepwalkers.

 

Mädchen Amik und Brian Krause in SLEEPWALKERS (1992)

 

Bei SLEEPWALKERS handelt es sich ausnahmsweise nicht um eine echte King-Adaption, Stephen Kings Vorlage zu seinem ersten Originaldrehbuch wurde vom Meister nie veröffentlicht. Und ehrlich gesagt handelt es sich bei SLEEPWALKERS auch noch nicht einmal um einen besonders gelungenen Horrorfilm. Die erste Hälfte ist schmalzig, dann dreht es sich plötzlich und wird zu einem öden Gemetzel. Was mir aber noch heute gefällt sind die Stimmung und die Kleinigkeiten. Mädchen Amik aus TWIN PEAKS ist zuckersüß, Ron Perlman, Clive Barker, Tobe Hooper, Joe Dante, John Landis und Mark Hamill haben coole Cameos und der Titelsong “Boadicea” von Enya geht mächtig unter die Haut.

 

 

 

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Der Anwalt Billy Halleck fährt eines Nachts beim Oralverkehr eine alte Zigeunerfrau an. Die klagt, aber der windige Anwalt kommt dank Beziehungen straffrei davon. Noch auf den Treppenstufen des Gerichts verflucht die alte Zigeunerin den Anwalt mit einem Fluch. Der setzt zuerst behutsam ein, der übergewichtige Billy verliert ein paar Pfunde und fühlt sich pudelwohl. Doch die aufgezwungene Diät zehrt alsbald an den Kräften und als Billy erfährt, dass es auch den Richter und den Polizeichef erwischt hat, die in das Komplott gegen die Zigeunerin verwickelt waren, bricht Panik aus. Billy will den Fluch so schnell wie möglich wieder los werden, bevor er qualvoll als Gerippe verendet.

 

Robert John Burke in THINNER (1996)

THINNER, nach dem Roman “Der Fluch”, den King unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht hat, ist ein ziemlich witziger und makabrer Horrorfilm mit einem glänzenden Robert John Burke in der Hauptrolle. Die Sachen, die King unter dem Namen Bachmann geschrieben hat, waren noch eine Spur düsterer als der Rest, so aber nicht “Der Fluch”, weswegen es 1985 zur Enttarnung des Pseudonyms und großer Aufregung kam. Leider baut der Film auf Ende hin auch etwas ab, ist aber immer noch ein leckerer Horrorhappen von 88 Minuten.

 

 

 

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Dolores Clairborne wird beschuldigt, nach jahrzehntelanger Pflege ihre bettlägerige Arbeitgeberin Vera ermordet zu haben, die die Treppe hinabstürzte. Ermittlungen werden aufgenommen und weisen Ähnlichkeiten zu einem unnatürlichen Todesfall von vor 20 Jahren an Dolores Ehemann auf. Detective John Mackey will nun endlich Dolores beider Morde überführen, die jedoch ist ungemein schlagfertig. Als Dolores Tochter nach langer Zeit ihre Mutter während des Prozesses besucht, reißt das die Wunden der Vergangenheit auf und Dinge, die vor 20 Jahren passiert sind, erscheinen in einem neuen Licht.

 

Kathy Bates in DOLORES CLAIRBORNE (1995)

DOLORES entstand ein Jahr vor THINNER, die King-Verfilmungen könnten aber nicht unterschiedlicher sein. DOLORES war nach STAND BY ME, MISERY und DIE VERURTEILTEN eine weitere Verfilmung eines Werkes von King, welches keine übernatürlichen Ereignisse thematisierte und kein Horrorfilm, sondern ein Thriller-Drama war. Ein Drama ist der Film aber überhaupt nicht, dank der großartigen Kathy Bates, die für die King Adaption MISERY einen OSCAR bekam und der beklemmenden Atmosphäre, die vor allem durch die dichte, magnetische Erzählweise geschürt wird. Ein unglaublich schöner, aber auch aufwühlender Film.

 

 

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Der Bernhardiner Cujo, der in der abgelegenen Autowerkstatt von Joe und Charity lebt, wird von einer Fledermaus gebissen und mit Tollwut infiziert. Nachdem die Krankheit ausbricht, wird Joe das erste Opfer des einst lieben Hündchens. Nach kurzer Zeit kommt Kundschaft in die Autowerkstatt, es ist Donna und ihr Sohn Tad, die ihren kaputten Wagen reparieren lassen wollen. Doch sie finden den Inhaber tot vor und Cujo attackiert Donna und Tad, die sich in ihrem Auto vor dem tollwütigen Tier verschanzen. Die Sonne brennt und nach zwei Tagen droht Tad zu erdursten. So müssen sich beide dem Tier stellen und versuchen, es zu überwältigen.

 

Dee Wallace-Stone und Danny Pintauro in CUJO (1983)

CUJO (1983) ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von King aus dem Jahr 1981. Er ist neben DER WEISSE HAI nicht nur ein Klassiker des Tierhorrors, sondern auch ein beklemmender Thriller, der seine Wirkung über die Jahre nicht verloren hat. CUJO war auch einer der ersten Horrorfilme, die ich sah und er hat mich in der Szene um den erstickenden Tad völlig verstört. Dabei ist die Filmfassung noch gnädig gewesen, im Buch überlebt er nämlich nicht, was seinerzeit eine Kontroverse auslöste.

 

 

 

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Ein Fremder namens Leland Gaunt kommt in die Kleinstadt Castle Rock und eröffnet einen Laden. Was er darin feilbietet, ist ungewöhnlich. Gaunt besitzt alles, was sich die Bewohner von Castle Rock schon immer sehnlichst gewünscht haben. Sei es eine Baseball-Karte oder die Heilung von Arthritis, bei Gaunt kann man alles bekommen. Aber alles hat seinen Preis. Gaunt verlangt kein Geld, sondern kleine Gefälligkeiten oder Streiche an den Bewohnern der Stadt. Alsbald entsteht ein Netz aus Intrigen und Anfeindungen, die ganze Stadt hat sich gegeneinander aufgebracht. Oder war es der Teufel selbst?

 

Max von Sydow in NEEFUL THINGS (1993)

NEEDFUL THINGS ist mein absoluter Lieblingsking. Es ist eine großartige Geschichte mit vielen kleinen Geschichten darin, toller Besetzung (Max von Sydow, Ed Harris) der Film ist schaurig wie bitterböse witzig. Von NEEDFUL THINGS gibt es sogar eine knapp dreistündige Langfassung, das Ende aber weicht in beiden Fällen von der Romanvorlage ab. Am meisten begeistert mich aber die Szene mit der musikalischen Untermalung durch Edward Griegs “In the hall of the mountain king”.

 

 

 

 

“Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen”

 

Seit vierzig Jahren bestimmt Stephen King nun auch den Horrorfilm. Mittlerweile sind die sogenannten 2000er Jahre zu lang, um als ein Jahrzehnt betrachtet zu werden. Erzählerisch hat sich der Film zwischen 2000 und 2016 nochmal mächtig weiterentwickelt und damit auch King Verfilmungen. Eins aber haben King Verfilmungen nie gemacht, nämlich irgendeinem Trend hinterhergerannt. Wenn auch neuere Filme wie DER NEBEL oder ZIMMER 1408 inszenatorisch straffer und moderner daherkommen, erzählerisch bleiben sie typisch King.

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Nur einen Trend nahm King mit, den überfälligen Einstieg ins Fernsehseriengeschäft. Fürs Fernsehen selbst war King schon oft tätig, nur das Format war ein anderes. Bereits 1979 produzierte Warner Bros. Television “Salems Lot” als Miniserie. Bis in die Neunziger Jahre folgten viele solche Mehrteiler und überlange Fernsehfilme, die später auf Video vertrieben wurden. Auf Kings Geschichten basierten Episoden der Serien TALES FROM THE DARKSIDE, TWILIGHT ZONE und OUTER LIMITS, King schrieb zudem eine Episode für die Serie AKTE X.

 

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Da seit ein paar Jahren Serien mit komplexen Figurenkonstellationen und Mystery im TV gut funktionieren, war es nur eine Frage der Zeit bis zur ersten echten King Serie. Wie bei Spielfilmen auch scheiden sich da die Geister, trotz der Möglichkeit für expansives Erzählen gab es auch hier dramaturgisch notwendige wie nicht nachvollziehbare Änderungen an Plot und Figuren. UNDER THE DOME wandelt sich wüst nach anfänglich interessanter Ausgangslage, auch mit 22.11.63 – DER ANSCHLAG wurde ich nicht richtig warm. Da gefielen mir BAG OF BONES von Mick Garris und KINGDOM HOSPITAL irgendwie noch am Besten.

 

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Aber King ist noch immer in aller Munde. Bereits früh in seiner Karriere wurde King mit Bittbriefen junger, mittelloser Filmemacher überhäuft, die um die Filmrechte von Kurzgeschichten baten. King bietet seitdem bis heute jungen Filmemachern die Rechte an seinen Kurzgeschichten für 1 Dollar an, nur kommerziell ausgewertet werden darf der Film dann nicht.

 

IN THE DEATHROOM von Milos Savic (2012)

Für die Vita und Dank der Strahlkraft des Namens King aber eine fantastische Möglichkeit für junge Regisseure. Auch der coole GENRENALE2-Beitrag IN THE DEATHROOM von Milos Savic ist über dieses Modell entstanden. Zudem ist King weiterhin fleißig, überhaupt, Stephen King ist ein unglaublich sympathischer Typ, dem man in Interviews gern zuhört, weil er überaus klug, charmant und witzig ist.

 

 

 

Es wird neue King Verfilmungen geben, wie auch alte Sachen neu interpretiert werden. Der Beweis dafür ist das Filmjahr 2017, in dem fünf Kingverfilmungen mehr oder minder für Furore sorgten. Die Neuverfilmung von ES mit Bill Skarsgård als Pennywise spielte weltweit bislang 600 Millionen Dollar ein. Dagegen fiel die zu stark komprimierte Adaption von THE DARK TOWER bei den Fans durch. Während DER NEBEL als Miniserie umgesetzt wurde, schnappte sich Netflix die Rechte an zwei King Stories und adaptierte sie zu zwei gelungenen Filmen – GERALDS GAME und 1922. Stephen King ist nach wie vor omnipräsent.

 

 

Königsjahr 2017: STEPHEN KINGS IT, THE DARK TOWER, GERALDS GAME, DER NEBEL & 1922

 

Zudem halten ein paar interessante Filmemacher noch die Rechte an King Stoffen, haben aber einfach noch keine Zeit oder Muße gefunden, diese anzugehen (zB. Frank Darabont “Der Affe” aus “Der Fornit”). Es bleibt also spannend innerhalb des zum Mensch gewordenen Subgenres Stephen King. Was ist Eure Meinung über Stephen King Filme, was sind Eure Lieblinge, welche sind gar besser als die Vorlagen und welche unveröffentlichte King Story würdet ihr gern verfilmt sehen? Schreibt es in den Kommentarbereich! Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: “Zwischen Rhein und Mosel”.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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7 Comments

  1. Antworten

    […] das allemal. Nur muss die Neuverfilmung nun auch wirklich was taugen, das ist ja bei Adaptionen von Stephen King immer eine Art Glücksspiel, THE DARK TOWER beispielsweise war ein richtiger […]

  2. Antworten

    […] mit dem so keiner gerechnet hatte und den nun jeder sehen wollte. Und das, obwohl es sich um eine Kingverfilmung, ein Remake und das Zweitwerk des umstrittenen Regisseurs Andrés Muschietti (MAMA) […]

  3. Antworten

    […] bar jeder Erotik, nur dem animalischen Trieb und Durst nach Blut folgend, traf man zudem in der Stephen King Adaption BRENNEN MUSS SALEM und später in der gelungenen Graphic Novell Adaption 30 DAYS OF NIGHTS. Auch […]

  4. Antworten

    […] die Horror-Anthologie noch eine Daseinsberechtigung. Viel wurde adaptiert in den Jahrzehnten, Poe, King, Lovecraft. Heute dient der immer noch boomende Horror-Anthologiefilm vor allem jungen Filmemachern […]

  5. Antworten

    […] Einer meiner Lieblingstierhorrorfilme, und auch einer der dramaturgisch knackigsten, ist die Stephen King Verfilmung CUJO. Sie fügt der Bedrohung durch einen tollwütigen Bernhardiner zwei weitere hinzu: Isolation […]

  6. Antworten

    […] nicht so ganz, aber immer noch brauchbar, THE DARK TOWER hingegen ein richtiger Vollflopp. Aber King Verfilmungen scheinen immer noch zu ziehen beim […]

  7. Antworten

    […] Filmkunst hatte. Die Geschichten eines H. P. Lovecraft waren eine obskure Nische der Phantastik, Stephen King hingegen veränderte den zeitgenössischen US-amerikanischen Horrorfilm grundlegend. Doch nun, edle […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de