Die kleine Genrefibel Teil 39: Tod & Teufel

Starren, Schauern, Schrecken, Grausen oder schlicht und lateinisch: Horror! Keine Sparte des phantastischen Films verzweigt sich in so viele unterschiedliche Subgenres wie der Horrorfilm. Warum ist das so? Ist der Mensch von Ängsten und Schrecken nur so umzingelt, dass er sich seit knapp 130 Jahren filmischen Schaffens daran abarbeitet? Die großen klassischen Horrorthemen, sie haben sich kaum verändert in dieser Zeitspanne. Noch immer wuseln Vampire, Werwölfe und Zombies über die Kinoleinwände und verbreiten mehr oder minder Panik in den Zuschauerreihen.

 

Neue Sparten sind hinzu gekommen, Slasher, Torture Porn, Found Footage Filme, sie haben alle eins gemeinsam, sie beziehen sich auf menschliche Urängste. Doch welches Thema könnte grundsätzlicher für das Verständnis des Horrorfilms sein, als die Angst vor dem Tod und dem Teufel. Wir blicken heute in eine Welt des Grauens, welche die Menschheit seit ihrem Anbeginn begleitet hat – die Furcht vor dem Tod und dem, was danach kommt – Glückseligkeit im Himmel oder Verdammnis in der Hölle.

 

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Bleiben wir vorerst beim Genrebegriff. In dieser Folge beschäftigen wir uns mit der Personifizierung des Todes und des Teufels, nur sind das wieder weniger geläufige Subgenrebezeichnungen. Jene Themen gehören in das große Gebiet des Okkulthorrorfilms. Occultus, der lateinische Begriff für verborgen, verdeckt oder geheim bezeichnet eine ganze Reihe von unerklärlichen, übersinnlichen, spirituellen und mystischen Dingen. Das klingt relativ unscharf, denn damit könnte man alles mögliche übernatürliche meinen, Zombies, Werwölfe und Geister, doch okkulter Horror im Film grenzt das dann doch noch etwas enger ein.

 

Man kennt am ehesten noch den Begriff okkulte Künste oder Wissenschaften, darunter zählen Astrologie, Alchemie und Magie. Doch dieser Zweig, der grundsätzlich den Naturwissenschaften zugeordnet werden kann, ist nur ein kleiner. Okkultismus speist sich auch stark aus der Philosophie, der Theologie und der Esoterik. Während eine scharfe Abgrenzung im Bereich der Natur- oder Geisteswissenschaften schwer fällt, im Horrorfilm kann man da schon klarere Linien ziehen. Okkulthorrorfilme sind Filme über Hexerei, Magie, Geister und paranormale Erscheinungen, Voodoo, zu dem auch der Zombiemythos gehört, und biblischer Horror.

 

 

 

 

In der kleinen Genrefibel hatten wir bereits mit Teil 7: Böse Kinder einen kleinen Ausflug in dieses Gebiet unternommen. Denn auch Besessenheit gehört in diesen Bereich, folgerichtig auch Filme über Dämonen und Exorzismus. Letzteres würde auch gut in diese Folge passen, denn nicht selten sind jene Probanden, die einen Exorzismus benötigen, vom Teufel besessen. Doch das Thema Exorzismus behandeln wir ein anderes mal, denn einerseits kann man nicht nur vom Teufel, sondern von jedweder Dämonenart besessen sein, zum anderen ist das Thema im Film einfach zu speziell, um es hier mit reinzuquetschen. Mal schauen, für Folge 666 hab ich noch Luft, da machen wir das vielleicht. Heute geht es viel mehr um die Personifizierung des Todes und des Teufels. Fangen wir mit erstmal mit dem Fürsten der Hölle an, dem Teufel im Film.

 

 

Vom Herrn der Fliegen

 

Der Teufel gilt als der Benz unter den Schreckensherrschern, entgegen dem Irrglauben in jedweder Religion, nicht nur im Christentum. Der Begriff Teufel entstammt dem griechischen Wort Diábolos und bedeutet Durcheinanderwerfer, Verwirrer oder Verleumder. Der Teufel wird als Symbol des Bösen und der Lügen angesehen, ist aber auch Verführer und Versucher.

 

In der christlichen Religion wird er auch als Satan oder Luzifer bezeichnet und war ein gefallener Engel, der gegen Gott rebellierte und aus dem Himmelreich verbannt wurde. Dem Teufel wurde zugeschrieben, Eva durch eine Schlange im Garten Eden dazu verführt zu haben, vom Apfel am Baum der Erkenntnis zu naschen. So kennen wir ihn, den Teufel, Satan, Beelzebub, Belial, Azazel, Baphomet, Luzifer, oder Mephistopheles, er hat viele Bezeichnungen und sein Auftreten verheißt nichts Gutes für den armen kleinen Menschen, der schwach ist und sich nur allzu gern verführen lässt.

Der Höllensturz des gefallenen Engels, satanistische Pentagramme, Daniel Dafoes The Political History of the Devilvon 1726, Darstellung des Teufels von Jacob de Backer

 

Aber der Teufel kommt auch im Islam vor, dort nennt man ihn Iblis, einen Schaitan, der sich Allah widersetzte. Im Buddhismus hingegen kennt man den Teufel unter dem Namen Mara. Jedwede Religion hat ihren eigenen Teufel und eins ist immer gleich – er steht für das Böse. Seine Gestalt hingegen, wie wir sie heute kennen, entstammt eher heidnischen Göttern wie etwa dem griechischen Gott Pan, der behaart war und einen Pferdefuß besaß, Widderhörner, einen Schwanz und dem ein übler Geruch nachgesagt wurde.

 

Doch der Teufel konnte genauso gut menschliche Gestalt annehmen, was er in der Literatur als die Figur Mephistopheles tat, sowohl unter Christopher Marlowe, Shakespeare, Goethe und Klaus Mann. Wann aber eroberte der Teufel die Kinoleinwand?

 

 

Auf Deiwel komm raus

 

Es scheint mit dem Teufel zuzugehen, aber der erste amtliche Film aus dem Jahre 1896 war gleichzeitig der erste Horrorfilm war gleichzeitig der erste Film über den Teufel . Georges Méliès inszenierte im Jahr 1896 den Film LA MANOIR DU DIABLE, auch bekannt unter THE HOUSE OF THE DEVIL, in dem der Filmpionier selbst die Rolle des Mephistopheles spielte. Auch LE DIABLE AU COUVENT aus dem Jahr 1899 thematisierte den Teufel und wieder inszenierte und mimte ihm Georges Méliès.

 

Sollte der Teufel also selbst den Film erfunden haben, um die Menschheit zu narren? Man weiß es nicht. Diese beiden ersten 3-Minüter sollten aber nur der Auftakt für teuflische Kinoauftritte sein, denn sowohl beim Film als auch im Theater ist die Darstellung des Teufels eine begehrte Herausforderung für Schauspieler. Anfangs trug der Höllenfürst noch eine Hornkappe und einen Dreizack aus Pappe, später wurden seine Darstellungen vielschichtiger. In den meisten Filmen über den Teufel geht es weniger um sein Treiben als um das Widerstehen des Menschen vor seinen Verführungskünsten. Eine klassische Protagonist-Antagonist Geschichte, die zu einem dramaturgischen Fundament wurde.

 

Gustaf Gründgens als Mephistopheles in FAUST (1960)

Im Film ist der Teufel weniger ein herrschsüchtiges Höllenwesen, auch ist er selten der biblische gefallene Engel, er ist ein Verführer und ein Spieler. Bereits Mephistopheles in Goethes “Faust” hatte mit Gott eine Wette am Laufen, den titelgebenden Doktor zu verführen und somit Gott zu widersprechen. Der Teufel ist und war schon immer ein rechthaberischer Gesell, der mit gezinkten Karten spielte. In THE DEVIL AND DANIEL WEBSTER aus dem Jahr 1941 kommt es erstmals zu einem der grundlegendsten Spielzüge des Satans, das Versprechen und der Tauschhandel. Der mittellose Farmer Daniel Webster verkauft seine Seele gegen einen Batzen Geld, mit dem er einen Kredit zahlen kann. Nach sieben Jahren des Wohlstandes fordert der Teufel seinen Anteil ein.

 

Doch ein richtiger Teufel weiß auch seinen Einsatz zu verdoppeln und so schlägt er dem bettelenden Webster ein weiteres Geschäft vor, welches als Pfand nun die Seele seines Sohnes beinhaltet. Der sogenannte “Deal with the Devil” ist ein beliebter Plot, der seit dem häufig aufgerollt wurde. Ihm erlagen Schauspieler, Sänger, Börsenmakler, Anwälte. Im Gegensatz zu Vampiren und Werwölfen, gegen die man kaum was machen kann außer grober Gewalt, sind Filme und Geschichten um den Teufel und einen Pakt auch immer voll bittersüßer Ironie, denn meist ist es der Held, der Protagonist, der in einer schwachen Stunde selbst sein Urteil unterzeichnet – bestenfalls mit Blut, aber der Teufel gibt sich auch mit einem ordentlichen Händedruck zufrieden.

 

THE DEVIL WITH HITLER (1942) mit Satan (Alan Mowbray) und Adolf Hitler (Bobby Watson)

Eine größere Dimension hatten in den vierziger Jahren Filme, die sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland unter Hitler auseinandersetzten, der zweifelsohne als die Inkarnation des Bösen schlechthin galt.

 

Der Film THE DEVIL WITH HITLER von 1942 ist eine Groteske, eigentlich gar eine hirnverbrannte Komödie, in der der Teufel Hitlers Platz einnimmt. Die Symbolik hingegen war eine gämzlich andere, Hitler und der Teufel, das passte hervorragend in filmische Propaganda. In eine ähnliche Richtung zielte der Film INFLATION, ebenfalls aus dem Jahr 1942, in dem Hitler mit dem Teufel zusammen Amerika in eine Inflation trieb.

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Die beiden Streifen sind in der Filmografie des Teufels sicherlich obskure Ausnahmen, denn für gewöhnlich führte der Teufel gern ganz normale Menschlein in Versuchung, wie Eddie Kagle in dem Noir-Klassiker ANGEL ON MY SHOULDER aus dem Jahr 1946. Nach dessen Ermordung bekommt er vom Teufel das Angebot, auf Erden zurückzukehren, um seinen Mord zu rächen. Per Gegenleistung, versteht sich.

 

Die ersten Filme über einen personifizierten Teufel hatten alle eins gemeinsam, sie waren eigentlich Komödien, weniger Horrorfilme. Warum man sich dem Teufel eher auf dieser Schiene näherte, lag wohl daran, dass man dem Grauen gern mit Witz begegnete. Der Teufel betrat die Bühne des Horrorfilms erst in den späten sechziger Jahren, als okkulter Horror salonfähig wurde.

 

 

Teufels Brut

 

Am schaurigsten ist die Darstellung des Teufels immer dann, wenn er im Hintergrund auftritt. Denn der Teufel zeigt selten sein wahres Gesicht, er verbirgt sich und manchmal müssen rechtschaffene Helden seine Ankunft überhaupt erst verhindern. Ein Klassiker des Okkulthorrorfilms ist ROSEMARIES BABY von Roman Polanski aus dem Jahr 1968.

 

Die Titelheldin Rosemarie Woodhouse zieht mit ihrem Ehemann in ein neues Appartement und wird alsbald schwanger, während um sie herum mysteriöse Dinge geschehen, Menschen sterben und sie von unheilvollen Visionen geplagt wird. Bald steht fest, Rosemarie trägt wohl das Kind des Teufels aus.

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In DAS OMEN von 1976 gebiert Katherine Thorn am sechsten Tag des sechsten Monats um sechs Uhr ein Kind – kein gutes Zeichen, denn die Zahl 666 steht für den Teufel, warum, das weiß wohl nur ein gewisser Johannes, in dessen Offenbarung diese Zahl das erste Mal auftaucht. Aus dem kleinen Damien Thorn wird wohl einmal der Antichrist werden, so viel steht fest. Der Antichrist ist mitnichten der Teufel selbst, eher seine Ausgeburt und wohl das Gegenstück zu Jesus, dem Sohn Gottes. Neben dem Antichrist sind es in den siebziger Jahren häufig vom Teufel besessene Menschen wie in DER EXORZIST, die den Machtanspruch Satans auf Erden symbolisieren. Wichtig ist, solche Kinder oder Besessene sollten schleunigst von dem teuflischen Einfluss befreit werden, entweder durch einen Exorzismus oder durch schnöden Mord. Zum Wohle der Menschheit, versteht sich.

 

ANGEL HEART (1987) mit Mickey Rourke, Lisa Bonet und Robert De Niro als Louis Cypher

Während in den achtziger Jahren so ziemlich alles im Horrorfilm durchgekaut wurde, ist es bemerkenswert, dass der Teufel nur einen ernst zu nehmenden Auftritt auf der Kinoleinwand hingelegt hat. Der aber hatte es in sich, denn er ist bis heute wohl der größte Teufelsklassiker schlechthin – ANGEL HEART von Alan Parker. Dort bekommt der Privatdetektiv Harry Angel (hui ui ui) den Auftrag, einen verschollenen Schnulzensänger ausfindig zu machen, der seinem Auftraggeber Louis Cypher (Doppel-Hui ui ui) etwas schuldet. Natürlich verbirgt sich hinter Louis Cypher Luzifer und hinter Harry Angel der gesuchte Betrüger, der einst seine Seele dem Teufel verkauft hatte, um erfolgreich zu werden. Durch ein okkultes Ritual hatte er sich einen neuen Körper und Geist verschafft, den von Angel, um den Teufel auszutricksen. Aber einen Teufel trickst man nicht so leicht aus, erst recht nicht, wenn er von Robert De Niro dargestellt wird.

 

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Seit ANGEL HEART ist die diabolische Darstellung des Höllenfürsten eine Königsdisziplin im Schaustellergewerk. Al Pacino mimte ihn in IM AUFTRAG DES TEUFELS, Gabriel Byrne in END OF DAYS, Peter Stormare in CONSTANTINE und, mein Liebslingsteufel, Viggo Mortensen in GOD’S ARMY. In allen diesen Fällen ist der Teufel ein edler, eloquenter, ironischer Charakter mit Sinn für feine Manieren und Humor. Die Rolle des Teufels ist überaus reizvoll, sowohl für Männer als auch für Frauen.

 

 

DIE PASSION CHRISTI (2004) mit Rosalinda Celentano als Luzifer

Markerschütternd spielt Rosalinda Celentano die Rolle des Teufels in DIE PASSION CHRISTI, verführerisch, dunkel und androgyn. Wusste gar nicht, dass sie die Tochter von Andriano Celentano ist, der Teufel hat wirklich einen vorzüglichen Humor. Eher in Richtung Komödie tangiert der Film BEDEEZLED, ein Remake von MEPHISTO ’68 mit Dudley Moore. Im Remake wird der Teufel von Liz Hurley dargestellt und zwar ziemlich cool, wie ich finde.

 

 

 

In der Hölle der Langeweile

 

Aber immer mal wieder gibt es auch mittelprächtige, zu exaltierte Darstellungen des Teufels in Filmen und Serien. Der Teufel wird entweder als überaus charismatisch dargestellt (wie von Ray Wise in REAPER) oder eher als jähzorniger Trottel (BUFFY). Gelungene und weniger gelungene Darstellungen wechseln sich da immer mal ab. Warum nicht ein wenig freier an die Materie herangehen.

 

TIMM THALER (1979) mit Horst Frank als Baron Lefuet

TIMM THALER (2017) mit Justus von Dohnányi als Baron Lefuet

 

Ein tolles Beispiel ist der Teufel in der ZDF-Fernsehserie TIMM THALER von 1979. Dort ist es der Baron de Lefuet (Dreifach Hui ui ui!!!), der dem Titelhelden Timm das Lachen abkauft, ein grimmiger Geschäftsmann mit Nelke am Knopfloch. Das interessante an dem Plot der Serie ist, dass dieser Pakt eine Sache von gegenseitigem Interesse darstellt. Der Teufel nutzt nun die neue Gabe des Lachens, um mehr Menschen manipulieren zu können, während Timm jedwede Wette gewinnt, die er eingeht.

 

 

TV-Teufel: Luzifer (Mark Pellegrino) aus SUPERNATURAL, Captain Hatch (Phil Davis) aus BEING HUMAN, Satan aus DR. WHO, der Teufel (Thad Lamey) aus STAR TREK NEXT GENERATION, der Teufel (Ray Wise) aus REAPER, Twilight Zone PRINTERS DEVIL (Burgess Meredith), der Teufel aus BUFFY, Lucifer Morningstar (Tom Ellis) aus LUCIFER, Bryan Cranston als Luzifer in FALLEN

Ich hatte mal eine Idee für eine Fernsehserie über die Musikindustrie, speziell Drum ‘n’ Bass, Hip-Hop und Electro, was dennoch ein klassisches Sujet für einen Teufel her gibt, Erfolg, Seele verkaufen, das funktioniert auch abseits von Rock ‘n’ Roll. Der Teufel war dort ein Mittzwanziger, der sich illegal Songs aus dem Internet runterläd und immerzu gelangweilt ist. Eine Neufassung von FAUST als Fernsehserie hat ein Schreibkollege von mir in der Schublade, auch dort ist der Teufel bzw. Mephistopheles ziemlich clever modernisiert worden. In TV-Serien ist er in den letzten Jahren häufig zu sehen, im Horrorfilm macht er sich ein wenig rar. Aber wer weiß, vielleicht ist das auch wieder nur so ein ausgebuffter Trick, denn der Teufel ist immer da, wo man ihn nicht gleich vermutet.

 

 

Abschließend zum Thema Yeti…äh, Teufel im Film sollte man auch mal noch auf die Darstellung der Hölle im Film schauen, die ist meist ebenso trivial wie ihr alter Hausherr. Die Hölle im Film ist noch immer ein feuerroter Dungeon, auch wenn er wie im Fall CONSTANTINE nett anzuschauen ist. Aber wenn der Teufel im Film in moderner Gestalt wie Tom Waits in DAS IMAGINARIUM DES DOKTOR PARNASSUS oder William Fichtner in DRIVE ANGRY dargestellt wird, scheint dieses Szenario immer weniger zu passen.

 

 

 

 

Aber es gab auch immer mal wieder ganz untypische Höllendarstellungen im Film wie in HINTER DEM HORIZONT mit Robin Williams oder auch entfernt in SILENT HILL, wo die Hölle eher eine Parallelwelt ist. Zwar klassisch, aber ungemein beeindruckt hat mich die Vision einer Hölle in dem Film ALTERED STATES (DER HÖLLENTRIP) von Ken Russel. Aber die Hölle kann genauso gut ein muffiges Großraumbüro sein oder ein Ort vollkommener Leere. Einen richtigen Film über eine solche Hölle würde ich mir gerne wünschen. Zur Not schreib ich halt selber einen.

Visionen der Hölle: CONSTANTINE, HARRY AUßER SICH, SILENT HILL, JACOBS LADDER, HELLRAISER, HINTER DEM HORIZONT

 

Filme über den Teufel bestechen einerseits durch die Darstellung des Höllenfürsten durch kompetente und charismatische Schauspieler, andererseits greifen sie auch gern altbackene Klischees auf. Der Teufel ist nicht so der große Star innerhalb des Horrorfilms, was nicht heißt, dass es nicht fantastische Filme über ihn gibt (ANGEL HEART, NEEDFUL THINGS).

 

Bei einem anderen Kollegen ist das nicht anders, er tritt in Person noch seltener auf der Leinwand in Erscheinung, aber auch bei ihm gibt es interessante Fakten und Filme, denen wir uns nun zuwenden.

 

 

 

 

I bin’s, der Gevatter!

 

Der Tod im Horrorfilm scheint eine klare Sache. Denn zu fast jeder Zeit fällt Jedermann in Horrorfilmen dem Tod anheim. Doch die Rede ist nicht vom schnöden Ableben, dahingemetzelt werden, wenn Teenager reihenweise von einem fiesen Schlitzstrolch abgesäßt werden, das kennen wir alles zur Genüge. Doch was ist der Tod, der personifizierte Tod? In der Antike, im Mittelalter und in jedweder Religion gab es mehr oder minder konkrete Vorstellungen über den Tod als Person. Der Film hat sich nur bedingt damit auseinandergesetzt.

Der Tod: Seelengeleiter, Danse Macabre Totentanz, Skelett & Sensenmann

 

Zunächst war der Tod ein Fakt, dann ein Symbol. Jedes Lebenwesen auf Erden war von Geburt an dem Tode geweiht, denn Leben ist endlich und der Tod ereilt jeden. Doch schnell begann man, dem Tod eine Hülle und ein Gesicht zu geben, wohl der Unvermeidbarkeit wegen und damit man für diese Unvermeidlichkeit einen Schuldigen finden konnte. Eine der ersten Darstellungen des Tod als Person war der sogenannte Psychopompos aus der griechischen Mythologie, der sogenannte Seelengeleiter. Der wiederum kam ursprünglich aus dem Schamanismus, in dem er ein Begleiter vom Leben ins Reich der Toten war. Für die Ägypter war es der Totengott Anubis, für die Germanen holten die Walküren die Seelen verstorbener Krieger ins Himmelreich. Diese Rollen besetzten im Christentum auch der Erzengel Gabriel und Azrael im Islam, der eine Liste mit Namen hatte, die dem Tod geweiht waren.

 

 

Todesengel aus HELLBOY 2 – THE GOLDEN ARMY (2008)

 

 

Abseits der religiösen Betrachtung trat der personifizierte Tod, wie wir ihn heute kennen, erst im Mittelalter auf und zwar im Danse Macabre, dem Totentanz, das waren Wandgemälde, welche zum einheitlichen Motiv des Todes in der Kunst wurden. Ein Symbol dafür war Vanitas, lateinisch für leerer Schein, ein Wort für die Vorstellung allen Vergänglichen. Vanitas Symbole im Bezug auf den Tod sind das Skelett mit einer Sense, Sanduhr und schwarzem Kapuzenumhang. Daraus entstanden unzählige Bezeichnungen für den Tod: Sensenmann, Schnitter, Gevatter, Schlafes Bruder.

 

 

memento mori

 

DER MÜDE TOD (1921) von Fritz Lang mit Bernhard Goetzke als Tod

Und wie i so dahinsinnier übern Sensenvoda, hör i draußen einen Schrei, der Alk gfriert in der Ader! Auch für den jungen Film hatte die Darstellung des Danse Macabre großen Einfluss. Der erste Leinwand-Tod betrat 1898 mit dem Film LE SQUELETTE JOYEUX der Gebrüder Lumière die Bühne. In der Stummfilmzeit war der Tod ein Star, denn er sprach nicht viel, sein Äußeres bedurfte keiner Erklärung. Doch der Tod hatte auch da schon so seine Wehwehchen.

 

In KÖRKALEN von 1920 steht der Tod kurz vor dem Ruhestand, in DER MÜDE TOD von Fritz Lang aus dem Jahr 1921 ist er seines Jobs überdrüssig. Im Jahr 1934 machte er erstmals ausgedehnten Urlaub in DEATH TAKES A HOLIDAY, der Klassiker erhielt im Jahr 1998 sogar ein bekanntes Remake mit Brad Pitt in der Rolle des Todes – RENDESVOUZ MIT JOE BLACK. Es ist eine interessante Betrachtungsweise, dass der Tod, gefürchtet vom Menschen, im Film eher ein Zweifler ist und man dadurch seinem Schicksal entgehen kann.

 

Der Tod im Film ist aber auch wie der Teufel ein Spieler. Manchen ließ er die Ehre zuteil werden, um sein vorbestimmtes Schicksal herumzukommen. Dabei war der Tod nicht so fies wie der Höllenfürst, der am Ende irgendwie immer gewann. Mit dem Tod konnte man eine ehrliche Partie Karten spielen, um noch ein wenig mehr Zeit auf Erden zu haben.

 

Michael “Bully” Herbig als Boanlkramer in DIE GESCHICHTE VOM BRANDNER KASPAR (2008)

Der Brandner Kaspar, eine Figur aus einer bayrischen Erzählung von Franz von Kobells aus dem Jahr 1871, bekam seinen ersten Filmauftritt bereits im Jahr 1949 mit DER BRANDNER KASPAR SCHAUT INS PARADIES, mit Paul Hörbinger als Sensenmann. Es folgte ein weiterer Fernsehspielfilm und eine Kinoadaption von Joseph Vislmeier unter dem Titel DIE GESCHICHTE VOM BRANDNER KASPAR mit Michael “Bully” Herbig in der Rolle des kartenspielenden Todes.

 

 

Bengt Ekerot als der Tod in DAS SIEBENTE SIEGEL (1957)

Einer der großen Klassiker über den Tod ist der Film DAS SIEBENTE SIEGEL von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1957. Dort spielt ein altersmüder Ritter (Max von Sydow) solange Schach gegen den Tod (Bengt Ekerot), bis er verliert und mit ihm ziehen muss. Auch dieser Film bezieht sich auf den Danse Macabre, den Totentanz, es war vor allem die Zeit der Pest und des “Schwarzen Todes”, die jene Angst grassieren ließ. Das Hauptmotiv des Totentanzes war der Ausspruch “memento mori”, also “Bedenke, dass du sterblich bist.” Er könnte direkt vom personifizierten Tod stammen, denn der Tod ist auch immer eine Art Philosoph, der Anfang und Ende kennt.

 

 

Der Grimm Reaper

 

Doch nicht immer kann man mit dem Tod reden, feilschen oder um eine Verlängerung seiner Frist pokern. Manchmal ist der Tod unausweichlich. Im Film hat man versucht, dem Tod mit Humor zu begegnen, um ihm den Schrecken zu rauben, wie in DER SINN DES LEBENS von den Monty Pythons. Mal war der Tod eine unheilvolle Vision (SCROOGED), mal eine pure Witzfigur (BILL & TED’S BOGUS JOURNEY). Doch manchmal ist er auch ein umtriebiges Monstrum, der mit der Sense auf Seelenfang geht und aus dessen Griff man sich nicht durch wohlfeile Worte befreien kann.

 

Grim Reaper: DIE ABENTEUER DES BARON MÜNCHHAUSEN, METROPOLIS, THE LAST ACTION HERO, MONKEYBONE, DER SINN DES LEBENS, DIE GEISTER, DIE ICH RIEF

Einer der schauderlichsten Tode in Person stammt aus dem Film THE FRIGHTENERS von HERR DER RINGE Regisseur Peter Jackson aus dem Jahr 1996. Als lebender Mensch scheint man dem Sensenmann nicht beizukommen, also wechselt Frank Bannister (Michael J. Fox) mal fix ins Reich der Toten, um sich mit dem Grim Reaper anzulegen. Der Grim Reaper, eigentlich nur die englische Bezeichnung für den Sensenvater, macht auch manchmal in anderen Horrorfilmen halt, aber ein wirkliches Monster ist er selten. In THE FRIGHTENERS ist er einer der seltenen boshaften Kreaturen, die zudem noch ganz gelungen scheint. In anderen Horrorfilmen wie GRIM REAPER ist er kaum anders als irgendein Dämon, was der Figur des Todes nicht wirklich gerecht wird.

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Eine Ausnahme bildet hier vielleicht die FINAL DESTINATION Reihe. Dort ist der Tod eher eine transzendente Erscheinung, ein Schatten oder ein Kältehauch. Dafür ist er um so unbarmherziger.

 

Zwar gelingt es den Figuren in der Reihe am Anfang immer, ihm von der Schippe zu springen, doch müssen sie sich nun diversen “Unfällen” untereinander stellen, denn der Tod bekommt für gewöhnlich, was auf seinem Plan steht. Die Reihe ist überaus charmant, bezieht ihre Faszination aber stark aus den extremen Todesarten, denen die Jugendlichen anheim fallen. Dennoch hat man sich hier mal etwas mehr Gedanken gemacht, wie der Tod so agiert und wie er an seine Arbeit herangeht.

 

 

Namen, Todesorte und ATZs (Anzunehmende Todeszeitpunkte)

 

Toll ist der Tod immer dann, wenn man nicht über die Monsterschiene an ihn herangeht. In der Serie DEAD LIKE ME – SO GUT WIE TOT gibt es dagegen eine gänzlich andere Darstellung des Todes. Dort werden Verstorbene nach ihrem Ableben manchmal zu Seelensammlern, deren Aufgabe es ist, eine bestimmte Anzahl von Seelen einzufangen, um die Verstorbenen so ins Himmelreich zu geleiten. DEAD LIKE ME ist neben TWIN PEAKS eine meiner Lieblingsfernsehserien, weil sie aus dem Komplex personifizierter Tod eine Menge an Ideen herausholt, witzig, melancholisch und toll besetzt. Der Tod ist eine Art Job zwischen Leben und Ewigkeit, mit all seinen bürokratischen Hürden. Man hat nicht jeden Tag Bock, dieser Arbeit nachzugehen, da gibt es schon mal Ärger mit dem Chef und auch Zwist unter Kollegen. Beim Tod herrschen strenge Regeln und Aufträge werden per Postit-Zetteln beim morgendlichen Frühstück verteilt.

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Wie der Teufel ist auch der Tod eine beliebte Rolle, die Darstellungen reichen von markerschütternd schaurig (Ian McKellen in THE LAST ACTION HERO) bis grenzdebil (Whoopi Goldberg in MONKEYBONE).

 

Meist ist der Tod aber das bekannte Skelett, von Fritz Langs METROPOLIS über SCROOGED, DIE ABENTEUER DES BARON MÜNCHHAUSEN oder als schauriger Engel in HELLBOY 2 – THE GOLDEN ARMY. Das Problem beim Tod ist, dass sein Wirken zwar markerschütternd ist, sein Äußeres aber nur noch wenig Schaudern hervorruft. Andere Leinwandmonster sind da zugkräftiger, was wohl der Grund dafür ist, dass der Tod als Person im Horrorfilm nur eine Randerscheinung ist.

 

Der Tod und der Teufel, beides sind faszinierende Figuren mit viel Vergangenheit, die im Horrorfilm immer präsent sind, sich aber meist im Hintergrund aufhalten. Beide Gestalten werden auch in Zukunft die Leinwände unsicher machen, nur reicht es scheinbar nicht mehr aus, sie nur mit Hörner, Dreizack, Totenkopf und Sense darzustellen. Neue Ideen müssen her, sowohl für Tod und Teufel. Bis dahin wird im Horrorfilm aber weiter fleißig gestorben und Teufelszeug veranstaltet. In der kleinen Genrefibel werden wir ihnen weiterhin begegnen, denn sie sind wahre Ikonen des Horrorfilms. Ihnen sollte ein wenig mehr filmischer Respekt gezollt werden.

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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2 Comments

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de