Neunerprobe

Ich bin, man kann es deutlich von der Seite sehen, das Kind einer Mathematiklehrerin. Die Faszination für Zahlen wurde mir somit quasi in die Wiege gelegt. Seither versuche ich, mir die Welt über die beruhigende Unbestechlichkeit der Zahlen zu erklären. Zahlen helfen einem, auch die schwierigste Situation zu lösen (Beispiel: “Herr Ober, Zahlen, bitte!”). Und in Zahlen liegt oft der Schlüssel zur Dechiffrierung des Zeitgeschehens, allen voran in Jahreszahlen. Im galaktischen Gefüge der Multiplikatoren sticht dieses uns nun umfangene Jahr 2019 besonders hervor. Für viele ist es nur ein weiterer Jahrgang, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Mit dem Jahr 2019 endet auch eine weiteres Jahrzehnt und Jahrzehnte haben vor allem in der Popkultur eine besondere Bedeutung.

Fantasy Filmfest White Nights 2019

Ein gesundes neues Jahr, Freunde der leichten und mittelschweren Unterhaltung. Das Zwoneunzehn beginnt anders, alles ist ein bisschen variant, aber damit man es nicht so merkt, werden Schablonen über die Daseinsperipherie gezogen. Auch das Schicksal kocht nur mit Wasser, bzw. paust ab. Aber in der Gleichmäßigkeit der Dinge steckt auch Beruhigung. So beginnt auch dieses Jahr 2019 mit den mittlerweile vierten Fantasy Filmfest White Nights. Die Winterausgabe des internationalen Genre-Filmfestivals wartet erneut mit einigen extravaganten Schmankerln des Kinofrühjahres auf, die wir wie immer kurz anleuchten wollen. Bling.

Der Traumfalter Jahresrückblick 2018

Und wieder ist ein Jahr zu Ende, mittlerweile zum zweitausendundachtzehnten Mal in Folge seit Aufzeichnung beziehungsweise der Geburt Jesus Christus. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern, Jesus und ich saßen damals schon in der galiläischen Mittagssonne auf Steinquadern, lauschten dem sanften Blöken der Heidschnucken und rekapitulierten die besten Filme und Serien des Jahres. Damals war das Programm noch überschaubarer. Die Leute allerdings waren der heutigen Generation nicht unähnlich, sie waren wie aufgescheuchte Hühner und Hähner und zerrissen sich ihre Mäuler über das internationale Makakentum, dass einem die Ohren nur so wegflogen. Schon damals mochte ich Heidschnucken lieber.

Die kleine Genrefibel Teil 70: Treasure Hunter

“Arm am Beutel, krank am Herzen, schleppt’ ich meine langen Tage. Armut ist die größte Plage, Reichtum ist das höchste Gut! Und, zu enden meine Schmerzen, ging ich, einen Schatz zu graben. Meine Seele sollst du haben! Schrieb ich hin mit eignem Blut.”

 

Willkommen zurück, Goldschürfer und Schatzsucher, auf unserer gemeinsamen Suche nach den verborgenen Grälen, Dublonen und Juwelen der Filmgeschichte. Ganze 70 Folgen ist die kleine Genrefibel nun schon alt und selbst bereits ein Relikt mythologischer Vorzeit. Ob sie wohl auch einst ausgebuddelt werden wird, auf einer alten Festplatte, unter Geröll und Felsenwerk? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen ist, die vorweihnachtliche Genrefibel ist immer eine heimelige Reise in die großen Sehnsüchte unserer Kindheit. Wenn wir auch vieles werden wollten, ob Cowboy, Astronaut oder Geheimagent, es war eine Sache, die uns alle antrieb und einte. Es war die Suche nach dem großen Abenteuer.

Die kleine Genrefibel Teil 69: AG Kurzfilm

In der kleinen Genrefibel wird das Klein heute groß geschrieben. Ein Satz voller Mysterien. Oder sollte es besser heißen kurz? Wäre treffender, aber ich bezweifle es, kurz waren die bisherigen 68 Folgen der Genrefibel ja selten. Dennoch geht es heute um die Kürze, denn wir beschnuppern eine Gattung Film, die zwar jedem bekannt sein dürfte, zu der aber die meisten keine so emotionale Verbindung herstellen können wie zum abendfüllenden Spielfilm. Die Rede ist selbstverständlich vom nicht-abendfüllenden Film oder kurz Kurzfilm. Jeder Filmfreund da draußen weiß, Filme gibt es in verschiedenen Längen. Und dann gibt es noch den Kurzfilm. Manche bekritteln, der Kurzfilm sei ihnen zu kurz. Und man muss schon einen Pfiffikus an Filmfan finden, der die Frage beantworten kann: “Nenn mir mal einen tollen Kurzfilm!”

German Genre Roundabout

Deutschland im Herbst 2018. Eine Genrenation grübelt, überall Stillstand oder Leisetreterei. Als im August der deutsche OSCAR-Kandidat bekanntgegeben wurde, der für Deutschland 2019 ins Rennen gehen soll, wurde die Misere mal wieder überdeutlich. “Schicken wir den Donnersmarck dahin, der hat schon einen OSCAR gewonnen und somit Parketterfahrung.” Deutsches Bewältigungsdrama also mal wieder, unabhängig von der Qualität von WERK OHNE AUTOR. Aber Mut sieht anders aus. Nicht nur, dass auf der deutschen Bewerberliste neben 3 TAGE IN QUIBERON auch Michael Bully Herbigs Thriller BALLON stand, der ein spannendes Kapitel deutscher Geschichte mit Mitteln des Genrefilms erzählt. Ein Blick nach Schweden macht es noch deutlicher, dort geht das Fantasykrimidrama BORDER ins Rennen um den besten fremdsprachigen Film. Das ist mal beeindruckend.

Die kleine Genrefibel Teil 68: Der Giallo

Der Oktober neigt sich schiefwinklig dem Ende entgegen, die Erwachsenen tollen in Laubhäufen und die Kinder freuen sich auf Halloween. Auch wir in der Wandergruppe muggeln uns mollig warm ein und frönen unser Genredasein im retrospektiven Kaleidoskop. Nachdem wir in letzter Zeit eher grobe Brocken vom Genremassiv abgeschlagen haben, widmen wir uns mal wieder dem feinfühligeren Filetieren der Filmsubsparten. Wenn aus Genres Subgenres werden, verästelt sich das Geflecht an Motiven, Themen, Dramaturgien und Inszenierungen immer feingliedriger und dringt dabei in diverse Nischen vor. Subgenres werden dadurch aber nicht immer puristischer oder simpler, eine echte Nische besteht meist aus vielen unterschiedlichen Versatzstücken der Filmspartenkunst. So auch unser heutiges Thema, ein waschechtes Subgenre mit vielerlei Vorbild und Prägung – der Giallo.

The Changeling

Da ist er wieder, der von Horrorfans am innigsten geliebte Monat des Jahres – der Shocktober. Er liegt zwischen dem septischen Tember und dem nosferatischen November, auch Schlachtmond oder Nebelung genannt. Schon in des Menschen Frühzeit hat sich der selbige mit allerlei Gruseleien verdingt, es war die Zeit der langen Pappnasen und Steuerrückbescheide, purer Horror von der Maas bis an die Memel. Auch vergiftetes Essen wurde gereicht. Bis heut hat sich die Homo Saper den Feinsinn für das Schröckliche bewahrt, im Schocktober werden Horrorfilme zelebriert und vor allem referiert, dass es nur so splattattert. Soll uns Recht sein, da machen wir mit. Doch wagen wir uns tief ins Horrorarchiv vor, wo kaum eine Leich je zuvor war und graben mit stumpfen Nägeln die vergessenen Highlights der Horrorfilmgeschichte frei, die da ungesehen vor sich hinmodern.

Die kleine Genrefibel Teil 67: Medieval

or einer versperzîte huop sich grôz ungemach, daz von manigen recken ûf dem hove geschach. si plâgen ritterschefte durch kurzewîle wân. dô liefen dar durch schouwen vil manic wîp unde man. So steht es geschrieben, also erglotzt Euch nicht, Ihr Beutelschneider, Falschmünzer und Gesindel, auf das man Euch bewerfe mit allerlei feulem Obst und Gemüs. Anall natrach, ut was betat, dochiel dienwe! So lauschet nun das Dekret des Landvogts und zu den Waffen, obde Dreschflegel oder Rußputzer und höret den holden Minnesang, den ich Euch sang über die dunklen Zeiten, den Ständen der Ritterschaft und derer Knecht, der Stiefelputzer und Fugger, Mägde und Hohe Frouwen wohl über den Erdenflach. Viel Wunderdinge und Märe ich Euch hab zu sagen über Ländereien der Burgunden und Könige edel unde stark. So haltet’s Maul und spitzt die Löffel, sonst meld ich’s dem Pfalzgraf, worauf Ihr einen Taler abdrücken müsst, darauf könnt’ Ihr einen lassen.

Fantasy Filmfest 2018 Quick’n’Dirty

Nach zwölf Tagen Genredauerfeuer schloss das Fantasy Filmfest gestern in Berlin die Höllenpforten, in den anderen Festivalstädten läuft die 32. Ausgabe zum Teil noch bis zum 30. September. Für uns aber ein guter Zeitpunkt für ein Quick and Dirty mit stolzen 15 Kurzreviews der Festivalhighlights. Vorweg, 2018 ist ein wahrer Killerjahrgang mit mindestens drei Meisterwerken, eine wirklich gelungene Auswahl an aktuellen Genrehighlights aus über 20 Ländern und eine kunterbunte Mischung Fear Good Movies, vom bedrückenden Fantasydrama über schräge Neo-Noir Thrillereien bis zur bluttriefenden Trashperle. Begeben wir uns nun also auf eine möglichst spoilerfreie Kurzreviewreise durch das diesjährige Programm und picken uns die Rosinen aus dem Genrekuchen.

Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de