Die kleine Genrefibel Teil 59: Der Vampirfilm

“Mein liebes Mägdchen glaubet beständig steif und feste, an die gegebnen Lehren der immer frommen Mutter; als Völker an der Theyse an tödtliche Vampiere heyduckisch feste glauben. Nun warte nur Christianchen, du willst mich gar nicht lieben; ich will mich an dir rächen, und heute in Tockayer zu einem Vampir trinken. Und wenn du sanfte schlummerst, von deinen schönen Wangen den frischen Purpur saugen. Alsdenn wirst du erschrecken, wenn ich dich werde küssen und als ein Vampir küssen: wenn du dann recht erzitterst und matt in meine Arme, gleich einer Todten sinkest alsdenn will ich dich fragen, sind meine Lehren besser, als deiner guten Mutter?”

 

Im Jahre 1748 erschien in der Zeitschrift “Der Naturforscher” ein Sachbericht übernatürlicher Thematik und jenes vorangestellte Gedicht des deutschen Lyrikers Heinrich August Ossenfelder mit dem Titel “Der Vampir oder Mein liebes Mägdchen glaubet”. Es gilt als erste literarische Bearbeitung eines Mythos, der erst ab den 1730er Jahren einen Namen fand: Vampirismus. Der Vampir jedoch, wie wir ihn heute aus Literatur, Film, der gesamtem Popkultur kennen, war keine dichterische Schöpfung, er entstammte dem Volksglauben, er war auch kein regionales Phänomen, weltweit verbreiteten sich Geschichten über das widernatürliche Wesen der Nacht.

 

Der Vampir. Jede Region, jedes Land kannte ihn, jedes Volk gab ihm unterschiedliche Namen. Vampiro, Vampyr, Upir, Wukodalak, Lampir, Strigoi oder Dhampir in Europa, aber auch in Australien kannte man vampirische Abarten wie die Forso, es gab den mexikanischen Civateteo, den südamerikanische Azeman, die haitianischen Revenants, die japanischen Kashageister oder die hinduistischen Preta. Weltweit soll es über vierzig verschiedene Vampirarten gegeben haben, mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten.

 

 

Nach einer Welle unerklärlicher Vorkommnisse im osteuropäischen Raum des 18. Jahrhunderts, der sogenannten Vampirhysterie, etablierte sich der Begriff Vampir in der Literatur. Die Romantik erklärte das Geschöpf zu einem Objekt der Todessehnsucht, Heine, Goethe, Novalis oder E.T.A. Hoffmann erforschten ihn zwischen Angst und erotischem Magnetismus. 1819 beschrieb John Polidori mit “Der Vampyr” den ersten gesitteten Vertreter jener animalischer Blutsauger, mit “Varney the Vampire” aus den englischen Groschenromanen, den sogenannten Penny Dreadfuls, wurde er Gegenstand philosophischer Betrachtungen.

 

 

Der erste schriftlich erwähnte Vampir Jure Grando (1656), Kisolova 1725 – die Geburtsstunde des Vampirmythos, die Blutgräfin Elisabeth Báthory, John Polidori & “The Vampyre” 1816, “Varney the Vampire”, Sheridan le Fanus Novelle „Carmilla“, der historische Vlad Tepes, Bram Stoker, “The Vampire” von 1897 als Gemälde und Gedicht von Rudyard Kipling

 

 

1872 trat in Joseph Sheridan le Fanus Novelle “Carmilla” der erste weibliche Vampir auf und inspirierte damit den jungen Iren Bram Stoker zu seinem Roman “Dracula” aus dem Jahr 1897. Dieser Höhepunkt der Vampirhysterie fand fast gleichzeitig mit einer anderen Revolution in der Kunst statt, der Erfindung des Films im Jahr 1896. Der Vampir war hier von Anfang an dabei.

 

 

Kreaturen der Nacht

 

Der Film nahm sich allen Facetten der mythologischen Gestalt an und gab ihm Formen, später Farben, der Film näherte sich dem Vampir von allen erdenklichen erzählerischen Seiten und auch im Jahr 2017 ist der Vampir im Film noch immer quicklebendig, beziehungsweise untot. Kein anderes Wesen der Phantastik kann da mithalten. Werwölfe sind ungepflegt und haarig, Zombies tumb und schleimig, aber der Vampir war ein graziles Geschöpf der Unsterblichkeit, animalisch, erotisch, betörend, doch tödlich. Auch wenn man heute meint, der Filmvampir habe etwas von seinem Biss verloren, er bleibt die beständigste Figur des phantastischen Films. Widmen wir uns heute dem illustren Subgenre des Vampirfilms, der sich über die Jahrzehnte immer wieder neu erfand und die volkstümliche Schreckensgestalt in ihrem unheimlichen Wesen einfangen wollte, ironischerweise mit Licht.

 

 

Vampirmännchen und Vampirweibchen

Spricht man von Subgenres, meint man für gewöhnlich ein breites Konglomerat an dramaturgischen Elementen, die jenes Subgenre definieren. Kann eine einzelne Figur überhaupt ein Subgenre bestimmen? Zumindest bei den drei großen Wesen der Phantastik scheint diese Rechnung aufzugehen, Vampire, Werwölfe und Zombies verfügen über genug dramaturgisches Regelwerk, um sie als Subgenre zu deklarieren. Der Vampir verfügt über Eigenschaften und Fertigkeiten, die letztendlich das Subgenre formen. Der Vampir war einst Mensch, der den Tod überwand und unsterblich wurde. Er folgt einen animalischen Trieb, ist aber auch ein Wesen voller Tragik.

 

Betrachtet man den Vampir genauer, kann man jedoch kaum eindeutige Gemeinsamkeiten finden. Im Film wurde der Vampir zu einem Sammelbecken aller erdenklichen Eigenschaften, die man ihm im Volksglauben oder der Literatur angedichtet hat. Er ist menschlich, untot, dämonischen Ursprungs, Kreuzung einer Hexe und des Teufels. Der Vampir verfügt für gewöhnlich über ein gesundes, potentes Äußeres, er kann aber auch alt und gebrechlich wirken.

 

 

Nur der bußfertige Vampir scheut das Kreuz (FRIGHT NIGHT, 1985)

Der Vampir besitzt unvorstellbare Kräfte, kann mesmerisieren, Gedanken übertragen und sich in andere Wesen wie Fledermaus, Ratte oder Wolf verwandeln. Als Mann ist der Vampir der starke, charismatische Verführer, als Frau für gewöhnlich eine Femme Fatale. Er kann aber auch als Bestie in Erscheinung treten, als hässliches Monster. Wichtiger als spitze Zähne und Klauen sind seine Augen, der Blick des Vampirs ist eine scharfe Waffe. Blut gilt für den Vampir als Überlebensgrundlage, es ist für ihn Nahrung und Keim. Ein Vampir kann einen Menschen töten oder auch zum Vampir machen und somit unsterblich. Seine einzigen Schwächen sind Sonnenlicht und der Pfahl direkt durchs Herz. Aber auch mit Weihwasser, Silber, Verbrennen oder Köpfen kann man einem Vampir beikommen.

 

 

Doch es gibt auch Eigenschaften des Vampirs, die der Film frei erfunden oder ihm angedichtet hat. Als Wesen ohne Seele verfügt er angeblich auch über kein Spiegelbild. Er schläft bei Nacht, verträgt kein Sonnenlicht, kann sich aber durchaus auch am Tage frei bewegen, obgleich seine Kräfte abgeschwächt sind. Knoblauch und Kreuze sind allenfalls lästig, aber keinesfalls tödlich für den Vampir. Auch das Schlafen in einem Sarg und die Einladung in ein fremdes Haus, ohne dass es der Vampir nicht betreten kann, entstammen der Phantasie von Autoren und Filmemachern.

 

 

Probane Mittelchen gegen Vampire

Wichtiger als seine Kräfte und Fähigkeiten ist die Symbolik, für die der Vampir steht. Das ist zum einen die Sehnsucht nach Unsterblichkeit und dem Überwinden des Todes. Der Vampir steht für Sexualität, Biss und Blut gleichen einer Entjungferung, Frauen, Männer, Kinder, dem Vampir sind sie alle gleich. In den siebziger Jahren wurde der Vampir unter anderem ein Symbol für die sexuelle Revolution, in den Achtziger wurde er ein Gleichnis für Homosexualität und Geschlechtskrankheiten wie AIDS. Der Vampir begeistert nicht nur schwarzromantische Gemüter, er ist beliebt bei jung und alt.

 

 

In Filmen und Serien sind bereits die Kids begeisterte Vampirfans, pubertierende Mädchen sehnen sich nach einem spitzzahnigen Prinzen, der sie “wachküsst”, Buben wollen vampirische Kräfte der Macht und der Mädchen wegen. Eltern oder Großeltern mögen Darth Vader nicht kennen, Dracula aber kennt jeder. Der Vampir eignet sich zum schaurigen Gruselvergnügen wie zur philosophischen Auseinandersetzung über das ewige Leben und den Tod. Vampire begeistern weltweit und haben auch im Horrorfilm nicht den Ruf von Zombies, Geistern oder Schlitzern. Vampire sind erhabener.

 

 

Vamps Untold

 

Während andere Subgenres ihre Hochphasen in verschiedenen Jahrzehnten hatten, war der Vampirfilm irgendwie immer beliebt. Gleichzeitig hat er sich in so gut wie jedem Jahrzehnt neu erfunden oder der Thematik neue Aspekte hinzugefügt. Die Geschichte des Vampirfilms beginnt in gewisser Weise gleich mit dem ersten Film überhaupt, mit LE MANOIR DU DIABLE von Filmpionier Georges Méliès aus dem Jahr 1896, ein Jahr vor Erscheinen des Romans “Dracula” von Bram Stoker. Streng genommen gibt es in diesem ersten Film überhaupt keinen Vampir, eher einen Teufel oder Mephisto, der sich aber am Ende durch ein Kruzifix in Luft auflöst. Dieses Element sollte später für den Vampirfilm wieder und wieder Verwendung finden.

 

 

LE MANOIR DU DIABLE von Georges Méliès (1896), THE VAMPIRE (1910) von William Nicholas Selig, LES VAMPIRES von Louis Feuillade (1915/16), LILITH & LU von Erich Kober (1919), VAMPYRDANSERINDEN (1912) und A FOOL THERE WAS von William Fox (1915)

 

 

Auch wenn die landläufige Meinung vorherrscht, Friedrich Wilhelm Murnaus NOSFERATU aus dem Jahr 1922 sei der erste Vampirfilm aller Zeiten, gab es Vampire im Film schon Jahre zuvor. Doch diese waren fast gänzlich anderer Natur. Die ersten Filmvampire basierten auf einem Gedicht des englischen Schrifstellers Rudyard Kipling namens “The Vampire” aus dem Jahr 1897, welches wiederum von einem Gemälde gleichen Namens und Jahrgangs inspiriert war.

 

THE VAMPIRE (1913)

Im Gemälde wie im Gedicht ging es um einen Mann, der von einem weiblichen Vampir verführt wurde. Eine Handvoll Filme vor NOSFERATU erzählten also von einem gänzlich anderen Typus, dem sogenannten Vamp. Der Vamp war die Vorlage für eine neue Frauenfigur im Film, der Femme Fatale. Es bedurfte gar nicht der anderen Eigenschaften des Vampirs, die Zielstrebigkeit und Verführungskunst des Vamps waren wichtige Merkmale, die auch spätere Filmvampire aufgriffen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der frühe Vampirfilm bereits mit einem vielschichtigen Frauentypus experimentierte und somit seiner Zeit weit voraus war. Bedeutend für das Subgenre in dieser Phase sind die Filme THE VAMPIRE (1913) und A FOOL THERE WAS (1915).

 

 

Zwei weitere Filme beschäftigten sich vor NOSFERATU mit dem Vampirmythos. Zum einen DER GRÜNE VAMPIR von William Kahn aus dem Jahr 1918 aus einer Filmreihe um den Detektiv Rat Anheim. Dort entlarvt der Detektiv zwar einen Betrüger als mutmaßlichen Vampir hinter rätselhaften Ereignissen, doch das Spiel um Aberglaube und das Trinken von Menschenblut wurden in DER GRÜNE VAMPIR erstmals filmisch thematisiert und visualisiert.

 

Im österreichischen Film LILITH UND LY (1919) von Erich Kober, nach einem Drehbuch von Fritz Lang, findet ein Mann namens Frank eine alte Formel, mit der er Lebloses erwecken kann und führt diesen Zauber an einer weiblichen Statue durch. Die Statue erwacht zum Leben und Frank verliebt sich in die Gestalt, doch ein Tropfen Blut macht aus der erwachten Schönheit ein mordendes Monster, einen Vampir. Frank muss ihr Herz vernichten, um die grausame Gestalt aufzuhalten.

 

“The first vamp” Stummfilmstar Theda Bara

Diese frühen Vampirfilme vermengten also Aspekte des Aberglaubens und volkstümliche Überlieferungen mit literarischen Werken wie denen von Rudyard Kipling und Joseph Sheridan le Fanu. Besonders “Carmilla” von le Fanu hatte großen Einfluss auf Bram Stokers Roman “Dracula” aus dem Jahr 1897. Jener Roman, der heute als bedeutendster Grundstein für den Vampirfilm zählt, war Anfang des 20. Jahrhunderts aber noch gar nicht so bekannt wie angenommen.

 

 

Beim ersten Hahnenschrey

 

Für den deutschen Werbegrafiker und Autor Albin Grau war “Dracula” ein unterhaltsamer Abenteuerroman, den er gern verfilmen wollte. Denn auch Albin Grau war vom Vampirismus fasziniert, als er im Kriegswinter 1916 von einem serbischen Bauern eine Vampirgeschichte erfuhr. 1921 gründete Albin Grau zusammen mit Enrico Diekmann die Produktionsfirma Prana-Film.

 

 

Er übertrug dem jungen Autor Henrik Galen, der zuvor das Drehbuch für DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (1920) geschrieben hatte, den Auftrag, “Dracula” zu adaptieren, aber Namen und Orte zu ändern, da die Prana-Film keine Rechte an Stokers Roman hatten. Obwohl Albin Grau künstlerischer Leiter des Projektes wurde, übertrug er die Regie an den jungen Filmemacher Friedrich Wilhelm Murnau. So entstand 1922 der expressionistische Horrorstummfilm NOSFERATU – EINE SYMPHONY DES GRAUENS.

 

 

Max Schreck als Graf Orlock, das Nosferatu

Bis heute gilt NOSFERATU als wichtigster deutscher Film, der erste richtige Vampirfilm, gar der erste Horrorspielfilm überhaupt. Obgleich eine Adaption von “Dracula” war NOSFERATU doch ganz anders, weniger in Bezug auf Figuren und Story, wohl aber in der Auslegung der Vampirfigur. In jener Zeit waren Vampire fast ausschließlich Vamps, bzw. Femme Fatales, aber Draculas Pendant Graf Orlock war auch nicht wie in Stokers Vorlage ein tragischer Held voller Anmut, sondern ein hässliches, teils ungelenkes Monster mit rattenhaften Schneidezähnen. Graf Orlock oder Nosferatu bildeten einen neuen Typus Vampir ab, das animalische Biest, gesteuert von Begierde und Trieb. Auch neu war, dass der Vampir mit Sonnenlicht zur Strecke gebracht werden konnte.

 

 

Nicht nur inhaltlich war NOSFERATU moderner als andere Vampirfilme seinerzeit oder sogar später. Auch stilistisch gilt Murnaus Film als expressionistischer Meilenstein der Filmgeschichte, von dem visuell wie erzählerisch der Horrorfilm auf Jahrzehnte profitierte. Das Spiel mit Licht und Schatten, die Maskengestaltung und die Dramaturgie, das, was NOSFERATU 1922 schuf, wurde zur Blaupause für das gesamte Horrorgenre. Das es dazu kam, ist allerdings diversen Zufällen zu verdanken, denn NOSFERATU blieb die einzige Produktion der Prana-Film von Grau und Dieckmann. Nicht nur, dass der Film zwar begeistert aufgenommen, aber finanziell weit hinter den Erwartungen zurückblieb, Bram Stokers Witwe Florence Stoker focht 1922 eine Urheberrechtsklage gegen die Adaption an und gewann vor Gericht, 1925 mussten alle Kopien und sämtliches Filmmaterial vernichtet werden.

 

 

Thomas Hutter aus dem Schloss des Grafen Orlock

 

 

Da einige Kopien aber bereits ins Ausland verkauft wurden, überlebten Teile der Produktion und wurden sehr viel später, erst in den achtziger und neunziger Jahren in Deutschland restauriert und neu zusammengefügt. Im Zuge des Rechtsstreites wurde in den USA seinerzeit keinerlei Copyright beantragt, womit NOSFERATU dort als Public Domain galt und unzählige Male vertrieben wurde.

 

Heute gilt NOSFERATU als wichtigster Markstein in der Geschichte des Films, wohl auch für den Vampirfilm, doch gerade dort ist NOSFERATU eher eine Anomalie. Trotz seiner Bedeutung und Ikonographie bleibt Nosferatu als Vampir eine Ausnahmeerscheinung, fast eine eigene Abart. Ein anderer Typus sollte den Vampirfilm auf Jahrzehnte prägen. Die Figur Nosferatu trat danach nur noch wenige Male in Erscheinung, wie im Remake von Werner Herzog aus dem Jahr 1979 mit Klaus Kinski in der kahlköpfigen Hauptrolle, der ihn auch in der Pseudofortsetzung NOSFERATU IN VENEDIG aus dem Jahr 1988 mimte.

 

Nosferatu (Max Schreck) treibt die Gier nach dem Blut Ellens

Nosferatus Nachfahre (Klaus Kinski) ist dagegen eher poesietrunken

 

Diesen eigenen Vampirtypus des Nosferatu, also bar jeder Erotik, nur dem animalischen Trieb und Durst nach Blut folgend, traf man zudem in der Stephen King Adaption BRENNEN MUSS SALEM und später in der gelungenen Graphic Novell Adaption 30 DAYS OF NIGHTS. Auch inspirierte die Figur Nosferatu später Künstler und Filmemacher wie zum Beispiel Tim Burton zu NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS oder Guilermo Del Toro zu THE STRAIN. Im Jahr 2000 entstand eine gelungene Hommage an NOSFERATU mit SHADOW OF THE VAMPIRE, der von den Dreharbeiten zu NOSFERATU 1922 handelt und der These, dass sich hinter dem Darsteller des Grafen Orlock Max Schreck ein echter Vampir verbarg, im Film dargestellt von Willem Dafoe.

 

 

VAMPYR – DER TRAUM DES ALLAN GRAY (1932)

Neben NOSFERATU gibt es allerdings noch eine andere deutsche Vampirfilmproduktion, welche von filmgeschichtlicher Bedeutung ist. 1932 drehte der Däne Carl Theodor Dreyer den Film VAMPYR – DER TRAUM DES ALLAN GRAY. Dreyer zählt neben Lang und Murnau zu den bedeutendsten europäischen Regisseuren jener Zeit. Der Film war eine lose Adaption von le Fanus “Carmilla”, der neben “Dracula” den größten Einfluss auf den Vampirfilm hatte und bislang zwölf mal verfilmt wurde.

VAMPYR ist im Gegensatz zu NOSFERATU kein Stummfilm, sondern eher ein dialogarmer Tonfilm, visuell entwickelte Dreyer Murnaus “entfesselte Kamera” weiter zu einem ganz eigenen expressionistischen Stil. Zusammen mit NOSFERATU bildet VAMPYR die Speerspitze des deutschen Vampirfilms bis zum heutigen Tage.

 

 

 

In gewisser Weise fristet der deutsche Vampirfilm heute eher ein Schattendasein, obgleich nicht nur der Vampirfilm, der Horrorfilm selbst mit NOSFERATU in Deutschland begründet wurde. Neben dem Graf Dracula aus Oberbayern und dem putzigen Rüdiger aus DER KLEINE VAMPIR existieren lediglich der moderne Vampirthriller WIR SIND DIE NACHT von Dennis Gansel und die österreichische Vampirkomödie THERAPIE FÜR EINEN VAMPIR von David Ruehm mit Tobias Morreti als Graf Geza von Közsnöm.

 

Doch just in diesen Tagen kehrt der deutsche Vampirfilm zurück, so verspricht es zumindest MONTRAK von Regisseur Stefan Schwenk, der im Oktober in ausgewählten Kinos läuft. BLOOD RED SKY von Peter Thorwarth um eine Vampirin, welche in einem Passagierflugzeug gefangen in Richtung Sonnenaufgang fliegt, kommt hoffentlich 2018 in die Lichtspielhäuser. Und wer weiß, vielleicht kehrt auch Nosferatu, der Ursprung aller Legenden, irgendwann auf die Kinoleinwand zurück.

 

 

 

I never drink wine

 

Um die Rechtelage bezüglich des Romans “Dracula” ranken sich viele Gerüchte und Unstimmigkeiten. Denn man könnte auch die ungarische Produktion DRACULA HALÁLA von 1921 als Adaption des Romans zählen, sogar noch vor NOSFRATU. Aber inhaltlich hat der Film kaum etwas mit dem Buch gemein, gleichsam gilt er bereits seit den 20er Jahren als verschollen. Nach dem Urheberrechtsstreit um NOSFERATU und “Dracula” kam es erst im Jahr 1931 zu einer offiziellen Adaption, aber auch wieder nicht. Zwar sicherten sich die UNIVERSAL STUDIOS die Duldung der Stoker Witwe, adaptierten aber aus Budgetgründen eher das gleichnamige Theaterstück “Dracula” aus den Jahr 1924.

 

Bela Lugosi (1882 – 1956) als DRACULA (1931)

Dennoch wurde DRACULA von 1931 unter der Regie von Tod Browning zur Blaupause für den berühmtesten Vampir der Filmgeschichte. “Dracula” wurde über 170 mal verfilmt, es ist die Figur mit den meisten Adaptionen, gefolgt von Sherlock Holmes. Das Aussehen und die Ausstrahlung, die die Figur Dracula bis heute im Film spiegelt, geht dabei auf den Ungarn Bela Lugosi zurück, die Darstellung von Max Schreck als Nosferatu gilt als Anomalie.

 

Bela Lugosi arbeitete sogar mit Murnau für den Film DER JANUSKOPF zusammen, bevor er in die Staaten ans Theater ging und dort ab 1927 den Grafen Dracula auf der Bühne gab. Für die UNIVERSAL STUDIOS war er damit keine erste Wahl für den ersten Filmdracula, doch als andere Darsteller ablehnten oder gar verstarben, besetzte man Lugosi doch für den Kinofilm. Sein ungarischer Akzent und sein Fingerspiel wurden stilprägend für alle anderen Dracula Darstellungen nach ihm, obwohl Lugosi den Grafen nur zweimal spielte und auch niemals spitze Eckzähne zeigte.

 

 

Während UNIVERSAL am Tage DRACULA drehte, fertigte in der Nacht ein spanisches Filmteam ihre eigene Version des Stoffes am gleichen Set mit anderen Schauspielern, das Ergebnis könnte unterschiedlicher nicht sein, aber gibt einen einmaligen Einblick in die unterschiedliche Wirkungsweise und Gestaltung ein und desselben Stoffes zu jener Zeit. Der Erfolg von DRACULA zog 5 Fortsetzungen nach sich, Lugosi mimte zwar ab und dann einen Vampir, Dracula selbst spielte er aber nur in ABBOTT UND COSTELLO MEET FRANKENSTEIN ein weiteres Mal.

 

 

Innerhalb weniger Jahre hatte sich das Vampirgenre neu verzweigt, die Vampirfigur war so ikonisch, dass sie sich für die Parodie eignete. Auch ließ die UNIVERSAL in Folge von DRACULA nun gern mehrere Monster zusammen auftreten, so traf Dracula auf den Werwolf, Frankenstein und andere Spießgesellen. Die UNIVERSAL Reihe endete 1948, doch die Figur Dracula war auch im Film bereits unsterblich geworden. Sie sollte in den folgenden Jahrzehnten wieder und wieder von den Untoten auferstehen.

 

 

Der erste vollbezahnte Vampir in EL VAMPIRO (1957)

Bis eine weitere Reihe um den berühmten Graf Dracula Ende der 50er Jahre in England entstand, nahm der Vampirfilm noch eine weitere Hürde, der man sich so rückblickend gar nicht gewahr war. NOSFERATU aus dem Jahr 1922 machte aus Dracula die eigene Vampirfigur Nosferatu, einen eher animalischen Vertreter der Blutsauger mit rattenähnlichen Schneidezähnen. Für gewöhnlich assoziiert man Vampire mit spitzen Eckzähnen, bis diese im Film auftauchten, dauerte es allerdings bis zum Jahr 1957. Der mexikanische Film EL VAMPIRO war der erste, in dem ein Vampir mit solchen Fangzähnen gezeigt wurde. Einmal etabliert waren die Vampirzähne von da an fester Bestandteil eines jeden Vampirfilms. So auch in DRACULA von 1958.

 

 

 

 

Sie machten zum Lohn ihm die Hälse frei

 

Die britischen Hammer Studios wollten den Horrorfilm mittels Technicolor in die Neuzeit holen und nach dem großen Erfolg von FRANKENSTEINS FLUCH aus dem Jahr 1957 erfand man die Dracula Figur neu und somit auch eine Handvoll Genremerkmale.

 

Dracula hatte nun schöne spitze Eckzähne, endlich gab es auch rotes Blut zu sehen und das nicht zu knapp. Ende der fünfziger Jahre wurde der Vampirfilm deutlich blutiger und auch freizügiger. Adrette Damen waren gefragt, an dessen Hals sich der Graf werfen konnte. Auch dieser musste, wie einst Bela Lugosi, über eine besondere Ausstrahlung verfügen. Man fand mit dem jungen Christopher Lee einen geeigneten Kandidaten für den Dracula der nächsten zwanzig Jahre.

 

 

Christopher Lee (1922 – 2015) in DRACULA (1958), Peter Cushing (1913 – 1994) als Van Helsing, Lee in DRACULA JAGT MINIMÄDCHEN (1972)

 

Und mit ihm gleich noch eine andere Figur des Romans. Denn erst mit den Hammer Produktionen wurde auch die Figur des Abraham Van Helsings adaptiert. Galen und Murnau strichen diese Figur in NOSFERATU gleich in Gänze oder wandelten sie mit Professor Bulwer stark ab, was zum bedrohlichen Szenario des Nosferatu passte. In DRACULA von 1931 gab es einen Van Helsing, aber erst Peter Cushing formte 1958 die Figur als dauerhaften Typus des Vampirjägers, der in den darauffolgenden Jahrzehnten immer wieder variiert wurde und die Vampirfigur perfekt ergänzt. Was gab es alles für großartige Van Helsing Interpretationen, aristokratisch wie Anthony Hopkins in BRAM STOKERS DRACULA, ängstlich wie Peter Vincent in FRIGHT NIGHT oder auch mal weiblich wie in BUFFY, THE VAMPIRE SLAYER.

 

Mit den Draculafilmen der Hammer Studios wurde eine neue Ausrichtung des Horrorfilms populär, der sogenannte “Gothic Horror”, was Farbwahl, Ausstattung und Kostümbild, aber auch Interpretationen anbelangt. Noch immer waren die Zuschauer vom schwarzromantischen Aspekt des Vampirs begeistert, bis in die Siebziger hinein war der Vampir eine Gestalt aus einer anderen Zeit, keine Figur der Moderne. Aber die Hammer Studios setzten auch eigene Akzente wie die durchaus hohe Brutalität und Gewaltdarstellung für ein jüngeres Publikum, die nicht mit den Stumm- oder Schwarz-Weiß-Filmen aufgewachsen waren.

 

 

 

DRACULA mit Christopher Lee und Peter Cushing war so erfolgreich, dass er sieben mehr oder weniger direkte oder indirekte Fortsetzungen nach sich zog. Bis zum Ende der siebziger Jahre musste Dracula ein ums andere Mal wieder auferstehen, bis Christopher Lee keine Lust mehr hatte und den Umhang an seine Nachfolger weiterreichte.

 

Es mussten große, charismatische Darsteller sein, die für die Rolle des Dracula in Frage kamen, darunter waren Denholm Elliot, Jack Palance oder Frank Langella. Obwohl der Vampirfilm auch in den Achtzigern populär war, Dracula verschwand im Jahr 1979 für ganze 13 Jahre von der Kinoleinwand und erlebte erst 1992 eine Wiederbelebung.

 

 

“Ich bin Dracula!”

 

Gary Oldman in BRAM STOKERS DRACULA (1992)

Dracula war einfach nicht totzukriegen und so erlebte die Figur 1992 eine erneute Wiedergeburt mit BRAM STOKERS DRACULA von Francis Ford Coppola. Das Ziel war ambitioniert, sollte es doch erstmalig die wohl werkgetreuste Adaption des Romans werden. Gleichzeitig wurde die Figur auch in die Moderne geführt, obgleich Coppolas Opus stilistisch an die Filme der Hammer Studios angelegt waren, filmtechnisch aber zwischen aufwändigen Studiobauten und MTV-Musikvideoästhetik realisiert wurde. Erstmals wandelte der Graf auch am Tage und zeigte neue Verwandlungsmöglichkeiten.

 

 

Mit 300 Mio. Dollar Einspielergebnis weltweit löste BRAM STOKERS DRACULA eine neue Welle an klassischen Horrorfilmen aus, es folgten FRANKENSTEIN und die Jekyll & Hyde Adaption MARY REILLY. Auch nach über 90 Jahren schien Dracula an der Kinokasse zu funktionieren, nach Coppolas Version gab es wieder vermehrt Verfilmungen um den betagten Grafen. Leslie Nielsen parodierte ihn in Mel Brooks DRACULA – TOT, ABER GLÜCKLICH und Wes Craven produzierte eine ganze Trilogie. Doch bis zum heutigen Tag ist die Coppolaverfilmung die gelungenste Adaption des Stoffes, wenngleich mehr Kostüm- als Horrorfilm.

 

Der gealterte Graf und sein Portrait aus besseren Tagen

Leid und Schmerz, aber auch Frieden im Augenblick der Erlösung

 

Aber nicht jede Dracula Version war angsteinflößend. In BLADE TRINTIY begegnete Daywalker Blade einen stiernackigen Dracula, nicht wirklich berauschend gespielt von Dominic Purcell. Richard Roxburgh mimte den Dracula in VAN HELSING hart an der Grenze zur Lächerlichkeit, böse Zungen behaupten, Thomas Kretschmanns Variation in Dario Argentos DRACULA 3D sei noch das Beste an dem Film, dieses Lob gebührt aber eher Rutger Hauer als Van Helsing. Ab einem Punkt, so schien es, wurde die Figur nicht mehr variiert oder neu erfunden, sondern lediglich in all ihren Klischees wiederholt und wiederholt.

 

Interessant dagegen erschien die Idee, Draculas Vorgeschichte zu ergründen wie im Film DRACULA UNTOLD aus dem Jahr 2014. Luke Evans Vlad Tepes vermengte historische Annahmen und Fantasy á la GAME OF THRONES zu einem ungewöhnlichen, doch sehr unterhaltsamen Prequel, der allerdings als Vampirfilm nicht sonderlich taugt. Ihm fehlten Mystik, Anmut und der pure Schrecken seines Namens. Dracula als ikonische Figur schien in einer Falle zu stecken.

 

 

Während einige Vampirfilme der Neuzeit manch starre Strukturen und Klischees aufbrachen, schaffte es bislang keine Dracula Interpretation, die Figur im Hier und Jetzt zu spiegeln. Obwohl Dracula der wohl mächtigste und berühmteste Vampir aller Zeiten war, für Furore im Vampirgenre sorgten andere, bescheidenere Blutsauger.

 

 

Pardon Me, But Your Teeth Are in My Neck

 

Als ab den sechziger Jahren der Vampirfilm in neue inhaltliche und inszenatorische Richtungen steuerte, war der Vampir als Figur und in seiner Charakterisierung beim Kinopublikum bereits so gefestigt, dass man ihn relativ leicht mit anderen Genres kreuzen konnte. Am einfachsten war wohl die Parodie, bereits 1932 erschien mit BOO! eine Persiflage auf die Monsterfilme der UNIVERSAL STUDIOS. Höhepunkt der komödiantischen Vampirverfilmungen war dann Roman Polanskis TANZ DER VAMPIRE aus dem Jahr 1967, welcher ab 1997 auch als Musical große Erfolge feiert.

 

Roman Polanskis TANZ DER VAMPIRE (1967)

Obgleich TANZ DER VAMPIRE als Parodie bezeichnet wird, so ganz ist das nicht richtig. Zwar nimmt Polanksi alle Klischees um Vampirismus als gegeben hin, das größere komödiantische Potential aber erreicht er durch Slapstick der Stummfilmzeit á la Laurel & Hardy oder Charlie Chaplin.

 

Darüber hinaus gilt für viele spätere Vampirkomödien, auch diese können atmosphärisch und durchaus gruselig sein. Selten sind Vampire die Dilettanten, viel mehr die Menschen, die sich ihnen entgegenstellen. Komödiantisches Potential entsteht vielmehr aus der Selbstreflektion des Vampirs.

 

 

Aber Vampire wurden ab den sechziger Jahren mit allen möglichen anderen Genres gekreuzt. Vampire gab es im Weltall, als Roboter, im Wilden Westen, gar mit Billy, the Kid als Gegenpart, in DARK SHADOWS wurde der Vampir Mittelpunkt einer Soap Familiensaga. Zwar wurden Vampire in allerlei neue Settings verfrachtet, so wirklich in der Moderne wollte der Blutsauger aber nicht ankommen. Dafür spiegelten Vampirfilme der siebziger Jahre durchaus aktuelle, zeitgenössische Themen.

 

 

In den Siebzigern waren Vampirfilme auch ein Vehikel für die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft und die sexuelle Revolution. Die armen Jungfrauen, die in den Jahrzehnten zuvor dem Vampir ans bezahnte Mundwerk geschrieben wurden, sie wurden nun freier und selbstbestimmter. Sie wollten nicht länger nur gebissen werden, sondern auch über jene maskuline Macht verfügen. Künstler wie Andy Warhol wagten sich an freizügigen Vampirfilmen und interpretierten so sexuelle Selbstbestimmung.

 

Auch der lesbische Vampir nach Joseph Sheridan le Fanu trat wieder vermehrt in Erscheinung. Zwar kamen die Frauenfiguren nie mehr an die Freizügigkeit und Kraft der Vamps aus den frühen Tagen des Films heran, aber der Vampirfilm bot die Gelegenheit, die Rolle der emanzipierten Frau interessant zu spiegeln.

 

 

VAMPIRE CIRCUS (1972), VAMPYROS LESBOS (1970), BLACKULA (1972)

 

 

Auch Themen wie Politik und Rassismus fanden Einzug in den Vampirfilm. BLACKULA wurde die erste schwarze Dracula Adaption und auch die Fortsetzung SCREAM BLACKULA SCREAM aus dem Jahr 1973 spielte mit den Themen Sklaverei und Prostitution. Trotz mancher progressiven Untertöne war ein Gro der Vampirfilme der siebziger Jahre purer Trash. Erst durch den Erfolg zeitgenössischer Horrorstoffe von Autoren wie Stephen King übertrat auch der Vampirfilm Ende der Siebziger Jahre die Schwelle in ein neues Jahrzehnt und wandelte sich vom Anachronismus zur Moderne.

 

 

Lichtschutzfaktor 2000

 

 

Die Achtziger Jahre waren ein hervorragendes Horrorjahrzehnt, aber nicht unbedingt für den Vampirfilm. Andere Subgenres wie Slasher und die Horrorkomödie boomten, die Leinwand bevölkerten vor allem neue Horrorgestalten wie Freddy Krüger, Jason Vorhees oder Michael Myers. Nichts desto Trotz gab es eine Handvoll Vampirfilme, welche die Thematik auch in der Gegenwart ansiedelten und vor allem neue Generationen von Kinozuschauern ansprachen. Der Vampir wurde hip, auch für die MTV Generation.

 

 

THE HUNGER (1983)

Tony Scotts THE HUNGER aus dem Jahr 1983 kann möglicherweise als der erste wirklich moderne Vampirfilm angesehen werden, obwohl er auch die Anfänge des Genres spiegelte wie den Auftritt der Band Bauhaus mit ihrem Hit “Bela Lugosis Dead”. Mit Lugosi hatten die Vampire in THE HUNGER nicht viel gemein, David Bowie und Catherine Deneuve spielten gealterte Blutsauger im Moloch des modernen New York in einer Zeit von AIDS. Holzpflöcke und Knoblauch schienen ausgedient, in THE HUNGER ging es um Vergänglichkeit, Abhängigkeit und sexuelle Obsession.

 

 

Kultstatus erreicht 1985 die Vampirkomödie FRIGHT NIGHT von Tom Holland. Auch dieser Film ist ein Beweis, dass eine Horrorkomödie durchaus gruselig und beängstigend sein kann. In Charlies Nachbarschaft zieht ein Vampir, der junge Schüler und seine Freunde wollen den Blutsauger stellen und erbitten dafür Hilfe des alten TV-Vampirjägers Peter Vincent, der sich jedoch als Feigling herausstellt. FRIGHT NIGHT – DIE RABENSCHWARZE NACHT und auch die Fortsetzung MEIN NACHBAR, DER VAMPIR von 1988 gehören zu den besten Vampirfilmen der Neuzeit und schafften es, auch jüngere Generationen von Vampiren zu begeistern.

 

 

NEAR DARK (1987), FRIGHT NIGHT (1985), THE LOST BOYS (1987)

 

 

Grund für den Erfolg dieser neuen Welle von Vampirfilmen waren die jungen Hauptfiguren mit den Belangen ihrer Zeit. Comics, Videogames, Motorräder, Mutproben, all das war näher am Puls der Zeit, alte Schlösser und Gruften schienen ausgedient. Den Vampir so zentral in die Gegenwart zu versetzen, war etwas Neues. Dracula jagte zwar auch Minimädchen, er blieb aber der alte Graf, ein Gefangener seiner eigenen Unsterblichkeit. Aber Vampire wie Jerry Dandrige (Chris Sarandon) oder David (Kiefer Sutherland) waren Kinder der Neuzeit. Sie mussten skrupelloser sein, weil die Gegenwart nicht mehr an Vampire glaubte.

 

 

Mit dem Erfolg von BRAM STOKERS DRACULA 1992 aber schien das Rad der Zeit wieder zurückgedreht zu werden. Zwar waren die Neunziger für den Vampirfilm von größerer Bedeutung als die 80er Jahre, doch schien es so, als wäre die moderne Phase der Blutsauger nur von kurzer Dauer gewesen. In der Tat regierten im Kino wieder klassische Vampire, zum Beispiel in INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR. Aber dann öffnete sich der Vampirfilm neuen Projektionsflächen mit Filmen wie FROM DUSK TILL DAWN.

 

 

INTERVIEW WITH THE VAMPIRE (1994), FROM DUSK TILL DAWN (1996), BLADE (1998)

 

 

Doch es war nicht allein das Vermischen mit anderen Subgenres, trotz anderem Setting und Dramaturgie blieben die Vampire ab 2000 in ihrer Ikonographie stecken. Was es bedurfte, war eine mehr philosophische Herangehensweise an Stoff und Klischee. Das Innenleben des Vampirs wurde neu hinterfragt, das Ergebnis waren zuerst verhaltene Arthaus Experimente wie THE ADDICTION von Abel Ferrera oder DIE EINSAMKEIT DER KROKODILE. Der Vampirfilm ging ab 2000 in drei Richtungen.

 

 

Natürlich wurden noch Unmengen an Trashfilmen um Vampire gedreht, die vor allem auf dem Heimkinosektor erfolgreich waren. Fortsetzungs- und Remakewellen von FROM DUSK TILL DAWN über BLADE, THE LOST BOYS bis zu FRIGHT NIGHT waren unterhaltsam, aber wenig innovativ. Vampire wurden wieder zu Massenware.

 

 

Therapie für einen Vampir

 

Zugute halten muss man dem Vampirfilm ab 2000, dass er sich teilweise von der klassischen Vampirfigur als Verführer trennte und mehr den animalischen Aspekt thematisierte, und somit näher an Murnaus NOSFERATU Interpretation war. Der Vampir wurde wieder mehr zum Raubtier, zur Bestie und zum Monster. Die Vampire in 30 DAYS OF NIGHT waren wilde Tiere wie ein Rudel Wölfe, auch optisch glichen sie eher Nosferatu als Dracula.

 

30 DAYS OF NIGHT (2007)

Auch in John Carpenters VAMPIRES hat man es mit wesentlich brutaleren Kreaturen zu tun als in den Jahrzehnten zuvor. Der Vampir musste von innen heraus neu erfunden werden, das unterschied ihn vom Werwolf, der sich eher effekttechnisch über die Jahre veränderte und bedrohlicher wurde.

 

Ein Vampir blieb ein Vampir, Augen, Zähne, Fingernägel, optisch konnte der Vampir mit anderen Horrorgestalten, die sich über die Jahrzehnte veränderten, nicht mithalten. Vielleicht war das der Grund, warum der Vampir ab 2000 wieder vermehrt zum Raubtier wurde. In BLADE mussten es nun besondere Mäuler sein, die mehr einem Haigebiss ähnelten, in STAKE LAND waren die Vampire eher herumziehende Zombies.

 

 

Aber es gab und gibt auch Ausnahmen. Ein weiterer Meilenstein für den Vampirfilm erschien im Jahr 2008 mit dem schwedischen Vampirdrama SO FINSTER DIE NACHT. Der Film mischte konsequent einen Vampirfilm mit Coming-of-Age-Elementen und machte einen Kindvampir zur Hauptfigur. Dieses Durchbrechen der vampirischen Echokammer, in der es bislang nur um Blutdurst und Schwermut ging, verhalf dem Vampirfilm in Teilen zu einer neuen erzählerischen Ebene.

 

SO FINSTER DIE NACHT (2008), ONLY LOVERS LEFT ALIVE (2013), A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT (2015)

 

Nachdem in den Siebzigern aktuelle politische und gesellschaftliche Themen in den Vampirfilm Einzug hielten, gingen manche Filme nach SO FINSTER DIE NACHT, der auch das Thema Pädophilie spiegelte, neue clevere wie kontroverse Wege.

 

 

In den letzten Jahren wurde die Vampirfigur mehr und mehr modernisiert und ihre Motive neu hinterfragt, Religion in THIRST, Gesellschaft in DAYBREAKERS, Vergänglichkeit in ONLY LOVERS LEFT ALIVE. Auch wenn man es nicht glauben mag nach hunderten von Vampirfilmen, es gibt noch Innovationen im Subgenre und Filmen wie A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT oder THE TRANSFIGURATION. Einige der besten Vampirfilme sind in den letzten zehn Jahren entstanden, trotzdem hat der Vampirfilm heute einen eher zweifelhaften Ruf.

 

 

 

Schatz, pfähl du sie…

 

 

Durch den Erfolg der “Twilight” Bücher von Stephenie Meyer wurden Vampire plötzlich für ein junges, weibliches Publikum beliebt. Es sprossen weitere Young Adult Versionen um Blutsauger aus dem Boden, vor allem im Fernsehen, wo Serien wie THE VAMPIRE DIARIES und TRUE BLOOD in Endlosstaffeln laufen. Gern wird heute jeder Vampir über diesen Kamm gepfählt, Vampire seien verweichlicht, zahnlos und…sie glitzern? Aber man tut dem Vampir der Neuzeit Unrecht, ihn nur auf TWILIGHT zu reduzieren.

 

 

Denn bereits Kinder waren schon immer begeistert von Blutsaugern, meine Generation ist mit der Serie DER KLEINE VAMPIR aufgewachsen, mit Rüdiger und dem großartigen Gert Fröbe als Geiermeier. Heute schauen bereits die Jüngsten gern DIE VAMPIRSCHWESTERN oder DIE SCHULE DER KLEINEN VAMPIRE. Auch der Animationsfilm hat sich dem Vampir angenommen, bereits 1985 debütierte VAMPIRE HUNTER D, es gibt unzählige Animeserien um Vampire, darunter auch eine CASTELVANIA Verfilmung via Netflix. Der Vampir machte sich jedwede Zielgruppe zu eigen. Während junge Mädchen dem Glitzervampir Edward verfielen, ergötzten sich die Jungs am hautengen Lackoutfit der Vampirin Selene aus der UNDERWORLD Reihe.

 

 

 

Vampire und Vampirjäger in BUFFY

Doch es gibt ihn noch, den bedrohlichen Vampir, wie auch den philosophischen Beißer und den klassischen Graf Dracula. Und auch wenn man es nicht glauben mag, aber es gibt auch noch interessante Aspekte, die noch nicht erzählt wurden über das Vampirdasein, vor allem innerhalb der Serienrevolution. Bereits zwischen 1966 und 1971 lief mit Serie DARK SHADOWS eine Art Vampirsoap. 1997 nahm sich die Serie BUFFY der Vampirthematik an, schuf mit Sara Michelle Gellars Figur einen fantastischen weiblichen Van Helsing und legte mit Figuren wie Angel oder Spike den Grundstein für die späteren Edward Cullens der TWILIGHT Filme.

 

 

 

Vampir Cassidy in PREACHER

Mit THE STRAIN produzierte Guilermo Del Toro eine gleichermaßen altmodische wie moderne Vampirserie, PENNY DREADFUL geht ganz klassisch ans Werk und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in die Geburtsstunde des Vampirfilms und auch Dracula darf endlich in seiner eigenen TV-Show die Beißerchen in Frauenhälse rammen.

 

Der interessanteste Vampir der Neuzeit stammt aus der Serie PREACHER, es handelt sich um die Figur Cassidy, die bereits einige hundert Jahre alt, aber natürlich wie ein Dreißigjähriger aussieht. In der zweiten Staffel trifft er auf einen alten Mann namens Denis, von dem man annimmt, der sei Cassidys Vater. Doch eigentlich ist Denis Cassidys Sohn, weil ein Vampir nun mal nicht altert, was zu einer interessanten Figurenkonstellation führt.

 

 

 

Die inhaltlichen Gesetzmäßigkeiten des Vampirfilms bieten also noch genug Möglichkeiten, diese alte Legende neu zu durchdenken. Nur wenige Filme tun das, meist herrscht das eherne Klischee vor um den untoten Sauger. Manchmal ist er reumütig, manchmal depressiv, aber ein Vampir kann nicht aus seiner Haut. Diese langlebige, ja unsterbliche Figur wird in Filmen und Serien weiterhin eine Rolle spielen, selbst wenn man sie nicht neu erfinden kann, da sie festen Genreregeln folgt.

 

 

Man kann den Vampir immer wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Innerhalb der Phantastik scheint die Sache klar, unter den Horrorwesen bleibt der Vampir die ewige Nummer Eins. Keine Figur vereint in diesem Maße unheilvolles Schicksal, bittersüße Tragik und Sehnsucht. Der Vampir ist Raubtier, Liebhaber, Schöpfer, Abhängiger, König und Bettelmann. Er wird unsterblich bleiben, nicht nur im Film, sondern in der gesamten Popkultur.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

One Comment

  1. Antworten

    […] den Typ als „La Belle Dame sans Merci“. Aber man kennt auch noch andere Ausdrücke. Vamp zum Beispiel, in Anlehnung an Vampire, jenen blutsaugenden, verführerischen Wesen, denen man besser nicht nach Sonnenuntergang begegnet. […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de