Die kleine Genrefibel Teil 27: Femme Fatale

Herzlich willkommen zurück zu einer neuen Ausgabe von Spiegel TV…nee, moment…der Kleinen Genrefibel. Rückblickend betrachtet war die letzte Folge SILENTIUM vielleicht doch nicht so eine gute Idee. Das nahezu wortlose Konzept hätte ich mir aufsparen sollen. Warum hab ich nicht über Buster Keaton oder Charlie Chaplin geschrieben und dafür in der heutigen Folge lediglich Bilder sprechen lassen? Denn heute ist es soweit, liebe Genrefreunde, nach Tieren, Pflanzen, Drogen, Zeitreisen, Atombomben und Serienkillern beschäftigen wir uns mit der Wurzel allen Übels, sowohl im Film als auch im echten Leben, was immer das auch heißen mag: Frauen. Das wird sicher nicht einfach, die Gefahr ist groß, sich verbal zu vergaloppieren. Damit das nicht passiert, gilt heute Dienst nach Vorschrift. Setzen wir uns mit der gegebenen Thematik vorrangig akademisch auseinander und lassen Emotionen besser draußen. Denn Draußen ist es kalt und da passen die gut hin.

 

 

La Belle Dame sans Merci

 

“Kino heißt, schöne Frauen schöne Dinge tun lassen” ist ein Zitat von Francois Truffaut und es stimmt leider nur zum Teil. Denn die Geschichte des Kinos lehrt uns, dass Frauen in Filmen auch ganz gern sehr unschöne Dinge tun. Und schon sind wir beinahe in einer regelrechten Stammtischunterhaltung, wo alle Frauen über einen Lockenwickler geschert werden. Dabei rede ich gar nicht von Frauen, sondern von Figuren. Figuren können über stempelhafte Typisierungen funktionieren, Held, Antagonist, Mentor – meist schlägt man sich im Stoffentwicklungsprozess mit diesen Schlagwörtern herum, Figurentypen sind das deshalb aber noch nicht.

 

 

Ava Lord (Eva Green) in SIN CITY – A DAME TO KILL FOR (2014)

 

Eine Typisierung, ein Gepräge der Figuren ist wesentlich komplexer, denn an ihnen haften feste Charaktereigenschaften und Merkmale, die in verschiedenen Genres immer wieder auftauchen. Ein Held in einer Geschichte ist keine wirkliche Typisierung, vielmehr spricht man von Figuren eines Typus Faust, ein Don Juan oder ein Ödipus. Helden können die immer noch sein. Typus Faust, Don Juan, Ödipus – zwei von drei dieser Typen sind sexuell motiviert, denn nicht immer ist es zutreffend, dass Frauentypen ausschließlich auf ihre Sexualität reduziert werden. Aber leider fast ausschließlich: Typus Lolita, Typus Dirne und natürlich der Typus Femme Fatale.

 

Der Begriff Femme Fatale kommt aus dem Französischen, woher auch sonst. Wörtlich übersetzt handelt es sich dabei um eine “Verhängnisvolle Frau”. Nun könnte man argumentieren, dass jeder Frau ein Hauch des Verhängnisvollen anhaftet wie Distelköpfe an Wollpullovern. Die Typisierung einer Femme Fatale aber geht noch weiter. Eine Begegnung mit ihr sei schicksalhaft, unheilbringend, sagt es der Volksmund. Sie ist attraktiv, verführerisch, manipulierend, unmoralisch, diabolisch.

 

 

Einer Femme Fatale, und das ist das Fatale, verfällt Mann. Der Dichter John Keats bezeichnet den Typ als “La Belle Dame sans Merci”. Aber man kennt auch noch andere Ausdrücke. Vamp zum Beispiel, in Anlehnung an Vampire, jenen blutsaugenden, verführerischen Wesen, denen man besser nicht nach Sonnenuntergang begegnet. Das Gegenteil einer Femme Fatale ist die Femme Fragile, die es zu beschützen gilt. Die Femme Fatale hingegen ist eine starke Persönlichkeit, zumindest nach außen.

 

Trotzdem sollte man sie nicht unbedingt verwechseln mit dem Typus Amazone, die zwar auch eine kämpferische Natur ist, aber über andere Waffen verfügt. Eine Ellen Ripley ist keine Catherine Tramell. Was aber ist mit fatalen Frauenzimmern wie Anni Wilkes (Kathy Bates aus MISERY) oder Hayley Stark (Ellen Page in HARD CANDY)? Erfüllen sie überhaupt die Kriterien einer Femme Fatale, nur weil sie keine langen Beine und wallendes, gelocktes Haar bis zum Poansatz haben?

 

 

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Eine Femme Fatale im Film ist ein komplexes Wesen. Ins Genrekonzept passt sie nur bedingt hinein. Denn Subgenres, die sich über ihre Figurentypisierungen definieren, sind relativ selten. Aus diesem Grund findet man auch eher Listen im Internet, welche die besten Femme Fatales in Filmen präsentieren. Verhängnisvolle Frauenzimmer sind in allerlei Genres beheimatet. Trotzdem hat sich zumindest der Film Noir der vierziger Jahre den Typus Femme Fatale auch als Subgenrebezeichnung einverleibt.

 

Später dann wird die Sache diffuser, auch gesellschaftspolitisch ist die Rolle der Frau im Film nicht ganz so einfach wie vergleichsweise die klare Männerdomäne Cop Movie. Denn man muss anmerken, dass die Femme Fatale im Film nur bedingt eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft darstellt.

 

 

FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT ist eine fantastische Hommage an den Film Noir der 40er Jahre – inklusive einer der besten Femme Fatales: Jessica Rabbit.

 

Warum waren aber die vierziger Jahre und der Film Noir eine solche Ära für starke, ambivalente Frauenfiguren? Hat das emanzipatorische Gründe? Eher nicht. Denn man vergisst oft den Fakt, dass Filme, besonders zu dieser Zeit, nahezu reines Männerhandwerk waren. So ist die Femme Fatale in Filmen kein Aufbegehren der Weiblichkeit im Kontext der Kunst, sondern eher eine maskuline Wunschvorstellung, eine Projektion. Filme über Femme Fatales sind nicht feministischer Natur.

 

Sie sind eher ein Zeichen von männlicher Angst vor dem Unvorhersehbarem. So nimmt die Femme Fatale auch eher männliche Eigenschaften an und verdrängt den Mann aus seiner vorbestimmten Position. Ist die Femme Fatale aber nun wirklich ausschließlich aus der Furcht der Männer vor Verdrängung heraus entstanden? Welch Verharmlosung! Denn der Typus Femme Fatale hat Spuren in der Kunstgeschichte schon vom Anbeginn der Menschwerdung hinterlassen.

 

 

A Fool There Was

 

“Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie als Mann und Weib.” Erstes Buch Mose Genesis. Adam und Eva lebten seither zufrieden im Garten Eden, ein Ort, an dem heute das Freizeitland Geiselwind steht. Wer im Garten Eden letztendlich wen verführt hat, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu naschen, es blieb an der Frau hängen. Eva, die erste überlieferte Angelina Jolie, schiebt natürlich die Schuld weg, die alte Schlange war´s und beide wurden aus dem Paradies vertrieben. Adam musste nun Ackerbau betreiben, was ihn ziemlich genervt hat, aber beide zeugten dennoch die Kinder Set, Kain und Abel, wobei letzterer von seinem Bruder Kain erschlagen wurde. Und so weiter. Seitdem machen Frauen in der Geschichte immer mal wieder fatale Fehler. Helena von Troja ließ sich von Paris entführen, was einen Krieg auslöste.

 

Adam un Eva im Paradies, Pandora, Helena von Troja, die Loreley, Oper Carmen, Fern Adra (GENUINE 1920)

 

Auch Pandora gilt als schönes Übel, eine Verführerin. Ihr folgten Lilith, die Sirenen, die Loreley. Dichter besungen sie, Komponisten widmeten ihnen Opern und Arien. Von Eva zu Mata Hari, die Liste an biblischen, mythologischen und realen Femme Fatales ist lang, dass es nicht verwunderlich ist, dass dieser Typus auch seit Anbeginn des Filmzeitalters präsent war.

 

Bereits in der Stummfilmzeit begegnete man manch verhängnisvollem Frauenzimmer. Eine der ersten Stars dieses Gepräges war Theda Bara, die zum Sexsymbol des Stummfilms wurde. Der Film A FOOL THERE WAS von 1915 begründete den Begriff Vamp für eine Frau, die Männer systematisch verführte und in den Abgrund trieb. Bara spielte viele Rollen der Literaturgeschichte, die man als Femme Fatales bezeichnen kann: Kleopatra, Carmen, Salome.

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In Deutschland waren es Stars wie Pola Negri in Filmen von Ernst Lubitsch oder Fern Andra aus Robert Wienes GENUINE. Für den Stummfilm war es relativ leicht möglich, den Charakter einer Femme Fatale zu visualisieren, denn allein ihre optischen Reize konnte Männer um den Verstand bringen. Ein Blick, ein Hüftschwung, dafür war kein Ton von Nöten. Trotzdem begann der Siegeszug der Femme Fatale erst im Film Noir der vierziger Jahre.

 

 

Als amerikanischen Film Noir bezeichnet man eine Reihe von Filmen zwischen 1941 und 1958, die unter anderem vom deutschen Expressionismus, französischem Vorkriegsfilm und amerikanischem Gangsterfilm beeinflusst waren. Neben technischen Aspekten ist der Film Noir vor allen von Figuren geprägt. Zum männlichen Typus des Antihelden, der verbitterte Beschützer, meist in Form eines Polizisten oder Privatdetektives, gesellt sich die Frau als zentrale Figur in der Geschichte. Es ist die Frau, die Femme Fatale, die sich nicht unbedingt als solche zu erkennen geben muss, die die Story auslöst oder initiiert. Meist treibt sie doppeltes Ränkespiel, sie intrigiert, manipuliert und Männer, die sich ihrer femininen Fatalität bewusst werden, verfallen ihnen trotzdem.

 

 

Orson Welles macht Ex-Ehefrau Rita Hayworth zur ultimativen Femme Fatale in DIE LADY VON SHANGHAI

 

Mit ihnen zahlreiche Kinogänger, denn auf der Leinwand sind Femme Fatales ungemein anziehend, besonders im Film Noir. Die Femme Fatale im Film Noir hat sich nicht aus einer Emanzipation der Frau in der Gesellschaft entwickelt. Die Femme Fatale kommt direkt aus dem Kopf eines Mannes, der hin und hergerissen zwischen den Polen “Brave Hausfrau” und “Verführerische Exotin” nicht wirklich im Stande ist, zu wissen, was er will. Die Femme Fatale ist eine Sehnsucht und gleichzeitig eine Warnung. “Trau ihr nicht, oder es ist dein Untergang!”

 

Der Film Noir ist aus diesem Grund auch heute ungemein faszinierend anzuschauen, weil diese charakterliche Tiefe und die filmische Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht später wieder aufgeweicht ist. Nach den großen Klassikern des Film Noir, die auch heute noch die größten Klassiker im Bereich Femme Fatale sind (DIE SPUR DES FALKEN, GILDA, THE KILLERS), folgten Jahrzehnte der weiblichen Identitätssuche. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren gibt es nur vereinzelt herausragende Filme um Femme Fatales. Warum ist das so?

 

 

Wie sieht es aus im Innern einer Frau?

 

Der plausibelste Grund ist natürlich der, dass nach den vierziger Jahren mit all den depressiven Antihelden der positive männliche Held im Kino den größten Platz einnahm und an dessen Seite sich nun eher der Typus “Bondgirl” befand. Aber es gibt auch noch andere Gründe, die ganz interessant sind – Farbfilmmaterial. Entgegen dem düsteren Film Noir, bei dem die optische Bildgestaltung auch zur Charakterisierung beitrug, hatte der Farbfilm ab den fünfziger Jahren andere Prioritäten. Leinwandstars wie Marilyn Monroe, Grace Kelly oder Audrey Hepburn verhalf der Farbfilm zu Glamour und Glitzer.

 

Plötzlich gab es weniger Femme Fatales als Diven oder Biester wie Elizabeth Taylor. Ein weiterer Grund ist aber auch, dass mit zunehmender feministischer Emanzipation auch das alte Rollenbild der Femme Fatale aus den Köpfen von männlichen Regisseuren wich. Zudem waren die fünfziger und sechziger Jahre auch eher wegen zugeknöpfter Prüderie bekannt, auch im Film. Erst ab den 70ern gewann die Frau andere Rollentypen, die aber nicht mit klassischen Femme Fatales vergleichbar waren.

 

Im Bereich Exploitation war es vor allem Pam Grier, die einen neuen Frauentypus verkörperte, der sich zwar ihrer manipulativen Reize entledigte, aber nicht mehr ausschließlich von außen betrachtet wurde. Denn im Film Noir der vierziger Jahre war die Erzählperspektive ausschließlich männlich. Das kam dramaturgisch auch dem Typus Femme Fatale entgegen, denn Mann und Zuschauer tappen gemeinschaftlich in die verlockende Falle. Es ist eine rein männliche Subjektive, die dazu führt, dass Mann sich keinen Reim auf das Verhalten der Frau machen kann und ihm die finale Wendung oft das Genick bricht.

 

 

In den siebziger Jahren verschob sich nicht nur das Bild der Frau von einer äußeren, männlichen Betrachtung zu einer weiblichen Außen- wie Innensicht, auch die Sexualmoral und die Gewaltbereitschaft veränderten sich. Die klassische Femme Fatale verführt, lockt, verspricht und entzieht. Natürlich schreckt sie auch nicht vor Mord zurück. Welche Beweggründe sie für ihr Handeln hat, ist unterschiedlich. Die Femme Fatale hat ein klares Ziel, dem sie alles andere unterordnet. Woher dieses Ziel kommt, was der Grund für ihr Verhalten ist, variiert. Denn eine Femme Fatale tut sich auch immer selbst weh, setzt sich selbst Schmerz aus, ist oft unfähig zu wahrer Liebe, aus Enttäuschung oder Verletzung heraus. Am Ende steht meist Tod oder Gefängnis. In den Jahren nach dem amerikanischen Film Noir spitzte sich das erst ab Anfang der achtziger Jahre wieder zu.

 

 

Ein Douglas sie zu knechten…

 

Möglicherweise bedurfte es eines Ausgleiches, denn ab den achtziger Jahren veränderten sich viele Typisierungen von Figuren. Nehmen wir als Beispiel die Genrefibel Teil 21: Cop Movies. War der Cop in den siebziger Jahren ein geprägter Antiheld, mit Zweifeln, Depressionen, Ängsten, wandelte sich dieser Typus ab 1980 in einen sorgenfreieren, humoristischeren Typus – den des Actionhelden. Auch wenn es wenige Beispiele für starke Frauenfiguren in den achtziger Jahren gibt, auch der Frauentypus zog nach. Aber Frauen mit Knarren oder Lasergewehren waren eher Amazonen als Femme Fatales. Vielleicht war das der Grund, warum ab 1980 eine verstärkte Rückkehr zur Femme Fatale des Film Noirs begann. Und wie Schwarzenegger, Stallone, Willis oder Russel typische Actionhelden jener Zeit waren, kristallisierten sich auch weibliche Stars ob ihrer Reize als elegante Männerfresser heraus.

 

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In den Achtzigern waren das vor allem Kim Basinger, Glenn Close, Michelle Pfeiffer, Kathleen Turner und Ellen Barkin. Ironischerweise waren es auch immer die gleichen Typen Mann, die jenen Frauen erlagen, allen voran Richard Gere, William Hurt, Don Johnson, Jeff Bridges, also eigentlich Prachtstücke von Kerlen, die normalerweise Frauen dahin schmelzen lassen wie Schnee auf einen V8-Motor.

 

 

Wie das filmgeschichtlich so ist, gab es einen Markstein des Genres, der die Femme Fatale Anfang der neunziger Jahre wieder vollends reanimierte. Der Film BASIC INSTINCT gilt als Klassiker, Sharon Stone als Inbegriff der diabolischen Verführung.

 

 

Sharon Stone in BASIC INSTINCT (1992)

 

Dank des überragenden Erfolges war es nun vorrangig an einem Mann, der Macht der Weiblichkeit zu erliegen und in ihr zu vergehen: Michael Douglas. Der wurde schon in EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE, dann auch noch in ENTHÜLLUNG und in EIN PERFEKTER MORD von Frauen aufs sprichwörtliche Kreuz gelegt. Natürlich ist eine Femme Fatale nur so gut wie der Mann, an dem sie sich abarbeitet. Es muss vor allem für Frauen eine Genugtuung gewesen sein, aalglatte Weiberhelden wie Gere, Johnson oder Douglas leiden zu sehen. Für Männer hingegen war es wohl Lust und Qual zu gleich. Eine verhängnisvolle Affäre, das wünschten sich wohl viele. Solange sie keine Kaninchen umbringt…

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Die Achtziger und Neunziger sind ein Füllhorn an interessanten Femme Fatale Charakteren, die Filme zum Teil ein Spiegel des Film Noir. Zwei der faszinierendsten Femme Fatales des modernen Film Noir sind für mich Jessica Rabbit aus FALSCHES SPIEL UM ROGER RABBIT (1988) und Catwoman aus BATMANS RÜCKKEHR, zwei ultimative Männerfresserinnen. Auch Regisseur David Lynch thematisiert in seinen Filmen gern und oft zwielichtige Frauenfiguren, von BLUE VELVET über WILD AT HEART bis zu Laura Palmer in TWIN PEAKS.

 

Nach Pfeiffer, Basinger und Stone wurden in den Neunzigern vor allem Linda Fiorentiono (DIE LETZTE VERFÜHRUNG, JADE), Jennifer Tilly und Gina Gershon (BOUND) und Rebecca De Mornay (DIE HAND AN DER WIEGE, JENSEITS DER UNSCHULD) bekannt und berüchtigt. Aber auch Jungspunde wie Sarah Michelle Gellar (EISKALTE ENGEL), Drew Barrymore (POISON IVY) und letztlich Angelina Jolie (HACKERS) traten in die Fußspuren weiblicher Fatalisten.

 

 

Neve Campbell und Denise Richards im Alptraum des rechtschaffenden Mannes WILD THINGS 1998

 

 

Femme Fatale aus dem All

 

Heute, so viel steht fest, ist der Inbegriff einer Femme Fatale untrennbar mit dem Namen Scarlett Johansson verbunden. Sag ich jetzt. Aber die Hinweise sind nicht zu übersehen und sie wird auch nicht grundlos für Rollen in Filmen wie MATCH POINT, THE BLACK DAHLIA oder THE SPIRIT besetzt, hinter Rollennamen wie Black Widow, als verführerische Stimme in HER oder aktuell als männermordendes Alien in UNDER THE SKIN. Letzteres Beispiel ist deswegen ganz interessant, weil es uns noch einen neuen Weg der Behandlung verhängnisvoller Frauen ermöglicht.

 

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So neu ist das allerdings gar nicht. Schon die Bezeichnung “Dämonische Verführerin” deutet an, dass Frau manchmal nicht Herr ihrer Sinne sein muss, um fatale Ereignisse in Gang zu setzen. Frauen, die vom Teufel besessen sind, sind mindestens so gefährlich wie eine frustrierte Hausfrau. Femme Fatales findet man häufig im Thriller und Noir-Bereich, aber auch im phantastischem Sektor zeigen sie Krallen. ALL THE BOYS LOVE MANDY LANE heißt es, und auch JENIFFERS BODY ist Objekt der Begierde (aber nicht der meinigen). Im Horrorfilm darf man den Typus Femme Fatale aber nicht mit dem Survival Girl verwechseln, die eine Wandlung vom braven Mädchen zur Furie durchlebt. Auch ist nicht jede Zicke gleich eine Femme Fatale. Ob Jeniffer Tilly in CHUCKY UND SEINE BRAUT nun eine Femme Fatale oder lediglich eine Schlampe ist, da gehen die Meinungen auseinander.

 

 

THE LOVED ONES (2010)

 

Aber Lola Stone aus THE LOVED ONES ist garantiert eine, auch wenn sie zur Hysterie neigt. Auch in HIGH TENSION und in L´INTERIEUR begegnen wir mörderischen Aktricen, die wesentlich weitergehen als Männer an den Nasen herumzuführen. Krankenschwestern und Ärztinnen sind auch eine gute Wahl für erotisch-tödliche Plots und Stories, hier sei vor allem Katherine Isabelle aus AMERICAN MARY zu erwähnen. Am Ende wissen sogar außerirdische Intelligenzen, wie man die Erde sowie den Mann zum Knecht macht, Mathilda May aus LIFEFORCE hat es vorgemacht, Natasha Henstridge aus SPECIES hat es perfektioniert. Doch letztlich ist keine so verführerisch und tödlich wie Scarlett Johansson in UNDER THE SKIN.

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Femme Fatale. Welch illustres Thema fürwahr und wir haben es geschafft, nicht aus der Rolle zu fallen, persönlich zu werden und alles mit doppeldeutigem Sarkasmus zuzukleistern. Muss ja auch nicht sein, allein der Umstand, über Frauen schreiben zu können und in diesem Zusammenhang den Begriff Typus verwenden zu dürfen, ist eine kleine Genugtuung. Auch hat diese kleine Genrefibel im Gegensatz zu anderen Folgen tatsächlich einen praktischen Gebrauchswert: Trau keiner schönen Frau, im Film nicht und im richtigen Leben erst recht nicht.

 

Wenigstens hat man als Autor die Möglichkeit, sich an dieser Laune der Natur künstlerisch abzuarbeiten. Die großen Autoren und Regisseure haben das getan, vielleicht sind sie jetzt schlauer, ich bezweifle es. Kriege wurden wegen Frauen geführt, die Frau ist ein Brennpunkt in Politik und Wirtschaft, Filme werden gemacht, um Frauen schöne und schreckliche Dinge tun lassen zu können.

 

 

Scarlett Johansson als Männerfresserin in UNDER THE SKIN (2014)

 

Im Film ist das ja auch einfach, nicht wie im wahren Leben, wo eigentlich jede Frau eine Femme Fatale ist. Bevor ich mich letztlich doch noch hinreißen lasse, in eine bierschwangere Stammtischpolemik zu verfallen, schließen wir dieses Kapitel der kleinen Genrefibel und beschäftigen uns das nächste mal wieder mit etwas nicht ganz so bedrohlichem: mit Barbaren. Bis dahin viel Glück da Draußen, wo immer ihr seid. Und Friede allen Männern und Frauen.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

7 Comments

  1. Antworten

    […] Barbaren! Könnte es einen schöneren Kontrast zur Femme Fatale in der letzten Ausgabe geben? Mich erreichten tausende Zuschriften erboster, weiblicher Fans, die […]

  2. Antworten

    […] aber die Bedeutung für die jeweiligen Schauspieler. War es in den vierziger Jahren der Rollentypus Femme Fatale, nahm diesen Platz ab den fünfziger Jahren die Diva ein, die dank des Farbfilms nun auch optisch […]

  3. Antworten

    […] zurück im Genrestreichelzoo. Unsere letzten beiden Fibeln über Männlein und Weiblein waren inhaltlich eher retrospektiv geprägt. Subgenres in einem historischen wie […]

  4. Antworten

    […] Sexualität vor allem mit zwei Genres – Thriller und Dramen. Dem Erotikthriller ging das Subgenre Femme Fatal voraus, welches wir schon besprochen hatten. Oder sind nicht alle bekannten Erotikthriller im […]

  5. Antworten

    […] Die Filme DIE SPUR DES FALKEN, FRAU OHNE GEWISSEN oder LAURA gelten heute als Krimiklassiker, obgleich man sich bewusst ist, dass sie den Krimi um neue Elemente erweiterten, die filmgeschichtlich erst später wieder in anderen Subgenres aufgegriffen wurden (zum Beispiel die Femme Fatal). […]

  6. Antworten

    […] Typus, dem sogenannten Vamp. Der Vamp war die Vorlage für eine neue Frauenfigur im Film, der Femme Fatale. Es bedurfte gar nicht der anderen Eigenschaften des Vampirs, die Zielstrebigkeit und […]

  7. Antworten

    […] Die kleine Genrefibel Teil 27: Femme Fatale « traumfalter filmwerkstatt | stoffentwicklung –… 26. Oktober […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de