Die kleine Genrefibel Teil 30: Anthologia

Nun ist bald Weihnachten, also auch wieder Zeit für eine kleine Weihnachtsfibel. Im letzten Jahr waren es Märchenverfilmungen aus aller Welt und was passt besser zu Weihnachten, als Geschichten zu erzählen. Am Heiligen Abend ist es diese eine Geschichte um den Sohn des Zimmermanns aus der duften Kurzgeschichtensammlung namens Bibel. Doch darum soll es heute nicht gehen. Wir beschäftigen uns in der Weihnachtsausgabe der kleinen Genrefibel Numero 30 mit Anthologien im Bereich Horrorfilm. Wir wollen es mit ausufernden Betrachtungen nicht übertreiben, aber eine Horroranthologie, ein Episoden- oder Omnibusfilm, wie man so schön sagt, ist sowohl geschichtlich als auch dramaturgisch ein wirklich interessantes Gebiet der Genrefeldforschung.

 

 

 

 

Was ist eine Anthologie? Wie oft wurde sie schon verwechselt mit der Anthropologie und man dachte an eine Horde Urmenschen, die Kurzgeschichten verfassten. Der Begriff anthología stammt aus dem Griechischen, bedeutet Blumensammlung und umschreibt das Konzept eines Sammelwerkes ausgewählter Texte. Damit ist der Begriff ursprünglich der Literaturwissenschaft entliehen und er bezeichnet eine spezielle Art der Publikation. Eine Anthologie, das ist eine Sammlung von Texten oder Textauszügen, die unter einem bestimmten Themengebiet ausgewählt und zusammengestellt wurden. Möglicherweise gelten die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm auch als Anthologien, aber vorrangig sind das Gedichtsammlungen, Kurzgeschichten, Erzählungen, Reiseberichte.

 

Episodenfilm versus episodische Erzählweise

 

In der Literatur liegt auch der Zugang zur heutigen Horroranthologie verborgen. Doch muss man kurz noch ganz allgemein auf filmischen Anthologien eingegehen, denn die Horror-Anthologie ist dann nochmal eine Sonderform. Allgemein spricht man im Bereich Film weniger von einer Anthologie als von einem Episodenfilm. Mit Blick auf die literarischen Wurzeln fällt eine Unterscheidung gar nicht so schwer. Ein Episodenfilm ist ein Sammelbehälter für abgeschlossene Kurzgeschichten oder Fragmente von einem oder mehreren Regisseuren. Diese einzelnen Episoden, ob sie nun strikt getrennt oder dramaturgisch verwoben sind, sind allesamt einem bestimmten Thema zugeordnet.

Märchensammlung der Gebrüder Grimm, Edgar Allan Poe, Reinhold Schünzel, Conrad Veidt, Unheimliche Geschichten, THE LIVING DEAD, FLESH AND FANTASY (1943)

 

Sie können mit einander verbunden sein, inhaltlich, erzählerisch oder durch einen entsprechenden Rahmen. Sie müssen es aber nicht. Wir sprechen im Fall von DER GRAUENVOLLE MR.X aus dem Jahr 1962 von einer klassischen Horror-Anthologie, L.A.CRASH von Paul Higgis wird als Episodenfilm bezeichnet. SHORT CUTS, NIGHT ON EARTH oder FOUR ROOMS, das alles sind Episodenfilme, die weniger stark abgegrenzte Einzelteile besitzen, alle einem Thema unterstellt sind, aber auch keine typischen Anthologien darstellen.

 

Der Begriff Omnibusfilm, den ich relativ dämlich finde, soll hingegen wohl ausdrücken, dass der Film ein Gefährt für verschiedene Insassen darstellt. Compilation, Portmanteaufilm, compendium film, all diese Begriffe meinen eigentlich das Gleiche. Was ist nun aber bei einem Horror-Anthologiefilm anders?

 

Die Ursprünge von Horror-Anthologien liegen einerseits im Bereich von Sammlungen von Märchen, Sagen oder historischen Begebenheiten, speziell aber bei den Urvätern der phantastischen Literatur, Edgar Allan Poe und Howard Phillip Lovecraft. Beide Autoren haben im 19. bzw. 20. Jahrhundert vorrangig Kurzgeschichten verfasst, die in Magazinen und Zeitungen verlegt wurden.

 

 

UNHEIMLICHE GESCHICHTEN (D, 1919) von Richard Oswald mit Conrad Veith

 

1839 erschien die erste Textsammlung von Edgar A. Poe mit dem Titel Tales of the Grotesque and Arabesque, während Lovecraft zu Beginn der zwanziger Jahre Kurzgeschichten im Weird Magazine veröffentlichte, die anfangs auch stark von Poe inspiriert waren. Doch mehr als Lovecraft stand Edgar Allan Poe Pate für künftige Horrorsammlungen im Bereich Film, und so wurde innerhalb der ersten Horror-Anthologie UNHEIMLICHE GESCHICHTEN 1919 auch eine Kurzgeschichte von Poe, Die schwarze Katze verfilmt.

 

Die Anatomie der Anthologie

Eine Horror-Anthologie hat seitdem mehr oder minder feste Eigenschaften. So bestehen solche Kontrukte aus mindestens zwei Kurzfilmsegmenten, für gewöhnlich aber sind es drei, manchmal vier oder fünf. Eine der neusten Auswüchse im Bereich Horror-Anthologien stellen die ABCS OF DEATH – Filme dar, die insgesamt 26 Kurzfilmsegmente haben. Das klassische Bild aber vermittelt ein neunzig minütiger Film mit drei Kurzgeschichten á 30 Minuten, das Ganze zusammengehalten von einer filmischen Klammer.

 

 

Diese filmische Klammer ist kein Muss, aber sie ist stilprägend für den Anthologiefilm. Dabei kann eine solche Klammer vieles sein und nicht das, woran man zuerst denkt. Der klassischste Rahmen ist der des Erzählers, ob nun im Bild oder nicht. Jener Erzähler übernimmt dann die Rolle des Märchenonkels, der am Bett der Kinderschar Märchen oder Gruselgeschichten zum Einschlafen vorliest. “Es war einmal…” Die Rolle eines solchen Erzählers wird in Horror-Anthologien oft gewitzt variiert.

 

Man kennt zum Beispiel den Cryptkeeper aus der Reihe TALES FROM THE CRYPT, die eigentlich keinen Horror-Anthologie-Film darstellen, weil es vielmehr eine Fernsehserie war. Aber diese Figur trifft den Klammererzähler eigentlich am Besten. Doch auch lediglich eine Stimme, ein Voice Over, kann als Rahmen fungieren. Im Bereich Horror-Anthologie sind die filmischen Klammern sehr oft recht kreativ eingesetzt worden. Es gibt Rahmenhandlungen als Comic (CREEPSHOW), als zusammenhängende Rahmenepisode (TALES FROM THE DARKSIDE), als Strukturkonzept (THE ABCS OF DEATH) oder als Ausgangs- und Eckpunkt für andere Geschichten (TRICK ´R TREAT).

 

Ein filmischer bzw. erzählerischer Rahmen ist bei der Horror-Anthologie keine Spielerei, sondern dem Konzept verschuldet, den Zuschauer besser durch die einzelnen Segmente zu dirigieren.

 

Er kann aber noch mehr, der Rahmen kann Spannung generieren, belustigen, neugierig machen, schachteln. Eine Horror-Anthologie hat deshalb immer etwas rundes, etwas strukturiertes, ist selten langweilig und vielleicht deshalb so beliebt. Auch dramaturgisch ist das ganz clever, denn eine Horror-Anthologie muss mehrfach Spannungsbögen aufbauen. Als Gesamtkonzept ist so ein Omnbus-Horrorfilm fantastisch. Nur müssen dazu nicht nur der Rahmen, sondern auch die Einzelsegmente funktionieren. Da gibt es dann meist die größeren Probleme.

 

Horror-Anthologien enthalten meist Geschichten, die twistorientiert sind, auf eine Pointe hinauslaufen und oder eine bittere Ironie für die Hauptfigur beinhalten. Das liegt auch zum Teil am dramaturgischen Konzept, selten funktionieren positive Auflösungen in der Charakterentwicklung, weil entschieden Zeit fehlt. Oft sind solche Segmente schwarzhumorig und enden bittersüß, denn das liegt in der DNA eines Kurzfilms verborgen. In 30 Minuten kann man keine klassische Dramaturgie aufziehen.

 

Pointiertes Erzählen ist typisch für die Horror-Anthologie, wohl auch deshalb, weil makabere Auflösungen zu Horrorgeschichten passen wie Ketchup auf Pommes. Geht man an einen Horror-Episodenfilm völlig unironisch heran, kann man faktisch nur verlieren.

 

 

Der Troll aus dem dritten Segment von KATZENAUGE (1985)

 

 

Und noch etwas ist entscheidend für eine gelungene Anthologie – die Gewichtung der Einzelsegmente. Wer selbst eine Anthologie entwickeln will, dem kann ich nur folgendes raten: Starte fulminant! Die erste Episode muss fesseln und sowohl Tonalität vorgeben als auch das Gesamtkonzept begreiflich machen. Dazu gehört auch die Klammer, auf die man sich nach jeder Episode freuen muss, inklusive dem Gefühl, gespannt zu sein, was als nächstes kommt. Hat man einen solchen fulminanten Start gefunden, kann man mit der zweiten Episode mehr wagen, mehr riskieren.

 

Die zweite Episode, das erfährt man aus jahrelanger Analyse, ist in vielen Fällen von Horror-Anthologien eher ungewöhnlich und traut sich mehr. Doch am wichtigsten ist der Schluss, die letzte Episode. Diese muss der Höhepunkt sein, denn mit ihr wird man den Film als Ganzes bewerten. Viele Anthologien machen das auch richtig und präsentieren mit der letzten Episode den stärksten Beitrag (TALES FROM THE DARKSIDE, CAT´S EYE). Und selbstverständlich muss die filmische Rahmenklammer am Ende auch gut schließen.

 

Das ist jetzt alles bezogen auf Anthologien mit drei Kurzfilmsegmenten. Ich halte das auch für den Königsweg dieser Profession, aber das ist Geschmackssache. Je mehr Segmente eine Anthologie hat, desto länger wird entweder der ganze Film oder desto kürzer fallen die einzelnen Episoden aus.

 

Unterschiedliche Animationssegmente in PEUR(S) DU NOIR

Ironische Enden in Segmenten von THE ABC’S OF DEATH

 

Das kann funktionieren (THE ABCS OF DEATH), manchmal aber auch nicht (THE THEATRE BIZARRE). Filme mit nur zwei Segmenten sind eher selten (TWO EVIL EYES), Filme mit nur einem Segment gibts dann aber wieder Unmengen, aber die gehören hier nicht hin. Manchmal übertreibt es eine Anthologie mit filmischen Klammern (FEAR(S) OF THE DARK), manchmal ist der Erzähler unerträglich (NITE TALES). Trotzdem, eine Horror-Anthologie steht meist für ein kurzweiliges Filmvergnügen. Klar gibt es auch viel Anthologie-Schrott da draußen, aber die Crème de la Crème ist hier brav versammelt und wartet darauf, verzehrt zu werden.

 

 

Willkommen in der Twilight-Zone

 

Historisch war der Anthologiefilm im Bereich Horror eigentlich immer vertreten. Nachdem genretechnisch wieder einmal viel von Deutschland ausging (UNHEIMLICHE GESCHICHTEN, DAS WACHSFIGURENKABINETT) folgten in den vierziger Jahren ein paar interessante amerikanische Streifen (DR. TERROR´S HOUSE OF HORROR), doch so richtig ging es erst in den sechziger Jahre los, als sich Horror-Trash-Papst Roger Corman an die Verfilmungen von Poe-Klassikern machte.

 

DER GRAUENVOLLE MR. X (1962) von Roger Corman

 

So sah auch ich als junger Bub in grieseligen ZDF-Programm den Film DER GRAUENVOLLE MR. X (TALES OF TERROR), der auch unter SCHWARZE GESCHICHTEN bekannt ist, neben FORMICULA meine erste Horrorfilmerfahrung. Seit jeher bin ich begeistert von Horror-Anthologien. Nachdem Corman, Cushing und Co. in den Sechzigern große Klassiker dieser Sparte ablieferten, veränderte sich das Anthologie-Konzept auch durch das Fernsehen. Serien wie TWILIGHT ZONE, ALFRED HITCHCOCK PRESENTS oder OUTER LIMITS brachten portionierten Horror in die Wohnzimmer und aus diesem Konzept entstanden in den achtziger Jahren dann auch prominente Omnibusfahrten.

 

Zwar keine wirklichen Episodenfilme, wohl aber eine Anthologie in Zusammenhang mit einer Sammlung stellt die Reihe TALES FROM THE CRYPT und ihr geistiger Nachfolger MASTERS OF HORROR dar.

 

Dabei handelt es sich zwar nicht um Filme mit drei oder mehreren Segmenten, sondern um Filme kürzerer Laufzeit als Serie oder Staffel. Zu VHS-Zeiten waren die Fernsehfolgen aus TALES FROM THE CRYPT unter dem Titel MASTERS OF HORROR VOl. I-VIII gebündelt, pro VHS vier Geschichten, so ich mich recht erinnere. Die beiden Staffeln MASTERS OF HORROR, die zwischen 2005 und 2007 entstanden, beinhalten Einzelepisoden von einer knappen Stunde, inszeniert von den größten Horrorfilmregisseuren, die da draußen herumlaufen (unter anderem Don Coscarelli, Joe Dante, John Carpenter, Tobe Hooper, John McNaughton und Dario Argento). Eine fantastische Reihe, die ich nur jedem ans Herz legen kann.

 

Heute hat die Horror-Anthologie noch eine Daseinsberechtigung. Viel wurde adaptiert in den Jahrzehnten, Poe, King, Lovecraft. Heute dient der immer noch boomende Horror-Anthologiefilm vor allem jungen Filmemachern als Spielwiese zum Ausleben szenischer Fiesheiten und Experimente.

 

Der Weg weg von der klassischen Drei-Episoden-Dramaturgie hin zu größerer erzählerischer Freiheit hat den Episodenfilm im Bereich Horror an Kreativität bereichert, seien es die Geschichten (TEARS OF KALI) oder die erzählerischen Klammern (THE ABCS OF DEATH, TRICK ´R TREAT). Man muss aber auch sagen, der Anthologiefilm ist auch ein Übungsparcour für junge Filmemacher und häufig die einzige Plattform für vermarktbare Kurzgeschichten.

 

Ob eine Horror-Anthologie günstiger ist als ein Spielfilm mit durchgehender Handlung, immerhin muss man produktionstechnisch mindestens drei mal ansetzen?

 

Aber gerade die neusten Veröffentlichungen wie THE ABCS OF DEATH, CHILLERAMA oder die VHS-Reihe bieten jungen Genrefilmemachern noch eine Spielwiese für kleine Schnittchen abseits des Mainstreams.

 

 

Deswegen wird es wohl auch noch eine Zeit lang solche Episodenfilme geben, zum Beispiel GERMAN ANGST von Buttgereit, Marschall und Kowakowski. Auch ich habe mich an einer Horror-Anthologie versucht, und zwar DAS ARCHIV DER ANGST, drei klassische Horrorkurzgeschichten basierend auf alten Horrorheftromanen der siebziger und achtziger Jahre.

 

 

GERMAN ANGST (2015)

 

Ich liebe Horror-AnthologienAber eine Horror-Anthologie ist nur so gut wie ihre einzelnen Segmente und aus diesem Grund präsentiere ich heute meine drei liebsten Episoden aus den besten Horror-Episodenfilmen aller Zeiten. Also, Vorhang auf für…

 

 

visual_anthtop

 

Platz 5: SAVE HAVEN

aus S-VHS (VHS 2, 2013) von Gareth Evans und Timo Tjahjanto

 

Die VHS-Reihe ist eine der neueren Horroranthologien und ich finde das Konzept wirklich klasse. Es geht um den Fund von unzähligen Videokassetten, auf denen sich makabre, blutige und unheimliche Geschichten verbergen. Diese sind zwar von schwankener Qualität, doch in der Fortsetzung S-VHS aus dem Jahr 2013 kommt eine Episode direkt aus den Tiefen der Hölle.

 

Ein Team von Dokumentarfilmern dreht einen Bericht über eine indonesische Sekte, erstmals überhaupt haben Außenstehende Zutritt zu einem ihrer Rituale. In einem Haus werden die Filmemacher dann Zeuge einer unfassbar surrealen Gewaltorgie, die einen völlig verschrecken kann. Das Ganze gipfelt in ein ungeheuerliches Finale, welches zumindest in Deutschland jenseits aller Jugendfreigabe liegt. S-VHS ist demzufolge auch nur als ungeschnittener Import zu genießen. Insgesamt stellt SAVE HAVEN die brutalste und verstörendste Episode aus der VHS-Reihe dar.

 

 

Platz 4: DER SCHWUR DER LIEBENDEN

aus GESCHICHTEN AUS DER SCHATTENWELT (1990) von John Harrison, geschrieben von George A. Romero

 

GESCHICHTEN AUS DER SCHATTENWELT (TALES FROM THE DARKSIDE) ist ein Klassiker der neunziger Jahre mit einer tollen Rahmenhandlung um Deborah Harry, die ein Kind in den Backofen schieben will. Der Film beinhaltet Episoden mit Stars wie Steve Buscemi, Christian Slater und Juliane Moore, am meisten beeindruckt hat mich aber die letzte Episode mit James Remar.

 

James Remar spielt darin einen erfolglosen Künstler, der einem lebendiger Wasserspeier, einem Dämonen begegnet. Der verschont Remars Leben gegen einen Schwur, niemals über diese Begegnung zu sprechen. Dann begegnet er der schönen Carola, beide werden ein Paar, bekommen entzückende Kinder, doch nach Jahren entschließt sich Remar, seiner über alles geliebten Frau von der Begegnung mit dem Dämon zu erzählen – ein bitterer Fehler. Jene Episode ist sehr tragisch, traurig, düster und hat ein wirklich bitteres Ende, dass sie mir bis heute nicht aus dem Kopf geht.

 

 

 

Platz 3: MONDGESTEIN

aus CREEPSHOW (1982) von George A. Romero, geschrieben und gespielt von Stephen King

 

Hatten wir ja schon mal in der Kleinen Genrefibel Teil 16: Flora Mortale. Ich liebe dieses Segment, aber mehr den Begleitcomic zum Film. Der hat mich als Kind völlig fertig gemacht, vor allem die Episode Die Kiste und eben das tragische Schicksal des Jordy Verrill, im Film gespielt von Stephen King selbst.

 

Dieser spielt einen Farmer, der auf seinem Feld einen herabgestürzten Meteor entdeckt und sich an einer Flüssigkeit verbrennt, die aus dem Gestein rinnt. Tage später bemerkt Jordy, dass an der Stelle seiner Finger, wo er den Meteor berührt hat, ein kleines Moosgeflecht wuchert. Es juckt und Verrill entschließt sich, dem Problem mit Wasser entgegenzukommen. Ein fataler Fehler. Auch wenn die Verfilmung nicht an die Atmosphäre des Comics heranreicht, so ist diese Geschichte doch ein Paradebeispiel für die bittere Ironie einiger Episoden aus Horror-Anthologien.

 

 

Platz 2: DER FALL WALDEMAR

aus DER GRAUENVOLLE MR. X (TALES OF TERROR, 1962) von Roger Corman, nach Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe

 

Meine erste Horrorfilmerfahrung bot neben Morella und The black cat die Geschichte The Facts in the Case of M. Valdemar als Höhepunkt der Poe-Verfilmungen. Ich habe nächtelang nicht schlafen können.

 

Im Endeffekt geht es in dieser Episode um einen Todkranken Mann, der sich vor seinem Ableben hypnotisieren lässt, was fatale Folgen hat. Vincent Price spielt die Hauptrolle und an das markerschütternde Finale jener Episode kann ich mich noch lebhaft erinnern. Vielleicht ist DER GRAUENVOLLE MR. X deshalb auch einer der ersten Melt-Movies. Als Verfilmung ist dieses Segment aber bei Leibe nicht so schaurig wie Poe´s Originalgeschichte, die erzählerisch unfassbar fesselnd ist. Für ein Highlight an Episodenhorror allerdings reicht das auf Platz Zwei.

 

 

 

Platz 5: IT`S A GOOD LIFE

aus UNHEIMLICHE SCHATTENLICHTER (TWILIGHT ZONE – THE MOVIE, 1983) von Joe Dante

 

Helen fährt einen Jungen auf einem Fahrrad an und bringt ihn nach Hause. Dort lernt sie seine Fanilie kennen, die allesamt ein wenig merkwürdig sind. Nach und nach erfährt Helen, dass der Junge, den sie angefahren hat, spezielle Kräfte hat und sich Dinge wünschen kann. Doch die Familie, bei der er lebt, ist gar nicht seine Familie, sondern vielmehr seine Gefangenen. Das Haus steckt voller bizarrer Ungewöhnlichkeiten und eine Flucht daraus scheint nicht vorstellbar.

 

Meines Erachtens stellt die dritte Episode aus UNHEIMLICHE SCHATTENLICHTER ein Remake einer Folge aus der Kultserie TWILIGHT ZONE dar. Dante inszeniert dieses Schauerstück in bester David-Lynch-Tradition als verschachteltes und unheimliches Etwas, was man nicht genau fassen kann. Die Geschichte pendelt zwischen Witz und Absurdität, blankem Grauen und klebendem Unbehagen. Die Szene, in der Kevin McCarthy einen Hasen aus dem Hut zaubert, gehört für mich zu den gruseligsten Filmszenen der Kinogeschichte.

 

 

 

So hoffe ich, ein paar Anregungen gegeben zu haben, sich die ein oder andere Horror-Anthologie (noch)mal anzuschauen, denn gerade zu Weihnachten machen Episodenhorrorfilme Spaß. Damit schließt die Kleine Genrefibel Teil: 30, was für ein Jubiläum. Nächstes Jahr geht es selbstverständlich weiter, einen kleinen Ausblick bietet vor Silvester der Traumfalter Jahresrückblick 2014.

 

Bis dahin wünsche ich allen Lesern ein ruhiges und friedliches Weihnachtsfest, bleibt dem Blog treu und zankt Euch nicht.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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11 Comments

  1. Antworten

    […] noch keine geschriebene Drehbuchzeile, nur Bilder und Emotionen, aber genau das ist das Konzept. Meine Faszination für Horror-Anthologien ist hinlänglich bekannt, ich mag klassische Gruselgeschichten, ich mag Poe, Lovecraft, wenn ich jedoch selbst […]

  2. Antworten

    […] hat. Doch GERMAN ANGST ist nicht nur irgendein deutscher Horrorfilm. Die Horror-Anthologie (Horror-Anthologie, war da nicht was?) kommt von drei deutschen Genrespezies, neben Andreas Marschall (TEARS OF KALI, MASKS) und Michal […]

  3. Antworten

    […] TALES FROM THE CRYPT waren längst vorbei. Doch es gab noch eine andere Möglichkeit, nämlich die Anthologie. Das Vorbild dafür war der Sammelband, in dem nicht verkaufte Hefte, drei Stück an der Zahl, […]

  4. Antworten

    […] Thema. Vampire, Werwölfe oder Zombies, sie bestimmen als Figuren ihre jeweiligen Subgenres. Anthologien oder der Found Footage Film werden durch strukturelle oder technische Belange klassifiziert. Unser […]

  5. Antworten

    […] einen klassischen Touch hat SOUTHBOUND, denn er ist ein Vertreter des Horror-Episodenfilms. Er dürfte allerdings weniger altmodische Gruselstückchen erzählen, wenn man sich die Regisseure […]

  6. Antworten

    […] Horror-Episodenfilme sind in letzter Zeit wieder stark im Kommen. Seit ich als kleiner Bub SCHWARZE GESCHICHTEN mit Vincent Price und Peter Lore gesehen habe, bin auch ich Fan von Anthologien. Neben THE ABC´s OF DEATH (aktuell auf dem FANTASY FILMFEST) tummeln sich derzeit Köstlichkeiten wie LITTLE DEATHS oder V/H/S in gut sortierten Videotheken. Den Vogel abgeschossen haben aber Tim Sullivan (2001 MANIACS), Adam Green (HATCHET), Joe Lynch (WRONG TURN 2) und Adam Rifkin mit der Autokino-Trash-Exploitation-Farce CHILLERAMA – ab April auf Blu-ray und DVD. […]

  7. Antworten
    American Horror Stories 24. Januar 2018

    […] HORROR STORY ist eine sogenannte Anthologie Serie. Jedem Genrefreund ist der Horroranthologiefilm bekannt, ein klassisches Gerüst für mindestens 2 (TWO EVIL EYES) und bislang höchstens 26 (THE […]

  8. Antworten

    […] STORIES zu werden, eine Hommage an den britischen Horrorfilm, insbesondere den altehrwürdigen Horror Anthologien wie DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK. Doch GHOST STORIES gibt sich inszenatorisch überaus modern […]

  9. Antworten

    […] Horrorspeerspitze abgesehen gab es 2017 ein Wiedersehen mit dem guten alten Onkel Jigsaw, die erste Horror Anthologie aus rein weiblicher Hand und den Horrorfilm GET OUT mit durchaus interessantem […]

  10. Antworten
    Review #004: Peurs du noir 6. Februar 2018

    […] klassische Anthologie ist FEAR(S) OF THE DARK nicht, die knapp 80 Minuten wirken eher wie ein Kaleidoskop. Vier […]

  11. Antworten

    […] Anthologiefilme, es ist schwer zu sagen, ob man die Kurzfilmsegmente einer dreiteiligen Anthologie wie KATZENAUGE […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de