Die kleine Genrefibel Teil 19: Lykantropia

2013 war ein richtiges Jubiläumsjahr. 200 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig, wer erinnert sich noch? 50 Jahre James Bond, 100 Jahre Kreuzworträtsel. Aber vom entscheidendsten Jubiläum hat mal wieder keiner was mitbekommen. Auch der Werwolffilm wurde glatte 100. Glückwunsch, nachträglich. Wenn ich so über 100 Jahre Werwolf im Film nachdenke, bei einem Glas Ziegenmilch zum Beispiel, weitet sich mein Herz zu einem saftigen Steak. Denn der Werwolf als solcher hat maßgeblich meine sonderbare Lausbubenjugend geprägt. Vampire waren mir immer suspekt und viel zu dünn, Zombies zu ekelig und ebenfalls zu dünn, Haut und Knochen und ein wenig Moder. Geister, Hexen, Ghoule, kein Wesen der Phantasie konnte es mit der brachialen Wucht eines Werwolfs aufnehmen. Stark, animalisch, männlich, potent, kraftstrotzend, und dennoch ein Wesen mit tragischer Geschichte.

 

 

 

 

 

Der Werwolf hatte es nicht einfach im Gehege der phantastischen Geschöpfe. Während Vampire immer mehr verweichlichte Schwerenöter wurden, Zombies zu rennenden Infizierten und Geister zu paranormalen Erscheinungen, blieb der Werwolf mit wenigen Ausnahmen stets er selbst – haarig, muffig, übellaunig. Wirklich gedankt hat es ihm die Fangemeinde nicht, dass sich der Werwolf nicht der Mode unterworfen hat wie Ganzkörperepilierung oder vegane Ernährungsweise. Der Werwolf ist nach wie vor beliebt, klar, aber wurde er je geliebt? Wenn man die Wahl hätte, ein Vampir oder ein Werwolf zu sein, jetzt außerhalb von SKYRIM meine ich, auf welches Geschöpf träfe wohl die Wahl? Ist es wirklich so, dass der Werwolf eher als niedere Kreatur gilt, als ein wenig bäuerlich, roh, ungebildet, mit schlechten Manieren, unrasiert und streng riechend? Gehen wir auf einen Streifzug durch 100 Jahre Werwolfgeschichte im Film um zu erfahren, wer wirklich der König der Horrorikonen ist.

 

 

 

Therianthropie, Lykanthropie, Formwandler & drei kleine Schweinchen

 

Subgenres des Phantastischen Films werden auch durch bestimmte Wesen oder Figuren begründet, der Zombiefilm, der Vampirfilm, Filme über Geister. Das liegt zum einen an der immerwährenden Attraktivität dieser Figuren, die die Kunst im Laufe der Geschichte immer wieder angestoßen haben. Doch nicht nur die Figur im Mittelpunkt allein macht das Subgenre aus, viel mehr sind es Gesetze und Regeln, die jene Geschöpfe umgeben und die dann die dramaturgischen Stützpfeiler liefern.

 

Diese wurden im Laufe der Zeit immer wieder neu hinterfragt, neu analysiert, zerdacht und formten so das Genre. Der Vampirfilm nutzt dramaturgische Skistöcker wie Unsterblichkeit, Blutdurst oder Sonnenlicht, Zombiefilme funktionieren durch Ansteckung, Übertragung, Tod, Fressen, etc.. Auch beim Werwolffilm sind es ganz bestimmte Sachverhalte, die die Figur bestimmen und die Konsequenzen auf die Geschichten haben. Das sind Fluch, Vollmond, Wolfsbiss, Verwandlung, Silber. Es sind noch viele mehr. Der Werwolffilm ist nicht immer ein Film mit einer Horrorfigur “Menschlicher Wolf” als Pro- oder Antagonist, aber wie in jedem Subgenre gibt es Regeln, Gebote oder dramaturgische Unabdingbarkeiten.

 

Desweiteren ist der Werwolffilm nicht speziell der phantastischen Ausrichtung Horror zuzuschreiben. Die Werwolffigur wird ebenso häufig im Bereich Fantasy behandelt. Etwas eint sie zwischen den Polen Horror und Fantasy, und das ist die Tragik der Entstehung. So sich ein Werwolffilm stärker mit dem Fluch seiner Existenz, mit alten, teils magischen Ritualen, Zigeunerzaubern oder alten Familienstammbäumen beschäftigt, tendiert das eher in den Bereich Fantasy. Dort spielt der Werwolf seit nicht all zu langer Zeit im Subgenre Urban Fantasy eine größere Rolle.

 

Der Werwolf ist aber auch ein angsteinflößendes Geschöpf, der in Vollmondnächten auf Jagd geht, Mensch wie Tier reißt, er folgt seinem Instinkt und kann mit Zähnen und Krallen ganze Körper in Stücke schlagen. Der Werwolf ist auch ein Wesen des Horrorfilms. Aber im Gegensatz zu einem rasenden Untoten ist er nicht ausschließlich ein Subjekt der Bedrohung. Diese Dualität teilt er sich dann mit dem Vampir. Die Verwandlung ist ein entscheidendes Element seines Daseins.

 

 

In der Kunst ist der Werwolf wesentlich älter als der Vampir. Das hat evolutionäre wie mythologische Gründe. Seit dem der Mensch Mensch wurde, beschäftige er sich mit der Abgrenzung seiner Art vom Tierreich. Mensch und Tier waren Themen von Höhlenmalereien. Dass im Mensch etwas Animalisches ruhte, war bereits bei den ersten entstehenden Kulturen eine philosophische Frage. Dass gerade der Wolf eine solche Stellung einnahm, verwundert nicht. Er wurde als Totem verehrt, wegen seiner Stärke und Kraft in der Jagd bewundert. Erstmals wurde die unheilige Allianz zwischen dem Mensch und dem Wolf im Gilgamesch-Epos festgehalten. Dort wird die Göttin Ishtar beschuldigt, einen Mann in einen Wolf verwandelt zu haben. Ab dem Jahre 1 nach Christus verfasste der Dichter Ovid das mehrteilige Werk Metamorphoseon libri („Bücher der Verwandlungen“), in dem es auch um Lykaon ging, dem König der Arkadier und Sohn des Pelasgos, der von Jupiter in einen Wolf verwandelt wurde.

 

 

Göttin Ishtar, König Lykaon, Der Wolf von Ansbach, Die Bestie von Gévaudan

 

Der Gilgamesch-Epos sowie die Werke “Metamorphosen” gelten als Urquellen des Werwolfmythos in der Literatur. Im Volksmunde war der Canis Lupus seit jeher präsent. Die Gründer der Stadt Rom wurden angeblich von einer Wölfin gesäugt. Krieger wollten sich seiner Stärke bemächtigen, trugen Wolfs- und Bärenpelze, nannten sich Berserker, gaben sich die Namen Wolfgang oder Adolf. Der Wolf wurde als heiliges Wesen angesehen und verehrt. Das änderte sich im Mittelalter, als der Wolf aus verschiedenen Gründen dämonisiert wurde. Da die Menschen mit samt ihres Viehs immer mehr Landstriche besiedelten, wurden Schafe, Schweine oder Geflügel nicht selten Beute von Wölfen. Dem Graupelz ging es dementsprechend ans Leder, was  dazu führte, dass in Europa der Wolf beinahe ausgerottet wurde. Hinzu kamen Angst vor Krankheiten wie Tollwut. All das beeinflusste wohl auch die Evolution des klassischen Werwolfes. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Werwolf auch einer der ersten Figuren war, mit der sich das neue Medium Film beschäftigte.

 

 

Verfluchter Larry Talbot

 

Damit wären wir im Jahr 1913 angelangt. Die Universal Studios veröffentlichten mit THE WEREWOLF einen knapp 20-minütigen Stummfilm, welcher den ersten Werwolffilm darstellt. Dieser Streifen gilt leider als verschollen, womöglich waren alle Kopien bei einem Brand 1924 betroffen. 1923 erschien ein französischer Werwolffilm mit dem Titel LE LOUP-GAROU, nach einem Roman von Alfred Machard. Der Roman wurde auch 1932 von Friedrich Fehér (Francis aus DAS CABINET DES DR. CALIGARI) verfilmt, das Werwolfthema aber umgangen. Erwähnenswert wäre zudem noch der Stummfilm WOLF BLOOD von 1925, der über sehr schöne Wald- und Wolfaufnahmen verfügt. Bis in die 20er Jahre hinein war es allerdings der Vampir, der für gewöhnlich thematisiert wurde.

 

THE WERWOLF 1913, LE LOUP-GAROU 1923, WOLFBLOOD 1925, Henry Hull in WEREWOLF OF LONDON 1935

Als es in den 30er Jahren dann zu einem Horrorboom kam, trat der Werwolf zuerst kaum in Erscheinung. Die größten Erfolge in dieser Zeit waren mehr die DRACULA- und FRANKENSTEIN-Verfilmungen. Einziger Werwolffilm der dreißiger Jahre war 1935 DER WERWOLF VON LONDON, der allerdings katastrophal floppte. Während Bela Lugosi als Dracula und Boris Karloff als Frankensteins Monster zu Weltstars wurden, hatte der Werwolffilm so seine Startschwierigkeiten. Erst in den 40er Jahren wurde einer der Grundsteine für spätere filmische Behandlungen des Themas gelegt, nämlich mit THE WOLF MAN von 1941.

 

 

THE WOLF MAN (1941) beim Maskenbildner

 

 

Der erste wirklich bekannte Werwolf der Filmgeschichte war Larry Talbot, gespielt von Lon Chaney junior. Es war Chaneys internationaler Durchbruch als Schauspieler und auch der Ursprung vieler Mythen, die den Filmwerwolf seitdem begleiteten, der infizierende Biss sowie Silberwaffen als einziges Mittel der Verteidigung gegen einen Wolfsmenschen. Wie Lugosi und Karloff für Dracula und Frankensteins Monster wurde Lon Chaney zu DEM Werwolfdarsteller, von FRANKENSTEIN TRIFFT DEN WOLFSMENSCH bis ABBOT UND COSTELLO TREFFEN FRANKENSTEIN. Chaney junior hat alle Horrorikonen gespielt, doch die des Wolfmenschen ist für alle Zeit seine Paraderolle geblieben. Nur einer konnte dem später Paroli bieten.

 

THE WOLF MAN, ebenfalls produziert von den UNIVERSAL STUDIOS, wurde ein weltweiter Erfolg und die Werwolfwelle begann, Fahrt aufzunehmen. Das ist filmhistorisch ganz interessant, denn die vierziger Jahre sind international ein recht schwieriges und dunkles Kapitel.

 

Im Gegensatz zum Vampir oder zur Mumie aber stagnierte der Werwolffilm ab 1941 nicht. Die vierziger Jahre sind eigentlich sogar das Werwolfjahrzehnt schlechthin. Das ist in sofern etwas bittersüß, wenn man die tragische Figur mit Blick auf die Wirren der Weltgeschichte betrachtet. Der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen, der Faschismus regierte in der alten Welt und ein Adolf Hitler, der den Wolf im Namen trug, brachte Leid und Tod über Europa. Auch Hitler verehrte den Wolf, das Lagezentrum der Wehrmacht nannte er Wolfsschanze, Himmler gründete eine Freischärlerbewegung namens Werwölfe. Vielleicht interpretiert man zu viel da hinein. Aber warum in jener dunklen Zeit gerade der Werwolf ein so erfolgreiches Wesen auf der Kinoleinwand war, darüber kann man viel spekulieren. Mit Sicherheit wurde er in jener Zeit auch zur Personifizierung des Rohen, Bösen, welches die Zähne fletschte.

 

 

Las Noches del Hombre Lobo

 

Filmgeschichte, das ist auch immer Geburt und Wiedergeburt. Das Unternehmen HAMMER FILMS begann in den fünfziger Jahren, die alten Gothic-Horror-Ikonen für die Leinwand wiederzubeleben – in Farbe und wesentlich blutiger. Nach FRANKENSTEINS FLUCH (1957) und DRACULA (1958) dauerte es allerdings noch ein wenig, bis auch der Werwolf wieder auf die Leinwand zurückkehrte. 1961 erschien dann DER FLUCH VON SINESTRO (THE CURSE OF THE WEREWOLF) von Hammer-Veteran Terrence Fisher, mit Oliver Reed als Werwolf. DER FLUCH VON SINESTRO gilt als einer der markantesten Werwolffilme und es ist interessant, dass es der einzige Werwolffilm innerhalb der HAMMER FILMS Reihe blieb.

 

DER FLUCH VON SINESTRO war auch mein erster audiovisueller Kontakt mit einem Filmwerwolf. Davor gruselte es mich zwar schon vor dem Wolf aus ROTKÄPPCHEN, auch dieser Graupelz, welches das Haus mit den Schweinchen umpusten wollte, war mir nicht geheuer. Aber seit ich den Klassiker vergrieselt auf dem ZDF schauen durfte, war ich fasziniert von dem tragischen Wesen. Werwölfe waren unheimlich. Man sah ihnen ihren Fluch an, nicht wie bei Vampiren.

 

Ein Werwolf war auch in menschlicher Form ein Raubtier, meist bärtig, mindestens aber mit zusammengewachsenen Augenbrauen. Hatten Vampire noch etwas edelmütiges, verführerisches und betörendes, war der Werwolf ein Wesen reiner Physis, voll kräftiger Potenz und Männlichkeit. Als Tier war er allem überlegen, in Schnelligkeit, Stärke und Ausdauer. Seine Bindung an den Vollmond, seine Energie, seine angeblichen Heilkräfte, all das war interessanter als Vampire oder Zombies.

 

 

 

Bis auf DER FLUCH VON SINESTRO allerdings habe ich kaum einen der Werwolfklassiker der sechziger und siebziger Jahre gesehen, damals. Wie auch, ich war ein Kind der Achtziger, und auch der Werwolffilm nahm gen Ende der siebziger Jahre eine erneute Wandlung seiner selbst vor. Auch das ist filmgeschichtlich ein äußerst interessantes Thema. Denn bis zum Ende der Siebziger war der Werwolf ein Wesen der Vergangenheit, seine Geschichte und sein Schicksal meist uralt. Das gilt vor allem für die “Waldemar-Daninski-Reihe”, die 13 Filme umfasst.

Lon Chaney junior & Paul Naschy

 

 

Waldemar Daninski ist eine Figur des spanischen Werwolffilms, die von Paul Naschy verkörpert wurde. Naschy brachte vor allem diese Rolle zu internationalem Ansehen und er wurde nach Lon Chaney der wohl bekanntest Werwolfmime. Wie Chaney spielte auch Naschy alle Horrorikonen von Dracula über die Mumie bis zu Frankensteins Monster. Aber die Creme-de-la-Creme seines Schaffens war Waldemar Daninski, der Wolfsmensch.

 

Die erste Verfilmung erschien 1968 als THE NIGHT OF THE WOLF MAN (LA NOCHES DEL HOMBRE-LOBO), diverse Filmauftritte und Gastspiele folgten. 1981 war dann in sofern ein Wendejahr für den Werwolffilm, weil zwei Filmproduktionen um das haarige Wesen gegeneinander um die Gunst des Publikums antraten. Das war zum einen THE WEREWOLF (LE RETORNO DEL HOMBE-LOBO), der mittlerweile achte Auftritt der Figur Waldemar Daninski. Der Film war einerseits die große Rückkehr der Ikone des klassischen Horrors, zum anderen aber auch der Aufbruch in eine neue Zeit. Aber loslassen vom Ballast der vergangenen Jahrzehnte wollte der achte Daninski-Film nicht wirklich. Auch er beginnt mit einem alten Fluch im 16. Jahrhundert und mischt munter die Blutgräfin Bathory mit in den Plot. Zwar spielt die Haupthandlung in der damaligen Jetzt-Zeit, doch inszenatorisch, dialogtechnisch und von der Moral her ist NIGHT OF THE WEREWOLF kaum anders als THE WOLF MAN von 1941.

 

LA MARCA DEL HOMBRE LOBO

 

Ich mag den Film sehr, wie ich auch Paul Naschy liebe. Aber der Film von 1981 zeigt deutlich, dass der Werwolffilm völlig stagnierte. Die Werwolffigur wollte einfach nicht in die Moderne passen. Im selben Jahr allerdings entstand ein Film, der dieses Kunststück vollbrachte und den Werwolffilm tatsächlich noch einmal kräftig umstrukturierte.

 

 

“Fi Fa Fo Famm, ich riech das Blut vom English-Mann.”

 

1981 war DAS Jahr des Werwolffilms. Neben der Wiederbelebung Danisnkis durch THE NIGHT OF THE WOLFMAN entstand auch der Film THE HOWLING von Joe Dante, der ebenfalls die alte Mystik der Figur mit der Jetztzeit verband. Doch noch davor schaffte es der Film AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON, den Werwolfmythos wirklich erfolgreich in die Gegenwart zu transferieren.

 

 

Rick Baker, David Naughton, John Landis – AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON 1981

 

Regisseur John Landis (ein Jahr zuvor drehte er den Kultfilm BLUES BROTHERS) setzt in AMERICAN WEREWOLF nicht auf eine Rückblende in vergangene Jahrhunderte, sondern greift Aberglauben und rückständiges Denken im Hier und Jetzt auf. Die beiden Freunde David und Jack wandern als Rucksacktouristen durch Nordengland und stoßen im Hochmoor auf ein Dorf nebst der einladenden Schänke “Zum geschlachteten Lamm”. Dort scheint die Zeit seit dem Mittelalter stehengeblieben und die Dorfbewohner begegnen den Touristen mit Ablehnung, Aberglauben und typisch englischer Freundlichkeit. Sie sollen sich vom Moor fernhalten, vom Mond sowieso, warum, das wollen die finsteren Gestalten nicht so recht verraten.

 

Die Verwandlung von David Kessler in AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON

 

Es kommt, wie es kommen muss. David und Jack wandern weiter, kommen vom Weg ab und werden im Moor von einem Wolf angefallen. Während Jack in hübsche Häppchen tranchiert wird, überlebt David und erwacht in einem Londoner Krankenhaus. Es dauert nicht lang, da hat David Halluzinationen und Alpträume, sieht seinen toten Freund Jack, der ihn eindringlich warnt. Nach dem Biss des Wolfes wird David beim nächsten Vollmond zu einem Werwolf werden – mitten in London, weit weg von dörflicher Ignoranz und Aberglauben. AMERICAN WEREWOLF ist eigentlich eine Horrorkomödie. Was aber nicht heißt, dass er nicht atmosphärisch, gruselig, schockierend, blutig und angsteinflößend ist.

 

AMERICAN WEREWOLF ist einer der größten Horrorfilme aller Zeiten, in vielerlei Hinsicht. Und er ist ein Markstein für den modernen Werwolffilm. Während THE NIGHT OF THE WEREWOLF mit Paul Naschy noch verzweifelt an den alten Traditionen des Horrorfilms der vierziger Jahre hing, geht John Landis erstmals andere Wege und öffnet generell dem Horrorfilm ab 1980 neue Dimensionen. Für den Werwolffilm war der Streifen ein immenser Sprung. Wurden in den Jahrzehnten zuvor Werwölfe dahingehend dargestellt, dass man auf die Gesichter der Schauspieler Fellfetzten klebte und ihnen ein Spielzeuggebiss in den Mund steckte, war der Werwolf in AMERICAN WEREWOLF mehr Tier als Mensch, auch physisch.

 

THE HOWLING (1981)

WOLFEN (1981)

 

Die haarsträubende Verwandlungsszene gilt als Blaupause für eine vernünftige Werwolftransformation. Endlich war es auch eine ansehnliche Wolfsschnauze, die Veränderung in Gang und Haltung. Sieht man Waldemar Daninski in THE NIGHT OF THE WEREWOLF, der nach der (nicht gezeigten) Verwandlung noch immer Hosen und Hemd anhat, wird klar, dass sich ein filmischer Epochenwechsel anbahnen musste. Die Wirkung des Wolfes in AMERICAN WEREWOLF eine ganz andere. Natürlich ist das Ganze auch technisch bedingt, schon die Werwolfmasken der vierziger Jahre waren ein Make-Up-Alptraum für Maskenbildner. Aprospos, auch dem Umstand wurde 1981 Genugtuung verschafft, denn AMERICAN WEREWOLF erhielt den OSCAR für die beste Maske. Ein Meilenstein, weil es die erste Verleihung dieser Kategorie überhaupt war.

 

Der Werwolffilm war mit AMERICAN WEREWOLF auf der Höhe seines Zenits und die achtziger Jahre waren dann auch mein Jahrzehnt. Was haben die Achtziger nicht für tolle Werwolfvariationen hervorgebracht? Die Reihe THE HOWLING, dessen Erstling von Joe Dante auch 1981 in die Kinos kam, entwickelte sich nach den “Waldemar-Daninski-Filmen” zur langlebigsten Werwolfreihe überhaupt. Der Erstling steht AMERICAN WEREWOLF eigentlich in nichts nach, bis auf den zynischen und schwarzen Humor von John Landis. HOWLING oder die deutsche Entsprechung DAS TIER ist ein fantastischer Horrorfilmklassiker. Doch bereits die Fortsetzung mit Christopher Lee geriet dann in sehr trashige Fahrwasser, was sich von Fortsetzung zu Fortsetzung steigerte. Aber es gibt auch Lichtblicke. HOWLING 5, zum Beispiel, ist ein Kleinod meiner Videothekenfrühzeit. Richtig toller Gothic-Horror mit einem tollen Schloss, einem tollen Werwolf und toller Musik (“Saaado!”).

 

Als ob die Reihe nicht schon genug verunstaltet wurde, entstand 2011 sogar eine Art Reboot mit BLUE MOON (THE HOWLING REBORN), der allerdings komplett für die Twilight-Zielgruppe zusammengeschustert wurde. Was soll ich sagen? THE HOWLING hätte ein würdiges Remake verdient.

 

Die besten Werwolffilme kommen aus den Achtzigern. WOLFEN mit Albert Finney, SILVER BULLET (DER WERWOLF VON TARKER MILLS) von Stephen King mit Corey Haim und Everett McGill aus TWIN PEAKS oder ZEIT DER WÖLFE, der eher ein Fantasymärchen war. Auch wurden Stoffe rund um die Graupelze nicht immer so bierernst erzählt, die Achtziger Jahre sind ein Füllhorn an witzigen Werwolffilmchen, von denen TEEN WOLF zwar den bekanntesten, aber nicht besten Vertreter darstellt.

 

 

ZEIT DER WÖLFE (1984)

 

In MONSTER SQUAD gibt es einen herrlichen Werwolf, ebenso in EIN WERWOLF BEISST SICH DURCH oder MEINE MUTTER IST EIN WERWOLF. Trotzdem waren es vorrangig eher brutale, blutige und düstere Horrorfilme, die, meist in geschnittener Form, in den Videorekordern von Werwolffreunden landete.

 

Es gibt einige Ikonen, die mehrere Neuausrichtungen ihres Wesen durch den Film durchlebt hatten. Ganze Subgenre wurden neu konzipiert und interpretiert. Der Werwolffilm gehört da leider nicht dazu. Die Vierziger und die Achtziger Jahre waren seine größte Zeit. Ab den Neunzigern ging es zwar mit allem Bergab, was mit Horror zu tun hatte, doch aus dieser Talsohle kam der Werwolffilm nicht so glimpflich heraus als andere Sparten.

 

 

Wolfsgezücht

 

Ab 1990 gab es innerhalb des Horrorgenres eine weitere Wiederbelebungswelle. Hatten die HAMMER STUDIOS in den fünfziger und sechziger Jahren das Horrorkino der 30er und 40er wiederbelebt, versuchte man das in den Neunzigern erneut. DRACULA von Coppola, MARY SHELLEYS FRANKENSTEIN von Branagh, MARY REILLY von Frears. Die Modernisierung der alten Ikonen wurde allerdings irgendwie missverstanden. Man braucht sich nur die Namen der Regisseure anschauen, die Anfang der Neunziger Horrorstoffe nahmen und sie zwar audiovisuell aufregend neu schufen, die aber allesamt keine Horrorfilme waren.

 

 

Jack Nicholson in WOLF (1994)

 

Das trifft auch auf die Rückkehr des Werwolfes innerhalb des Mainstreamkinos zu, der kam in Form von WOLF – DAS TIER IM MANNE 1994 in die Kinos. Regisseur Mike Nichols macht im Grunde die Selben Fehler wie Stephen Frears oder Kenneth Branagh, die dem Stoff sämtliche Horrorelemente entzogen und stark auf Drama setzten. Zwar ist WOLF mit Jack Nicholson als Werwolf perfekt besetzt (wie auch mit Michelle Pfeiffer, James Spader indes ist nicht zu ertragen in dem Film), doch hat der Film mit einem spannenden Werwolffilm nicht das Geringste zu tun. Das einzige Blut im Film befindet sich auf Nicholsons Taschentuch. Eine enttäuschende Sache. Aber dem Werwolffilm ging es da nicht besser als dem Vampirfilm oder dem Horrorfilm allgemein in dieser Zeit. Das änderte sich erst ab 1996 mit dem Erfolg von SCREAM. Doch schaut man sich den Werwolffilm seit 1990 an, stellt man fest, dass er nie wieder auf solche Höhen kam wie in den Achtziger Jahren. Daran sind vor allem zwei Dinge Schuld, aber langsam. Es ist ja nicht so, dass es keine Werwolfhighlights ab 1990 mehr gab.

 

FULL ECLIPSE von Horror-Veteran Anthony Hickox (WAXWORK, HELLRAISER 3) ist so ein Geheimtipp unter den Werwolffilmen, der urbane Fantasy-Horror-Action á la BLADE oder UNDERWORLD bereits 1993 vorwegnahmen. Auch gab es eine Fortsetzung von AMERICAN WEREWOLF, dieses mal in Paris, mit Julie Delpy in der Hauptrolle. Die Fortsetzung ist nicht so gut wie das Original, aber immerhin weit über dem Subgenredurchschnitt. AMERICAN WEREWOLF IN PARIS zeigt deutlich das Dilemma, in dem sich der Werwolffilm kurz vor dem nahenden Millenium befand. Denn ab 1993 war es mehr als nur möglich, selbst Dinosaurier lebensecht auf die Kinoleinwand zu bringen.

 

Von Daninski bis VAN HELSING: Eine Werwolfmaske ist in jeder Form bedrohlicher als CGI!

 

Dieser Zauber nannte sich CGI und hat vielleicht beim Dinoproblem geholfen, dem Werwolf selbst hat diese Entwicklung eher geschadet. Rick Baker, der Maskenpionier des Films, hatte maßgeblich dazu beigetragen, wie ein angsteinflößender Werwolf auszusehen hatte. Es war eine Herausforderung, eine echt wirkende Maskerade zu entwerfen, schwieriger bis teils unmöglich war dagegen die Verwandlung von Mensch in Wolf. Dieses Manko gab es zwar durch den Einsatz von CGI nicht mehr, doch nahm das den Wolfsmenschen vielerorts auch den Schrecken. Zu glatt, zu perfekt.

 

Verglichen mit AMERICAN WEREWOLF von 1981 wirkt sein Nachfolger sechzehn Jahre später wesentlich unspektakulärer. In der TWILIGHT-Reihe oder auch in den UNDERWORLD-Filmen wirken Werwölfe deswegen wenig bis gar nicht bedrohlich. Ich würde sogar soweit gehen, dass jeder C-Werwolf-Trashfilm mit handgemachter Maske, sei die noch so furchtbar silikoniert, mehr Flair und Grusel versprüht als Werwölfe aus einem Hochleistungsrechner.

 

Coole Werwölfe und Hochspannung in DOG SOLDIERS 2002

CGI ist das eine, erzählerischer Stillstand das andere Problem des modernen Werwolffilms. Das Remake WOLFMAN von 2010 ist beispielsweise visuell sehr schick, erzählerisch aber altbackener als das Original von 1941. Viel zu starrsinnig verfahren Autoren und Regisseure mit den Merkmalen und Hintergründen von Werwölfen. Da haben sich Vampire in der Tat weiter entwickelt. Doch selbst in Sachen Setting und Zeit werden häufig immer wieder ein und die Selben Geschichten erzählt. Nur wenige Werwolffilme machen das anders. Eine der besten Variationen ist noch der Film DOG SOLDIERS von Neil Marshall (THE DESCENT, DOOMSDAY) aus dem Jahre 2001, der klassische Werwölfe auf eine Spezialeinheit der britischen Armee hetzt. Auf der anderen Seite scheitert Horrorlegende Wes Craven (NIGHTMARE ON ELM STREET, SCREAM) 2005mit seiner Werwolfvariation CURSED. Nur eine Kurzreihe schaffte es, dem Werwolfmythos noch interessante neue Seiten abzugewinnen.

 

“Ghost…Er will sich mit mir paaren!”

 

Die Trilogie GINGER SNAPS ist das letzte wirklich Highlight des Werwolffilms bis zum heutigen Tage. GINGER SNAPS – DAS BIEST IN DIR aus dem Jahr 2000 ist ein Füllhorn von neuen Ideen und interessanten Parallelen von Pubertät und Lykanthropie. Kein gestandener Mann mit vollem Brusthaar ist hier Protagonist, sonder zwei 15-jährige Schwestern, Außenseiterinnen, bisschen Emo, bisschen Goth, bisschen depri , bisschen überdramatisch (“Ausstieg mit 16 oder Tod in derr Szene!” ). Brigitte und Ginger Fitzgerald planen eigentlich schon ihren gemeinsamen Abgang, da wird Ginger von einem Werwolf gebissen.

 

 

GINGER SNAPS 2 UNLEASHED (2004)

 

Ihre Schwester Brigitte (Emily Perkins) versucht ihrer Schwester zu helfen, hängt sich an einen Drogendealer und experimentiert mit Eisenhut, steckt sich dann selbst mit Lykanthropie an. Und das alles während Brigitte ihre ersten Tage bekommt. GINGER SNAPS vollbringt das Kunststück, das Werwolfthema tatsächlich mal vernünftig zu transponieren und nicht immer den gleichen Schnodder zu erzählen.

 

Die Trilogie lebt hauptsächlich von den beiden tollen Figuren Brigitte und Ginger Fitzgerald, ihrer Besetzung durch Katharine Isabelle und Emily Perkins und natürlich durch einen kernigen Werwolf ohne CGI.

 

Aber die Reihe schafft noch mehr, die Fortsetzung GINGER SNPAS – UNLEASHED ist sogar noch besser als der erste Teil, der dritte fällt etwas ab, erzählt aber eine Vorgeschichte im Jahre 1815 und ist noch immer weit über Werwolfdurchschnitt. Im Grunde sind die GINGER-Teile ein tolles Crossover aus Coming-Of-Age und Werwolffilm, gewinnt dem Thema nicht unbedingt komplett neue Seiten ab, interpretiert sie aber ironisch, klug und vernachlässigt vor allem auch nicht, wirklich Horror zu erzählen. GINGER SNAPS ist blutig, gruselig, erschreckend, witzig, dramatisch, liebenswert und spannend. Für Werwolffans das absolute Pflichtprogramm.

 

 

Homo homini lupus

 

Die GINGER SNAPS – Trilogie und das Remake WOLFMAN mit Benicio del Toro und Anthony Hopkins waren die letzten großen Werwolfprojekte, im Direkt-to-DVD-Bereich kommt aber immer mal wieder etwas Haariges zum Vorschein. Einen mutmaßlichen Höhepunkt des Werwolffilms aber gibt es (noch) gar nicht, der lag 2007 der GRINDHOUSE-Filme von Rodgriguez und Tarantino inne – in Form eines Faketrailers von Rob Zombies WEREWOLF WOMAN FROM THE SS! Warum macht der nicht diesen Film anstatt Sondermüll wie LORDS OF SALEM zu fabrizieren?

 

Auch im TV ist der Werwolf angekommen, das aber nicht erst seit WOLFBLOOD – VERWANDLUNG BEI VOLLMOND (2012). Bereits 1987 erschien die Fernsehserie WEREWOLF, die es auf 29 Folgen geschafft hat. Der Pilotfilm erschien auch auf VHS unter DER WERWOLF KEHRT ZURÜCK (und ist nebenbei eins der grusligsten VHS-Covermotive meiner Kindheit). Schlussendlich kam auch der Erfolgsfilm TEEN WOLF zu eigenen Fernsehformaten, auch zu einer Zeichentrickserie. TEEN WOLF wurde 2011 neu aufgelegt. Gesehen hab ich die Serie bislang aber noch nicht, so mir da kein Urteil zusteht.

 

 

Heimliche Leidenschaft mancher Stars, einfach mal den Lykathropen raushängen lassen…

Wohl aber zu 90% der alten Werwolfschinken, die ich alle verschlungen habe wie der Wolf die Großmutter. Obwohl es Werwölfe im Film nicht ganz leicht haben in letzter Zeit, ist die Faszination weiterhin ungebrochen.

 

Woran´s wohl liegt? Frankensteins Monster will wohl niemand wirklich sein, auf Vampire fahren wohl eher Frauen ab. Werwölfe hingegen strotzen noch vor pure Männlichkeit, Kraft und Stärke. Verbunden mit der Natur, dem Wald, dem Mond, der Dualität, die selbst die größten Dichter beeinflusste.

 

Weil der Werwolf auch ein Symbol ist, ein Symbol für den Krieg in einem Selbst, das Ringen um Gut und Böse im eigenen Leib.

 

 

Oder wie Goethe sagte: “Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust, Zu den Gefilden hoher Ahnen.”

 

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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7 Comments

  1. Antworten

    […] THE SEASONING HOUSE um die Gräuel des Balkankrieges überrascht Paul Hyett mit einem klassischen Werwolf-Film. HOWL hat auch alle Zutaten für einen zünftigen Maul-und-Klauen-Schocker, atmosphärische […]

  2. Antworten

    […] Horrorthemen, sie haben sich kaum verändert in dieser Zeitspanne. Noch immer wuseln Vampire, Werwölfe und Zombies über die Kinoleinwände und verbreiten mehr oder minder Panik in den […]

  3. Antworten

    […] Wille der Figuren nach Überleben und körperlicher oder geistiger Unversehrtheit. Vampire beißen, Werwölfe reißen, Geister besetzen, Tiere verletzen, Hexen kratzen, Zombies schmatzen. Aber nicht jede Art […]

  4. Antworten

    […] Genres und Subgenres der Phantastik stehen wir wieder einmal vor einem streitbaren Thema. Vampire, Werwölfe oder Zombies, sie bestimmen als Figuren ihre jeweiligen Subgenres. Anthologien oder der Found […]

  5. Antworten

    […] Found Footage Horrorfilm gibt es allerlei Kreaturen, vor allem Geister, Zombies, Werwölfe, Aliens, doch wenn man es genau betrachtet, das sind nicht die Antagonisten in Found Footage […]

  6. Antworten

    […] immer quicklebendig, beziehungsweise untot. Kein anderes Wesen der Phantastik kann da mithalten. Werwölfe sind ungepflegt und haarig, Zombies tumb und schleimig, aber der Vampir war ein graziles Geschöpf […]

  7. Antworten

    […] zum Teil seltsame Formen an. Bediente Méndez auch konventionelle Horrorthemen wie Vampire oder Werwölfe, entstand in Mexico auch das ein oder andere obskure Subgenre. Wrestling war seit den 1930er Jahren […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de