Die kleine Genrefibel Teil 2: Tierhorror

Die ganze Sache mit der Genreunterteilung hat einen Pferdefuß. So viele Filme sind Crossover oder Genremixe, dass eine wissenschaftliche Systematik meist für die Katz ist. Dabei gäbe es so schöne Klassifizierungsmodelle, beispielsweise aus der Zoologie. Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art und fertig ist der Laubfrosch. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass man bei der Beschäftigung mit Genre und Subgenre zwangläufig über jene Abart des Horrorfilms stolpert, bei der man mit so einem System nicht gänzlich vor die Hunde geht. Bevor sich die Tierallegorien noch weiter vermehren wie Killerlemminge, Schluss mit dem Vorwort und Fellfarbe bekennen. Willkommen im Reich des Tierhorror.

 

 

 

 

 

Das Subgenre Tierhorror ist weit vielfältiger, als man auf den ersten Blick glaubt. Es ist zudem untrennbar mit einem der Hauptmotive des Horrorfilms verbunden – die Bedrohung. Nur dass diese Bedrohung nicht durch die Hand eines Schlitzers, Geistes oder Folterknechts daherkommt, sondern durch unsere putzigen kleinen geschuppten, gefiederten oder befellten Freunde. Dass es sich bei Tierhorror um Horror mit Tieren handelt, scheint erstmal völlig eindeutig.

Tierhorror Klassiker

 

Aber man muss schon aufpassen, dass sich in die Sammlung kein faules Hühnerei verirrt. Ich definiere für mich Tierhorror als Subgenre, in dem die Bedrohung von einem oder mehreren realen Tieren ausgeht. Außerirdische Spinnen oder Würmer müssen leider draußen bleiben. Dabei zähle ich auch ausgestorbene Tiere in diese Gruppe, tatsächlich gab es Fälle von Säbelzahntigerangriffen und Monster-Mammuts. Lediglich Dinosauriern in all ihren Variationen gönne ich ein Extragehege als Subgenre.

 

 

Nun geht von einem Regenwurm nicht ganz die Bedrohlichkeit aus wie von einem Dobermann. Während einige Tiere ganz ohne Zweifel von allein Angst und Schrecken verbreiten können, sei es durch bloße Physis und Gebissgröße oder durch jahrelange phobische Prägung im Menschenkopf, braucht manche Art erst einen äußeren Einfluss, um zur Gefahr zu werden. Demzufolge zählen auch mutierte Wesen wie Killerinsekten, genetisch veränderte Schlangen und Spinnen oder Alligatoren voller Umweltgifte zum Bereich Tierhorror. Vorraussetzung ist, dass sich das Tier nicht gänzlich in ein Fabelwesen verwandelt.

 

Angst und Schrecken vorm riesigen Killerwal in ORCA (1977)…

…und vor kleinen Krabbelviechern in MÖRDERSPINNEN (1977)

 

Die Gefahr muss eine potentiell gesteigerte Gefahr sein, die ohnehin von Taranteln, Mambas oder Honigbienen ausgeht, sonst hätten wir es eher mit klassischen Mutanten zu tun. So darf bei mir, trotz Protests der PETA, ein Film wie DIE FLIEGE nicht im Tierhorrorzoo aufgenommen werden. Die Bedrohung kommt hier ganz klar von einem genetisch veränderten Menschen mit Fliegen-DNA daher. Keine Chance beim Zoowärter. Und auch Kollege GODZILLA fühlt sich als Mutant im eigenen Subgenrestall wesentlich wohler als unter Killerrobben und Orcas.

 

 

Die Spitze der Nahrungskette

 

Die Angst vor wilden Tieren, die einen beißen, stechen, vergiften, sogar fressen können, ist eine der Urängste des Menschen. So ist der Horror durch Tiere auch eins der ersten filmischen Themen, die Regisseure und Autoren aufgegriffen haben. Die Klassiker sind hier ganz klar KING KONG von 1933 und DER HUND VON BASKERVILLE von 1936. Als in den 50er Jahren der Science-Fiction-Film boomte, gelangte auch der Tierhorrorfilm auf eine neue Stufe im Kratzbaum. Durch außerirdische Strahlung oder Atombombentests konnte man dramaturgisch clever Spinnen und Ameisen auf Tanklastzuggröße mutieren lassen, die ganze Städte bedrohten.

 

 

PHASE 4 (1974)

 

Als ich ein kleiner Bub war, sah ich auf dem ZDF zu später Stund den Film FORMICULA (THEM) um atomar verseuchte Ameisen. Ein prägendes Ereignis. Das witzige daran: in jener Zeit, also Mitte der Achtziger, war der Empfang des Zweiten Deutschen Fernsehens so schlecht, dass daraus das geflügelte Wort „Ameisenautobahn“ entstand. Ob das, was mich als Kind gruselte, nun Effekt oder Senderrauschen war, konnte ich erst Jahre später ausmachen.

 

Tiere durch äußere Einflüsse bedrohlicher zu machen, ist dramaturgisch aber so etwas wie eine altbackene Semmel. Denn es gibt Arten, die brauchen keine verändernde Strahlung oder Laborexzesse, sondern sind schon vom Hersteller mit Bedrohlichkeit ausgestattet. Neben Hunden sind das vor allem Haie, die in einer beträchtlichen Anzahl ein Mikrogenre bevölkern.

 

Auslöser war 1975 JAWS, der für volle Kinokassen und leere Badestrände sorgte. Kommen heute eher selten noch Filme über Frösche oder Schlangen daher, darf sich der Hai getrost in der Königsklasse des Mikrogenres wähnen. Ich glaube, keine andere Art hat es auf so viele Beiträge geschafft und auch im Jahr 2017 sind Haie ein beliebtes Tierhorrorthema (47 METERS DOWN).

 

 

JAWS (1975)

 

Doch dass Size nicht immer mattert, beweisen die lustigen Winzlinge mit acht Beinen. Die größte Phobie, die der Mensch gegenüber Tieren hat, ist wohl die Arachnophobie, die Angst vor Spinnen. Eine Riesenspinne à la TARANTULA braucht es da nicht unbedingt, bereits winzige Arten lassen Frauen zu schreienden Furien werden.

 

In ARACHNOPHOBIA beispielsweise sind die Spinnentiere klein und unscheinbar, aber hochgiftig und sprunghaft. Da kommen selbst gestandene Männer ins Schwitzen. Auch Spinnenhorror verirrt sich noch häufig in einschlägige Videothekenregale, denn Spinnenphobiker wird es wohl immer geben.

 

TARANTULA (1955)

 

Haie und Spinnen sind beliebte Spezies in Tierhorrorfilmen, weil sie von Haus aus gefährlich sind. Doch es gibt auch Tiere, die sich erst als rüde Killer entpuppen und damit sogar noch Angst-einflössender wirken. Einer meiner Lieblingstierhorrorfilme, und auch einer der dramaturgisch knackigsten, ist die Stephen King Verfilmung CUJO. Sie fügt der Bedrohung durch einen tollwütigen Bernhardiner zwei weitere hinzu: Isolation und Gefangenschaft, und verschärft so das Spannungs-potential.

 

 

CUJO (1983)

 

Wie viele Geschichten von King kommt das Grauen aus einer alltäglichen Situation heraus. Wegen eines Motorschadens bringt die Hauptfigur Donna (DEE WALLACE) zusammen mit ihrem Sohn Tad ihren Wagen zu einer abgelegenen Werkstatt. Dort aber befindet sich ein tollwütiger Hund, der von einer Fledermaus gebissen wurde. Der Besitzer des Tieres hat bereits das Zeitliche gesegnet. Der kranke Cujo zwingt Mutter und Sohn, im schützenden Auto zu verweilen. Doch was sicher scheint, wird durch die sengende Hitze, die Abgeschiedenheit, den Wassermangel und der Asthmakrankheit von Tad zu einer irre spannenden Tortur.

 

 

„Dreh niemals mit Kindern oder Tieren!“…

 

…ist ein oft gehörter Satz, wenn es um eine No Budgetproduktion geht. Und es stimmt, Kinder sind unberechenbar. Tiere erst Recht. Trotzdem ist gerade der Tierhorrorfilm sehr häufig im Low Budget Sektor anzutreffen. Frühe Werke aus den 70ern haben da oft mit Archivmaterial von Tieren gearbeitet, in den Achtzigern wurde gern mit Animatronics aus Fell, Augen und Zähnen gespielt. Später gab es dann spezielle Filmtiertrainer, die allerlei Wuseliges in ihrem Bestand hatten.

 

 

Doch nur Großproduktionen wie JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES konnten sich leisten, hunderte Schlangen (aber auch viele Gummischläuche) bei den Dreharbeiten zu verwenden. Gerade in Tierhorrorfilmen der frühen Achtziger Jahre sieht man dementsprechend mal mehr oder weniger gut gestaltete Silikon-Kobras oder Gummi-Anacondas.

 

 

ANACONDA (1997)

 

Das änderte sich, wie so vieles, durch den Einsatz von CGI-Technik ab Anfang der 90er. Denn nun konnte man Würgeschlagen und Riesenarachniden auf wehrlose Schauspieler jagen, die beim Dreh wohl niemals eine Vogelspinne auf die Hand genommen oder eine Königskobra geküsst hätten.

 

 

Allerdings führte das auch dazu, dass den Viechern nach und nach der Schrecken des Realen geraubt wurde. Keine noch so detaillierte Felltextur konnte bislang der Schaurigkeit eines echten Wolfes etwas anhaben. Aber gerade weil der Tierhorrorfilm in vielen Fällen trashig und übersteigert daherkommt, wissen auch Filme wie ANACONDA oder SNAKES ON A PLANE zu unterhalten.

 

Einen Tierhorrorfilm zu schreiben, ist daher auf der einen Seite einfach, auf der anderen aber völlig in die Luft gesponnen. Wenn der Autor aus einem Hamster einen gefräßigen Berserker macht, einen Grizzly durch eine Kleinstadt jagt oder eine Unterwasserszene um Taucher und Haie schreibt, kann er selten mit der Begeisterung seitens eines Produzenten rechnen.

 

 

GRIZZLY (1976)

 

Wenn dann der Regisseur aus Realismusgründen die Haiszene auf jeden Fall mitten im Pazifik, live und mit echten Tieren drehen will, grenzt das teilweise schon an Größenwahn. Doch gerade technisch ist heute wesentlich mehr machbar als noch vor 20 Jahren, als die große Zeit des Tierhorrors schon fast abebbte. Heute scheint es leider so, als wäre jede Tierart bereits filmisch abgefrühstückt. Ich warte immer noch auf Killer-Giraffen oder einen Horror-Schuhschnabel. Aber es gibt auch noch andere Wege, sich dem Thema Tierhorror zu nähern.

Tierhorror Selected

Einzigartig ist LONG WEEKEND (1978) und das Remake von 2008. Hier geht die Bedrohung streng genommen von der ganzen Natur aus, alles stellt sich hier gegen die Protagonisten und macht so das lange Urlaubswochenende zu einem Überlebenstrip.

 

Und in einem Anflug von Kreativität stelle ich zudem die Frage, warum noch kein Horrorfilm in einem verrückt gewordenen Tierheim gespielt hat. Labore kenn ich, aber dieser typische Flur mit Hundegattern ist für mich eine schauderliche Vorstellung. Oder eine Geschichte über die Gegner von Stuttgart 21, die den Juchtenkäfer genetisch verändern und auf die Bahnhofbefürworter jagen.

 

 

STUNG (2015) von Benni Diez

 

Wirklich realistische, ernsthafte Tierhorrorfilme sind leider selten. CUJO steht da bei mir ganz oben auf der Speisekarte. Die meisten Filme aber gehören in trashige oder komödiantische Gehege.

 

 

Das kommt dem Subgenre entgegen, wer kann wirklich Killerschnecken oder Mördermarienkäfer ernst nehmen? Bis auf wenige Ausnahmen wie JAWS existiert so gut wie kein Blockbuster in diesem Metier. Trotz allem kann man überrascht sein, welche Schauspieler Tierhorror auf ihre Viten stehen oder gestrichen haben.

 

 

Tierisch gut aufgelegte Stars in Tierhorrorfilmen Ratespiel

 

Ich liebe Tierhorrorfilme. Der Antagonist Honigbär oder die Biene Maya sind mir allemal sympathischer als der elfte Vorhees-Klon. In vielen Tierhorrorfilmen klingen sogar ökologische Themen wie Umweltverschmutzung oder Bedrohung von Arten an. Das schöne an Tierhorror ist, es funktioniert irgendwie immer. Allein beim Anblick von Taranteln und Küchenschaben kann es einem die Nackenhaare aufstellen. Sollte der Mensch seine natürliche Angst vor der Gefahr Tier nicht eines Tages durch Medikamente verlieren, wird es auch immer wieder Tierhorrorfilme geben. Dann gern auch mit Erdmännchen oder Pinguinen. Wenn es spannend erzählt ist, kann auch eine Mücke einem Elefant das Fürchten lehren.

 

PS: Den Vegetariern unter den Genrefreunden sei versprochen, dass sich eine weitere Folge der Kleinen Genrefibel auch mit Pflanzenhorror beschäftigen wird.

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

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8 Comments

  1. Antworten
    Markus 14. April 2013

    Yeah, ich fang mal mit den Filmen an. Von links nach rechts:
    – Anaconda
    – Arac Attack
    – Der weiße Hai
    – Mia Wasikowska (ist sie schon der tierische Horror?)
    – Arachnophobia
    – Mimic
    – Snakes on a plane
    – Rivalen am Abgrund

    Als Hauptgewinn nehm ich diesmal kein iPad mini.

  2. Antworten
    Christian 14. April 2013

    Naaaaja…also eine Sache kann ich so nicht gelten lassen. Und wer sich so über Mia äußert, hat maximal ein Nokia 5110 verdient.

  3. Antworten

    […] der Kleinen Genrefibel durch den Äther schwingt und schwillt, eine kurze Anmerkung. Zeitreisen, Tierhorror, Drogen und Drachen waren die letzten Stationen auf der großen Genrereise. Doch um was in der […]

  4. Antworten

    […] Genrefreunde und Hobbygärtner, wie bereits in Teil 2 der Kleinen Genrefibel durch die Blume angekündigt, wird sich die heutige Folge mit dem Einfluss […]

  5. Antworten

    […] heutigen Folge lediglich Bilder sprechen lassen? Denn heute ist es soweit, liebe Genrefreunde, nach Tieren, Pflanzen, Drogen, Zeitreisen, Atombomben und Serienkillern beschäftigen wir uns mit der Wurzel […]

  6. Antworten

    […] Seit DER WEIßE HAI von Steven Spielberg wird diese Spezies als das ultimative Ungeheuer verschrien, sorgte für leere Badestrände und der Mensch machte erbarmungslos Jagd auf die imposanten Tiere. Nun ist nicht jeder Film über Haie auch eine „Lost At Sea“ Geschichte. Die meisten Killerhaie gehören zur Kategorie Tierhorror. […]

  7. Antworten

    […] körperlicher oder geistiger Unversehrtheit. Vampire beißen, Werwölfe reißen, Geister besetzen, Tiere verletzen, Hexen kratzen, Zombies schmatzen. Aber nicht jede Art der Darstellung von fiktiver […]

  8. Antworten

    […] auf Lager. Auch genretechnisch lassen sich Dinos nicht so einfach einordnen wie beispielsweise Tierhorror. Dinosaurier sind Geschöpfe, die es tatsächlich mal gegeben und die kein Mensch bislang lebend […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de