11.22.63 Der Anschlag

Halbzeit im Kinojahr 2016. Doch so richtig aufregend war`s bislang nicht. Wieder einmal scheint sich zu bestätigen, im Fernsehen werden momentan die interessanteren Geschichten erzählt. 2016 könnte das Serienjahr schlechthin werden. PREACHER, JORDSKOTT, neue Staffeln von GAME OF THRONES, ORPHAN BLACK, MR. ROBOT, DAREDEVIL, GOTHAM, TWELVE MONKEYS und THE LEFTOVERS, nur TWIN PEAKS hat sich nach 2017 verkrümelt. Shame! Ding Ding Ding! Naja, nur kann man schlecht über Serien schreiben, denn einerseits wird man vom fiesen Spoilermob durch die Gassen gejagt, andererseits sind finale Serienfazits schwierige Angelegenheiten, wenn man noch wissentlich 3, 4 oder 5 Staffeln vor sich hat. Ein Dilemma. Ding Ding Ding.

 

Umso mehr liebe ich kurze, abgeschlossene Miniserien à la TRUE DETECTIVES. In diesem Jahr startete eine weitere Miniserie, die ich mit Verzückung herbeisehnte: 11.22.63 – DER ANSCHLAG, nach einem Roman von Stephen King. Obwohl ich das Buch nicht gelesen habe, war mir doch bekannt, es handelt sich um eine Zeitreisegeschichte, ein phantastisches “Was-wäre-wenn”-Szenario um die Ermordung von John F. Kennedy. Besetzt mit dem sympathischen James Franco, ein paar interessanten Newcomern und alten Hasen wie Chris Cooper, geschrieben von Bridget Carpenter (DEAD LIKE ME) und produziert von J. J. Abrams (LOST, STAR WARS THE FORCE AWAKENS) – obgleich Serien nach Büchern von King nicht immer Fernsehgold sind (UNDER THE DOME), in diesem Fall war ich gespannt auf das Ergebnis.

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Gleich vorweg, in meiner kleinen Serienreview wird nicht nur heftig gespoilert, sondern auch ordentlich verrissen. Aber nicht aus Böswilligkeit oder Häme, sondern als Lehrbeispiel für vertane Möglichkeiten.

 

Kennedy darf nicht sterben!

 

Hauptfigur der Serie 22.11.63 ist der US-amerikanische High-School Lehrer Jack Epping (James Franco), der in einer waschechten Krise steckt. Die Scheidung von seiner Frau ist vollzogen, an seiner Schule erfüllt er den Lehrplan nach Vorschrift, Freunde scheint er keine zu haben, bis auf Al Templeton, Inhaber eines Diners, gespielt von Chris Cooper. Der zeigt ihm eines Tages ein obskures Geheimnis. In der Vorratskammer des Diners befindet sich ein Zeitportal, welches die Gegenwart mit dem 21. Oktober des Jahres 1960 verbindet. Jake geht durch das Portal und findet sich in den swinging sixties wieder, wo die Luft noch frisch ist und die Mädchen adrette Röcke tragen. Wieder zurück in seiner Gegenwart klärt Diner-Inhaber Al seinen Freund über das mysteriöse Zeitportal auf.

 

Die Regeln sind einfach. Geht man durch das Portal, landet man immer am 21.10.1960. Verändert man dort etwas und kehrt zurück, ändert sich auch die Gegenwart. Soweit, so gut. Geht man allerdings erneut durch das Portal, wird jegliche Veränderung wieder auf Null gesetzt. Egal wie lang man in der Vergangenheit verweilt, kehrt man zurück, sind in der Gegenwart lediglich zwei Minuten vergangen.

 

Zeitreiseveteran Al (Chris Cooper) klärt Jack Epping (James Franco) über den Zeittunnel auf.

Was also kann man mit einem solchen Zeitportal anfangen? Jake erfährt, dass Al wieder und wieder die Vergangenheit besuchte. Sein Ziel war es, Nachforschungen anzustellen, um genau am 22.11.1963 einen schwarzen Tag der US-Geschichte zu vereiteln – die Ermordung John F. Kennedys. Doch Al Templeton war in seiner Mission nicht erfolgreich. Zu viele Jahre hatte er in der Vergangenheit verbracht, war seinem Ziel zwar immer näher gekommen, aber weit davon entfernt, das Attentat zu verhindern. Al ist für Jake Epping in der Gegenwart überschnell gealtert und eine Krebserkrankung zwingt ihn dazu, seine Mission auf Jake zu übertragen.

 

Er bittet den Englischlehrer, in die Vergangenheit zu reisen und anhand seiner gesammelten Informationen das Attentat auf John F. Kennedy zu vereiteln. Denn nach Templetons Überlegungen würde das bedeuten: kein Attentat, kein Vietnamkrieg, kein amerikanisches Trauma. Zeitreiselogik eben. Jake nimmt widerwillig den Auftrag an, weil ihm in seiner Gegenwart nichts mehr wirklich hält. So betritt Epping das Jahr 1960, um sich drei Jahre lang auf den Tag vorzubereiten, der alles veränderte.

 

60er Jahre Idyll: Jack und seine neue Flamme Sadie (Sarah Gadon) beim Picknick.

Jack gliedert sich in eine kleine Gemeinde in der Nähe von Dallas ein, wird Lehrer an der High-School, offenbart sich einem Rumtreiber namens Bill, der zu einem Freund und Mitwisser wird und lernt an seiner Schule die Bibliothekarin Sadie kennen, in die er sich alsbald verliebt. Seiner eigentlichen Aufgabe geht Jack anfangs nur zögerlich nach, denkt sogar ans Aufgeben. Stattdessen beschließt er, das tragische Schicksal eines seiner späteren Schüler zu verändern, das des traumatisierten Hausmeisters Harry, der in Jacks Gegenwart seinen Schulabschluss nachholt. Harrys Familie wurde von seinem Vater brutal ermordet und Jack schafft es tatsächlich, den Mord zu verhindern, obwohl ihn die Vergangenheit das ein oder andere Beinchen stellen will. Vom Erfolg beflügelt beschließt Jack, nun endlich mit den Nachforschungen in Sachen Kennedy zu beginnen. Zusammen mit seinem neuen Freund Bill beschattet er den bekannten Hauptverdächtigen Lee Harvey Oswald (Daniel Webber).

 

Jack und Bills Abhöraktionen sind nicht unbedingt von Erfolg geprägt, handfeste Beweise, ob Lee Harvey Oswald wirklich der alleinige Schütze in Dallas war, finden sie nicht. Bereits die erste Feuertaufe misslingt, als Bill Lee Harvey Oswald bei der mutmaßlichen Ermordung eines Senators beobachten soll. Die Vergangenheit kennt viele Tricks, um einer Veränderung zu entgehen.

 

Jack und Bill (George MacKay) beim Abhören von Lee Harvey Oswalds Wohnung – mit magerem Erkenntnisgewinn.

Stattdessen läuft es in Jacks Privatleben wesentlich runder als in der Gegenwart. Aus Jack und Sadie wird ein Paar, doch Sadies Ex-Ehemann will das junge Glück zerstören. Jack gerät in Konflikte wegen der damaligen Rassendiskriminierung, der sexuellen Biederkeit und natürlich wegen manipulativem Glücksspiel. Doch in den drei Jahren bis zu Kennedys Ermordung schaffen es Jack und Bill nicht, das Attentat frühzeitig zu verhindern.

 

So läuft alles auf einen Showdown am 22.11.1963 hinaus, in der Jack trotz der wehrhaften Vergangenheit das Attentat tatsächlich vereitelt. Zurück in seiner Gegenwart hat das aber ganz andere Auswirkungen als erhofft. Die Welt liegt in den Trümmern einer Apokalypse, Kennedys Rettung hat die Welt nicht zu einem besseren Ort gemacht, im Gegenteil. Also macht sich Jack auf, um die verkorkste Vergangenheit erneut zu resetten.

 

 

Beschattung oder Schulball?

 

Auf dem Papier klingt alles um 11.22.63 – DER ANSCHLAG nach einer phantastischen Miniserie. Zeitreiseplots sind tricky, aber aber ungemein faszinierend. Noch dazu geht es um jüngere amerikanische Geschichte, nicht nur im Bezug auf die Ermordung Kennedys, sondern auch um den biederen Alltag der sechziger Jahre. Doch hinterlässt die Serie nach der finalen achten Folge einen eher faden Beigeschmack. Fangen wir aber mal mit den gelungenen Elementen an.

 

Die sechziger Jahre sind in 11.22.63 toll ausgestattet und inszeniert und wirken wirklich lebendig. So machen auch oder vor allem die Szenen Spaß, die erstmal nichts mit dem Attentat an sich zu tun haben. Jack als neuer Lehrer mit frischen Methoden, seine klare Kante gegen Rassismus oder der Genuss von Kuchen ohne künstliche Zusatzstoffe, all das ist gut geschrieben und macht Spaß.

 

Grandios als Lee Harvey Oswald – Newcomer Daniel Webber

Von schauspielerischer Seite brillieren Chris Cooper als Zeitreiseveteran und vor allem Daniel Webber als Lee Harvey Oswald, der seine Rolle kongenial ausfüllt. Auch George MacKay (PETER PAN) als Jacks Freund Bill Turcotte spielt leidenschaftlich, seine Rolle als naiver, aber gutherziger Mitwisser ist zudem weitaus mehr motiviert als die Hauptfigur Jack Epping. Sarah Gadon (DRACULA UNTOLD) als Sadie ist zuckersüß anzuschauen, ihre Figur jedoch reichlich unterbelichtet. Bleiben noch Lucy Fry als Marina Oswald, die im Gegensatz zu Sadie die interessantere Figur ist, aber nur wenig Screentime hat und Leon Rippy als traumatisierter Hausmeister Harry, dessen Geschichte und Spiel durchaus berühren.

 

Das größte Problem an 11.22.63 bleibt leider an der Hauptfigur Jack und an James Franco hängen. Die Figur Jack Epping zieht reichlich unmotiviert in das Zeitreiseabenteuer. Außer der Unterzeichnung der Scheidungspapiere deutet eigentlich nichts auf eine wirkliche Lebenskrise hin, als Lehrer ist er überaus emphatisch und scheint seinen Beruf zu lieben. Freunde hat er allerdings bis auf Al keine, warum wird nicht ersichtlich. Sein Entschluss, Al´s Zeitreiseaktivitäten fortzusetzen, wird zwar mit dem Tod des Diner-Inhabers untermauert, warum aber Jack seiner Gegenwart de Rücken kehrt, wird nicht wirklich nachvollziehbar und wirkt etwas schwach.

 

Hinzu kommt das typische Franco-Syndrom. Ich persönlich mag ihn ja wirklich. Trotzdem wirkt er in vielen Filmen so, als hätte er partout keinen Bock auf seine Rollen. So schwankt Franco auch nur zwischen zwei Emotionsausdrücken – bedröppeltes Gesicht jenseits der Betäubungsmittelverordnung und betroffener Hundewelpenblick á la SUSI UND STROLCH. Klingt jetzt ein bisschen hart, aber so nehme ich James Franco bis auf wenige Ausnahmen (127 HOURS) wieder und wieder wahr.

 

Am Ende muss auch für Zeitreisende alles sehr schnell von Statten gegen.

Doch die größten Probleme der Serie liegen im Pacing. Die acht Folgen wirken einmal zäh, dann wieder gehetzt. Nach gelungenem Einstieg in die Serie einen Nebenschauplatz um die Ermordung von Harrys Familie aufzumachen, wirkt nicht unbedingt zielfördernd. Viel von dem, was man an geschichtlichem Background oder Verschwörungstheorien um Kennedys Ermordung kennt, wird lediglich angeschnitten oder verläuft im Sande. So fällt vor allem die Beschattung von Lee Harvey Oswald extrem nüchtern aus. Dagegen ist Jack und Sadies Aufsicht beim Schulball wahrlich spannender erzählt.

 

Ist die Hintergrundrecherche nicht schon zäh genug, erleidet Jack gegen Ende auch noch einen temporären Gedächtnisverlust, der völlig abstrus erzählt wird. So weiß Jack zwar noch, dass es ihm um die Verhinderung des Attentats geht, aber sämtliche (nichtigen) Erkenntnisse um Lee Harvey Oswald sind plötzlich spurlos verschwunden, was den Plot in Folge 7 beinahe wieder auf Null setzt. Im Gegensatz dazu wirkt die finale achte Folge wie ein Zeitraffer, in der sich Nichtigkeiten mit Schrifttafeln des Datums und der Uhrzeit im Stakkato abwechseln.

 

Der Nebenplot um Sadies sadistischen Ehemann wirkt ziellos und hat auf die Geschichte keinerlei Einfluss. Vor allem aber das Schicksal von Mitwisser Bill enttäuscht, war er doch lange Zeit die interessantere Figur als Jack, der sämtliche Sympathien verspielt, als er Bill in eine Nervenheilanstalt einweisen ließ und am Ende sogar für seinen Selbstmord mitverantwortlich ist. Dann gibt es noch die Figur des Yellow Card Mans (KEVIN J. O´CONNOR), dessen Geschichte am Ende nebenher erzählt wird und dessen Bedeutung für die Zeitreiseproblematik sich für den Zuschauer nur schwer erschließt.

 

 

Die Vergangenheit schlägt zurück

 

Hinzu kommen diverse Ungereimtheiten in Sachen Zeitreiseparadoxon. Gut, zugegeben, viele Filme um Zeitreisen biegen sich dieses Konstrukt zurecht, was gut und richtig ist. Aber in 11.22.63 wirkt das Ganze arg albern. Denn die Vergangenheit scheint sich vor Veränderungen ihrer selbst schützen zu müssen. Das gelingt ihr nur, in dem sie andere Dinge verändert, um Jack von seinem Vorhaben abzubringen. Das ist nicht nur widersprüchlich, sondern auch eine extreme Form einer Deux Ex Machina. Zum Schutz der feststehenden Vergangenheit verändert die Zeit selbst Aspekte der Vergangenheit, diese Folgen scheinen ihr aber egal zu sein.

 

Für den Zuschauer wirkt das nicht selten zu willkürlich. Da gibt es Unfälle, Autos springen nicht an, sogar ein Geist taucht auf und verhindert lediglich einen Erkenntnisgewinn. Die Vergangenheit macht einfach, was ihr passt. Oder ist es der Autor, der eine göttliche Fügung nach der anderen einbaut, nur um ein wenig Zeit zu schinden oder einfach mal alles über den Haufen zu werfen? Man weiß es nicht.

 

Die Vergangenheit will sich schützen und verändert sich deshalb – konfuse Zeitreiselogik.

Die Lösung des Plots am Ende verpufft deshalb in arger Schlichtheit. So hat die Überwachung über drei Jahre keinerlei Einfluss auf ein etwaiges Verhindern des Attentats, Jack stürmt einfach in das Gebäude und hindert Lee Harvey Oswald an dem tödlichen zweiten Schuss. Keine Intrige, keine Verschwörung, kein zweiter Schütze. Vieles von dem, was innerhalb der ersten sieben Folgen angedeutet wurde, erfüllt sich nicht im Finale oder entpuppt sich als unwichtig.

 

Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich nicht sagen, was dort besser oder schlechter gelöst wurde. Darum geht es auch nicht. Denn die Ungereimtheiten und Fehler von 11.22.63 stecken allesamt im Filmischen, es sind Aspekte des Plots, der Figuren, des Pacings und der Logik, die am Ende doch arg enttäuschen. Trotzdem mag ich die Serie irgendwie. Ein typisches Beispiel für vertane Möglichkeiten und das Verspielen von viel Potential. Besser als UNDER THE DOME ist 11.22.63 – DER ANSCHLAG aber allemal. Daniels Webber gilt für mich als faszinierende Neuentdeckung, die Sixties sind hervorragend getroffen und die Endszene der Serie um das Schicksal von Jack und Sadie entschädigt die vielen Ungereimtheiten und Irrwege der Geschichte ein wenig.

 

Pay-TV: FOX

 

  • spannende Ausgangslage
  • tolles 60er Jahre Feeling
  • Daniel Webber als Lee Harvey Oswald
  • ergreifendes Ende
  • lahme Hauptfigur
  • kaum Verschwörung und Thrill
  • nicht zielführende Nebenplots
  • schlechtes Pacing
  • Die Vergangenheit treibt Schabernack

 

FAZIT:

Zeitreisen, Verschwörungstheorien, lebendige 60er Jahre – die Zutaten stimmen, aber 11.22.63 krankt an einer unmotivierten Hauptfigur und vieler Sackgassen. Schade.

 

11.22.63, USA 2016, Buch: Bridget Carpenter, Produktion: J. J. Abrams
Für Fans von VATERLAND, THE BUTTERFLY EFFECT & JFK

 

3 Comments

  1. Antworten

    […] in die Hose ging 11.22.63 – DER ANSCHLAG nach einem Roman von Stephen King. Ein Desaster dagegen war die Wiedereröffnung der X-FILES, da […]

  2. Antworten

    […] Figuren. UNDER THE DOME wandelt sich wüst nach anfänglich interessanter Ausgangslage, auch mit 22.11.63 – DER ANSCHLAG wurde ich nicht richtig warm. Da gefielen mir BAG OF BONES von Mick Garris und KINGDOM HOSPITAL […]

  3. Antworten

    […] von Stephen Kings ES. Nach seiner großartigen Performance als Lee Harvey Oswald in der Serie DER ANSCHLAG mauserte sich Daniel Webber in THE PUNISHER gar zum besten Bösewicht des Jahres, die von ihm […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de