It is about the bunny!

Is it future or is it past? Am 01. Dezember 2010 kehrte TWIN PEAKS endlich wieder zurück auf den Fernsehbildschirm, fast 20 Jahre nach Erstausstrahlung. Es sollte ein lang erwartetes Wiedersehen mit den geliebten Figuren jener idyllischen Kleinstadt im Nordosten Washingtons werden: Bobby Briggs hat bereits ein paar graue Haare, die Log Lady trägt weiterhin ihren prophetischen Holzscheit, Audrey Horne ist inzwischen Bibliothekarin und die tote Laura Palmer ist mit dem ebenfalls verstorbenen Orchideenzüchter Harold Smith verheiratet. Auch Leland Palmer ist zurück und trägt wieder eine schneeweiße Haarpracht. Und erneut gibt es einen Mordfall, das Opfer heißt Paula Merral, auch sie wurde eingewickelt in Plastikfolie gefunden. Nur ist sie nun die Tochter von Bobby Briggs, der vor Trauer am Seeufer zusammenbricht, als er von ihrem Tod erfährt: “Paula, oh Paula!”

 

 

TWIN PEAKS: THE RETURN? Äh…

Genauso hat es sich zugetragen. Kein Witz. Noch lang bevor David Lynch die Fangemeinde mit der Ankündigung einer dritten Staffel TWIN PEAKS im besten Sinne des Wortes schockierte, gab es dieses Revival in der Krimiserie PSYCH mit Teilen der Originalbesetzung – Dana Ashbrook, Sheryl Lee, Sherilyn Fenn, Ray Wise und Catherine E. Coulson. Wer Folge 12 der fünften Staffel PSYCH gesehen hatte, konnte einen kurzen Einblick in die Zukunft erhaschen, die nochmal sieben Jahre später in das wohl meist ersehnte Serienevent seit THE REAL GHOSTBUSTERS mündete. Warum also die ganze Aufregung?

 

 

 

Was konnte TWIN PEAKS: THE RETURN dem Zuschauer bieten, was nicht schon DUAL SPIRES bot? Douglasfichten, Kirschkuchen, Seifenoper? Ich glaube, bis zum 25. Mai 2017 waren sich die Fans sicher, genau das zu bekommen. Doch hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Wirt, der den Kirschkuchen feilbietet, ist in diesem Fall David Lynch. Er muss mit seinen Werken das Publikum mesmerisiert haben, anders kann ich es mir nicht erklären. Sein letzter Kinofilm INLAND EMPIRE stammte aus dem Jahr 2006 und gilt als Gipfel der lynchschen Unzugänglichkeit. Danach widmete sich Lynch wieder der Malerei und Fotografie, der Musik, drehte Musikvideos für Nine Inch Nails und war unter anderem Präsident der 55. Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

 

 

David Lynch Mindbombing

2012 traf sich Lynch mit Co-Autor Mark Frost und heckte Pläne für eine Fortsetzung von TWIN PEAKS aus, 2014 biss der Kabelsender Showtime an und 2015 schließlich wieder ab, man sorgte sich um Budget und Ausrichtung der Serie. Nach Protesten von Fans aber kam es dennoch zu einer Einigung, Lynch sollte bei allen 18 Folgen Regie führen, die Serie nach einem 400seitigem Drehbuch mit über 200 Figuren am Stück gedreht werden. Alles schrie wieder nach Fernsehgeschichte. Doch wie man es in den Wald hinein schreit, so schallt es auch zurück. Denn dieser Wald um Twin Peaks ist nun mal kein gewöhnlicher Forst.

 

 

 

Lynch´s Opus Summum

 

TWIN PEAKS ist zurück, die Rückkehr begann am 25. Mai und endete am 04. September 2017. Was hatte man erwartet? Hatte Lynch nicht schon mit TWIN PEAKS – DER FILM aus dem Jahr 1992 der Fangemeinde den eulenringbestückten Mittelfinger gezeigt? Erwartete man gerade von Lynch, ein gefälliges Stück Fanservice geliefert zu bekommen? Natürlich habe ich mir so meine Gedanken gemacht mit der Ankündigung der dritten Staffel TWIN PEAKS. Aber auch ich war wohl vernebelhornt. Konnte diese Rückkehr noch einmal das bewirken, was TWIN PEAKS vor 25 Jahren in mir auslöste?

 

Eule, Nadine, Big Ed, James, Laura, Gordon, Dale, Audrey, Shelley, Bobby & Norma 2017

 

Nun, nach dem Staffelfinale Anfang dieser Woche weiß ich, das kann es durchaus, wenn auch völlig anders als erwartet. Dabei ist die dritte Staffel TWIN PEAKS eigentlich eine Blaupause dessen, was die Serie bereits in den Neunzigern war, inhaltlich und von Seiten der Rezeption her. TWIN PEAKS polarisiert noch immer, Lynch ist mehr Lynch als zuvor, die Fangemeinde geifert und tobt und nimmt dennoch jedes Fitzelchen mikroskopisch auseinander. Das Prestige ist riesig, die Zuschauerzahlen eher mau.

 

Alles beim Alten und trotzdem alles anders. Die Bandbreite der Meinungen über die dritte Staffel TWIN PEAKS bewegen sich zwischen folgenden Polen: TWIN PEAKS: THE RETURN ist Lynchs Magnum Opus, der Höhepunkt seines Schaffens, reines Heroin, eine (erneute) Revolution des Fernsehens und eine Sprengung sämtlicher Konventionen des Storytellings. Auf der anderen Seite werden Plakate hochgehalten, auf denen steht: 18 Stunden unmögliches Antifernsehen, eine Demontage des Kultserie (die genauso bekloppt war), ein Racheakt von Lynch für die vernichtenden Kritiken an TWIN PEAKS – DER FILM von 1992.

 

Dazwischen sitzen die Nostalgiker und Nostalgikerinnen, die enttäuscht sind, dass plötzlich alles so anders ist und sich anders anfühlt. Hätte J. J. Abrams doch TWIN PEAKS fortgesetzt und Lynch den neuen STAR WARS gemacht. Dann wäre Episode VII nicht so anbiedernd gewesen und TWIN PEAKS voller Fanservice. Verrückte Welt. Nie kann man es den Leuten recht machen.

 

 

Diane “DIANE!” Evans (Laura Dern)

Zum Glück bin ich eine Insel. Das Krakeelen der Fanatiker dringt zwar bis hierhin durch, aber lässt mich kalt wie Vichyssoisse. Das gehört natürlich zu TWIN PEAKS dazu, dass sich das Maul zerrissen wird. Auch ich war im Vorfeld entzückt, passiert ja nicht so oft, dass die Lieblingsserie zurückkehrt. Trotzdem war auch ich nicht darauf vorbereitet, was die Welt da am 25. Mai mit der Ausstrahlung der ersten Doppelfolge erwartete. Ich dachte mir eher, das kann nix werden, zu groß waren die Emotionen, die Momente damals zu prägend, die Ausrichtung zu originär.

 

 

 

In einer Zeit der großen Revivals, STAR WARS, BLADE RUNNER, AKTE X, DIE GILMORE GIRLS, kann das überhaupt nochmal so emotional und gigantisch werden? Lasst uns das nochmal vergegenwärtigen. Wie war es nun wirklich, dieses TWIN PEAKS Revival? Doch Obacht! Hier wird gespoilert, dass sich die Balken im Great Northern biegen, bis der kleine Fichtenmarder Reißaus nimmt.

 

 

“I am the arm, and i sound…like…this”

 

Worum geht es denn nun in der dritten Staffel von TWIN PEAKS? Das fällt angesichts der vielen Storystränge mit über 200 Figuren gar nicht so leicht. Versuchen wir dennoch einen roten Vorhangfaden zu finden.

 

25 Jahre nach den Ereignissen von TWIN PEAKS ist Special Agent Dale B. Cooper noch immer in der schwarzen Hütte gefangen. Jene Person, die einst aus der Hütte floh, war nicht Cooper, sondern sein dunkler Doppelgänger Mr. C., der seither in der “wirklichen” Welt zwielichtige Dinge plant. Nach 25 Jahren gelingt es dem guten Cooper, die schwarze Hütte zu verlassen und er gelangt über eine Steckdose in den Körper eines gewissen Dougie Jones in Las Vegas. Dieser jedoch ist nur eine sogenannte Tulpa, ein künstliches Konstrukt aus einer Goldkugel. Cooper, nun gefangen im Körper von Dougie, nicht im Stande sich zu artikulieren, wird zur Zielscheibe des bösen Cooper und allerlei anderer Spitzbuben.

 

Derweil taucht in Buckhorn, South Dakota, eine Leiche auf, zusammengesetzt aus dem Kopf einer Unbekannten und dem Körper von Major Briggs. Das FBI unter Cole und Rosenfield ermitteln wieder und die Spur führt zum verschollen geglaubten Cooper. In TWIN PEAKS selbst gibt es ebenfalls mysteriöse Begleiterscheinungen von Coopers Rückkehr. Im Great Northern erklingt ein leises Summen aus Coopers altem Hotelzimmer, im Sheriffbüro findet Hawk die fehlenden Seiten aus Lauras altem Tagebuch. Das FBI verfolgt mit Hilfe von Diane, Coopers alter Liebe, die Irrwege des bösen Coopers, während sich die Gesetzeshüter von Twin Peaks auf die Suche nach einer geheimen Stelle im Wald machen. Evil Cooper, der gern dauerhaft auf Erden bleiben würde, muss den guten Cooper ausschalten, der weiterhin versucht, sich aus dem Wachkoma in Dougie Jones Körper zu befreien. Letztlich führen die Wege aller Parteien zurück nach Twin Peaks, wo es zur entscheidenden Konfrontation zwischen Gut und Böse kommt.

 

 

Ist TWIN PEAKS noch TWIN PEAKS? Ja und nein. THE RETURN spielt 25 Jahre nach den Ereignissen der letzten Folge aus dem Jahr 1991. Auf die Stadt Twin Peaks bezogen ist der Zeitsprung gelungen, man spürt jenes Vierteljahrhundert, welches vergangen ist. Mittlerweile gibt es Handys und Google, im Sheriffbüro jedoch läuft nach wie vor alles mit elegischer Langsamkeit.

 

 

Kirschkuchen hält jung: Shelley (Mädchen Amik) und Norma (Peggy Lipton)

Die Mädchen aus TWIN PEAKS rennen immer noch den bösen Buben hinterher, im Road House gibt’s noch immer melancholischen PopRock und Prügeleien und im RR servieren bekannte Dorfschönheiten leckeren Kirschkuchen. Das, was vor 25 Jahren in TWIN PEAKS geschah, liegt wie ein Schleier über der Kleinstadt. Aber man macht weiter, als wäre nichts geschehen. Gar nicht so einfach an einem Ort, an dem die Zeit stehengeblieben scheint. Alles fühlt sich so an, als würde man selbst nach 25 Jahren in das Kaff seiner Jugend zurückkehren. Im Wald hinter dem Klettergerüst, da hab ich einst ein Mädchen geküsst. Wenn ich in meine Heimatstadt fahre, dann fühlt sich das fast so an wie die Rückkehr nach TWIN PEAKS. In Twin Peaks selbst ist also alles in Kräuterbutter.

 

 

 

Aber was ist mit TWIN PEAKS? TWIN PEAKS konnte man beschreiben als Mystery-Krimiserie mit Einflüssen einer klassischen Seifenoper. Inszenatorisch ging die Bandbreite von surreal-verzerrter Unheimlichkeit bis zur extremen Überdramatisierung von Banalitäten. Auch wenn sich TWIN PEAKS: THE RETURN nun anders anfühlt, sind es doch noch immer die gleichen Grundrezepte. Aber TWIN PEAKS: THE RETURN ist noch mehr, die dritte Staffel ist streng genommen ein Best-of-Lynch in Reinkultur.

 

 

Surreale Horrorvisionen á la Lynch in THE RETURN: The Box, The Arm, The Corpse, The Insect, The Vortex, The Jeffries Machine

 

Am ehesten ist THE RETURN noch mit dem Prequel TWIN PEAKS – DER FILM und mit MULHOLLAND DRIVE vergleichbar, aber lynchsche Elemente von ERASERHEAD über WILD AT HEART, LOST HIGHWAY bis zu INLAND EMPIRE tropfen durchgehend durch die semipermeable Matrix. Das alles geschieht in einer Verquickung, die es einem schwer macht, das alles als Selbstreflektion des Regisseurs zu bezeichnen. Lynch zitiert sich nicht selbst, es ist Lynch, von der ersten bis zur letzten Minute, mehr als man es erwartet hatte. Sollte nach TWIN PEAKS von David Lynch nichts mehr kommen, kann die dritte Staffel gut und gern als Höhepunkt seines Schaffens angesehen werden, als konsequente Vereinigung seines erzählerischen und audiovisuellen Stils.

 

Doch Lynch katapultiert diese Elemente extrem in die Breite, denn nicht nur die Stadt Twin Peaks ist Austragungsort des Revivals, sondern ganz Amerika. Auch das ist nicht neu, diese Pfeiler setzte bereits TWIN PEAKS – DER FILM. Auch andere inszenatorische Gepflogenheiten werden neu ausgespielt und zum Teil karikiert: Die schleppende Langsamkeit der Szenengestaltung, das Drama um Banalitäten, die Verkitschigung des Emotionalen und die alptraumhafte Visualisierung des Subtextes.

 

 

Die bizarrste Stunde Fernsehen seit Erfindung – THE RETURN Episode 8: Nine Inch Nails im Roadhouse, July 16, 1945, The Withe Lodge, The Golden Orb, Got A Light?, The Dark Mother

 

Die übersteigerten Soap-Elementen tausch Lynch gegen anarchistische Comedy aus, die es in der Originalserie so gehäuft noch nicht gab. Sowohl skurriler Witz als auch schauerliche Unwirklichkeit wirken hypertonisiert, was früher langsam war, ist nun noch langsamer und was damals grauenhaft und gewalttätig war, steigert Lynch nochmal drastisch. Die neuen Elemente sind vielleicht nicht typisch TWIN PEAKS, wohl aber typisch Lynch. Selbst wenn Lynch explizit eine Steigerung aller Elemente von TWIN PEAKS angekündigt hätte, niemand hätte ahnen können, wohin die Reise geht.

 

Stilistisch habe ich auch wenig Kritik vernommen. Selbst in Folge 8 der dritten Staffel, die bereits jetzt als Höhepunkt der gesamten Fernsehwelt bezeichnet wird, wirkt die Stilistik nicht abschreckend, sondern magisch, weil man so etwas vorher noch nie gesehen hatte. Kritik traf eher das, was nicht völlig frei vom Erwartungsdruck war, Story und Figuren. Vor allem bei Ersterem gab es durchaus große Unterschiede zur Originalserie. Trotz aller Eigentümlichkeit, TWIN PEAKS erzählte zwischen 1990 und 1991 einen Krimi, einen Whodunnit-Plot mit folgender Prämisse: Wer war der Mörder von Laura Palmer? Ein FBI-Agent namens Dale B. Cooper ermittelte nach realer und traumhafter Faktenlage und geriet immer tiefer in die Mysterien zweierlei Welten.

 

 

It´s Dougie Time!

 

TWIN PEAKS: THE RETURN hat nicht diesen straighten Plot, erfüllt dafür aber das Versprechen von einem Weg heraus aus diesen zweierlei Welten. Special Agent Dale B. Cooper ist erneut Hauptfigur, doch auch die wurde von Lynch in eine Art Hypermode versetzt. War TWIN PEAKS die Geschichte um Laura Palmers Mörder und führte in ein Zwischenreich, erzählt THE RETURN nun die Geschichte über den Weg zurück. In diesem Plot geht es um nichts weniger als die Rettung der Seele Coopers vor der Finsternis des zukünftig Vergangenem. Ist Cooper dieser Magier des Lichts auf der Suche nach einem Weg heraus aus zweierlei Welten? Jener ikonische Spruch der Originalserie beschreibt genau den Plot der Fortsetzung. Nun muss nur noch das Feuer mitziehen.

 

Kyle MacLachlan in den Rollen seines Lebens: Good Cooper in the Lodge, travel via electricity, Evil Cooper, Original Dougie Jones, Cooper in Space, Cooper trapped in Dougie

 

 

Trotz des Mikrokosmos, der Star von TWIN PEAKS: THE RETURN ist Kyle MacLachlan als Special Agent Dale B. Cooper. Falsch, denn Lynch narrt den Zuschauer und will ihm diese Figur, die einst als Sherlock Holmes auf Acid bezeichnet wurde, nicht so einfach zurückgeben. Kyle McLachlan übernahm gleich mehrere Rollen in drei Cooper-Gefäßen. Allen voran der Evil Cooper, der gleich zu Beginn eine entscheidende Frage des Finales der zweiten Staffel beantwortete (und dabei dutzende neue Fragen stellte) – war es Cooper, der der schwarzen Hütte einst entkommen ist? Mitnichten, während der böse Cooper (mit langen Haaren, Lederjacke und ganz bösem Blick), besessen von Bob in der realen Welt für Furore sorgte, blieb der gute Cooper 25 Jahre in der schwarzen Hütte gefangen. 25 Jahre nur Maisbrei, das muss man sich mal vorstellen.

 

Neben Evil Cooper, der eine der finstersten Film- und Seriengestalten aller Zeiten sein dürfte, und dem ratlos dreinblickenden Good Cooper innerhalb des Roten Raumes gesellt sich ein weiterer Cooper zum Ensemble – in Form von Dougie Jones. Dieser ist jedoch nur kurz in seinem wahren Charakter zu sehen und wird alsbald die tragende Hülle des guten Coopers, der mittels Steckdose die Schwarze Hütte verlassen konnte. Nun steckt der gute Cooper in Dougie fest, nicht im Stande zu sprechen oder sich anderweitig zu artikulieren. Stattdessen gibt es eine Art Cooper-Riesenbaby, der von allerlei Figuren hin und her gezerrt wird. Trotz des komödiantischen Potentials dieser Idee ist es für den Zuschauer auch eine Qual, Cooper so zu sehen. Hoffentlich erwacht der gute Cooper wieder und geht frisch ans Werk. Doch diesen Gefallen tut Lynch dem Zuschauer natürlich nicht.

 

 

Kann Kaffee Cooper aus Dougie Jones befreien?

Daraus resultiert für 16 Folgen eine Art Subserie namens IT`S DOUGIE TIME! und weltweit vernahm man das Flehen der Fans, Cooper solle doch bitte erwachen. Dougie ist nicht das einzige Element in TWIN PEAKS: THE RETURN, welches auf der Stelle tritt, aber es ist das, was am meisten Emotionen auslöst, entweder hatte man Bauchschmerzen vor Lachen oder vor Wut. Aber im Nachhinein war das ein kongenialer Schachzug von Lynch, ein dramaturgischer Motor mit Kängurusprit. Allein der Szenenaufbau um Dougie, bis er nach seinem “Exil” das erste Mal wieder Kaffee trinkt, ist eine Sternstunde der gesamten Fernsehgeschichte.

 

 

 

Gäbe es diesen zähen Weg nicht, den Coop bestreiten muss, auch wenn der Zuschauer den Flachbildschirm aus dem Fenster schmeißen möchte, wären die erlösenden Momente in Folge 16 nicht so kraftvoll und befriedigend. Wenn Cooper dann sagt “I´m the FBI!”, dann hat das nur wegen dieser Farce, die Lynch betrieben hat, eine solche Wirkung.

 

 

 

“James is still cool. He’s always been cool”

 

Hawk (Michael Horse), der neue Sheriff Truman (Robert Foster) und die fehlenden Seiten aus dem Tagebuch von Laura Palmer

TWIN PEAKS: THE RETURN ist ein illustres Schaulaufen aus alten und neuen Figuren. Die Alten haben in diesem Zusammenhang natürlich die schwerer Last zu tragen. Was blieb denn nun übrig aus den alten Tagen? Noch immer ist das Sheriffbüro in Twin Peaks eine Art Schlaflabor. Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean) ist leider erkrankt, seinen Posten erfüllt sein Bruder Frank, gespielt von Robert Foster, der bereits 1990 Lynchs Wahl für die Rolle gewesen sei. Und Foster ist großartig in dieser Rolle, als hätte es immer so sein sollen.

 

 

 

Andy und Lucy haben sich dagegen kaum verändert, im Gegenteil, der Esprite zwischen beiden und im Zusammenspiel mit anderen Figuren ist ein Comedyhighlight der dritten Staffel. Auch Hawk ist noch ganz der Alte und ein Denkmal seiner selbst. Dagegen verwundert es ein wenig, dass der böse Bube Bobby Briggs inzwischen auch im Polizeirevier arbeitet. Man wird halt älter.

 

Psychodoc Jacoby indes ist zu den Wutbürgern übergelaufen und führt eine Art Piratensender, über den er goldene Schaufeln vertickt (“Shovel Yourself out of the Shit”), zu seinen Fans gehören Nadine Hurley, die sich den Traum von einer geräuschlosen Vorhangschiene erfüllt hat. Im Double R servieren noch immer Norma und Shelley Kaffee und Kirschkuchen, beide sind kaum gealtert und noch immer nett anzuschauen. Big Ed hadert noch immer mit seiner Liebe zu Norma, James Hurley kuckt immer noch bedröppelt drein und jault sein “Just You” erneut in Playback.

 

Anderen Bewohnern ist es nicht so gut ergangen. Das Great Northern ist leider kaum Schauplatz der Fortsetzung, Benjamin Horne nur noch ein Schatten seiner selbst, sein Bruder Jerry mittlerweile ein dubioser Nudist. Audrey Horne scheint die Bombenexplosion in der Bank seinerzeit nicht gut überstanden zu haben. Sarah Palmer hingegen ist in ihrer eigenen Hölle gefangen, die Log Lady Margaret Lanterman gibt Hawk vor ihrem traurigem Ableben weiterhin kryptische Hinweise.

 

The FBI: Gordon Cole (David Lynch) und Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) und Agent Tammy Preston (Chrysta Bell)

Ein echter lynchscher Bösebengel: Richard Horne (Eamon Farren)

 

Das FBI ist beinahe komplett back in style, allen voran David Lynch selbst als Gordon Cole, Miguel Ferrer als Rosenfield, sogar Philip Jeffries (David Bowie) schaut als sprechender Teekessel vorbei. Der MFAP (Man From Another Place) ist jetzt ein Baum, der Riese ein Feuerwehrmann, Laura Palmer selbst befindet sich in zweierlei Welten, Mike betätigt sich als Hausmeister im Roten Raum und Bob ist nun ein Gesicht in einer Christbaumkugel. Also alles beim Alten in TWIN PEAKS.

 

Doch TWIN PEAKS war bereits 1990 eher ein Vehikel für neue Stars und Sternchen. So trumpft das Revival auch mit neuen Figuren auf, die von illustren Schauspielern verkörpert werden. Nach MULHOLLAND DRIVE gibt Naomi Watts eine erneute Glanzvorstellung als Gattin von Dougie Jones. Shelley und Bobby haben ein Gör namens Becky (Amanda Seyfried), die den Geist Laura Palmers vorzüglich einfängt. Newcomer Eamon Farren spielt Richard Horne, Enkel von Benjamin und mutmaßlicher Spross von Audrey und Evil Cooper – ein lynchscher Bösebengel wie er im Buche steht.

 

Neben finsteren Woodsmen, dem Geist von Major Briggs und mysteriösen Bewachern einer ominösen Box in New York gibt es aber auch witzige Figuren, allen voran die Mitchum Brothers (Jim Belushi & Robert Kneeper) nebst einer ihrer Miezen namens Candie, die sich als reines Comedygold herausstellen. Gary und Chantal Hutchens (Tim Roth und Jennifer Jason Leight) scheinen direkt aus PULP FICTION entlaufen zu sein und endlich gibt es ein wunderschönes Gesicht zur Diktiergerätempfängerin Diane – gespielt von Lynchs Muse Laura Dern. Hinzu kommen Dutzende Kleinstrollen für Michael Cera, Monica Bellucci, Tom Sizemore und Ashley Judd.

 

 

Neue Göttinnen: Naomi Watts als Janey-E Jones, Amanda Seyfried als Becky Burnett, Laura Dern als Diane, The Monica Bellucci Dream, Amy Shiels als Candie, Chrysta Bell als Tammy Preston

 

 

Comedygold: The Mitchum Brothers (Jim Belushi & Robert Kneeper)

Natürlich gibt es wieder Figuren, die völlig im Sande verlaufen oder dessen Beitrag zur gesamten Choose eher fragwürdig ist. Aber auch das gab es bereits 1990 bis 1991. Nur wirkt das 2017 noch durcheinander gewürfelter als bei anderen Serien mit Ensemblecast. In einer Szene puncht Evil Cooper ein Gesicht zu Brei, just darauf stürmen die Mitchum Brothers ein Bürogebäude mit einer Polonäse. Der Wechsel zwischen Horror und Comedy war noch nie so brachial wie in THE RETURN.

 

Überhaupt, der Grat der Gewaltdarstellung, wenngleich auch in anderen Lynch Werken sehr prägnant, erfährt in THE RETURN eine groteske Steigerung. Doch sind die nicht so beklemmend wie die eher ungreifbaren Alptraumelemente wie “Got a light?” oder “The Box”. Für Genreliebhaber und Horrorfreunde ist die dritte Staffel von TWIN PEAKS eine echte Bewährungsprobe. Wer glaubt, schon alles Bizarre auf Leinwänden oder Bildschirmen gesehen zu haben, der wird hier eines besseren belehrt. Was Lynch an Alptraumbildern in THE RETURN generiert, darf gern als Blaupause für den künftigen Horrorfilm dienen, dessen Wirkung wohl ein wenig nachgelassen hat.

 

 

“I´m old school, Denise!”

 

TWIN PEAKS: THE RETURN nur auf seine Unzugänglichkeit zu reduzieren, ist falsch und kurzsichtig. Denn das Serienrevival zeigt auch auf, wie geprägt wir mittlerweile vom Fernsehen sind oder schon immer waren. Seinerzeit hatte TWIN PEAKS die Fernsehlandschaft revolutioniert, in dem es Unmischbares vermengte und dem Zuschauer Platz für Interpretationen bot.

 

Audrey Horne (Sherilyn Fenn) im …?

Wenn die Leute nun sagen, dass dies nur die Originalserie vermochte und die Fortsetzung das nur spiegelt, dann trifft das nicht den Kern. So wie TWIN PEAKS das Fernsehen 1990 verändert hat, geschieht es erneut, nur unter anderen Vorzeichen. Komplexität und viele Figuren sind mittlerweile TV-Alltag, der Zuschauer wurde aber auch erzogen in Sachen Pacing und Rhythmus.

 

TWIN PEAKS: THE RETURN ist auf seine Weise eine Entschleunigung von allem, was die Serienrevolution hervorgebracht hat. Es ist nicht das Auslaufenlassen von Figuren und Storyelementen, es ist der Mut zum Durchbrechen dieser Prägung. Man will es nicht glauben, über allem steht das Diktat der barrierefreien Unterhaltung, der bestmöglichen Führung mit dem Logiklasso und der Diskrepanz zwischen Fanservice und erzählerischem Neuland. Das alles wirbelt TWIN PEAKS: THE RETURN so derartig durcheinander, dass einem schwindelig wird.

 

 

“Shovel yourself out of the shit!” Dr. Lawrence Jacoby (Russ Tumblyn)

An einem Montag TWIN PEAKS und GAME OF THRONES zu kucken, zeigt einem dieses Gefälle in aller Deutlichkeit. Es gibt kein Gut oder Schlecht, möglicherweise aber die Gewissheit, dass die Fesselungskraft im Storytelling nicht unbedingt nur im Schnelleren liegt, im vermeintlich Cleveren, wo alles passt von Anfang bis Ende, im Durchpeitschen und Manipulieren des Zuschauers. Damit holt man zwar nicht unbedingt 16 Mio. Zuschauer wie beim GAME OF THRONES Finale, sondern nur gut 250.000, aber macht Serienschreiben im Jahr 2017 auch nicht zu einem neuen Dogma.

 

 

 

Im Staffellaufwahn der PayTV-Anstalten zeigt TWIN PEAKS: THE RETURN, wie Fernsehen noch immer funktionieren kann. Nach der ersten Doppelfolge war ich nicht erbost über weitere 17 Wochen Warterei, im Gegenteil. Wo andere Serienstaffeln am Stück verspachtelt werden, gehört bei TWIN PEAKS das Warten, Sehnen und Analysieren zwischen den Folgen dazu wie Butter zu Toast. Endlich wieder Rätselraten, auch wenn es gar keinen richtigen Fall gibt, das Auswerten von Nichtigkeiten, die alles bedeuten können, das wohlige Kribbeln im Bauch, wenn “Falling in Love” erklingt.

 

 

“: – ) ALL,”

 

TWIN PEAKS: THE RETURN ist eine turbulente Achterbahnfahrt der Emotionen und ein Bersten der Sehgewohnheiten. Lynch katapultiert den Zuschauer bereits in den ersten beiden Folgen in eine völlig neue Welt, natürlich legt er vor, was nicht einzuholen ist, aber er schafft es innerhalb der 18 Folgen, jenes “What The Fuck?!”-Gefühl wieder und wieder entstehen zu lassen.

 

Die Twin Peaks Polizei auf einem gewöhnlichen Waldspaziergang

 

Er quält den Zuschauer mit Dougie Jones, lässt mit Diane eine unsichtbare Serienfigur zum Leben erwachen, wie man es nicht für möglich gehalten hat. Lynch verknüpft neue Mysterien mit alten Geschehnissen um Judy, Philip Jeffries oder die “Blue Rose” Task Force, die man gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, um sein gesamtes Universum mit Folge 8 vollends auf den Kopf zu stellen.

 

Wann sah man im Fernsehen schon mal eine ganze Stunde andauernde Installation aus Bildern und Sounds in geradezu biblischem Kontext. Lynch mischt alte Szenen aus TWIN PEAKS – DER FILM zu einer neuen Melange, als stünden diese Elemente bereits 1992 fest. Und dazu grinst er selbst als Gordon Cole um die Ecke und wiegt seine Hände in spitzbübischer Unschuld: “I hate to admit this, but I don’t understand this situation at all.” Ist Lynch dadurch ein gemeiner Hund, der dem Zuschauer Fratzen schneidet? Das ganze Gegenteil zeigt Episode 15, welche der verstorbenen Schauspielerin Catherine E. Coulson (die Log Lady) einen rührenden Abschied gönnt. Bei all der Narretei, was Lynch hier inszeniert hat, ist unbeschreiblich feinfühlig und emotional. “Good night Margaret”

 

 

Into the night: Dale, Diane & Cole

Auch das Finale von TWIN PEAKS: THE RETURN folgt den Regeln der Originalserie und auch wenn der Aufschrei ob der Auflösung nach 25 Jahren groß ist, es verhält sich fast genauso wie mit dem Finale der zweiten Staffel, als wolle Lynch den Zuschauer das Pausenbrot wegnehmen. Die letzte Folge aus dem Jahr 1991 war ein harter Tritt für das Publikum, Lynch entledigte sich geliebter Figuren mit einem Fingerschnippen. Bei THE RETURN setzt er noch einen drauf. Vermag Folge 17 noch einiges zum Abschluss bringen, verändert die finale Folge 18 noch einmal nachhaltig das gesamte Konstrukt. Wieder steckt Cooper irgendwo fest zwischen zwei Welten, alles nur ein Traum, wie geht’s Audrey und welches Jahr haben wir eigentlich?

 

 

 

Glücklicherweise ist TWIN PEAKS keine normale Serie, sondern eher ein Wimmelbild. Das erste Mal die Serie zu konsumieren vermittelt nur einen Vorgeschmack. Denn TWIN PEAKS schauen heißt zwischen den Zeilen lesen, nicht nur Zitate sammeln, sondern Querverweise finden. Denn je tiefer man eintaucht in die bizarre Welt, desto weniger willkürlich erscheint einem das Gesamtbild. Was habe ich gelacht um die krude Diskussion zwischen Hawk, Andy und Lucy um die missing pieces im Mordfall Laura Palmer. “Is it about the bunny?” fragt Lucy, die ein Beweismittel aufgefuttert hat. “No!” entgegnet Hawk, “It´s not about the bunny!”. Am Ende erreichen die Gesetzeshüter eine mysteriöse Stelle im Wald namens Jack Rabbit’s Palace. Und siehe da – “It is about the bunny!”

 

 

Laura Palmer oder Carrie Page?

TWIN PEAKS: THE RETURN endete am 03. September 2017, doch für mich geht die Reise sehr bald wieder los. Ich sah TWIN PEAKS am 10.September.1991 zu meinem 14. Geburtstag, nun endet Staffel 3 kurz vor meinem Vierzigsten. Das muss etwas Bedeutendes bedeuten! Zwar kenne ich jeden Fitzel der Originalserie, doch scheint das nun alles in anderem Lichte und muss neu betrachtet werden. Die Verbindungen zu TWIN PEAKS – DER FILM, vielleicht auch zu MULHOLLAND DRIVE oder anderen Werken von David Lynch, ich muss sie neu dechiffrieren.

 

 

 

Irgendwo in der letzten Szene von THE RETURN, wenn Cooper fragt, welches Jahr eigentlich ist, muss die Antwort verborgen sein, ähnlich wie in Laura Palmers Offenbarung “I’ll see you again in 25 years,”. Wann ist dieses Jahr? 2050? Sollte es da noch Fernsehen geben, würde ich gern dabei sein, wenn Lynch wieder am Empfangsregler dreht. And the world spins.

 

 

 

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] Nails „Came Back Haunted“ in unvergleichlichem Stile inszeniert hat, führte er 2017 die Serie TWIN PEAKS mit einer dritten Staffel fort, surrealer und verschrobener, als man es sich vo…. […]

  2. Antworten

    […] es gibt auch das komplette Gegenteil. 2017 war das Jahr der größten Rückkehr von allem – TWIN PEAKS kehrte nach über 25 Jahren auf die Bildschirme zurück. Keiner hat TWIN PEAKS so geliebt wie ich, abgesehen von all denen, die TWIN PEAKS genauso sehr […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de