American Horror Stories

Wir leben mitten im goldenen Serienzeitalter, die Phasen der Revolution und des Booms sind nun schon ein Weilchen her. Die Revolution im TV-Seriengeschäft war vorrangig eine inhaltliche, Formate waren nicht neu, wohl aber Inhalte und Grenzüberschreitungen. Zuerst wurden Figuren und Geschichten komplexer, dann die Themen gewagter, Tabus wurden gebrochen und Sehgewohnheiten torpediert. Als der Zuschauer das annahm und zudem noch bereits war, über das Free-TV hinaus für mehr Qualität zu bezahlen, begann der Serienboom. Doch der Serienboom allein war nicht nur ein Konkurrenzkampf der Anbieter, auch eine Besetzung von Nischen und Subgenres, bestenfalls eine Verknüpfung derer, um aus Zielgrüppchen Zielgruppen zu machen.

 

Am besten sieht man diese Entwicklung am Status Quo, denn heute existieren für alle Genres und Nischen Serien, solange die Quote und/oder das Prestige stimmt. Eine Säule der Phantastik aber hatte es traditionell besonders schwer, nicht nur zu Zeiten der Revolution und des Booms – Horror. Die einen mögen viel im TV für puren Horror halten, aber richtige Horrorserien waren eher selten. Auch heute noch, obwohl sich viele Produkte das Label Horror aufkleben. THE WALKING DEAD, ASH VS THE EVIL DEAD, TRUE BLOOD oder BATES MOTEL, das alles sind vielmehr Crossover mit anderen Genregerüsten wie Drama, Comedy oder Lovestory. Selbst wenn man die alten GESCHICHTEN AUS DER GRUFT – Serien noch am ehesten als Horrorshows bezeichnen kann, auch diese waren tonal eher komödiantisch. Gibt es sie nun, die wahre Horrorserie im zeitgenössischen Fernsehen?

 

Sie gibt es, aber auch die Serie AMERICAN HORROR STORY, die den Begriff Horror plakativ im Namen führt, bleibt von der Diskussion, was denn nun Horror ist, nicht verschont. Seit 2011 liefern die Macher Brad Falchuk und Ryan Murphy Horror frei Haus bzw. gegen Bezahlung, in mittlerweile 7 Staffeln, zwei weitere sind vom amerikanischen Pay-TV Sender FX Network bereits bestellt.

 

 

 

 

Die Quoten stimmen, die Serie räumt regelmäßig Preise ab, die Fangemeinde ist groß. Aber vor allem Genrefreunde missverstehen oft das Wort Horror. Zu wenig Horror in AMERICAN HORROR STORY meint meist zu wenig Grusel, doch ist Grusel nur eine Facette der Horrorkunst neben Angst, Schrecken und morbider Abgründigkeit. Mag sein, dass AMERICAN HORROR STORY selten wirklich gruselig ist. Die anderen Merkmale puren Horrors aber verdichtet sie recht vorzüglich.

 

Was AMERICAN HORROR STORY darüber hinaus bemerkenswert macht, sind konzeptionelle und hintergründige Herangehensweisen. Nachdem die siebte Staffel auf FX Network bereits durch ist und in Deutschland seit dem 9. November auf FOX Channel ausgestrahlt wird, will ich ein kleines Serienfazit ziehen und Konzept und Hintergründe von AMERICAN HORROR STORY beleuchten, welche die Serie in meinen Augen so besonders macht. Bestenfalls spoilerfrei, ich strenge mich an.

 

 

Kontinuität durch Resetknopf

 

AMERICAN HORROR STORY ist eine sogenannte Anthologie Serie. Jedem Genrefreund ist der Horroranthologiefilm bekannt, ein klassisches Gerüst für mindestens 2 (TWO EVIL EYES) und bislang höchstens 26 (THE ABC’S OF DEATH) Horrorkurzgeschichten. GESCHICHTEN AUS DER GRUFT oder TWILIGHT ZONE sind Anthologieserie, in denen in jeder Folge eine neue Geschichte erzählt wird. AMERICAN HORROR STORY fügt nun dem Begriff Anthologie eine weitere Entsprechung hinzu.

 

In AMERICAN HORROR STORY erzählt jede Staffel in 10 – 13 Episoden eine neue Geschichte. Darüber hinaus bleibt der Großteil des Casts in jeder neuen Staffel gleich, aber besetzt andere Rollen. Die Geschichten der Staffeln sind inhaltlich abgeschlossen, haben immer neue Zeitverortung und Settings, trotzdem gibt es vereinzelt Crossverlinkungen zwischen den Figuren und Geschichten.

 

 

 

 

Was alle Staffeln inhaltlich eint ist die Fokussierung auf Alptraumszenarien amerikanischer Geschichte. Man sagt oft, Amerika sei kulturell eher ärmlich, besonders was die Geschichte betrifft. Dafür existieren in der amerikanischen Geschichte besonders einprägsame und ikonische Horrorszenarien, Themen, Figuren oder Begebenheiten, welche die Serie in einer tieferliegenden Ebene thematisiert oder reflektiert. Die oberste inhaltliche Ebene der einzelnen Staffeln indes sind klassische Horrorsubgenres oder Alptraumszenarien, welche die Geschichten resultieren lassen.

 

Das allein ist schon mal eine Menge Genreholz vor der Waldhütte. Anthologieserien sind allgemein schwierig, weil der Zuschauer immer wissen will, wie es weitergeht und mit seinen Lieblingsfiguren mitfiebern will. All das schließt ein Anthologiekonzept eigentlich aus. Aber AMERICAN HORROR STORY umschifft dieses vermeintliche Problem mit einem guten Kniff, der allerdings von Anfang an nicht berechenbar war. Denn nicht die Figuren der Serie sind die Stars, die Stars sind die Stars.

 

 

Coole Typen in super Rollen, obgleich Männer in AMERICAN HOROR STORY echte Mangelware sind: Evan Peter als Sektenguru, Sarah Paulson als BLADE RUNNER Mäuschen, Jessica Lange in allen Rollen, Kathy Bates als Delphine Lalaurie, Lily Rabe als Teufelsnonne, Denis O’Hare in jeder Rolle, ebenso Taissa Farmiga, Frances Conroy als Hexenurgestein, Lady Gaga als Countess, Billie Lourd als Prinzessin Leia…äh, nein…als Winter

 

 

Mit jeder neuen Staffel verliert der Zuschauer die Figuren, so sie nicht schon während der einzelnen Episoden über die Klinge springen mussten. Aber die Wahl der Besetzung in AMERICAN HORROR STORY ist überaus gelungen, so freut man sich mit jeder Staffel nicht über die Rückkehr einer Figur, sondern über die Rückkehr eines Schauspielers. In den ersten vier Staffeln war Jessica Lange ein solcher Magnet, tolle Nebendarsteller wie Kathie Bates, Denis O`Hare oder Frances Conroy, nach Staffel Sieben haben sich aber zwei andere Namen als verlässliche Träger der Geschichten etabliert – Sarah Paulson und Evan Peters – beide die eigentlichen Stars der gesamten Reihe.

 

Das führt zu einer Anomalie im Serienbereich, denn es gibt den Darstellern so unendlich viel Raum, sich in verschiedenen Rollen neu zu erfinden. Nicht nur eine Figur pro Staffel, manchmal sogar mehrere Figuren in einer einzigen Season. Evan Peters spielte in Staffel 7 ganze sieben Rollen und das mit Bravour. Völlig unabhängig von Genre und Tonalität ist AMERICAN HORROR STORY auch ein Lehrstück über Figurenspiel und Rollenbekleidung, denn einen wirklichen Typus gibt es so gut wie nie, die Schauspieler spielen sowohl schüchterne Mäuschen wie extrovertierte Protze mit der gleichen Brillanz und Hingabe, Sympathien oder Antipathien mal außen vorgelassen.

 

Amerikanische Alptraumata

 

Inhaltlich beherrschen drei Dinge das Storytelling und die Dramaturgie – das Thema, die Geschichte und der Subplot. Diese drei Elemente sind eng miteinander verknüpft. Ganz oben liegt die eigentliche Geschichte jeder Staffel um eine Familie, die ein neues Haus bezieht, einen Hexenclub oder eine Fernsehshow. Doch diesen Geschichten liegt auch immer ein Thema inne, zum Beispiel Treue und Untreue (Staffel 1), Vernunft und Glaube (Staffel 2), Unterdrückung (Staffel 3) oder Diskriminierung (Staffel 4).

 

Diese Themen, allgemein genommen noch keine wirklichen Bezüge zum Begriff Horror, werden in der Story sowie im Subplot gespiegelt. Während sich der Horror für die Figuren in der Geschichte über das Storytelling entfaltet, steckt im Subplot der Horror zum Teil ganz konkret. Es sind größtenteils amerikanische Alpträume aus dem geschichtlichen Kontext heraus, über reale Figuren und Ereignisse, welche allesamt amerikanische Traumata darstellen, seien es nun geschichtliche Fakten rund um Rassismus oder Ausgrenzung in COVEN oder FREAKSHOW oder aktuellere Bezüge wie die letztjährige Präsidentschaftswahl in CULT.

 

 

Ikonische Opening Credits in AMERICAN HORROR STORY, nur Staffel 6 ging leer aus

 

 

AMERICAN HORROR STORY webt ein filigranes Netz aus Mythologie und Fakten, woraus Themen resultieren, die wiederum in Geschichten gespiegelt werden. Auf dem Blatt mag das verkopft und intellektuell klingen, aber AMERICAN HORROR STORY schafft es zudem, dieses Geflecht ungemein unterhaltsam zu erzählen, teilweise trivial und klischeeüberladen, aber nie langweilig.

 

Wir schauen uns das kurz anhand aller sieben Staffeln mal genauer an. Was ist Geschichte, was Thema, welche Mythen und Fakten stecken dahinter, was ist letztendlich der HORROR in AMERICAN HORROR STORY und warum ist das besonders für die Genrediskussion hierzulande so interessant?

 

 

Staffel 1: MURDER HOUSE (dt. Die dunkle Seite in Dir) (2011)

 

 

Die erste Staffel handelt von der Familie Harmon, welche nach Ehebruch und einer Fehlgeburt einen Neuanfang wagen will und deshalb ein neues Haus Los Angeles bezieht. Es ist ein Haus mit unrühmlicher Geschichte, genannt Murder House, in dem es in den Jahrzehnten zuvor vermehrt zu obskuren Unglücken und Todesfällen kam. Nach ihrem Umzug hat sich Familie Harmon nicht nur mit den seltsamen Nachbarn des Hauses herumzuschlagen, welche oft ungebeten im Flur auftauchen, auch scheinen die Geister der Verstorbenen hier ihr Unwesen zu treiben.

 

Genretechnisch erzählt die erste Staffel einen relativ bekannten Haunted House Plot mit allem, was dazu gehört. So tendiert die Geschichte tonal vom anfänglichen Horror stark in Mysteriegefilde bis hin zum Drama mit Soap Einflüssen. Ist das Subgenre in Staffel 1 noch klar erkennbar, kreuzen sich in späteren Seasons die Genrespielarten häufig wüst und wild. Aber auch in Staffel 1 bekommt man Versatzstücke aus allen Horrorjahrzehnten serviert, von ROSEMARYS BABY über AMITYVILLE bis zu HALLOWEEN.

 

Amerikanisches Trauma – der Amoklauf an einer Schule

Mena Suvari als Elizabeth “Black Dahlia” Short

 

Thematisch geht es in Staffel 1 vor allem um Treue und Untreue, aber auch um emotionale Abhängigkeiten. Daraus resultieren Subplots, die wiederum Bezüge zu amerikanischen Alptraumszenarien haben wie den Amoklauf an einer Schule. Im Mittelpunkt steht die dysfunktionale Familie, die der Schutzfunktion der intakten Familie, einer bedeutenden amerikanischen Wertevorstellung, gegenübersteht. Aus der Dysfunktionalität resultiert zerstörtes Vertrauen, fehlende Geborgenheit und Schutz, welches in Horrorszenarien wie den Amoklauf mündet.

 

Diesem Thema heften Falchuk und Murphy weitere historische Begebenheit und Figuren an, zum Beispiel um den Serienmörder Richard Speck oder die 1947 ermordete und Elizabeth Short, die als “Black Dahlia” zu morbider Berühmtheit gelangte.

 

 

Staffel 2: ASYLUM (2012-2013)

 

 

ASYLUM spielt im Jahr 1964 und handelt von den Insassen der kirchlichen Nervenheilanstalt Briarcliff, geleitet von der strengen Schwester Jude und dem zwielichtigen Arzt Dr. Arthur Arden, der in der Anstalt Menschenexperimente durchführt. Die Ereignisse überstürzen sich, als ein Serienmörder in der Anstalt sein Unwesen treibt, ein Patient von der Entführung durch Außerirdische berichtet, der Teufel selbst in den Leib einer keuschen Nonne fährt und es in der Anstalt zu Gewaltexzessen kommt.

 

Im Gegensatz zu Staffel 1 werden in ASYLUM wesentlich mehr Subgenres zitiert und persifliert, teils zur Verwirrung des Zuschauers. Von Alienentführung über Serienkiller zu Okkulthorror und Exorzismus bis hin zu derber Naziploitation wirkt ASYLUM auf dem Papier reichlich überfrachtet. Aber der zweiten Staffel gelingt es, die vielen Stränge am Ende einigermaßen befriedigend zusammenzuführen und die Geschichte rund zu schließen.

 

Dr. Oliver Thredson, inspiriert von Ed Gein

Einflüsse durch die Alienentführung der Familie Hill und der Fall Lizzie Borden

 

Mysteriestrukturen findet man in ASYLUM kaum, dafür Elemente der Isolation und Ausgeliefertheit, den Kassandra Komplex und eine Abrechnung mit den Statuten des Glaubens. Der Horror in Staffel 2 ist wesentlich deutlicher spürbar, es geht um die Unversehrtheit von Körper, Geist und Seele sowie um Macht wie Machtmissbrauch. Dafür stehen die Figuren des Monsignor Timothy Howard und Dr. Arden, der Bezüge zum Auschwitzarzt Josef Mengele aufweist.

 

Auch in ASYLUM finden sich amerikanische Alptraumata wie die angebliche Entführung der Familie Hill durch Außerirdische im Jahr 1961, der Fall Lizzie Borden, die des Mordes an ihren Eltern verdächtig und später freigesprochen wurde sowie die Figur des Dr. Thredson, der auf den Serienmörder Ed Gein basiert.

 

 

Staffel 3: COVEN (2013-2014)

 

 

In COVEN geht es um Schülerinnen einer Hexenschule in New Orleans, die sich als die Nachfahren der Hexen von Salem betrachten. Noch immer scheint es einen Krieg alter Mächte des Voodoo gegen die längst verstorbene und berüchtigte Sklavenhalterin Delphine Lalaurie zu geben, in den drei junge Hexenanwärterinnen während ihrer Ausbildung geraten.

 

In Staffel 3 geht es weniger pulpig zu, dafür existieren mehr Soap- und Teenieelemente. Hexerei und Voodoo sind die Subgenresäulen, auf denen die Geschichte um den Hexenzirkel ruht und es macht sich sogar ein wenig Hogwartsstimmung in New Orleans breit. Gruselig oder beklemmend wie in Staffel 1 und 2 ist das Ganze in COVEN nicht, dafür gibt es umso mehr schwarzhumorige und sarkastische Elemente mit relativ realistischem Background.

 

Kathy Bates als die reale Serienmörderin Delphine Lalaurie

Der Axtmörder von New Orleans

 

Das Thema von COVEN ist Unterdrückung, mit der Storyline um die reale Serienmörderin Delphine Lalaurie werden vor allem Sklaverei und Rassismus innerhalb der amerikanischen Geschichte gespiegelt, wie zum Beispiel der Ku Klux Klan. COVEN geht aber noch einen Schritt weiter und überträgt dieses Motiv stärker in die Geschichte selbst, was reflektierender und somit ironischer wirkt als die Subplots und historischen Figurenanlagen in den Staffeln zuvor.

 

Neben der realen Delphine Lalaurie tauchen in COVEN auch die verbürgte Figur der Marie Laveau au, sowie der Axtmörder von New Orleans, der zwischen 1818 und 1819 brutale Morde vollführte und nie gefasst wurde.

 

 

Staffel 4: FREAKSHOW (2014-2015)

 

 

Ein Wanderzirkus im Jahr 1953, der in Jupiter im Staat Florida gastiert, ist Schauplatz der vierten Staffel FREAKSHOW. Unter Leitung der deutschstämmigen Elsa Mars versammeln sich hier Freaks und Ungestalten zur Belustigung des Publikums. Doch ein Mord lässt die Stadt Jupiter aufschrecken, die Vermutung liegt nahe, dass die Missgestalten der Freakshow verantwortlich sind.

 

Im Gegensatz zu den vorherigen Staffeln weist FREAKSHOW kaum übernatürliche Elemente auf, die Geschichte um die Freaks ist örtlich wie zeitlich enger gefasst, dafür ist Staffel 4 umso abstoßender und brutaler. Die Geschichte greift Elemente des Films FREAKS aus dem Jahr 1932 auf und behandelt vor allem den Mensch als Monster innerhalb der Themen Andersartigkeit und Diskriminierung.

 

Vorbild für Clown Twisty – Johny Wayne Gacy

Pepper, basierend auf Schlitzie, the Pinhead

 

Das Thema Unterdrückung zeigt sich in vielen Aspekten der Geschichte und der Figuren und ist um einiger stringenter als in den Staffeln zuvor. FREAKSHOW wird so, trotz mancher Schwankungen im Storytelling, zur intensivsten Staffel der Reihe. Hier wird vor allem mit der Angst vor Andersartigkeit gespielt, was ein großes Grundmotiv von Horror darstellt.

 

FREAKSHOW besitzt eine Vielzahl von realen Bezügen, allen voran die Figur Pepper, die auf den realen Schlitzie, the Pinhead aus FREAKS basiert, der an Mikrozephalie litt. Die Figur des Edward Mordrake ist eine amerikanische Legende, er soll ein zweites Gesicht auf seinem Hinterkopf gehabt haben. Neben den real existierenden Figuren Grady Franklin Stiles Jr. (der Mann mit den Hummerhänden) und den siamesischen Zwillingen Violet und Daisy Hilton kommt in FREAKSHOW auch ein Clown namens Twisty vor, der an den Serienkiller John Wayne Gacy angelehnt ist.

 

 

Staffel 5: HOTEL (2015-2016)

 

 

HOTEL spielt in Los Angeles der Gegenwart, fast ausschließlich im Hotel Cortez, welches von zwielichtigen Gestalten bewohnt wird. Zuallererst ist da die Countess, eine unsterbliche Vampirfürstin und Teile ihrer Opfer, die im Hotel zu ewigem Leben verdammt sind. Auch ein Serienkiller, der nach den zehn Geboten mordet, ist mit von der Party. Doch streng genommen ist das Hotel Cortez selbst die Hauptfigur der 5. Staffel, von dem man vielleicht schon mal gehört hat.

 

Wieder mal Serienkiller und erstmalig unsterbliche Vampire formieren die Figurenriege in HOTEL. Der Plot der fünften Staffel ist etwas schlicht und fahrig, es sind vielmehr die kleinen Geschichten der Bewohner des Hotel Cortez, welche scharurige Abgründe offenbaren. Etwas eint sie alle, die Themen der Staffel sind Abhängigkeit, Sucht und Vergänglichkeit.

 

Horror Hotelier H. H. Holmes

Serienmörderin Aileen Wuornos

 

Der Star der Staffel ist wie gesagt das Hotel Cortez, welches einem Hotel entsprach, das der amerikanische Serienmörder H. H. Holmes entworfen hatte und welches dutzende Fallen und Folterräume besessen hatte. Es gilt als Ursprung des Mythos Horror House, daran angelehnt ist auch der Song “Hotel California” von den Eagles. H. H. Holmes ist auch in HOTEL eine real nachempfundene Figur, während die Countess Bezüge zu Elizabeth Báthory aufweist.

 

Desweiteren tauchen in HOTEL die Serienkiller Jeffey Dahmer, Aileen Wuornos, der Zodiak Killer und Richard “The Night Stalker” Ramirez auf. Nach fünf Staffeln fällt auf, dass der Typus Serienmörder eine oft zitierte Figur in AMERICAN HORROR STORY ist und vor allem eine amerikanische Urangst spiegelt.

 

 

Staffel 6: ROANOKE (2016)

 

 

Mit der sechsten Staffel ROANOKE vollziehen die AMERICAN HORROR STORY Macher einige Veränderungen in Stilistik und Dramaturgie. ROANOKE ist die bislang umstrittenste und polarisierndste Staffel der Reihe, es gibt keinen typischen Vorspann, zudem wird das Geschehen zum Teil als Reality Format geschildert. In der fiktiven Dokumentation “My Roanoke Nightmare” finden sich eine Handvoll Schauspieler in einem Haus auf Roanoke Island, North Carolina wieder, um die Geschehnisse der Blutnacht ein Jahr zuvor nachzuspielen. Dazu werden die echten Überlebenden beigeschnitten, die jene Nacht am eigenen Leib erfahren haben. Für eine zweite Staffel von “My Roanoke Nightmare” treffen dann die “echten” Teilnehmer und ihre Schauspielpendant aufeinander und natürlich hat der Spuk von anno dazumal seinen Höhepunkt noch nicht erreicht.

 

Alles anders bei ROANOKE? Nur auf den ersten Blick, denn auch ROANOKE bedient sich bekannter Genreelemente, nur der erzählerische Rahmen ist ein anderer. In ROANOKE wird hauptsächlich mit der Spielart Survival Horror á la TEXAS CHAINSAW MASSACE gespielt, auch ist jene Staffel diesmal durchaus gruselig, obgleich derbe Schockeffekte im Vordergrund stehen.

 

Mirinada und Bridget Jane als Gwendolyn Graham und Cathy Wood

Das Verschwinden der ersten Siedler 1590

 

Das Thema von ROANOKE ist Täuschung und verzerrte Realität, dieses Begriffe bereiten sogar den Weg für Teile der Staffel 7. Wenngleich die Themen nicht direkt zu amerikanischen Alptraumszenarien führen, kann man doch einige Aspekte aus Story und Figuren ableiten.

 

Das wären beispielweise die mordenden Krankenschwestern Gwendolyn Graham und Cathy Wood, die sich zu gut auf die Manipulation ihrer Opfer verstanden. Titelgebend für Staffel 6 war aber das mysteriöse Verschwinden englischer Siedler in jenem Gebiet des Jahres 1590. 118 Menschen verschwanden spurlos, nur das Wort “Croaton” blieb in einem Baum geritzt zurück. Bis heute gilt dieser Vorfall als nicht geklärt und trug viel zur Legendenbildung bei. Trotzdem muss man sagen, dass sich Staffel 6 thematisch von amerikanischen Horrorszenarien am meisten entfernt.

 

 

Staffel 7: CULT (2017)

 

 

Ganz im Gegensatz zur aktuellen Staffel CULT, die gegenwärtiger nicht hätte sein können, neben dem Politalptraum um die letztjährige Präsidentschaftswahl aber auch noch anderen Horror spiegelt. Nach dem Donald Trump die Wahl gegen Hilary Clinton im November 2016 gewonnen hatte, ist Amerika gespalten. Die Demokraten befürchten den Weltuntergang, die Radikalen wittern neue Stärke. Inmitten dieses Szenarios handelt die Geschichte von einem lesbischen Pärchen, welche das Ziel von Attacken und Einschüchterungen wird, sowie von dem Radikalen Kai Anderson, der von der Trumpwahl beflügelt eine faschistoide Sekte gründet.

 

In Staffel 7 sind die amerikanischen Urängste nur allzu gut sichtbar. Es geht um Paranoia und den Verlust von Freiheit jeglicher Art. Während in anderen Horrorproduktionen aktuelle Themen im Subtext verschwinden, schreibt sich CULT diese Ängste plakativ auf die Storyfahnen. Auch die bizarre Welle an Clownattacken in den USA wird hier nicht nur zitiert, sondern thematisiert.

 

Charles Manson

Hass, Gewalt und Fakenews

 

Die Glorifizierung und Abhängigkeit von einem “Führer” wird nicht nur über die Hintergrundfigur Donald Trump gespiegelt. Auch reale Sektenanführer wie Jim Jones, Charles Manson oder Valerie Solanas (Mordversuch an Andy Warhol, SCUMM Manifest) tauchen in CULT auf. Szenarien wie Sektenselbstmorde, die realen Morde der Manson Gang und anderen sowie die Formierung eines dystopischen Staates werden in CULT auf eine bittere, erschreckende Ebene gehoben und machen in der Tat vor allem eins: Angst.

 

 

Pulp & Exploitation

 

Trotz der großen Fangemeinde polarisiert AMERICAN HORROR STORY seit Staffel 1 seine Zuschauerschaft. Das Anthologiekonzept scheint Fluch und Segen zugleich zu sein. Im Gegensatz zu Serien mit fortlaufender Handlung hat AMERICAN HORROR STORY aber einen entscheidenden Vorteil. Manch andere Serie muss sich entscheiden, ob sie beliebte oder verhasste Charaktere weiterführt und entwickelt oder sie zugunsten eines harschen Twistes opfert.

 

Die Unberechenbarkeit gegenüber Figuren, ein Storytelling, welches den einmaligen Schock eines Twists einer Weiterentwicklung der Figuren vorzieht, häufig zum Selbstzweck, hat nämlich Grenzen. Da die Uhren nach jeder Staffel AMERICAN HORROR STORY wieder auf Null gesetzt werden und die Stars die Stars sind, entgeht die Serie dieser Falle bzw. kann beides, Unsicherheit säen, Mut mit radikalen Abgängen beweisen und dennoch ihre Zugpferdchen im Stall behalten.

 

 

Da geht eine Lieblingsfigur dahin, aber die Chancen auf ein Wiedersehen mit Lily Rabe in AMERICAN HORROR STORY stehen nicht schlecht

 

 

AMERICAN HORROR STORY nimmt sich von Staffel zu Staffel einer anderen Facette des Horrorfilmgenres an, liefert gängige Strukturen und Klischees, ordnet alles einem mehr oder minder konsequenten Angstthemas unter und mengt historische Horrorfakten bei. Dabei geht die Serie erzählerisch ganz und gar nicht behutsam oder filigran vor, trotz des Hochglanzetiketts ist AMERICAN HORROR STORY Pulp und Exploitation in Reinform. Wirkliche Sympathieträger gibt es nicht, so gut wie alle Figuren entpuppen sich in irgendeiner Weise als Soziopathen. Aber gerade im Horrorgenre ist diese Abgefucktheit eine willkommene Alternative zum ewigen Brei an tumben Opfern und standhaften Survival Girls. Davon besitzt AMERICAN HORROR STORY nicht viel.

 

Trotzdem kann man ungemein viel lernen von AMERICAN HORROR STORY, den Umgang mit dem Begriff Horror und die Nutzung nationaler Traumata zum Storytelling im Genrebereich. Eigentlich klingt es wie ein Widerspruch, die junge Kulturgeschichte Amerikas hat eigentlich gar nicht so viele Ansetzpunkte, um Horror zu spiegeln, jedenfalls im Vergleich zu Deutschland.

 

Wir suchen und buddeln immer noch nach dem Genregral, einer nationalen Identität im Genre oder zumindest nach einem Nährboden für phantastische Geschichten, aus der eigenen Geschichte heraus. Doch bis auf Burg Frankenstein, Wolpertinger und das ewige dritte Horrorreich, welches bloß nicht durch Genreabbildung trivialisiert werden darf, fällt deutschen Genremachern scheinbar kaum etwas ein. Doch das ist nicht richtig, es geht selten um gute Ideen oder Betrachtungswinkel.

 

 

German Horror Stories?

 

Warum es wohl keine GERMAN HORROR STORIES geben wird, hat andere Gründe. Betrachtet man die historischen Gewürze, die in die Seriensuppe gestreut werden, fällt auf, dass es nicht allein die Thematisierung derer ist, sondern die Idealisierung. In so gut wie jeder Staffel von AMERICAN HORROR STORY tauchen reale Serienkillervorbilder auf, entweder in Anlehnung an Ed Gein oder John Wayne Gacy oder ganz direkt mit H. H. Holmes oder Charles Manson. Dass Serienkiller faszinieren ist nichts neues, dass sie popkulturell idealisiert werden, ist in Deutschland undenkbar.

 

In Amerika nimmt man einen Charles Manson, ein Archetypus an Horror, und nutzt ihn in der Kunst, in der Musik, im Genre. Er wird zum Symbol, zum Sinnbild. Es ist nicht so, dass solche Figuren zu Helden erklärt werden, ganz und gar nicht. Aber sie erlangen eine neue Existenzstufe, stehen zwar immer noch als Symbol des Schreckens, aber losgelöst vom historischen Kontext. So etwas ist in Deutschland schwer denkbar. Eine Figur in einem Genrefilm, angelehnt an Josef Mengele, das wird man hier nicht verkauft bekommen. Sicher hat das historische Gründe, wird aber im Umgang mit der eigenen Geschichte hierzulande zum Problem.

 

 

Wenn´s die Deutschen selbst nicht machen, schnappt sich’s der Amerikaner: Murnau als Held, Motherfucken Arden, Raging Anne Frank, Elsa Mars als Dietrichdouble

 

 

All die historischen Figuren und Geschehnisse in AMERICAN HORROR STORY werden für pulpige Unterhaltung genutzt. Auch in Deutschland hat es Serienkiller gegeben. Aber hierzulande wird genregerechte Thematisierung mit Glorifizierung verwechselt. Anderen Bereichen fehlt möglicherweise die globale Brisanz. Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 in Amerika fühlte sich wie ein Ringen um das Weiterbestehen der Menschheit an. Die Sondierungsverhandlungen hierzulande mögen für manche purer Horror sein, für einen Horrorstoff taugen sie allerdings nicht.

 

So ist die Frage nicht, ob wir in Deutschland über historische Belange verfügen, die wir im Genre spiegeln können, die haben wir zuhauf. Es ist der erschwerte Umgang damit, der Genrefilmern hierzulande Fesseln anlegt. Es ist nicht mal so, dass AMERICAN HORROR STORY mit ihren Leihgaben unkritisch umgeht, aber die Spiegelung findet im Subtext statt. In Deutschland müsste mindestens eine Schrifttafel ans Ende, die nochmal verdeutlicht, wie böse manch historische Gestalt oder Umstand war.

 

Von diesem Aspekt aus bin ich gespannt auf mindestens zwei weitere Staffeln AMERICAN HORROR STORY. Denn neben beliebten Darstellern in neuen Rollen und neuen Geschichten ist für mich am interessantesten, welchem nationalen Alptraumata sich die Serie wieder stellen wird. Das hebt AMERICAN HORROR STORY beinahe auf eine gesellschaftspolitische Ebene in der Rezeption. Man mag gepflegten Grusel vermissen, aber AMERICAN HORROR STORY trägt den Begriff Horror zu Recht im Titel und erinnert uns daran, was dieses Wort wirklich bedeutet.

 

 

 

3 Comments

  1. Antworten

    […] In STAR WARS: THE LAST JEDI bekommt der Cast Verstärkung durch Kelly Marie Tran als Rose, die ich in der Rolle wirklich klasse fand. Billie Lourd, die Tochter von Carrie Fisher, durfte in THE LAST JEDI zwar nur als optische Referenz von Prinzessin Leia auftreten, dass Lourd aber ein Talent ist, bewies sie als Winter in der siebten Staffel von AMERICAN HORROR STORY. […]

  2. Antworten

    […] In THEY LIVE aus dem Jahr 1988 wirkt die Bedrohung durch nichtsichtbare Kräfte und Manipulatoren an den Schaltzentralen der Macht sogar satirisch. Dort beeinflussen außerirdische Wesen den Menschen unterbewusst durch Werbemittel und die Abhängigkeit von Konsum. Der Erhalt und das Überleben einer Gesellschaft gegen moralische Vorstellungen ist das Kernthema von Horrorfilmen mit politischem Anstrich, darum geht es auch in neueren Genrewerken wie GET OUT oder AMERICAN HORROR STORY CULT. […]

  3. Antworten

    […] des Jahres. Mit den Jungstars Barry Keoghan (THE KILLING OF A SACRED DEER) und Evan Peters (X-MEN, AMERICAN HORROR STORY) gelingt Dokumentarfilmer Bart Layton ein bitterkomischer Mix aus Crimedrama und Doku nach der […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de