Charlie Brewster und der Kassandra Komplex
Script Development Spezial: FRIGHT NIGHT vs FRIGHT NIGHT

In einem Genrefilmdrehbuch für Spannung zu sorgen, ist gar nicht mal so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. Szenen, die im fertigen Film letzten Endes High Tension ausmachen, sind meist Verdienste der Inszenierung. Das umsichtige Schleichen in modrigen Gemäuern, knarrende Dielen und die Flucht über Stock und Stein vor dem fiesen Schlitzstrolch, alle diese Dinge sind in einem Drehbuch eher nüchtern beschrieben: „Carola rennt die Treppe rauf“ liest sich alles andere als spannend und aufregend. Es ist schließlich Aufgabe eines Regisseurs, Kameramanns oder des Cutters, solche Szenen audiovisuell und schnitttechnisch auf erhöhte Herzfrequenz zu befördern. Ein Autor kann Spannung nur über die Story aufbauen, und die wird nun mal über die Figuren erzählt. Um seinen Protagonisten in eine spannende Situation zu bringen, kann man sich mancherlei dramaturgischer Werkzeuge bedienen. Ein tolles Beispiel, wie so etwas funktionieren kann oder auch nicht, will ich mal an einem kurzen Beispiel zeigen: der Figur Charlie Brewster aus FRIGHT NIGHT – DIE RABENSCHWARZE NACHT.

 

Ich will jetzt gar nicht davon anfangen, wie genial ich FRIGHT NIGHT aus dem Jahr 1985 schon immer fand, was für eine köstliche Horrorkomödie der Film in allen Belangen ist: Story, Figuren, Atmosphäre, Effekte, die Musik von Brad Fiedel, das alles will ich jetzt gar nicht erwähnen. Aber die dramaturgischen Stärken von FRIGHT NIGHT zeigen sich am deutlichsten, wenn man auch das Remake von 2011 zur Betrachtung hinzuzieht. Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung finde ich auch die Neufassung von Craig Gillspie amüsant und unterhaltsam, toll besetzt und charmant gespielt. In Sachen Dramaturgie und Spannung zieht das Remake jedoch vor dem Original den Kürzeren. Warum?

 

 

FRIGHT NIGHT 1985: Weil seine Freunde ignorante Früchtchen sind, leidet nicht nur Charlie, sondern auch der Zuschauer.

 

In FRIGHT NIGHT von 1985 bemerkt Protagonist Charlie Brewster, dass sein Nachbar ein Vampir ist. Charlie versucht, sein Umfeld vor dem Blutsauger zu warnen: seine allein stehende Mutter, seinen besten Freund Ed Thompson, seine Freundin Amy und den alternden Vampirkiller Peter Vincent. Doch kein Schwein glaubt Charlie Brewster. Er fleht seine Mutter an, den attraktiven Nachbarn auf keinen Fall einzuladen, hetzt sogar die Polizei auf ihn, vergebens, alle glauben, Charlie hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Und weil Charlie Brewster eine so liebevoll geschriebene Figur ist, der gern seine Freundin deflorieren möchte, die sich ziert, er sich rührend um seine Mutter kümmert und überhaupt irgendwie herzallerliebst ist, fühlt man mit ihm. Und der Zuschauer weiß zudem, Charlie hat Recht, sein verdammter Nachbar hat Hauer! Soll die ignorante Brut doch zum Teufel fahren!

 

 

FRIGHT NIGHT 2011: Kein Grund zum mitfiebern – Charlies Familie und Freunde sind so gutgläubig, dass es schon weh tut.

 

In FRIGHT NIGHT von 2011 bemerkt Protagonist Charlie Brewster, dass sein Nachbar ein Vampir ist. Er sagt es seiner Mutter und seiner Freundin, die schauen Charlie nur fragend an. Wenige Sekunden später reißt Nachbar Jerry Dandrige auch schon die Gasleitungen unter Charlies Haus heraus und die Jagd nach Blut beginnt. An dieser Stelle vergibt das Remake sämtliches Spannungspotential. Denn wenn der Protagonist mit seinem Problem plötzlich nicht mehr allein da steht, gibt es auch keinen Grund zum Grollen oder Mitleiden. Autorin Marti Noxon lässt Charlies Umfeld viel zu früh wissen, dass der Bengel Recht hat. Nicht nur, dass man nun keinen Grund mehr hat, vor Erregung den Schaumstoff aus der Couch zu pulen, auch das befreiende Gefühl, wenn die Trottel endlich begreifen, fällt somit flach. Dramaturgisch ist das Remake genau aus diesem Grund völlig unspannend.

 

Der Umstand, das niemand einem glaubt, ist ein fantastisches dramaturgisches Mittel, um über die Figuren Spannung zu erzeugen. Es ist ein uraltes Motiv. In TWELVE MONKEYS von Terry Gilliam landet Bruce Willis als Zeitreisender in der Vergangenheit. Niemand glaubt ihm, dass die Menschheit durch einen Virus dahingerafft wird, er wird in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Die Psychiaterin Kathryn vergleicht das mit einer griechischen Legende, die der Seherin Kassandra, Tocher des trojanischen Königs Priamus. Kassandra bekam von Gott Apollo die Gabe des Hellsehens, wandelte ihre Gabe jedoch in einen Fluch, nachdem Kassandra seine Liebe zurückwies. Kassandra konnte in die Zukunft sehen, sah den Raub der Helena voraus und die Zerstörung Trojas – niemand glaubte ihr. Die  Psychologie bezeichnet das als so genannter Kassandra Komplex.

 

 

CASSANDRA, Anthony Frederick Augustus Sandys, 1904

 

Aber was kann man daraus lernen? Im Vergleich der beiden FRIGHT NIGHT Verfilmungen fällt auf, dass das Original höheres Spannungspotential besitzt, weil es die Auflösung des Kassandra Komplexes so weit wie möglich hinauszögert. Das Remake scheitert genau daran, weil es zu früh aufgelöst wird. In dieser Hinsicht funktionieren vor allem Mysteriestoffe oder Spukfilme. Die wichtigste, wie auch banalste Erkenntnis in Hinblick auf den Kassandra Komplex ist: er funktioniert niemals in einem Ein-Personen-Stück. Eine Geistergeschichte um eine allein lebende Frau, die vom Polterjochen genervt wird und die keinen Kontakt zu anderen Menschen hat, kann nur schwer über die Figur Spannung aufbauen. Es fehlt der Konflikt. Wie kann man sonst eine emotionale Beziehung zu einer Figur aufbauen, wie für oder gegen sie Partei ergreifen, wenn diese keinerlei Reibung durch die Außenwelt oder andere Figuren erfährt. Ein Vogel allein kann ja schließlich auch keine Hochzeit halten…es müssen Zwei sein!

 

Lebt ein Ehepaar in einer schicken Butze und aus dem Badabfluss kommen plötzlich so komische Geräusche, wird hingegen sehr oft und mehr oder weniger konsequent mit dem Kassandra Komplex gearbeitet. Meist ist es die Frau, das flatterige Wesen, welche Geister hinter der Tapete vermutet, der ignorante Ehemann hingegen hält das alles eher für weibische Hysterie oder PMS. Warum diesen Umstand nicht mal umdrehen? Mann sieht Geister, Frau nicht. Verrückt! Will man den Effekt des Kassandra Komplexes so lang wie möglich herauszögern, darf die Frau in dem Fall natürlich keine hohle Nuss sein, die sofort alles glaubt, was der Gatte da auf dem Spitzboden gesehen zu haben glaubt. Ergo kommt für die Figur der Frau nur eine starke, realistisch denkende Persönlichkeit in Frage. Gerade das kann spannend sein, ist der Mann doch sonst das Vernunftwesen, die starke Persönlichkeit…aber genug gesponnen, darauf will ich gar nicht hinaus.

 

 

Andere Beispiele für den Kassandra Komplex bei Filmfiguren: die sorgenvolle Mutter in ROSEMARYS BABY, der Zeitreisende, dem man nicht glaubt in 12 MONKEYS oder der ignorierte Experte in THE DAY AFTER TOMORROW

 

Die Erkenntnisse über gute und schlechte Dramaturgie, vertane Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen oder aufrecht zu erhalten – all das kann man besonders beim Genrefilm am besten über Exzessives Filmschauen erlernen. Denn gerade beim Genrefilm bedient man sich immer wieder dramaturgischen Strukturen und Gerüste, oder wie ich immer sage: Genrefilm ist Kochen nach Rezept. Doch ein Rezept bleibt immer nur ein Rezept, um eine Schmackhafte Speise zuzubereiten, bedarf es frischer, origineller Zutaten wie ambivalente Figuren und eine interessante Geschichte. Für die aber gibt es keine Anleitung, für spannende Konfliktherde schon.

 

Der Kassandra Komplex und seine Wirkung kann man neben Horror- und Mysteriestoffen vor allem bei Verschwörungsthrillern sehr gut analysieren und vergleichen. Dann fällt schnell auf, je mehr Leid, je mehr Unverständnis, desto höher die Spannung. Auch wenn es dann schwer fällt, seinen geliebten Protagonisten im Drehbuch zu ignorieren, zu beschimpfen, auszulachen und völlig allein zu lassen, da muss er  durch. Wenn man sich FRIGHT NIGHT von 1985 ansieht und eine wilde Schimpftirade gegen Charlies naive Freundin ablässt, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn Charlies Mutter den Nachbarn eingeläd und sich mit schadenfrohen Grinsen zurücklehnt, als Evil Ed in einer dunklen Gasse ausgepresst wird wie eine Blutorange und man sich dabei denkt: “Siehste, du Arsch, hättste mal lieber…” – dann hat in vielen Fällen der Autor zumindest dramaturgisch alles richtig gemacht.

 

8 Comments

  1. Antworten

    […] mit ein, also ob ein Film überrascht oder enttäuscht hat. So würde ich, wenn ich müsste, FRIGHT NIGHT (das Remake) sowohl DJANGO UNCHAINDED mit 8/10 bewerten, nur hat mich FRIGHT NIGHT entgegen meiner […]

  2. Antworten
    Susan 14. März 2013

    Hallo Christian, toller Artikel und ein super Beispiel für die Funktionsweise des Kassandra Komplex’! Bin gerade auf Deinen Blog gestoßen, finde ihn sehr unterhaltsam und spannend! :-)

    • Antworten
      Christian 14. März 2013

      Vielen Dank! Ich hoffe, dramaturgische Themen finden genauso viele Leser wie die Review, denn Dramaturgie IST spannend, liebe Freunde! Grüße!

  3. Antworten

    […] ohne automatisch über Dramaturgie, Figurenführung oder dass der Autor mal wieder vergessen hat, wie man Spannung aufrecht erhält, nachdenken zu müssen. In Wes Andersons Filme kann man ab der ersten Minute wie in ein […]

  4. Antworten

    […] Motivation gar nicht schlecht gewählt. Denn auf diese Weise kommt wieder sehr schön der beliebte Kassandra Komplex zum Tragen. Obwohl die ersten Tage des Entzugs nicht unbedingt realistisches Drogenkino darstellen, […]

  5. Antworten
    American Horror Stories 30. Januar 2018

    […] findet man in ASYLUM kaum, dafür Elemente der Isolation und Ausgeliefertheit, den Kassandra Komplex und eine Abrechnung mit den Statuten des Glaubens. Der Horror in Staffel 2 ist wesentlich […]

  6. Antworten

    […] sehr entspannt geworden. Mir gefällt auch die Neuverfilmung meines absoluten Lieblingsklassiker FRIGHT NIGHT, der ist zwar in allen Belangen dem Original unterlegen, wenn man aber nicht ständig vergleicht […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de