The Royal Andersons

Was zum Kuckuck hat denn Wes Anderson bitte schön in einem Genrefilmblog zu suchen? Sicherlich könnte man in der Art und Weise, wie Anderson Filme schreibt und inszeniert, das Gegenteil von Genrefilmen sehen. Muss man aber nicht. Für mich stellt die Filmografie des 43jährigen Texaners ein ganz eigenes Genre dar – das Wes Anderson-Genre. Denn seine Filme, von BOTTLE ROCKET bis MOONRISE KINGDOM, sind eine ganz eigene Mischung aus Tragikkomödie, Ensemblefilm, melancholischer Eigenbrötelei, Wahnwitz und experimenteller Skurrilität. Würde Anderson einen Science-Fiction Film inszenieren, wäre auch das in erster Linie ein Anderson-Film.

 

Bislang hat Anderson sechs Spielfilme abgeliefert, und keiner lässt sich in auch nur irgendeine Schublade schieben. Seinen feinen Sinn für Humor und Schwermut entwickelte Anderson bereits Anfang der Neunziger an der University of Texas und fand dort in Owen Wilson einen Weggefährten und Freund. Zusammen ersponnen sie mit BOTTLE ROCKET ihren ersten gemeinsamen Kurzfilm, den sie 1996 auch als Spielfilm umsetzten. Anderson und Wilson sind seither fast unzertrennlich miteinander verbunden, schrieben gemeinsam die Filme RUSHMORE und THE ROYAL TENENBAUMS, wie auch Owen Wilson, meines Erachtens ein zu unterschätztes Talent, als Darsteller in fast allen Andersonfilmen auftrat. Doch das Duo Anderson-Wilson ist nur ein kleiner Teil der Großfamilie, die sich im Laufe der Zeit um den begnadeten Autor und Regisseur gebildet hat. So sind die Filme von Wes Anderson auch immer ein Treffen mit herzlichen Bekannten, seien es Jason Schwartzman, Anjelica Huston, Luke Wilson und selbstverständlich Bill Murray.

 

 

 

 

Anderson beherrscht ein großes Ensemble aus Grazien (Huston) und Diven (Murray), vermag es, vermeintliche Unsympathen wie Ben Stiller erträglich zu machen und Schauspielgrößen wie Cate Blanchett oder Willem Dafoe in peinlicher Garderobe und skurriler Zur Schaustellung völlig neue Facetten abzugewinnen. Anderson schafft es mit beinah kindlichem Gemüt, als Löwendompteur einen riesigen Cast zu leiten, gegeneinander aufzuwiegeln und anzustacheln, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Doch Andersons Filme sind weit mehr als ein großes Ensemble und ein eigener Mikrokosmos aus homogenen Farben, klaren Formen, Theaterhaften Sets und Bühnenbildern, unterlegt mit sensibler Musikauswahl. Das Hauptmotiv seiner Werke ist die Familie, und das erzählt er nicht nur leidenschaftlich, er lebt diesen Umstand auch. Eigentlich sollte man von Wes Anderson & Family Filmen reden.

 

Doch nicht nur sein Schreibstil, auch die Kunst der Inszenierung ist bei Anderson einzigartig. Wo andere Filmemacher darauf bedacht sind, dass die Kamera sich nicht als solche verrät, einen Film zu inszenieren, der als Geschichte, nicht als Film wahrgenommen werden will, widersetzt sich Anderson und bedient sich frei an Schrifttafeln, Voice-Over, Reißschwenks, Trickfilmstilistik oder anderen Kinkerlitzchen.

 

Andersons Filme sind Filme, so seltsam das klingen mag. Sie versuchen nicht, etwas realistisch abzubilden, sie verraten ihre Herkunft und Machart gern und offensiv. Trotz der scheinbaren Anarchie, die in seiner Inszenierung durchklingt, wirkt doch alles sehr auf Timing und Komposition bedacht. Jedes Bühnenbild ist voller exakt platzierter Details, Witze ergeben sich aus Hinweistafeln oder widersprüchlichen Großkulissen. Andersons Filme sind wie Setzkästchen, in denen man immer Neues entdeckt.

 

 

 

 

Doch mich als Autor begeistern vor allem die unvergleichlichen Dialoge, denen ganz große Gefühle innewohnen, die aber meist so schlicht und beiläufig daherkommen, dass jeder Satz ironisch erscheint. Mehr noch, eine derartige Trockenheit, dieser feine Zynismus, fast misanthrope Stil ist mir bei kaum einem anderen Autor untergekommen. Ein winziges Beispiel aus THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU:

 

Tiefseetaucher Steve Zissou (Bill Murray) hat Ärger mit seiner Gattin Eleanor (Anjelica Huston), die seine Tauchfahrten finanziert und ihn mal wieder verlassen will. Eleanor sagt: „Leb wohl!“ Steve Zissou schaut getroffen, hadert, antwortet: „Sag so etwas nicht, sag nicht Leb wohl, das schmerzt zu sehr…“ Dann macht er eine Pause und fügt hinzu: „Sag Bon Voyage!“

 

 

 

 

Die Filme von Wes Anderson begeistern durch originäre, unverwechselbare Figurenkonstellationen wie Tiefseetaucher Steve Zissou und sein gerade aufgetauchter Sohn Ned Plimpton, der clevere Fuchs Mr. Fox und seine Frau Felicity oder Patriarch Royal & Etienne Tenenbaum. Mir persönlich gefallen MOONRISE KINGDOM und THE LIFE AQUATIC… am Besten aus seiner Filmographie, aber selbst das fällt mir schwer zu gewichten. Eigentlich sind seine Filme eine homogene Einheit, oder wie er selbst sinngemäß sagte: “Die Figuren könnten in allen Filmen auftauchen, und es würde Sinn ergeben.” Aus diesem Grund eignet sich dieser wundervolle Zusammenschnitt seiner Werke, um die eigene Atmosphäre und Stilistik seiner Filme fühlbar zu machen.

 

 

GRAND BUDAPEST HOTEL (2014) & ISLE OF DOGS – ATARIS REISE (ab 10. Mai 2018 im Kino)

 

 

Sollte man als Genrefilmemacher die Filme von Wes Anderson kennen? Ich hoffe, diese Frage stellt sich nicht ernsthaft. Ich jedenfalls atme den gesamten Filmmikrokosmos in mich auf und beziehe daraus meine Inspiration. Von der Art, wie Wes Anderson Filme schreibt und inszeniert, kann man viel Grundsätzliches über Film Erzählen lernen. Aber nicht nur das. Nach ca. 12.000 Filmen, die ich bisher konsumiert habe (ich rechne Euch das später mal vor, Leute), gibt es nur noch Wenige, und dazu gehören alle Filme von Wes Anderson, die ich noch schauen kann, ohne automatisch über Dramaturgie, Figurenführung oder dass der Autor mal wieder vergessen hat, wie man Spannung aufrecht erhält, nachdenken zu müssen.

 

In Wes Andersons Filme kann man ab der ersten Minute wie in ein Paralelluniversum in Goldfischglasform eintauchen, in wirre Beziehungsgeflechte kaputter Familien, man wird gezwungen, große Melodramen zu erdulden, man kann das aber genießen wie einen Schwedeneisbecher ohne Eierlikör. Und man kann ganz konkret bei ihm lernen, wie man Dialoge über ganz große Gefühle gewitzt ironisch brechen kann. Eigentlich eine Schande, dass Wes Anderson bei den Drehbuch-OSCARS (insbesondere dieses Jahr) bislang übergangen wurde. Aber ein Wunderkind von Autor und Regisseur hat sowas auch gar nicht nötig.

 

 

 

 

4 Comments

  1. Antworten

    […] sein. Man kann für Filmtitel mit dramaturgischen Elementen wie Figuren arbeiten (THE BIG LEBOWSKI, THE ROYAL TENENBAUMS), mit Ortsangaben (IRGENDWO IN MEXICO), Zeitangaben (12 UHR MITTAGS), oder den Plot ansprechen […]

  2. Antworten

    […] Angora sweaters were his weakness”). Unglaublich geistreich ist auch die Tagline zu Wes Andersons THE ROYAL TENENBAUMS: “Family isnt a word, its a sentence.”, woran man sich gern […]

  3. Antworten

    […] Atmosphäre hatten. Angefangen von SIEBEN SOMMERSPROSSEN bis zum göttlichen MOONRISE KINGDOM von Wes Anderson. Sogar AMERICAN PIE und MEATBALLS mit Bill Murray find ich ganz witzig. So klischeehaft es sein […]

  4. Antworten

    […] THE ROYAL ANDERSONS – Wes Anderson […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de