Die kleine Genrefibel Teil 62: Shakespearesk

Auf unserer Reise durch die Wunderwelt des Films haben wir bislang zwei Schriftsteller mit einer kleinen Genrefibel geadelt, deren Werk Einfluss auf die Filmkunst hatte. Die Geschichten eines H. P. Lovecraft waren eine obskure Nische der Phantastik, Stephen King hingegen veränderte den zeitgenössischen US-amerikanischen Horrorfilm grundlegend. Doch nun, edle Sirs und Sirenen, betreten wir ein Haus mit einer ganz anderen Hausnummer und zwar in der Henley Street in Stratford-upon-Avon, in welchem irgendwann im Jahr 1564 der Dramatiker, Lyriker und Schauspieler William Shakespeare geboren wurde, der Barde von Avon.

 

 

Doch mich fürchtet, es rennen alle gleich weg beim Namen Shakespeare, gären doch Schauderlichkeiten in der Erinnerungssuppe hoch, an triste Deutsch-Leistungskurse, in denen Shakespeares Werke buchstäblich zu Tode interpretiert wurden. Doch jene Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks müssen wir heute nicht erdulden, denn wir betrachten heute den Einfluss Shakespeares auf den Film, ein freudvolles Thema, als würde ein Videorekorder ins Klassenzimmer geschoben. Denn Shakespeare war nicht nur ein Schriftsteller, er schuf so viele dramaturgische Motive, dass man ihn auch den Pionier des Filmstorytellings nennen könnte.

 

 

Actus Primus

 

Wer war dieser Mann, dieser Shakespeare, dessen Worte und Zeiler heute regelmäßig im normalen Sprachgebrauch Verwendung finden? Shakespeare schrieb keine Romane, er war Dramatiker und schrieb für die Bühne, das Theater und somit einem Vorläufer des neuzeitlichen Kinos. Kann man das überhaupt so sagen? Was man sagen kann ist, Shakespeare war kein Phantast, er war eben Dramatiker und somit adaptierte er vor allem Stoffe für die Bühne, alte Legenden wie Dramen der Weltgeschichte. Er hat Hamlet oder Romeo & Julia nicht erfunden, aber er formte aus verschiedenen Stoffvorlagen eine neue Art audiovisuellen Entertainments.

 

 

William Shakespeare (1564 – 1616)

 

 

Shakespeare schrieb vor allem für die Bühne, aber seine audiovisuellen Werkzeuge lagen nicht im Bereich des Bühnenbildes oder spezieller Effekte, seine Waffen waren Dramatik und Struktur. Die literarischen Vorlagen seiner Stücke, allen voran die historischen, waren zum Teil autobiographische Werke bar jeder Dramaturgie. Was Shakespeare machte, war diesen Erzählungen eine Struktur zu verleihen oder, wie es Aristoteles bezeichnete, die “Architektur der Handlung” zu gestalten.

 

Dramaturgie bedeutet nicht, was für eine Geschichte erzählt wird, sondern wie sie erzählt wird. Und in dieser Entwicklung des Storytellings hat Shakespeare Grundlagen geschaffen, von denen sich die Filmdramaturgie heute noch bedient. Natürlich war Shakespeare Geschichtenerzähler, aber er war kein Historiker oder Biograph, er wollte Geschichten vor allem spannend, ergreifend, fühlbar erzählen. Shakespeare schuf dramaturgische Strukturen, er leitete Stücke mit einem narrativen Prolog ein, es gab Brüche, Zeitsprünge und Twists, nachvollziehbare Figurenentwicklungen und ein geschicktes Lenken menschlicher Konflikte hin zu einem tragischen oder komödiantischen Klimax.

 

 

 

 

Hinzu kommt Shakespeares Universalität in Themen und Ständen wie der vielfältige Gebrauch der Sprache, von Gossenslang bis zu höfischen Gebaren, seine Werke sprachen sowohl Arm als auch Reich an, was Shakespeare zu Zeiten des Elisabethanischen Theaters produzierte, war Mainstream. In all dieser Ausprägung waren Shakespeares Stücke geradezu prädestiniert als Filmvorlage. So war es nicht verwunderlich, dass sich die Filmpioniere kurz nach der Erfindung des Mediums 1986 auch auf Shakespeare stürzten. Doch trotz der dramaturgischen Steilvorlage gab es auch Schwierigkeiten der audiovisuellen Umsetzung im neuen Medium Film.

 

 

Shakespeare als Stummfilm?

 

Zwar waren Shakespeares Werke zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits Weltkulturerbe, doch war das nicht der Grund, seine Stücke für die Leinwand zu adaptieren. Der Hauptgrund war lediglich sein Bekanntheitsgrad und der Umstand, dass Kino zu jener Zeit eher Jahrmarktsattraktion war. Mit dem Namen Shakespeare aber wollte man sich vom bloßen Rummeltreiben abheben und dem jungen Film ein anderes Image verpassen. Trotz aller Dramatik und Visualität hatten die Werke Shakespeares auch einen entscheidenden Schwachpunkt – wie sollte man die überbordende Text- und Sprachgestaltung zu Stummfilmzeiten umsetzen?

 

 

KING JOHN (1899)

 

 

Doch war das eher ein Glück im Unglück, denn es zwang den Film, neue erzählerische und dramaturgische Wege zu bestreiten. Shakespeares Stücke waren lang, die ersten Filme umfassten meist nur wenige Minuten. Die erste Shakespeare Verfilmung KING JOHN stammt aus dem Jahr 1899, von dem nur ein dreiminütiges Fragment erhalten geblieben ist. Durch die limitierte Länge des Mediums Film war es nötig, die Vorlagen auf Schlüsselszenen zu reduzieren. Der Wegfall der Sprache hingegen war sogar ein Vorteil, den somit waren die ersten Shakespeare Verfilmungen international gut vermarktbar.

 

In den frühen Shakespeare Verfilmungen lieferten Zwischentitel nötige Informationen, die Schauspieler wiederholten Bühnengebaren, in dem sie stumme Lippenbewegungen imitierten, im Stummfilm als “mouthing” bezeichnet. Erst später passte sich der Stil dem Medium an und die Darsteller übersetzten Inhalte mehr über den visuellen Weg wie Gesten oder Pantomimen.

 

 

Georges Méliès HAMLET (1907), TWELFTH NIGHT (1910), JULIUS CAESAR (1908), RICHARD III. (1912), A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM (1909), ROMEO & JULIET (1908)

 

 

Neben Georges Méliès HAMLET Verfilmung aus dem Jahr 1907 gilt RICHARD III. von 1912 als erste wirkliche Shakespeare Adaption. Nach den Kurzfilmen der ersten Jahre, die sogenannten one-reeler, war RICHARD III. mit 55 Minuten der erste echte Spielfilm nach einem Shakespeare Werk und ist zugleich der älteste noch erhaltene Spielfilm der USA. Mit Shakespeare Verfilmungen wollte man dem Film ein anderes Image geben, weg von der Jahrmarktsattraktion. Auch wenn das gelang und den Film dramaturgisch revolutionierte, große Kassenerfolge waren die ersten Shakespeare Filme nicht.

 

Shakespeare Filme waren Starvehikel, denn eine Rolle verlangte Attraktivität und Können. Die Vorlagen waren ausufernd, die Budgets seinerzeit eher winzig. Man musste dieser Vorlage aber auch gerecht werden und gleichzeitig dem Medium Film, der eine ganz andere erzählerische Herangehensweise verlangte. Auch mit der Erfindung des Tonfilms ab den 20er Jahren, als die Sprachbarriere fiel, veränderte sich das nicht grundlegend. Im Gegenteil, neue inszenatorische Probleme traten auf.

 

 

KING LEAR (1916)

 

 

Shakespeare schrieb für die Bühne und Bühnenbild war zu Zeiten des Elisabethanischen Theaters zwar opulent, aber auch begrenzt. Die Figuren erschufen durch ihre Worte die Szenerie, den Ort, die Ausstattung. Für den Film wurde das ein Problem, denn man hatte ganz andere Möglichkeiten. Vor allem, wenn man Shakespeare werksgetreu adaptieren wollte, kam es nicht selten zu Dopplungen an Informationen, wenn in einem Monolog eine Landschaft beschrieben wurde, die man im Film einfach sehen konnte. Aber genau diese Diskrepanzen halfen der Filmsprache und dem Storytelling, eigene Wege gehen zu müssen wie die Reduktion auf die Kernhandlung und das visuelle Erzählen.

 

 

Olivier, Welles & Zeffirelli

 

Waren die ersten Shakespeare Verfilmungen nicht sonderlich erfolgreich, änderte sich das zum Ende des zweiten Weltkriegs bis in die sechziger Jahre, eine Zeitspanne, die man als erste große Shakespeare Welle im Kino bezeichnen kann. Verantwortlich dafür waren Filmemacher, die Shakespeares Stücke nicht einfach nur filmisch abbilden wollten, sondern kreativer mit der literarischen Vorlage umgangen. Zu diesen Interpreten gehörte vor allem der Regisseur und Schauspieler Laurence Olivier.

 

 

HENRY V. (1944) von und mit Laurence Olivier

 

 

Der Film HENRY V. aus dem Jahr 1944 wurde sowohl künstlerisch als auch kommerziell zu einem Wendepunkt für Shakespeare Verfilmungen. Olivier sah sich gezwungen, den Originaltext um mehr als die Hälfte zu kürzen. Gleichzeit trugen die geschichtlichen Ereignisse des zweiten Weltkriegs dazu bei, dass Shakespeares Motive eine Doppeldeutigkeit und nie geglaubte Aktualität erfuhren.

 

HENRY V. wurde so auch ein Mittel der Propaganda für die britische Kriegsführung, der Film eine Art Durchhalteparole für die britische Nation in Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Zum ersten Mal wurde eine Shakespeare Adaption nicht retrospektiv, sondern als Spiegel aktueller Ereignisse gestaltet und rezipiert.

 

HAMLET (1948)

RICHARD III. (1955)

 

 

Erzählerisch wie visuell aber war HENRY V. noch durchaus konventionell. Erst HAMLET von Laurence Olivier aus dem Jahr 1948 ging experimenteller mit der Vorlage um, sowohl erzählerisch als auch von Seiten der Filmgestaltung. Der Film bot Möglichkeiten wie Voice Over oder Überblendungen, Mittel also, die auf der Bühne nicht möglich waren und konnten so der Geschichte und den Figuren neue Ausdrucksmöglichkeiten verschaffen. Dennoch war auch HAMLET durchzogen von langen Einstellungen und ausufernden Monologen, die die Herkunft des Stoffes als Bühnenstück erkennen ließen.

 

Laurence Olivier vervollständigte seine Shakespeare Trilogie mit RICHARD III. aus dem Jahr 1955, auch dieser Film war noch sehr bühnenhaft inszeniert worden, trotz aller filmischer Neuerungen. Ein weiterer großer Name im shakespeareschen Filmgeschäft war der Regisseur Orson Welles, der ebenfalls drei Adaptionen des Dramatikers verfasste und inszenierte. Leider war Welles nach seinem grandiosen CITIZEN KANE nicht mehr der große kommerzielle Erfolg beschieden.

 

 

Doch künstlerisch waren seine Filme MACBETH (1948), OTHELLO (1952) und FALSTAFF (1965) überaus beeindruckend. Beide hatten filmisch einen eher experimentellen, gar expressionistischen Ansatz, durch Bühnenbauten aus Pappe sogar das Flair einer modernen Theateraufführung. Sie waren eine Gegenthese zu dem eher naturalistischen HENRY V., doch beide Herangehensweisen waren am Ende eher Filmtheater als Film. Mit FALSTAFF adaptierte Welles Teile aus verschiedenen Shakespeare Stücken und schuf somit ein ganz eigenes Werk um die beliebte Nebenfigur Sir John Falstaff, welches eher Hommage als werksgetreue Adaption war.

 

MACBETH (1948)

FALSTAFF (1965)

 

Der dritte große Filmemacher der “Goldenen Shakespeare Ära” war der Italiener Franco Zeffirelli, dem mit zwei Filmen aus den Jahren 1967 und 1968 größerer kommerzieller Erfolg beschieden war. Waren es hauptsächlich die großen Historienstoffe Shakespeares, die ihren Weg auf die Leinwand fanden, wagte sich Zeffirelli auch an shakespearesche Komödien wie “The Taming Of The Shrew” (DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG), der 1967 mit Richard Burton und Elizabeth Taylor in die Kinos kam.

 

 

ROMEO & JULIA (1968) von Franco Zeffirelli

 

 

ROMEO & JULIA von 1968 wurde dann Zeffirellis größter Erfolg, sowohl von Kritikern als auch von Seiten des Publikums. Doch betrachten wir sowohl shakespeareschen Komödien als auch den Adaptionen von “Romeo & Juliet” gleich noch ausführlicher. Am Ende der Sechziger Jahre und der ersten Goldenen Ära geschah mit Shakespeare Verfilmungen genau das, was auch mit anderen Genres und Subgenres seinerzeit passierte, sie wanderten vom Kino ins Fernsehen.

 

 

Shakespeare on the BBC

 

In den siebziger und achtziger Jahren kam es im Kino zum Genreboom, da passten die Bühnenadaptionen nicht mehr wirklich ins Programm. Nur wenige Filme versuchten, Shakespeare filmisch neu zu interpretieren, wie Roman Polanskis MACBETH oder die beiden Werke des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa DAS SCHLOSS IM SPINNWEBWALD (THRONE OF BLOOD 1957) und RAN (1986), welche unkonventionelle Adaptionen von “Macbeth” und “King Lear” waren.

 

Akira Kurosowas Shakespeare Interpretationen THRONE OF BLOOD (1957)…

…sowie RAN (1986)

 

 

Doch während Shakespeare im Kino stagnierte, auf den Bühnen der Welt wurde er weiterhin mit großem Erfolg gespielt und jeder Schauspieler, der etwas auf sich hielt, musste einmal den Hamlet oder den Romeo gegeben haben. Als das Fernsehen ab den siebziger Jahren das Zepter übernahm, ergriff man die Möglichkeit, Bühnenstücke zu filmen und im TV zu verwerten.

 

Es war die große Zeit der BBC Theaterverfilmungen zwischen 1978 und 1985. Jene Adaptionen waren im Gegensatz zu filmischen Versuchen ungleich werksgetreuer und vor allem ein Sprungbrett für Schauspieltalente. Neben den Granden im Shakespeare Schaugeschäft wie Derek Jacobi, der bereits 1965 von Laurence Oliver für OTHELLO entdeckt wurde, verdienten sich in den BBC Produktionen auch Mimen wie Alan Rickman, Morgan Freeman, Patrick Stewart oder Helen Mirren ihre ersten Schauspielsporen.

 

 

Derek Jacobi in HAMLET (BBC, 1980)

 

 

Im Kino blühte zu dieser Zeit der Genrefilm. Shakespeares Werke schienen aber nur in zwei Richtungen zu tendieren, sie waren entweder Tragödien oder Komödien, vielleicht noch Königsdramen oder Historienfilme, aber auch die waren im Kern tragische Dramen. Bis in die achtziger Jahre hinein haben sich Shakespeare Verfilmungen kaum Genrekonventionen unterworfen.

 

Die filmische Modernisierung fand nicht über das Genre statt, sondern über andere Strukturen. Es gab werksgetreue Adaptionen in Zeit und Sprache, werksgetreue Inhalte, die in anderen Zeiten gespiegelt wurden, Geschichten und Figuren wurden beibehalten, aber sprachlich modernisiert. Zudem tauchten shakespearesche Grundmotive in Filmen auf, die man nur auf den zweiten Blick als Adaption Shakespeares wahrnahm wie WEST SIDE STORY (“Romeo & Julia”) oder DER KÖNIG DER LÖWEN (“Hamlet”).

 

Erst im Jahr 1989 inszenierte ein Fachkenner einen Shakespeare Stoff mit Hilfe von Genrefilmstrukturen und das eröffnete den Weg Shakespeares in ein neues Filmzeitalter.

 

Kenneth Branagh Superstar

 

1989 inszenierte der Ire Kenneth Branagh einen Stoff, den er selbst unzählige Male auf der Bühne spielte – HENRY V. – doch er inszenierte diesen Stoff mit den Stilmitteln des Actionfilms, was zuvor nie gemacht wurde. Shakespeares Komödien wurden zwar bereits als “screwball comedies” inszeniert, doch waren sie das im Kern ja auch. Erst HENRY V. gelang ein inszenatorischer Richtungswechsel im Genre.

 

Kenneth Branagh war 1989 gerade mal 29 Jahre jung, bereits mit 23 Mitglied der Royal Shakespeare Company und HENRY V. schlug ein wie eine Bombe, der Film wurde für drei Oscars nominiert, darunter Branagh für die beste Regie und Hauptdarsteller. Zwar verwendete Branagh werksgetreuen Text und Sprache, doch die Inszenierung hätte nicht weiter weg vom Theaterhaften sein können.

 

Die Schlachten des englischen Königs gegen die Franzosen war roh, blutig und dreckig, der Film ein entfernter Vorläufer der Serie GAME OF THRONES. Branagh wurde mit HENRY V. über Nacht weltweit berühmt und er war keine Eintagsfliege, Kenneth Branagh wurde nach Olivier, Welles und Zeffirelli DER Shakespeare Interpret schlechthin. Hatte Branagh mit HENRY V. ein Historiendrama nach Shakespeare par excellence verfilmt, legte er mit der Komödie VIEL LÄRM UM NICHTS im Jahr 1993 noch einen drauf. Da war die Filmwelt aber bereits mitten im Neuen Goldenen Shakespeare Jahrzehnt angekommen.

 

 

HENRY V. (1989) von und mit Kenneth Branagh

 

 

Nach HENRY V. folgte 1990 das Spätwerk des Shakespeare Regisseurs Franco Zeffirelli HAMLET mit Mel Gibson und Glenn Close. Auch HAMLET orientierte sich an der Actionfilmausrichtung und der attraktiven Verjüngung für ein größeres Publikum. Kenneth Branagh war ein junger, blondschöpfiger König Heinrich, Actionstar Mel Gibson, der durch die LEATHAL WEAPON Filme berühmt wurde, gab den Hamlet, Glenn Close war durch ihre Darstellung in GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN und EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE in aller Munde. Shakespeare Kino wurde also nicht nur rasanter, sondern sprach nun wieder alle Zuschauerschichten an.

 

Vor allem das jüngere Publikum. Es war der Beginn des Goldenen Zeitalters, die 90er Jahre. Sie waren das Shakespeare Jahrzehnt schlechthin. War “Hamlet” bislang ein Alptraum von Deutschschülern, schafften es die neuen Stars Branagh und Gibson, das Drama um den dänischen Prinzen für ein Mainstream Publikum attraktiv und verständlich zu machen. Und das war nur der Anfang. Ebenfalls 1990 erschien mit GÜLDENSTERN UND ROSENKRANZ eine Art “Hamlet”-Spin-off mit Tim Roth und Gary Oldman.

 

 

Hamlet erobert das Millenium: Mel Gibson (HAMLET von Franco Zeffirelli, 1990), Kenneth Branagh (HAMLET, 1996), Arnold Schwarzenegger als Hamlet in LAST ACTION HERO (1993) und Ethan Hawke als HAMLET (2000)

 

 

1996 legte Kenneth Branagh sogar noch eine Schippe Shakespeare Extra drauf und verfilmte HAMLET mit dutzenden Stars wie Kate Winslet, Derek Jacobi, Robin Williams, Gérard Depatrieux, Jack Lemmon und Charlton Heston erstmals ungekürzt in vollen vier Filmstunden. Warum war “Hamlet” auf einmal ein so begehrter Filmstoff?

 

Die meisten Filmadaptionen Shakespeares fallen auf “Hamlet”, von George Méliès Frühwerk aus dem Jahr 1907, die berühmt-berüchtigte Version von 1921 mit Astrid Nielsen als weiblichen Hamlet über Laurence Oliviers Oscarwerk 1948 bis zu Branagh und Zeffirelli. Auch DER KÖNIG DER LÖWEN ist in seinem Grundmotiv eine Hamlet Adaption, 1994 grübelte sogar Schwarzenegger einen Totenschädel an, Hamlet war überall, klassisch oder modern wie HAMLET von 2000.

 

 

Bis zu HAMLET 2000 mit Ethan Hawke in der Hauptrolle wurden Shakespeare Verfilmungen auch wieder mutiger und experimenteller. 1991 drehte Gus Van Sant mit MY OWN PRIVATE IDAHO eine “New Queer Cinema” Version von Shakespeares HENRY IV., Peter Greeneway inszenierte 1991 mit PROSPEROS BÜCHER eine Adaption von “Der Sturm” als wortkargen Bilderrausch. RICHARD III. (1995) mit Ian McKellen wurde ins Dritte Reich verlegt, Al Pacinos LOOKING FOR RICHARD (1996) dagegen mischte Dokumentarisches um die Proben des Bühnenstücks mit Spielfilmdramaturgie.

 

 

“Die Kacke dampfet gar sehr!”

 

Doch nicht diese eher experimentellen Adaptionen waren der Grund für das Comeback Shakespeares im Kino, es waren vor allem die Komödien, welche auf großes Interesse beim Publikum stießen. Shakespeares Komödien waren schon immer zeitlos und aktuell, sie beinhalteten schelmischen Wortwitz, Verwechslungen, Irrungen und Verwirrungen, von denen sich die Screwball Komödie viel geliehen hat, zudem wirkte der shakespearesche Text in diesem Sujet von Natur aus witzig.

 

 

VIEL LÄRM UM NICHTS (1993) von und mit Kenneth Branagh

 

 

Nach Kenneth Branaghs VIEL LÄRM UM NICHTS, abermals mit großem Staraufgebot, was noch mehr Zuschauer in den Film lockte, war es vor allem die Adaption von “The Taming Of The Shrew”, die am häufigsten adaptiert wurde. Nach Zeffirellis Kassenschlager mit Elizabeth Taylor und Richard Burton aus dem Jahr 1967 wurde auch DER GEZÄHMTE WIDERSPENSTIGE von 1980 mit Adriano Celentano und Ornella Muti zu einem erfolgreichen Kultfilm. 1999 wurde der Shakespeares Stoff ein weiteres Mal verfilmt, diesmal für das neue Teeniekomödien Publikum, unter dem Titel 10 DINGE, DIE ICH AN DIR HASSE mit Heath Ledger und Julia Stiles.

 

DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG (1967) mit Richard Burton und Elizabeth Taylor

10 DINGE, DIE ICH AN DIR HASSE (1999) mit Heath Ledger und Julia Stiles

 

 

Es waren die starken Motive in Handlung und Figuren, ihren Motiven und Zielen, dem Ränkespiel, dem Wissen des Publikums um Gegebenheiten der Handlung sowie Twists und Turns, die Shakespeare Stücke so unterschiedlich interpretierbar machen. Die Wirkung spricht für sich, wie viele wissen schon, dass 10 DINGE, DIE ICH AN DIR HASSE auf einem Shakespeare Stück basiert?

 

 

Man erinnerte sich vielleicht noch an den SOMMERNACHTSTRAUM (1999 verfilmt mit Kevin Kline und Michelle Pfeiffer), den man aber auch als A MID SUMMER NIGHT’S RAVE (2002) adaptieren kann. Die gesamten 90er Jahre waren ein Füllhorn fantastischer Shakespeare Verfilmungen, doch eine Adaption hob sich noch einmal gesondert vom Blatte ab und erfüllte die Herzen von Deutschlehrern und Kids gleichermaßen, die in der Schule beim Thema Shakespeare die Nase rümpften.

 

 

In Love With Shakespeare

 

1996 erschien ein noch gewagteres Shakespeare Experiment auf der Kinoleinwand, von dem im Vorfeld gemunkelt wurde, er vergrätze sowohl junges wie altes Publikum. Das Gegenteil trat ein, WILLIAM SHAKESPEARES ROMEO + JULIA von Baz Luhrmann wurde ein grandioser Welterfolg. Baz Luhrmann perfektionierte die Mainstream Maschinerie, die Branagh und Zeffirelli mit HENRY V. und HAMLET eingeleitet hatten. Luhrmann setzte auf bekannte Stars und Gesichter, aber nicht ausschließlich, der Cast zielte auf ein noch jüngeres Publikum und er fand mit dem jungen Leonardo DiCaprio und der damals fast unbekannten Claire Danes zwei Schauspieler, denen es gelang, die Herzen der Zuschauer im Sturm zu erobern.

 

 

WILLIAM SHAKESPEARES ROMEO+JULIA von Baz Lurhmann (1996) mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes

 

 

Aber das war nicht das einzige Bemerkenswerte. Luhrmann übertrug die werksgetreue Handlung in die Neuzeit, nach Verona Beach, eine fiktive südamerikanische Metropole. Er machte aus Schwertern und Degen Colts und Berettas, ließ Partydrogen kulminieren und setzte beim Soundtrack auf moderne Songs von Garbage, Radiohead und The Cardigans. Trotz der Modernisierung waren alle Sprechtexte klassischer Shakespeare und könnte der Kontrast nicht schon groß genug sein, schnitt er den Film auch noch in zeitgenössischer MTV-Ästhetik und brachialem Sounddesign.

 

Was auf dem Papier abstrus klang, wurde ein audiovisuelles Meisterwerk, welches auch heute noch frisch und zeitlos daherkommt. Es machte DiCaprio und Danes zu Superstars und die Kids rund um den Globus mussten nun nicht mehr stundelang überredet werden, Shakespeares Klassiker zu lesen.

 

“Romeo & Juliet” war ein Zwitter aus Lustspiel und Drama, im klassischen Sinne führt erst der tragische Schluss eine Wendung hin zur Tragödie. Mit WILLIAM SHAKESPEARES ROMERO + JULIA war das Shakespeare Jahrzehnt auf seinem Zenit. Doch erst zwei Jahre später wurde dieses auch offiziell gekrönt – mit dem Oscar-überhäuftem SHAKESPEARE IN LOVE von Regisseur John Madden.

 

 

SHAKESPEARE IN LOVE (1999) von John Madden mit Joseph Fiennes und Gwyneth Paltrow

 

 

SHAKESPEARE IN LOVE war im Grunde auch die “Romeo & Juliet” Geschichte, aber sie erzählte diese Geschichte aus einem anderen Blickwinkel, indem sie scheinbar Biographisches in die Handlung beimengte. Im Mittelpunkt stand William Shakespeare selbst, gespielt von Joseph Fiennes, der um die Gunst seiner Angebeteten Viola De Leppses (Gwyneth Paltrow) buhlt.

 

 

Auch SHAKESPEARE IN LOVE ist ein fulminantes Feuerwerk an Drive, einem präzisen Drehbuch und großartiger Darsteller, ausgezeichnet mit sieben Oscars, darunter bester Film und bestes Drehbuch. Es sollte der Ausklang des Shakespeare Jahrzehnts werden.

 

Obgleich bereits im Jahr 2000 eine weitere Hamlet Adaption folgte, konnten Shakespeare Verfilmungen nie wieder an die erfolgreichen Jahre 1989 bis 1999 heranreichen, von Branaghs Actionwerk HENRY V. bis zur SHAKESPEARE IN LOVE.

 

 

“More matter, with less art.”

 

Es schien, als wären alle möglichen Experimente mit der Vorlage Shakespeare betrieben worden. Zwar nimmt die Flut an Kino- oder TV-Spielfilmen genauso wenig ab neue Theaterproduktionen, darunter MACBETH (2015) mit Michael Fassbender im Kino oder HAMLET mit Benedict Cumberbatch auf der Bühne, aber nie ist wieder ein Film so radikal erzählt worden wie seinerzeit die Werke von Orson Welles, später Kenneth Branagh oder eben Luhrmanns Version von “Romeo & Juliet”.

 

Michael Fassbender in MACBETH (2015)

Benedict Cumberbatch als HAMLET am Londoner Barbican Theater (2015)

 

Experimentelle Werke gingen sogar eher unter wie der beschwingte Schwarz-Weiß Film VIEL LÄRM UM NICHTS von AVENGERS Regisseur Joss Whedon aus dem Jahr 2012. 2012 hieß auch ein Film von Katastrophenfilmpapst Roland Emmerich, der weniger mit Shakespeare als mit Earthshakes zu tun hatte. Jener Roland Emmerich aber inszenierte 2011 eine überaus interessante Verschwörungstheorie um den berühmten Dichter, der angeblich gar keiner war – ANONYMUS.

 

Mit ANONYMUS nahm sich Emmerich der Legende an, Shakespeare war gar nicht der Autor jener Werke, die man ihm heute zuschreibt. Darüber wird in Fachkreisen gestritten, und obwohl auch ich nicht glaube, dass Shakespeare mit der entzückenden Schauspielerin Anne Hathaway verheiratet war, er muss einfach der alleinige Autor seiner Werke gewesen sein.

 

 

Rafe Spall als William Shakespeare in ANONYMUS (2011) von Roland Emmerich

 

 

Denn nur ein einzelner Mensch ist genial, eine mögliche Gruppe Verschwiegener hätte sich hundertprozentig am Erfolg gegenseitig kannibalisiert. Es gehört eben auch zur Magie Shakespeares, dass man glaubt, jener mutmaßlich ungebildete Stratfordter war einfach nur ein begnadeter Geschichtenerzähler.

 

William Shakespeare war kein Phantast, er war auch kein Chronist, er war ein Dramatiker, er wusste, WIE man Geschichten erzählt und das so strukturiert und visuell, dass sein Erbe auch die Filmerzähkunst bis zum heutigen Tage beeinflusst. Schaut man bei IMDB nach künftigen Shakespeare Adaptionen, egal ob groß oder klein, man wird förmlich erschlagen von neuen Hamlets, Romeos und Julias. Weil sein Werk global verständlich und faszinierend ist und man immer neuen Facetten finden kann.

 

 

Wie zum Beispiel mit OPHELIA, der gerade im Januar auf dem Sundance Film Festival Premiere feierte, erneut eine Hamlet Variante aus der Sicht von Ophelia, gespielt von STAR WARS Aktrice Daisy Ridley. Apropos STAR WARS, vielleicht hat Shakespeare auch STAR WARS geschrieben, irgendwie, irgendwann, irgendwo. Denn alles, was heute mit großer Dramatik, lebendigen Figuren und Motiven, menschlichen Konflikten sowie Twists und Turns geschrieben oder inszeniert ist, umschreibt man mit dem Begriff “shakespearesk”. Oder GAME OF THRONES, vielleicht ist George R. R. Martin auch Nachfahre Shakespeares.

 

 

Daisy Ridley und Naomi Watts in OPHELIA (2018) von Claire McCarthy

 

 

Sein oder nicht sein, wir wissen es nicht. Fakt ist, der Einfluss des Werkes William Shakespeares auf das filmische Storytelling kann nicht hoch genug bewertet werden. Es ist so groß, dass Neider es nicht wahr haben wollen und meinen, dererlei Errungenschaften können unmöglich von einer Person stammen. Aber Sir William kann darüber nur lachen und sagen: “Gut gehenkt ist besser als schlecht verheiratet”. Der Rest ist Schweigen.

 

 

_________________________________________________________________________________________________________________________________________

 

In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

One Comment

  1. Antworten

    […] und sie alle haben ein Happy End. Die RomCom bedient sich oftmals der komödiantischen Werke Shakespeares und fokussiert die Irrungen und Wirrungen der Liebesmüh mit Naivität und zum Teil übertriebener […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de