Reise in die Urzeit

Wieder einmal schwelgen wir in Kindheitserinnerungen, diesmal jedoch in nicht ganz so düsteren Flimmerwerken wie BRIEFE EINES TOTEN oder MÄRCHEN EINER WANDERUNG. Wir reisen zurück in eine Zeit, in der franko-belgische Comics wie “Tim und Struppi” oder “Asterix” Phantasie und Wissbegierde erweckten, das MOSAIK mit den Abrafaxen monatlich heiß erwartet wurde und Filme wie 20.000 MEILEN UNTER DEM MEER eher eine Bastelanleitung für Abenteuer waren.

 

REISE IN DIE URZEIT ist ein solches Juwel meiner Kindheit, obgleich der Film bereits aus dem Jahr 1955 stammt. Für gewöhnlich denkt man in Sachen Stop-Motion-Tricks sofort an Ray Harryhausen, doch auch der tschechische Regisseur Karel Zeman gilt als Effektpionier und DIE REISE IN DIE URZEIT ist auch heute noch eine Wundertüte an tollen Tricks und wunderschönen Studiosets.

 

 

Ein Traum á la Jules Verne – die Vermessung eines Stegosaurus

 

Die vier Freunde Petr, Tonik, Jenda und der kleine Jirka sind wissbegierige Abenteurer, die sich auf eine waghalsige Expedition begeben, nach dem sie einen versteinerten Trilobiten gefunden haben. Mit einem Ruderboot durchqueren sie eine Höhle und folgen einen Fluss, der sie in längst vergangene Erdzeitalter führt. Ihre Reise führt sie über die Eiszeit in die Welt der ersten Urmenschen und Höhlenmalereien, ins Tertiär, wo gefräßige Säbelzahntiger und Raublaufvögel leben, in das Erdmittelalter, die Ära der Dinosaurier, die Farnwälder des Karbon bis ins frühe Silur.

 

Die vier Freunde begegnen allerlei Gefleuch, von mächtigen Mammuts über Pterodactylen bis zu Riesenlibellen, immer mal wieder verläuft sich jemand, begibt sich in unbekannte Gefahr oder die Reise droht durch Schicksalsschläge zu scheitern. Letztlich erreichen sie ihr Ziel, das Urmeer im Silur, wo Jirka endlich einen lebendigen Dreilappkrebs findet.

 

Soweit, so niedlich. Aber ist die REISE IN DIE URZEIT wieder einer von solchen Filmen, die nur noch durch die retrospektive Nostalgiebrille zu ertragen sind? Wie man´s nimmt. Schon in meiner Kindheit in den frühen achtziger Jahren war die schlichte Naivität der Erzählung auffällig. REISE IN DIE URZEIT ist kein Abenteuerfilm mit spannenden Höhepunkten, viel mehr eine Art Lehrstück der Paläontologie mit einer Prise Jule Verne und einen Hauch Pfadfinderträumerei. Das Ganze ist so zuckersüß naiv erzählt, ohne lästiges Wie oder Warum, dass der Film erzählerisch einem heute nur ein müdes Lächeln abgewinnt. Wir wollen uns mal die Urzeit anschauen, meint der Erzähler Petr, und so setzen wir uns in ein Boot und fahren los. Ah, die Eiszeit! Sehr schön. Da, ein Mammut, das ist aber aufregend!

 

Das Mammut ist Jirkas Lieblingsurzeitvieh.

Mag sein, dass das heute drollig wirkt. Aber auf ein abenteuerlich aufgeschlossenes Kind war das ein Funke, der einen kleinen Flächenbrand auslösen konnte. Auch ich und ein Schulfreund planten daraufhin eine Floßfahrt in die Vergangenheit, waschecht mit Tagebuch und Skizzenblock für prähistorische Artenvielfalt. Denn obwohl der Film in seinen rasantesten Momenten wie die Verfolgung durch einen Raublaufvogel niemals wirklich spannend wird, die Reise als solche war aufregend genug. Das erreicht der frühe Klassiker durch eine extrem liebevolle Erweckung der Urzeit in Sets, Matte Paintings und vor allem in der Animation der Urweltviecher.

 

Die frühzeitlichen Kreaturen vom Wollhaarnashorn über das Gompoterium bis zum Bronto- und Stegosaurier sind allesamt fantastisch gestaltet und animiert worden. Die Urzeitsets sind atmosphärisch, malerisch und detailverliebt und stehen den Kreationen eines Ray Harryhausen in nichts nach. Sicherlich wirkt der Kampf zwischen einem Stegosaurus und dem obligatorischen T-Rex heute etwas arg angestaubt, aber ein so stimmiges Urzeitbild hat bislang kein Film mehr entworfen.

 

 

Erzählerisch und dramaturgisch kann man REISE IN DIE URZEIT nicht mit den Geschichten von Jules Verne vergleichen, obwohl der Film das Flair von REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE durchaus einfängt. Aber die vier Abenteurer sind nie wirklich in Gefahr, die Erzählerstimme übermittelt zwar viel Fachwissen über die Urzeit und ihre Bewohner, ist aber auch arg übererklärend und manchmal ein wenig zu naiv.

 

Trickaufnahmen in den Filmové Studio Gottwaldov 1955

Ein richtiges Ende hat der Film auch nicht, aber trotzdem, REISE IN DIE URZEIT macht noch immer Freude und ist vor allem für ganz junge Dinofans ein harmloser Spaß ohne Gewalt, dafür mit viel Liebe zum Detail und großer Wissensbereicherung.

 

Trotz seines Alters und einiger damals offener Fragen (1955 wusste man noch nicht viel über den Untergang der Dinosaurier) ist der Film wissenschaftlich noch immer ganz aufschlussreich.

 

Ob REISE IN DIE URZEIT die Kids nach JURASSIC PARK noch vom Hocker haut, keine Ahnung. Im Gegensatz zu ein paar anderen Klassikern ist REISE IN DIE URZEIT wenigstens auf DVD noch überall erhältlich und ich kann jedem Dinofan mit Stop-Motion-Affinität und einen Faible für Jules Verne den Klassiker von Karel Zeman nur dringend ans Herz legen.

 

 

 

Best Entertainment

 

  • Kultfilm der Kindheit
  • tolle Stop-Motion-Tricks
  • Matte-Paintings und Sets
  • wissenschaftlich ganz ok
  • Gastornis rules!
  • Vermessung des Stegosaurus
  • völlig unspannend
  • kein richtiges Ende
  • Synchronisation schwach

 

FAZIT:

Eine schlichte, naive Geschichte über eine Reise durch die Erdzeitalter, die liebevoll und mit tollen Stop-Motion-Tricks zum Leben erweckt wurden.

 

CESTA DO PRAVĚKU, CSSR 1955, Regie: Karel Zeman, Drehbuch: J.A. Novotný
Für Fans von REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE, Digedags-Urzeitabenteuer & Stop-Motion-Tricks

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] Urvogel, Dino-Sammelbilder und DIE REISE IN DIE URZEIT – so sahen Kindheitsträume […]

  2. Antworten

    […] Filme beeindruckende Stop Motion Sequenzen mit Puppen und Figuren, vor allem die Urweltwesen in REISE IN DIE URZEIT (1955) begeisterten die […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de