BRIEFE EINES TOTEN

Als kleinen Nachtrag zur Genrefibel Teil 25: Atomic Age habe ich einen Film ausgegraben, der mich mal wieder seit meiner Kindheit begleitet hat. Wie bereits erwähnt haftete Allem, was mit der Atombombe und einem unvermeidlichen Dritten Weltkrieg zu tun hatte, ein ungemein beklemmendes Gefühl an. THE DAY AFTER oder WENN DER WIND WEHT, das waren solche Filme, die einem als kleinen Bub nächtelang Alpträume bescheren konnten. Aber da war noch ein Streifen, von dem ich zuerst in alten Prospekten des Progress Filmverleih las, bzw. Fotos sah. Bilder von Kindern mit Gasmasken, einer zerstörten Stadt nach dem atomaren Exodus und ein Schneesturm aus radioaktivem Fallout. 1987 kam der russische Endzeitfilm Письма мёртвого человека auch in der DDR ins Kino, unter dem Titel BRIEFE EINES TOTEN MANNES. Er ist bis heute einer der düstersten Visionen eines atomaren Holocaust.

 

 

Ein alter Professor befindet sich mit wenigen Überlebenden, darunter zwölf Waisenkinder, in den Katakomben eines zerstörten Museums. Die Welt draußen ist vernichtet, radioaktiv verstrahlt, an der Katastrophe scheint jener Professor mitverantwortlich zu sein. Seine Frau liegt im Sterben und sein Sohn wird vermisst. An jenen Sohn, sein Name ist Erik, schreibt der Professor traurige Briefe, in denen er um seine Rückkehr betet, vor allem aber über das Ende der Zivilisation und der Spezies Mensch philosophiert.

 

Während er schreibt, muss er in Pedale treten, um Licht zu erzeugen. Die Katakomben bieten nur wenig Schutz. Das Ziel der Überlebenden ist der Zentralbunker, in dem aber nur gesunde und junge Menschen Zutritt haben. Draußen auf den Straßen, die man nur noch vermummt und mit Gasmasken betreten kann, herrscht Chaos und Überlebenskampf. In den Katakomben haben so ziemlich alle den Glauben an ein Weiterleben aufgegeben. Nur der Professor ist davon überzeugt, dass es sich nicht um eine endgültige Apokalypse handelt und die Menschheit zum Überleben bestimmt ist. Letzten Endes rät er den Waisenkindern, die Katakomben zu verlassen und auf die Suche zu gehen. Denn wann immer die Menschheit im Aufbruch war, da war auch Hoffnung.

 

Der Professor (Rolan Bykow) im Kessel der zerstörten, namenlosen Stadt.

BRIEFE EINES TOTEN, so der bundesdeutsche Filmtitel, ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. An visueller Beklemmung ist er ähnlichen Weltuntergangsszenarien der achtziger Jahre weit überlegen. Die Bilder sind unglaublich düster gefiltert, in den Katakomben und der zerstörten Stadt herrschen dreckige Sepia- und Grüntöne, andere Objekte wie der Zugang zum Zentralbunker wurden bläulich stilisiert. Was Ausstattung und Szenenbild anbelangt, ist er vergleichbar mit den Frühwerken von Jean-Piere Jeunet, vor allem mit LE BUNKER DE LA DERNIÉRE RAFALE oder auch DELIKATESSEN. Zusammen mit der elegischen Kameraführung, dem Sounddesign und der schmutzigen, trostlosen Atmosphäre der wenigen Locations erzeugt er eine unvergleichliche Dichte.

 

Aber auch erzählerisch hebt sich BRIEFE EINES TOTEN stark von anderen Filmen gleicher Thematik ab. Man kann ihn nicht als Gegenstück zu THE DAY AFTER betrachten, wie häufig geschrieben wurde. BRIEFE EINES TOTEN ist ideologisch sehr distanziert, er beginnt mitten im nuklearen Chaos, es gibt keinen Patriotismus, keine Schuldzuweisungen an Nationen, lediglich Schuldzuweisungen an die gesamte Spezies Mensch. Darüber hinaus ist die zweite Erzählebene, die Briefe an Erik, von einer beinahe lyrischen Philosophie durchzogen. Nichts wirkt verschwurbelt oder fahrig, die Kommentare des Professors sind klar, objektiv, sie sind aber auch zynisch, ironisch, bitter, traurig und doch hoffnungsvoll. Aber inmitten der ganzen düstere Chose liegt auch eine Prise Witz. Trotz berstender Kälte läuft einmal eine nackte Frau durch die Katakomben. Bei Abendessen philosophiert sie, dass der Mensch in der Evolution zum Überleben bestimmt ist, wenn er nur Luft an seinen Körper lasse. Und das will sie von nun ab tun, sich ständig entblößen und fragt ihren Mann, ob er das für Unsinn hält. Der überlegt kurz und antwortet zackig: “Ja!”

 

Der Aufbruch in eine neue Zivilisation.

Trotz mancher ironischer Spitzen ist BRIEFE EINES TOTEN der wohl düsterste und deprimierendste Film, den ich kenne. Die Wirkung hat er auch noch knapp 30 Jahre nach seinem Erscheinen, man kann sich unmöglich von dem Erzählsog losreißen, manche Einstellungen sind nach wie vor extrem wirkungsvoll und alptraumhaft. BRIEFE EINES TOTEN erhielt mehrere Auszeichnungen, doch wirklich bekannt ist er heute nicht mehr. Was wohl auch daran liegt, dass der Film, in welchem Medium auch immer, so gut wie gar nicht erhältlich ist. Auch ich besitze nur einen Fernsehmitschnitt. Dennoch, wem der Streifen aus dem Jahr 1986 mal über den Weg läuft, sollte ihn sich ansehen. In meinen Augen ein verstörendes, poetisches und lang nachhallendes Meisterwerk.

 

 

 

nirgendwo lieferbar

 

  • beklemmendes Szenenbild
  • düster, düster, düster
  • philosophische Voice Over
  • Farbfilter
  • Musik und Sounddesign
  • schwer verdaulich
  • selten eine Prise Humor
  • keinerlei Propaganda
  • keine wirkliche Story

 

FAZIT:

Nach BRIEFE EINES TOTEN braucht man dringend eine Dosis DUMBO oder BAMBI. Verstörendes, philosophisches Endzeitdrama.

 

Письма мёртвого человека, UDSSR 1986, Regie und Drehbuch: Konstantin Lopuschanski
Für Fans von LE BUNKER DE LA DERNIÉRE RAFALE & THREADS

 

3 Comments

  1. Antworten

    […] im kalten Krieg visualisierte den größten Alptraum der Menschheit in dem Film BRIEFE EINES TOTEN (UDSSR […]

  2. Antworten

    […] schwelgen wir in Kindheitserinnerungen, diesmal jedoch in nicht ganz so düsteren Flimmerwerken wie BRIEFE EINES TOTEN oder MÄRCHEN EINER WANDERUNG. Wir reisen zurück in eine Zeit, in der franko-belgische Comics wie […]

  3. Antworten
    Peter Lüders 6. November 2015

    Film grad auf Vimeo gesehen, schönes Review & Bilder!

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de