MÄRCHEN EINER WANDERUNG

Es ist wieder Retrostunde im Reviewbereich. Mit Besprechungen von Klassikern und alten Kamellen ist das so eine Sache. Spricht man über die Wirkung eines Filmes heute oder aus teils verklärter Erinnerung heraus? Es gibt durchaus ein paar Filme, die man sich besser nicht noch einmal angeschaut hätte, weil sie konträr zur Erinnerung plötzlich langatmig und zäh erschienen. Aber bei Retrospektiven geht’s ja nicht immer nur um Vergleiche. In meiner Kindheit gab es einige Filme, die mir in junge Jahren mächtig Angst eingejagt haben. In meiner Top Fünf der grusligsten Kindheitserinnerungen rangiert neben CRITTERS und KOJAK: MORDFALL MARKUS NELSON (?!) rangiert auch folgendes Fantasymärchen von Alexander Mitta aus dem Jahr 1982.

 

 

Jene unscheinbare Koproduktion aus der Tschechoslowakei, Sowjetunion, Rumänien und Deutschland hatte mir nächtelang Alpträume bereitet. Da ging es um eine Flugmaschine, um eine schaurige Hexe, Männer mit Schnabelmasken und die Pest.

 

Die Bilder habe ich ein paar Jahre mit mir herumgetragen, der Film aber blieb verschollen. Als ich Anfang der Neunziger Jahre wilder Videosammler wurde und ich nach dem Streifen gefahndet habe, blieb ich lange erfolglos. Denn in meiner Erinnerung suchte ich einen Film namens “Märchen vom Wandern”. Erschwerend kam hinzu, dass der Film zwar auf VHS erhältlich war, jedoch unter dem präzisen Titel EINE PHANTASTISCHE GESCHICHTE. Nur anhand des Untertitels “Das Märchen von der großen Reise” und der Coverabbildung des Fluggerätes konnte ich den Film irgendwann aus einer Weidaer Videothek bergen – eine Videosammlersternstunde! Es ist irgendwie toll, wie sich zufällig Kinderklassiker als Raritäten entpuppen (zum Beispiel FROG DREAMING). Auch MÄRCHEN EINER WANDERUNG gilt heute komischerweise als DVD-Rarität. Doch dazu später. Was macht den Film denn nun so besonders, vom dem wohl auch ein Großteil von Fantasyfans noch nichts gehört hat?

 

 

Orlando & Marta

Auf den ersten Blick kommt MÄRCHEN EINER WANDERUNG wie eine Vielzahl russischer Märchen daher, die es in der Edition “Der große russische Märchenfilm” von EuroVideo gibt. Aber der Film ist weniger Märchen als ein, zugegebenermaßen schlichter, Fantasyfilm. Die Story hört sich erstmal ganz märchenhaft an. Die Geschwister Marta und Mai leben bettelarm in einer mittelalterlichen Stadt, als Martas kleiner Bruder von Räubern entführt wird. Denn der kleine Mai kann sozusagen Gold spüren, wenn es irgendwo in der Nähe ist. Im wird richtig übel, wenn er auf einem vergrabenen Schatz steht. Das wollen sich die Hallunken nun zum monetären Vorteil machen. Marta hingegen sucht ihren verschwundenen Bruder und trifft dabei auf Orlando, einem herumziehenden Arzt und Philosophen. Obwohl sich Marta und Orlando ständig streiten, durchleben sie auf ihrer Wanderung gemeinsame Abenteuer mit faulem Ritterspack, Drachengebirgen, werden lebendig eingemauert, fliehen mit einem selbstgebautem Fluggerät und geraten in eine Gegend, in der die Pest regiert. Erst nach Jahren findet Marta ihren Bruder wieder. Der hat sich indes zu einem wahren Schnösel entwickelt. Letzten Endes wird aber alles gut, wenngleich auch ziemlich verwirrend.

 

 

Was MÄRCHEN EINER WANDERUNG von einem Märchen unterscheidet, ist vor allem das Drehbuch, bzw. die Dialoge. Die sind nämlich relativ klischeefrei und erfrischend ironisch und spitz (“Für einen Philosophen, der der Welt Gutes tun will, ist Hunger Gift!”), andererseits derb und deftig. Für ein Märchen fallen zu oft Ausdrücke wie “Halts Maul!” oder “Krepier endlich!” und es gibt sogar eine tolle Kneipenschlägerei. Allen voran die Figur Orlando geht weit über Märchenstandards hinaus. Er vergleicht sich mit Aristoteles, brüstet sich als Erfinder und Arzt, ist trotzdem ständig auf der Suche nach einem Zuhause. Marta hingegen hat nur eins im Kopf, nämlich ihren Bruder zu finden, was beide ständig in witzige Streitereien verwickelt, in denen Marta vor allem durch hysterisches Geschrei hervorsticht. Aber es macht großen Spaß, die beiden auf ihrer Wanderung zu begleiten und ich war überrascht, wie frisch sich das Drehbuch auch nach über 30 Jahren in Sachen Dialogwitz und Tiefe anfühlt (“Wohin willst du?” “Keine Ahnung!” “Dann haben wir den selben Weg.”). Die Wanderung selbst erinnert entfernt an die Irrfahrten des Odysseus, auch Marta und Orlando müssen der Völlereifalle entkommen, über tosende See segeln und ihren ganzen Erfindergeist zusammennehmen, um einer Ritterfestung zu entkommen, wenngleich am Ende keine wirkliche Entwicklung der Figuren oder irgendeine Moral steht.

 

Orlando wird in einer Gerichtsverhandlung zum Glück “nur” dreimal zum Tode verurteilt.

Wer hingegen HERR DER RINGE – Fantasy erwartet, wird wohl enttäuscht sein. Trotzdem sind die schlichten Effekte wie eine Bergkette, die ein Drachenrücken ist, stimmungsvoll. Atmosphärisch beeindruckt der Streifen mich noch heute. Die Schnabelmasken und die dreckige Stimmung in der mittelalterlichen Peststadt wirken immer noch.

 

Das Ganze hat etwas von frühen Terry Gilliam Sachen wie JABBERWOCKEY oder TIME BANDITS (zwei Bauern versuchen einen Sumpf trocken zu pumpen, die bizarre Szene, in der Orlando vor Gericht steht). MÄRCHEN EINER WANDERUNG ist nicht vergleichbar mit DIE SCHÖNE WARWARA, eher Dark Fantasy statt russisches Volksmärchen.

 

 

 

 

Deshalb eine dringende Empfehlung für Fantasyfans, so sie den Film irgendwo finden. Keinen blassen Dunst, warum gerade dieses Kleinod meiner Kindheit plötzlich so hoch gehandelt wird. Die DVD von EuroVideo gibt es bei amazon für knapp 100 Euro, auch in Videotheken macht sich das Schmankerl rar. Aber interessierten Fantasyfans, die die DVD auf irgendeinem Grabbeltisch oder Flohmarkt finden, sei dieser Film wärmstens empfohlen.

 

EuroVideo, OOP

 

  • Fantasy statt Volksmärchen
  • Marta und Orlando
  • ernste Tonart, aber…
  • …witzige Dialoge
  • wunderschöner Score von Alfred Schnittke
  • wird am Ende ziemlich düster
  • Marta ist viel zu hysterisch!
  • auf DVD eine Rarität…
  • …und deshalb exorbitant teuer

 

FAZIT:

Kleiner, sehr atmosphärischer Fantasyfilm mit tollem Heldengespann, witzigen Dialogen, düsterem Setting und skurrilen Einfällen.

 

SKAZKA STRANSTVIJ, UDSSR, ČSR, RUM 1982, Regie und Drehbuch: Alexander Mitta
Für Fans von ZEIT DER WÖLFE, WILLOW & dem frühen Terry Gilliam

7 Comments

  1. Antworten
    Felix Brauer 25. Oktober 2013

    Ich liebe diese Art Märchenfilm und bin deshalb sehr für diesen Beitrag dankbar!

  2. Antworten
    Ulrike Rottenwallner 29. Juli 2014

    Seit Jahren suche ich nach diesem Film. Habe ihn als Kind mal gesehen und nie vergessen. In meiner Erinnerung ist das ein toller Film gewesen, der mich sehr beeindruckt hat. Wusste nicht wie er heißt und dank eines sehr guten Theaterfreundes (Michi, ich liebe dich dafür) bin ich auf diese Seite gekommen. Ich freu mich sehr und werde versuchen, den Film irgendwo aufzutreiben. Tolle Beschreibung hier. Wusste sofort, das ist der Film, den ich so lange gesucht habe.

  3. Antworten

    […] diesmal jedoch in nicht ganz so düsteren Flimmerwerken wie BRIEFE EINES TOTEN oder MÄRCHEN EINER WANDERUNG. Wir reisen zurück in eine Zeit, in der franko-belgische Comics wie “Tim und Struppi” […]

  4. Antworten
    Carsten 28. Dezember 2015

    Ich suche nun seit einigen Tagen nach diesem Film. Den Titel hatte ich irgendwie anders im Kopf und hatte nun auf einer Seite sämtliche Märchen- und Fatasiefilme durchgeschaut bis mir irgendwie ein Titel bekannt vorkam. Ich wusste auch, dass er irgendwie aus Russland kam. Zu letzt im TV hatte ich ihn 1991 im ZDF (glaube ich) gesehen und ich fand ihn auch total beeindruckend, dass ich ihn gerne nochmals sehen würde.
    Nun mit dem Titel fand ich tatsächlich den Ausstrahlungstermin:
    14. April 1991
    10.15 Matinee
    – Eine phantastische Geschichte
    Film von Alexander Mitta (Wh.)
    Nun wo ich den Titel kenne, muss ich nur noch eine Quelle für den Film finden.
    Scheint aber wirklich sehr selten zu sein.

  5. Antworten
    timer 23. August 2016
  6. Antworten

    […] an Filmen, die mir als Kind nächtelang den Schlaf geraubt haben. Darunter waren zum Beispiel auch MÄRCHEN EINER WANDERUNG, BRIEFE EINES TOTEN und der Kojak-Spielfilm DER MORDFALL MARCUS NELSON. Warum die Critters so […]

  7. Antworten
    Tomwei 17. Januar 2018

    Ich bin gerade in die Luft gesprungen, nachdem ich das hier gefunden habe. Seit Jahren suche ich diesen Film. Dieser lief so weit ich weiß auch einmal in der Reihe “Der phantastische Film” und ich konnte mich nicht an den Titel, nur an die Handlung erinnern.

    Vielen Dank!!!!

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de