Die kleine Genrefibel Teil 22: Bel Franco

Soyez les bienvenus, liebe Genrefreunde, zu einer neuen Ausgabe der Kleinen Genrefibel, die es nicht minder in sich hat als so manch andere Genresparte, denn wir feiern heute vor allem Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung und hemmungslosen Alkoholismus. Noch schöner wäre es, wenn eine entzückende Stimme mit gans kleine französische Accent das ier spreschen gönnte, abäär das geht leider nischd, es sei denn, irgendwann erscheint mal eine Öhschbielfassung. Genug erzählt, äh…genug der Vorrede, meine ich. War es mit Werwölfen, Trash und Cop Movies letztlich dezent düster in der Fibel, widmen wir uns heute wieder einem heiteren Thema, einem kleinen Stückchen der großen Subgenretorte, eine Torte wie…ja genau, wie diese Torte hier:

 

 

 

 

Mist! Das war ja ein Pudding! Wie einen die Erinnerung trügen kann. Aber da sind wir auch schon beim Thema – Erinnerungen. Genreaffinität, das bedeutet Prägung in der Kindheit, durch DIE UNENDLICHE GESCHICHTE, KAMPF DER TITANEN, wenn man nicht in der DDR aufgewachsen ist vielleicht auch durch STAR WARS. Aber über alle Grenzen hinweg waren es die Abenteuer von Asterix und Obelix, Idefix, den Schlümpfe, Lucky Luke oder Tim und Struppi, die auch in Zeiten des Eisernen Vorhangs einem medial aufgeschlossenen Bürger Begriffe waren.

 

Vor allem die Asterixfilme liefen erfolgreich im Kinoprogramm der Deutschen Demokratischen Republik und nicht wenige in meinem Bekanntenkreis besaßen sogar die Comicbände des westdeutschen Ehapa Verlages. Ich besaß alle derzeit verfügbaren Asterixbände, aber ich glaube, das hat staatssicherheitstechnisch niemanden groß interessiert damals. Comics waren damals nicht per se Feindpropaganda, in der DDR gab es Fix und Foxi, ATZE, FRÖSI und natürlich das MOSAIK, welches ich noch weitaus mehr vergöttert habe als Asterix. Wir befinden uns heute also im Comicuniversum, richtig? Richtig! Aber genau das meinte ich mit großer Subgenretorte, denn man muss wohl generell etwas zu Comics oder Comicverfilmungen der Sachlage voranstellen.

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Wir haben ja in der Kleinen Genrefibel Teil: 10 bereits ein Comicthema behandelt, nämlich den Batman-Mythos. Batman, Superman, Superhelden allgemein, das ist noch immer das, was man als Erstes mit Comics assoziiert. Das ist auch kaum verwunderlich, denn Superhelden haben vielleicht die Kunstform Comic am meisten geprägt. Nun aber Comics und Superhelden als Synonyme anzusehen, wird der Thematik auch nicht unbedingt gerecht, dafür haben Comics weltweit eine zu große Geschichte, sind länderspezifisch, religionsabhängig und ein Mikrokosmos, der immer wieder in sich selbst entsteht.

 

In der kleinen Genrefibel werden wir immer mal wieder Comicthemen behandeln, denn sie sind ein Kernthema innerhalb des Genrefilms. Aber bereits bei Superhelden wird es schwierig, denn bei weitem nicht alle exzellenten Superheldenfilme sind auch gleichzeitig Comicadaptionen. Und sind Asterix, Lucky Luke oder Tintin nicht auch irgendwie Superhelden?

 

Aspekte von Comicverfilmungen kann man auch sehr gut an ihrer Herkunft ableiten. Denn da sehen die Gewalten schon gleich ganz anders aus. Natürlich dominieren amerikanische Produkte auch hier das Geschäft, aber ein weiterer Riesenmarkt ist der von Mangas, der japanischen Comicform. Es gibt Länder mit großer Comictradition und nicht selten wird das dann auch zu einem Subgenrebegriff zusammengefasst. Heute beschäftigen wir uns mit einem Comicthema, welches unglaublich faszinierend ist in Thematik und Gestaltung, in Geschichte und Stellenwert der Popkultur – der frankobelgische Comic und dessen Verfilmungen.

 

 

bandes dessinées

 

Der frankobelgische Comic umfasst selbstverständlich Comics aus Frankreich und Belgien, streng genommen gehört auch Luxemburg dazu, es gibt auch eine Handvoll toller luxemburgische Comics, aber Verfilmungen sind mir eher fremd. Die ersten Strips wurden nicht in heute üblichen Comicbänden veröffentlicht, sondern waren Bestandteil von Zeitschriften wie „Le petit Français illustré“, in dem die Comicabenteuer der “Famille Fenouillard” erschienen.

 

Das waren schlichte, kurze Bildergeschichten, erst ab 1904 waren diese humorvoller, pointierter und mit typischen Sprechblasen versehen. Noch vor allen anderen war der erste prominente Comicstar Tintin, der seine ersten Abenteuer ab 1929 bestritt. Lucky Luke trat erstmals 1946 in Erscheinung, die Schlümpfe ab 1958 und Asterix ab 1959. Zu den bekanntesten Comiczeichnern und Textern im frankobelgischem Raum zählen neben Rene Goscini und Paul Uderzo (Asterix) vor allem Hérge (Tintin), Morris (Lucky Luke), Peyo (Die Schlümpfe), E. P. Jacobs (Blake & Mortimer) wie auch der französische Comiczeichner und Autor Möbius (Blueberry, Die Herrscher der Zeit).

 

Nun sind Comicverfilmungen ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind sie natürlich perfekt, weil sie über ikonische, dramaturgisch gut durchdachte Figuren verfügen. Andererseits ist es schwierig, das Flair einer jeweiligen Comicvorlage einzufangen. Die besten Verfilmungen frankobelgischer Comics sind deshalb so toll, weil sich die Macher hauptsächlich dafür entschieden haben, sie als Animationsfilme zu realisieren. Von Tintin mal abgesehen wurden Realfilme erst sehr viel später umgesetzt. Ein Zeichentrickfilm aber ist ein fantastisches Medium, um einen Comic zum Leben zu erwecken. Glücklicherweise haben sich die frankobelgischen Comicverfilmungen nicht damit begnügt, das starre Comicpanel lediglich in Bewegung zu versetzen. Besonders an unserem ersten Beispiel kann man sehen, wie sehr die Adaption eine Vorlage auch bereichern kann.

 

 

 

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Comics um Asterix und Obelix von Rene Goscini und Paul Uderzo erschienen erstmals 1959 in der Zeitschrift “Pilote” des Verlages Dargaud. Ab 1961 erschienen bereits die bekannten Comicbände, mit Band 1 “Asterix, der Gallier”, bis zum heutigen Tag wurden 350 Millionen Asterixbände gedruckt und in 107 Sprachen übersetzt. 1967 wurde dann erstmals ein Asterix-Comic verfilmt, und zwar ASTERIX, DER GALLIER. Meine erste Erfahrung mit Asterix machte ich in den achtziger Jahren aber durch ASTERIX EROBERT ROM von 1976, was mein Bild für zukünftige Filme prägen sollte. Obwohl der Film gar keine Adaption eines Comics war, gilt er doch heute fast als bester Streifen der Reihe. Im Vergleich zu ASTERIX, DER GALLIER gefällt er mir auch heute noch wesentlich besser. Denn der Erstling aus dem Jahre 1967 war in Sachen Humor und Pointen noch relativ zaghaft, auch zeichnerisch ist er wesentlich schlichter, die Animationen sind einfacher und die Gesichter, allen voran das von Obelix, doch noch sehr gewöhnungsbedürftig.

 

Aber ASTERIX, DER GALLIER hat bereits seine Sternstunden, angefangen vom witzigen Sounddesign scheppernder Römer, der tollen Musik, der fantastischen Synchro (von der es allerdings mehrere gab, die nicht unbedingt als gelungen zu bezeichnen sind) und natürlich spitzfindiger Umsetzungen wie Gaius Bonus (die witzigste Figur im Film, die statt “Druide” immer “Drehtür” oder so sagt), Marcus Schmalzlockus oder das Lied des fahrenden Holzwurmhändlers (“Schon ganz klein war ich allein, hat zum Spielen nur ein Schwein!”). Das Potential war damals noch nicht ausgeschöpft, einige Dinge finde ich sogar missraten (Julius Cäsar, Obelix). Ob es daran lag, dass Uderzo und Goscini am ersten Filmprojekt nicht beteiligt wurden? Denn bereits ein Jahr später erschien mit ASTERIX UND KLEOPATRA eine Fortsetzung, die in allen Belangen ASTERIX, DER GALLIER in den Schatten stellte.

 

ASTERIX UND KLEOPATRA ist für mich der beste Asterixfilm aller Zeiten. Er etablierte den neuen Julius Cäsar, der in allen Geschichten der Antagonist im Hintergrund ist und der mit seiner herrlichen Selbstverliebtheit und eleganten Arroganz einfach zum Schießen ist. Die Figuren Asterix und Obelix sind dramaturgisch nicht mehr so träge, sie streiten mehr, meckern mehr, auch Idefix, der in ASTERIX, DER GALLIER noch gar nicht vor kam, hatte im zweiten Film endlich seinen großen Auftritt. Was den Film aber noch besser, sogar besser als die Vorlage macht, sind die Songs im Film, vor allem das Appetitlied von Obelix in der Wüste (“Ein Kamel ist ein Wunder!” “Aber Nein! Ich bin ist doch Quatsch, ich bin ein Dromedar!”) und eben jener Pudding-aus-Arsen-Song. Da wurde nicht einfach ein Comic animiert, da wurde extrem viel Liebe und Leidenschaft reingesteckt.

 

ASTERIX, DER GALLIER (1967) – der Animationsstil hat sich in den Jahren spürbar verbessert…

…die Geschichten haben sich dagegen meist verschlechtert ASTERIX IN AMERIKA (1994)

 

Was aber macht Comics wie Asterix denn überhaupt so prädestiniert für eine Filmumsetzung, eine Filmreihe mit mittlerweile 12 Filmen? Es ist die Installation der Figuren mit ihren elementaren Eigenschaften und der unbedingten Einhaltung des entworfenen Kosmos. Asterix und Obelix haben charakterlich ganz klare Schwarz-Weiß-Zeichnungen, was in dem Fall aber nicht negativ ist. Obelix zum Beispiel isst sehr gern, prügelt gern, ist aber auch sehr eitel (“Wer ist hier dick?”), liebt seinen Hund Idefix und seinen Job als Hinkelsteinlieferant. Er ist als kleines Kind in den Zaubertrank gefallen, hat demzufolge seine lebenslange Ration wie ein lebenslanges Zaubertrankverbot und ist deswegen ziemlich grantelig. Idefix liebt Bäume und heult, wenn einer gefällt wird, Asterix ist besonders clever, ein bisschen arrogant.

 

“… und dazu wir reichen jedes Mal: Toast!”

 

In welche Abenteuer diese Helden auch immer stürzen, Komik, Spannung oder Problemlösungen werden immer an diese Charaktereigenschaften gehaftet, von Anfang bis Ende. Die Figuren aus Asterix verändern sich nie, zumindest nicht grundlegend. Sie sind die Basis, dass man diese Figuren immer und immer wieder erleben will, immer wieder sehen und lachen will, wenn Obelix doch versucht, einen Schluck Zaubertrank zu erhaschen. Wie oft ist Idefix die letzte Rettung, wie oft haben die Gallier Angst, ihnen würde der Himmel auf den Kopf fallen? Der größte Reiz des Stoffes liegt in der Wiederkehr vertrauter Dinge. Aber in noch mehr.

 

Allein die Grundidee der Story, die in jedem Abenteuer die Grundlage des Plots ist, nämlich dass Cäsar ganz Gallien erobert hat, bis auf ein Dorf voller Verrückter, die einen Zaubertrank besitzen und Rom verhöhnen, aus diesem Urbrei entsteht immer wieder eine neue Gefahr, ein neuer Plot, eine neue Geschichte. Dabei ist das faszinierende an Asterix, dass die Geschichten nicht einfach nur zur Zeit der Römer, 60 Jahre vor Christus spielen, sondern diese Welt extrem verinnerlicht und perfekt installiert wie inszeniert ist. Schon die Comicbände waren in meiner Kindheit eine größere Bildungsquelle als der Geschichtsunterricht. Noch immer stammt alles, dessen ich im Lateinischen mächtig bin, aus Asterix-Comics.

 

Es war diese geschichtliche Perfektion, das Ernst nehmen der Welt, in der die Geschichten spielen. Aber auch Dinge darüber hinaus. Denn die Abenteuer von Asterix und Obelix waren alles, aber nie moralisch. Gewalt wurde offensiv zur Lösung von Problemen genutzt und niemanden hat´s geschadet. Zack, den Römern auf´s Maul, so wurde argumentiert. Ich kenne keinen, der Asterix als unmoralisch oder gar gewaltverherrlichend einstufen würde, trotz Figuren wie Haudraufwienix, Folterexzessen der Römer, Giftpudding, Verwendung von Dopingmitteln oder LSD-ähnlicher Substanzen. Hey, es ist Asterix! Doch sobald es ein maskierter Rächer ist…aber lassen wir das.

 

ASTERIX UND KLEOPATRA (1968)

 

ASTERIX UND KLEOPATRA ist der beste Asterixfilm, danach ging es eher bergab, aber immer noch besser verglichen mit anderen Zeichentrickreihen. ASTERIX EROBERT ROM ist fantastisch, das Einzige, was man ihm ankreiden kann ist die schlichte Story um zehn Aufgaben, die es abzuklappern gilt. Da ASTERIX EROBERT ROM aber auf keinem Comic basiert, ist der Einfallsreichtum und die Gagdichte schon bemerkenswert. “Bei Osiris und Apis, du bist jetzt ein Wildschwein!” oder “…und nun Kamel! Ich mache besonders aufmerksam auf die Steaks von die Öcker!”, wer diese Zitate nicht kennt, dem fehlt ein großes Stück Filmgeschichte.

 

ASTERIX – SIEG ÜBER CÄSAR aus dem Jahr 1985 fällt dann schon ein wenig ab, ASTERIX BEI DEN BRITEN (1986) ist dann wieder etwas temporeicher und storytechnisch recht spannend umgesetzt. Für den Film ASTERIX – OPERATION HINKELSTEIN wagte man sogar den Versuch, zwei Comicvorlagen in einen Film zu packen, mit Erfolg. Der Film basiert auf den Heften DER SEHER und DER KAMPF DER HÄUPTLINGE und mischt beide Geschichten ganz clever und temporeich, allein der arme kleine Römer, der für Miraculix als Tranktester herhalten muss, ist eine Sternstunde der Komik.

 

ASTERIX EROBERT ROM (1976)

ASTERIX OPERATION HINKELSTEIN (1989)

 

In den neunziger Jahren wurde “Die große Überfahrt” als ASTERIX IN AMERIKA verfilmt, vielleicht der Tiefpunkt der Reihe, weil eigentlich nicht wirklich etwas brenzliges passiert. Erst 2006 kehrten dann Asterix und Obelix wieder in Zeichentrickform auf die Kinoleinwand zurück, zeichnerisch besser als zuvor, auch die Vorlage “Asterix bei den Normannen” ist klasse. Doch leider wurde ASTERIX UND DIE WIKINGER bereits mehr Schlecht als Recht mit Jugendsprache modernisiert, was nur selten wirklich witzig war (die Brieftaube SMSix). Ich finde, dass an Asterix gar nichts zu modernisieren ist, es macht zum einen den Flair zunichte und die Gags der Comicvorlage sind einfach so zeitlos, dass man sich nicht unbedingt verrenken muss, um die Zielgruppe zu erweitern.

 

Modernisierung ist das eine, die Notwendigkeit einer Realverfilmung des Comicstoffes eine andere. Die wurde nämlich schon weitaus früher als ASTERIX UND DIE WIKINGER realisiert und stellt ebenso einen zweischneidigen Hinkelstein dar.

 

 

Die lebende Comicfigur Departieu

 

Manche Vorlagen eignen sich nicht wirklich für eine Realfilmumsetzung. Kann sich jemand eine Realfassung der SIMPSONS vorstellen? Ich würde nicht sagen, dass sich Asterix dafür nicht eignen würde, es sind Gallier, Römer, also Menschen, die Geschichten an sich schon adaptierbar. Das Problem liegt eher in der Prägung der Vorlage.

 

Die Asterix-Zeichentrickfilme sind alle wunderbar umgesetzt worden, sowohl von der Tonalität der Figuren, der Atmosphäre, der Stimmung und vieler Ideen, die über die Vorlage hinausgehen. Aber allein die Figur Asterix ist schwer umsetzbar, ein Knirps mit einer gefühlten Größe von einem Meter, Obelix, der Riese mit einem Bauchumfang eines Walrosses. Das gallische Dorf wurde 1999 in ASTERIX GEGEN CÄSAR fantastisch umgesetzt, die falschen Bärte der Gallier aber sind erschreckend unecht und trashig, manche Besetzung für Miraculix, Majestix oder Troubadix sogar extrem grauenvoll. Und wirklich comichaft sind die französischen Realfilme überhaupt nicht, auch wenn der Zaubertrank effektvoll wirkt und Römer witzig aus den Latschen gekickt werden.

 

Asterix (Christian Clavier) und Obelix (Gérard Departieu) in ASTERIX & OBELIX GEGEN CÄSAR (1999)

Cäsar (Gottfried John) und Tullius Destructivus (Roberto Benigni)

 

Christian Clavier als Asterix trifft die Figur eigentlich gar nicht. Man muss aber auch fairerweise sagen, sie trifft sie im Vergleich zu den anderen drei Asterixdarstellern noch am Besten, dass man sich Clavier in den letzten beiden Filmen irgendwie wieder zurück wünscht. Doch es gibt auch positive Aspekte, und das ist vorrangig Gérard Departieu als Obelix, wohl die Idealbesetzung dieser Rolle. Departieu ist sich auch nicht zu schade, Obelix in allen vier Realfilmen zu mimen, was ein wenig Beständigkeit in die Reihe bringt. Außerdem ist er schlicht fantastisch, diese naive Schüchternheit, das langsame Denken und Kapieren, Departieu setzt das einfach großartig um und entschädigt für vieles der relativ unnötigen Realverfilmungen.

 

Und dann wären noch einige illustre Nebenrollenbesetzungen, allen voran Roberto Benigni als Destructivus, Monica Belluci als Kleoptatra und natürlich sowohl Gottfried John und Alain Delon als Cäsar – einfach umwerfend! Über den Rest legen wir lieber den Mantel des Schweigens und schauen lieber, was eine andere Comicikone an Verfilmungen hervorgebracht hat.

 

 

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Während ich in meiner Kindheit im Besitz von Asterixcomics war, war ein Freund von mir stolzer Eigentümer von Tim und  Struppi Heften. Somit waren mir die Abenteuer des Journalisten Tim, Kapitän Haddock, Professor Bienlein, Schultze und Schultze und natürlich Foxterrier Struppi auch bekannt. Im Gegensatz zu Asterix hatte Tim und Struppi eine ganz andere Faszination. Es waren Abenteuergeschichten um versunkene Städte, Schätze, Rätsel am anderen Ende der Welt und sogar etwas Politik.

 

In dieser Zeit hatte ich noch keinen Kontakt mit einem gewissen Henry Jones Junior, aber die Tim und Struppi Geschichten hatten diese Lücke schon weitaus früher geschlossen. Wir haben in unserer Kindheit Audiokassetten mit Tim und Struppi Hörspielen aufgenommen, sind per Unterseeboot auf den Grund des Meeres getaucht und haben Schätze gehoben, ähnlich wie in der Comicvorlage. Denn lesen konnten wir die Dinger nicht wirklich, die waren im Gegensatz zu den Asterixheften alle in Französisch, so ich mich recht erinnere. Aber das ist das tolle an Comics, sie sind zu einem Teil international verständlich und die Bilder sprechen ihre eigene Sprache, die keiner Worte bedarf.

 

 

Kanonenrohr und Makrelenschiet

 

Der Schöpfer der Comicreihe Tintin & Milou war Georges Prosper Remi alias Hergé und er gilt als einer der einflussreichsten Zeichner in Europa. Die Tim und Struppi Comics waren eher minimalistisch und stärker geprägt durch klare Strukturen, Farben und Design, verglichen mit Asterix. Inhaltlich waren es vorrangig Abenteuerplots in Richtung Fantasy und Science-Fiction. Der clevere Journalist Tim, dessen Alter man schwer einschätzen konnte, zieht mit den ständig besoffenen Kapitän Archibald Haddock um die Welt auf der Suche nach interessanten Fällen und Begebenheiten.

 

Ähnlich wie die Gewaltanwendungen der Gallier ist Haddocks offenkundige Alkoholabhängigkeit ein nüchtern dargestellter Fakt in der gesamten Serie, der kaum irgendwo moralisch angeeckt ist. Nicht selten wird damit gespielt, dass Haddock erstmal kräftig einen verklappen muss, um überhaupt bei so etwas ähnlichem wie seiner Sinne zu sein.

 

Von den ersten Verfilmungen von “Tintin & Milou” habe ich in meiner Jugend nichts mitbekommen. Bereits 1947 entstand ein Puppentrickfilm von einer knappen Stunde Laufzeit. 1961 und 1964 entstanden die beiden Realfilme TIM UND STRUPPI UND DAS GEHEIMNIS UM DAS GOLDENEN VLIES und TIM UND STRUPPI UND DIE BLAUEN ORANGEN.

 

Im ersten Film wurde Kapitän Haddock ganz gut getroffen, im zweiten weniger, aber die Atmosphäre stimmt insgesamt. Das Problem ist, wie auch in den Zeichentrickverfilmungen, hauptsächlich Tim, bei dem einen stärker seine Altklugheit sauer aufstößt, etwas, was mir in den Comics nie aufgefallen ist. Trotzdem sind auch die beiden Zeichentrickfilme von 1969 und 1972 sowie die Fernsehserie zwischen 1991 und 1993 ziemlich gelungen und transportieren viel Charme der Vorlage, wenn sie auch in Sachen Witz und Slapstick den Asterixverfilmungen nicht das Wasser reichen können.

 

Erst 2011 wagte man sich an eine erneute Kinofassung des Stoffes. Peter Jackson und Steven Spielberg adaptierten frei eine Geschichte aus den Bänden Die Krabbe mit den goldenen Scheren, “Das Geheimnis der „Einhorn“, sowie “Der Schatz Rackhams des Roten”. Interessanter ist allerdings, dass sich Jackson und Spielberg darauf einigten, einen animierten Film im sogenannten Performance-Capture-Verfahren herzustellen. Trotzdem wurde DAS GEHEIMNIS DER EINHORN bei Kritikern gemischt aufgenommen.

 

 

DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI -DAS GEHEIMNIS DER EINHORN (2011) von Steven Spielberg

 

 

Ich halte den Film für eine exzellente Comicverfilmung von atemberaubender audiovisueller Pracht, Stil, Rasanz und fantastischer Figurenanimation. Allerdings gebe ich auch einigen Punkten Recht, Tim ist wie immer grenzwertig nervig mit seinem Selbstgeplapper. Dass Tim und Haddock nun sehr realistisch animiert worden und weniger schlicht wie Hérges Zeichenstil “ligne claire” finde ich aber nicht tragisch. Besonders Haddock, wunderbar gemimt von Andy Serkis, ist überragend in Szene gesetzt worden, insgesamt hat der Film sehr viel Stimmung der alten Indiana Jones Teile, tolle Schauplätze und ist in 3D halt auch einfach eine Wucht. Hoffentlich wird eine Fortsetzung noch realisiert.

 

 

 

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Asterix wie Tim und Struppi sind die bekanntesten frankobelgischen Comics. Aber auch Lucky Luke hat seit seiner Schöpfung 1946 durch Morris (und später auch Goscini) eine fabulöse Filmografie vorzuweisen. Als Comic war er meines Wissensstandes nach sogar erfolgreicher als Tintin, aber so ganz bewusst aufgesogen habe ich die Abenteuer von John Luke, seinem Pferd Jolly Jumper und dem Hund Rantanplan als junger Bub nicht – ich hatte keine Comics. Auch waren mir die Zeichentrickfilme damals unbekannt, ich kannte nur die Serie, die ich allerdings nur sporadisch verfolgt habe. Nichts desto Trotz ist auch Lucky Luke eine interessante, ikonische Figur mit tollem Charakterbau. Seine Erzschurken, die Daltons, finde ich ebenso bemerkenswert wie viele historische Persönlichkeiten von Jesse James bis Wyatt Earp.

 

 

Als Lucky Luke 1991 mit Terence Hill real verfilmt wurde, schien das sogar die Idealbesetzung. Dann aber irgendwie auch nicht, denn so große Unterschiede zu den Cowboys und Revolverhelden, die Herr Girotti in zahlreichen Spagettiwestern gemimt hat, waren im Vergleich zu Lucky Luke gar nicht auszumachen. Im Jahr 2004 erschien dann DIE DALTONS GEGEN LUCKY LUKE mit uns Til Schweiger in der Titelrolle.

 

 

Und was soll ich sagen, ich habe diesen Film niemals gesehen! Hab ich was verpasst? Wohl gesehen habe ich allerdings dann die erneute Interpretation aus dem Jahr 2009 mit Jean Dujardin als Lucky Luke. Klar war auch das grenzwerter Käse, aber Dujardin IST Lucky Luke, besser hätte man die Comicfigur eigentlich nicht besetzen können.

 

 

Jean Dujardin in LUCKY LUKE (2009)

 

Auch ist der Film gefüllt mit teils geschmacklosen Pointen, aber mal ehrlich, lieber geschmacklos als witzlos, meine ich. Insgesamt hat mir LUCKY LUKE von 2009 noch am besten gefallen, obwohl es keiner Realverfilmung gelungen ist, der Comicvorlage oder der Zeichentrickserie (1983 – 1991) gerecht zu werden.

 

 

Comicgrüße aus dem Flandrischen

 

Geschafft hat das meiner Meinung nach viel eher die Adaptionen der Schlümpfe, die in den letzten Jahren über die Kinoleinwände geflimmert sind. Die Schlümpfe sind drollig animiert, Hank Azaria als Gagamel ist eine tolle Besetzung, die Filme sind storytechnisch nicht sonderlich gehaltvoll, aber sehr charmant präsentiert.

 

Natürlich fangen die 3D-Filme nicht den zuckersüßen Charme der Fernsehserie ein, aber die war mir teilweise auch zu grenzwertig kitschig. Andere Comicreihen aus Frankreich oder Belgien fristen ihr filmisches Dasein eher im Dunkeln, die Serienverfilmung um Blake und Mortimer beispielsweise habe ich nie zu Gesicht bekommen, wohl auch, weil bislang keine deutsche Fassung existiert.

 

 

DIE SCHLÜMPFE UND DAS VERLORENE DORF (2017)

 

Abseits von den großen Figuren Asterix, Obelix, Tintin & Milou sowie Lucky Luke und den Schlümpfen haben es aber auch noch andere, kleinere Comicreihen oder Graphic Novels geschafft, für die Leinwand adaptiert zu werden. Die Geschichten rund um Leutnant Blueberry beispielsweise wurde 2004 mit Vincent Cassel in der Hauptrolle verfilmt. Der Film BLUEBERRY UND DER FLUCH DER DÄMONEN ist ein regelrechter LSD-Trip, der lose auf den Comics basiert und auch nicht wirklich gelungen ist. Aber er hat schon irgendwas, natürlich Cassel und die tolle Optik und Atmosphäre.

 

Das trifft auch auf ADÈLE UND DAS GEHEMNIS DES PHARAOS zu, der ebenfalls nicht mit Indiana Jones mithalten kann, aber doch irgendwie sympathisch ist. Dennoch gibt es auch ganz unkonventionelle Comicadaptionen, die wirklich tolle Filme sind, wie PERSEPOLIS oder HUHN MIT PFLAUMEN aus der Feder der iranischen Zeichnerin Marjane Satrapi. Würde man so nicht als frankobelgische Comicverfilmungen einordnen.

 

 

Auch bezweifle ich dass die Masse hinter den aktuellen Filmen SNOWPIERCER oder SHOOTOUT mit Sylvester Stallone Comicvorlagen vermuten. Und auch einer der Trashfilmklassiker schlechthin – BARBARELLA mit Jane Fonda – basiert auf einem französischem Comic. Das Feld mag weit sein, aber die Verfilmungen frankbelgischer Comics sind in der Tat überschaubar.

 

 

PERSEPOLIS (2007) basierend auf dem gleichnamigen Comic von Marjane Satrapi

 

 

Was sie unterscheidet, vor allem verglichen mit amerikanischen Comicadaptionen, ist die Unkonventionalität in Sachen Handlungsschauplatz, Bezug zur Geschichte, Politik, Popkultur und Mode, die Frische der Figuren und dass Hunde einfach nur Hunde sind. Clevere Hunde ja, aber im Kern echte Hunde. Franzosen und Belgier sind leidenschaftliche Comiczeichner und haben im europäischen Raum jene Kunstform am meisten bestimmt. Und sie sind bis heute zeitlos, der Humor scheinbar unkaputtbar, keine moralische Verwässerung oder Zugeständnisse, auch wenn der Großteil der Verfilmungen aus den sechziger und siebziger Jahren stammt. Es ist viel mehr diese einzigartige Eleganz, dieser Stil, den man im Gegensatz zu anderen Ländern auch perfekt in Filmform einfangen konnte, mal besser, mal schlechter, aber insgesamt außer Konkurrenz.

 

Das macht es zwar schwer für zukünftige Adaptionen, die mit Sicherheit kommen werden. Aber gegen einen Film wie ASTERIX UND KLEOPTATRA von 1968 würde eh keine weitere Asterixverfilmung ankommen. Braucht sie auch nicht, man kann den Film wieder und wieder schauen und er verliert keinerlei Glanz. Wie oft habe ich beim Schreiben dieser Genrefibel kurz pausiert und mir den Arsen-Kuchen-Song reingezogen? Wenn also Eltern ihren Kindern etwas wirklich Tolles gönnen wollen, dann pfeift auf den Kinderkanal, auf das Kikaninchen oder Bibi Blocksberg (nur Igam Ogam darf bleiben) und setzt eure Sprösslinge vor Asterix und Obelix. Wenn sie Euch dann irgendwann mit “Ave Mama! Moritouri de salutant!” begrüßen, dann sind diese Kinder bestens vorbereitet auf das Leben da Draußen!

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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4 Comments

  1. Antworten

    […] animation abstammt. Länderspezifische Filmsparten, das kennen wir vielleicht noch aus der Kleinen Genrefibel Teil 22: Bel Franco. In Japan jedoch gilt die Bezeichnung Anime für alle Spielarten des Animationsfilms, egal ob […]

  2. Antworten

    […] und 31 war die Betrachtung der Materie nicht nur vom Genre abhängig, sondern auch länderbezogen. Franko-Belgische Comicverfilmungen und japanische Animefilme sind aber nur ein Teil einer nationalen Filmausprägung. Inhaltlich wie […]

  3. Antworten

    […] wie BRIEFE EINES TOTEN oder MÄRCHEN EINER WANDERUNG. Wir reisen zurück in eine Zeit, in der franko-belgische Comics wie „Tim und Struppi“ oder „Asterix“ Phantasie und Wissbegierde erweckten, das MOSAIK mit den Abrafaxen monatlich heiß erwartet wurde […]

  4. Antworten

    […] uns in der kleinen Genrefibel mit dem antiken Griechenland, dem das Römische Reich folgte, siehe Asterix. Die Menschheitsgeschichte ist in vier Epochen eingeteilt, die Frühgeschichte, das Altertum, das […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de