The Blumhouse Experience

Unter dem Hashtag #shocktober werden in Blogs und Foren momentan Horrorfilme besprochen, lobgehudelt oder verteufelt, ein schöner Brauch seit ein paar Jährchen. Denn alle wissen, der Oktober war schon immer der Horrormonat schlechthin. Ob im Kino, auf Blu-ray, DVD oder im TV, für Horrorfilme gibt es keine bessere Jahreszeit. Auch wir wollen an diesem Gelage teilhaben und erklären den Oktober auf Traumfalter Filmwerkstatt zum Horror-Special inklusive Retro Review und einer kleinen Genrefibel über Stephen King. Wir wollen aber nicht ausschließlich in der Vergangenheit weilen, sondern uns auch ein wenig mit der aktuellen Lage an der Horrorfilmfront beschäftigen. Funktioniert Horror noch immer global? Und wie wirkt sich das wirtschaftlich aus?

 

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Genres und Subgenres hatten in der Geschichte des Films so manche Hochzeiten wie Flauten. Der Horrorfilm war von Anfang an dabei und hält sich als Genre trotz Schwankungen recht wacker an der Kinokasse. Die wirtschaftliche Evolution des Genres hat seit ein paar Jahren einen neuen Höchststand erreicht, zumindest in den USA. Dort produziert momentan niemand so erfolgreich Horrorfilme wie Blumhouse Productions unter Leitung von Produzent Jason Blum. Mit diesem Phänomen wollen wir uns heute ein wenig genauer beschäftigen. Was machen die Blumhouse Produktionen so lukrativ? Sind sie deshalb auch inhaltlich wie handwerklich gute Genrefilme? Und kann man diese Erfolgsformel auf das Genreentwicklungsland Deutschland anwenden?

 

Wenn die Hexe zweimal klingelt

 

Der Reihe nach. Wer zur Hölle ist Jason Blum? Blum, Jahrgang 1969, ist ein US-amerikanischer Produzent, der für die Weinstein Company und Warner Bros. gearbeitet hat und mit seinem eigenen Unternehmen Blumhouse Productions seit 2006 Low-Budget-Filme produziert. Horrorfilme zu machen war nicht das erklärte Ziel von Blum, sein Unternehmen stieg mit Dramen und Comedy in den Markt ein. Doch eine Wendung des Schicksals stellte 2009 die Weichen der Firma in eine andere Richtung.

 

Jason Blum – Produzent, Gründer und CEO der Filmproduktionsgesellschaft Blumhouse Productions

Jason Blum arbeitete einst für die Weinstein Company als Co-president of Acquisitions und war für den Ankauf von Filmen auf dem Festivalmarkt zuständig. 1999 lehnte er auf dem Sundance Film Festival den Kauf eines No-Budget-Horrorfilms ab, statt Miramax erwarben Artisan Entertainment für 1,1 Mio. Dollar die Rechte für einen Film namens THE BLAIR WITCH PROJECT, der daraufhin weltweit 248 Mio. Dollar einspielte.

 

Für Blum war das eine katastrophale Fehlentscheidung. Doch wie es das Schicksal so will, bekommt man im Leben immer eine zweite Chance. Ein paar Jahre später sollte Jason Blum, der nun seine eigene Firma leitete, diesen Fehler nicht wiederholen.

 

2007 sah Blum einen kursierenden Screener des Films PARANORMAL ACTIVITY und wusste, in diesem Found-Footage-Horrorstreifen lag seine zweite Chance. Nachdem er den Film mit Regisseur Oren Peli für das Sundance Film Festival umgeschnitten hatte, wurde Dreamworks darauf aufmerksam. Die wollten PARANORMAL ACTIVITY eigentlich remaken, doch Testvorführungen verliefen so erfolgreich, dass Peli’s Debütfilm, der gerade mal 15.000 Dollar gekostet hatte, mit leicht verändertem Ende 2009 in die Kinos kam und 193 Mio. Dollar einspielte.

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Für Blumhouse Productions war das der Beginn einer neuen Erfolgswelle für das Horrorgenre. Die Fortsetzung von PARANORMAL ACTIVITY kostete inzwischen zwar 3 Mio. Dollar, war aber mit einem Einspielergebnis von weltweit 177 Mio. Dollar immer noch exorbitant profitabel.

 

2011 kam INSIDIOUS von SAW-Regisseur James Wan in die Kinos – Budget: 1,5 Mio. Dollar, Einspielergebnis: 97 Mio. Dollar. Paranormal Activity 3? 5 Mio. Dollar Budget – 207 Mio. Dollar an der Kinokasse. SINISTER? 3 Mio. zu 78 Mio. PARANORMAL ACTIVITY 4? 5 Mio. zu 143 Mio. Dollar.

 

Blumhouse Productions waren mit extrem günstigen Horrorfilmproduktionen über die Maßen erfolgreich. Das hatte im Horrorgenre bislang kaum jemand für möglich gehalten. Die wirtschaftliche Lage des Horrorfilms am US-Markt war bislang ein auf und ab. Am Ende der 80er Jahre, einer großen Hochzeit des Genres, waren Markt und Filmemacher an Horror nicht mehr sonderlich interessiert. Die neuen technischen Hilfsmittel wie CGI beeinflussten andere Genres mehr und die waren lukrativer.

 

 

PARANORMAL ACTIVITY gilt als profitabelster Film aller Zeiten, gemessen am Budget und Marketingmaßnahmen.

 

 

Man meinte, der Horrorfilm müsste davon auch profitieren, also wurden Klassiker wie DRACULA oder FRANKENSTEIN mit viel Tamtam neu aufgelegt. Das war teuer, das Einspielergebnis eher ernüchternd. Kasse machten Anfang der Neunziger eher Action und Science-Fiction. Bis Wes Craven 1996 mit SCREAM bewies, dass man für einen guten, zeitgenössischen Horrorfilm kein riesiges Budget braucht.

 

Durch SCREAM und seine Nachfolger wie Trittbrettfahrer wurde Horror wieder hipp, vor allem bei jüngeren Zielgruppen, die bei BRAM STOKERS DRACULA nur die Augenbrauen hochzogen. Dabei war der Horrorfilm ab Mitte der Neunziger auch deshalb so erfolgreich, weil er seine eigene Evolution in der Filmgeschichte persiflierte. Horror durfte wieder Horror sein, weg von den politischen Ambitionen der Siebziger Jahre. Horror machte wieder Spaß.

 

Nach dem Erfolg der Teenie-Horrorfilmwelle wurden ab 2000 die Budgets für Horrorfilme wieder größer. Remakes bestimmten das Programm, Gewalt wurde neu ausgelotet, neue Subgenres entstanden. Doch als so gut wie alles neu verfilmt wurde, die Grenzen der Brutalität erreicht und Subgenres wie Torture Porn oder Found Footage schon wieder am abklingen waren, schien das Horrorgenre wieder auf dem absteigenden Ast. Bis Blumhouse die Bühne betrat.

 

 

Horrorende Gewinnmaximierung

 

Was waren die Gründe für den Erfolg von Blumhouse Produktionen? Und stellen Horrorfilme aus dem Hause Blumhouse nun auch die neue kreative Spitze des Genres dar? Das wollen wir mal kritisch hinterfragen. Der wirtschaftliche Erfolg von PARANORMAL ACTIVITY oder INSIDIOUS liegt zu allererst an knallharten, kalkulatorischen Faktoren. Auch andere Horrorfilme zuvor waren erfolgreich, aber die kosteten mit unter 30 Millionen Dollar und spielten im Bestfall das doppelte ein. PARANORMAL ACTIVITY spielte das 13tausendfache ein.

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Blumhouse Produktionen kosten im Schnitt nicht mehr als 4,5 Millionen Dollar. Mit diesen Budgets sind sie an der Kinokasse beinahe ein Garant für Erfolg. Doch der kommt nicht allein durch Budgetdumping. Günstig sind diese Produktionen, weil die Produktionsbedingungen günstig sind, heißt, die Locations sind begrenzt, ebenso die Figuren. Auch aus dem Subgenre heraus sind sie günstig.

 

Von den 42 Horrorfilm-Produktionen (Stand 2016) sind fast zwei Drittel Mystery-Horror um Geister und paranormale Ereignisse, darunter die PARANORMAL ACTIVITY Reihe als Found Footage Produktionen. Den Rest bestreiten nicht weniger günstige Subgenres wie Home Invasion oder Social Media Horror, mit THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN ist ein einziger Slasher im Programm.

 

 

Ein altes Haus, schummriges Licht, Nebel – Mysterystoffe können mit einfachen Mitteln große Wirkung erzielen.

 

Mystery-Horror ist günstig zu produzieren, denn er lebt vor allem von der Geschichte und den Figuren, weniger vom Effektaufwand. Geistererscheinungen und schaurige Fratzen sind heute nicht mehr sonderlich kostenintensiv. Ein Erfolgspunkt liegt somit indirekt im Genre verborgen, denn Mysterystoffe definieren sich nicht am Gewaltgrad, der für den Horrorfilm zwar eine wichtige, aber nicht ausschließliche Ebene ist.

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Keine der Blumhouse Produktionen hat ein NC-17- oder R-Rating, sondern liegen im PG-13-Bereich. Das vergrößert die Zielgruppe enorm. Zwar stehen Horrorfreaks den handzahmen PG-13-Produktionen skeptisch gegenüber, aber die Gewaltwelle im Horrorfilm hat schon lang ihren Sättigungsgrad erreicht.

 

Aber auch inhaltlich liegt der neue Blumhouse Horror am Puls der Zeit. Die Alterszielgruppe hat sich seit SCREAM weiter nach oben verschoben, mit Teenagern oder Teeniehorror identifiziert sich heute keiner mehr wirklich. Die Geschichten spielen im hier und jetzt, die Protagonisten sind älter, nicht selten stehen Familien im Mittelpunkt, die neuen Figuren haben Smartphones, eine Facebook-Identität und sind insgesamt eher pragmatisch als idealistisch.

 

 

Horror-Fast-Food

 

Doch im Bezug auf Story und Figuren haben die Blumhouse Horrorfilme auch so ihre Schwächen. Wirklich interessante, ambivalente Figuren und ihr Umfeld sind eher Mangelware. Ich will nicht sagen, dass die Figuren trivial sind, aber ihre Lebensumstände, Berufe oder ihre Persönlichkeit wirken oft standardisiert und leblos. Sie haben gute Jobs, sehen überdurchschnittlich gut aus und stellen insgesamt eine breite Mittelschicht dar, mit denen sich die Masse identifizieren kann.

 

Obgleich die Figuren in Blumhouse Produktionen keine kreischenden High-School-Kids mehr sind, wesentlich interessanter sind sie deswegen aber nicht.

Das betrifft neben den Figuren auch die Themen. Dort fehlt es in den meisten Blumhouse Produktionen an Subtext. Massenkompatibilität hat hier Vorrang. Kleine, sperrige, verschrobene, mutige oder grenzwertige Filme gibt es in diesem Segment nicht, möglicherweise sind die zu anspruchsvoll für ein großes Publikum. Dass die Blumhouse Produktionen nicht mit Horrorschund der 80er und 90er vergleichbar sind, liegt eher daran, dass sie auf technisch hohem Niveau produziert sind. Erzählerisch gehen sie aber oft auf Nummer sicher.

 

Sicher gibt es im Blumhouse Portfolio auch Ausnahmen. THE PURGE hat ein fantastisches High Concept, welches inhaltlich über zwei Fortsetzungen clever ausgebaut wurde. OCULUS experimentiert immerhin auf zwei Zeitebenen. Darüber hinaus sind fast alle anderen Filme nach dem gleichen Schema geschnitzt und erzählerisch eher bieder.

 

Man kann Blumhouse zudem vorwerfen, Horrorfilme ohne Handschrift zu produzieren. Zwar sagt man, Jason Blum gibt den Regisseuren eine freiere Hand beim Dreh und in der Postproduktion, aber der inszenatorische Weg der Filme ist von Anfang an vorprogrammiert. Die Handschrift eines Regisseurs ist kein Erfolgsgarant, eher im Gegenteil.

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Eine der ersten Blumhouse Produktionen nach dem Erfolg von PARANORMAL ACTIVITY und INSIDIOUS war Rob Zombies THE LORDS OF SALEM. Man kann von Rob Zombie halten, was man will, aber er verfügt zumindest über eine Handschrift mit Wiedererkennungswert. Doch an der Kinokasse sieht das anders aus, bei einem Budget von schmalen 1,5 Mio. Dollar spielte er auch nur 1,5 Mio. Dollar ein.

 

Auch wenn die Blumhouse Produktionen im Bereich Horror das Box Office in den Staaten bestimmen, sie sind nicht die einzigen Horrorfilmproduktionen. Daneben gibt es immer mal wieder höher budgetierte Versuche wie POLTERGEIST oder das CARRIE Remake, ihre Gewinnmargen sind aber wesentlich kleiner. Dann gibt es noch den Independentmarkt, der Gewinne erst über eine längere Zeit durch internationale Festival- und Verleihauswertung und im limitierten Kinorelease erwirtschaftet.

 

 

Das beste Produkt im Blumhouse-Portfolio: THE PURGE (2013)

 

 

Das sind meist Filme, die cleverer, sperriger oder mutiger sind als die Blumhouse Werke. Nur erreichen die nicht solche Massen. So riesig ist der Horrormarkt in den Staaten nämlich gar nicht mehr. Nach dem Blumhouse Modell versuchen jetzt alle Produktionen, die Kosten extrem zu reduzieren. Wenn man mit 3 Millionen Dollar einen profitableren Film als mit 30 Millionen machen kann, der beim Publikum ankommt, warum nicht?

 

Der interessantere Output in Sachen Horror, ich meine vornehmlich Inhaltlich, kam in den letzten Jahren ohnehin aus dem Ausland, aus Frankreich (MARTYRS), Großbritannien (KILL LIST), Skandinavien (COLD PREY), Australien (THE BABADOOK), Neuseeland (HOUSEBOUND) oder sogar aus Uruguay (THE SILENT HOUSE). Ich bezweifle, dass originelle Filmemacher wie Lucky McKee (THE WOMAN) oder Jeremy Saulnier (BLUE RUIN, GREEN ROOM) von Blumhouse produziert werden.

 

Rechtfertigung für Folter, Pädophilie, soziale Brennpunkte, Gewalt & Gegengewalt, Trauma – im internationalen Horrorkino außerhalb der Staaten steckt mehr Subtext.

Blumhouse engagiert erfahrene, technisch versierte, aber vor allem unpersönliche Regisseure ohne erkennbare Handschrift. Manchmal kann Handschrift auch ermüdend sein, wenn sie die Geschichte und die Figuren überdeckt. Aber nach über 40 Horrorfilmproduktionen aus dem Hause Blum ist der Output mittlerweile kaum mehr differenzierbar. Wenn THE WITCH von Robert Eggers ein zartes Ziegenkottelet darstellt, ist OUIJA oder INSIDIOUS eher Horror-Fast-Food. Nur keine Experimente!

 

 

 

That Jumpscares The Hell Outta Me!

 

So wird für die gute Quote auch nicht selten mit Inhalt und Dramaturgie gebrochen. PARANORMAL ACTIVITY hatte in seiner Ursprungsversion ein relativ beklemmendes, sperriges Ende, was zum Nachdenken anregte. Nach Testvorführungen entschied man aber, dieses Ende gegen ein trivialeres zu tauschen. Dieses Rezept wurde dann auch stilprägend für andere Blumhouse Produktionen, die aus diesem Grund nicht zu unrecht inszenatorisch kritisiert werden. Die Rede ist vom unbedachten, nur einem Zweck dienlichen Jumpscare, vor allem am Ende des Films.

 

Jumpscares sind ein wichtiges inszenatorisches Mittel, das Publikum zu erschrecken. Doch das Publikum wird bei Blumhouse Produktionen nicht indirekt durch die Geschichte oder die brisante Lage der Figuren verstört, sondern direkt. Denn vor allem der finale Jumpscare gilt dem Publikum, nicht den Figuren. Meist springt dann irgendein Geist oder Dämon in die Kamera respektive den Zuschauer an, egal ob das nun für die Geschichte oder die Figuren passt oder nicht.

 

Jumpscares verlieren an Wirkung, wenn sie inflationär eingesetzt werden. Vor allem, wenn sich der Jumpscare an das Publikum wendet.

Im Fall von SINISTER ist das nämlich reichlich albern, wenn es nur eine Figur gibt, die das Wesen überhaupt sehen kann. Welchen Grund sollte es haben, die vierte Wand zu durchbrechen? Nur einen, nämlich faulen Budenzauber am Publikum zu betreiben. Das funktioniert natürlich, bewirkt beim eingefleischten Horrorfan aber mittlerweile nur noch ein müdes Lächeln. Der eingefleischte Horrorfan aber ist nicht die Masse, im Gegenteil. Während der sich bei THE WITCH gruselt und OUIJA als manipulativ und öde empfindet, sieht das bei der Masse genau andersrum aus.

 

So abgenutzt der Jumpscare-Effekt in Blumhouse Filmen auch sein mag (aber auch in anderen Produktionen derzeit wie LIGHTS OUT oder CONJURING 2), er bindet immer noch die größte Zielgruppe, die genau das, aber auch nur das, von einem Horrorfilm verlangt. Immer die gleichen Schocks, inszenatorischer Dienst nach Vorschrift, aber Horrorfilme schauen ist eben wie Achterbahnfahren, da sagt man auch nicht: “Oh schon wieder ein Looping, wie langweilig!”.

 

SINISTER ist einer der atmosphärischeren Blumhouse Produktionen und verfügt auch über wirkungsvolle Jumpscares, bis auf den am Ende – pure Effekthascherei.

Alles schön und gut, aber in der Summe kann man letztendlich in Sachen Blumhouse Horror nicht von einem heiligen Gral des Genres sprechen. Die Geschichten sind dramaturgisch schlicht, die Figuren eher aus dem Baukasten, die Themen ohne Ecken und Kanten, eine Handschrift nicht förderlich. Und Jumpscares, egal ob sinnig oder nicht. Das mag das Rezept für einen erfolgreichen Horrorfilm an der Kasse sein. Aber Klassiker des Genres werden Filme wie OUIJA, SINISTER 2, LAZARUS EFFECT oder JESSABELLE mit Sicherheit nicht.

 

Man kann sagen, Blumhouse wird den Teufel tun und in Sachen Horror Wagnisse einzugehen, wenn sie doch so gut funktionieren an der Kinokasse. So wird aus dem Remake des intelligenten und schwierigen Films MARTYRS ein 0815-Survival-Allerlei, mit INSIDIOUS 3 ein ödes Prequel und mit der mittlerweilen sechsten Auflage von PARANORMAL ACTIVITY eine weitere überraschungsarme Kopie des Erstlings. Der kommerzielle Erfolg steht über allen. Blumhouse arbeitet derzeit so erfolgsorientiert, dass das Studio gut und gerne Flops kompensieren könnte. Warum aber dieses Risiko eingehen?

 

Blumige Versprechungen

 

Nun ist es so, dass man vor allem hier in Deutschland viel von Blumhouse lernen kann, in der Theorie. Die Praxis allerdings sieht ganz anders aus. Schon das Budgetverhältnis ist nicht auf Deutschland übertragbar. Blumhouse Produktionen sind nicht mal Low Budget Werke, sie haben ein Micro Budget, verglichen mit mittleren Horrorfilmproduktionen (POLTERGEIST Remake – 35 Millionen Dollar Budget).

 

Eine solche Bandbreite ist in Deutschland gar nicht machbar, erst Recht nicht für Genreproduktionen, 1,5 bis 3 Millionen Euro sind hierzulande zum Teil schon Großproduktionen. Die werden an der Kinokasse nicht das Vielfache davon einspielen können, klar. Ein Independent Horrorfilm wie THE WITCH oder BLUE RUIN, sollte sowas mal aus Deutschland kommen, wird den gleichen Festivalweg über längere Zeit gehen müssen wie US-Produktionen. Blumhouse ist auf den Festivalmarkt nicht angewiesen, es bringt die Produktionen ins Kino und der Rubel rollt.

 

Hochglanz-Horror mit Jumpscares, aber ohne Seele gegen intelligente Genreinterpretation mit Subtext – leider beides nicht sonderlich erfolgreich in Deutschland.

Wenn man hierzulande aber nun auf die Idee kommt, strukturell, inhaltlich wie inszenatorisch Blumhouse zu imitieren, also begrenzte Location und Figuren, beengtes Subgenre, breite Zielgruppe, jede Menge Jumpscares, dann wird man im Endeffekt ein Produkt bekommen, was ebenfalls nur Horror-Fast-Food ist. Und ob dann der Zuschauer diesem Film statt einem INSIDIOUS 4 an der Kinokasse den Vortritt gibt, ist eher unwahrscheinlich. Zumal in Deutschland Startplätze für Horrorfilme rares Gut sind. Diese konzentrieren sich nämlich so gut wie alle im Oktober. Wenn da aber nun schon die US-Produktionen sitzen, wo will man das heimische Produkt platzieren?

 

Blumhouse Produktionen sind international erfolgreich, aber in erster Linie am US-Markt. Auf dem deutschen Markt hingegen hat es Genre schwer. Wenn man Genre in Deutschland machen will, muss man international denken. Nicht nur in Sachen Sprache und Vertrieb, auch im Hinblick auf exportierte nationale Identität, wie auch immer die aussehen mag. Nennen wir diese Ebene also einfach Subtext, über die die Blumhouse Horrorfilme allesamt nicht viel verfügen. Für den deutschen oder internationalen Markt abseits dem US-Markt ist das aber eher eine Chance.

 

Denn schaut man sich die anderen Produktionen aus Frankreich, Spanien oder Skandinavien an, stellt man fest, dass die zum Teil über eine nationale Identität verfügen, diese exportieren und damit auch erfolgreich sind. Nicht der schnelle Erfolg wie die Blumhouse Produktionen, sondern nachhaltiger.

 

Man wird in Deutschland nicht über Nacht einen funktionierenden Genremarkt aufbauen können, allein über das Einspielergebnis. Aber wenn man erzählerisch wie inszenatorisch mit anderen europäischen Genreproduktionen mithalten kann, wird sich das auch in Sachen Genreakzeptanz niederschlagen. Und das wiederum kann dann dazu führen, dass sich ein deutscher Horrorkinofilm im Oktober mit der Konkurrenz messen lassen kann. Zumindest in der Phantasie.

 

Kommende Blumhouse-Highlights: SPLIT, der neue M. Night Shyamalan Film, GET OUT & die Rückkehr von HALLOWEEN und John Carpenter.

Ich prophezeie, der Blumhouse Horrorerfolg ist endlich, nicht aber die Idee des kostengünstigen High-Concepts. Doch das muss man immer wieder neu mit Leben füllen, mehr über Figuren und Subtext als über die Geschichte. Was nützen Jumpscares und Hochglanzoptik, wenn man zu 80% der Lauflänge gelangweilt ist über Figureneinheitsbrei mit fahrigen Motiven.

 

Dennoch hat Blumhouse dem Genre einen großen Dienst erwiesen und die Argumentation für Genre, auch hierzulande, vereinfacht. Ich behaupte, jede Blumhouse Produktion ist technisch auch in Deutschland machbar.

 

Während Blumhouse im eigenen Land schon profitabel wirtschaftet, muss hierzulande internationaler gedacht werden. Die Grundfesten der Blumhouse Produktionen sprechen dafür, hält man sich an begrenzte Figuren und Location im schmalen Budgetrahmen, ist man international konkurrenzfähig. Aber der internationale Horrormarkt ist vielschichtiger als der US-Markt. Um auf ihm zu bestehen, braucht es mehr. Eine Identität ist ein Mittel, eine Handschrift ein anderes. Diese zwei Zutaten können aus Horror-Fast-Food ein Horror-Gourmetmenü machen.

 

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] wir uns letzte Woche mit trockenen, kalkulatorischen Aspekten des Horrorfilms beschäftigt haben, wollen wir es mal wieder richtig splattatern lassen. Reisen wir zurück in der […]

  2. Antworten

    […] nur letzterer ist ein brauchbarer Thriller, während LIGHTS OUT wie so oft faulen Budenzauber á la Blumhouse […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de