Speck mit Fett in Öl
Script Development XIII: Essen im Drehbuch

Nun sitze ich hier und suche einleitenden Worte, nachdem ich ein Brötchen mit Salami und Alaska-Seelachs-Brotaufstrich verdrückt habe, dazu ein Hilton-Ei in perfekter Wachs-Weichheit, garniert mit Salatgurkenscheiben, schlussendlich den ganzen Kladeradatsch mit Kaffee runtergespült und noch´n Nikotinpflaster als Nachtisch zerkaut, fertig. Fette, Kohlenhydrate, Eiweiße, Eigelbe, kaum nachweisbare Spuren von Vitaminen, Fuselöle, Aldehyde, das alles beginnt zu gären, kalte Fusion unter Zuhilfenahme von Säuerungsmitteln, Stabilisatoren, Gehirnnahrung, Diktat des Hypothalamus, Gravitation, Newton – dieser Spinner, dem is auch nix eingefallen, bevor ihm ein Apfel auf´n Kopp gefallen is. Er, also Newton, hatte zwar diesen kurzen hellen Moment, doch dann aß er den Apfel, ward satt und schlief ein. Den Rest hat er sich ausgedacht.

 

Ich fühle mit ihm, nachträglich. Auch ich werde oft in meinem Gewerk verkannt. Man sagt, ich denke immerzu an Filme, an Geschichten und Figuren, die Wahrheit aber ist, ich denke ständig nur ans Essen. Warum also nicht aus der Not eine Tugend backen. Lasst uns über´s Essen reden, Leute, über Speisen und Getränke und welchen Einfluss sie haben auf Stoff und Stoffentwickler. Darüber ist noch nie geschrieben worden! Warum eigentlich?

 

Meine kleine Reihe SCRIPT DEVELOPMENT behandelt Themen rund um Stoffentwicklung, Drehbuchtheorien und Drehbuchpraxen, mal ganz konkret, wenn es um Ort und Zeit geht, mal verschwurbelt und verkopft, wenn es um Inspiration geht. Wo aber positioniert sich Bayrischer Leberkäs und Kartoffelstampf in der Entwicklung eines Filmstoffes?

 

Alles in Butter

Filmemachen und Kochen, das sind gar nicht so verschiedene Dinge, wie man annehmen möchte. Zu beiden gehört Phantasie und Handwerk. Aber auch Appetit und Geschmack. Als Konsument gelüstet es mich mal nach Fast Food, mal nach Lammcarrée, mal nach AMERICAN PIE und mal nach HUHN MIT PFLAUMEN. Aber Filme zu gourmieren ist das eine, sie zubereiten eine ganz andere Sache. Filme und Speisen, das ist auch Entertainment, dem Zuschauer respektive Gast etwas zu kredenzen, woran seine Sinne laben können. Ein gutes Essen braucht gute Zutaten – ein guter Film auch. Entweder man kocht streng nach Rezept, man adaptiert also die literarische Vorlage, oder man bereitet das Mahl intuitiv nach Gefühl zu. Beim Film gibt es Akte, beim Menü Gänge. Genrefilme müssen nicht ausschließlich Fast Food sein, auch wenn der Bauer selten das isst, was er nicht kennt und Experimente verschmäht. Zum Genuss gehört auch Mut und Neugierde, sowohl auf Seiten des Kochs als auf Seiten der Gäste.

 

 

“Wovon redet der da?” “Weif niff!”

 

Doch was hat eine Geschichte, eine Figur, Film selbst mit Speis und Trank zu tun? Worüber rede ich eigentlich? Über Filme, die explizit Zubereitung und Genuss von Nahrungsmitteln thematisieren? Eher weniger. Die mag es geben, von CHOCOLATE über SUSHI IN SUHL, BRUST ODER KEULE, GRÜNE TOMATEN bis zu WOLKIG MIT AUSSICHT AUF FLEISCHBÄLLCHEN. NAKED LUNCH oder FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY? Das ist nicht die Frage.

visual_food_movies

 

Wenn Essen nicht Thema einer Geschichte ist, der Protagonist kein Koch oder Feinschmecker, dann wird Speis und Trank häufig unterschlagen. Dabei sind wir doch geprägt von der betörenden Visualität zubereiteter Gerichte, dass uns der Zahn tropft. Wenn Bud Spencer und Terence Hill große Pfannen mit Bohnen verschlingen, genüsslich schmatzen und eruktieren. Wenn am königlichen Hofe Bankette stattfinden und man große Fleischkeulen abnagt, Brotlaibe zerreißt und literweise Kröver Nacktarsch in sich hinein kippt oder wenn Obelix alles verzehrt, was ihm der belgische Koch Mannekenpix kredenzt (“Und nun Kamel! Ich mache besonders aufmerksam auf die Steaks von die Öcker!”).

 

Gesottenes, Gebratenes, Geselchtes, im Film hatte das schon immer einen unglaublichen Reiz auf der Leinwand. Es wurden sogar Versuche unternommen, ein völlig neues Kinoerlebnis zu kreieren, Geruchskino nannte sich das, die Erweiterung des Erlebnisses um olfaktorische Sinnesreize. Aber auch ohne Düfte regte so manche Filmspeise den Appetit an, dass nach dem Kinobesuch nicht selten eine Pommesbude gestürmt wurde. Während der Verzehr von Speisen auf der Leinwand im besten Falle betörend wirkt, Essen im Film ist oft ein Regiekompromiss, wenn auch ein guter.

 

Geruchserweiterung für SPY KIDS – ALLE ZEIT DER WELT (2012)

Ich bin mir nicht sicher, was zuerst da war, Ei oder Eigelb, aber in einem Drehbuch steht wohl eher selten, dass Klaus Pistazien knackt und Ingeborg so viele Ferrero Roche verdrückt, dass sie sich aus dem Goldpapier eine echte Königskrone basteln kann. Der Verzehr von Speisen ist für Schauspieler oft eine Beschäftigungsmaßnahme. Für die Regie ist das Zucker, man kann fummeln, nesteln, schaben, zutschen, knabbern, schlürfen, knirschen und gurgeln statt teilnahmslos herumzusitzen und auf sein Stichwort zu warten. Vor allem die Essenszubereitung, Gemüse schnibbeln oder Fleisch tranchieren, das alles macht eine Szene schauspieltechnisch lebendiger. Wie aber verhält sich das im Drehbuch?

 

 

 

Gschmäckle Overkill

 

Es lohnt nicht, einen Schweinebraten aufzusetzen, nur damit die Figur etwas sinnvolles tut in Szene 32. Aber wie die Art der Nahrungsaufnahme einen Mensch definieren kann, so kann sie das auch bei einer Figur. Essen, ein Grundbedürfnis des Homo Salami, muss eine Rolle in der Figurenanlage spielen. Sag ich jetzt. Denn du bist, was du isst, schallt es aus der Kantine. Der eine ist ein Gourmet, dessen Speichelfluss nur bei Koala-Tartar in Weißweinschaum an Schachtelhalm in Wallung gerät, ein anderer unterscheidet nicht groß zwischen Toast und Styropor. Also liegt das leibliche Wohl ausschließlich in den Figuren? Nicht ganz. Auch wenn das niemand vermutet hat, aber das Genre ist für die Speisekarte wesentlich entscheidender.

 

 

Pavianhirn ist nicht jederfraus Sache

 

Weil Liebe bekanntlich durch den Magen geht, trifft man Feinschmecker häufig in Liebesfilmes an. Kein Wunder, denn ein schickes Abendessen und ein guter Wein, das ist das, wovon die Kinder kommen. Enzyme spalten sich, die Bauchspeicheldrüse haut voll rein, dass es nur so pappt und lässt die beiden Hauptfiguren vollkommen durchdrehen. Wenn dann noch Schokolade und Sprühsahne ins Spiel kommt, bloß schnell weg! Ganz anders beim Horrorfilm. Beim Horrorfilm steht Essen für den Tod. Wer auf der Flucht an einen reich gedeckten Tisch stehenbleibt und vom Entrecôte nascht, der kann gleich sein Testament aufsetzen. Essen ist Sünde und führt in den Tod. So wird Nahrung in Horrorfilmen oft zu einer üblen Symbolik.

 

Einladung zum Blind Diner in TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974)

BLUTGERICHT IN TEXAS, am Abendbrottisch der Familie von Leatherface fühlen sich Gäste nur bedingt wohl. Zombies scheren sich nicht um Knigge, wenn sie ihre Opfer ausweiden und sich an Gedärmen laben. Der Vampir trinkt Blut, das mag vielleicht mehr Stil haben, aber auch das endet meist in einer üblen Sauerei.

 

Natürlich geht es beim Horrorfilm um Ängste, aber auch um körperliche Unversehrtheit. Wer an Vampire, Zombies oder Kannibalen gerät, dem vergeht schnell der Appetit. Obwohl, Hannibal Lecter in Film und Serie, der hat auch immer etwas mit stilvollem Essen zu tun. Besonders in der Serie HANNIBAL ist gutes Essen ein zweideutiges Symbol. Leber mit Favabohnen, dazu ein ausgezeichneter Chianti – hier steckt man in einer geschmacklichen Zwickmühe.

 

Doch meist ist es so, dass in Horrorfilmen Essen von den Hauptfiguren gemieden wird. Das macht betroffen. Wie viele Protagonisten und Antagonisten müssten streng genommen schon verhungert sein während ihrer Torturen. Aber es sei dem Horrorfilm verziehen, denn er speist sich aus Angst und Unbehagen, wer da ans Essen denkt, hat ohnehin verloren. Und wer bei BLUTGERICHT IN TEXAS Appetit bekommt, vor dem sollte man sich in Acht nehmen. Horrorfilme und gehobene Küche, das passt irgendwie nicht. Was sehr gut passt, sind Fantasyfilme. Was wird geschlemmt in DER HERR DER RINGE oder in GAME OF THRONES! Wenn der Truchsess von Gondor genüsslich Fleisch vom Knochen zuzzelt oder Tywin Lannister einen Hirsch entbeint, deftiges Essen gehört zweifelsohne zu einem guten Fantasyfilm. Oder dieses Elbenzeugs, Lembasbrot, naja, wem’ s schmeckt.

 

 

Darth Vader hat Hunger

 

Aber beim Science-Fiction-Film, was ist da los? Speist der sich nicht aus zukünftigen Fragen nach Gesellschaft, technischer Standard, Grad der Zivilisation? Wie oft sieht man in Science-Fiction-Filmen die Protagonisten essen? Nie! Ich kenne nur dieses Gerät aus STAR TREK – THE NEXT GENERATION, was einem alles materialisieren kann, aber wozu wird es denn hauptsächlich genutzt? Genau, um roumulanisches Ale tröpfeln zu lassen. Ja, ich gebe zu, ich kann mir auch schwer vorstellen, wie Darth Vader einen Teller Erbsensuppe löffelt, schon allein wegen der Maske. Was aber wohl daran liegt, dass Anakin Skywalker kein großer Esser war. Luke aber auch nicht.

 

 

 

 

Auch auf der Feuchtfarm der Owens gab es hauptsächlich blaue Milch. Dabei wäre es so interessant, wie sich die Nahrungsaufnahme in der Zukunft gestaltet. Früher gab es nur Kartoffeln, hier Kartoffeln, da Kartoffeln und die Menge schrie: “Immer nur Kartoffeln!”. Heute sind wir umzingelt von einer Armee internationaler Zutaten und Gerichte, an jeder Ecke Schawarma und Kumpir, Gong Bao Chicken und Nigiri-Sushi. Aber in der Fiktion?

 

Ich will das wissen! Die großen Themen drehen sich um die Versorgung der Menschheit mit Nahrung, aber in INTERSTELLAR wird einfach überhaupt nichts gegessen. Wenn der Garten in SUNSHINE in Flammen aufgeht und alle Zeter und Moria schreien, schön und gut, aber hat jemand die Besatzung der ICARUS 2 mal was essen sehen?

 

Filmrezepte, Callwey Verlag

Ich will mal ein Drehbuch lesen, in dem steht: Peter sitzt am Tisch und isst Schweinebraten mit Kruste, dazu Kartoffelklöße, Rotkraut und Soße. Dann wird aus Peter vielleicht Herr Lehmann, der das auch vor der Mittagsstund zelebriert – eine Figur entsteht. Ich selber hab da die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Ich schreibe gerade ein Drehbuch um, einen Horrorstoff, und erst jetzt fällt mir auf, meine Figuren müssten schon lange verhungert sein. Nicht mal Chips hab ich denen gegeben, ich Schuft.

 

Aber ich hab auch mal ein Drehbuch geschrieben, in dem meine beiden Hauptfiguren, beide weiblich, ausschließlich gemampft haben, Schwedeneisbecher ohne Eierlikör, Currywurst mit scharfer Soße (eine Millionen Scoville Minimum), Lungenhaschee und Zimtschnecken. Meine Protagonistin hatte eine Schilddrüsenüberfunktion, sie konnte essen, was sie wollte, sie wurde nicht fett. Zudem war sie Existentialistin, hat containert und Essen aus den Abfalltonnen von EDEKA geklaut. Tolle Figur, sowohl als auch. Vielleicht muss man selber gerne essen, um Figuren zu erschaffen, die auch gerne essen und sich darüber definieren – als Genussmenschen. Vielleicht ist das nicht entscheidend für Plot oder Klimax. Wohl aber für die Sympathie.

 

 

Ich habe als Kind amerikanische Polizeifilme geliebt und tue es heute noch. Warum? Wegen der Hot Dogs. Nicht selten bereite ich bei mir eine Terence-Hill-Gedächtnis-Bohnenpfanne zu und stelle mir vor, ich wäre im Wilden Westen. Und wie oft denke ich an das Schlaraffenland, wo einem gebratene Tauben in den Mund hinein fliegen. Ein Wunder eigentlich, dass ich so dünn und drahtig bin. Aber ich gebe auch gern, meinen Gästen, warum nicht auch meinen Figuren. Ich gelobe, ein besserer Drehbuchkoch zu sein und meine Figuren nie mehr Hunger leiden zu lassen. French Toast für alle!

 

Die Karte bleibt hier!

 

 

One Comment

  1. Antworten

    […] der letzten Folge script development ging es gebackene Bohnen mit Speck. Es ging auch mal um das Verhältnis einer 180 Minuten VHS-Leerkassette zur Evolution des […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de