It’s not who I am underneath…
Script Development V: Figurenfindung

Die vier hilfreichsten Eigenschaften eines Autors sind Phantasie, Imaginationsgabe, Vorstellungskraft und das Talent, möglichst viele Synonyme für ein und denselben Begriff zu finden. “Drehbuch ist Handwerk”, sagen die einen. “Buuu” rufen die anderen, wo bleibt die Phantasie. Es ist schon hilfreich, wenn man über die Fähigkeit verfügt, Geschichten oder Figuren weiterzuspinnen, nach Möglichkeit dramatisch, mit Zunder. Dafür braucht man mit Sicherheit Phantasie. Aber ist Phantasie ein schöpferischer Akt? Ist es Phantasie, die eine Kettenreaktion auslösen kann, wo ist der Ursprung von Geschichten, besser, wo ist der Ursprung von Figuren?

 

 

Kochbuch für Helden

Figuren entstehen nicht im luftleeren Raum. Der Großteil dramaturgischer Arbeit ist immer noch, Figuren für ein Format zu entwickeln oder weiterzuentwickeln, Figuren hinsichtlich ihrer Motivation, ihres Charakters, ihrer Ziele und Herangehensweisen, aufgrund spezieller Vorgaben. All das ist untrennbar mit anderen Aspekten der Filmstoffentwicklung verbunden. Eine Figur definiert sich durch ihre Verstrickung mit der Geschichte, mit anderen Figuren, mit Genrekonventionen und Publikumsgeschmäckern. Am Ende ist man aber am meisten enttäuscht von Figuren, wirklich interessante und eigene Charaktere sind Mangelware. Doch man muss auch fair bleiben. Ich spreche nicht von Adaptionen, von Biografien, ich werfe auch keinem Teenieslasher vor, dass mir seine genrekonforme Figurenkonstellation irgendwie nicht intellektuell genug ist.

 

Aber ab und zu entdeckt man eine faszinierende Figur, die sich weder dramaturgisch noch pseudopsychologisch erklären lässt. Irgendwo müssen sie ja herkommen, Figuren, Charaktere, die nirgendwo hinpassen, die eigen sind, anders sind. Es passiert nicht oft, es ist mit unter ein seltener Schatz, wenn man auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm mal eine neue Figur entdeckt, die so gar nicht in das Raster passen will, zwischen Stereotype und psychoanalytischer, totmotivierter Charakterspachtelei.

 

 

Es liegt wohl jedem Autoren die Sehnsucht inne, einmal eine unvergleichliche, wundervolle Figur zu erschaffen. Aber wie Figuren enstehen, wie man sie erschafft, aus dem Nichts, steht nicht in Büchern wie “The Hero With A Thousand Faces”. Wenn man einen Ansatz hat, einen Keim, ein zarter Sprössling mit ganz filigranem Bindegewebe, einen Konflikt oder eine Diskrepanz, mag einem die Phantasie helfen, diesen weiterzuspinnen. Eine Initialzündung, eine Art Higgs-Boson der Stoffentwicklung, ist aber nicht mit bloßer Imaginationsgabe zu erklären. Es ist etwas völlig anderes.

 

 

Gesichter

 

Was genau das ist –  keine Ahnung. Aber man spürt das, diesen Moment. Wenn man durch die matschigen Straßen läuft, umgeben von Heerscharen an Statisten, die husten, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Man wünscht sich eine Mod für seinen Zerebrallappen, die Köpfe wegtexturiert. Dann würden überall nur halsstümpfige Torsen durch die Landschaft wackeln und dort, wo einst der Kopf war, kann man nun ungehindert hindurchschauen. Geht aber nicht, noch nicht. Meist geschieht das in den Momenten des größten Ärgers darüber, überhaupt rausgegangen zu sein. Eben noch entfernt man Köpfe von Hälsen, da taucht aus dem Nichts plötzlich ein Gesicht auf, in dem man irgendetwas entdeckt. Irgendetwas. Ein Gesicht kann einen Reiz auslösen, dem sich das Gehirn nicht entziehen kann, an dem es sich festfrisst und einen elektro-chemischen Tsunami auslösen kann.

 

Man sieht das Gesicht eines Menschen, egal ob in der S-Bahn, im Supermarkt oder passenderweise bei Facebook, vielleicht ist es ein Blick, eine Geste, eine verschrobene Mimik oder ein kleines Seufzen, wenn jemand Rosenkohl über den Barcodescanner zieht. Vielleicht wird ein Gedanke losgetreten, warum jemand so schaut, so blickt, so seufzt, ob das am Rosenkohl lag oder an einem selbst. Im Grunde stellt sich jeder solche Fragen, über ein fremdes Gegenüber, das seltsame Verhalten der Mitmenschen, die unbewusste Suche nach Gründen, die über Empathie entscheiden. Die meisten haben solche Gedankengänge meist nach der Tagesschau wieder vergessen. Mich kann ein Gesicht über Wochen beschäftigen, ein Blick, ohne großes Zutun – einmal diesem Schlüsselreiz erlegen bahnen sich Gedankengänge ihren Weg durch das Gehirn und es entstehen Figuren. Manchmal jedenfalls.

 

 

Wer in Charakterpostern Figuren statt Schauspielern sieht, verfügt über eine hilfreiche Abstraktionsgabe.

 

Klingt oberflächlich, eine Reduzierung auf das Gesicht. Aber so funktioniert das. Was starrt uns an, von Liftfasssäulen und unverputzten Häuserwänden, auf Filmplakaten? Gesichter? Richtig, Schweighöfers Fresse prangt da, oder Bradley Cooper mit Miniplifrisur. Egal, in welchem Winkel man steht, Schweighöfer und Cooper starren einen an. Wenn ein Gesicht also nicht magnetisch wäre, Augen als Spiegel der Seele und so ein Quatsch, dann würden auf Filmplakaten vielleicht Kniescheiben oder Ellenbogen abgebildet werden. Vielleicht liegt da auch der Unterschied sowie das Geheimnis verborgen.

 

Ich sehe nämlich selten Bradley Cooper, ich sehe die Figur. Ist das vielleicht das verborgene Talent, Abstraktionsgabe, Figuren in Gesichtern zu sehen, in Menschen? Ich sehe nämlich auch nicht die EDEKA-Verkäuferin, das heißt, ich sehe sie schon, aber nach wenigen Augenblicken, spätestens wenn ich den Supermarkt verlasse, wird aus der EDEKA-Verkäuferin eine Figur. Aus einer Winzigkeit heraus, einer Reaktion, einem gelangweiltem Blick oder einer schnippischen Geste. Das ist dieser Augenblick, dieser Moment. Was dann folgt, hat wieder mit Phantasie zu tun, der Beginn eines Automatismus. Kopfkino.

 

 

Schaffen es nicht, echte Figuren zu sein – die OCEANS ELEVEN

 

Dabei ist das, was man zu sehen glaubt, direkt abhängig von dem, was man sucht, dem Mangel. Es geht hier schon noch um Stoffentwicklung, keine Angst. Ich meine den Mangel an ambivalenten Figuren. Dort liegt auch schon die Krux begraben, denn alle wollen tolle Figuren, neue Figuren, tiefe Figuren, klar. Die mag es geben, so sie nicht bereits im Stoffentwicklungsprozesses an Übermotivierung oder Übererklärung sterben. Ganz am Anfang ist eine Figur noch rein, weil sie fast zu hundert Prozent aus diesem einen Detail besteht, welches sie hat entstehen lassen. Wenn aus einer Initialzündung heraus eine Figur geboren wurde, steht sie in den ersten Tagen meist schweigend neben einem und grinst über beide Ohren, dass man sie am liebsten hauen möchte. Die Eigenart bestimmt die Figur, während man selbst versucht, sie in verschiedene “was-wäre-wenn-Förmchen” zu pressen.

 

 

Figuren aus Knetmasse

 

Wie finde ich Figuren? – Eine Frage, die man schwer beantworten kann. Es fällt manchmal sogar schwer, herauszufinden, was eine Filmfigur überhaupt ausmacht. Erkennt man eine tolle Figur oder ist man hauptsächlich von der Auslegung dieser Figur durch einen Schauspieler begeistert? Die beliebtesten Filmfiguren wie Hannibal Lecter, Indiana Jones, der Joker, etc. sind selbstverständlich fantastische Charaktere, aber die Faszination dieser Ikonen ist vorrangig den Schauspielern anzulasten, die diese Figuren gespielt haben. Zur Beantwortung dieser Frage ist es hilfreich, sich an die reinsten und naivsten Dinge zu erinnern, die einem früher mit Figuren verband. Es waren Abenteurer, Helden, es war Marty McFly, Luke Skywalker, Indiana Jones.

 

Was waren die ersten Geschichten, welche man mit Pelikanfüllhaltern in kleinkarierte Schreibhefte schmierte? Es waren Heldengeschichten. Was war der Grund? War man schlicht begeistert von einer Figur? Oder wollte man selbst Held sein, Zeitreisender, Agent, Jedi-Ritter. Selbst wenn man sich als Kind nicht dem Schreiben hingegeben hat, das Ganze gar nichts mit Figurenentwicklung zu tun haben scheint, jedes Spiel, ob als Ritter, Cowboy oder Astronaut ist eine Entwicklung von Figuren aus seinen eigenen Wünschen und Träumen heraus, die überhaupt erst entstanden, als man mit ihnen konfrontiert wurde.

 

Es gibt Figuren, deren gewisses Etwas entsteht durch eine Winzigkeit in der Mimik. Zooey Deschanel ist so ein Fall…

…wie auch Sam Rockwell in vielen Filmen.

 

Erst wesentlich später kommt man dann in Phasen, in denen man aufhört, Figuren so aus dem banalem Bauch heraus zu formen. Es beginnt mit der Abkehr vom Helden, vom Stereotypen, hin zu einer theoretisierten, psychologisch erklärbaren Figurenmatrix. Alles muss erklärbar, nachvollziehbar sein. Das klingt jetzt negativ, ist aber gar nicht so gemeint. Wenn ich mir Abhandlungen über Figuren- und Charakterentwicklung in Filmen und Serien durchlese, kann ich vieles nachvollziehen, vieles ist unabdingbar, essentiell. Bedeutet das aber auch, dass ich es mit dem Wissen um Figurenentwicklung leichter habe, sie entstehen zu lassen?

 

Es gibt Fälle von Drehbüchern, in denen man feststellt, dass die Figuren unmotiviert handeln, unlogisch oder widersprüchlich agieren, stagnieren oder feststecken. Es gibt aber auch genauso viele Fälle, in denen man deutlich herauslesen kann, dass ein Autor vor seinem Stoff saß und unbedingt das “want” und “need” in seine Protagonisten pressen wollte. Ich habe oft das Gefühl, dass gewisse angewandte Charakterschablonen, bestehend aus Zielen, Problemen, Motiven, Bedürfnissen, Glaubhaftigkeit, am Ende immer die selben Figuren entstehen lassen. Und nicht selten wird der Versuch unternommen, eine Figur vollkommen zu durchdenken. Ich würde gerne mal Figuren treffen, die noch nicht durch den Drehbuchfleischwolf gedreht wurden. Stelle mir das wie Marzipanrohmasse vor.

 

 

Mehr Marie, Yasmin, Lucy, Sarah, Anna! Und Helen!

 

Viele Figuren sind übermotiviert, bis ins Letzte psychologisch durchdacht und somit schlicht langweilig. Dabei müssen Figuren nicht komplex sein. Auch Stereotypen müssen nicht schlecht sein, Helden, Bösewichte, sie funktionieren in verschiedenen Geschichten und Formaten nach wie vor hervorragend. Darum geht es nicht. Besonders der Genrefilm wird ja häufig mit dem Vorurteil konfrontiert wird, stark auf Stereotypen festgelegt zu sein. Figuren im Horrorfilm werden oft klischeehaft wahrgenommen. Das liegt auch daran, dass sie größtenteils klischeebehaftete Stereotypen sind. Subgenres wie Slasher, Backwood oder Survival Thriller besitzen häufig einen Katalog aus Figurenpüppchen, die stets Opfer ihrer Charakterisierung werden.

 

 

Starke Figuren: Marie (HIGH TENSION), Yasmin (FRONTIER(S)), Sarah (A L´INTERIEUR), Anna (MARTYRS), Lucy (LIVID)

 

Doch im Horrorfilmbereich haben sich Figuren auch extrem weiterentwickelt, zumindest eine Zeit lang. Auffällig ist, neben einer neuen Messlatte graphischer Gewalt, dass vorrangig der französische Horrorfilm ab 2000 Frauenfiguren hervorbrachte, die in kleinen Details von ihren Vorgängerinnen abwichen. Sämtliche weiblichen Hauptfiguren von HIGH TENSION, FRONTIER(S), A L´INTERIEUR über MARTYRS bis zu LIVID sind vielschichtiger, nuancierter. All diese Figuren haben Widersprüche, haben eigennützige Sehnsüchte, Brüche. Diese Figuren haben mich gefesselt. Seitdem suche ich Figuren an anderen Orten. Ich hätte gern mehr Crossover zwischen Coming-Of-Age-Geschichten und Horrorstoffen. Geht nicht? Wer sagt das? Ich sage CARRIE. Mehr fragile Philosophie in den Figuren, die trotzdem Genrestoffe sind! Wie in STOKER. Diese Figuren sind fantastisch geschrieben, aber es ist nicht das Ergebnis von Studien im Dramaturgiealmanach. All diesen Figuren liegt eine verquerte, fixe Idee inne. Eine Figur muss da nicht viel machen. Sie braucht, wie im wahren Leben, dafür nur den Bruchteil eines Momentes.

 

Charaktere in Animationsfilmen können mehr Leben besitzen als echte Menschen

 

Es gibt eine Szene in LIVID, in der sich Lucy entscheidet, mit ihren Freunden in das Haus einzubrechen, in dem eine alte Frau im Koma liegt, die Lucy als Altenpflegerin betreut. Lucys Freund drängt sie bereits seit Stunden dazu, ein großes Haus, eine Frau im Koma, jede Menge teure Antiquitäten. Aber Lucy ist kein typischer Held, die sofort sagt, dass das ganz doll böse ist und man das nicht machen darf. Die Entscheidung, doch in das Haus einzubrechen, trifft sie auch nicht aufgrund der Überredungskünste ihres Freundes, nicht weil sie charakterschwach ist, nicht weil sie überstimmt, überredet oder eingelullt wird.

 

Was genau in ihrem Kopf passiert, was sie zu der Entscheidung drängt, weiß man nicht genau. Aber man kann sehen, dass etwas in ihrem Kopf passiert. Es ist ihr Blick, ihr Gesicht, kurz bevor sie zustimmt. Nicht einmal eine Geste. Nichts komplexes, nichts, was man zu hundert Prozent analysieren und interpretieren kann. Was natürlich niemand davon abhält, es trotzdem zu tun. Dann wäre da noch der Umstand, dass Lucy ein blaues und ein rehbraunes Auge hat. Versteh schon, innere Zerrissenheit, Dualität, Shizophrenie, oder? Klingt komisch, aber der psychoanalytische Deutungsansatz der Symbolhaftigkeit von Lucy´s Iris-Heterochromie hat mich schlicht umgehauen. Es gibt keinen.

 

 

“…what i do that defines me!”

 

Es wird durch die Blume vermittelt, dass man als Autor eben nicht nur Phantasie haben sollte, die Fähigkeit, sich “was-wäre-wenn-Studien” hinzugeben, sondern auch ein guter Menschenfreund sein muss. Um Figuren mit Leben zu füllen, muss man über eine unglaublich gute Menschenkenntnis verfügen. Hm, auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Faktoren Wunsch und Traum bestimmen die Fiktion weitaus mehr als Wissen. Nicht selten ist nicht das, was man erlebt, Vorlage für Geschichten, sondern das, was man nicht erlebt. Bei Figuren ist es ähnlich. Ich suche Figuren, die eigentlich nicht existieren, weil ich sie vermisse, in der Welt. Die besten Figuren sind Außenseiter, Andersdenkende. Denn sie sind seltener.

 

 

Figuren Ein Tick Anders: Eva Strumpf (EIN TICK ANDERS), Bruce Robertson (DRECKSAU), Luna Lovegood (HARRY POTTER), Hesher (HESHER), India Stoker (STOKER), Helen (FEUCHTGEBIETE), Jared Gilman (MOONRISE KINGDOM)

Bestimmte Figuren, an denen man hängt, die vielleicht nur eine Idee sind, eine Wahrnehmung, sie bestehen aus fehlenden Teilen und werden durch Wünsche zusammengehalten. Ich spreche allerdings nur für mich. Es bedarf keiner großen Psychoanalyse, um festzustellen, dass die Figuren, die man mag und gern schreiben möchte, viel über einen aussagen.

 

Dieser Teil des Stoffentwicklungsprozesses ist dann auch weder Handwerk noch Phantasie, aber er ist vielleicht der persönlichste. Man schreibt Geschichten über Helden, weil man vielleicht selbst Held sein will. Man entwickelt Figuren, am liebsten Frauen, weil man die nicht versteht, vor allem aber auch aus Wunschgedanken heraus.

 

 

Ich bin begeistert von Familienverhältnissen, von Zweckgemeinschaften oder von Beziehungen, die man sich nicht ausgesucht hat, Bruder-Schwester-Konflikte halte ich für ein faszinierendes Konstrukt, wohl auch, weil ich selbst eine Schwester habe und da der Wunsch nach mehr Kontakt besteht. Wie man es auch dreht und wendet, wenn man über Figuren schreibt, gibt man zwangsläufig viel über sich selbst preis. Zum Beispiel, dass ich Rosenkohl mag. Man braucht auch keine Liebe, um Figuren entstehen zu lassen. Auch Hass und Verachtung sind Figurenmotoren, vielleicht sogar die mit mehr PS.

 

Die Sache mit der unerklärlichen Inspiration hat nur einen Nachteil. Dieses sichtbar unsichtbare kleine Etwas, woran man sich bei einer Figur festbeißen kann, wird den Stoffentwicklungsprozess selten überleben. Das “want” und “need” wird es wegdrängen, an den Pizzakäserand. Es liegt in der Natur des Films, wenn man nicht inflationär OFF-Texte und Voice Over benutzt, um seine Figuren von innen nach außen zu stülpen, ist das Innenleben der Hauptfigur für eine Kamera schwer abzulichten. Ein simples Zitat aus BATMAN BEGINS könnte demzufolge auch eine Dramaturgenweisheit sein: “Its not who i am underneath, but what i do that defines me!” Könnte stimmen, wenn Stoffentwicklung mit einer Figurenfertigmischung beginnen würde.

 

 

 

 

Eine Figur mag man entwickeln können, aufgrund von Kausalitäten, Wahrscheinlichkeiten, erdachten Motiven heraus. Dass eine Figur überhaupt entsteht, liegt eher einem Geheimnis zugrunde, ist in Dingen begründet, die man nicht versteht, missversteht oder die Fragen aufwerfen. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Figuren in Filmen enttäuschen, artifiziell wirken oder langweilig erscheinen, weil sie in einem engen Korsett ihrer Eigenschaften im Bezug auf die Handlung angelegt sind. Man hat oft das Gefühl, diese Figuren sind versklavt. Das fällt einem umso mehr auf, wenn man Figuren auf der Leinwand erlebt, die sich um solche Konventionen nicht die Bohne scheren, was natürlich auch Konzept sein kann. FEUCHGEBIETE bzw. die Figur Helen hat mich diesbezüglich mehr als überrascht. Ist zwar eine Adaption, aber Figur bleibt Figur.

 

 

Denk nicht, du bist besser als deine Figur!

 

Die entscheidendere Frage ist, was es einem nützt, einen funktionalen, aber andersartigen Charakter zu erschaffen, Figuren, die es nicht gibt, Figuren zwischen Stereotype und dem Versuch eines ach so durchdachten Menschkonstruktes in all seiner doppelmoralischen Verquastung. Wo letztendlich alle die Selben Träume haben, eine Art Universallebensschablone mit der Liebe des Lebens, weißer Hochzeit, Gehaltserhöhung und Weltfrieden als Dipp. Man wird meschugge. Aber das sind eben die Filme oder Figuren, die die meisten sehen wollen. Es ist nicht immer die Schuld des Autors.

 

Natürlich ist es schwer, einzigartige Figuren zu kreieren, schon gar nicht, wenn man die Einzigartigkeit schwer erklären kann. Man hat´s mit Figuren ja ohnehin nicht leicht. Schreibt man Charaktere im Hier und Jetzt, sucht man Lösungen für ihre Probleme, kann man leicht scheitern, weil man teils genauso hilflos ist wie seine Figur. Das kann auch eine Stärke sein, aber gegenwärtige Sachverhalte oder Konflikte sind meist in unserer Wahrnehmung getrübt, von fehlender Erfahrung behaftet, meist ist man hinterher schlau. Hinterher is beim Film aber schonmal gar nicht gut.

 

Ich weiche in Geschichten gern auf die Vergangenheit aus und suche Figuren, die vor 20 Jahren vielleicht im Selben Alter wie ich waren. Ich kann ihnen viel mehr geben, viel authentischer schreiben, habe einen direkteren Bezug zu den Figuren. Ich habe allerdings auch mal gehört, es sei gar nicht so gut, Figuren an eigene Erfahrungen anzulehnen. So was sei selbstverliebt. Was für ein Blödsinn. Worüber kann man authenischer schreiben als über das, was man selbst gefühlt hat? Meist fehlt einem in aktuellen Situationen die Weitsicht und Abgeklärtheit, leicht kann man sich verzetteln. Doch bereits die Idee, in eine andere Zeit zu switchen, ändert die Dinge beträchtlich. Bestenfalls in eine Zeit, in der man Figuren noch mehr mit dem Herz betrachtete.

 

 

Keine strengen Textvorgaben und viel Improvisation – Kinderdarsteller formen oft die interessantesten Figuren, wie in THE FALL

 

Man soll seine Figuren lieben, aber nicht zu doll lieben. Weil man sie irgendwann nicht mehr mag. Der Moment, in dem eine Figur geboren wird, ist vielleicht der spannendste des ganzen Prozesses, weil er eben so unerklärlich ist, weil man ihn selten sucht, er einen überfällt, wenn man ihn nicht erwartet. Ich weiß nicht wirklich, wie bei anderen Autoren Figuren entstehen. 90 Prozent aller Filmfiguren sind inspiriert von anderen Filmfiguren, die Kopie einer Kopie.

 

Manche besitzen so viel Leben wie Verpackungsstyroporkugeln. Es gibt Figuren, die verweigern sich jeder dramaturgischer Konvention und sind trotzdem fantastisch, nehmen wir als Beispiel nur mal FORREST GUMP, der sich in keiner Weise weiterentwickelt. Figuren, die keinen Plan haben, ihr Leben verschwenden, irrationale Dinge tun. Figuren, die ihrer Motivation widersprechen, denen es egal ist, ob man nachvollziehbar agiert oder gelegentlich unglaubwürdig wirkt. Kausalität kann unspannend sein. Mehr noch, folgt eine Figur nur logischen und nachvollziehbaren Motiven, ist sie per se Stereotyp. Auch das begegnet einem im Entwicklungsprozess wie auch draußen auf der Straße, im Supermarkt oder in der Badeanstalt, an Orten, wo die Inspiration für Figuren keimt. Interesse oder Faszination entsteht durch Widersprüche, durch etwas, was man nicht erwartet, was eigentlich so sein sollte, es aber nicht ist. Ein “Warum macht der oder die das?” wirft viel mehr Fragen auf als eine maschinelles, erwartbares “Alles klar!”. Alles klar?

 

Weil das alles so verflucht unkonkret und als Findungshilfe wohl völlig unbrauchbar ist, will ich den Sachverhalt das nächste Mal mal mit Beispielen füttern. Damit wir auch überhaupt nicht abgelenkt sind vom Zutun eines Schauspielers, schauen wir uns einmal die wirklich faszinierendsten Figuren im Animationsfilmbereich an, die weniger wegen ihrer sauberen Dramaturgie begeistern als durch ein unerklärliches Detail.

 

 

5 Comments

  1. Antworten

    […] mal um das Verhältnis einer 180 Minuten VHS-Leerkassette zur Evolution des Neunzigminüters, um Figurenentwicklung mit Marzipanrohmasse und die Verwendung von ABBA-Songs im Drehbuch. Bloß nicht zu unkonkret werden! Kann sein, dass es […]nn1

  2. Antworten

    […] sogenannte Figurenportrait, welches man entwirft, bevor man mit dem eigentlichen Schreiben beginnt. Eine Figur formt sich wohl meist zuerst im Kopf, dort aber ist sie noch fahrig, unbestimmt, wird meist von einer einzigen Eigenschaft bestimmt. Das […]

  3. Antworten

    […] mal ganz konkret, wenn es um Ort und Zeit geht, mal verschwurbelt und verkopft, wenn es um Inspiration geht. Wo aber positioniert sich Bayrischer Leberkäs und Kartoffelstampf in der Entwicklung eines […]

  4. Antworten

    […] Doch ein Drehbuch hat mehrere Ebenen, Tortenstücke von unterschiedlicher Dicke: Plot, Story, Figuren. Sind das alle Ebenen, die ein Spielfilmdrehbuch beinhaltet? Natürlich […]

  5. Antworten

    […] genähert. Es gibt Geschichten und Plots in unterschiedlichsten Zeiträumen und Lokalitäten, Figuren und deren Hinter- wie Beweggründe, Berufe und Berufungen, Dialoge, darüber hinaus Tools wie Titel, Untertitel, Loglines und Voice […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de