ROGUE ONE

Nun ist es also wieder soweit. Wie in jedem Jahr zu Weihnachten gibt es einen neuen STAR WARS Film aus den Häusern Disney und Lucasfilm. Nee Moment, mit ROGUE ONE startet ja erst die zweite Produktion nach der Disneyübernahme des Lucas-Evangeliums. Nachdem der Mäusemelkkonzern in den letzten vier Wochen ein wahren Marketingfeuerwerk an Trailern und TV-Spots verschossen hat, ist STAR WARS wieder präsent wie nie zuvor. Und doch fühlt es sich anders an als im letzten Jahr bei der lang erwarteten EPISODE VII – THE FORCE AWAKENS. Das mit ROGUE ONE – A STAR WARS STORY nicht die Abenteuer der neuen Helden Rex, Finn und Poe Dameron weitergesponnen werden, dürften auch Unkundige der Saga mitbekommen haben. Gareth Edwards Regieeinstand im STAR WARS Filmuniversum koppelt sich aus der Familiengeschichte der Skywalkers aus und präsentiert sich als erstes Spin-Off der Reihe, wenn man mal von den Ewok TV-Filmen in den achtziger Jahren absieht.

 

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STAR WARS also mal ganz anders, was? Oder doch nicht? Das klären wir gleich, nur wie, das ist die Frage. Kann man überhaupt über einen STAR WARS Film schreiben, ohne zu spoilern? Fans reagieren darauf sehr stutenbissig. Die Frage ist allerdings, wer braucht überhaupt eine Review, um eine Entscheidung dahingehend zu treffen, sich den Film im Kino anzuschauen? Es wird ihn ohnehin jeder anschauen, natürlich bis auf die, die mit STAR WARS nix anfangen können…ja genau, Euch beide meine ich! STAR WARS Reviews sind keine Entscheidungshilfen, sie sind Abrechnungen zwischen Erwartungen der Vormonate und dem Endprodukt.

 

Wenn jemand aber partout keine Spoiler verträgt, aber trotzdem wissen will, ob sich der Kinobesuch lohnt, dem kann ich ja schon mal sagen: “Jo!”. Wer STAR WARS liebt und wer STAR WARS erwartet, wird das in jedem Fall auch bekommen. Wer sich einen neuen Ansatz innerhalb der SAGA erhofft hat, nur zum Teil. Wer einen rasanten, spannenden Science-Fiction-Action-Fantasyfilm erwartet, wird definitiv gut bedient sein. Wer mit STAR WARS bislang nix anfangen konnte, wird das wohl auch nach ROGUE ONE nicht. Weiß jetzt jeder Bescheid? Gut, dann gehen wir mal ins Detail.

 

 

EPISODE 3,9

 

ROGUE ONE – A STAR WARS Story ist nach den Episoden I,II und III erneut ein Prequel, denn es erzählt eine Vorgeschichte, die in EPISODE IV – A NEW HOPE mündet. Der Film ist aber keine EPISODE 3,5, vielmehr eine EPISODE 3,9 und Puristen können ROGUE ONE gut und gern vorn an den ersten KRIEG DER STERNE Film dranpappen, denn ROGUE ONE ist mehr Prequel als je zuvor. Glücklicherweise ist er auch mehr STAR WARS als je zuvor. Doch dazu gleich mehr.

 

In EPISODE IV jagt ein gewisser Herr Vader nach gestohlenen Plänen der neuen, ultimativen Waffe des Imperiums, dem Todesstern. Die befinden sich an Bord eines Rebellenschiffes und werden von einer putzigen Prinzessin mit Kringelfrisur in einer Astromech-Einheit versteckt und auf einen Wüstenplaneten abgeworfen. Das weiß jedes Kind aus der Schule.

 

ROGUE ONE erzählt nun, wie die Rebellen überhaupt in den Besitz dieser Pläne gekommen sind. Ein imperialer Wissenschaftler namens Galen Erso, welcher den Todesstern konstruiert hat, wird vom Imperium zu dessen Fertigstellung zwangsverpflichtet. Galen muss seine Tochter Jin zurücklassen, die fortan ein Leben als getriebene Unruhestifterin führt. Als Rebellen der Allianz von der Existenz der Waffe erfahren, rekrutieren sie Jin Erso, um von ihrem Vater Galen mögliche Schwachstellen der neuen Waffe in Erfahrung zu bringen. Geleitet wird diese Aktion von einem Rebellengeheimdienstler namens Cassian Andor und seinem treuen Droiden K-2S0, der ehemals fürs Imperium diente.

 

Perfektes Trio: Cassian Andor (Diego Luna), Jin Erso (Felicity Jones) & K-2S0

Dem Befreiungstrupp schließen sich der blinde Machtfanatiker Chirrut und der Soldat Baze an, ebenso der imperiale Pilot Bohdi. Auf diesem dreckigen halben Dutzend liegt nun die Hoffnung der gesamten Rebellion, denn der Todesstern könnte deren Schicksal und das von unzähligen Planeten der Galaxis ein für alle mal besiegeln. Auf imperialer Seite windet sich Direktor Orson Krennik mit der Fertigstellung der Superwaffe und ist dabei eiskalt und unbarmherzig. Nach diversen Gefechten ist der Plan schlicht, die benötigten Pläne aus einer imperialen Einrichtung auf dem Planeten Scarif zu bergen und sie den Rebellen zu übermitteln. Ob das gelingt? Ja natürlich, das stand bereits im Jahr 1977 fest.

 

 

STAR WARS als Kriegsfilm? Äh…

 

Storytechnisch ist ROGUE ONE also relativ dünn. Aber der Film will auch keine epische Geschichte wie in den Saga-Filmen erzählen, sondern präsentiert sich als Heistmovie und Kriegsfilm. Trotzdem ist er dadurch EPSIODE IV nicht unähnlich, der war in Sachen Story ähnlich kompakt wie schmalspurig. Tonal liegen beide Filme ohnehin auf der gleichen Wellenlänge. ROGUE ONE ist düster, der düsterste STAR WARS Film überhaupt, der Tonfall ist rau, all jene, die es lieben, dass Han Solo zuerst schießt, werden diese Raubeinigkeit auch an ROGUE ONE schätzen.

 

 

Abgrundtief Verabscheuenswert: Direktor Orson Krennic (Ben Menselsohn)

ROGUE ONE will STAR WARS ein wenig anders erzählen, aber das sind im Endeffekt nur Detailfragen. Der Film beginnt mit der bekannten Einführung “Es war einmal…” und so weiter. Die STAR WARS Fanfare sowie der beliebte Lauftext aber fehlen, ROGUE ONE startet augenblicklich und das atemberaubend. Der Anflug von Krennic auf Lah’mu ist pure STAR WARS Magie, so wie ich sie mir immer gewünscht habe – stumm, schlicht, aber urgewaltig. Die Einblendung des Titels nach der bombastischen Einführung von Galen und Jin hingegen ist fast überflüssig.

 

Neu ist auch, dass der Zuschauer nun lesen kann, auf welchem Planeten man sich gerade befindet. Obgleich das ganz interessant ist, bietet es keinerlei nennenswerten Mehrwert, George Lucas hat das seinerzeit auch ohne geschafft, die Planeten und Orte in den Prequels wie Naboo, Coruscant oder Geonosis waren den Fans auch ohne Schrifttafeln sofort geläufig. Die Musik ist bis auf das STAR WARS Theme nicht von John Williams, sondern von Michael Giacchino, fügt sich aber hervorragend ins Gesamtgeschehen ein und ist vielleicht sogar eine Spur besser als in EPISODE VII.

 

Abgesehen davon hat sich nichts grundlegendes geändert, ROGUE ONE bleibt STAR WARS pur, mehr als je zuvor, THE FORCE AWAKENS eingeschlossen. Lucasfilm gelingt die (fast) perfekte Rekonstruktion des ersten Films von 1977, tonal, stilistisch wie optisch. Es gibt Momente in ROGUE ONE, die könnten wirklich aus A NEW HOPE stammen. Gleichzeit ist der Film natürlich wesentlich rasanter in Sachen Action, aber alles wirkt wie aus einem Guss. Diejenigen, die bei EPSIODE VII dachten, schön, dass nun alles wieder handgemacht ist, können sich auf eine dreifache Ladung Nostalgie freuen.

 

Die Schlacht um Scarif ist einer der Höhepukte aller STAR WARS Filme.

Höhepunkt von ROGUE ONE ist der Angriff auf Scarif, der spannend und bildgewaltig inszeniert ist. ROGUE ONE will ein Kriegsfilm sein, naja, so ganz richtig ist das nicht, es geht war äußerst kriegerisch zu bei Edwards, aber im Kern bleibt alles beim Alten, das WARS in STAR WARS ist dramaturgisch jedenfalls kein THE THIN RED LINE geworden. Einzig in Sachen Kompromisslosigkeit nimmt Edwards die Dramatik ernst und hinterlässt keine offenen Fragen in Sachen Figuren.

 

Und das ist leider, bei all der Euphorie und dem inneren Wunsch der Fans nach kanonischem Einklang, ein wenig schade. Denn die Figuren, vor allem Jin, Cassian und K-2S0, sind sympathisch, glaubwürdig und spannend geschrieben. Sie dürfen allerding nicht bleiben, so will es der Kanon, keiner der Hauptfiguren in ROGUE ONE überlebt letztendlich. Warum muss man so gnadenlos sein, nur weil der Fan bekrittelt, in EPSIODE IV nie etwas von Erso oder Krennic gehört zu haben? Hätte man Jin und Cassian nicht ein beschauliches Dasein in irgendeiner Toschie Station gönnen können? Denn die Chemie zwischen beiden funktioniert hervorragend. Das stimmt einem am Ende irgendwie traurig.

 

Ich plädiere für eine neue STAR WARS Serie um Jin Erso! Sie könnte zumindest mal auf Ezra Bridger in REBELS treffen.

 

Aber so ist das eben. Auf der Habenseite indes steht pures STAR WARS Feeling, wie man ihn näher an der Original Trilogie nicht hätte inszenieren können. Trotz dünnem Plot, was aber auch auf alle anderen Saga Filme zutrifft, ist ROGUE ONE spannend und beeindruckend, die Figuren frisch und fantastisch besetzt, vor allem mit Felicity Jones und Ben Mendelsohn. Die Raumschlacht über Scarif und der Kampf der Rebellen gegen AT-AT Walker am sonnigen Strand ist ein Highlight der gesamten STAR WARS Saga.

 

Neu im STAR WARS Zoo: der ehemalige imperiale Droide K-2S0, Bistan, Moroff & Benthic.

Vader raubt einem den Atem in seiner stillen Boshaftigkeit, die letzte Szene mit ihm ist ungemein intensiv und brachial. Bail Organa und Mon Mothma wiederzusehen, eint Prequelhasser und Liebhaber, und die neuen Kreaturen und Droiden sind allesamt fantastisch designed.

 

Gibt es für mich richtige Kritikpunkte? Nur zwei konkrete. Da wäre die Sache mit Tarkin. Mir stockte der Atem, als Krennic dem Grand Moff aus EPISODE IV Rede und Antwort stehen muss, der seinerzeit von Altstar Peter Cushing gespielt wurde, der 1994 verstarb. In dieser Unterredung sieht man Tarkins Spiegelung in einem der Fenster des Todessterns. Es ist ein Moment, der in den Fingern kribbelt. Dann jedoch muss Tarkin sich umdrehen und ich biss mir kurz auf die Lippe, ob das hätte sein müssen.

 

 

 

Perfekt, aber nicht perfekt genug

 

Was soll ich sagen, Tarkin wurde von Lucasfilm als digitale Figur zu neuem Leben erweckt. Es mag der Höhepunkt an digitaler Effektkunst sein, das geschafft zu haben. Tarkin ist mehr lebendig als alle anderen CGI-Menschen in Filmen je zuvor. Aber das reicht mir immer noch nicht, beeindruckend, aber nicht beeindruckend genug. Nach ein paar Szenen mit Tarkin jedoch hatte ich mich daran gewöhnt, nur musste Lucasfilm am Ende das selbe Prozedere mit Prinzessin Leia wiederholen. Leider funktioniert das für mich noch weniger. Das ist einfach nicht Leia, trotz allem Perfektionismus und der Kringel.

 

Eine Figur aus STAR WARS THE CLONE WARS erwacht: Saw Gerrera (Forest Whiteaker) macht sich gut in ROGUE ONE.

Was dagegen wirklich sauer aufstößt, ist das unentwegte Gequatsche über die Macht, was in ROGUE ONE noch weniger Sinn ergibt als in THE FORCE AWAKENS. Der Schlachtruf mag zu STAR WARS gehören wie die Paprikapaste in Oliven, schön und gut, aber wenn in gefühlt jeder dritten Zeile verbal mit der Macht um sich geschmissen wird, ermüdet das ein wenig. Besonders zu Jins Figur passt das nicht wirklich, aber ein STAR WARS Film ohne “Möge die Macht mit dir sein!” geht scheinbar nicht.

 

Der Rest sind typische STAR WARS Marginalien, die man gar nicht zu diskutieren braucht. Die Todessternpläne sind wirklich niedlich, ohne das Pixel-Gif hätten die Rebellen bei der Analyse wohl keine Chance gehabt. Das Imperium hat auch seltsame Vorstellungen, diese sicher zu verwahren. Braucht man die Pläne nicht auf dem Todesstern für etwaige Wartungsarbeiten? Die Rebellenflotte bestreitet nun bereits vor der Originaltrilogie eine fette Raumschlacht, ok. Dass der Todesstern ein wenig zu oft getestet wird, schmälert hingegen die Wirkung seines ersten Einsatzes auf Alderan.

 

Darüber können wir uns jetzt ein Jahr lang den Mund fusselig reden, bis EPISODE VIII in die Kinos kommt. Mit ROGUE ONE wollte man neue Wege gehen, es ist aber lediglich ein sanftes Vortasten in neue inszenatorische Richtungen geworden. So das überhaupt jemand will, einen gänzlich anderen STAR WARS Film. STAR WARS bleibt STAR WARS, auch im Spin Off ROGUE ONE.

 

The Walt Disney Company (Germany) GmbH

 

  • Mehr STAR WARS geht nicht
  • düster und kompromisslos
  • Felicity Jones als Jin Erso
  • K-2S0
  • Vader rastet aus!
  • Anflug auf Lah’mu
  • Die Schlacht um Scarif
  • Das ist nicht Leia
  • Möge die Macht mal den Mund halten

 

 

FAZIT:

ROGUE ONE ist noch mehr STAR WARS als je zuvor – bombastisch, ikonisch, spannend und toll besetzt, dennoch nur ein behutsames Vortasten in neue inszenatorische Richtungen.

 

ROGUE ONE – A STAR WARS STORY, USA 2016, Regie: Gareth Edwards
Für Fans von STAR WARS, Darth Vader & Felicity Jones

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] auf das fast vollbrachte Filmjahr, nun schon zum dritten Male nach THE FORCE AWAKENS (2015) und ROGUE ONE (2016). Obwohl mit EPISODE 8 erst der Mittelteil der neuen Trilogie erreicht ist, fühlt es sich beinahe […]

  2. Antworten

    […] die Kinoleinwände flimmerte. Nur fünf Monate später startet nun der zweite Anthologiefilm nach ROGUE ONE namens SOLO um die Erlebnisse eines jungen Han Solo, bevor er und sein Copilot Chewbacca einen […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de