Fantasy Filmfest White Nights 2018

Ein herzliches Willkommen im neuen Jahr 2018, liebe Genrefreunde und Genrefreundinnen. Bevor wir traditionell mit einer kleinen Jahresvorschau starten, empfehlen sich bereits Ende Januar die dritten Fantasy Filmfest White Nights als Brückenbauer. Im letzten Jahr versammelten sich unter dem Label noch einige Restperlen des Genrejahres 2016, 2018 gibt es dagegen aktuellere Highlights bei den White Nights, die wenn überhaupt erst im Februar oder April in den regulären Kinos starten. Das neue Jahr beginnt also recht frisch, so wie ich es im Jahresrückblick 2017 gefordert hatte. Sehr schön, darauf einen großen Schuck Thala-Sirenen Milch!

 

Ein Brückenbauer ist die Winterausgabe der Fantasy Filmfest Nights auch deshalb, weil unter den zehn Genrestücken des Programms auch ein potentieller Film-des-Jahres-2018 Kandidat weilt, welcher in den Staaten bereits am 08. Dezember in die Kinos kam, in Deutschland indes erst am 15. Februar startet. Selten gab es ein so großes Highlight bei den Nights und so hat der Fantasy Filmfest Fan bereits am 20. und 21. bzw. am 27. und 28. Januar die Möglichkeit, das neue Werk von Regisseur Guillermo Del Toro zu sichten – THE SHAPE OF WATER (ab 15. Februar als DAS FLÜSTERN DES WASSER im deutschen Kino).

 

 

 

 

Abermals entführt Del Toro das Publikum in eine märchenhaft-düstere Fantasywelt á la HELLBOY und PANS LABYRINTH, nachdem PACIFIC RIM und CRIMSON PEAK nicht alle seine Fans glücklich machten. Mit THE SHAPE OF WATER aber gelang Del Toro erneut ein Meisterwerk, wenn man auf die US-Kritiken vertraut und sich die Liste an Preisen und Nominierungen vor Augen hält. THE SHAPE OF WATER gewann den Hauptpreis der Filmfestspiele in Venedig, er ist in 14 Kategorien der Critic’s Choice Movie Awards 2018 nominiert und für 7 Golden Globes, ein paar Oscar Nominierungen werden sicher folgen. Ein echten Hochkaräter.

 

In THE SHAPE OF WATER geht es um die stumme Eilsa (Sally Hawkins), die in den 60er Jahren in einem Hochsicherheitslabor arbeitet und auf ein streng gehütetes Geheimnis stößt – ein Fischwesen mit außergewöhnlichen Kräften (gespielt von Doug Jones, bekannt als Abe aus HELLBOY oder Lt. Saru aus STAR TREK DISCOVERY). Während die Wissenschaftler unter der Führung von Michael Shannon eifrig an einer Waffe gegen die Russen forschen und dabei auf die speziellen Fähigkeiten der Fischkreatur zurückgreifen wollen, freundet sich Elisa mit dem Wesen an und versucht schlussendlich, es aus dem Laborgefängnis zu befreien.

 

 

THE SHAPE OF WATER von Guillermo Del Toro (Twentieth Century Fox of Germany)

 

 

Ein schlichter, aber wirkungsvoller Plot, märchenhafte Bilder und Stimmungen, THE SHAPE OF WATER wurde beschrieben als Mischung zwischen AMELIE, DIE SCHÖNE UND DAS BIEST und E.T., gemischt mit der düsteren Melancholie aus Del Toros Frühwerken wie CRONOS und PANS LABYRINTH. Wer bereits Ende Januar ein Filmhighlight des Jahres auf der Kinoleinwand erleben will, sollte sich ab dem 12. Januar schnell ein Ticket für THE SHAPE OF WATER sichern.

 

Doch neben diesem Schwergewicht überzeugt auch das restliche White Nights Programm, ich würde sogar sagen, es sind die bislang besten Nights seit Langem. 2012 schockierte Lynne Ramsay das Arthaus Publikum mit dem kontroversen WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN. Danach sollte Ramsay eigentlich den Neonwestern JANE GOT A GUN inszenieren, aber es gab Stunk hinter den Kulissen und Ramsay erschien gar nicht erst zum ersten Drehtag. Doch anstatt das die Karriere der schottischen Filmemacherin ruinierte, ist sie 2018 plötzlich mit A BEAUTIFUL DAY wieder da.

 

 

A BEAUTIFUL DAY von Lynne Ramsay (Constantin Film)

 

 

A BEAUTIFUL DAY verspricht eine bittere Rachegeschichte eines Kriegsveterans (Joaquim Phoenix), der in Manhattan verschleppte Kinder aus den Fängen von Sexhändlern befreit. Klingt nach schwerer Kost und so soll der Film mit dem doppeldeutig zynischen Titel A BEAUTIFUL DAY auch sein. Neben Phoenix als verlumpten Rachenegel macht vor allem die schwüle, klebrige Atmosphäre und der gehobene Gewaltgrad gespannt und neugierig. Ab 26. April läuft A BEAUTIFUL DAY auch regulär in deutschen Kinos.

 

Ein weiteres Highlight verspricht der Film GHOST STORIES zu werden, eine Hommage an den britischen Horrorfilm, insbesondere den altehrwürdigen Horror Anthologien wie DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK. Doch GHOST STORIES gibt sich inszenatorisch überaus modern und ist mit Martin Freemann interessant besetzt, Bilbo Watson in einem Horrorfilm klingt in jedem Fall spannend.

 

 

GHOST STORIES von Jeremy Dyson und Andy Nyman (Concorde Film)

 

 

Aus Kanada kommt LES AFFEMÉS von Robin Aubert (SAINT MARTYRS – STADT DER VERDAMMTEN), ein postapokalyptisches Zombiedrama für die Arthaus Horror Fraktion, weniger für Romero Anhänger. Trotz allem soll LES AFFEMÈS nicht mit Schauwerten geizen, in Sachen Gewaltdarstellung nicht zimperlich sein und auch über eine Portion Humor verfügen.

 

Ein weiteres postapokalyptisches Szenario hält der französische Film HOSTILE bereit, in dem eine junge Frau in einer kargen Wüste nach Wasser, Essen und Benzin sucht und auf der Flucht vor grässlichen Kreaturen ist. So richtig weiß man HOSTILE noch nicht einzuordnen, aber die Atmosphäre stimmt, die Kreaturen schauen schnittig aus und so auch Hauptdarstellerin Brittany Ashworth.

 

 

HOSTILE von Mathieu Turi (Splendid Film)

 

 

Aber wesentlich besser zu den White Nights passt COLD SKIN, der neue Film des Franzosen Xavier Gens, der ein alter FFF Hase ist (FRONTIERS, THE DIVIDE). Auch hinter COLD SKIN verbirgt sich ein Creatue Feature, im Gegensatz zu HOSTILE spielt der aber am südlichen Polarkreis in tiefem Schnee und hat eine eher abenteuerliche Prämisse.

 

Ein junger Wetterforscher nistet sich in einen einsamen Leuchtturm ein. Doch bereits in der ersten Nacht wird dem jungen Mann klar, so ganz allein ist er nicht in der abgeschiedenen Wildnis. COLD SKIN schaut nach einem vorzüglichen Creature Feature mit einer Doppelportion Atmosphäre im arktischen Eis aus – passt perfekt zu den diesjährigen White Nights.

 

 

COLD SKIN von Xavier Gens (Tiberius Film)

 

 

Und auch THE LODGERS, ein Spukfilm aus Irland um ein Geschwisterpaar, das sich Nacht für Nacht mit dem alten Fluch eines schaurigen Anwesens herumschlagen muss, welches ihr Zuhause ist. Allein das klingt schon vielversprechend, noch dazu stammt THE LODGERS von Regisseur Brian O’Malley, der 2014 mit LET US PREY einen ungewöhnlich spannenden Horrorfilm inszeniert hat.

 

 

THE LODGERS von Brian O’Malley (Epic Pictures Group)

 

 

Ein modernes Märchen, ein Revenge Thriller, gepflegter Grusel und Kreaturen in heißem Sand und kaltem Eis, zu diesen klassischen Sujets und Szenarien gesellen sich noch drei etwas speziellere Filmchen ins Programm. Das wäre zum einen der franko-belgische Neo Giallo LET THE CORPSES TAN von Hélène Cattet und Bruno Forzani, die mit AMER und THE STRANGE COLOR OF YOUR BODY‘S TEARS bereits gute Giallo Ware abgeliefert hatten.

 

THE ENDLESS ist der neue Film der Regisseure Justin Benson und Aaron Moorhead (RESOLUTION, SPRING) und auch er verspricht eine eher surreale Filmerfahrung weit ab vom Mainstream, in dem sich zwei junge Männer auf den Suche nach einem absonderlichen Kults begeben, welchem sie als Kinder entflohen sind. Als sie aber die alte Stätte ihrer Kindheit erreichen, stellen sie fest, dass sich scheinbar nichts geändert hat seit ihrer Flucht vor Jahren. Nicht einmal gealtert scheinen die einstigen Peiniger zu sein, zudem geschehen bizarre und surreale Dinge in der öden Wildnis.

 

 

THE LITTLE HOURS von Jeff Baena (Telepool)

 

 

Zu guter Letzt gibt es aber auch noch etwas amüsantere Kost und zwar THE LITTLE HOURS von Jeff Baena (LIFE AFTER BETH) um eine Gruppe von Nonnen, die sich in einem Kloster vor der sündigen Außenwelt verschanzen. In dieses Domizil verirrt sich ein junger Mann und sieht sich wahrhaft biblischen oder gar teuflischen Machenschaften ausgeliefert. Oder einfach nur Furien in Nonnengewändern? THE LITTLE HOURS basiert auf der Kurzgeschichtensammlung “Dekameron” von Giovanni Boccaccio aus dem 14. Jahrhundert und ist gespickt mit Anleihen von Monty Python und Nunsploitationwerken der 70er Jahre. Warum nicht?

 

Schau an, schau an, das Fantasy Filmfest lässt das Jahr 2018 wirklich fulminant beginnen, mit THE SHAPE OF WATER als Highlight, atmosphärischen Schauerstücken wie COLD SKIN, GHOST STORIES und THE LODGER, dem brachial-zynischen A BEAUTIFUL DAY, mit Surrealem wie LET THE CORPSES TAN und THE ENDLESS und mit einer Portion Nunsploitation. Wirklich ein cooles Programm.

 

 

 

 

Das macht zudem gespannt, was den Genrefreund bei den regulären Nights im April/Mai und dem Hauptfestival im September erwartet. Alle Infos zu Filmen und Spielzeiten findet ihr auf der offiziellen Fantasy Filmfest Seite. Bis dahin und bis zur großen Gesamtvorschau des Filmjahres 2018!

 

 

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] Fantasy Filmfest Nights? Gibt’s doch gar nicht? Gibt’s ja wohl! Nach den winterlichen White Nights im Januar inklusive Oscar Gewinner THE SHAPE OF WATER von Guillermo del Toro gibt es Ende April bzw. Anfang Mai wieder die regulären Nights in sieben Städten Deutschlands. Um […]

  2. Antworten

    […] geht’s ab 05. September in Berlin. Das internationale Genre-Filmfestival geht also nach den White Nights im Januar und den Nights im April mit 50 Filmen plus Kurzfilmrolle in die Vollen. Business as usual, möchte […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de