Fantasy Filmfest Nights 2016

Die Fantasy Filmfest Nights 2016 nähern sich mit großen Schritten und wir wollen mal wieder einen kleinen Blick auf das Programm werfen. Ich verstehe die Nights immer als eine Art Carte Blanche quer durch den Genregemüsegarten, andere wiederum bezeichnen das Festival aus dem Hause Rosebud als Marketingvehikel für kommende Heimauswertungen. Wie auch immer. Fakt ist, es gibt gute und schlechte Jahrgänge, auf das fulminante Jahr 2013 (STOKER, THE SEASONING HOUSE, JOHN DIES AT THE END) folgte ein schwächerer Jahrgang 2014 (THE GREEN INFERNO, WOLF CREEK 2), letztes Jahr ging es durch GERMAN ANGST, A GIRL WALK HOME ALONE AT NIGHT und CUB wieder aufwärts, die ersten White Nights im Dezember waren dann aber wieder nur mittelprächtig (BASKIN, DEMON). Egal, Schwamm drüber, die Nights 2016 sind wieder über die Maßen verzückend!

 

 

 

 

So viele Highlights, wo fangen wir an? Beim internationalen Festivalhit THE WITCH von Regisseur Robert Eggers zum Beispiel, der auf den Nights Deutschlandpremiere feiert. Im Neuengland des 17. Jahrhunderts lebt eine Familie ein ärmliches Dasein am Rande eines Waldes, welcher eine Hexe beheimaten soll. So kommt es bald zu merkwürdigen Vorkommnissen, ein Baby verschwindet, taucht wieder auf und scheint von einer fremden Macht besessen. Eine Schuldige ist schnell gefunden, Thomasin, ein junges Mädchen, wird von ihrer Familie der Hexerei bezichtigt. Klingt soweit konservativ, aber der Trailer hat es bereits derbe in sich.

 

 

THE WITCH von Robert Eggers (Universal Pictures)

 

THE WITCH wirkt ein wenig so, als sei er ein Sprössling aus THE VILLAGE und HEXENJAGD, ohne faulen Budenzauber und Effekthascherei, dafür ein wenig surreal verschroben und bereits im Trailer scheißgruselig. Pflichttermin für alle Horrorfans!

 

Um den neuen Film von Giorgos Lanthimos (DOGTOOTH) gab es im Vorfeld wieder Gerangel, THE LOBSTER wurde mit dem großen Preis der Jury in Cannes ausgezeichnet, aber SONY Pictures Germany verzichtet auf einen deutschen Kinostart und bringt den grotesken Streifen am 28. April direkt auf DVD heraus. Zumindest auf den Nights kann man Lanthimos surreales Märchen auf großer Leinwand bewundern, prominent besetzt mit Colin Farrell, Rachel Weisz und Léa Seydoux.

 

THE LOBSTER von Yorgos Lanthimos (SONY Pictures Germany)

 

In THE LOBSTER geht es um eine märchenhaft dystopische Zukunft, in der für Alleinstehende und Singles kein Platz ist. Jeder, dem eine Trennung wiedefährt, findet sich für 45 Tage in einer Art Hotel wieder, um eine neue Partnerschaft zu knüpfen. Sollte dies nicht gelingen, wird der bindungsunfähige Mensch in ein Tier seiner Wahl verwandelt und muss von da an sein Leben in einem Wald verbringen. Wie schon in DOGTOOTH schert sich Lanthimos nicht um Genrekonventionen und serviert eine herrlich absurde Gesellschaftssatire abseits des Mainstreams. Pflichttermin für Leinwandliebhaber Nr.2!

 

Ein Highlight jagt das nächste. Einer meiner Favoriten in diesem Jahr ist GREEN ROOM von Jeremy Saulnier (BLUE RUIN), in dem eine Punkband in einem Hinterlandschuppen ein Konzert spielt, die Besucher aber allesamt Nazis sind. Nachdem der Gig mehr schlecht als recht über die Bühne gegangen ist, finden die Punkbandmitglieder (u.a. Anton Yelchin und Imogen Poots) in der Garderobe die Leiche eines Nazis vor und werden auch gleich des Mordes bezichtigt. Da hilft nur, sich solange in der Garderobe zu verbarrikadieren, bis Hilfe kommt.

 

GREEN ROOM von Jeremy Saulnier (Universum Film)

 

Aber Hilfe kommt nicht wirklich, stattdessen tritt der Obernazi auf den Plan, der dem wilden Treiben in der restlichen Nacht ein Ende setzen will. Gespielt wird der Fiesling von keinem Geringeren als Patrick “Captain Jean-Luc Picard” Steward. GREEN ROOM wird ein fetziger Revengethriller, mit erstklassiger Besetzung und hoffentlich viel guter Musik.

 

Und dann wäre da noch HIGH-RISE, der neue Film von Ben Wheatley (KILL LIST, SIGHTSEERS), der eigentlich schon 2015 starten sollte. In einem futuristischem Hochhauskomplex leben die Bewohner säuberlich getrennt in einer Art Mini-Gesellschafts-Petrischale – unten die Armen, oben die Reichen. Bis Schwung in die Bude kommt.

 

HIGH-RISE von Ben Wheatley (DCM)

 

Nach einem Roman von J.G.Ballards inszeniert Wheatley eine düstere Dystopie um Dekandenz und Hegemonie, prominent besetzt mit Tom Hiddlestone, Luke Evans und Jeremy Irons. Der Trailer verrät nicht allzu viel, die Geschichte klingt packend und eigentlich ist auf Regisseur Wheatley immer Verlass. Fans von SNOWPIERCER oder dem neuen DREDD-Film sollten sich HIGH RISE vormerken.

 

Auch reichlich satirisch kommt MOONWALKERS daher, wenn auch mehr in Richtung Comedy. Die Story allein ist zum Schießen. Weil die US-Behörden Angst vor einem Scheitern der Apollo 11-Mission haben, wollen sie sich absichern und für alle Fälle eine geglückte Version der Mondlandung parat haben – in Form einer Filminszenierung. Deshalb soll ein CIA-Agent und Vietnamveteran (Ron Perlman) einen Deal mit Regisseur Stanley Kubrick aushandeln, der die Mondlandung filmisch faken soll. Doch Perlman gerät gar nicht an Kubrick, sondern an einen hoffnungslos chaotischen Rockband-Manager und einen Dauerkiffer. Doch der gestandene Agent macht aus der Not eine Tugend.

 

MOONWALKERS von Antoine Bardou-Jacquet (Universal Pictures)

 

MOONWALKERS ist ein feuchter LSD-Traum für alle Verschwörungsfanatiker und Raumfahrtbesessene, brüllend komisch, sogar recht blutig, derbe und ungemein charmant. Neben Perlman brilliert Ex-Ron Weasley Rupert Grint als Bandmanager Jonny, der kein Fettnäpfchen auslässt. Weil MOONWALKERS bereits als UK-Disc erhältlich ist, kann ich schon eine Empfehlung aussprechen.

 

WHAT WE BECOME von Bo Mikkelsen (Capelight Pictures)

 

Fünf wirkliche Kracher in diesem Jahr, aber auch der Rest scheint brauchbar zu sein. Mit EMELIE gibt es eine wirklich böse Babysitterin, in WHAT WE BECOME und PANDEMIC gibt es erneut Zombieviren und flitzende Infizierte, Survival-Endzeit-Freunde kommen eventuell mit THE SURVIVALIST auf ihre Kosten.

 

Auch für Actionfreunde ist mit VETERAN und HARDCORE was im Programm, letzterer allerdings nur in München, der neue Film von Produzent Timur Bekmambetov läuft am 02.04. um 23:00 Uhr als Special Screening in der bayrischen Landeshauptstadt.

 

HARDCORE von Ilya Naishuller (Capelight Pictures, Wild Bunch Germany)

 

Ich muss zugeben, ich bin höchst angetan vom Programm der diesjährigen Nights, da sind wirklich ein paar Filmperlen dabei, für die es sich lohnt, sie auf großer Leinwand zu erleben, bevor sie in den Videothekenregalen verkümmern. Insgesamt ein toller Auftakt für dieses Jahr, mal schauen, was das Hauptfestival im August so auf Lager hat und ob es 2016 auch wieder eine Winterausgabe der Nights gibt. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

 

Alle weiteren Infos zu Spielzeiten und Filmen findet ihr auf der offiziellen Fantasy Filmfest Seite.

 

 

 

 

One Comment

  1. Antworten

    […] Filmfest Nights statt, das Programm war mit BONE TOMAHAWK, BASKIN und DIBBUK ganz solide. Bei den Nights 2016 im April dagegen tummelten sich ein paar echte Hochkaräter des Genrefilmjahres (THE WITCH, GREEN […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de