30. Fantasy Filmfest

Ob man nun will oder nicht, ein neues FANTASY FILMFEST steht an, ein Jubiläum zugleich, das internationale Genrefilm-Festival wird heuer dreißig Jahr. Was für ein schöner, runder Geburtstag. Wird dieser eventuell besonders zelebriert, mit eine Retrospektive vielleicht, einem Best of oder wird wenigstens Friedrich Wilhelm Murnau exhumiert und irgendwo aufgebahrt? Leider nein. Auf den ersten flüchtigen Blick kommt das 30. FANTASY FILMFEST 2016 ziemlich unspektakulär daher. Kein Midnight Madness mehr, auch kein Focus Asia, aber das war bereits im letzten Jahr so. Aber leider auch kein echtes Highlight trotz bunter Genremischung.

 

Vielleicht liegt’s auch einfach nur am Wetter. Fairerweise muss man sagen, dass etwaige Großkaliber wie HIGH RISE, THE WITCH, GREEN ROOM und THE LOBSTER bereits auf den NIGHTS liefen, die müssen in die Jahrgangsbewertung ebenso mit einfließen wie auch eine mögliche Fortsetzung der WHITE NIGHTS im Dezember.

 

Egal jetzt, gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Schauen wir uns ein paar Sachen genauer an. Das Rahmenprogramm in diesem Jahr ist jedenfalls außergewöhnlich. Das Festival startet mit SWISS ARMY MAN, das Spielfilmdebüt von Daniel Scheinert und Dan Kwan.

 

Der Plot klingt bittersüß, ein gestrandeter Schiffbrüchiger will seinem einsamen Leben auf einer Insel ein Ende setzen, als eine Leiche an den Strand gespült wird und dem lebensmüden Hank (Paul Dano) neuen Mut gibt.

 

Klingt nach einer morbiden Variation von Robinson Crusoe und genau das scheint die skurrile Tragikomödie auch zu sein. Neben dem fantastischen Paul Dano (THERE WILL BE BLOOD, PRISONERS) “spielt” Ex-Harry Potter Daniel Radcliffe die Rolle des gestrandeten Leichnams. Im letzten Jahr war ich auch über KILL YOUR FRIENDS irritiert, der sich jedoch als fantastischer Eröffnungsfilm herausstellte. Vielleicht gelingt das SWISS ARMY MAN auch.

 

 

 

 

Bei den anderen drei Eckpfeilern des Programms jedoch schwankt mein Interesse. Das von Scorcese beeinflusste 60er Jahre Killerslum Drama PSYCHO RAMAN aus Indien als diesjähriges Centerpiece reizt mich da noch am ehesten. Ich bin kein großer Fan vom Filmfest-Dauergast Mike Mendez (BIG ASS SPIDER, LAVANTULA), dessen neuer Film DON’T KILL IT im Director’s Spotlight läuft. Immerhin eine Oldschool-Splatterkomödie mit Dolph Lundgren in der Hauptrolle. Zum Festivalabschluss läuft mit TRAIN TO BUSAN ein südkoreanisches Zombieendzeit-Epos, der mich allerdings nicht wirklich anzieht.

 

Das wahre Herzstück des Festivals aber bleibt der FRESH BLOOD Wettbewerb für Debüt- oder Zweitfilme. Da lohnt sich ein genauerer Blick. So wurde ich erst auf den Beitrag THE GREASY STRANGLER aufmerksam, als ich in der beschaulichen Filmographie des Regisseurs Jim Hosking wühlte.

 

Hosking hat für die Anthologie THE ABC’S OF DEATH 2 den Beitrag “G is for Granddad” inszeniert, mein persönliches Highlight des Films. Es ist die Geschichte des alten Opas, der in der Matratze seines Nachbarn lebt (“I´m here every night!”). Wenn THE GREASY STRANGLER auch nur annähernd so schräg und absurd ist, wird das mein diesjähriges Highlight.

 

 

Fresh Blood Wettbewerb 2016

 

In HAPPY BIRTHDAY geht es um eine eskalierende Geburtstagstour nach Mexiko, mit Schnaps und heißen Chikas, die leider oder besser Gott sei Dank in Menschenhandel und was weiß ich noch alles endet. Steve Tyler von Aerosmith spielt eine Nebenrolle, wenn das mal nix is. HERE ALONE ist ein weiterer Endzeit-Zombiefilm der poetisch-ruhigen Machart, aber davon gab es letztlich einfach zu viele (MAGGIE, THE SURVIVALIST). Interessanter klingt dagegen THE LESSON, ein Horror-Sozialdrama um das schlimmste Nachsitzen aller Zeiten. Regie führt die Schauspielerin Ruth Platt und ich mag solche Genrecrossover wie F – LONDON HIGHSCHOOL MASSACRE. Mal schauen.

 

THE PRIESTS, der in Südkorea 5,4 Millionen Zuschauer hatte, interessiert mich nicht wirklich, auch SCARE CAMPAIGN von den 100 BLOODY ACRES Machern Cameron und Colin Cairnes sieht eher nach Stangenware aus. THEY CALL ME JEEG ROBOT ist ein italienischer Superheldenfilm irgendwo zwischen TOXIC AVENGERS und Marvel, klingt witzig, is aber wohl eher auch nix für mich. Gespannt bin ich allerdings auf die letzten drei Wettbewerbsfilme.

 

Da wäre THE SIMILIARS aka LOS PARECIDOS aus Mexico, der als Liebeserklärung an den Science-Fiction-Film der 50er Jahre angepriesen wird und in Richtung INVASION DER KÖRPERFRESSER tendieren soll. Auf einem verlassenen Busbahnhof begegnen der Minenarbeiter Ulisses und eine hochschwangere Frau seltsamen Durchreisenden, deren Gesichter mutieren. Klingt spannend!

 

 

 

 

UNDER THE SHADOWS aus Iran, Jordanien und Katar erzählt die Geschichte einer Frau im Teheran der 80er Jahre, die während der islamischen Revolution einem Dämon begegnet. Scheiße ja, das sind die Geschichten, die ich sehen will, verdammt! So, genug aufgeregt.

 

Zu guter Letzt weiß ich nicht wirklich viel über den Film WE ARE THE FLESH aus Mexico und Frankreich, aber die Stichworte Endzeitdrama meets Mindfuck Fantasy und Psychohorror in fiebriger Farbgestaltung und verstörenden Soundcollagen reichen, um wahrscheinlich ein Ticket zu lösen.

 

Das restliche SELECTED-Programm besteht aus 37 Genrefilmen aller Couleur. Gibt es da etwas besonders erwähnenswertes? Mit ABBAITOR läuft der neue Film von SAW-Regisseur Darren Lynn Bousman, der gar nicht mal schlecht ausschaut, kein Torture Porn, sondern eine Haunted House Variation im 40er Jahre Noir Stil.

 

Selected 1

 

Fans von gutem, alten 80er Jahre VHS-Horror kommen vieleicht mit BEYOND THE GATES auf ihre Kosten, Horrorikone Barbara Crampton (RE-ANIMATOR) spielt auch mit. CARNAGE PARK ist der neue Film von Regisseur Mickey Keating, der mit P.O.D. und DARLING zumindest ordentliche Genreware abgeliefert hat und der nun auf den Pfaden von THE HILLS HAVE EYES wandelt.

 

Mit DESIERTO gibt Jonás Cuarón, Sohn von Alfonso Cuarón, sein Regiedebüt. Schaut alles nach einem packender Thriller an der mexikanischen Grenze aus, mit Jeffrey Dean Morgan (WATCHMEN) und Gael García Bernal (AMORES PERROS).

 

 

Selected 2

 

Kevin Smith ist nach TUSK auch wieder mit einem neuen Film am Start, der zweite Teil der “True North” Trilogie YOGA HOSERS soll eine 80er Jahre Teenie-Horrorklamotte werden, in den Hauptrollen seine Tochter Harley Quinn und Johnny Depps Sprössling Lily Rose. TUSK fand ich zwar völlig daneben, aber vielleicht hat Smiths neuer Film ja wieder etwas mehr von CLERKS oder DOGMA.

 

Noch drei Geheimtipps am Ende – mit THE DEVILS CANDY erscheint endlich der zweite Film von Regisseur Sean Byrne, dessen Debüt THE LOVED ONES ich über alles verehre. Bin sehr gespannt auf sein Zweitwerk und will gar nicht mehr über Story und so wissen im Vorfeld.

 

Auch mag ich ungemein den Film YELLOWBRICKROAD von Jesse Holland und Andy Mitton, die in diesem Jahr mit der Indie-Schauermär WE GO ON dabei sind. Darin geht es um nichts Geringeres als die Suche nach Beweisen für ein Leben nach dem Tod. Und zu Guter letzt schaut der französische-schwedische Horrorfilm INTO THE FOREST nach einem atmosphärisch dichten Gruselvergnügen mit talentierten Jungdarstellern aus.

 

 

Selected 3

 

So weit zu den Highlights in diesem Jahr. Schade, dass es LEATHERFACE von Alexandre Bustillo und Julien Maury (INSIDE) nicht ins Programm geschaffte hat, da bin ich sehr gespannt drauf. Aber was soll’s, wir schauen uns nach dem Festival wie immer die vermeintlichen Highlights nochmal an und ob sie den Erwartungen gerecht wurden. Bis dahin ein schönes Festival in allen Städten.

 

Alle Infos zum diesjährigen FANTASY FILMFEST findet ihr hier.

 

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] wählt man Filme aus und manchmal wird man von Filmen ausgewählt. In meiner Vorschau habe ich mangels Plakat den Horrorfilm INTO THE FOREST in den SELECTED-Boxen einfach unterschlagen. […]

  2. Antworten

    […] LIMEHOUSE GOLEM) tourt im September nun das Hauptfestival durch sieben deutsche Städte. Nach dem 30. Jubiläum im letzten Jahr nun also endlich wieder das volle, internationale Genreprogramm, ein Crowd Pleaser zur Eröffnung, […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de