Inclusion Riders In The Sky

Der Oscar, bekannt aus Funk und Fern und Foren, feiert im Jahr 2018 des Herrenwitzes seinen 90. Geburtstag. Alles Gute, du rüstiger Opa des Lindt Schokoladenosterhasen. Was war das für ´ne Party dieses Jahr! Hast all die jungen Hüpfer eingeladen wie Christopher Plummer oder Meryl Streep. Und unter den Stuhlreihen spielten die Kinderlein verstecken und suchten nach Resten der Carepakete vom Vorjahr. Ein Traum von einem Wiegenfest. Das war nicht immer so. Früher wurde oft gezankt. Und viele Kinder durften nicht mitspielen, beim Topfschlagen und bei Blinde Kuh. Aber mittlerweile ist das Spiel Blinde Kuh verpönt, weil es ausgrenzt. Blinde haben einfach keinen Spaß an Blinde Kuh.

 

Die Oscars haben es auch nicht leicht. Vor zwei Jahren noch wehrte sich die Academy gegen Whitewashing Vorwürfe, als der Braunbär gegen Leonardo DiCaprio im direkten Duell verlor. In diesem Jahr bestimmte die Sexismus Debatte das Geschehen. Das geht alles so rasant, dass die Oscars gar nicht hinterherkommen können. Wie soll man nur all den Debatten Tribut zollen? Und wo bleibt der Aufschrei aller anderen Ausgegrenzten? Me too ist schließlich für alle da! Wenn sich aber Opfer, Ausgegrenzte und Minderheiten zu Mehrheiten zusammenschließen, ist dann nicht plötzlich die Mehrheit in der Minderzahl? Was sollen die dann machen, sich ebenfalls zusammenschließen? Ein Teufelskreis.

 

Noch rennen die Oscars den Entwicklungen und Debatten hinterher, versuchen mittels Goldstatuen Trostpflaster zu verabreichen. Denn man darf auch nicht vergessen, die Oscars sind nicht politisch und waren es auch noch nie. Politisch waren die Filme, politisch waren die Stimmen der Nominierten und Ausgezeichneten. Die Oscars lassen sie nun aber gewähren. Man wird nicht mehr sofort von der Bühne trompetet, wenn man mal “Shame on you, Mr. Bush!” skandiert. Ist ja auch nicht immer ein Bush im Weißen Haus. Aber seitdem war ja immer irgendwas. In diesem Jahr allerdings gab es größere Erdrutsche, mehr Frauen, mehr Schwarze, mehr Latinos in allen Positionen. Was für eine Entwicklung nach nur 90 Jahren Oscargeschichte, dazu fällt einem fast gar nix Sarkastisches mehr ein.

 

Also Schluss jetzt mit dem Katzenjammern, ziehen wir lieber über Steven Gätjen her. Leider hat man sich an Gätjen schon zu sehr gewöhnt, als dass es einen noch wirklich berührt. Einzig der Augenblick, in dem Steven Gätjen mit Chewbacca verwechselt wurde, lockerte das wundersame Waranekucken am roten Teppichrand ein wenig auf. Viel peinlicher waren die beiden Saftnasen Viviane Geppert und Michael Michalsky und ihre posemuckeligen Wortneuschöpfungen wie “A-Listerinnen”, “Red Carpetition” oder “Champagner-Weiß” und die dringliche Frage, was da 2013 wohl in Jennifer Lawrence’ Kleid passiert ist. Wer würde das nicht auch wissen wollen? War das schon Sexismus?

 

Die Debatte um #metoo ist vor allem von Angst geprägt. Mark Hamill zum Beispiel musste aufpassen, keinen “Artoo- Metoo” Witz zum Besten zu geben. Die meisten mieden sogar das Reporterlicht, sogar die Vergabe der Darstellerpreise durch die Vorjahresgewinner wurde geändert, was wohl im Fall von Casey Affleck für Verwirrung gesorgt hätte. Denn es geht nicht um Sexismus, es geht um sexuelle Belästigung und um Missbrauch. Bei Kimmel allerdings war ich sicher, dass er das heikle Thema inteligent und witzig verpacken würde und es wurde sogar konkreter als erwartet. Der Oscar selbst wurde zum neuen Symbol der Debatte, schließlich hat er die Hände dort, wo man sie sehen kann, wird niemals ausfallend und hat keinen Penis. Aber er trägt ein Schwert und ich bin gespannt, wie das die Debatte um Waffenbesitz beeinflussen wird im nächsten Jahr.

 

 

Bester Nebendarsteller Sam Rockwell und Beste Hauptdarstellerin Frances McDormand vergoldet für THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

 

 

Trotz aller Umbrüche wurden in diesem Jahr aber auch Preise vergeben, will man gar nicht glauben. Erschreckenderweise habe ich 15 von 19 Kategorien richtig vorausgesagt. So zum Beispiel der überfällige Oscar für Sam Rockwell als bester Nebendarsteller für THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI und der Oscar für Allison Janney für I, TONYA. So ging es dann eine ganze Weile, ich bereute bereits meinen Facebook Post der Gewinner, nicht dass man mir Wahlbetrug oder Emailverkehr mit einem russischen Hacker namens Juri vorwirft. Kann aber auch sein, dass vieles erwartbar war wie die Technik Oscars für DUNKIRK, bestes Makeup für DARKEST HOUR oder bestes Szenenbild für THE SHAPE OF WATER. Doch als dann mit BLADE RUNNER 2049 für die besten visuellen Effekte ein Außenseiter gewann, wurde mir schon ein wenig mulmig.

 

Es war Oscar Nummer 10, bei dem ich richtig lag und auch Nummer 11 wurde treffsicher versenkt – das Beste Adaptierte Drehbuch ging an CALL ME BY YOUR NAME von James Ivory. Dann aber folgte der Oscar für das Beste Originaldrehbuch – die Trophäe ging an Jordan Peele für GET OUT. Ach Kinder. Bereits die Nominierung als Bester Film sorgte ein wenig für Stirnrunzeln, immerhin ist GET OUT ein Genrefilm, ein Horrorfilm. Doch vernahm ich im Vorfeld diesbezüglich weder Proteste noch Jubelstürme.

 

 

Überraschung: Jordan Peele gewinnt den Oscar für das Beste Originaldrehbuch für GET OUT

 

 

Vorweg, Film und Macher treffen keine Schuld, GET OUT ist ein ziemlich cooler Horrorfilm. Aber niemand sagt das, denn das würde nur ablenken. Hat jemand gehört oder gelesen: “Hey, endlich mal wieder ein Horrorfilm, der als Bester Film nominiert wurde, das gab es in 90 Jahren nur ganze sechs Mal!” Nein, GET OUT durfte einfach kein Horrorfilm sein, denn dazu passte er zu gut zur Whitewashing Debatte. Ist nun GET OUT ein politisch reaktionärer Film wie vielleicht BROKEBACK MOUNTAIN? Ich weiß nicht. Andersherum gefragt, wenn man einem Film sucht, der sich ernsthaft mit Rassendiskriminierung auseinandersetzt, fällt einem da als erstes GET OUT ein?

 

Ich mag GET OUT und halte ihn auch für eine clevere Metapher, das Ganze auch noch im Genre gespiegelt, Filmherz, was willst du mehr. Aber ich glaube auch, dass der Oscar für das Beste Drehbuch eine Überreaktion der Academy ist, ein Film zur rechten Zeit am rechten Ort, selbst der Regisseur twitterte “WTF?”. Hatte die Academy damit eher einen BLACK OUT? Ich meine, es kommt doch auch keiner auf die Idee, I SPIT ON YOUR GRAVE auszuzeichnen, weil er ein Statement gegen sexuellen Missbrauch darstellt. Am Ende von GET OUT (Achtung Spoiler!) bringt die Hauptfigur Chris Washington (Daniel Kaluuya) alle Weißen um. Das ist die Lösung innerhalb der Fiktion? Eine Lösung mit Oscar Auszeichnung? Von der großartigen Konkurrenz THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI von Martin McDonagh ganz zu schweigen. Ich freue mich natürlich für Jordan Peele, aber irgendwie hat das alles ein seltsames Geschmäckle.

 

Doch danach flutschte es wieder, der Oscar für die Beste Kamera ging zwar an BLADE RUNNER 2049 statt an DUNKRIK, aber wen interessiert das schon, außer die Kameramänner für BLADE RUNNER 2049 und DUNKIRK. Und warum hat hier nicht die einzige Kamerafrau gewonnen, wo wir schon mal dabei sind, das Feld radikal zu pflügen. Egal. Der Oscar für den besten Hauptdarsteller ging an Gary Oldman für DARKEST HOUR, das wurde auch langsam mal Zeit, diesen großen Mann zu ehren. Einen zweiten Goldjungen staubte danach Frances McDormand ab, natürlich zu Recht, sie war großartig in TBOEM (bestes Kürzel seit FBAWTFT). Das meine Favoritin Saorise Ronan nie gewinnt, damit muss ich wohl klarkommen. Aber irgendwann wird es auch darüber eine Debatte geben müssen.

 

 

Bester Film und Beste Regie gehen an THE SHAPE OF WATER und Guillermo del Toro

 

 

Am Ende siegte dann THE SHAPE OF WATER von Guillermo del Toro, der auch als Bester Regisseur ausgezeichnet wurde. Als Besten Film hatte ich THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI vermutet, aber als Faye Dunaway und Waren Beatty auf die Bühne kamen wusste ich, so einen schwierigen Filmtitel auszusprechen wird man ihnen nicht antun, das wär gemein. So gewinnt am Ende ein Genrefilm, ein grandioser Genrefilm und das ist dann wohl auch ein Sieg der Ausgegrenzten und Übergangenen. Genrefilme, die Oscars bekommen. Irre.

 

 

 

 

Zuletzt bleibt nur ein großes Fragzeichen – was meinte Frances McDormand mit den Worten “Inclusion Rider” am Ende ihrer Dankesrede? Oder sagte sie gar “Inclusion Writer”? Nein, es handelt sich um eine vertragliche Klausel in Verträgen, die ethnische und genderbezogene Diversität verlangt, sollte die nicht gegeben sein, kann der Vertragspartner aus diesem Vertrag aussteigen.

 

Vielleicht das nachhaltigste Statement des ganzen Abends, Stunden später war “Inclusion Rider” der meistgesuchte Begriff auf Google. Wirkungsvoller kann man die Debatte um Debatten nicht führen, da braucht es auch keinen Oscar für den Besten Film. Ob man sich in einigen Jahren noch an GET OUT als preisgekrönte Metapher auf Rassendiskriminierung erinnern wird, ist fraglich. An McDormans leidenschaftliche Worte wird man sich erinnern. Vielleicht bereits bei der 91. Oscars im nächten Jahr. Sprüh’s an jedes Billboard, neue Diversitäten braucht das Land.

 

 

 

Bester Film: THE SHAPE OF WATER
Bestes Originaldrehbuch: GET OUT
Bestes adaptiertes Drehbuch: CALL ME BY YOUR NAME
Beste Hauptdarstellerin: Frances McDormand für THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI
Bester Hauptdarsteller: Gary Oldman für THE DARKEST HOUR
Beste Nebendarstellerin: Alison Janney für I, TONYA
Bester Nebendarsteller: Sam Rockwell für THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI
Beste Regie: Guillermo Del Toro für THE SHAPE OF WATER
Bester fremdsprachiger Film: EINE FANTASTISCHE FRAU (Chile)
Bester Animationsfilm: COCO
Beste Kamera: BLADE RUNNER 2049
Bestes Szenenbild: THE SHAPE OF WATER
Bester Ton: DUNKIRK
Bester Tonschnitt: DUNKIRK
Bester Schnitt: DUNKIRK
Bestes Kostümdesign: DER SEIDENE FADEN
Bestes Make-up und Frisuren: THE DARKEST HOUR
Beste visuelle Effekte: BLADE RUNNER 2049
Beste Filmmusik: THE SHAPE OF WATER
Bester Filmsong: “Remember me” für COCO
Bester animierter Kurzfilm: DEAR BASKETBALL
Bester Kurzfilm: THE SILENT CHILD
Bester Dokumentarkurzfilm: HEAVEN IS A TRAFFIC JAM ON THE 405
Bester Dokumentarfilm: IKARUS

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de