Die kleine Genrefibel Teil 78: Asia Horror

Anfang der 90er Jahre, als nach dem Ende des kalten Krieges die weltlichen Schranken West und Ost fielen und die Globalisierung ihren Lauf nahm, galt er noch als Geheimtipp für hauptsächlich durch US-amerikanische Filme geprägte Cineasten mittleren Baujahrs – dabei hatte der asiatische Film bereits eine ebenso bewegte Kulturgeschichte hinter sich und vor allem noch vor sich. Obwohl sich kein Filmmarkt weltweit so schnell und kreativ weiterentwickelt hat wie das ostasiatische Kino, für manche blieb es auf ewig ein Pergament mit sieben verschnörkelten Schriftzeichen. Krude japanische Animes, Martial Arts Action aus Hong Kong, Bollywood, die Ballerepen eines John Woo oder der gute alte Godzilla, der Diskurs über das asiatische Kino schien damals, abseits dieser Schlagworte, nur unter echten Filmfreaks und Nerds stattzufinden. Heute, knapp 30 Jahre später, ist die Sicht eine völlig andere, denn die internationale Filmlandschaft und neue kreative Impulse werden maßgeblich vom asiatischen Kino bestimmt.

 

 

KWAIDAN (1964) von Masaki Kobayashi

 

 

Der asiatische Film aber bleibt ein Schlagwort, denn es fällt schwer, ihn zu verallgemeinern und in Genreschubladen zu stecken. Denn es sind vor allem Genregrenzen, welche der asiatische Film anders zieht als das traditionelle westliche Kino. Auch wenn der Begriff Asia Kino versucht, ein Sammelwort für eine schier unüberschaubare Masse an Genrefilmproduktionen östlicher Herkunft zu bilden, disqualifiziert sich die kontinentale Sicht darauf bereits in der weitergehenden Spezifizierung. Wir wollen uns heute mit dem asiatischen Horrorfilm beschäftigen, salopp auch Asia Horror genannt und die erste Erkenntnis innerhalb dieser Materie soll sein: den asiatischen Horrorfilm gibt es nicht. So riesig der Kontinent Asien ist, so verschieden sind die Filmkulturen ostasiatischer Länder wie Japan, Südkorea, Thailand, China, Hong Kong, Taiwan, Indonesien oder Indien. Bereisen wir also die großen asiatischen Filmmetropolen und begeben uns auf die Suche nach schaurigem, fernöstlichem Horror.

 

Kaidan, Kabuki, Yōkai, Yūrei

 

Die japanische Filmindustrie produziert weltweit die viertmeisten Spielfilme und damit gehört Japan zu den größten Filmnationen überhaupt. Neben Animes, Dramen und Action gehört der Horrorfilm zu den wichtigsten Filmgenres des Landes und auch zu dessen bekanntesten Exportgütern, und das nicht erst seit der sogenannten Japanhorrorfilmwelle in den späten 90er Jahren. Wenn auch die Ausprägungen von Horrorfilmen in asiatischen Ländern stofflich wie inszenatorisch unterschiedlich ausfallen, etwas eint sie alle und zwar die traditionelle Folklore und der Umgang mit Übernatürlichem und Übersinnlichem.

 

 

Ausgewählte japanische Geisterkreaturen von Katsushika Hokusai

 

 

Kulturell bedingt sind Asiaten dem Übernatürlichen weit aufgeschlossener als der Westen, während in Europa beispielweise noch finsterstes Mittelalter herrschte, gab es in Ostasien, speziell in Japan, bereits bedeutende Hochkulturen. Der Glaube an Geister und das Übernatürliche ist in Asien noch immer stark verankert, kein 13. Stockwerk in Hochhäusern, auch die Zahlen 4 und 9 werden ob ihrer Doppelbedeutung mit Wörtern “sterben” und “Leid” weitestgehend gemieden.

 

So ist auch der japanische Horrorfilm stark in der traditionellen Folklore des Landes verankert. Geistergeschichten existieren in der japanischen Literatur seit der Heian Periode zwischen 794–1185, ihre Blütezeit aber erlebten sie in der Edo Zeit zwischen 1603 bis 1868, als sich ein neues Genre der Literatur entwickelte – die sogenannten Kaidan. Jenes Kofferwort beinhaltet die Begriffe “kanji” für seltsam oder mysteriös und “dan” für Geschichten. Häufig übersetzt man Kaidan schlicht mit Geistergeschichten, aber sie waren vielfältiger als die westliche Auffassung von Horror, sie beinhalteten auch andere Tonalitäten, waren lustig, schräg und oft surreal.

 

 

Die Säulen des japanischen Horrorfilm: das traditionelle Kabuki- und Noh Theater, die Fabelwelt der Yōkai, “The Ghost of Oyuki” von Maryuama Okyo, die Geistergeschichte Yotsuya Kaidan (18259 von Tsuruya Nanboku IV, der erste japanische Horrorfilm MOMIJGARI (1899), A PAGE OF MADNESS (1926) von Kinugasa Teinosuke

 

 

In den Kaidan lagen bereits viele Archetypen des späteren japanischen Horrorfilms begründet, vor allem die japanische Geisterwelt, die der Yūrei, traditionelle Geisterwesen, sowie den Prototypen des japanischen Horrorfilms der 90er und 2000er Jahre – die Onryō, die rachsüchtigen Versionen von Geistern, meist Frauen mit weißen Gewändern und langen schwarzen Haaren. Geisterwesen aber sind nur ein Aspekt der Kaidan, die schrägen Geschichten wurden gleichsam auch von traditionellen Dämonen und Monstern bestimmt, wie die Frauendämonen Kijo und Onibaba oder Fabelwesen wie die Yokai.

 

Kaidan hatten großen Einfluss auf die japanische Kultur und beeinflussten vor dem Film vor allem das Theater, welches eine weitere Säule des zeitgenössischen Horrorfilms wurde. Als Inspiration diente vor allem das Kabuki Theater mit seinen seltsam-langsamen Bewegungen in Tanz und Pantomime und die schauderlichen Masken des Noh Theaters. Beide traditionellen Theaterformen bildeten den mythologischen Unterbau des späteren Horrorfilms, durch Masken und stilisierte Bewegungen.

 

Ghost of Godzilla

 

Literatur und Theater bildeten den Pfad zu den ersten japanischen Gehversuchen mit dem Medium Film. Das einflussreichste Werk dabei war die Adaption einer alten japanischen Geistergeschichte, welche 1825 von Tsuruya Namboku IV. als Kabuki Bühnenstück geschrieben wurde und in der westlichen Welt als Ghost Story of Yotsuya bekannte wurde – Yotsuya Kaidan. Es ist eine Geschichte um Verrat, Mord und die Rache eines Geistes. Eine Frau namens Oiwa wurde von ihrem Mann, einem Samurai, vergiftet, weil dieser eine neue Frau ehelichen möchte. Doch Oiwa kehrt von den Toten zurück und treibt ihren Mörder in Wahnsinn und Selbstmord.

 

 

GHOST STORY OF YOTSUYA (1959) von Nobuo Nakagawa

 

 

Yotsuya Kaidan ist somit auch der Ursprung für die filmischen Rachegeister der Onryō, die in unterschiedlicher Form immer wieder auftauchten und zu einem Symbol für den Siegeszug des J-Horrors Ende der 90er Jahre wurden. 1912 wurde Yotsuya Kaidan das erste mal verfilmt und bis heute gibt es knapp 30 Adaptionen des Stoffes, berühmt sind vor allem ein Klassiker aus dem Jahr 1949 von Keisuke Kinoshita und der 1959 erschienene GHOST STORY OF YOTSUYA.

 

Bereits in den Verfilmungen von Yotsuya Kaidan wurde ersichtlich, dass in Japan ein anderer Umgang mit Geistern und Übernatürlichem existierte und das manifestierte sich auch im Medium Film. Westlicher Horror basierte auch auf Archetypen, doch waren die Grenzen fast immer klar getrennt in Gut und Böse.

 

Japanische Geisterwesen waren tiefgründiger und nicht per se eine Bedrohung. Daraus resultierte, dass auch die filmische Fokussierung mehr Raum für Zwischentöne ließ und sich das Genre ambivalenter entwickelte. Auch international erregten die Verfilmungen von Yotsuya Kaidan für Aufsehen, wirklich Horror nannte man es nicht, dafür entstand der spezielle Begriff supernatural drama.

 

JIGOKU (1960) von Nobuo Nakagawa

ONIBABA (1964) von Kaneto Shindō

 

Der japanische Horrorfilm hatte seine erste Hochphase in den 50er und 60er Jahren. Doch war die nur zum Teil vom mythologischen supernatural drama geprägt. Eine andere Spielart des Horrors speiste sich nicht aus der traditionellen Folklore, sondern aus dem Schrecken der jüngeren Geschichte und Gegenwart, ein Element, welches bis heute stilprägend für den japanischen wie asiatischen Film ist. Die Reflektion des Gegenwärtigen wurde zuerst durch die Gräuel des 2. Weltkriegs thematisiert, insbesondere dem Abwurf der Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki. Das Trauma und die allgegenwärtige Furcht vor dem nuklearen Exodus und ihren Folgen bestimmten den japanischen Film jener Zeit genauso wie die traditionellen Kaidan.

 

 

GODZILLA (1954) von Ishirô Honda

 

 

GODZILLA aus dem Jahr 1954 ebnete den Weg der Monsterfilmwelle. Es war die Angst vor den nuklearen Auswirkungen, die in Filmen der 50er Jahre besonders sichtbar wurde. In MATANGO – ATTACK OF THE MUSHROOM PEOPLE von Godzilla Schöpfer Ishirô Honda aus dem Jahr 1963 verschlägt es eine Guppe Menschen auf eine Insel, nach dem Genuss von radioaktiv verseuchten Pilzen verwandelt sich die Schiffbrüchigen in obskure Pilzmenschen. So trashig das klingt, so ungewöhnlich war MATANGO allerdings, mischte Abenteuergeschichten á la Jules Verne mit der grassierenden Angst vor Kernenergie zu einem bizarren Überlebensdrama.

 

MATANGO (1964) von Ishirô Honda

GOKE – VAMPIR AUS DEM WELTALL (1968) von Hajime Sato

 

Als in den 50er Jahren Godzilla eine Welle von Kaiju-Filmen lostrat und Filme wie GHOST STORY OF YOTSUYA den Geisterfilm zum Subgenre supernatural drama mutieren ließ, war der japanische Horrorfilm auf der Spitze seiner Popularität und auch international erfolgreich. Dabei war das Filmland Japan alles andere als isoliert und der Einfluss westlicher Filme vor allem ab den 60er Jahren auch im japanischen Film sichtbar. In den 60er Jahren ging etwas von der theaterhaften Inszenierung, angelehnt an das Kabuki und Noh Theater, zugunsten neuer westlicher Filmtechnik und Effektgestaltung verloren. Das traf vor allem den japanischen Geisterfilm, der in den 60er Jahren von anderen Subgenres verdrängt wurde.

 

Japan…Extremes

 

Filmtechnik, darunter die Verwendung von Splatter und Gore sowie westliche Dramaturgie (suspense & thrill) hielten nun auch in japanischen Filmen Einzug. In den 60er und 70er Jahren kam es wie in Amerika und Europa auch in Japan zu einer Welle von Exploitationfilmen. Doch im Gegensatz zu westlichen Werken, die seinerzeit auch von einer moralischen Diskussion und Zensurmaßnahmen begleitet wurden, schien es im Land der aufgehenden Sonne kaum Grenzen zu geben. Die filmische Auslotung des Bizarren und Extremen hatte in Japan noch andere gesellschaftliche Hintergründe. Für ein Land von großer Demut und einer Tabuisierung von Sexualität ist es erstaunlich, welche filmisch extremen Ausmaße manche Werke jener Zeit annahmen. Für die Japaner war der Umgang mit solchen Stoffen auch ein Ausdruck der Reflektion ihrer eigenen Gesellschaft und Psychologie.

 

 

HAUSU (1977) von Nobuhiko Obayashi

 

 

So entstanden wahrlich obskure Filme und dubiose Subgenre wie der erotic ghost film (ONIBABA), Horror wurde gepaart mit Softcore Elementen (pink film) und Gewalt (pinky violence), Sado-Masochismus wurde thematisiert und es gab bereits surreale rape & revenge Verschnitte, bevor diese in den 70er Jahren auch in Amerika populär wurden. Anders herum beeinflusste beispielsweise der 70er Jahre Okkultfilm aus Amerika wie DER EXORZIST unde DAS OMEN das japanische Subgenrepedant des Okaruto.

 

HORRORS OF MALFORMED MAN (1969) von Teruo Ishii

SCHOOL OF THE HOLY BEAST (1974) von Noribumi Suzuki

 

In den 80er Jahren gipfelte das Ganze in einen wahren surrealen Splatterrausch, gegen den das amerikanische Horrorfilmkino geradezu bieder wirkte. Es war das Jahrzehnt des obskuren Splatterfilms, in denen Filmemacher Extreme austesteten. Nicht immer nur zum Selbstzweck, selbst in den berüchtigen GUINEA PIG Filmen steckte auch immer gesellschaftlicher Subtext und Kommentar. Ein Teil des Outputs aber war sichtlich von US-Horrorfilmen wie DAWN OF THE DEAD oder THE EVIL DEAD inspiriert. Japanische Filmemacher verlangten aber nicht ausschließlich eine Ausweitung der Extreme nur um des Effektes oder der Provokation wegen.

 

 

So beeinflussten auch surreale Werke wie die eines David Cronenbergs den japanischen Horrorfilm der späten 80er und frühen 90er Jahre wie TETSUO: THE IRON MAN (1989). TETSUO gilt als höchst eigenwilliges Kunstwerk zwischen den Polen (Body)Horror, Splatter und Experimentalfilm. Das Experimentieren mit verschiedenen Genres und Subgenres war ein Markenkern des japanischen Films, eventuell auch des gesamten asiatischen Films. In seinen Extremen allerdings war er damit weit weniger international vermarktbar als in früheren Dekaden. Die filmische Grenzerweiterung führte den japanischen Genrefilm Ende der 80er Jahre eher in eine Nische. Zwar wurde der japanische Horrorfilm dadurch zu einen Geheimtipp, aber sein internationaler Einfluss sank.

 

TETSUO: THE IRON MAN (1989) von Shin’ya Tsukamoto

964 PINOCCHIO (1991) von Shozin Fukui

 

Der japanische Horrorfilm brachte mit jedem Jahrzehnt eine neue Welle hervor, die Geistergeschichten nach den Kaidan und der Monsterfilm in den 50ern, der zunehmend blutige Horror in den 60ern, wilde Exploitation in den 70ern und das Jahrzehnts des obskuren Splatters und Gores in den 80er und frühen 90er Jahren. Doch dann besannen sich japanische Filmemacher wieder auf die ursprünglichen Wurzeln des Horrorfilms und es kam Ende der 90er Jahre zu einer zweiten goldenen Phase, die auch den internationalen Horrorfilm beeinflusste und ihm eine neue Richtung gab.

 

Wenn du stirbst, siehst du den…

 

Stein des Anstoßes war ein Roman aus dem Jahr 1991 aus der Feder des japanischen Autors Koji Suzuki namens “Ringu”. Darin ging es um ein mysteriöses Videoband und jeder, der dieses Video ansieht, stirbt nach sieben Tagen unter mysteriösen Umständen. 1995 wurde der Roman als TV-Film RINGU: KANZENBAN adaptiert, hinterließ allerdings kaum Wirkung beim japanischen Publikum. Erst der Kinofilm aus dem Jahre 1998 von Regisseur Hideo Nakata wurde ein großer Erfolg und erregte auch international Interesse. Genau genommen erschienen 1998 gleich zwei Verfilmungen nach den Büchern von Suzuki, doch im Gegensatz zu RINGU floppte die Produktion RASEN, während RINGU das zweite goldenen Zeitalter des japanischen Horrorfilms einläutete.

 

 

RINGU (1998) von Hideo Nakata

 

 

Aber es war nicht nur die Rückbesinnung auf die Kaidan und damit die Wiederbelebung jenes erfolgreichen Subgenres der 50er Jahre, was RINGU so besonders machte, war die Verquickung traditioneller japanischer Geisterfolklore mit der Gegenwart. RINGU ist im Kern die Rachegeschichte einer Onryō, der großes Unheil zuteil wurde und welche auf Vergeltung sann. Doch der Mittler zum zeitgenössischem Horror wurde die moderne Technik. Ein Geist, der sich auf einem Videoband manifestierte und durch ein Telefon den nahenden Tod ankündigte, schaffte die Verbindung der alten japanischen Geisterwelt mit der allgegenwärtigen Moderne.

 

 

Sadako kommt: die schaurige Schlusspointe aus RINGU stammt nicht aus Koji Suzukis Roman, sondern geht auf das inszenatorische Konto von Regisseur Hideo Nakata

 

 

Daneben gelang es Hideo Nakata mit RINGU auch, Elemente des westlichen Horrorfilms für seinen Exportschlager zu adaptieren. David Cronenbergs VIDEODROME stand für RINGU ebenso Pate wie der Fernseher als Mittler der Geisterwelt aus Tobe Hoopers POLTERGEIST. Zudem schuf Nakata auch inszenatorisch etwas völlig Neues, filmte die Bewegungen der Onryō rückwärts, was der Figur der heutigen Horrorikone Sadako einen bizarren Flair verlieh, der zu Teilen an Salvador Dalís und Luis Buñuels DER ANDALUSISCHE HUND erinnerte und experimentierte mit obskurem Sounddesign.

 

Back to the roots, aber mit einem modernen Twist, in dieser Form erregte RINGU international für Aufsehen. Doch in noch mehr unterschied sich RINGU von anderen, vornehmlich westlichen Horrorwerken. Das US-amerikanische Horrorkino verjüngte sich mit dem Erfolg von Wes Cravens SCREAM im Jahr 1996, die Protagonisten wie das Publikum waren nun Teenies, man sprach von Teeniehorror. Der japanische Horrorfilm aber hatte eine größere Zielgruppe, denn die Protagonisten waren keine Teens, sondern Erwachsene mit anderen Problematiken. Sie waren weniger isoliert wie Teeniebanden und High School Rabauken, die Familie stand im Mittelpunkt, denn die Familie ist der Kern der japanischen Gesellschaft.

 

 

Sadako goes US: Im US-amerikanischen Remake THE RING (2002) von Gore Verbinski wird aus Sadako Samara Morgan

 

 

Als RINGU 2002 ein US-Remake durch Gore Verbinskis THE RING erfuhr, wurden diese Elemente für den internationalen Kreativmarkt importiert. Der Begriff J-Horror entstand, er war kein Genrebegriff, sondern eher ein Marketingvehikel. Die Elemente waren immer dieselben, die Verknüpfung alter Sagen und Mythologien mit moderner Technik, das Vergangene bricht in die Gegenwart ein, zerrüttete Familienverhältnisse und ein hohes Maß an Symbolik (Wasser als Mittler und Pfad für Geister), so unvereinbar diese Elemente auf dem Papier erschienen, so bizarr das alles klang, inszenatorisch funktionierte es.

 

Sadako vs. Kayako

 

Nach dieser Formel funktionierte auch JU-ON (2000) von Takashi Shimizu, wenngleich er eine konventionellere Geistergeschichte erzählte. Der Ursprung des Rachegeistes basiert auf einem schrecklichen Mord in einem Haus in Tokio, welches seither von einem Onryō namens Kayako beseelt ist. Auch von JU-ON gab es zuerst direct-to-video Verfilmungen, bis im Zuge der Japan Horrorwelle Shimizu den Stoff fürs Kino adaptierte. Für die Japaner waren rachsüchtigen Geisterfrauen wie Sadako aus RINGU und Kayako aus JU-ON traditionelle Wesen wie für uns der Geist unterm Bettlaken. Für ein westliches Publikum aber waren sie völlig neu.

 

 

JU-ON: THE GRUDGE (2002) von Takashi Shimizu

 

 

Während in Japan zu den Filmen RINGU und JU-ON bis heute Fortsetzungen, Sequels und gar Crossover entstanden (SADAKO VS. KAYAKO, 2016), adaptierte man das Konzept bereits wenige Jahre nach RINGU im Jahr 2002 erstmals für den amerikanischen Markt. Mit THE RING von Gore Verbinski kam es auch im Westen zur sogenannten J-Horrorfilmwelle und das mit großem Erfolg. Das lag auch daran, dass man gar nicht krampfhaft versuchte, die Materie vollständig zu verwestlichen. THE RING von 2002 wurde zwar in Schauplatz und Figuren amerikanisiert, aber man übernahm die japanische Inszenierung, die langsame Erzählweise und die ungewöhnlichen Gruselelemente.

 

Während RINGU erzählerisch viel aussparte und es der Phantasie des Zuschauers überließ, wurde THE RING allerdings wesentlich konkreter erzählt, vor allem in der Ausarbeitung dessen, was man heute als Mystery bezeichnet. Damit hob sich THE RING immer noch deutlich von damaligen Horrofilmproduktionen ab, noch immer regierten in den Staaten Teenieslasher, es gab seinerzeit den achten HALLOWEEN- sowie den zehnten JASON VORHEES-Aufguss. Aber Verbinskys erzählte THE RING auch überaus figurenbezogenen, ähnlich THE SIXTH SENSE (1999), die Protagonstin von THE RING war eine alleinerziehende Mutter, die Story ein Rätsel zum Mitdenken und die Atmosphäre wieder dem Okkulthorrofilm der 70er Jahre entliehen.

 

 

THE GRUDGE (2004) von Takashi Shimizu ist eigentlich bereits das zweite Remake des Stoffes. Shimizu inszenierte in den Staaten auch THE GRUDGE 2 (2006), THE GRUDGE 3 von Toby Wilkins kam 2009 nur fürs Heimkino.

 

 

Durch diese Essenzen ebnete THE RING auch den Weg des Mystery Horrorfilms ab 2000. Im Gegensatz zu anderen internationalen Adaptionen aber wollte man innerhalb der J-Horrorwelle nicht nur den Stoff adaptieren, sondern bot japanischen Filmemachern gleich die heimische Leinwand an, den Landsleuten das Fürchten zu lehren. 2004 durfte Takashi Shimizu seinen Film JU-ON als THE GRUDGE in den Staaten neu inszenieren, nachdem THE EVIL DEAD Schöpfer Sam Raimi die Rechte am japanischen Original für den Heimmarkt erwarb. Ähnlich lief es mit Hideo Nakata, der die Fortsetzung THE RING 2 in den USA selbst inszenieren durfte.

 

 

Onryō Crossover: SADAKO VS KAYAKO (2016) von Kōji Shiraishi

 

 

Leider gelang es beiden Regisseuren nicht, eine ähnliche Wirkung wie in ihren Originalwerken zu erzeugen. Schuld daran waren weniger Fremdbestimmung durch US-Produzenten, Shimizu und Nakata hatten größtenteils freie Hand in ihrer Ausarbeitung. Doch während die J-Horrorwelle Mitte der 2000er in den Staaten richtig losging, war der japanische, aber auch der gesamte ostasiatische Film schon wieder ein wenig weiter. Denn es gab auch aus anderen ostasiatischen Ländern nach dem Erfolg von RINGU und JU-ON Mitbewerber und dazugehörige Adaptionen für andere Märkte.

 

 

In Japan endete die zweite Hochphase des supernatural dramas bereits wieder, als THE RING 2 und THE GRUDGE 2 starteten. Was nicht bedeutete, dass der Horrorfilm wieder an Zugkraft verlor, es gab vielmehr inhaltliche und stilistische Verschiebungen. In den späten 2000ern reflektierten japanische Horrorfilme stärker gesellschaftliche Themen. Ein Land mit so hoher Bevölkerungsdichte und einen enorm starken Wirtschaftswachstum brachte auch Schattenseiten für die Gesellschaft, vorrangig war das die Vereinsamung des Individuums innerhalb der Masse, ein gesellschaftlicher Kollaps und einer damit verbundenen hohen Suizid Rate.

 

 

Folklore und Extreme im Wechsel: Nach der J-Horrorfilmwelle kehrte der Splatter- und Torture Film mit GROTESQUE (2009) von Kōji Shiraishi zurück, 2017 gab es köstliche Found Footage Zombie Comedy mit ONE CUT OF THE DEAD von Shinichiro Ueda, das supernatural drama kehrte 2018 mit IT COMES von Tetsuya Nakashima auf die Leinwand zurück.

 

 

Daneben wanden sich japanische Filmemacher auch wieder anderen Subgenres abseits des Geisterfilms zu, was den japanischen Horrorfilm wieder etwas konventioneller, aber auch international vermarktbarer machte. So gaben sich auch in Japan nun Zombies die Ehre, Horror verband man mit Comedy, hier und da wuchsen wieder wilde Splatterorgien aus dem Boden, die Folklore wurde rar. International schien es so, als liefen andere ostasiatische Länder Japan den Rang als Exporteure neuer Genrewelten ab.

 

Korean New Wave

 

In Folge des Siegeszuges japanischer Horrorfilmexporte und Neuverfilmungen erschienen ostasiatische Filme für US-Produzenten eine Goldquelle für neue Stoffe. So wurde fleißig gesucht und gefunden. 2003 fand man einen solchen neuen, wenngleich auch traditionellen Horrorstoff in einem südkoreanischen Kassenerfolg – A TALE OF TWO SISTERS von Kim Jee-woon. Es war zudem der erste südkoreanische Horrorfilm, der im US-Kino lief. 2009 erschien das US-amerikanische Remake THE UNIVITED (DER FLUCH DER 2 SCHWESTERN) von Charles und Thomas Guard und etablierte im Westen den Begriff K-Horror.

 

 

A TALE OF TWO SISTERS (2004) von Kim Jee-woon

 

 

Dabei war A TALE OF TWO SISTERS kein Horrorneuling und die südkoranische Filmproduktion bei Weitem keine Nische. Ebenso wie in Japan ist die südkoreanische Filmproduktion extrem vielfältig und erfolgreich in ihrem Heimland, weltweit stellt Südkorea den fünftgrößten Filmmarkt nach Zuschauern dar. Doch Südkorea hatte eine weit schwierigere Kulturgeschichte, stand bis 1945 unter japanischer Kolonialherrschaft, es folgten Jahrzehnte der Zensur, bis es in den 80er Jahren zu einem demokratischen Umbruch kam.

 

 

Die südkoreanische Horror Franchise um WHISPERING CORRIDORS brachte es bislang auf fünf Filme: WHISPERING CORRIDORS (1998) von Park Ki-hyung, MEMENTO MORI (1999) von Kim Tae-yong & Min Kyu-dong & WISHING STAIRS (2003) von Yun Jae-yeon . Es folgten noch VOICE (2005) und A BLOOD PLEDGE (2009).

 

 

Südkorea hatte jeher eine lange und erfolgreiche Filmtradition. Doch als 1998 in Japan RINGU in die Kinos kam, schien das Land der aufgehenden Sonne Südkorea in Sachen Genrefilm den Rang abzulaufen. 1998 war er südkoreanische Film an einer neuen Schwelle, die demokratischen Bestrebungen im Kulturbetrieb mündeten in die sogenannte Korean New Wave, davon profitierte auch der Horrorfilm, als mit WHISPERING CORRIDORS 1998 der erste neue Film dieses Umbruchs in die Kinos kam. Im Gegensatz zu Japan aber lag der Fokus nach diversen Erfolgen an der Kinokasse nicht ausschließlich im Genre Horror. Südkorea pflegte jeher eine filmische Tradition mit der gesamten Bandbreit des Genrefilms, heute sogar mehr denn je.

 

Auch südkoreanische Horrorfilme speisen sich aus der traditionellen Folklore des Landes und ihrer Geisterwelt. Die Filmsprache ist zwar wesentlich melodramatischer geprägt, aber auch das basiert auf einer japanischen Form des Theaters während der Kolonialzeit, dem Shinpa. Jenes Theater war erzählerisch von großer Melancholie, Pessimismus und Tragik geprägt. Diese Elemente finden sich heute in fast allen Genreproduktionen aus Südkorea, Themen wie Folter, Missbrauch, Kriegstraumata und psychologische Abgründe sind hier ungleich häufiger zu finden als in anderen ostasiatischen Filmen.

 

Inszenatorisch war der südkoreanische Film dem Japanischen sogar weit voraus. Der japanische Film war wesentlich konventioneller inszeniert, im Gegensatz zu westlichen Produktionen zwar ungleich abstrakter, doch der südkoreanische Film war noch stilisierter und künstlerischer. Hinzu kommt eine ebenso freie, aber noch stärkere Interpretation und Gewichtung verschiedener Genres. Das alles macht den südkoreanischen Film abstrakter und schwieriger zu dechiffrieren.

 

 

INTO THE MIRROR (2003) von Kim Seong-ho

 

 

A TALE OF TWO SISTERS basiert auf einem ebenso einflussreichen literarischen Werk wie die japanische Yotsuya Kaidan, Janghwa Hongnyeon Jeon oder die Geschichte von Rose und Lotus. Die Geschichte um die zwei Schwestern und ihrer bösen Stiefmutter ist ein koreanisches Volksmärchen und wurde bereits 1924 das erste Mal verfilmt. Inhaltlich stark abgewandelt erschien 1960 eine Adaption des Stoffes mit HANJO – DAS HAUSMÄDCHEN, welcher bereits international erfolgreich war. Auch A TALE OF TWO SISTERS basiert auf der Volkssage und machte ein internationales Publikum auf den südkoreanischen Horrorfilm aufmerksam.

 

THE UNINVITED (2009, DER FLUCH DER 2 SCHWESTERN) von Charles und Thomas Guard

MIRRORS (2008) von Alexandre Aja

 

Mit A TALE OF TWO SISTERS und dem 2003 erschienene INTO THE MIRROR sahen US-Produzenten einen neuen Trend und brachten diese Filme als Remakes in die US-Kinos. Doch die südkoreanische Filmproduktion ließ sich, anders als die Japaner, nicht so stark vom internationalen Interesse am hiesigen Horrorfilm diktieren. Im Zuge der korean film wave emanzipierten sich Filmemacher von den Restriktionen der Filmzensur und konzentrierten sich auf die Auslotung ihrer eigenen Gesellschaft. Das macht das südkoreanische Kino so verteufelt gut und deshalb sind es heute die Originale, die weltweit auf Festivals oder auf dem Genrefilmmarkt für Furore sorgen.

 

Die Bandbreite an Genres und Genrecrossovern ist im südkoreanischen Film beinahe grenzenlos. Blutige Thriller und rasante Action, düstere Rachegeschichten, Psychodramen, Monsterfilme, Fantasy, Südkorea scheint es wie kaum einer andere Filmnation zu gelingen, Genres miteinander zu verknüpfen, daraus etwas Neues zu erschaffen, neue Formen zu finden und damit Geschichten für den internationalen Markt zu produzieren, ohne die eigenen Ursprünge und Traditionen zu verleugnen.

 

 

OLDBOY, I SAW THE DEVIL, BEDEVILLED, MOTHER, THIRST, THE WAILING – die Liste von unkonventionellen, tiefgründigen wie fesselnden Genremixen aus Südkorea ist lang und heute gilt der südkoreanische Genrefilm als Speersitze der Stilisierung und Inszenierung. Auch wenn US-Produzenten gern den K-Horror als zweites Importstandbein ihrer eigenen Filme vereinnahmt hätten, die südkoreanische Filmproduktion hat es sich nicht diktieren lassen.

 

 

Fesselnde Genrewelten aus Südkorea, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Rachethriller mit Horrorelementen in BEDEVILLED (2010) von Jang Cheol-soo, Vampire in THIRST (2009) von Park Chan-wook & Creature Horror mit THE HOST (2007) von Bong Joon-ho

 

 

In Japan mag wesentlich mehr Horror produziert und exportiert worden sein, stilistisch und in der Auslotung von Genregrenzen war ihm Südkorea immer weit voraus. Erst in den letzten Jahren erschienen wieder vermehrt Horrorfilmproduktionen, auch haben sie sich inszenatorisch wie thematisch stärker internationalisiert (TRAIN TO BUSAN, GONJIAM HAUNTED ASYLUM). Dennoch sind auch die wesentlich künstlerischer als Produktionen anderer ostasiatischer Länder.

 

 

TRAIN TO BUSAN (2016) von Sang-Ho Yeon

 

 

Man darf nicht außer Acht lassen, dass sich in Japan und Südkorea, trotz ihrer bewegten Geschichte, feste demokratische Strukturen entwickelt haben. Andere ostasiatische Länder beziehungsweise Filmemacher hatten da mit größeren Problemen zu kämpfen. Fast jede große Filmnation aus Ostasien hat es zu einem Exportschlager in Sachen Horror geschafft, aber nicht jedes Land hatte die Freiheit im Umgang mit Horror und einer damit verbundenen Reflektion ihrer Gesellschaft.

 

No Chinese Ghost Stories

 

In den letzten Jahren erreichte auch Thailand einen international beachteten Horrorfilmoutput, allerdings nicht so stark, dass man von einer T-Horrorwelle sprechen konnte. Mit SHUTTER von Banjong Pisanthanakun und Parkpoom Wongpoom entstand 2004 in der Hochphase des J- und K-Horrorbooms ein thailändischer Film, der ebenso erfolgreich in den Westen exportiert wurde und 2008 ein US-Remake erhielt. In der eher traditionellen Geistergeschichte wird der Fotograf Tun vom Geist einer jungen Frau heimgesucht, denn etwas lastet schwer auf den Schultern von Tun – er hat einst ein Mädchen überfahren und Fahrerflucht begangen.

 

 

SHUTTER (2004) von Banjong Pisanthanakun & Parkpoom Wongpoom

 

 

Auch andere thailändische Regisseure fanden in der Folklore ihres Landes genug Stoff für mystische Horrorfilme. Doch Thailand hatte auch mit großen Problemen zu kämpfen. Einerseits war der Westen an Thailand mehr als Kulissengeber für eigene Großproduktionen interessiert. Andererseits erschwerte eine inländische Zensur Filmemachern jahrelang die freie Gestaltung. In Thailand entschied eine Kommission aus Politikern und Religionsangehörigen über die Auswahl, Freigabe und Zensur verschiedener Filmvorhaben. Zwar gilt ab 2007 eine neue gesetzliche Regelung, hervorgerufen durch die Kampagne “Free Thai Cinema Movement”, doch wirklich frei wurden thailändische Filmemacher dadurch nicht.

 

 

Im Gegensatz zu China bezieht sich die Kontrolle und Zensur aber weniger auf Restriktionen eines kommunistischen Regime als auf den angeblichen Schutz des Kulturerbes. Beispielsweise wurde der Film MEAT GRINDER aus dem Jahr 2008 zur Zensur verpflichtet, weil die thailändischen Behörden hier die Gefahr sahen, dass das thailändische Essen in ein schlechtes Licht gerückt wird.

 

 

MEAT GRINDER (2009) von Tiwa Moeithaisong

 

 

Natürlich fällt es der westlichen Welt oft schwer, fremdländische Kulturen zu verstehen und eben auch Restriktionen und Zensuren nachzuvollziehen. Weit obskurer noch als in Thailand trifft das auf das chinesische Kino zu, dessen Regularien nur zum Teil politisch motiviert sind. Zensur und Repression aus China als politisches Kalkül sollen hier aber nicht Thema sein. Was aber ist mit dem chinesischem Horrorfilm? Hat China nicht eine ebenso vielfältige Folklore und Geisterwelt?

 

 

HAUNTING LOVE (2012) von Ting Liang

 

 

China besitzt eine fulminante Folklore. Im Jahr 2008 jedoch trat in China ein Gesetz in Kraft, welches praktisch die filmische Darstellung von Übernatürlichem im Film verbot. In China existiert kein Bewertungssystem für Filme, sie werden ganzheitlich oder nur nach einzelnen Szenen bewertet. Dann aber traf es das ganze Horrorgenre, beziehungsweise die Darstellung von Geistern und übernatürlichen Wesen. Gemeint sind damit, um genauer zu sein, echte Geister, weil diese Aberglauben suggerieren. Kommen solche Wesen nur in der Vorstellung oder in Träumen der Protagonisten vor, gilt dieses Verbot jedoch nicht.

 

 

Das führte ironischerweise dazu, dass die wenigen chinesischen Horrorfilmmacher gezwungen waren, kreative Lösungen für dieses Problem zu finden. Dass aus diversen Kompromissen nur selten auch gute Horrorfilme entstehen, liegt auf der Hand, bzw. sind der Beleg dafür, warum man kaum einen chinesischen Horrorfilm kennt. Die Begründung des Regimes liegt in der Beeinflussung junger Staatsbürger und ein genereller negativer Effekt auf die Gesellschaft. Das heißt aber nicht, dass es keinerlei chinesische Horrorfilme gibt. Nur kommen die eher aus der Sparte Horrorkomödie oder sind derart übererklärend, dass sie das Übernatürliche völlig aus den Konzepten herausargumentieren.

 

Dennoch ist das chinesischen Festlandes nur ein Teil des chinesischen Filmmarktes, die anderen beiden Säulen bestehen aus Hongkong und Taiwan, die sich autark davon entwickelt haben. Insbesondere der Hongkong Film genießt seit jeher einen exzellenten internationalen Ruf und gilt als einflussreichste Genreschmiede auch für den US-amerikanischen Film. So hat neben Martial Arts Filmen, John Woos Heroic Bloodsheet Werken und Exportschlagern wie INFERNAL AFFAIRS auch der Horrorfilm einen hohen Stellenwert im Hongkong Film, welcher stark auf Unterhaltung fokussiert ist.

 

 

THE EYE (2002) von Oxide Pang Chun & Danny Pang Phat

 

 

THE EYE von den Pang Brothers aus dem Jahr 2002 gilt als Exporthit im Zuge des Asia-Horrorfilmbooms Anfang der 2000er Jahre, von dem es nicht nur mehrere Fortsetzungen gab, sondern auch Remakes außerhalb der Staaten. Ähnlich wie in RINGU verbindet THE EYE traditionelle Geisterfolklore mit moderner Technik. Nach einer Augenoperation kann die Violinistin Mun wieder sehen. Nur sieht sie nun auch die Geister der Verstorbenen und macht sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer Organspende.

 

THE TAG ALONG (2015) von Cheng Wei-hao

THE BRIDE (2015) von Lingo Hsieh

 

Der taiwanesische Horrorfilm indes entwickelte sich erst später zum Erfolg, wenngleich mehr im Inland denn als Export. 2015 erschienen zwei große Box Office Hits in Taiwan, TAG ALONG und THE BRIDE, beiden Filmen lag ebenso eine Verquickung von Folklore und Moderne inne. Taiwans Kino wird zwar mehrheitlich von Komödien und RomComs bestimmt, aber der globale Erfolg von Genrefilmen, insbesondere Horrorfilmen stachelt auch taiwanesische Filmemscher an.

 

Indonesian Folklore Horror

 

Ganz anders in Indonesien. Neben Malaisia gilt Indonesien als aufstrebendes Genrefilmland, nicht erst seit dem internationalen Erfolg von THE RAID aus dem Jahr 2012. In Indonesien werden im Verhältnis zum Gesamtoutput an Genre überdurchschnittlich viele Horrorfilme produziert. Zwischen 1998 und 2008 waren von 281 produzierten Filmen über 70 Horrorfilme. Noch ist das ein eher inländisches Phänomen, aber der indonesische Horrorfilm scheint an der Schwelle, auch international Akzente zu setzen.

 

 

Horror aus Indonesien: MACABRE (2009) von Kimo Stamboel & Timo Tjahjanto, THE 3RD EYE (2017) von Rocky Soraya, SATAN’S SLAVES (2018) von Joko Anwar

 

 

2009 erschien der erste indonesische Slasherfilm MACABRE und sorgte auch international für Aufsehen, obgleich aus Indonesien hauptsächlich traditionelle Geisterfilme kommen. In den letzten Jahren gibt es einige bemerkenswerte Horrorfilmproduktionen wie THE DOLL, THE 3RD EYE, SATANS SLAVE, SUZZANNA: BURIED ALIVE oder SABRINA, welche im Inland stets die Spitze der Kinocharts anführen und auch auf internationalen Genrefilmfestivals begeistern. Es wird mit Sicherheit nicht zu einer neuen I-Filmwelle kommen, doch der indonesische Horrorfilm scheint derzeit das meiste Potential zu haben.

 

 

Dachte sich wohl auch HBO und ließ die neue Horror-Anthologieserie FOLKLORE mit dem bemerkenswerten indonesischen Beitrag A MOTHERS LOVE beginnen, der einem wirklich das Fürchten lehrt. Seit gut 30 Jahren wird das internationale Horrorfilmgeschäft nun schon vom asiatischen Horrorfilm beeinflusst und flankiert. Die große Remakewelle mag vorbei sein, gut so, denn das gibt den Originalen mehr Möglichkeiten der Auswertung, Fans gieren ohnehin ständig nach neuer asiatischer Genreware. Und im Gegensatz zu den späten 90er Jahren sind das auch keine Geheimtipps mehr, die man auf schlechten VHS-Kopien zu Gesicht bekommt.

 

 

HBO Asia produzierte die sechsteilige Horror Anthologieserie FOLKLORE mit Beiträgen aus Indonesien, Japan, Singapur, Thailand, Malaysia & Südkorea

 

 

Auch scheint es keine wirkliche Sättigung zu geben, denn es herrscht im asiatischen Genrefilm selten Stillstand. Die Onryō aus RINGU und JU-ON sind längst zu Horrorikonen neben Freddy Krüger oder Jason Vorhees geworden, vielleicht sogar zum Klischee. Aber wenn es in asiatischen Geisterfilmen erneut knarzt und röchelt, wissen sie immer noch zu gruseln. Am wichtigsten aber bleibt die Aufbruchstimmung für Filmemacher aus aller Welt, denn Horror bleibt eine globale Sprache, Folklore dient als unheimlicher Dialekt. Vielleicht kommen auch aus anderen Asiatischen Ländern aufregende Horrorfilme, aus dem Nahen Osten zum Beispiel.

 

 

Dreiteilige Horror-Minierie aus Indien: GHUL (2018) von Patrick Graham, verfügbar auf NETFLIX

 

 

Der US-amerikanische hat im Gegensatz zum asiatischen Horrorfilm den Nachteil, nicht wirklich über eine langlebige Folklore zu verfügen, was man auch in der Rezeption und Inszenierung erkennen kann. Vieles muss erklärt werden. Die Basis dafür ist beim asiatischen Genrefilm eine ganz andere. Eine Befruchtung mit anderen Kulturen tut immer gut, auch im Horrorfilm. Wenn die weiterhin so stilvoll und beklemmend daherkommt wie beispielsweise im südkoreanischen oder indonesischen Horrorfilm, dann stehen uns Horrorfilmfreunden noch schauderliche Zeiten bevor.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

One Comment

  1. Antworten
    Christian Hempel 25. Oktober 2019

    Filmtitel der Bildkarten, von links oben nach rechts unten:

     

    Japan Horror Classics: GHOST STORY OF YOTSUYA, JIGOKU, MATANGO – FUNGUS OF TERROR, KWAIDAN, ONIBABA, KURONEKO, THE SNOW WOMAN, GOKE – VAMPIR AUS DEM WELTALL, HORRORS OF MALFORMED MAN, SHURA, THE INUGAMI FAMILY

     

    Japan Horror Classics 2: EVIL DEAD TRAP, YOMA – CURSE OF THE UNDEAD, TETSUO: THE IRON MAN, 964 PINOCCHIO, TOIRE NO HANAKO SAN, THE BLACK HOUSE, PERFECT BLUE, CURE, ICHY KILLER GEMINI – DER TÖDLICHE ZWILLING, TOMIE, BATTLE ROYAL, VAMPIRE HUNTER D

     

    Japan Horror Classics 3: UZUMAKI: OUT OF THE WORLD, KAIRO (PULSE), DARK WATER, SUICIDE CIRCLE, MAREBITO, ZOO, HAZE, STRANGE CIRCUS, NOROI – THE CURSE, REINCARNATION (RINNE), PAPRIKA, RETRIBIUTION

     

    Japan Horror Classics 4: NIGHTMARE DETECTIVE, CARVED SLITH MOUTHED WOMAN, TOKYO GORE POLICE, SHOCK LABYRINTH 3D, TEKE TEKE, GROTESQUE, GUILTY OF ROMANCE, RAPE ZOMBIES – LUST OF THE DEAD, TAG – A HIGH SCHOOL SPLATTER FILM, THE COMPLEX, THE SNOW WOMAN, ONE CUT OF THE DEAD, IT COMES

     

    Takashi Miike: ICHY, THE KILLER, AUDITION, ONE MISSED CALL, LESSONS OF EVIL, KUIME, AS THE GODS WILL, IMPRINT, THE HAPPINESS OF THE KATAKURIS, YAKUZA APOCALYPSE, GOZU, LAPLACE’S WITCH, THREE…EXTREMES

     

    Ring Franchise: RINGU: KANZENBAN, RINGU, RASEN, RINGU 2, RING 0, THE RING VIRUS, SADAKO 3D, SADAKO 3D 2, SADAKO, THE RING, THE RING 2, THE RING 3

     

    Ju-On Franchise: JU-ON: THE CURSE, JU-ON: THE CURSE 2, JU-ON: THE GRUDGE, JU-ON: THE GRUDGE 2, JU-ON: WHITE GHOST, JU-ON: BLACK GHOST, JU-ON: THE FINAL CURSE, SADAKO VS. KAYAKO, THE GRUDGE, THE GRUDGE 2, THE GRUDGE 3, THE GRUDGE 2020

     

    Korean Horror Classics: WHISPERING CORRIDORS, MEMENTO MORI, A TALE OF TWO SISTERS, ACACIA – ROOTS OF EVIL, APT, ARANG, CELLO, CINDERELLA, WHITE MELODY OF THE CURSE, DEATH BELL, INTO THE MIRROR, PHONE

     

    Korean Horror Classics 2: RYEONG, RED EYE, HÄNSEL & GRETEL, THIRST, I SAW THE DEVIL, BEDEVILLED, DONT CLICK, THE WAILING, TRAIN TO BUSAN, GONJIAN HAUNTED ASYLUM, THE WRATH, 0,00mhz

     

    Thai Horror Classics: BANGKOK HAUNTED, NANG NAK, SHUTTER, ART OF THE DEVIL, THE UNSEEABLE, LAA THAA PHII – GHOST GAME, ALONE, TRAIN OF THE DEAD, 4BIA, COMING SOON, MEAT GRINDER, LADDA LAND

     

    Thai Horror Classics 2: DARK FLIGHT – GHOSTS ON A PLANE, 3AM 3D, PEE MAK, LONG WEEKEND, LOVE RAIN, SIAM SQUARE, GHOST HOUSE, THE PROMISE, VIRAL, RESIDE

     

    Hongkong Horror Classics: THE EYE, DREAM HOME, DUMPLINGS, THE CHILDS EYE, DEAD AIR, RE-CYCLE, HONG KONG GHOST STORIES, ABNORMAL BEAUTY, THE PARK 3D, THE HAUNTED GHOST, TALES FROM THE DARK, RIGOR MORTIS

     

    Chinese Horror Classics: LIFT TO HELL, THE HOUSE THAT NEVER DIES, MYSTERIOUS ISLAND, THE STRANGE HOUSE, BLOOD STAINED SHOES, DEAD SIGN, THE CRYSALIS, THE POSSESSED, BUNSHINSABA, THE INCREDIBLE TRUTH, HAUNTED ROAD

     

    Taiwan / Singapur / Indoniesien: THE HEIRLROOM, THE TAG ALONG, THE BRIDE, 23:59, BRING BACK THE DEAD, GHOST ON AIR, MACABRE, SATAN’S SLAVES, DER TEUFEL SOLL DICH HOLEN, ASIH, RASUK, DANUR

     

    Indian Horror Movies: LAPACHAPI, GHUL, TUMBBAD, PARI, YAVARUM NALAM, PISASU, CLICK, PIZZA, GAME OVER, NAINA, ROKK, BHOOT

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de