Die kleine Genrefibel Teil 74: Hardest Sci-Fi

Willkommen zurück an Bord der kleinen Genrefibel, werte Astrophysiker und Nanologen, und wieder befassen wir uns mit einer der großen Säulen der Phantastik, der Science-Fiction. Im Periodensystem der Genreelemente allerdings gibt sich die Science-Fiction weniger variabel als beispielsweise der Horrorfilm, der sich in dutzende Subgenres unterteilt. Science-Fiction und Fantasy im Film verästeln sich nicht so kapillarartig, ihre Prägungen erfuhren sie vielmehr aus der Literatur. Innerhalb des Science-Fiction Films gibt es vermehrt Fehldeutungen und irrige Annahmen. STAR WARS ist Fantasy, STAR TREK dagegen Science-Fiction? Keins von beiden ist faktisch richtig. Was also ist Science-Fiction und wie kann man diese Säule der Phantastik genauer unterteilen?

 

Die Science-Fiction befasst sich mit wissenschaftlichen und technischen Spekulationen, zudem der Weiterführung des Gedanken, wie Technik und/oder Zivilisation in der Zukunft gestaltet sind. In der Science-Fiction gibt es keinen Platz für Übernatürliches wie Zauberei, Welten, die mit Hilfe der Science-Fiction entworfen werden, unterliegen vorrangig den physikalischen Grundgesetzen der Natur, wenn auch diese nicht vollständig erschlossen sind und somit manchmal wie Magie erscheinen.

 

 

 

 

Der berühmte Science-Fiction Autor Arthur C. Clarke (2001: ODYSSEE IM WELTRAUM) formulierte drei Gesetze für seine Werke und das dritte Gesetz lautet: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“. In ihm liegt der Schlüssel zur Dechiffrierung phantastischer Literatur, die immer von einem jeweiligem Standpunkt ausgeht. Würden die Menschen im Mittelalter einem knallroten Citroën im Wald begegnen, sie würden ihn für ein Fabelwesen halten. Aber würde es uns in unserem Jahrhundert anders ergehen, wenn es zu einen ersten Kontakt mit einer weit fortgeschrittenen Zivilisation kommt?

 

Arthur C. Clarke ist einer der bedeutendsten, wenn nicht sogar der bedeutendste Science-Fiction Autor überhaupt, er gilt als Visionär und er schrieb neben Science-Fiction Romanen auch wissenschaftliche Artikel. Ein Großteil seiner Werke wird als Hard Science-Fiction Literatur bezeichnet und dieser Begriff sorgt auch bei genrekundigen Aspiranten noch immer für Verwirrung. Wir wollen uns heute mit der Hard Science-Fiction beschäftigen und sogar noch einen Schritt weiter gehen, bis die Grenzen von Wissenschaft und Fiktion unscharf und undeterminierbar werden.

 

Harte Fakten, sanfte Zweifel

 

Die Science-Fiction lässt sich in zwei große Bereiche aufteilen, die der Hard Science-Fiction und der Soft Science-Fiction. Das alles hat seinen Ursprung in der Literatur und ist auf den Film nur bedingt übertragbar. Grob befasst sich die Hard Science-Fiction vor allem mit den Naturwissenschaften und dem technischen Fortschritt. In diesen Bereich fällt alles von der Physik über die Genetik, der Raumfahrt, außerirdischen Lebensformen bis zu Zeitreisen. Hard Sci-Fi behandelt die realistische Betrachtung der jeweiligen Materie im wissenschaftlichen Detail, die technische Spekulation steht im Vordergrund, sie versucht den Abgleich mit dem Gegenwärtigen, aber sie ist nicht darauf festgelegt. Der Ausgangspunkt bleibt das Verständnis für die Gesetze des Universums.

 

Trotz des eher philosophischen Endes ist CONTACT (1997) von Robert Zemeckis typische Hard Sci-Fi

Das Gipfeln einer Gesellschaft in die Dystopie – FAHRENHEIT 451 (1966) von François Truffaut gehört zur Gattung der Soft Sci-Fi

 

Die Soft Science-Fiction hingegen gefasst sich vor allem mit philosophischen, psychologischen, politischen oder gesellschaftlichen Fragen. Die Unterscheidung zwischen hard und soft kommt direkt aus dem Wissenschaftsbereich, wo zwischen “hard” (natural) und “soft” (social) sciences unterschieden wird. In der Soft Sci-Fi geht es um die Fragen des zukünftigen Zusammenlebens der Spezies Mensch. Diese wiederum können in zwei Richtungen tendieren, zur Utopie, der optimistischen Aussicht, in der der Mensch alle Probleme seines Daseins gelöst hat und zur Dystopie, in der der Mensch in seiner Entwicklung in eine Sackgasse gelaufen ist, eine also eher pessimistische Zukunftsvision. Selbstverständlich kann man beide Bereiche von Hard und Soft Sci-Fi nicht isoliert voneinander betrachten, denn so manche technische Weiterentwicklung hat auch die gesellschaftliche Zukunft beeinflusst.

 

 

Im Science-Fiction Film geben sich “hard” und “soft” Sci-Fi Elemente oft die Hand, wie in GATTACA (1998) von Andrew Niccol

 

 

Eine häufige Verwechslung innerhalb der Materie besteht darin, in Hard Sci-Fi Stoffen realistische Geschichten zu finden und in Soft Sci-Fi eher irrationales. Auch in der Hard Sci-Fi finden sich abgedrehte Elemente, die man als unrealistisch bezeichnen könnte. Eine Zeitmaschine beispielweise ist keine uns bekannte Technologie und somit pure Fiktion. Sie als Ausgangspunkt einer Geschichte zu nehmen, bedeutet in der Hard Science-Fiction aber, eine Prämisse zu bilden, auf welche dann so korrekt wie möglich aufgebaut wird. Nur weil es eine Zeitmaschine nicht gibt in der Realität, müssen die Auswirkungen dieser Technik nicht unrealistisch sein.

 

Das alles trifft allerdings hauptsächlich auf die Science-Fiction Literatur zu, im Film ist die Sache ein wenig schwieriger. Man hört selten den Begriff Hard Sci-Fi Film, auch wenn man ihn öfter vernimmt als den Soft Sci-Fi Film. “Komm lass uns heute mal einen Soft Science-Fiction Film kucken!” klingt zwar dezent frivol, aber sowas sagt eigentlich niemand. Was passiert beim Film, dass diese eigentlich einleuchtende Definition zwischen “hard” und “soft” eher schwierig erscheint? Ein Film braucht ein dramaturgisches Skelett, ein Gerüst, und dieses ist in der Sci-Fi Literatur nur bedingt zu finden, weil die Science Fiction eher themenbezogen ist. Es geht vor allem um Fakten, um wissenschaftliche Fiktion. Der Film aber braucht aber Führung durch die dramaturgische Gleisanlage, er muss entweder plot-driven oder character-driven sein, damit es für den Zuschauer fühlbar wird. So ist das zum Beispiel beim Horrorfilm, bei dem das Thema (Angst, Furcht, Ekel, Schmerz) immer an Figuren geknüpft ist.

 

 

Klassiker der harten Science-Fiction: 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) von Stanley Kubrick, in Zusammenarbeit mit Arthur C. Clarke

 

 

 

Die Hard Science-Fiction Literatur aber benötigt keine Action oder Suspense, die Herangehensweise ist eher analytisch. Beim Film mag das Thema realistisch sein, der ganze dramaturgische Aufbau aber ist das im seltensten Fall. Filmdramaturgie lässt den Geigerzähler mehr in Richtung Fiktion denn Wissenschaft ausschlagen, was nicht negativ gemeint ist. So spannend die Materie auch sein mag, filmisch wirken Hard Sci-Fi Elemente eher dröge und unspannend, Funksprüche brauchen oft Monate, Reisen zu fernen Planeten dauern Jahre, selbst große Sprünge der Menschheit wie die Mondlandung verblassen in ihrer Dramatik vor jeder actiongeladenen erdachten Szenerie.

 

So gibt es den Begriff Hard Sci-Fi Movie auch nicht wirklich, in der Filmwelt sind das alles Science-Fiction Filme, die man maximal anhand ihrer realistischen Ausprägung unterschieden kann. So wird aus STAR WARS und STAR TREK in gleichem Maße phantastisches Actionkino, nichts davon ist “hard” oder “soft” an sich, der Film verwendet eher Elemente. Im Bereich Soft Sci-Fi im Film hat sich immerhin die Dystopie durchgesetzt, eine Utopie hingegen überhaupt nicht, weil sie per Definition konfliktlos ist. Im Bereich Hard Science-Fiction gibt es dagegen nur wenige Filme, die den literarischen Vorbildern entsprechen. Sie tun das wenn nur im Thema und der Herangehensweise an dieses, bleiben im dramaturgischen Kern aber Drama-, Action- oder Thrillerstoffe.

 

 

Realistische Prämisse, aber die Hard Sci-Fi Elemente in GRAVITY (2013) von Alfonso Cuarón treten gegenüber der actiongeladenen Inszenierung in den Hintergrund

 

 

Ein anderes Problem mit Hard Science-Fiction Stoffen ist der Wunsch nach Realismus, innerhalb der Genrediskussion eigentlich ein Widerspruch. Denn die Phantastik schreit ja förmlich nach Freiheit. Und so ist es auch bei der Science-Fiction, der Wille zur wissenschaftlich-fundierten Begrenzung der Phantasie ist bei Autoren selten gegeben. Zu Recht auch, warum sollte man sich begrenzen in der Phantasie. Das Resultat ist, vor allem beim audiovisuellem Film, dass der Bereich Science-Fiction zu 90% Fantasy ist und nur zu 10% echte Sci-Fi. Autoren und Regisseure wollten schon immer die Naturgesetze hinter sich lassen, im Weltall sollte es knallige Explosionen geben, fremde Welten mit anderen physikalischen Gesetzen, man wollte aus dem Vollen schöpfen. Aber auch in der Literatur war man immer schon weiter als in der Realität.

 

Wissenschaftliche Dichtung

 

Der erste Flug zum Mond beispielsweise wurde von Jules Verne in “Die Reise zum Mond” um etwa 100 Jahre vorweggenommen. 1968, ein Jahr vor der echten ersten Mondlandung war man im Kino mit 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM bereits zum Jupiter unterwegs. Die Science-Fiction, das war ihr innerster Kern, ist der Realität schon immer vorausgeeilt. Heute definiert sich das Genre Science-Fiction im Film aus Sternenkriegern, Superhelden und Dystopien, sie erfüllen die nachvollziehbare Prämisse, aber sie haben den Pfad des Realismus schon lang verlassen. Demzufolge sind das, was man als echte Hard Science-Fiction Filme bezeichnen kann, ein rares Gut im Genredickicht.

 

Im Film kommen vor allem Mischformen vor. GATTACA von Andrew Niccol beispielsweise behandelt das Thema genetische Selektion, in der Herangehensweise an den Stoff typisch für die Hard Science-Fiction, aber aus diesem wissenschaftlichen Thema resultiert im Weiterdenken auch eine neue Gesellschaft, die sich in einer Dystopie niederschlägt. Es gibt einige Filme, die ähnlich aufgebaut sind wie MINORITY REPORT, A.I. oder HER. Technik und guter Wille ergeben die Dystopie.

 

 

In jedem dieser Filme bereitet ein wissenschaftlich hartes Ausgangsthema wie Genetik, Präkognition oder künstliche Intelligenz den Weg in die Soft Science-Fiction, es resultieren Welten, in denen die DNA den Platz in der Gesellschaft bestimmt, Verbrechen vereitelt werden, bevor sie geschehen oder die sozialen Gefüge von Robotern wie Menschen auseinanderdriften.

 

 

Fremde Welten fern der Irrationalität – der Eisplanet in INTERSTELLAR (2014) von Christopher Nolan ist wissenschaftlich denkbar

 

 

Weil diese Beispiele in einer Dystopie gipfeln, sind sie filmisch recht nahbar, denn es geht um die Auswirkungen auf ein Individuum und die Gesellschaft, sind somit plot- wie character-driven und filmisch gut erzählbar. Ohne diese Soft Sciece-Fiction Elemente wird die Sache schon schwieriger. In Filmen wie INTERSTELLAR, CONTACT oder MOON wird die Handlung weit mehr von Wissenschaft und Technik vorangetrieben. Doch auch hier wird die Geschichte über Protagonisten erzählt und es bedarf eines Konfliktes, der in vergleichbarer Hard Science-Fiction Literatur nicht unbedingt nötig ist.

 

In INTERSTELLAR ist es eine Vaterfigur, motiviert durch die Zukunft seiner Kinder, die ein neues Zuhause brauchen, in CONTACT geht es sogar direkt um den Konflikt zwischen objektiver Wissenschaft und Glauben. In MOON, dem vielleicht besten Beispiel für einen Hard Science-Fiction Film, entdeckt ein Astronaut, der die automatischen Förderprozesse auf dem Mond überwacht, dass auch er ein nur ein kleines Rädchen innerhalb eines Automatismus’ darstellt.

 

 

Realistischer Arbeitsalltag auf dem Mond – MOON (2010) von Duncan Jones

 

 

Suche und Erkenntnis, das sind die Hauptmotivationen für die Figuren aus den genannten Filmbeispielen, nur brauchen sie im Film noch mehr, um für den Zuschauer zu funktionieren. In der Hard Sci-Fi Literatur sind wie gesagt Action und Suspense zweitrangig, in Buchform bräuchte ein Stoff wie INTERSTELLAR weit weniger innere und äußere Konflikte, um zu funktionieren, im Film aber reicht das nicht. Das ist der größte Unterschied zwischen Hard Science-Fiction Literatur und Filmen, die Themen gleichen sich, aber die emotionale Herangehensweise wird von anderen Faktoren bestimmt. Hard Sci-Fi Filme sind in ihrer Prämisse realistisch, unrealistisch werden sie dann wieder durch Filmdramaturgie, auch wenn die gar nicht so phantastisch daher kommen muss.

 

Die Wirkung zwischen Buch und Film ist hier grundlegend verschieden. Liest man “The Martian” von Andy Weir, hat dies einen ganz anderen Effekt als der Film THE MARTIAN von Ridley Scott. Der durchaus gegebene Realismus wird von der Filmdramaturgie topediert, obgleich sich Buch und Film sehr ähneln. Faierweise muss man dazusagen, dass dies nicht automatisch passiert, sondern ein Effekt eben jener Prämisse ist. Filme wie THE MARTIAN oder GRAVITY haben den Anspruch, realistischer zu sein, aber der Kinozuschauer ist schon zu sehr geprägt vom Irrationalen, dass bereits kleine Elemente das Gesamtbild trüben können.

 

 

Die Summe der realistisch-durchdachten Szenen und Szenerien in THE MARTIAN (2015) von Ridley Scott nähren Zweifel an der realistischen Gesamtheit

 

 

Dennoch ist besonders THE MARTIAN ein Paradebeispiel für einen gelungenen Hard Sci-Fi Film, weil er den Spagat zwischen trockener wissenschaftlicher Materie und filmischer Unterhaltung noch am besten hinbekommt. Häufig liegt die Schuld auch an der Erwartungshaltung des Zuschauers, wohl auch ein Grund, warum die Bezeichnung Hard Science-Fiction im Film weniger geläuf ist ist. Sie ist ein Versprechen, welches zu Missverständnissen förmlich einlädt. Eben weil Hard Sci-Fi gerade nicht meint, dass alles deckungsgleich mit den Möglichkeiten der Gegenwart ist.

 

Generell assoziiert man den Komplex Science-Fiction mit Raumfahrt und Weltall, aber Science steht für alle Sparten der Wissenschaft. Im Film sind nur wenige davon reflektiert worden, wohl auch aus Gründen der Nachvollziehbarkeit der Materie. Realistische Filme über Quantenebenen oder Hefe-Zwei-Hybrid-Systeme sind reichlich selten. Denn das Thema muss auch in eine jeweilige Form passen, beim Film geben das Genre, die Geschichte, die Dramaturgie und vor allem die Figuren diesen Weg vor.

 

 

Beliebt sind deshalb vor allem Stoffe, in denen der Mensch direkt betroffen ist vom wissenschaftlichen Drang nach Entdeckung und Veränderung. Der Sci-Fi Komplex Roboter, Androiden und künstliche Intelligenz ist hier am weitesten verbreitet, denn er schaffte den Spagat zwischen Hard Sci-Fi Fakten und Soft Sci-Fi Interpretationen. In der kleinen Genrefibel Teil 11: A.I. AKA K.I. haben wir uns ausführlich mit diesem Thema befasst. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe von Filmen, die sich der Genetik oder Biotechnologie verschrieben haben, denn auch da steht der Mensch im Mittelpunkt und es resultieren spannende Fragen, die vermehrt die Soft Science Fiction zur Lösung antrieb, Fragen nach Ethik, Moral und den Platz innerhalb der Gesellschaft.

 

 

Gar nicht so phantastisch – Gentechnologie im Science-Fiction Film: SPLICE (2010) von Vincenzo Natali

 

 

Das Weltall und die Raumfahrt aber bleiben in diesen Komplex die beliebtesten Themenfelder, obgleich sie nicht einfach zu handhaben sind. Einem Film wie GATTACA nimmt man die Prämisse als auch die resultierende Dystopie wohlwollender hin, es ist fundiert, realistisch und denkbar. Doch bei der Raumfahrt gibt es einen Bruch zwischen Realität und Fiktion, weil der Mensch dort noch ganz am Anfang zu stehen scheint. Der Hauptgrund aber liegt wieder an der Vorwegnahme des Unbekannten, warum mit der Mondlandung aufhalten, wenn die Phantasie doch ferne Universen erdenken kann? Warum an die Naturgesetze halten, wenn fortschrittliche Existenzen daran nicht gebunden sind? In so gut wie allen Filmgenres, auch in der Phantastik, ist man nie soweit gegangen wie in der Science-Fiction. Das Resultat war, dass die naheliegenden Themen eher uninteressant waren.

 

Aufbruch zum Mond

 

1968 startete der Film 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM von Stanley Kubrick, nach einem Roman und in Drehbuchzusammenarbeit mit Arthur C. Clarke. Auch wenn es um eine Reise zum Jupiter geht, eine Suche nach einer außerirdischen Macht, die sich in einem Monolithen manifestiert und eine künstliche Intelligenz, die sich selbst erkennt, 2001 ist in der Fortführung seiner Prämisse einer der besten Hard Sci-Fi Stoffe, die je verfilmt wurden. Das lag auch daran, dass er in einer bestimmten Zeit und in bestimmten Umständen entstand. Der Kalte Krieg und der Wettlauf ins All waren für die Phantasie treibende Faktoren, die Phantasie ging immer einen Schritt weiter als der Stand der Wissenschaft.

 

Wenn man aber mal nicht in die Zukunft reflektiert, sondern die Materie zurückrechnet, kommen interessante Dinge zum Vorschein. Hard Sci-Fi hat nicht den Anspruch des vollkommenen Realismus, nur die Folgerichtigkeit der Prämisse. Was aber, wenn man an die Science-Fiction noch strengere Regeln koppelt? Nun, in erster Linie entfernt man sich damit komplett aus der Science-Fiction. Wenn THE MARTIAN Hard Sci-Fi ist, was ist dann APOLLO 13? Hardest Sci-Fi?

 

 

Wieder ist es der Standpunkt, der Kern des dritten Clarke Gesetzes. Als Jules Verne “Die Reise zum Mond” schrieb, war das Science-Fiction. Ganz und gar keine Fiktion war dann das Apollo Programm, welches am 16. Juli 1969 die ersten Menschen auf dem Mond landen ließ. Es war vielleicht die größte Errungenschaft des Menschen, die Eroberung des Weltraumes, wenn sie auch noch so winzig war. Hat die Mondlandung den Film deshalb geprägt wie andere Themengebiete? Nein, im Gegenteil, denn als der Mensch zum Mond flog, war man in der Science-Fiction schon Millionen Lichtjahre weiter. Es gab aber auch noch ein anderes Problem, für die Menschheit war die Mondlandung ein riesiger Schritt, für den Film war sie vergleichsweise belanglos wie unspannend.

 

DIE REISE ZUM MOND (1902) von Georges Méliès

DIE FRAU IM MOND (1929) von Fritz Lang

 

Die Mondlandung war ein spektakuläres Fernsehereignis, für den Film aber dramaturgisch beinahe unbrauchbar, dafür ist der Flug der Apollo 11 zu störungs- und konfliktfrei verlaufen. Dass es das in der Realität nicht wahr, leuchtet jedem ein, aber ein Film bedurfte anderer Dinge. So ist es mehr als bezeichnend, dass der erste Film dieser Kategorie den Fall ein wenig veränderte.

 

 

In MARRONED (1969) von John Sturges tauschte man den Mond lediglich mit der unspektakuläreren Erdumlaufbahn, dafür droht die Mission zu scheitern

 

 

1969, ein Jahr nach der erfolgreichen Apollo 11 Mission, kam der Film MAROONED (VERSCHOLLEN IM WELTRAUM) in die Kinos. Der Film erzählt die Geschichte dreier Astronauten in einem Raumlaboratorium in der Erdumlaufbahn. Nach siebenmonatigem Einsatz sollen die Astronauten zur Erde zurückkehren, doch es geschieht ein Zwischenfall, worauf sie antriebslos im Weltraum treiben und auf eine Rettungsmission warten. Der dramaturgische Kern des Films ist der Unfall und die Rettungsaktion, beides filmisch ungemein konfliktbeladen, was Auswirkungen auf die Figuren hat. Für den Film war ein Scheitern einer solchen Mission also immer spannender als ein Gelingen.

 

Darüber hinaus ist MAROONED aber ein fantastisches Beispiel für einen Hard Sci-Fi Film, überaus geprägt von nachvollziehbarem Realismus ohne Effekthascherei. Er nahm zudem die Ereignisse vorweg, die ein Jahr später im April 1970 Wirklichkeit wurden, und zwar der Unfall der Apollo 13, der eine dritte Mondlandung vereitelte. Dass die Phantasie des Menschen der Realität vorweg lief, konnte man am Beispiel Apollo 13 besonders gut erkennen, im Film wie in der Wirklichkeit.

 

 

Für die Medien war diese dritte Mondlandung nämlich längst Routine und niemand interessierte sich groß dafür. Erst der Unfall brachte das Geschehen in den Fokus der Berichterstattung. Plötzlich war da wieder etwas, wo man mitfiebern konnte, die Rettung der drei Astronauten. Genauso verhielt es sich beim Film. Die erste Mondlandung war filmisch uninteressant. MAROONED gab den Weg vor, was passieren musste, damit das auch filmisch spannend wurde. Und Apollo 13, auch wenn es zynisch klingt, erfüllte diese Sehnsucht. Es ist bezeichnend, dass es erst den Film APOLLO 13 um die gescheiterte Mondmission gab und erst 2018 FIRST MAN (AUFBRUCH ZUM MOND) die erfolgreiche erste Mission filmisch behandelt wurde.

 

 

Bill Paxton als Fred Haise, Kevin Bacon als Jack Swigert und Tom Hanks als Jim Lovell, die Besatzung der APOLLO 13 (1996) von Ron Howard

 

 

Als es die technische Effektgestaltung Mitte der 90er Jahre dem Film ermöglichte, eine realistische Visualisierung der Mondlandung (oder eben auch nicht) zu gestalten, löste das allerdings keinen neuen Boom an Hard Sci-Fi Filmen aus. Denn erstens war die Phantasie schon wieder weiter, zweitens waren Filme wie MAROONED oder APOLLO 13 auch gar keine Science-Fiction Filme mehr. Je härter die Materie wurde, desto mehr schrumpfte die Fiktion. MAROONED und APOLLO 13 sind genretechnisch Drama oder Katastrophenfilm, APOLLO 13 zudem Biopic, aber keine Sci-Fi mehr. Für jene Fans sind sie aber durchaus relevant, denn es ist wieder die Frage des Standpunktes, ab wann Science-Fiction zur Realität wird. Die selbe Geschichte mit dem Mars bleibt Sci-Fi.

 

Während MAROONED für das Jahr 1968 durchaus clever wie realistisch filmgetricks hat, war APOLLO 13 von Ron Howard zusätzlich von der Bildgewalt gepägt, vor allem dem Start der Rakete, einem Symbol des Raumfahrtfilms wie der Countdown und die Mission Control. Der Realismus förderte auch die Figurenakzeptanz, denn an Bord waren keine Actionhelden oder Antagonisten, sondern rational denkende Wissenschaftler und Piloten. Das führte entgegen der Drehbuchtheorie zu mehr Spannung, weil so Zwischenmenschlichkeiten und Zwiste mehr aufgeladen erschienen. Gene Hackman in MAROONED zeigt schwerwiegende Erschöpfungssymptome, Bill Paxton erleidet auf dem Flug der APOLLO 13 eine Blasenentzündung – nichts, was Heldenfiguren im actiongetriebenem Science-Fiction Film scheitern lässt, aber im realistischen Setting durchaus ein Spannungselement.

 

 

Lucas Haas als Mike Collins, Corey Stoll als Buzz Aldrin und Ryan Gosling als Neil Armstrong, Besatzung der APOLLO 11 (2018) von Damien Chazelle

 

 

Als dann 2018 FIRST MAN von Damien Chazelle in die Kinos kam, opferte man noch mehr visuellem Pömp der realistischen Darstellung. Der Film ist befreit von den Symbolen des Raumfahrtfilms zugunsten größerer Nähe zu den Figuren. Man sieht in FIRST MAN nicht einmal eine Außenaufnahme des Rakentenstarts, nur das Innere der Kapsel, man ist so nah dran an Armstrong, Collins und Aldrin wie nie zuvor, als säße man selbst mit in der Kapsel. FIRST MAN ist zudem der filmische Beweis, dass in der Reduzierung der Effekte ein höherer Realismusgrad besteht, manche Einstellungen sind von Archivmaterial nicht zu unterscheiden, wofür es auch einen Oscar für die visuellen Effekte gab.

 

Die Zukunft ist nicht mehr das, was sie einmal war

 

Es ist fast schade, dass es so wenige Filme über echte Raumfahrtbestrebungen gibt, aus den bereits genannten Gründen, auch wenn diese keine Science-Fiction Filme sind, wie auch Filmbiographien berühmter Wissenschaftler und ihrer Entdeckungen. Warum sie dennoch so beliebt bei Science-Fiction Fans sind, ist der Umstand, dass Fernweh und Phantasie für solche Geschichten der gleiche Motor waren wie für ausschweifende Sci-Fi. Das trifft auch auf alle Biopics zu, die reine Dramen sind, aber im Thema immer die Entdeckung und der Forschergeist mitschwingt und die Sehnsucht nach dem Unbekannten auslöst.

 

 

Die Heldinnen hinter den Helden – HIDDEN FIGURES (2017) von Theodore Melfi

 

 

Speziell für den Raumfahrtfilm glänzt hier HIDDEN FIGURES über drei afroamerikanische Mathematikerinnen, welche an den Raumfahrtprogrammen der NASA mitgearbeitet haben, ohne den Bekanntheitsgrad der Piloten und Mondlander zu erreichen. Ein lang überfälliges Thema, wenn auch die Mission Control Basis in Filmen wie MAROONED oder APOLLO 13 ausschließlich wie realistisch mit kettenrauchenden Männern besetzt war. Was auch auffällt im Raumfahrtfilm ist der Verzicht auf propagandistische Elemente. FIRST MAN wurde sogar vorgeworfen, ausgesprochen unpatriotisch zu sein, weil das Hissen der US-Flagge unterschlagen wurde. Über diesen globalen Zwisten der Vormachtstellung stand immer das Bestreben selbst und das war grenzenlos.

 

Womit man sich eher beschäftigt hat, waren wissenschaftliche Zweifel innerhalb von technischem Fortschritt. Einige Verschwörungsthriller beschäftigen sich nicht nur mit fiktiver Politik und Machtbetrebungen, sondern auch mit der Täuschung und der Lüge. Das hat nachvollziehbare Gründe, denn insbesondere im Wettlauf um das Weltall scheint es logisch, alles für den Sieg der jeweiligen Nation zu tun oder getan zu haben. Warum also auch nicht die Mondlandung nur inszenieren, damit man das Ziel erreicht. Da war nämlich nicht nur selbstloser Entdeckertrieb, sondern Macht. Wenn man es also nicht vor dem Gegenspieler auf den Mond schafft, soll es zumindest so aussehen. Diese Theorien halten sich immer noch und wurden auch filmisch dargestellt.

 

 

Gefakte Marsmission in UNTERNEHMEN CAPRICORN (1977) von Peter Hyams

 

 

Ein tolles Beispiel ist der Film UNTERNEHMEN CAPRICORN aus dem Jahr 1978. Im Wettlauf um den ersten bemannten Flug zum Mars steht die NASA vor dem technischen Scheitern der Mission. Also lässt sie eine unbemannte Rakete starten und bringt die Crew in einen geheimen Militärstützpunkt, von wo aus die Marslandung inszeniert werden soll. Der Klassiker ist ein waschechter Verschwörungsthriller, aber eben auch ein cleverer Hard Sci-Fi Plot, ob Mond oder Mars, die Geschichte funktioniert gleichermaßen. Später nahmen Filme wie OPERATION AVALANCHE und MOONWALKERS das Thema eher satirisch auf, der Nervenkitzel aber blieb.

 

Found Footage Mockumenatary OPERATION AVALANCHE (2016) von Matt Johnson

Satire MOONWALKERS (2016) von Antoine Bardou-Jacquet

 

Während sich die Fantasy von allen Gesetzen der Welt abkoppelt und neue Naturkräfte etabliert, nimmt die Science-Fiction reale Fragen von Wissenschaft und Technik auf, denkt sie in die Zukunft weiter und konfrontiert damit die Gesellschaft. Damit wären alle Science-Fiction Stoffe Hart und Soft zugleich. Doch nur wenige Filme erheben den Anspruch, diese Wege realistisch zu erzählen. Auch wenn ich den Begriff Hard Sci-Fi als Filmsubgenre ablehne, ein paar Science Fiction Filme sind realistischer als der Rest.

 

 

Auf dem Weg zum Neptun: Brad Pitt in AD ASTRA – ZU DEN STERNEN von James Gray (ab 20. September 2019 im Kino)

 

 

Aber die Science-Fiction besitzt dadurch etwas, was anderen Genres verwehrt bleibt, was fast ein Widerspruch ist. Je realistischer die Darstellung, desto größer das Gefühl von Freiheit und Grenzenlosigkeit. APOLLO 13 ist kein Science-Fiction Film, aber die Wirkung übersteigt andere, fiktive Geschichten über Reisen ins All bei Weitem. Man mag sich sehnen nach futuristischen Welten, aber das Gefühl, dass so etwas möglich ist, wissen realistische Darstellungen weit mehr zu entfachen als die wildeste Fiktion. Leider werden diese Filme selten bleiben, die Mondlandung war der Höhepunkt, darunter geht es innerhalb filmischer Gigantomanie nicht mehr. Dass es einen Film wie FIRST MAN überhaupt noch gab, ist ein glücklicher Zufall.

 

Der Film träumt jetzt schon von interstellaren Reisen, dass ein Mars Rover, der an einem Stein hängen bleibt, reichlich unspektakulär erscheint. Selbst wenn man morgen auf dem Mars spazieren geht, die Phantasie ist schon weiter gereist. Vielleicht bedarf es eines Schrittes zurück, um wieder ein Gefühl für diese Sehnsucht zu bekommen, wie nach FIRST MAN. Denn so sehr viel weiter ist die Menschheit auf ihrem kleinen blauen Planeten noch nicht. Die Zukunft aber steht weit offen.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de