Die Furie

Seit ein paar Tagen steht das Remake von William Lustigs MANIAC in den Videotheken. Der Regisseur dieser Neuverfilmung ist Franck Khalfoun, der auch P2 – SCHREIE IM PARKHAUS inszeniert hat. Doch schauen wir genauer hin. Das Remake von MANIAC heißt ganz offiziell ALEXANDRE AJAS MANIAC. Solche Namenszugaben in Filmtiteln wurden bislang nur Quentin Tarantino oder Tim Burton zuteil. Wer ist dieser Typ, der es in kürzester Zeit und überschaubarer Filmografie dazu gebracht hat, dass man mit seinem Namen für Filmprojekte werben kann?

 

Alexandre Aja. Bei diesem Namen schlagen die Herzen von unzähligen Genrefans höher. Denn Aja gilt als einer der jungen Wilden des modernen Genrefilms. Alexandre Aja wird in gleichem Atemzug genannt wie Neil Marshall, James Wan oder Eli Roth. In der Tat existiert eine Gruppe von Filmemachern, der die Presse den treffenden Namen THE SPLAT PACK gegeben hat. Deren Mitglieder (darunter Darren Lynn Bousman (SAW II-IV), Greg McLean (WOLF CREEK), Robert Rodriguez (EL MARIACHI) und Rob Zombie (THE DEVILS REJECT)) stehen für kompromissloses Genrekino für Erwachsene, für beinharte Kunst jenseits der Jugendfreigabe. In dieser illustren Runde kann man Alexandre Aja gern als die Furie der Hartknopsen bezeichnen.

 

 

 

Aja stammt aus einer Filmemacherfamilie, Vater Regisseur, Mutter Filmkritikerin. Dort durfte er in jungen Jahren auch vor der Kamera in Erscheinung treten. Doch Aja zog es bereits früh zum Genrefilm hin. Nach seinem Kurzfilm OVER THE RAINBOW und seinem Debüt FURIA mit Marion Cottilard erregte er 2003 mit HIGH TENSION (Haute Tension) Aufsehen unter den Genreliebhabern. HIGH TENSION mit Cécile de France katapultierte den Franzosen über Nacht an die Spitze des Genrefilms und gilt seither als einer der Begründer der „Neuen Französischen Härte“. Noch vor allen anderen, französischen Brachialstreifen (FRONTIER(S), INSIDE & MARTYRS) gilt HIGH TENSION als der Gelungenste. Aber warum eigentlich?

 

Auch auf die Gefahr hin, mir den Zorn des Genrepublikums zuzuziehen, aber dramaturgisch ist HIGH TENSION ziemlicher Murks. Das heißt nicht, dass mich der Film nicht beeindruckt hatte. Auch für mich war der Film eine Tür in eine andere Gewaltdimension, allen voran hat mich die Musik von MUSE begeistert, Cécile de France sowieso. Aber in Sachen Drehbuchlogik und Dramaturgie ist HIGH TENSION ein heilloses Durcheinander, kompromisslos auf Pointe zugeschnitten, in der der Film sämtliche Fäden aus der Hand verliert. Er funktioniert beim Ersten Mal anschauen vielleicht noch ganz passabel, doch bei einer erneuten Sichtung fallen einem Dinge auf, die auch in der Konsequenz des Endes, des Twistes, geschickter hätten gelöst sein können. Sei´s drum, HIGH TENSION ist trotzdem ein Höllenritt, den jeder Genreliebhaber gesehen haben muss. Das liegt vor allem an der Inszenierung.

 

 

HIGH TENSION (2003)

 

Nach dem riesigen, internationalen Erfolg von HIGH TENSION standen Aja natürlich auch die Pforten des amerikanischen Marktes offen (ich könnte auch Hollywood sagen…). Ich will dem jungen Franzosen ja nicht zu nahe treten, aber er hätte mit seinem US-Debüt keine bessere Wahl treffen können, als einen Fremdstoff zu inszenieren. Denn darin liegt Ajas eigentliches Talent, nicht unbedingt im Storytelling. Und Wes Cravens THE HILLS HAVE EYES eignete sich perfekt für seine Handschrift. Mit großem Erfolg. Was wird da Draußen geschrieen wegen unkreativer Remakes, aber Kollege Aja blieb davon weitestgehend verschont. Denn Vier von Sieben Produktionen, die er als Regisseur, Autor oder Produzent betreut hat, sind Remakes, und das sogar von Kultklassikern. Groß Kritik hat er deswegen nicht eingefahren, zumindest nicht für THE HILLS HAVE EYES.

 

THE HILLS HAVE EYES ist hart, kompromisslos, optisch atemberaubend und schlicht eines der besten Remakes im Horrorgenre. Schon HIGH TENSION war technisch sauber, aber ab dem Remake von 2006 sind nicht nur beinharte SFX und donnernde Panik die Markenzeichen Ajas, sondern auch superbe Kameraarbeit und Schnitt. Ajas Filme sind edel fotografiert, sauber gefiltert und geschnitten, die Effekte makellose Handarbeit, tolle Masken und Scores. Inhaltlich hüpft Aja von einem Subgenre zum nächsten, von Slasher (HIGH TENSION), Survival/Backwood Thriller (THE HILLS HAVE EYES), Mystery (MIRRORS) und Tierhorror (PIRANHA 3D). Alexandre Aja ist ein Filmemacher höchster Passion, der nur das zu machen scheint, worauf er gerade Bock hat.

 

THE HILLS HAVE EYES (2006)

 

Trotz kritischer Stimmen finde ich auch MIRRORS und PIRANHA 3D gelungen. Vor allem P2 – SCHREIE IM PARKHAUS, den Aja geschrieben und produziert hat, bekam einige Schelten ab. Zu Unrecht, wie ich finde. Denn im Gegensatz zu HIGH TENSION stimmen hier die dramaturgischen Eckpfeiler, Örtlich, Zeitlich und Atmosphärisch wurden hier die richtigen Akzente gesetzt, ebenso in technischer Hinsicht und der Besetzung. Für mich das am meisten unterschätzte Werk in seiner Filmografie als Autor.

 

Nun kann man, wie Eingangs erwähnt, auch in Deutschland MANIAC ungeschnitten leihen (man muss aber auf das SPIO Siegel achten). Durch die Egosicht und die handgemachten Schlitzereien ist auch MANIAC optisch eine Wucht. Im Gegensatz zu P2 oder THE HILLS HAVE EYES wirkt der blutige Pfad von Frank Zito (Elijah Wood) aber ausgenudelt und schlicht langweilig. Schade, Fairerweise muss ich aber sagen, das Original von MANIAC hat mich auch nie besonders vom Hocker gehauen. Und für die Inszenierung muss sich zudem Franck Khalfoun rechtfertigen.

 

 

HORNS (2015) mit Daniel Radcliffe & THE 9TH LIFE OF LOUIS DRAX (2016)

 

Alexandre Aja aber ist irgendwie eine Gestalt für sich. Ein kompromissloser Filmemacher, die Verquickung von Autor, Regisseur und Produzent in Personalunion, ein Kenner messerscharfem Thrills und blutiger Exzesse und vor allem ein Technikfreak und Perfektionist. Wie immer bin ich gespannt, was uns der Franzose noch so alles vor die Augen wirft. Von mir aus kannst du auch bei Remakes bleiben.

 

 

 

3 Comments

  1. Antworten
    Abel Ferrara 1. Mai 2013

    eisenharte Kritik kommt jetzt…;)
    (Solche Namenszugaben in Filmtiteln wurden bislang nur Quentin Tarantino oder Tim Burton zuteil.) Scherzkecks!! ….

    Geschichte hat Aja nicht geschrieben ;) …aber seit High Tension und dem einzigartigen Intro was den Film im gesammten nicht wirklich besser macht aber die Geräuschkulisse ist das Geheimniss des Filmes…und genauso ist es in “The Hills have eyes”…allein der Anfang und die Geräuschkulisse (allen voran der score) tragen den Film…nur leider hat er so gut wie keine Neuigkeit zu bieten und allein wenn man eben das Original kennt dann fällt der Aja Versuch eben durch….das muss man einfach knallhart sagen…es ist fast 1:1 abgefilmt und beeindruckt (außer das Intro) höchstens noch Jugendliche…:)
    P2 ist Videothekenware was man eben nebenbei konsumiert und Mirrors war ganz in Ordnung…;)

    Maniac…der großartige Spinell…damals der einen behinderten beobachtete und so sich auf die Darstellung des Maniac vorbereitet hat…und die die Fantasie im englischen Original ist ja Weltklasse…ein wirklich schockierender Film wie ich finde…Die Musik stimmt und unterstützt den Typen bei seiner Schaufenstersammelleidenschaft was schwer zu ertragen ist teilweise…;) und was wirklich ein Film “nicht für Jugendliche” ist. Weil er eben den dreckigen Charme eines alten 70iger Jahre Film hat und einfach Roh ist…wie eben “The Hills have eyes” dem Original…
    Die Remakes sind alle geedelte Versuche die Zeit einzuholen und mangenlnde Kreativität weil eben alles schonmal da war…aber jede Generation braucht Remakes…
    Das Remake von “Maniac” fehlt es leider schon an gutem Score der Ohrwurmqualitäten hervorruft wie eben beim Original…denn MUsik trägt den Film (bei den meisten im Unterbewusstsein)…so auch solche Filme….Beispiele sind dafür…”inside”, “High Tension” sogar der abgekackte Serbien film hat nen guten Score…;) …aber das sind Beispiele das Score eben sehr wichtig ist…
    Du darfst auch nciht vergsessen was für für ein Werberummel im Internet gemacht wurde allein schon der große Fehler eines Filmemachers das Remake auch noch so zu nennen wie das Original…also das ist an Frechheit fast schon nicht zu überbieten…das es dann Gurken waren kann man an “The Thing” und “Total Recall” ja sehen….denn es gibt Riesenunterschiede zu der Zeit als Arnies Kracher rauskam wie die Zeit als das Remake Punkten wollte aber erbarmungslos unterging…so wird es auch bein “Maniac” sein…
    Die Gewalttätigkeit eines Maniac in den frühen 80igern ist was anderes wie die Massengewalt die hier ja schon destruktiv herbeigesehnt wird….und diesen Unterschied machen aus solcehn Remakes eher Lachnummern…;)
    Für mich produziert Aja eher Mittelklassefilme…und leider wird es so bleiben…;) …

  2. Antworten
    rikenbaker 1. Mai 2013

    Ach Abel, lass den Filmemachern doch ihren Spaß mit Remakes! Die darf man nich immer ausschimpfen. Die muss man auch mal lieb streicheln. Ein guter Filmemacher bist du, ja hast ein schööönes Remake gemacht! Nun fein Sitz! Sitz, Aja, hab ich gesagt! Auf deine 3 Buchstaben!

  3. Antworten

    […] häufig mit ihrem Namen für Werbezwecke herhalten, Tarantino präsentiert ja gern mal was und auch Alexandre Aja steht seit kurzem vor einem Filmtitel. Im Falle von Taglines hat es sich eingebürgert, dass man […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de