Das Bose Rumburak

So Leute, die Fastenzeit is nun schon eine ganze Weile vorbei und wir wollen es im April mal wieder etwas ruhiger angehen lassen. Ihr könnt also eure Notizblöcke weglegen, wir reden heute mal frei. So wie damals, als der Lehrer in die Klasse kam, keinen Bock auf Unterricht hatte, sich stattdessen an den Lehrertisch flätzte und seine Schüler über das TV-Programm vom Wochenende diskutieren ließ, weil er selber am Vortag zu lange in Eierlikör gesessen hatte. Oder so ähnlich. Das heißt nicht, dass ich keinen Bock habe, ich gehe derzeit Lohn- und Brotarbeit nach, harre auf das Filmfest Dresden und schneide Live-Videos der famosen Punkrockband Pub´n´Steel. Und während ich da so vor mich hinschnott, schielte ich immer auf eine neue Electro/Industrial-CD da auf meinem Schreibtisch, die ich gern wieder und wieder hören hätte wollen. Ging aber nicht. Wenn man Punkrock-Live-Videos schneidet, kann man nicht gleichzeitig Electro-Mukke hören. Das überschneidet sich, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

 

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Dabei ist die Osterzeit seit Jahren gewissermaßen heilig. Klingt verrückt, ist aber so. Denn jedes Jahr um Ostern herum erscheint ein neues Wumpscut-Album, eine Tradition seit 1598, als Ritter Romanov von Ratzingen mit kleinen Knöchelchen auf Schädeln intonierte. Ich bin großer Wumpscut-Fan, seit das legendäre Album MUSIC FOR A SLAUGHTERING TRIBE erschien. Nun, gefühlte 17 Alben später, erliege ich immer noch Rudys morbidem Charme, seinen Sounds und Samples, der Detailverliebtheit und der Ironie. Solltet ihr mal hören, so ihr, meine lieben Leser, Wumpscut noch nicht kennt. Geht so bisschen in die Richtung Freejazz.

 

Dabei habe ich einen spezielleren Zugang zu dieser Musik, bin kein Szenetyp und finde Wumpscut ob der musikalischen Komplexität nur bedingt Clubtauglich. Das heißt, die Musik ist sehr wohl tanzbar, aber zu viel in den Songs geht im Club unter und am Ende wird ja eh immer nur Soylent Green gespielt. Nein, für mich war Wumpscut immer Kopfkino, jedes Album habe ich mehr wie einen Film konsumiert, Rudys Rhythmen, Sounds, Samples und Artwork sind für mich audiovisuelle Leinwände.

 

Vor wenigen Tagen nun erschien das neue Album WÜTERICH, ein wenig sperriger und unzugänglicher als das letzte Werk BLUTSPUKER TAVERN, aber wie immer brachial, komplex und witzig. Bereits beim Lesen der Tracklist musste ich grinsen, denn da gab es einen Song mit dem Titel “Das Bose Rumburak”. Rumburak? Jawoll, Rumburak! Wer kennt und liebt ihn nicht? Hab ich dann auch gleich einem Kumpel erzählt und der sagte: “Rumburak? Wad dad denn?”

 

Rumburak

 

Ok, also wenn man Wumpscut nicht kennt, ist das eine Sache, aber Rumburak? Also nochmal für alle Unwissenden: Rumburak, Zauberer zweiter Kategorie, war der Star der tschechischen Fernsehserie DIE MÄRCHENBRAUT mit Prinzessin Arabella, Herr Majer, Hofzauberer Vigo, Teufel Stunk, Xenia, einem fliegenden Koffer, Zauberringe und so weiter. Als Steppke habe ich die Serie geliebt. Rumburak, dieser hinterlistige Tunichtgut, dieser Grobian, wird nun Star eines Wumpscut-Songs. Das passt!

 

Zauberer zweiter Kategorie Rumburak, die Hexe und Teufel Stunk aus DIE MÄRCHENBRAUT (1979 – 1981)

In dem Song “Das Bose Rumburak” geht es jetzt nicht speziell um den fiesen Hofzauberer, das Lied ist schwer zu fassen, es erzählt weniger eine Geschichte als eine wütende Emotion. Trotzdem schwebte vor meinem inneren Augenohr beim ersten Anhören auch gleich Rumburak mit der ollen Hexe auf einem Besenstiel übers Sudetenland. Denn es ist ja so, ich bin Autor und alles um mich herum wird irgendwie zu Bildern, angestachelt durch Gefühle, Musik oder krude Begriffe wie Gangraen, Furunkel Lolita, Muselmann oder eben Rumburak. Berufskrankheit sozusagen.

 

Das ist toll und gleichzeitig wieder Mist, denn all die schönen Bilder muss ich dann meist wieder umtopfen in Worte, weil sich Worte für Treatments und Drehbücher einfach am besten bewährt haben. Will sagen, so sehr ich meinen Beruf liebe, manchmal sehne ich mich nach einem Produkt. Ein Drehbuch ist kein Produkt, höchstens ein Zwischenprodukt. Aber manchmal, da wollen die Bilder einfach raus aus dem Kopf. Und Papier ist dafür viel zu schade.

 

Die Musik von Wumpscut hat mich visuell immer schon ungemein inspiriert. Diese Bilder in meinem Kopf, schon lange wollte ich sie einmal revisualisieren. Davon abgehalten haben mich bislang nur Zweifel und Faulheit. Doch faulen wirst zum Glück auch Du! Mit dieser Erkenntnis habe ich es endlich gewagt, mal einen Videoclip für Wumpscut zu kreieren. So ein richtiges Musikvideo sollte das nicht werden, Musikvideos sind immer so formgepresst.

 

Mir ging es darum, Bilder für Sounds, Samples und Rhythmen zu finden. Ich sehe das eher als remixen. Seit Jahren gibt Rudy nun jungen Bands und Künstlern die Möglichkeit, Remixe für seine Alben anzufertigen. Ich wollte auch immer mal einen Remix machen, aber ich hab keine Ahnung wie das geht. Aber ich kann mit Bildern umgehen. Also warum nicht einen visuellen Remix machen?

 

…das Video schneidet Dich!

 

Ein visueller Remix also, eine Art Experiment mit Filmschnipseln, grafischen Flächen, Aggressivität und ironische Brechung durch Inkonsistenz zwischen Ton und Bild. Rhythmus ist entscheidend, Rhythmus bleibt mein wichtigstes Arbeitsinstrument beim Schreiben. Mir ging es weniger um Storytelling als um Klangmalerei. Klingt nach Konzept, ist aber eher höhere Stochastik.

 

Denn Videoschnitt an sich ist ja so eine Sache. So heißt es in einem bekannten EBM-Electro-Song: „Wenn du dich mit Videoschnitt einlässt, dann schneidest du nicht das Video, das Video schneidet Dich!“ Genau das ist es!

 

Manchmal sagt einem das Material, wie es geschnitten werden will. Im Falle Rumburak gehen optische Gags des Öfteren auf die Kappe von Kommissar Zufall. Rumburak, Go Down! Aber genau das macht auch den Reiz an solchen abstrakten Spielereien aus.

 

 

Eines der Markenzeichen von Wumpscut ist das Verwenden von Zitatkleinoden aus mehr oder weniger bekannten Filmklassikern. Bei einem Visual Remix muss man das Pferdchen von hinten aufzäumen, Sprachsamples sozusagen re-samplen, sichtbare Lippenbewegungen an etwas anpassen, was ganz anders gemeint oder gesagt war. Ich wollte aber auch selbst Filmschnipsel samplen, nur eben visuell. Ich entschied mich, drei Bildquellen zu verwenden, einen frühen Kurzfilm von David Lynch THE GRANDMOTHER, THE LAST UNICORN und natürlich DIE MÄRCHENBRAUT. Aber irgendetwas fehlte.

 

 

Cut To See How Much I Bleed

 

Der knappe Text des Liedes, allen voran das Sample “Get Down On Your Knees!” musste einfach visualisiert werden, denn es ist neben dem Rhythmus der treibende Faktor des Songs. Es ist das, was einen kickt, dass man es mitbrüllen muss wie seinerzeit “Soylent Grün Ist Menschenfleisch!” Ohne das würde der Visual Remix nicht funktionieren. Ich brauchte zu Bild gewordene Aggressivität.

 

Aber Ben Becker und Bushido wollten Rumburak nicht einsingen, also hab ich das dann selber gemacht. Wie alle technischen Belange bei so einem Projekt eine Kompromisssache. Das Originalmaterial war qualitativ bescheiden, mein alter Fernsehmitschnitt von DIE MÄRCHENBRAUT war alles andere als High Definition. Es gab ihn zwar auf DVD, aber weil ich mir in dieser Woche schon einen Wunderbar-Riegel gekauft hatte, war die DVD-Ausleihe einfach nicht mehr drin. Aber so ramponiertes Material hat ja auch irgendwie Charme. Der Rest ist keine große Schnittkunst, einfach alles übereinanderpappen, das sieht dann schon gut aus.

 

Am Ende wollte ich alles, was ich an Wumpscut liebe und fühle, in diesen Visual Remix einfließen lassen – die Ironie, das Aggressive, das Verspielte, das Morbide und den obligatorischen Hitler. Für mich funktioniert es, ich habe Wumpscut direkt von meinem Gehirn über meine Beine durch meine Hände und meinen Mund heraus visualisieren können. Mehr wollt ich gar nicht.

 

 

 

 

Wenn man so ein Video schneidet, lässt es sich nicht vermeiden, den Song hunderte Male hören zu müssen. Das endet meist in einer zerrütteten Beziehung zwischen Cutter und Song, aber Rumburak ist anders. Der Song nutzt sich einfach nicht ab. Er ist nicht mein Lieblingsstück auf dem Album (Armer Jid und Steinoma rangieren da weiter vorn), wohl aber der Song, den ich sofort visuell vor Augen hatte, in Form, Farben, Rhythmus, Ausdruck und Schlingelei. Das visuell herauszuarbeiten war eher Steinmetzkunde und hat irre Spaß gemacht! Danke Rudy R.! Bis zum nächsten Jahr.

 

 

 

One Comment

  1. Antworten

    […] Den „Nerz“, den ich zum Kleid trage, habe ich mit etwas Phantasie aus den Raglanärmeln des Cardigans mit Schalkragen gewonnen. Ich hatte dort noch einmal neue Ärmel mit durchgehender Naht gemacht und somit waren die alten mit der Naht auf der Schulter übrig. Ich finde, die Raglanzungen sehen aus wie kleine Pfötchen. Geschmacklos, nicht? Ich habe sie mit einer kleinen Einlage noch etwas plastischer herausgearbeitet. Mittelalterlich soll es aussehen. Die sternförmige Drapierung mit Brosche wirkt doch dekorativ. Und noch nicht einmal so böse wie die Hexe aus der Kinderserie „Die Märchenbraut“. Um die Weihnachtszeit werden die Folgen gern mal wieder im Fernsehen gezeigt. (Bild von http://www.traumfalter-filmwerkstatt.de/blog/das-bose-rumburak/) […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de