Fantasy Filmfest 2013 Quick’n’Dirty

Und da war´s auch schon wieder vorbei – das FANTASY FILMFEST 2013. Zumindest für Berlin und Hamburg. Und wie in fast jedem Jahr ist die eigene Programmvorausplanung selbstredend für die Katz gewesen, denn ich war die ersten Festivaltage gar nicht in der Stadt. Ups! So war es mir leider nicht vergönnt, den Eröffnungsfilm THE CONGRESS von Ari Folman zu schauen. Glücklicherweise startet der Animations-Realfilm-Mix nach Stanislav Lem am 12. September regulär in den Kinos. Auch HAUNTER von Vincento Natali hab ich verpasst. Aber auch in der zweiten Festivalhälfte gab es ja ein paar Perlen zu entdecken. Werfen wir im Kurzcheck einen Blick auf sechs Filmchen des diesjährigen Programms.

 

 

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Man kann Trejo in die Hand geben, was man will, es wird eine MACHETE-Pose.

Ein Film aus der Reihe MIDNIGHT MADNESS, noch dazu ein Grindhouse-Zombie-Flick mit Danny Trejo, das Ganze in einer Nachmittagsvorstellung um 13.00 Uhr? Das ist genau mein Ding, ein Hoch auf die Selbstständigkeit. Dachten sich wohl auch ein paar andere, der Saal war zu drei Vierteln gefüllt. ZOMBIE HUNTER ist alles andere als originell, aber irgendwie sympathisch. Der Held der Geschichte mault zwar einen lahmen Onliner nach dem anderen, aber sobald Danny Trejo als Jesús auftritt und mit Axt statt Machete stilvoll Zombies zerhackstückelt, macht das definitiv Laune.

 

Violettes Blut, schauderlich anzusehende CGI-Monster á la RESIDENT EVIL, aber auch ganz nette Zombiemasken machen ZOMBIE HUNTER zu einer Art Trashversion von PLANET TERROR – warum nicht. Wer einen Faible für Grindhousefilmchen hat und auf 92 Minuten sinnfreien Zombie-Endzeit-Matsch abfährt, so wie ich, der kann sich den Streifen definitiv mal geben.

 

 

FF-FAZIT:

Grindhouse-Zombie-Endzeit-Trash in Violett. Dämlicher Typ, schickes Mädel, Gehirn und Darm und Danny Trejo. Nix weltbewegendes, aber spaßig.

 

ZOMBIE HUNTER erscheint, zumindest in USA und UK, im Oktober auf Blu-ray und DVD.

 

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Mit seinem neuen Film widmet sich Regisseur Neil Jordan erneut dem Thema Vampirismus und erzählt eine Geschichte, die das Gegenstück zu INTERVIEW WITH THE VAMPIRE von 1994 sein könnte. In BYZANTIUM sind es Clara und Eleanor, die als vampirisches Mutter-Tochter-Gespann durch die Jahrhunderte wandern. Im Hier und Jetzt sind beide auf der Flucht, in Rückblenden erzählt Jordan ihr Schicksal in Form einer interessanten Betrachtung über die Entstehung der Blutsauger.

 

Wie immer umwerfend: Saoirse Ronan als 200 Jahre alte Eleanor

Endlich mal wieder ein Vampirfilm, der gängige Klischees außen vor lässt und einen mystischen Kern besitzt, voller visueller Metaphern und einer elegischen Erzählweise. Saoirse Ronan und Gemma Arterton spielen beeindruckend, Sam Riley dagegen wie immer mit angezogener Handbremse. Als Vampirfilm nicht ganz so kontrovers wie SO FINSTER DIE NACHT, aber auch nicht so schwülstig wie INTERVIEW WITH THE VAMPIRE. Zwar wohnt der Geschichte am Ende nicht die ganz große Dramatik inne, atmosphärisch wie visuell ist BYZANTIUM aber vortrefflich. Eine Vampirgeschichte mit starkem Fantasyeinschlag, einer Portion Coming-Of-Age, dezenten, aber effektvollen Gewalteinlagen und ganz viel Poesie. Werd ich mir sicherlich ein zweites Mal anschauen.

 

 

FF-FAZIT:

Poetisches und visuell elegantes Vampir-Märchen mit toller Story und brillanten Darstellern. Neil Jordan gelingt erneut atmosphärisches Fantasykino.

 

BYZANTIUM kommt meines Wissens erst im Januar 2014 in die deutschen Kinos, erscheint aber bereits Ende September als UK-Import.

 

 

 

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Besonders gespannt war ich auf das Zweitwerk der israelischen Regisseure Aharon Keshales und Navot Papushado, die bereits 2011 mit RABIES auf dem Festival vertreten waren. RABIES war ein überraschend witziger Slasher, der in Deutschland leider nur gekürzt erschienen ist. Mit BIG BAD WOLVES legen die beiden Filmemacher nun noch eine Schippe drauf.

 

Große, böse Wölfe und ein unschuldiges Lamm?

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der Mord an einem kleinen Mädchen. Der Plot spinnt sich um drei Figuren, einen Polizisten, dem Vater des Opfers und einem mutmaßlich Verdächtigen. Mehr über den Inhalt des bitterbösen wie auch urkomischen Streifens zu verraten, würde jeden Interessierten um eine gehörige Portion Spannung und Spaß bringen. Geschickt wird hier mit Gut- und Böse gespielt, unerwartete Wendungen und Stolperfallen gekonnt installiert, das Ganze in famoser Optik und mit einem tollen Score. Besonders der Einstieg in die Geschichte ist clever, nicht ganz so zündete bei mir allerdings das Finale. Dennoch, BIG BAD WOLVES ist ein richtiger Killerfilm, der gekonnt ein ernstes, schauerliches Thema durch zynischen Witz und slapstickhafter Komik bricht, auf falsche Fährten führt und manipulativ mit Sympathien und Antipathien gegenüber den Figuren spielt. Ein grandioses Werk, ich bin sehr gespannt auf weitere Filme der beiden Macher.

 

 

FF-FAZIT:

Mit Sicherheit das Festivalhighlight! Intelligentes Genrekino aus Israel. Pechschwarz & bitterböse, als hätten die Coen-Brothers einen Folter-Thriller inszeniert.

 

Einen Veröffentlichungstermin für BIG BAD WOLVES gibt es leider noch nicht, aber ich kann jedem Genrefreund die UK-Fassung von RABIES empfehlen. Aber bloß Finger weg von der deutschen VÖ mit dem beknackten Titelzusatz: A BIG SLASHER MASSACRE!

 

 

 

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Erwartet hatte ich eigentlich etwas in Richtung MOON oder LOVE, doch hinter EUROPA REPORT steckt eher ein feinfühligeres APOLLO 18. Der Film bedient sich aus der Found-Footage-Kiste, Wackelkamera gibts keine, dafür schlichte, aber atmosphärische Bordkameraaufzeichnungen des Raumschiffs Europa One, welches sich zum Jupitermond Europa aufmacht, um unter dem Eis nach Leben zu suchen. Über weite Strecken wirkt der Film des ecuadorianischen Regisseur Sebastián Cordero (CRONICAS, RABIA) bedeutungsschwangerer als er wirklich ist. Spannend ist die Reise zum Jupitermond durchaus, letztlich bin ich doch enttäuscht.

 

Da kann die Crew noch so dramatisch dreinblicken, was der Zuschauer letztlich zu Gesicht bekommt, ist enttäuschend.

Wirklich dramatische Höhepunkte bieten die 90 Minuten Sci-Fi-Kost nicht, das Ende und gleichsam die Entdeckung ist eher lahm und unbefriedigend. Es gelingt Cordero zwar, mit wenigen schlichten Mitteln eine authentische Atmosphäre zwischen den Kameraaufzeichnungen entstehen zu lassen, aber da spielt wie gesagt MOON in einer anderen Liga. Toll allerdings die Besetzung mit Sharlto Copley (DISTRICT 9, ELYSIUM), Michael Nyquist (MILLENIUM-Trilogie) und Anamaria Marinca, die ich sogar persönlich bei den Dreharbeiten zu THE COUNTESS kennenlernen durfte und die einfach fantastisch ist. Dennoch eher durchschnittliche Genrekost, wenn auch ambitioniert und technisch sauber.

 

 

FF-FAZIT:

Sci-Fi-Found-Footage mit ernsterem Erzählton, aber unspektakulärer Story und lahmen Ende. Schlicht, aber stilvoll inszeniert und toll besetzt, letztlich aber ereignislos.

 

Europa Report erscheint am 22.Oktober auf Blu-ray und DVD.

 

 

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Hell, Yeah! Hatte mir bereits Teil 1 VHS recht gut gefallen, schafft es das Sequel sogar, noch einen draufzusetzen. Episodenhorror erschienen ja einige in letzter Zeit (CHILLERAMA, THE THEATER BIZARRE, THE ABC`S OF DEATH), die VHS-Reihe mischt da kräftig Found-Footage drunter und serviert das Ganze nach Rezepten von Adam Wingard (YOU`RE NEXT), Eduardo Sánchez (BLAIR WITCH PROJECT), Garet Evans (THE RAID) und Timo Tjahjanto (MACABRE) und Jason Eisner (HOBO WITH A SHOTGUN).

 

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Auch wenn die Story am Ende völlig in den Wahnsinn driftet, “Save Haven” ist extrem verstörend und alptraumhaft.

In einer ähnlich angelegten Rahmenhandlung wie Teil 1 stoßen zwei Ahnungslose in einem heruntergekommenen Haus auf einen Berg Videokassetten nebst Röhrenfernseher und Abspielgerät. Kaum ist die erste Kassette im Schlund des Rekorders verschwunden, befindet man sich bereits in der ersten Episode “Phase I Clinical Trials” von Adam Wingard, in welcher ein Patient nach einem Unfall einen Sehchip ins Augen implantiert bekommt, mit dem man sogar Geister sehen kann – erinnert ein wenig an THE EYE, hat aber ein paar schöne Schockmomente. In “A Ride in the Park” trifft ein Biker mit Helmkamera auf eine Horde Zombies, wird angeknabbert und somit der erste First-Person-Zombie-Kameramann. Witzig inszeniert und schön darmhaltig.

 

In Episode 4 (ich überspringe kurz die 3) “Slumber Party Alien Abduction” von Jason Eisner landen Aliens im Garten ein paar Kids, die sturmfreie Bude haben. Das Ganze driftet in ein schier chaotisches Sci-Fi-Horrorvergnügen, klasse. Trotzdem, mein Favorit ist “Save Haven” von Garet Evans und Timo Tjahjanto. Ein Filmteam erhält die einmalige Gelegenheit, die Zeremonie einer indonesischen Sekte zu filmen, was in einem verstörenden, surrealen Trip in den Wahnsinn gipfelt. Beklemmende Atmosphäre und FSK-inkompatible Gewaltexzesse machen “Save Haven” zum Glanzstück der Sammlung. Insgesamt wirkt die Fortsetzung von VHS straffer und zudem nicht ganz so verwackelt und unscharf.

 

 

FF-FAZIT:

Tolles Franchise, Fortsetzung geglückt. S-VHS bietet 4 feine Episoden-Horror-Stückchen, von denen besonders “Save Haven” lang im Gedächtnis bleiben wird. Teil 3 kann kommen!

 

S-VHS oder VHS 2 erscheint im November auf DVD und Blu-ray, allerdings wie zu erwarten in einer geschnittenen Fassung. Ab Oktober allerdings uncut per UK-Import.

 

 

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Von Adam Wingard (A HORRIBLE WAY TO DIE, S-VHS) stammt auch der Abschlussfilm des diesjährigen Festivals YOU`RE NEXT, der als Partykracher angekündigt wurde. Bei einem Familientreffen in einer abgelegenen Villa schauen neben den Kindern nebst ihren Lebensabschnittsgefährten auch drei Maskierte Metzelknechte vorbei und machen ordentlich Wurstbrät. Hab ich mich sehr darauf gefreut, die Plakatkampagne mit den fiesen Masken fand ich sehr schick, zudem steh ich auf Home-Invasion-Flicks á la THE STRANGERS. Doch damit hat YOU`RE NEXT nicht viel gemein.

 

Die Masken sind durchaus gruselig, aber YOU`RE NEXT folgt dem Terroransatz nur kurz.

In der ersten halben Stunde war ich mir nicht sicher, in welche Richtung der Film tendieren wird. Der Terroransatz auf der einen Seite funktioniert ganz anständig, dem gegenüber standen aber die grenzdebilen Aktionen und Reaktionen der Familienmitglieder. Nach der Hälfte entscheidet sich der Film dann, eine Slasher-Komödie zu werden, und dann wird er auch besser. Hat im Kinosaal schon funktioniert, aber ich bezweifle, dass mich YOU`RE NEXT allein vor dem Bildschirm so unterhalten hätte. Ich steh durchaus auf Crossover oder komödiantische Einschläge, aber in diesem Fall ist das Ergebnis unentschlossen und wankelmütig; für einen Terrorfilm zu albern und für eine Splatterkomödie nicht albern genug. Vielleicht bin ich hier auch mit falschen Erwartungen herangegangen. Gelacht und applaudiert wurde viel, und das is ja die Hauptsache. Letzten Endes fragt man sich aber dennoch über das Warum des Ganzen. Zumindest kracht es ab und zu, der Score ist toll und das Survival Girl macht ihre Sache mit dem Schnitzelklopfer ganz manierlich.

 

 

FF-FAZIT:

Mehr SCREAM als THE STRANGERS. Mit ein paar Bier und Freunden ein spaßiger Fun-Slasher, jedoch zu unentschlossen und mit dämlicher Pointe.

 

Kommt ab November in die deutschen Kinos.

 

 

Letzten Endes doch noch all das mitgenommen, was das Festival ausmacht. Tritte in den Rücken, wenn der Hintermann oder die Hinterfrau erschrocken zusammenzuckt, grölendes Gelächter, wenn mal wieder eine Axt in irgendeinen Schädel kracht. Zombiespaß zur Mittagsstund, Funsplatter, während im Kino nebenan PIERCY JACKSON 2 läuft. Viele der Filme erscheinen in den Herbstmonaten fürs Heimkino. Wer das FANTASY FILMFEST verpasst hat, weil er beispielsweise zwischen Erwitte und Anröchte wohnt, kann in hiesigen Videotheken ein paar Festival-Blues-Empfehlungen nachgehen.

 

Immerhin können Genrefreunde aus München, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Nürnberg noch bis 12. September das Festival genießen. Im Frühjahr 2014 geht die Reise dann mit den NIGHTS weiter. Wie immer stimmt es etwas traurig, dass auch in diesem Jahr bis auf ROBIN HOOD von deutschen Beiträgen nichts zu sehen war. Aber vielleicht schafft es ja die GENRENALE, das Festival des Neuen Deutschen Genrefilms, welches für 2014 geplant ist, frischen Wind in die Festivallandschaft zu bringen.

 

 

2 Comments

  1. Antworten

    […] sind durchaus interessant, so bekommt der deutsche Genrefreund mit I SPIT ON YOUR GRAVE 2 und S-VHS (VHS 2) zwei Genrestreifen in ihrer ungeschnittenen Fassung zu sehen, während beide Filme im November nur […]

  2. Antworten

    […] aber auch egal, ich mag Formulierungen wie “Bester Film des Festivals” sowieso nicht. Wie im letzten Jahr picken wir uns kurz & dreckig ein paar Rosinen aus dem Filmfestkuchen und prüfen diese radikal […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de