Drei Groschen Gänsehaut

Ich war, bin und werde es immer sein – ein bekennender Horrorfan. Aber was heißt das? Wenn man sagt, man liebt Horror, meint man für gewöhnlich Horrorfilme, wo es wohlig schaudert oder derbe splattatert. Aber die Faszination an Horror geht weit über bloßen Filmkonsum hinaus. Als Kind lauschte man Gruselgeschichten am Lagerfeuer, das war mitnichten ein Filmklischee. Nachtwanderungen im Ferienlager waren der letzte Schrei, in dunklen Wäldern, wo das Unterholz knackte. Nie werde ich die Schallplatte “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen” vergessen. In staubigen Bodenkammern fand ich alte Bücher, las “Der Doppelmord in der Rue Morgue” von Edgar Allan Poe. Doch die entscheidende Begegnung mit Horror machte ich im Frühjahr 1990, als andere Kinder mit Lego spielten und tonnenweise Hanuta verdrückten. Die Wende brachte nicht nur Süßkram und Spielzeug in die Läden, sondern auch obskure Drehständer mit bunten, aber auch düsteren Heftchen.

 

Ein vergessenes Stück deutsche Horrorgeschichte

 

Während andere wöchentlich die BRAVO kauften (nun gut, das habe ich auch getan), war für mich jeder zweite Dienstag ein morbider Freudentag. Denn beim Zeitschriftenhändler lag dort auch immer ein kleines lila Heftlein mit schaurigem Cover – DÄMONENLAND hieß es und der Untertitel versprach “Die besten Horrorromane der letzten 20 Jahre”.

 

Was hatte ich verpasst? Am 10.10.1989 startete im BASTEI Verlag eine neue Gruselreihe, die Anfang 90 dank internationaler Politikverschiebungen auch im beschaulichem Thüringen auslag.

 

DÄMONENLAND, Bastei Lübbe AG 1989 – 1996 (176 Bände)

 

Heftromane, das war etwas völlig neues, und dennoch war es 1990 bereits ein alter Hut, welcher einen zweiten Frühling erlebte. Die Romane der Reihe DÄMONENLAND waren Nachdrucke der beliebtesten Horror-Heftromane der siebziger und achtziger Jahre, der Hochzeit jenem Mediums. So las ich heimlich still und leise abends im Bettchen, bei Kakao und Fleischsalattoast, Geschichten mit schauderlichen Titeln wie “Das mordende Gehirn”, “Totentanz der Ghouls” oder “Die Höllenbrut” und gruselte mich.

 

Edgar Allen Poe war kompliziert zu lesen, aber diese Heftchen konnte man schnell in Gänze verschlingen und Nachschub schien nie zu versiegen, denn da gab es ja auch noch JOHN SINCLAIR und PROFESSOR ZAMORRA. Filme mögen meine Leidenschaft für das Medium geprägt haben, die Passion für das Schreiben aber entfachten Horror-Heftromane. Und sie tun es heute noch, obwohl auch der zweite Frühling des Mediums bereits verblüht ist.

 

 

GESPENSTER KRIMI, Bastei Lübbe AG 1973 – 1985 (597 Bände)

 

Der Heftroman in Deutschland, auch Groschen- oder Schundroman genannt, entstand bereits Ende des 19. Jahrhundert, ähnlich wie die amerikanischen „pulps“, die allerdings als Taschenbücher verbreitet wurden. Das waren zuerst Heimatgeschichten oder Krimis, später auch Science Fiction (PERRY RHODAN). Bis der Horror in den deutschen Heftroman Einzug hielt, dauerte es allerdings bis 1968. Aus dem SILBER-KRIMI (Zauberkreis Verlag) wurde der SILBER-GRUSEL-KRIMI, der Held hieß Larry Brent, der sich mit parapsychologischen Fällen beschäftigte.

 

 

VAMPIR HORROR ROMAN, Pabel-Moewig Verlag 1972 – 1982 (451 Bände)

 

Das vorsichtige Einstreuen von übersinnlichen Elementen in die damalige literarische Krimilandschaft war sehr erfolgreich, dass Verlage wie PABEL MOEWIG oder BASTEI Anfang der Siebziger Jahre eigenständige Horrorreihen auf den Markt brachten – den VAMPIR HORROR ROMAN und den GESPENSTER-KRIMI. Beide Reihen schafften es bis Mitte der Achtziger Jahre auf zusammen über 1000 Bände. Bis 1989 im Großen und Ganzen der Markt ausschließlich von JOHN SINCLAIR und PROFESSOR ZAMORRA bestimmt wurde. Doch dann erschient DÄMONENLAND und brachte die alten Horrorromane neuen Generationen nahe.

 

 

Silber Grusel Krimi Nr. 1 von 1968 (Zauberkreis Verlag), PROFESSOR ZAMORRA ab 1974 (Bastei Lübbe AG), MACABROS (1973 – 1983, 125 Bände, Zauberkreis Verlag), TONY BALLARD (1982 – 1990, 200 Bände), DAMONA KING (1979 – 1983, 107 Bände), DER HEXER (1984 – 1987, 49 Bände) alle Bastei Lübbe AG

 

Die Geschichte des Horror Heftromans ist ungemein faszinierend, es gab Hochzeiten, es gab Einbrüche und Krisen. Als das DÄMONENLAND 1996 mit Band 176 eingestellt wurde, endete auch meine aktive Lesezeit an Neuerscheinungen. Es gab zwar noch VAMPIRA, später MADDRAX, doch das wohlige Gefühl, jeden zweiten Dienstag ein neues Heft zu erstehen, starb irgendwie mit DÄMONENLAND. Aus Trotz habe ich dann für mich selbst die Reihe mit fiktiven Fancovern noch bis Band 240 weitergeführt, da gab es noch so viel, auf dass ich mich freute, aber nicht mehr erschien. Doch ich blieb dem Heftroman treu, begann nun die alten Originalhefte zu sammeln, den VAMPIR HORROR ROMAN und den GESPENSTERKRIMI. Ich durchforstete Trödelmärkte und orderte Romane bei Heftantiquariaten – in einer Zeit vor dem Internet oder ebay durchaus eine Herausforderung.

 

Wenn auch in meinem Freundeskreis keiner diese Leidenschaft teilte, so ganz allein fühlte man sich nicht in der Horror-Heftromanwelt. Zu Zeiten von DÄMONENLAND war ich wie viele andere auch Leserbriefschreiber, es wurden sogar welche abgedruckt, um den damaligen Redakteur Michael “Monster Mike” Schönenbröcher entstand so etwas wie ein Kult. Auf der DÄMONENLAND-Leserseite wurde ausgiebig über Horror in all seinen Spielarten diskutiert, auch über Filme. Ich erinnere mich an Diskussionen um TANZ DER TEUFEL und bösen Jugendschutz, über Klassiker wie TANZ DER VAMPIRE und natürlich an meine erste Begegnung mit H.P. Lovecraft. Ich verschlang die gesamte Serie DER HEXER von Wolfgang Hohlbein und begann selbst Geschichten um Cthulhu und Co. zu verfassen.

 

Stoffentwicklungskisten

 

Nach all den Jahren der wilden Sammelei hortete ich Kistenweise Romanhefte, die in Schränken vor sich hin staubten. Inzwischen war auch ich Schreiberling geworden, zwar kein Romanheftautor, aber immerhin Stoffentwickler mit großem Faible für die Phantastik, wofür zu großen Teilen Heftromane verantwortlich waren. Bis ich eines Tages in den alten Kisten wühlte und eine Idee heranreifte.

 

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Natürlich dachte ich bereits beim Lesen des ein oder anderen Heftes der Reihe DÄMONENLAND daran, wie diese oder jene Geschichte als Film wirken würde. Doch ganz ernsthaft beschäftigte ich mich damit erst ab dem Jahr 2007, als ich noch einmal meine Lieblingsklassiker las.

 

Das war nicht immer erfüllend, manchmal erschauderte ich weniger vom wohligen Horror als von der grobschlächtigen Schreibe eines manchen geliebten Autors. Doch einige Hefte zogen mich noch immer in den Bann. Die Überlegung um eine eventuelle filmische Adaption war in erster Linie keine inhaltliche, klassische Horrorstoffe waren ab den 2000 Jahren eher Schnee von gestern, der Horrorfilm tendierte in neue Richtungen, Teenieslasher, Torture Porn oder Found Footage eroberten die Leinwände. Eine ganz andere Überlegung brachte mich auf diese Idee.

 

Innerhalb der Genrediskussion um eine deutsche Identität in der Phantastik wurde stets damit argumentiert, dass es diesen oder jenen historische Zement in Deutschland nie gab. Es gab keine Comickultur, keine Heldenverehrung, von den Klassikern Murnau und Lang abgesehen sogar eine gewisse Feindlichkeit gegenüber der Phantastik. In anderen Ländern wurde wild adaptiert, Marvel, DC, es gab Fernsehserien, die zu Franchise wurden (TALES FROM THE CRYPT), aus Comics wurden Filme und umgekehrt (CREEPSHOW). In Deutschland schien es eine solche popkulturelle Strömung nicht zu geben, aus der man Stoffe schöpfen konnte.

 

Doch das war nicht ganz richtig, denn es gab den deutschen Heftroman, nur schien das außer mir niemand zu bemerken. Es war ein Stück deutsche Horrorgeschichte, von der bei der Masse bis heute wohl nur JOHN SINCLAIR hängen geblieben ist, der ja sogar verfilmt wurde, mehr schlecht als recht. Als ich aber die Kisten voller Romanhefte so vor mir sah, ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Hier lag nicht nur ein ganzes Füllhorn an Geschichten, der deutsche Heftroman bot auch eine phantastische Marke, ein mögliches Franchise, wie auch immer.

 

 

Die filmische Adaption des Heftromanreihen-Konzeptes

 

So begann ich für mich mit Überlegungen einer adäquaten Adaption. Denn der Heftroman bot so viel mehr, als dass man nur eine der klassischen Horrorstories ins Filmische übertrug. Was mir vorschwebe, war die Verfilmung des gesamten Heftromanreihen-Konzeptes. Rein inhaltlich waren die 64-seitigen Heftchen nur bedingt für einen Neunzigminüter adaptierbar, dramaturgisch waren sie fast alle recht fahrig, nicht selten machten Geisterjäger in den Geschichten auch mal 14 Tage Urlaub, bevor sie weiter einem Dämon nachjagten.

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Als Reihenkonzept, also jede Woche eine neue Horrorgeschichte, bot sich im Filmischen natürlich das Konstrukt Serie an. Doch für eine Horror-Fernsehserie sah ich damals keinerlei Chance auf dem Markt, die Zeiten von TWILIGHT ZONE waren längst vorbei. Doch es gab noch eine andere Möglichkeit, nämlich die Anthologie.

 

Das Vorbild dafür war der Sammelband, in dem nicht verkaufte Hefte, drei Stück an der Zahl, zusammengebunden nochmal in die Zeitschriftenläden gelangten. Filmisch entsprach das dem beliebten dreiteiligen Episodenfilm, den es bereits mit SCHWARZE GESCHICHTEN von Poe, KATZENAUGE oder TALES FROM THE DARKSIDE gab.

 

Mit dieser Idee im Hinterkopf las ich die Romane noch einmal neu und stellte fest, die Geschichten, hier und da ein wenig entschlackt und komprimiert, eigneten sich hervorragend für knackige Dreißigminüter. So waren die Einzelteile nun nicht mehr Story Eins, Zwei und Drei, sondern Bände. Ein Film entsprach einem Sammelband, die Fülle der Geschichten war bei Erfolg durchaus fortsetzungswürdig. Nach dem Aufschlagen eines Romanheftes wurde man durch ein Vorwort auf die Geschichte eingestimmt, nichts anderes machte der Cryptkeeper in TALES FROM THE CRYPT. Das Konzept schien in der Theorie zu funktionieren. Als ich es so vor mir sah, war es eigentlich nichts anderes als die Verfilmung des Konzeptes DÄMONENLAND, jene Reihe, die ebenso die alten Heftromane der siebziger und achtziger Jahre als “Best Of Revival” neu auflegte. Doch der Rahmen war nur die eine, die einzelnen Stories beziehungsweise die Auswahl der Romane eine ganz andere Hürde.

 

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Inhaltlich waren die Horror-Heftromane aus dem GESPENSTER KRIMI oder dem VAMPIR HORROR ROMAN klassischer Grusel um Vampire, Werwölfe, Geister und Untote, nichts, was die Filmlandschaft nicht schon hundertmal durchwandert hat. Trotzdem war ich überrascht, wie originell teilweise die Wendungen und Hintergründe der einzelnen Geschichten im Vergleich zu Filmklassikern waren. Der Film hat sich klassischen Horrorgestalten nur bedingt unkonventionell angenommen. Im Romanheft dagegen gab es trotz aller Klischees noch frische Ideen.

 

Für mich stand fest, eine Modernisierung der Geschichten wird dem Konzept nicht gerecht und kommt nicht in Frage. Die Stories waren in den siebziger Jahren angesiedelt und sollten es auch bleiben. Was damals durchaus ernst gemeint war, erzeugte heute einen ungemein nostalgischen Charme, der untrennbar mit der Faszination der alten Hefte verknüpft und auch im Filmischen originell war. Klassischer Horror wurde Ende der 2000er auch wieder salonfähig, dafür sorgten Remakes und Filme wie INSIDIOUS und CONJURING. So begann ich, aus tausenden Heften Romane auszuzwählen, die sowohl von der Originalität als auch von der Abwechslung in das Horror-Heftroman Konzept passten. Vorbild hierfür war wieder das selige DÄMONENLAND. Geboren war…

 

 

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In den nasskalten Herbsttagen des Jahres 2011 begann ich dann, Romanhefte als Kurzfilmdrehbücher zu adaptieren. Es sollten meine persönlichen Highlights werden, aber die ein oder andere Geschichte machte dramaturgische Sperenzchen. An manchen nagte trotz des Retrocharmes der Zahn der Zeit, andere wiederum waren filmisch wenig spannend aufzuziehen. Doch einige Geschichten schrieben sich fast von allein, so dass es am Ende nicht bei einem Sammelband blieb.

 

 

 

 

 

Ich möchte heute sechs Geschichten aus DAS ARCHIV DER ANGST Vol. 1 & 2 vorstellen und aufzeigen, wie viel Grusel, Spannung und Witz in den Romanen von damals noch immer steckt und welch bedeutendes Stück deutsche Horrorgeschichte das Konzept Heftroman darstellt.

 

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Die erste Episode der Anthologie DAS ARCHIV DER ANGST straft dann mein Konzept auch gleich Lügen, denn es ist die Adaption des Romans eines französischen Autors. Im VAMPIR HORROR ROMAN erschienen etliche Übersetzungen, sie gelten allerdings auch als die beliebtesten unter den Klassikern. Allen voran der VHR Nr. 2 DER TOTENTANZ von Alphonse Brutsche aus dem Jahr 1973.

 

banner_band1_coverPiere Merin hat alles verloren, sein Heim bei seinen reichen Schwiegereltern, die ihn bis zu ihrem Tod schikanierten, seine feiersüchtige Frau Christine, die sich aus Langeweile erhängte. Als dann noch Pieres Sohn Anthony an Schwindsucht starb, verliert er jeden Lebensmut. Täglich verweilt er am Familiengrab, als ihm eines Tages ein Fremder ein unheimliches Angebot unterbreitet. Er soll den Samen einer seltenen Pflanze am Grab einpflanzen, das bringt geliebte Verstorbene zurück. Piere tut, wie ihm geheißen und tatsächlich kehrt Anthony in der nächsten Nacht aus dem Grab zu ihm zurück. Doch dabei bleibt es nicht, auch seine Frau Christine und seine verhassten Schwiegereltern entsteigen dem Grab, nisten sich in Pieres kleiner Wohnung ein und die Schikanen beginnen erneut. Die Untoten, die Piere rief, wird er nun so schnell nicht wieder los.

 

DER TOTENTANZ war und ist meine erste Wahl für eine Adaption, bereits im DÄMONENLAND galt der Roman als einer der beliebtesten. Zum einen wegen der bedrückenden Atmosphäre, die ich filmisch immer mit Frühwerken von Jean-Piere Jeunet (DELIKATESSEN) assoziierte, zum anderen, weil es sich bei den Widergängern nicht um klassische Zombies handelt, sondern um tragische Wesen, die auch nach ihrem Tod noch ihren Eigenarten nachgehen, wenn auch stumm und modrig.

 

Zudem hat DER TOTENTANZ einen ungemein bittersüßen, makabren Humor, wenn Piere in der Fleischerei immer mehr Kottelets kaufen und seine neuen Mitbewohner vor anderen Mietern des Hauses geheim halten muss. Melancholie und Ekel werden immer wieder durch morbiden Witz gebrochen, was den TOTENTANZ zu einer perfekten Einstiegsepisode macht.

 

 

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Auch die zweite Episode stammt von einem Franzosen, B.R. Bruss DIE MAGISCHE SEUCHE. Zwar gilt eher sein Roman TROMMELN DES TODES als Meisterwerk, doch war ich immer von der klebrigen Atmosphäre der Geschichte um eine unheimliche Krankheit gefesselt. Der Original-Roman ist storytechnisch und dramaturgisch ein wenig wirr, weshalb ich ihn etwas freier adaptiert habe.

 

banner_band8_covertestDer Wissenschaftler Professor Scheelring kommt von einer Afrika-Expedition zurück – in einem Sarg. Sein letzter Wille ist es, auf seinem Grundstück in dem beschaulichen belgischen Dorf Gondrieux bestattet zu werden. Dort übernimmt gerade der neue Arzt Dr. Blaine eine Praxis. Ein paar Wochen nach dem Tod des Professors kommt es in dem abergläubischen Dorf zu seltsamen Krankheiten. Ein Junge klagt über einen zu langen Zeigefinger, ein Bauer stolpert über seine eigenen Füße. Dr. Blaine stellt fest, dass sich die Körpergliedmaßen der Dorfbewohner unnatürlich vergrößern. Nach dem ersten Todesfall geraten die Dorfbewohner in Panik. Dr. Blaine vermutet eine seltene Infektion, die Professor Scheelring möglicherweise aus Afrika eingeschleppt hat. Doch der inzwischen wütende Mob mit Mistgabeln glaubt stattdessen fest an einen Pygmäenfluch.

 

Schaurig, aber vor allem eklig und bizarr, was sich in DIE MAGISCHE SEUCHE abspielt und auch jener Roman verfügt im Nachhinein über mehr morbiden Witz, als früher gedacht. Ein Arzt gilt als besserer Viehdoktor, der Bürgermeister des Dorfes ist der größte Halunke und die abergläubischen Bewohner Gondrieux’s machen im wahrsten Sinne aus einer Mücke einen Elefanten.

 

Denn im Gegensatz zum Original Roman ist die Seuche keine magische, sondern eine seltene Form der Elefantenkrankheit, eingeführt durch eine Mückenart. Visuell bezieht diese Geschichte ihre Faszination aus der Gestaltung der Masken – eine riesige Nase, ein gewaltiger Unterkiefer, DIE MAGISCHE SEUCHE lässt sich vielleicht vergleichen mit TAXIDERMIA oder THINNER, ist aber wesentlich atmosphärischer, ein Fiebertraum aus Dung, Dreck, Scheiße und Lebertran.

 

 

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Einer der beliebtesten deutschsprachigen Autoren innerhalb des deutschen Heftromanes ist der österreichische Schriftsteller Hubert Straßl, bekannt als Hugh Walker. Jeder seiner Romane im VAMPIR HORROR ROMAN ist absolut faszinierend, doch mein Spitzenreiter war immer die grandiose Geschichte DAS HAUS DER BÖSEN PUPPEN um einen wirklich interessanten Werwolf-Fluch.

 

banner_band9_covertestCharlie Teppesch irrt durch einen Wald, seine Kleidung ist schmutzig, blutverschmiert, er hat keine Erinnerung, erreicht völlig erschöpft eine Stadt – Frankfurt am Main. Dort wird er von dem Journalisten Eddie gefunden, der Charlie zu kennen glaubt. Vor einem Monat sei er ihm in Nürnberg begegnet, schon damals hatte Charlie keine Erinnerung. Eddie quartiert ihn in seiner Wohnung ein, doch eigentlich will er ihn bei der Polizei verpfeifen, denn er glaubt, Charlie sei ein gesuchter Mörder. Doch dazu kommt es nicht, denn Eddie wird von einer lebenden Schaufensterpuppe ermordet. Als Charlie Tage später erwacht, begegnet er Charlotte, Eddies Exfrau. Beide machen sich auf die Suche nach der Vergangenheit und treffen auf eine Zigeunerin, die Charlie kennt und warnt. Ist Charlie tatsächlich der gesuchte Mörder, der in jeder Vollmondnacht zu einem Werwolf wird?

 

Im Grunde ist „Das Haus der bösen Puppen“ eine klassische Werwolfgeschichte in einer Großstadt, vergleichbar mit dem Londonpart aus AMERICAN WEREWOLF, mehr noch mit WOLFEN. Doch steht hier weniger die Frage im Raum, ob und wann sich Charlie Teppesch in einen Wolf verwandelt, eher, was die Zigeunerfrau und ihre Armee von lebendem Spielzeug damit zu tun haben.

 

Der Schluss, das Finale, ist auch 40 Jahre nach Erscheinen des Romans noch faszinierend dunkel und bitter. Die Erkenntnis, die Charlie am Ende der Geschichte aus seinem Schicksal zieht, ist so poetisch, dass ich sie in der Adaption zum Teil Wort für Wort übernommen habe. Der Schluss war Anfang der 90er Jahre noch skandalös. Als der Roman für das DÄMONENLAND neu aufgelegt wurde, musste das Ende wegen Beanstandungen der damaligen BPjS zensiert werden. Ja, auch Horrorromane hat es damals erwischt! Wenn das kein Potential hat!

 

 

 

 

 

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Die erste Episode aus DAS ARCHIV DER ANGST Vol. 2 ist der Klassiker schlechthin, der erste Band der Reihe VAMPIR HORROR ROMAN und erneut aus der Feder von Hugh Walker. Er löst sich von der damals klassischen Darstellung von Vampiren nach Bram Stoker und liefert eine der ersten modernen Vampirgeschichten, die auch einen guten Edgar Wallace Krimi abgeben könnte.

 

banner_band8_covertestMünchen. Peter wartet auf der Straße auf Privatdetektiv Hammerstock, den er engagiert hat, um seine Frau Martha zu beschatten. Peter vermutet, dass ihn seine Frau betrügt, sie redet im Schlaf und manchmal hat er das Gefühl, jemand sei in ihrem Schlafzimmer gewesen. Doch ein verstecktes Diktiergerät unter dem Bett hat nur Marthas Stimme aufgezeichnet. Das junge Paar geht zu einem Arzt, der jedoch keinerlei Geisteskrankheit feststellt, sondern lediglich, dass Martha schwanger ist. Doch die Freude währt nur kurz, denn Martha hat bereits nach 6 Monaten eine Frühgeburt. Seltsamerweise ist der Knabe wohlauf und überhaupt nicht unterentwickelt. Im Gegenteil, er wächst rasch und beißt der Hebamme gern kräftig in die Brust. Langsam dämmert es Peter und Martha, da war doch ein Fremder im Schlafzimmer und der Sohn ist ein Vampir!

 

„Vampire unter uns“ hat alle klassischen Zutaten eines 60er Jahre Krimis á la Edgar Wallace und erinnert im Bezug auf Willy, das Vampirkind, ein wenig an DIE WIEGE DES BÖSEN. Zwar herrscht ein ernsterer, zynischer Unterton, doch auch Walkers Vampirgeschichte verfügt über subtilen, schwarzen Humor und ein bittersüßes, nahezu romantisches Ende.

 

Walker hat es in all seinen Romanen geschafft, klischeefreie, starke Charakter zu erschaffen, die weit entfernt waren von den damaligen Geisterjägern mit Silberkugeln und ihren blonden, naiven Liebchen. So ist die Geschichte eher vergleichbar mit ROSEMARIES BABY als mit DRACULA JAGT MINIMÄDCHEN und ein fantastischer Einstieg in die zweite Anthologie.

 

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Im DÄMONENLAND wurde damals der Roman DER SCHWARZE TOD als Spitzenreiter unter den Horrorheft-Klassikern gefeiert und auch heute noch ist die düstere Fantasygeschichte ein beklemmend-dichtes Meisterwerk von G.J. ARNAUD.

 

banner_band1_coverIn dem kleinen Dorf Burbach in den französischen Alpen leben nur noch 2 Menschen, der 50jährige Simon Lerouge und sein kleinwüchsiger Freund Collin. Simon erinnert sich, was vor über 30 Jahren in Burbach passiert ist. Es war ein kalter Winter im Jahr 1943, Burbach von der Außenwelt abgeschnitten, als seltsame Fremde im Dorf auftauchen. Man hält sie für Kriegsflüchtlinge, doch die Fremden kamen aus einem Spalt in der Zeit, aus dem Burbach des Jahres 1335. Durch einen solchen Riss lernt der junge Simon die schöne Ninon kennen, die in einer Herberge unter Quarantäne lebt, denn in Burbach ist die Pest ausgebrochen. Simon nimmt Ninon mit in sein Jahrhundert, doch auch dort bricht die Pest aus und die Fremden werden vertrieben. Nun muss Simon um seine Liebe kämpfen, während sein Dorf langsam stirbt und die Risse der Zeit sich schließen.

 

Die Geschichte tendiert eher in Richtung Fantasy denn Horror, doch ist DER SCHWARZE TOD eine der atmosphärischsten Erzählungen in 40 Jahren Heftromangeschichte. Pestkarren rollen über verschneite Acker, Männer mit Schnabelmasken, Wölfe und die beklemmende und bedrückende Isolation des Dorfes in zwei verschiedenen Jahrhunderten, dazu eine der traurigsten Liebesgeschichten überhaupt, die mehr als tragisch endet.

 

Die Story ist auch heute noch faszinierend und einzigartig, filmisch höchstens vergleichbar mit dem russischen Film MÄRCHEN EINER WANDERUNG oder entfernt mit DER NAME DER ROSE oder PANS LABYRINTH. Man kann sich dem Erzählsog kaum entziehen und das Ende der Geschichte trifft einen wie ein bitterer Schlag ins Gesicht.

 

 

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Waren bislang alle Episoden der Anthologie Adaptionen von Einzelromanen, würdigt die letzte Geschichte einen entscheidenden Aspekt der Heftroman-Ära – den Serienheld. Doch weder John Sinclair, Professor Zamorra noch Tony Ballard darf die Filmbühne betreten, sondern der faszinierendste aller Serienhelden – Robert Craven, DER HEXER von Wolfgang Hohlbein.

 

banner_band8_covertestDas Dorf Durness in Schottland, 1883. Bensen und Norris, Treibnetzfischer, rennen um ihr Leben. Sie suchten im Auftrag eines gewissen Mr. Phillips ein gesunkenes Schiff vor der Küste und fanden ein wütendes Seeungeheuer mit Tentakel. Nun stellen sie ihren Auftraggeber zur Rede und wollen mehr Geld. Howard “Mr. Phillips” Lovecraft und seine Begleiter Robert Craven und Rowlf sind nach Durness gereist, um wichtige Unterlagen aus dem Wrack zu bergen. Während Lovecraft das Wrack begutachtet, quält Robert Craven eine Verletzung, die er sich im Kampf gegen einen “Großen Alten” zugezogen hat. An seinem Körper klebt nun der Schatten jener Bestie und versucht ihn zu töten. Ein Totgeglaubter taucht wieder auf und scheint um Cravens Schicksal zu wissen. Er befreit ihn von dem Schatten und will auch Lovecraft bei der Bergung helfen. Doch kann man einem Untoten trauen?

 

Robert Craven, der Hexer, war vielleicht der ungewöhnlichste Serienheld der Heftroman-Ära, aus der Feder von Deutschlands auflagenstärkstem Autor – Wolfgang Hohlbein. Hohlbein nahm sich mit DER HEXER dem Cthulhu-Mythos von H.P. Lovecraft an, und machte ihn sogar zur Serienfigur. DER HEXER spielt zu einer fantastischen Zeit, der von Jules Verne, H.G.Wells, von Phileas Fogg, Sherlock Holmes oder Jack, the Ripper. Nachdem die HEXER-Serie nach 49 Bänden eingestellt wurde, erlebten die Abenteuer von Robert Craven als Taschenbücher eine Renaissance, die bis heute neu aufgelegt werden und eine riesige Fangemeinde haben.

 

So hat in der finalen Episode von DAS ARCHIV DER ANGST nicht nur ein Serienheld seinen ersten filmischen Auftritt. Ungewöhnlicherweise erzählt DER SCHATTEN DER BESTIE, in sich abgeschlossen, die Geschichte von Band 5 der Serie nach und nicht sein erstes Abenteuer.

 

Aber so ist das nun mal mit Sammelbänden!

 

Ein unerschöpflicher Quell an Horror

 

Als ich aus reiner Liebe zum Heftroman für mich mit dem Experiment Adaption begann, konnte ich noch nicht ahnen, welch großen Spaß mir dieses Konzept bereitete. Es sollte eigentlich nur eine Schreibübung werden. Nachdem Vol. 1 und Vol. 2 für mich hervorragend funktionierten, konnte ich nicht mehr aufhören und schob gleich noch Volumen 3 hinterdrein.

 

 

 

 

 

Dort treffen ein Journalist und die Assistentin eines Professors in der Wüste von Nevada auf eine Horde wilder Ghouls, die sich in Katakomben unter einem Friedhof tummeln (TOTENTANZ DER GHOULS von Hal W. Leon), ein alternder Hexenmeister klärt einen mysteriösen Mord an einem fliegenden Teppichhändler auf und wird dabei beinahe zu Bolognesesoße verarbeitet (SATANS ERSTE GARNITUR von Hexer Stanley alias H.J. Müggenburg) und eine Studentin für Ägyptologie verwandelt sich durch den Einfluss des Gottes Bastet langsam in eine Katze (DIE SANFTEN BESTIEN von James R. Burcette).

 

Noch immer halte ich das Konzept von DAS ARCHIV DER ANGST, eine Adaption deutscher Horror Heftroman Kultur, für ein würdiges Stück deutsche Horrorgeschichte, die viel zu lang im Schatten dahin vegetiert ist und einem größeren Publikum zu Teil werden sollte. Man müsste Rechtefragen an den alten Romanen klären, das Konzept vielleicht mal BASTEI vorstellen, vorrangig aber eine mutige Produktionsfirma finden, die ein solches Anthologie-Projekt in Angriff nehmen würde. Möglicherweise stehen die Chancen für klassischen Horror nicht gerade gut, vom deutschen Genrefilm ganz zu schweigen. Aber es soll keiner sagen, es gäbe keinen Quell deutscher Horroridentität, keine Stoffe abseits von Grimms Märchen oder Traditionen wie den expressionistischen Film. Vielleicht wird DAS ARCHIV DER ANGST immer das bleiben, was es derzeit ist, ein Schreibexperiment eines großen Romanheft-Fanatikers. Aber ich bin erreichbar, wenn die Zeichen der Zeit sich ändern.

 

An dieser Stelle ein lieber Gruß an Michael “Monster Mike” Schönenbröcher und den BASTEI Verlag, denen ich in meiner Passion Horror und Schreiben durch das DÄMONENLAND viel zu verdanken habe.

 

VAMPIR HORROR ROMAN © Pabel Moewig Verlag GmbH
GESPENSTER KRIMI, DÄMONENLAND, DER HEXER © Bastei Lübbe AG
Illustrationen von Franz Berthold (VAMPIR HORROR ROMAN) & FuFu Frauenwahl (DER BLUTSTERN)

 

Infos zu vielen Romanheft-Reihen und Serien unter www.gruselromane.de

 

 

3 Comments

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    […] Marschall und Kowakowski. Auch ich habe mich an einer Horror-Anthologie versucht, und zwar DAS ARCHIV DER ANGST, drei klassische Horrorkurzgeschichten basierend auf alten Horrorheftromanen der siebziger und […]

  2. Antworten

    […] selbst habe mich an einer Adaption im Rahmen eines eigenen Anthologie-Filmprojektes, welches auf den Heftromanklassikern der siebziger und achtziger Jahre basi…, versucht und losgelöst aus der Reihe den fünften Band „Der Schatten der Bestie“ […]

  3. Antworten

    […] Drei Groschen Gänsehaut « traumfalter filmwerkstatt | stoffentwicklung – genrefilm berlin 16. Oktober […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de