SEELEN

Nicht nur aus Tradition wegen freut es mich, den neuen Film von Drehbuchautor und Regisseur Andrew Niccol zu besprechen. Die bisherigen Kritiken sind allesamt vernichtend. Und auch ich war durchaus zwiegespaltener Vorfreude. Auf der Habenseite stand, neben Niccol, vor allem Saoirse Ronan, die ich für ein fantastisches Talent halte. Der Stoff eine klassische Niccol-Dystopie, ein cleaner Science-Fictioner mit glattem, monochromem Look. Andererseits verfilmte Andrew Niccol mit THE HOST erstmals keinen eigenen Stoff, noch dazu ein Buch von Stephenie Meyer. Kann einer meiner Lieblingsautoren verhindern, dass SEELEN eine Art Science-Fiction TWILIGHT-Schnulzenkino wird?

 

Melanie (Saoirse Ronan) kurz vor ihrer ersten Alienübernahme

Die Menschen auf der Erde werden von einer Alienspezies assimiliert, übernommen. Fortan gibt es keine Kriege, keine Hungersnöte, Krankheiten oder Stunk unter Nachbarn mehr. Die eingepflanzten Seelen haben eine Persönlichkeit, die Ursprüngliche wird unterdrückt, mal mehr oder weniger erfolgreich. Ein solcher Widerporst ist Melanie, die eine starke, eigene Seele hat und die nach der Bepflanzung kräftig gegen ihre neue Mitbewohnerin rebelliert. Da der neuen Wirtsträger gern Informationen über den Verbleib restlicher Mitmenschen aus den Erinnerungen ihrer Wirte weitergibt, haben Wanderer (so nennt sich die Alienpersönlichkeit) und Melanie auch gleich mächtig Zoff. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Wanderer ist sehr interessiert an den sexuellen Erfahrungen von Melanie, die ihr völlig fremd sind. Was ist das, was diese Menschen für einander empfinden? Das wiederum führt zu Streß mit einem Sucher (Diane Kruger), die Melanie in Wanderer gern mundtot machen will. Da bleibt Melanie und Wanderer letztlich nur noch die Flucht in die Pampa.

 

Sucher (Diane Kruger) und Wanderer sind sich von Anfang an nicht warm

Zwei Seelen, ach, in einer Brust, oder besser gesagt, in einem Kopf. Melanie und Wanderer haben eigentlich ständig zu zanken, was ganz klassisch als OFF-Stimme realisiert wurde, in dem Fall mal dramaturgisch sinnvoll. Auch sonst nervige  Rückblenden sind ganz sauber in den schnellen Fortlauf der Story eingewoben. Denn die kurze Inhaltsbeschreibung im letzten Absatz schildert eigentlich nur den Auftakt für die zweistündige Jagd auf Wanderer und ihr Zusammentreffen mit alten Liebschaften.

 

Da kann man auch nicht ganz von der Hand weisen, dass sich ab dem Treffen mit der ersten Jugendliebe eine gewisse TWILIGHT-Stimmung breitmacht. Doch das Liebesgeplänkel ist nur ein Aspekt, mit dem im Rahmen des Plots “Zwei Personen in einem Körper” gespielt wird. Niccol holt viel aus diesem interessanten Gedankenspiel heraus und macht dabei das, was er irgendwie immer macht. Er vergisst aber 60 Minuten den Kosmos und konzentriert sich nur noch auf die Auswirkungen des Plots auf die Figuren. Das war schon in IN TIME am Ende nicht so befriedigend und wird auch bei SEELEN sauer aufstoßen. Denn der Plot sind super, nur kann man sich vielleicht ärgern, dass sich die Story ab der zweiten Filmhälfte fast ausschließlich auf die Liebesbeziehung bezieht. Das ist allerdings ganz reizvoll anzusehen, weil es dramaturgische Sahnstückchen enthält. Bist Du eine Stimme in meinem Kopf oder mein Gewissen? Was, wenn sich die neue Persönlichkeit in jemand anderen verliebt. Was will Melanie denn tun, wenn Wanderer oder Wanda, plötzlich einen anderen kecken Buben küsst?

 

Trotzdem bleibt es bei einer Science-Fiction-Teenieromanze. Nun gut, wenn das von Anfang an die Zielgruppe war, was ist dagegen einzuwenden. Dramaturgisch macht SEELEN nicht viel falsch. Niccols Drehbuch ist klar und kommt schnell zum Punkt, bietet einen rasanten Einstieg, viele Wendungen und Tempo, sogar manierliche Actionszenen. Der Film selbst ist aber eher ruhig und tragend, die Dialoge arg schlicht, aber umgehen größtenteils die gröbsten Klippen des Kitschs. Warum SEELEN trotz all Geschmachte und Gesülze weit von TWILIGHT entfernt ist, liegt vor allem an Saoirse Ronan, die sowohl als spielende Wanda als auch als sprechende Melanie genauso atemberaubend wie in ihren anderen Filmen ist (ABBITTE, IN MEINEM HIMMEL, HANNAH). Wie immer sind Niccols Filme technisch absolut sauber. Was SEELEN aber noch runder macht, ist der tolle Score von Antonio Pinto und sogar Diane Kruger als verbissene Sucherin (mit der ich seit ihrer tollen Vorstellung in LEB WOHL, MEINE KÖNIGIN meinen Frieden gemacht hab).

 

 

 

 

Die TWILIGHT-Zielgruppe bekommt also überraschenderweise einen dramaturgisch ausgeklügelteren Science-Fictionfilm geliefert, der durchaus eine clevere Story und interessante Wendungen hat. Und wenn man nicht TWILIGHT-Zielgruppe ist? Kann man sich das als Hackbratenfan auch antun?  Atmosphäre und Look sind stimmig, der Plot hat viel Potential, um mal in Richtung “Zwei Persönlichkeiten – Ein Körper” zu phantasieren. Das Geschmachte hab ich ganz gut überstanden. Es ist vielleicht der schlichteste und massentauglichste Film in Niccols Biografie, gewaltfrei, naiv pazifistisch, verträumt. Aber als Nachmittagskino bei schönstem Sommersonnenwetter mal ´ne ganz unaufgeregte Abwechslung nach diesem unsäglichen AFTER EARTH – Müll.

 

Im Kino, Concorde-Film

 

  • Saoirse Ronan als Wanderer
  • Saoirse Ronan als Melanie
  • Toller Plot und Story
  • Musik von Antonio Pinto
  • edler, cleaner Look
  • seichte Dialoge
  • nervige Schmalzstullenkerle
  • William Hurt reißt sich kein Bein raus
  • lahmer Endtwist

 

 

FAZIT:

Kitsch und Schlabber halten sich in Grenzen. Kein Sci-Fi-TWILIGHT, aber auch keine ernste Dystopie á la GATTACCA. Trotzdem, Saoirse Ronan macht das alles erträglich.

 

THE HOST, USA 2013, Drehbuch und Regie: Andrew Niccol
Für Fans von IN TIME, THE ISLAND & TWILIGHT

3 Comments

  1. Antworten

    […] Sommerloch frisst die ganze Traumfalter Filmwerkstatt auf. Ich hätte keine Review von diesem Stephenie Meyer Zeug schreiben sollen. Lief nich so doll. Da kommen sie, die plagenden Zweifel. Wofür man das alles […]

  2. Antworten

    […] oder THE ASTRONAUTS WIFE beschreiben solche Szenarien der Alienübernahme im eigenen Leib. Und THE HOST (SEELEN) von Andrew Niccol geht sogar noch einen Schritt weiter und thematisiert den inneren Kampf des […]

  3. Antworten

    […] Niccols neuer Film SEELEN (THE HOST) kommt im Juni 2013 in die Kinos und ist schon aus dem Grund interessant, weil Niccol zwar auch für […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de