Schiefe der Ekliptik

Wenn Heute das Gestern nicht Morgen wäre, sondern Gestern, dann wäre Heute der längste Tag des Jahres. Nur leider war der eben Gestern. Gestern, Heute, Morgen, in der Physik sind sie alle gleich. Nur erklären kann man das nicht. Das ist das tragische an der Physik, sie ist haltlos. Der längste Tag des Jahres dauert zum Beispiel gerade mal einen Tag. Sinnlos!

 

Man kennt Frühjahrsrolligkeit, Herbstmelancholie und Winterdepression, aber wofür steht eigentlich dieser dämliche Sommer. Egal, er is ja nun vorbei. Ich sitze auf meinem Melkschemel und weiß nicht, was ich schreiben soll. Nicht, dass mir die Themen ausgehen, eher, weil ich mich nicht entscheiden kann. Das ist vielleicht das Symbolische des Sommers, für mich. Er ist so verdammt kleinkariert, wechselhaft, launisch, eine beknackte Hupfdohle. Die Gesetze der philosophischen Filmleidenschaft sind außer Kraft gesetzt. Was is da los?

 

Analytische Kinometrie

 

Kinojahr und Videojahr sind wie die Graphen der Sinus- und Kosinusfunktion. Die eine hinkt der anderen hinterher. Januar, Februar, da ist Festivalsaison, die ganze Globe- und Oscarkacke kommt in die Kinos, es ist Berlinale, es ist kalt und matschig und irgendwie passt das alles zusammen. Die Welle dieser Schinken erreicht dann bis zum Sommer die Videotheken. Gute Neuheiten sind Mangelware. Soll ich mir echt nochmal LINCOLN antun? Es ist Sommer, zum Kuckuck, ich hab mich nicht durch das grässliche Frühjahr gekämpft, um jetzt den ganzen Quark nochmal anschauen zu müssen.

 

Ich durchlebe im Sommer durchaus gerne eine Phase der leichten Unterhaltung. Weg mit der Schwere und dem Staub unter Meryl Streeps Unterrock. Da muss nich immer der Method Actor durchs Feld pflügen, da kann von mir aus eine Runde Beachvolleyball gespielt werden.

 

Flirten, Daten, an den Haaren ziehen, so Mädchenkram eben. Ich kucke da auch Teeniekomödien, und das, obwohl ich dieses Subgenre gar nicht verstehe. Dieses Daten zum Beispiel (nicht zu verwechseln mit Daten aufm USB-Stick), und was der Unterschied zwischen Daten und Einfach So Treffen ist. Oder solche Teenieparties, wenn die Eltern nicht da sind, das hält sich Jahrzehnte, ist das nur was Amerikanisches, gibt es in der realen Welt wirklich solche Parties, wo immer einer rumrennt, der das Swarovski-Glas vorm Zerbruch bewahrt? Böhmische Dörfer!

 

Im Sommer existiert ein Videoloch, soviel steht fest. Im Kino hingegen laufen die großen Blechbüchsen an, MAN OF STEEL, WORLD WAR Z, PACIFIC RIM, in der Videothek steht LES MISERABLES. Oder DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN. Weil mir das alles zu rostig ist und ich etwas leichtes, beschwingtes, von überschaubarer Komplexität Geprägtes suche, entscheide ich mich für 3 Staffeln GAME OF THRONES. Auch, um dem Sommerkosinus mal so richtig die Hyperbelfunktion einzustellen, diesem Quadratwurzelarsch. Doch GAME OF THRONES hat mich überhaupt nicht durch den Sommer gebracht, wie denn, wenn man diesen Mist komplett am Stück kucken muss, weil es so verdammt genial ist. Bis auf das Ende der dritten Staffel, dafür werd ich euch nochmal so richtig…ach leckt mich doch am Arsch!

 

Zocken oder Staubsaugen?

 

Kann man vor lauter Sonnenschein aggressiv werden? Ich glaube nicht. Man muss auch abseits des Weges schauen. Nach der E3, der größten Videospielmesse der Welt vor zwei Wochen bin ich auch immer von Games angefixt. Ich zock schon lang nicht mehr, außer dieses Real Racing Spiel auf meinem Smartphone, das macht mich übrigens waaahnsinnig, dieses Scheißspiel. Walktroughs in HD auf Youtube anzuschauen ist vielleicht eine spielerische Schande, aber durchaus eine Alternative zum Kino- oder Videoprogramm. Inszenatorisch schlägt GOD OF WAR ASCENSION das Remake von KAMPF DER TITANEN mit zwei Hieben der Chaosklingen. Wem das zu brutal ist, der schaut NEW SUPER MARIO BROS WIIU. Klingt jetzt bissl wie Schleichwerbung, aber leider will mir Nintendo einfach nix zahlen. Ihr könnt auch vorm Einschlafen eine Folge HEUTE SHOW kucken. Auch nicht?

 

Auf meinen Reisen durch die Landen stoße ich derzeit auf die seltsamsten Abarten, das Sommerloch zu stopfen.

Filmchaos, Videospiele, meine bezaubernden Nichten, Dresden, Leipzig, kurze Röcke, im Sommer nach Winterfell reisen, dazwischen staubtrockene Dramaturgenarbeit, kein Wunder, dass aus diesem Konglomerat aus Kleinstaaterei und Bienenstich kein konkreter Gedanke zu fassen ist. Von der Kleinen Genrefibel mal abgesehen schreibe ich meine Pamphlete meistens zeitnah der Veröffentlichung. Ich schreibe über das, was mich gerade filmisch umwandert, sehr spontan. Jetzt bin ich also nicht spontan genug für diesen Sommer or wad? Ich werd mich bestimmt nicht hinsetzen und irgendwas schreiben, näää. Was gibs sonst noch zu erzählen, achja, mein Lidl hat jetzt ´n Backshop. Irre!

 

Das Sommerloch frisst die ganze Traumfalter Filmwerkstatt auf. Ich hätte keine Review von diesem Stephenie Meyer Film schreiben sollen. Lief nich so doll. Da kommen sie, die plagenden Zweifel. Wofür man das alles hier macht? Der Sommer aber ist stumm, die Luft voller krebserregender Rostbratwurstpartikel. Nich mal die Kanzlerin lassen sie in Ruhe und regen sich künstlich über ein Wort auf. Für mich ist das auch alles Neuland. Und jetzt auf so verwegene Ideen zu kommen wie rausgehen, grillen, womöglich noch in einen Park, wo man das gar nicht darf. Ganz ehrlich? Lieber noch ´ne Runde Nassstaubsaugen. Der Nassstaubsauger kommt von Rossmann aus der Schlossstraße in Steglitz. So viele S in einem Satz!

 

Sommer, haben die gesagt!

 

Ich mache mir durchaus Sorgen um die Erdachse. In Pausa wird sie mit Schnaps geölt.

Was soll diese ganze innere Unruhe? Liegt´s an der Schiefe der Ekliptik? An diesem neumodischen Zeug wie Elektrizität, Gravitation, Erdschub. Es knackt im Getriebe, wie wir sagen und ich glaube, die Zwerge haben zu tief geschürft. Und es is eine Hitze, Herr Preil! Ich habe versucht, die Welt mittels der Physik zu erklären, zum wiederholtem Male erfolglos. Machste nix dran. Die Kurve des Graphen zeigt zwar nach unten, aber eigentlich geht´s wieder bergauf. Im August das FANTASY FILMFEST, im Oktober der neue Helgefilm, Horrorherbst, Hobbitwinter, da is die Welt wieder im Lot. Naja, 66,56 Grad geneigt. Vielleicht sollte ich mich mehr bewegen? Hier muss doch irgendwo noch WII SPORTS rumstehen.

 

An einer neuen Geschichte arbeiten? Viel zu flatterhafter Geist. Heute hier, morgen dort. Ein Flimmern wie auf heißem Asphalt. Sommer, haben die gesagt. Da erlebste was, haben die gesagt. Man muss mir schon was konkretes liefern, soviel kann man wohl von der Welt erwarten. Inspiration, Eingebung, noch so ein Gutschein für 2 BIG MÄC zum Preis für einen? Durch Deutschland muss wieder ein Ruck gehen. Wer beliefert notdürftige Videotheken mit Ventilatoren? Gehe ich jetzt zu weit? Mehr kann ich jetzt wirklich nicht machen, um das Sommerloch zu stopfen, zum Beispiel, stopf es zu, stopfstopfstopf, stopf es zu!

 

Es ist 14:29 Uhr, beenden wir diesen längsten Tag mit Würde. Am Scheitelpunkt der Sommersonnenwende erwarte ich…gar nix mehr. Ab Montag bin ich wieder fleißig, lieber Weihnachtsmann. Eine tolle Genrefibel steht in den Startlöchern und vielleicht schreib ich irgendwann auch mal was total Sinnbefreites. Sommer macht albern! Lasst das da Draußen nicht mit Euch machen, Leute. Lehnt euch auf, gegen den Sommer, gegen Sommerlöcher, Arschlöcher, Feuerlöscher. Hauptsache, ihr habt eine schöne Zeit!

 

Eure Traumfalter Filmwerkstatt.

 

PS: Eine Umstellung der Wörter in diesem Text generiert eine lustige Kindergeschichte als auch einen verschollen Brief Paulus an die Korinther.

 

One Comment

  1. Antworten

    […] sich in keine Schublade stecken lassen. Wie der Text über Anton Yelchin und das Karbon oder die Schiefe der Ekliptik. Ich war stolz, einer von diesen Texten zu sein. Aber ich wurde in einer schwierigen Zeit […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de