PEUR(S) DU NOIR

Abgesehen von japanischen Manga-Verfilmungen ist der Markt für erwachsene Animationsfilme relativ überschaubar. Nur vereinzelt findet man kleine Perlen wie WALTZ WITH BASHIR oder PERSEPOLIS, die ernste Themen wie Revolution, Krieg oder Tod thematisieren. Im Horrorgenre fällt einem höchstens noch FELIDAE ein, darüber hinaus sind animierte Filme für ein volljähriges Publikum ziemlich selten. 2007 realisierten sechs bekannte und gefeierte Comickünstler unter der Regie von Grafikdesigner Etienne Robial einen minimalistischen und atmosphärischen Episodenhorrorfilm, ausschließlich in Schwarz-Weiß. Trotz unterschiedlichster Animationsstile und Techniken dreht sich in FEAR(S) OF THE DARK alles um Ängste, Phobien oder Alpträume.

 

(!ACHTUNG! Review enthält Spoiler!)

 

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Eine klassische Anthologie ist FEAR(S) OF THE DARK nicht, die knapp 80 Minuten wirken eher wie ein Kaleidoskop. Vier Kurzfilmsegmente werden von 2 Rahmenhandlungen umwoben. Zum einen ist da ein spanischer Edelmann mit vier schauderlich kläffenden Hunden, die durch eine karge, graue Einöde ziehen, umgeben von Geheul, Windböen, Flüstern und unheilvollem Sounddesign. Diese Rahmenhandlung ist zwar ungemein atmosphärisch, führt aber, ähnlich dem Weg des Edelmanns, zu keinerlei Ziel.

 

Doch bevor man von diesem Rahmen aus in eine der 4 Geschichten eintauchen kann, wird einem noch ein abstraktes Intro aus wirren Formen und Collagen vorgesetzt. Eine Erzählerstimme reflektiert und kommentiert verschiedene Aspekte der Angst mit mehr oder weniger ironischem Unterton. Warum man sich für 2 filmische Klammern entschlossen hat, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Erzeugt der bedrohliche Edelmann und seine Hundeschar zumindest für wohliges Unbehagen, ist die narrative Introduktion von Nicole Garcia bereits im zweiten Zwischensegment eher nervtötend. Zusammen mit dem überlangen Credits-Vorspann sind die ersten Minuten von FEAR(S) IN THE DARK zwar stimmungsvoll, ansonsten eher schleppend und zäh.

 

Die erste Kurzgeschichte, eine 3D-Animation von Charles Burns, handelt von Eric, der in einem Krankenbett liegt und an seine Kindheit und Jugend denkt. Als introvertierter Knabe entdeckt er bei einem Waldspaziergang ein unbekanntes Insekt. Fasziniert von dem faustgroßem Wesen mit Menschenkörper und Ameisenkopf nimmt er es mit nach Hause und versteckt es unter seinem Bett – doch das Insekt entwischt. Jahre später ist aus Eric ein zurückgezogener Student mit mangelnden, sozialen Kontakten geworden. Bis er sich in seine Kommilitonin Laura verliebt. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht erwacht Laura mit einer seltsamen Wunde am Arm, einem Insektenbiss. Von da an verändert sie sich. Zuerst sind es nur Gemütsschwankungen, doch nach und nach verwandelt sich Laura auch physisch.

 

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Bereits nach wenigen Minuten muss man unweigerlich an Kafkas VERWANDLUNG denken. Das knapp 20-minütige Segment ist durchaus wirkungsvoll, tiefe Klaviertöne und minimalistischer Film-Noir-Style erzeugen eine klassische Gruselstimmung, die Pointe ist durchaus morbide, wenn auch nicht umwerfend.

 

Im zweiten Segment lernt man ein kleines, japanisches Mädchen namens Sumako kennen, die in eine neue Schule kommt. Sumako ist fasziniert von alten Samuraimeistern und wird deswegen von ihren neuen Mitschülerinnen ziemlich böse misshandelt. Irgendwann verliert sich die Geschichte zwischen Illusion und Realität. Sumako halluziniert, hat Visionen und surreale Träume von einem Samuraigeist. Zwar bildet dieser Part durch den ostasiatischen Mangastil einen angenehmen Kontrast zur ersten Geschichte, überzeugt aber nicht durchgehend. Zum einen wird dieses Segment unnötigerweise durch die Rahmenhandlung mit den Hunden unterbrochen, zum anderen weiß man nie konkret, was Traum oder Realität ist – zu unentschlossen und verkopft wirkt der 2D-Computeranimierte Beitrag von Marie Caillou.

 

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Es folgt ein klassisch Handgezeichneter Kurzfilm von Lorenzo Mattotti, in der ein Dorf von einer blutrünstigen Bestie heimgesucht wird. Ein namenloser Junge erlebt wie sein Onkel und auch sein bester Freund eines Tages spurlos verschwinden. Die Polizei findet einen abgetrennten Kopf, alsbald taucht ein afrikanischer Großwildjäger auf und man stellt dem unbekannten Wesen eine todsichere Falle. Diese Episode wirkt bedrückend und schwermütig, geradezu melancholisch folgt man der Erzählung des Jungen über Schattenwesen bis zur Entdeckung des todbringenden Monstrums. Zu diesem Zeitpunkt hat FEAR(S) OF THE DARK auch einen gewissen narrativen Fluss gefunden. In seinen einzelnen Episoden baut er langsam einen Sog aus Unbehagen und Schaudern auf, aus dem man leider ständig durch die unkonkreten Zwischenanimationen herausgerissen wird.

 

Das letzte Segment, inszeniert von Richard McGuire, ist eine stilistisch sehr gelungene 3D-Animation, im Gegensatz zu den anderen Teilen wurde hier ausschließlich auf schwarzem Grund gearbeitet, die Figuren und Details entstehen durch das dezente Spiel mit Licht und Schatten. Komplett wortlos erlebt man die Geschichte eines Mannes, der vor einem Schneesturm in ein verlassenes Haus flüchtet – doch ist er nicht der Einzige in dem Gebäude. Die Animationen sind scherenschnittartig realisiert, wirken wie Silhouetten oder Schemen. Die Geschichte an sich, ein klassisches Haunted-House-Konstrukt, ist ziemlich ziellos, aber durchaus unheimlich. Auf minimalistische Art entsteht hier durchaus eine gruselige Stimmung, die szenisch genau wie in Realfilmen funktioniert.

 

 

 

 

Für sich genommen sind alle 4 Kurzfilme á 20 Minuten stilistisch wie technisch ungemein stimmungsvoll, fesselnd erzählt und unterschwellig Angst einflössend. Das Gesamtkonzept hingegen will nicht wirklich zünden. Das liegt zum einen an den ziellosen und fahrigen Rahmenhandlungen, die unnötig Fahrt aus dem Erzählfluss nehmen. Zudem ist jeder Kurzfilm selbst auch noch mit einer Art narrativen Klammer ausgestattet, ein bisschen zu viele Rahmenhandlungen für einen Episodenfilm. Was die eigenwillige Anthologie doch sehenswert macht, ist zum einen der Umstand, dass diese Art Film so ziemlich einzigartig in dem Genre ist. Zum anderen funktioniert er als Sammelsurium der Angst recht gut, er ist in jedem seiner Segmente gruselig und verstörend – Dunkelheit und Kopfhörer können das noch deutlich verstärken. Insgesamt betrachtet leidet FEAR(S) OF THE DARK leider daran, dass er zu gewollt Kunstwerk sein will und filmisch-dramaturgische Aspekte eher vernachlässigt. Wer aber unheimliche Animationsunterhaltung jenseits von Disney, Pixar und Co. sucht, kann bedenkenlos zugreifen.

 

Label: Metrodome
auf DVD erhältlich (UK Import)

 

  • Konzept bislang einmalig
  • 4 Kurzfilmsegmente…
  • …in unterschiedlichen Stilen
  • düster und humorlos
  • beängstigendes Sounddesign
  • zu viele filmische Klammern
  • zu gewollt auf Kunstfilm getrimmt

 

 

 

FAZIT:

Definitiv Angsteinflössend! 4 Horror-Animationsstückchen, beklemmend und düster, aber auch mit nervenden Unterbrechungen. 

 

PEUR(S) DU NOIR, FR 2007, Regie: Diverse
Für Fans von Franz Kafka, FELIDAE, THE TWILLIGHT ZONE und Guillermo de Toro

One Comment

  1. Antworten

    […] aber die gehören hier nicht hin. Manchmal übertreibt es eine Anthologie mit filmischen Klammern (FEAR(S) OF THE DARK), manchmal ist der Erzähler unerträglich (NITE TALES). Trotzdem, eine Horror-Anthologie steht […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de