Zucker im Arsch

Die folgende Kolumne ist ein noch persönlicheres Anliegen als sonst.

Was müssen wir alles ertragen, wir Dramaturgen und Stoffentwickler. Nicht in Drehbuch-besprechungen, in Seminaren oder Pitchingveranstaltungen, sondern im ganz normalen Alltag. Es sind die ewig gleichen Diskussionen unter Bekannten und Freunden, unter Filmliebhabern, dürfte man meinen. Pustekuchen! Ich kann nicht mehr! Meine Kraft neigt sich dem Ende. Ich antworte schon gar nicht mehr. Muss ich auch nicht, ich hacke meinen Groll einfach hier rein. Platz is genug!

 

Skyfail

 

Fragt mich ein Kumpel, wie ich SKYFALL fand. Ja, wie fand ich denn SKYFALL? Super! Cooler Bond, cooler Bösewicht, die Dench ist klasse, der Titelsong auch. Mendes kupfert ein wenig bei THE DARK KNIGHT, wenn schon, ich finde SKYFALL gut. Mein Kumpel indes schaut mich skeptisch an. SKYFALL wäre der größte Scheißfilm aller Zeiten. Hätte ich es doch dabei belassen und wäre einfach darüber hinweg gegangen. Aber nö, ich Dämlack musste ja „Warum?“ fragen.

 

Naja, sprach´s, als Bond hinter dem Bösewicht her ist und ihn irgendwo im Untergrund stellen will, rast doch tatsächlich eine U-Bahn durch das Mauerwerk und schneidet Daniel Craig einfach den Weg ab. Bösewicht Silva kann entkommen, mehr noch, er hat das geplant, mit der Flucht, mit der U-Bahn, die genau im entscheidenden Moment auftaucht. Verstehst du?? Wie kann der das geplant haben? Unlogisch! SCHEIßFILM!!!

 

Skyfall

“Frage nich nach Logik, Daniel, fahr einfach da lang. Und kucke nich so blöde!”

Ich schmatze und trinke einen Schluck River-Cola. Eigentlich sollte ich besser nicht weiter ins Detail gehen. Ich tue es trotzdem. Ich merke an, dass geplante Ausbrüche von Superschurken in Geheimagentenfilmen, ach, was red ich, in Parodien, denn Bond ist eine Parodie auf das Agentengenre, also nur weil es konstruiert ist, ist das immer noch Filmlogik. Das verwirrt mein Gegenüber aber eher, also versuche ich es mathematisch. SKYFALL hat eine Länge von 143 Minuten, besagte Szene dauert keine 20 Sekunden. Was ihm denn außer dieser Unlogik noch in den 143 Minuten negativ aufgefallen wäre, was ihm zu der Bezeichnung SCHEIßFILM animiert hat? Doch der Drops war gelutscht.

 

Ich bin es ja gewohnt. Ich bin zu sehr Enthusiast, zu sehr Filmliebhaber, was nicht heißt, dass ich unkritisch bin. Ich bin eher eine Art Don Quichotte, der gegen die Windmühlen der Vorurteile und Verwirrungen ankämpft. Eine Untertreibung, ich kämpfe gegen den verdammten Offshore-Windpark in der Nordsee.

 

Denn es kommt noch besser. Ein guter, gefiederter Freund fragte mich nach der OSCAR-Verleihung tatsächlich folgendes: “Hat es dieser Ben Affleck wirklich verdient, dass ihm Hollywood so derart Zucker in den Arsch bläst?”

 

 

Ich war nicht im Stande, zu antworten. Ich verstand die Frage nicht. Diese Frage muss chiffriert sein. Ich habe die einzelnen Phrasen wieder und wieder durchdacht – ich komme heut noch auf keinem vernünftigen Nenner. Aber ich kanns ja noch mal versuchen.

 

Die Zuckeraffäre Affleck

Gleich 2 Hinweise in der Affleck-Affäre: Ang Lee könnt´s gewesen sein, und Clooney hat´s gesehen!

Ich nehme mal an, dieser Auswurf bezieht sich auf die Verleihung des OSCARS für ARGO als bester Film/ beste Produktion. Zuvor gewann ARGO den OSCAR für das beste adaptierte Drehbuch, besser gesagt Chris Terrio, und für den besten Schnitt William Goldenberg. Von Affleck bislang keine Spur, als Regisseur und Hauptdarsteller war er nicht mal nominiert. Nun wird der Preis für den besten Film den Produzenten verliehen, im Falle ARGO sind das Grant Heslov, George Clooney und…Ben Affleck. Da isser also, dieser Affleck. Bis zu dieser Stelle der Verleihung, und nach der Prämierung als bester Film passierte nicht mehr sehr viel, konnte ich nicht wirklich erkennen, wer auch immer hier wem Polysacharide in die Kimme gepustet hat. Um den Film ARGO ging es bei dem Gespräch übrigens nicht eine Sekunde!

 

Denn eigentlich geht es hier auch gar nicht um Affleck. Das Schlagwort dieses denkwürdigen Satzes heißt HOLLYWOOD. Für mich das Unwort des Jahrhunderts. Die Personifizierung allen Übels. Das HOLLYWOOD, der HOLLYWOOD, HOLLYWOOD, die Vereinigung, die Sekte, das Untier, das mit Argosaugen (hahaaar, ich brech ab!) alles Künstlerische versteinert wie Medusa, die alte Pflaume.

 

Die Hure Hollywood

Ich beginne jede Diskussion um Hollywood mit dem Satz: „Hollywood ist ein Stadtteil von Los Angeles!“ Hollywood steht aber leider als Synonym für die amerikanische Filmproduktion. Und ist man sonst immer bemüht, objektiv und differenziert über alles Mögliche zu diskutieren, beim Thema Hollywood verfallen viele in ein und dasselbe Vorverurteilungsschema. Ich stelle dann ketzerische Fragen wie: „Ist eine Filmproduktion aus New York auch Hollywood?“ oder „Gibt es keinerlei Unterschied zwischen WINTER´S BONE und THE AVENGERS?“ Oder die Coen-Brothers? Oder der so verehrte Film FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS von Terry Gilliam? Und wenn man da mal genau hinschaut, ist es ein Problem für die Brandrede, dass Gilliam britischer Staatsbürger ist? Und was hat die Academy damit zu tun, die 6000 Mitglieder, die über die Vergabe der OSCARS entscheiden? Sind die dieses Hollywood, und wenn ja, was für ein Interesse können sie daran haben, irgendwelche Schauspieler rektal zu karamellisieren?

 

Oder ist es noch schlimmer? Wer ist dieses Hollywood? Ist das eine Pokerrunde von zwielichtigen Gestalten, die sich in einem Abrisshaus versammeln wie die Mafia, an einem runden Tisch, und sämtliche Drehbücher und Produktionen überwachen, Änderungen befehlen, einen großen Bottich mit Schmalz, einen Trog Doppelmoral und eine Viole Happy End um sich herumstehen haben, mit denen sie jedes durchlaufende Drehbuch verkleistern. Muss da jeder vortreten mit hochrotem Kopf? Ich sehe es vor mir:

 

„Da kommt er wieder, dieser Wes Anderson, dieser Spinner aus Nussholz, dem werden wir mal seinen verschwurbelten Künstlerarsch rasieren, los, das Buch muss massentauglicher werden, schreib hin, Finanzierung nur mit Bruce Willis und Edward Norton. Der nächste bitte…ah…Herr Wiseman, wie geht es ihrer Frau Kate?“

 

Das Erzübel Hollywood

Ich traue mich manchmal gar nicht zu sagen, dass ich Filme wie PRINCE OF PERSIA oder THE AVENGERS mag. Dass ich glaube, dass es noch andere Gründe gibt, einen Film wie THE AMAZING SPIDERMAN zu machen, als die Kuh nochmals richtig zu melken, wie mal “kollerisch” angemerkt wurde. Und hat man, wenn schon, denn schon, nicht bereits 1998 Ben Affleck Zucker in den Arsch geblasen mit dem OSCAR für das beste Drehbuch für GOOD WILL HUNTING? Und wen interessiert Ben Affleck überhaupt, sah Jennifer Lawrence bei den diesjährigen OSCARS nicht einfach umwerfend aus? Es ist alles so anstrengend!

 

Aber ich halte die Lanze weiterhin hoch, geb Rosinante die Sporen und reite richtig schön Hollywood-Like in einen Matte Painting-Sonnenuntergang Richtung Offshore-Park, so mir keine unvorhergesehene U-Bahn den Weg abschneidet oder Ben Affleck aus einem Busch hervorspringt.

 

Ich kämpfe bis zum Ende.

 

PS: Lieber Ringo, Prinz von Maine, König von Neuengland! Alles, was aus Holz ist, ist aus Holz!

 

4 Comments

  1. Antworten
    Susan 23. März 2013

    Dein gefiederter Freund :-) hat da aber einen netten Hollywood-Exkurs angezettelt! Zu Argo würde ich fragen – was bitte macht ihn zum “BESTEN FILM” Trotz dramaturgischer Korrektheit fand ich ihn unglaublich langweilig! brrr…

    • Antworten
      Christian 23. März 2013

      Nuja, was macht ihn zum Besten Film? Wahrscheinlich nur, weil er dafür ausgezeichnet wurde. Ich finde ARGO eigentlich ganz spannend und flockig inszeniert, aber mein persönlicher Bester Film der diesjährigen Saison ist er auch nicht. Da fand ich LIFE OF PI runder und auch eckiger. Naja, OSCARS halt, Hollywood, alles Mist, hehe! Liebe Grüße!

  2. Antworten
    Nicole 25. März 2013

    Halten Sie die Lanze schön weiter hoch, Sie machen das hervorragend! Danke!

  3. Antworten

    […] Es geht in den meisten Fällen aber gar nicht um diese Stoffe. Es geht auch gar nicht um die Paranoia des Autors. Eigentlich ist es sogar eine positive Sache, wenn ein Autor so von der Genialität seiner Idee überzeugt ist, dass es gar keinen Zweifel daran gibt, dass jeder die einem wegnehmen will. Das geht sogar so weit, dass ich Fälle erlebt habe, die frech behaupteten, sie zeigen ihre Stoffe einfach niemandem, dann können sie auch nicht geklaut werden. Und Recht hamm´se! Da werden krude Geschichten konstruiert, über einen Niemand aus Zella-Mehlis, der trifft auf der Straße (IN Zella-Mehlis) Steven Spielberg und erzählt im seine Filmidee. Und dieser Steven nimmt die mit…und zwar nach HOLLYWOOD! […]

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