Strange, Stranger, Stranger Things

Wir befinden uns derweil über dem Zenit der Jahresmitte, die Sonne plustert sich gerade wieder auf, um dem Sommer Zunder zu geben. Rekordsommer. Früher, da gab es mal den Kinosommer, aber diese Zeiten scheinen vorbei. Nichts desto Trotz kann man sie noch im Lichtspielhaus finden, die alten Helden des 90er Jahre Sommerkinos wie Spider-Man, die X-MEN oder die MIB. Auch DER KÖNIG DER LÖWEN kommt nochmal vorbeigeschnurrt. Aber als Filmfan von heute weiß man, dass den Neuauflagen nicht zu trauen ist. Denn früher war alles besser, so sagt es nicht nur der Filmvolksmund. Dieses Gefühl, welches man in den 80ern und 90ern hatte, als die großen Kultfilme anliefen, es lässt sich nur schwer reproduzieren. Bittere Enttäuschung an allen Fronten, echt Horrorshow.

 

Es gibt aber findige Filmemacher, die wissen diese Sehnsucht nach nostalgischem Fluid doch noch umzusetzen, wenn auch nicht mehr im Kino, sondern bei Streamingdiensten wie zum Beispiel NETFLIX. Dort startete im Juli 2016 die Serie STRANGER THINGS von den Duffer Brothers, die zuvor mit dem vorzüglichen Zombiedrama HIDDEN – DIE ANGST HOLT DICH EIN und als Autoren der Serie WAYWARD PINES auffällig geworden sind. Das Konzept ihrer Retroserie war die volle Packung 80er Jahre Filmliebe à la Steven Spielberg, BMX-Räder, E.T., DIE GOONIES, EVIL DEAD, STAND BY ME, Winona Ryder, Corey Hart, ebenso hart durchgemixt und neu ausgestrichen – STRANGER THINGS musste bei den Fans wie eine Bombe einschlagen, dafür war es zu clever kalkuliert.

 

 

STRANGER THINGS Staffeln 1 bis 3, verfügbar auf Netflix. Artwork von Kyle Lambert

 

 

STRANGER THINGS aber war nicht nur Fanservice, auch wenn kein Film und keine TV-Serie je mehr Fanservice boten. STRANGER THINGS hatte ein großartiges Figurenensemble, war ebenso fantastisch besetzt, optisch auf Retro getrimmt, aber tricktechnisch extrem en vogue. Dass die Story ein wenig fleischlos war und Filmklischees an jeder Ecke der Elm Street zu finden waren, wurde zwar bemängelt, gehörte meiner Meinung aber zum Retro-Gesamtkonzept. Im Oktober 2017 folgte dann Staffel Zwei und hatte es naturgemäß nicht leicht, dieses Niveau zu halten. Der Frischefaktor war natürlich weg, die Kids mussten sich weiterentwickeln, in welche Richtung allerdings, da waren sich die Autoren wohl noch nicht ganz sicher. Die Trennung der Figuren brachte leider weniger Dynamik mit, die Story war wie gewohnt etwas bieder und die Nostalgiemuster schienen sich zu wiederholen.

 

Seit dem 4. Juli 2019 ist nun Staffel 3 von STRANGER THINGS auf NETFLIX verfügbar. Wieder nur mehr vom Gleichen? Ich bin an Staffel 3 relativ emotionsneutral herangegangen, der Wow-Faktor wurde schon mit Staffel 2 nicht mehr erreicht. Warum aber nun doch ein Artikel, warum eine Staffelbesprechung einer Retroserie, die vielleicht keiner Worte mehr bedarf? Die Antwort ist einfach, weil Staffel 3 einfach wahnsinnig gut ist, eine extreme Steigerung durch einfachere Mittel, erzählerisch und dramaturgisch nicht nur ausgefeilter als Season 1 und 2, sondern tatsächlich nah dran am Gefühl der seeligen 80er Jahre Kultfilmära, und das nicht nur durch nostalgische Anbiederung. Ich schreibe diesen Artikel auch, weil es sich einfach gut anfühlt, nicht wie andere nur enttäuschte Erwartungen oder Häme durch das Netz zu posaunen, sondern auch mal inneren Fanfrieden und Glückseligkeit zu lobpreisen.

 

 

Best Friends Forever: Elfi (Millie Bobby Brown) und Maxine (Sadie Sink) pfeiffen auf ihre Freunde und machen endlich Mädchensachen.

 

 

STRANGER THINGS 3 spielt ein Jahr nach den Ereignissen von Staffel 2, im Hochsommer des Jahres 1985, und die beschauliche Stadt Hawkins hat eine frische Attraktion, das funkelnagelneue Einkaufszentrum Starcourt Mall. Kino, Eiscreme, Spielautomaten, das lockt auch unsere Kids aus Hawkins an, denn wenn nicht gerade der Demogorgon in der Stadt umgeht, herrscht tote Hose in town. Die Kids sind inzwischen auch keine Kids mehr, sondern pubertieren munter vor sich hin. Mike, Lucas und Will vertreiben sich ihre Zeit zwar noch mit Dungeons & Dragons & DAY OF THE DEAD, aber Mike und Lucas müssen sich auch um die Belange ihrer Freundinnen Elfi und Maxime kümmern, sehr zum Verdruss von Will Byers, der diese Phase noch nicht erreicht hat. Auch Dustin kommt schwer verliebt aus dem Sommerurlaub zurück, es knistert also an allen Ecken der Stadt. Naja fast.

 

Im Eisladen der Starcourt Mall arbeitet nun Steve an der Seite von Neuzugang Robin, die dem einstigen Schnösel recht gut Kontra gibt. Nancy Wheeler und Jonathan Byers malochen bei der Hawkins Post und müssen sich hauptsächlich mit ihren Kollegen herumschlagen, allesamt unangenehme Altherrenwitze. Joyce und Chief Hopper indes pflegen ihre kratzbürstige Hassliebe, während Joyce die Geschehnisse aus Staffel 2 nicht loslassen, hat Hopper Probleme, mit seiner herumknutschenden Ziehtochter klarzukommen. In diesem Potpourri aus herrlich albernen Figurenkonstellationen merkt scheinbar niemand, dass unter der Mall der Russe höchstselbst eine ultrageheime HighTech-Bohrung vornimmt, um erneut den Spalt zur anderen Dimension zu öffnen.

 

 

Die Eiscafécrew Steve (Joe Keery) und Robin (Maya Hawke) plus Dustin ermitteln in bester Agentenmanier.

 

 

Irgendetwas geht wieder um in Hawkins und bemächtigt sich sogleich dem Körper von Maximes Bruder Billy, welcher nun in bester Bodysnatcher Manier nach Frischfleisch fahndet. Dustin entdeckt derweil ein geheimes Funksignal der Russen, weil seine Freunde Mike und Lucas aber Beef mit ihren Freundinnen haben, wendet er sich an Steve und Robin vom Eisladen, die Verschwörung zu lüften. Elfi und Maxime geben Mike und Lucas einen Laufpass, kleiden sich neu ein und spielen eine Runde telepathisches Flaschendrehen. Dabei kommen sie Maximes Bruder auf die Schliche, der von etwas Bösem besessen scheint. Jenes Böse hat auch eine Schar Ratten infiziert, dieser Spur folgen “Journalistin” Nancy und “Fotograf” Jonathan. Als sich dann auch noch Mike, Lucas und Will wegen Mädchenkram zerstreiten und Will Byers die Nackenhaare ob eines bekannten Übels zu Berge stehen, ahnen alle Figuren aus STRANGER THINGS 3 langsam, hier stimmt wieder was ganz und gar nicht in Hawkins, Indiana.

 

 

Elfi fängt endlich an, ihre Kräfte nach eigenem Gutdünken einzusetzen. Dazu gehört aber auch das Ausspionieren ihrer Freunde Mike (Finn Wolfhard), Lucas (Caleb McLaughlin) und Will (Noah Schnapp).

 

 

So viel zur Grundkonstellation von STRANGER THINGS 3. In den ersten beiden Folgen der neuen Serienstaffel wähnt man sich in bekannten Gefilden und Gefühlen, es macht wieder Spaß, die Teenies wiederzusehen, das Flair ist toll, die Musik ist toll, aber soweit alles bereits aus den Vorgängern bekannt. Doch es gibt auch Skepsen. Mit den Russen als präsentiertes Feindbild wird das Antagonistische der neuen Geschichte noch gesichtsloser, die Hintergründe der Schattenwelt “The Upside Down” noch nebulöser, das “Wieso?” und “Warum?” will man gar nicht erst hinterfragen. Und erneut setzen die Duffer Brothers gleich zu Beginn auf eine Trennung des Ensembles, sogar noch stärker als in Staffel 2. Kann das alles gut gehen?

 

Den Wendepunkt in Staffel 3 bereitet Chapter Three: The Case of the Missing Lifeguard. Während die Figuren in Folge 1 und 2 kaum verstehen, was abgeht, sind sie in Folge 3 bereits mittendrin in einem rasanten Spektakel und ermitteln getrennt voneinander am selben Fall. In manchen Serien kommt der ein oder andere Figurenstrang ob einer rasanten Erzählweise ein wenig unter die Räder. In STRANGER THINGS 3 aber funktioniert jedes Team, sowohl von den Figuren als auch vom Spannungslevel her. Das bedeutet besonders für Folge 3 einen ungemein actionreichen Ritt, jeder Szenenwechsel bringt mehr Spaß und Suspense, als wäre man bereits im Staffelfinale. Die anfängliche Distanz weicht einer wahren Ereignisflut, es geht Schlag auf Schlag, keine Atempause.

 

 

Jonathan (Charlie Heaton) und Nancy (Natalia Dyer) recherchieren auf eigene Faust. Dabei gibt Nancy eine clevere Journalistin ab, währened Jonathan eher eine Mimose ist.

 

 

Man fürchtet zwar, dass dieses Level in den übrigen fünf Episoden kaum gehalten werden kann, aber, und das ist die größte Überraschung von Staffel 3, es gelingt. Was Staffel 3 so fulminant macht, ist nicht die Story. Die ist weiterhin eher bieder, nicht wirklich originell und voller Klischees. Es ist die Dynamik der Figuren und das Pacing, welches voll aufgeht. Es ist dieses Kribbeln, wenn die verschiedenen Teams in Aktion treten, sich Stück für Stück die Hintergründe eröffnen und man sehnsüchtig darauf wartet, dass die Meute wieder zusammenfindet und mit all ihrer Individualität zurück schlägt. Folge 4 bis 8 halten diese Rasanz locker, darum funktioniert auch der emotionale Payoff: Wenn Robin, Steve und Dustin den Code knacken oder Hopper den Bürgermeister zusammenfaltet. Wenn Nancy und Jonathan gegen die miesen Zeitungstypen zurückschlagen. Wenn Elfi endlich alles raus lässt.

 

 

Jede Szene ein Knaller: Joyce Byers (Winona Ryder) ist nicht mehr so flatterhaft wie zuvor und gibt Chief Jim Hopper (David Harbour) ordentlich Kontra – ein irre witziges Gespann.

 

 

STRANGER THINGS 3 ist kein tiefgründiges Charakterdrama, es mag vorhersehbar sein, die Hintergrundgeschichte um die andere Dimension ist fahrig und es gibt Logiklöcher und allerlei lose Fragmente (Warum wird Elfi immer noch von Hopper versteckt? Warum essen die Wirte Chemikalien?). Aber das gibt es auch in anderen Serien, doch die erreichen niemals diesen Drive von Staffel 3, in der alle Figurenstränge funktionieren, ja geradezu explodieren. Irgendwie fällt es erst jetzt auf, was den Vorgängerstaffeln diesbezüglich gefehlt hat. Auch wenn es Meckern auf hohem Niveau ist, aber die schienen dann doch zu kalkuliert, zu viel Blaupause, zu viel Fanservice. In Staffel 3 liegt der Fokus ganz klar auf Spaß, auf Tempo und auf Figurenchemie und das, liebe Freunde, ist die Essenz des so geliebten 80er Jahre Gefühls, wie es DIE GOONIES oder E.T. zu generieren wusste.

 

 

Neuzugänge und Weiterentwicklungen: Maya Hawke als Robin ist eine Entdeckung des Jahres, Priah Ferguson als Erica eine absolute Granate, Billy (Dacre Montgomery) darf endlich mehr als nur grimmig dreinschauen und seinen Body präsentieren und Grigori (Andrey Ivchenko) ist der beste T-1000 Verschnitt seit Robert Patrick.

 

 

Deshalb wirken auch die nostalgischen Einschübe von A wie ALIEN bis Z wie ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT nicht mehr wie Fanservice, es gelingt Staffel 3, einen wirklich in diese Zeit zu teleportieren. Das ist wesentlich besser gelöst als die GHOSTBUSTERS Anzüge in Staffel 2. Hinzu kommen die superben Neuzugänge wie Maya Hawke als Robin (im Übrigen die Tochter von Ethan Hawke und Uma Thurman) und auch wenn es keinen echten menschlichen Gegenspieler in Staffel 3 gibt, macht sich Andrey Ivchenko als russischer Killer Grigori (in bester TERMINATOR-Manier) recht gut. Der heimliche Star von Staffel 3 aber ist Priah Ferguson als Erica Sinclair.

 

Natürlich ist STRANGER THINGS Staffel 3 hauptsächlich mehr von allem. Aber im Gegensatz zu anderen Serien ist das in dem Fall sehr viel mehr. Mehr Spaß, mehr Spannung, mehr Drive, mehr Gefühl. Ein fast schon unverschämt hohes Unterhaltungspotential. Am überraschendsten aber ist die Erkenntnis, dass eine Serie nach 3 Staffeln nicht unbedingt stagnieren muss und das die Mittel dazu recht einfach sind – Figurendramatik, Rasanz und keinerlei Handbremse. Hätte nicht gedacht, dass Staffel 3 nochmal so zu fesseln vermag, ja sogar besser ist als beide Staffeln davor. Eine wirkliche Überraschung des laufenden Film- und Serienjahres.

 

 

Widerlicher Widersacher: Nachfolger des Demogorgon und des Mind Flyers ist ein rasend schneller und gefährlicher Körperfresser.

 

 

Demzufolge kann Staffel 4 gerne kommen, was nach den Streamingrekorden (18,2 Millionen Abrufe in der ersten Woche) ohnehin eher früher als später passiert. Es ist toll zu erleben, dass sich jenes wohlige Nostalgiegefühl der 80er Jahre auch einstellen kann, wenn es nicht nur um gefällige Retrofetzen geht, die man dem Zuschauer vor die Lefze wirft, sondern deswegen, weil STRANGER THINGS, zumindest in Staffel 3, genauso clever und rasant geschrieben und inszeniert ist wie die großen Klassikervorbilder. Dafür einen ganz großen Dank an die Duffer Brothers, die Autoren, den gesamten STRANGER THINGS Cast und NETFLIX.

 

auf Netflix

 

  • ab Folge 3 ganz großes Tennis
  • alle Figurenstränge super
  • Maya Hawke als Robin
  • Priah Ferguson als Erica Sinclair
  • Elfi Superheld
  • echtes 80s Feeling
  • Turn around, look at what you see…
  • zu wenig Schattenweltstory
  • markanter Bösewicht gesucht
  • zu viel Coca-Cola Werbung

 

FAZIT:

Season 3 schlägt die Vorgängerstaffeln um Längen, dank bester Figurenchemie, Drive ohne Ende und echter 80er Jahre Nostalgie. Unverschämt hoher Unterhaltungswert, tolle Neuzugänge und ganz große Gefühle. Anschaubefehl!

 

STRANGER THINGS Season 3, USA 2019, Idee: Matt & Ross Duffer
Für Fans von 80er Jahren Kultfilmen, Bodysnatchers Movies & SUPER 8

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de