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Ich bin wieder zurück von einer Woche FILMFEST DRESDEN. Vieles hat sich verändert. Mein Türschloss klemmt nicht mehr, ein untrügliches Zeichen für den beginnenden Sommer. Obwohl ich Sohn einer Physiklehrerin bin, weiß ich nicht recht wieso. Dehnt sich Holz oder Aluminium bei steigenden Temperaturen aus oder schrumpft? Den ganzen Winter über hat die dämliche Tür geklemmt. Jetzt lässt sie sich ganz leicht öffnen und schließen. Für die meisten sind solche Lappalien nur werkstoffbedingtes Arbeiten von Bauelementen. Bei mir ist das eher ein metaphorischer Fingerzeig. Im Sommer klemmt´s insgesamt weniger.

 

Ich arbeite nun zum vierten Mal innerhalb der letzten fünf Jahre auf dem Filmfest und zwar als Shuttle-Fahrer. Obwohl ich jenes Gewerk seit 2008 an den sprichwörtlichen Nagel gehängt habe, mache ich das mit Freuden beim Filmfest noch. Ich gebe zu, rückblickend hatte ich nicht immer ein so entspanntes Verhältnis zu einem meiner Brotjobs. Ich wollte ja schreiben und Konzepte entwickeln. Aber ob nun bewusst oder unbewusst weiß ich jetzt, dass genau eine solche Position, ob nun bei Dreharbeiten oder bei einem Festival, meine Passion ungleich mehr inspiriert als wäre ich Gast oder Filmemacher. Oft taucht die Frage im Team auf, ob man schon diesen oder jenen Film aus dem Wettbewerb oder dem Programm gesehen hat. Die Standardantwort ist dann immer: “Phu, hatte keine Zeit bisher!” Ist das aber gleichbedeutend, dass das Filmfest dadurch an einem vorbeigegangen bzw. gefahren ist?

 

Mitnichten! Denn das FILMFEST DRESDEN ist mehr als die Summe der Filme und Retrospektiven. Meine Position erlaubt es mir, beinahe unsichtbar, viel tiefer in diese Veranstaltung einzutauchen, vielleicht nicht unbedingt Menschen kennenzulernen, das auch, aber viel mehr Menschen zu beobachten, Filmemacher zu beobachten, Enthusiasten zu beobachten. Das ist ein Netz aus Stimmungen, aus Reibungen, aus Stress, teilweise Ärger, aber vorrangig aus sprühender Leidenschaft, Neugierde und emotionaler Zwiebelvielschichtigkeit. Ich mag diese Position, die des sichtbar-unsichtbaren Parts, der viel aufnimmt wie ein Schwamm, was nicht mal konkret mit Filmemacherei zu tun haben muss. Wer jetzt allerdings denkt, ich berichte über Interna des Filmfestes, der irrt, das verbietet der Anstand und der Respekt. Für eine kurze Zeit mit der Maximallänge einer Fahrt vom Flughafen ins Gästezentrum ist man mit den Besuchern in einer mehr oder minder intime Enklave gefangen. Aber was im Shuttlefahrzeug passiert, bleibt auch im Shuttlefahrzeug.

 

Nun ist es aber auch nicht so, dass ich gar keine Filme des Wettbewerbs sehen konnte. Einige der Preisträger habe ich mir angeschaut und es waren tolle Sachen dabei. Zum Beispiel HIGH WOOL von Nikolai Maderthoner und Moritz Mugler von der Filmakademie in Ludwigsburg, der eine lobende Erwähnung der nationalen Jury eingefahren hat. HIGH WOOL ist eine 3-minütige Stop Motion – String- Animation ohne Dialog über eines der bekanntesten Filmmotive überhaupt – das Duell zur Mittagsstunde eines Westerns. Die kurze Geschichte nimmt eine überraschende Wendung, als sich die verwendeten Materialien der Animation, nämlich Bindfäden, dazu entschließen, in die Geschichte einzugreifen. Das ist witzig, kreativ und vor allem genau auf den Punkt inszeniert. Tolles Ding!

 

BOLES von Špela Čadež (Slowenien 2013)

Im Nationalen Wettbewerb Animationsfilm gewann BOLES von Špela Čadež, eine deutsch-slowenische Produktion um einen betrübten Poeten, der mit seiner Schreibmaschine einen verschrobenen Kleinkrieg führt. Der 12-Minüter ist eine wunderschöne Puppenanimation ohne jeden Computerschickschnack, über den die Jury schrieb: “In einer zunehmend digitalisierten Welt erscheint dieser konsequent analog gehaltene Film in seiner Poesie wohltuend aus der Zeit gefallen und berührt durch seine surrealen Momente ebenso wie durch sein überraschendes Ende.” Sign!

 

Den Filmförderpreis der Kultusministerin National gewann der Film mit dem knackigen Titel SIEBEN MAL AM TAG BEKLAGEN WIR UNSER LOS UND NACHTS STEHEN WIR AUF UM NICHT ZU TRÄUMEN. Ich hab ihn leider nicht gesehen, phu, hatte keine Zeit! Darüber ärger ich mich allerdings am meisten, denn der Film stammt von der thüringischen Filmemacherin Susann Maria Hempel aus Greiz. Auch wenn ich Verwandtschaftsverhältnisse (beziehungsweise keine) schon geklärt habe, für so verkopfte Typen wie mich ist das natürlich wieder Anlass zum Grübeln.

 

 

 

 

Natürlich interessieren mich deutsche Produktionen am meisten, aber auch zwei Filme des internationalen Wettbewerbs haben stark auf mich eingewirkt. Zum einen SUBCONSCIOUS PASSWORD von Chris Landreth (Kanada), eine Mix-Animation über zwei alte Freunde, die sich nach Jahren wiedertreffen. Der Held der Geschichte, Charles, kann sich allerdings nicht an den Namen des alten Kumpels erinnern. Was folgt, ist ein Einblick in das Gehirn von Charles, in dem in einer Art Quizshow sein Unterbewusstsein in Form zahlreicher Persönlichkeiten versucht, jenen Namen freizugraben. Unfassbar! Da tauchen Figuren von William S. Burroughs über John Lennon bis zu H. P. Lovecraft auf, das Ganze ist eine schwer greifbare Farce in grellen Farben und Tönen, ein unvergleichlicher LSD-Trip in die Tiefen des Unterbewusstseins. Das kann man schwer beschreiben, das muss man kurz teasern.

 

THE PHONE CALL von Mat Kirkby (Großbritannien 2013)

Und letztlich sah ich noch THE PHONE CALL von Mat Kirkby, der auf dem FILMFEST DRESDEN seine Deutschlandpremiere feierte und den Publikumspreis im internationalen Wettbewerb gewann. Prominent besetzt mit Sally Hawkins und Jim Broadbent erzählt der knapp 21-minütige Spielfilm die Geschichte von Heather, einer Telefonseelsorgerin, die einen Anruf von einem alten Mann entgegennimmt, der ihr Leben für immer verändert. Die Geschichte, ich will eigentlich nicht zu viel verraten, ist eigentlich tief traurig.

 

Ich bin mir aber nicht sicher, ob es dieser Umstand war, der mich emotional sehr getroffen hat. Denn eigentlich war es nicht der schmerzvoll-traurige Klimax, sondern das hoffnungsvolle und ergreifend positive Ende, welches mich zu Tränen rührte. Das ist jetzt auch der Moment, in dem dieser Artikel kippt, ich mir unsicher bin, ob das richtig oder klug oder unglaublich dumm ist, was ich grad tue. Über persönliche Erfahrungen mit Gästen will ich nicht schreiben. Über mehr Filme kann ich nicht schreiben, denn viel mehr habe ich nicht gesehen. Worüber will ich eigentlich schreiben? Hat es überhaupt irgendetwas mit “Wollen” zu tun? Nicht wirklich. Bereits vor dem Filmfest war ich in einer Situation, an einem Punkt, an dem ich nicht genau wusste, in wie weit ich das hier weiterführen kann.

 

Ich habe eine große Leidenschaft für die Fiktion. Es ist die größte in meinem Leben. Aber sie auch ein Fluch. Sie trennt mein Innenleben in zwei Teile. Beide bedingen sich gegenseitig. Ich kann viel empfinden in Filmen, in der Fiktion, vieles ist einfacher, verständlicher, logischer, auch wenn es nicht real ist. Die Realität hingegen ist schwierig, karg, zäh und vieles liegt zu tief verborgen, als dass ich Kraft hätte, danach zu graben. Mir fällt es schwer, Emotionalität und Rationalität unter einen Hut zu bringen, was ich eigentlich auch gar nicht will. Denn so ich auch hadere über meine Unzufriedenheit, meine Ängste und Zweifel, sie nähren doch die Phantasie in mir und sind der Motor, weiterzumachen.

 

Viele vom Filmfest-Team sprechen von einem sogenannten Festivalblues, einer klebenden Melancholie nach einer Woche extremer Enge zueinander, es ist dieses bekannte Loch, in das man fällt. Aber ich fühle das nicht. Im Gegenteil. Nach einer Woche Filmfest fühle ich mich, wie in jedem Jahr, zum ersten Mal im neuen Jahr gelöster und klar, von Ballast befreit. Die Formel des biochemischen Enzymhaushalts in mir weicht wohl ein wenig vom Standard ab. Vor dem Filmfest Vorfreude, nach dem Filmfest Traurigkeit, das ist bei mir nicht so. Es ist gespiegelt.

 

Das heißt nicht, dass ich froh bin, dass es vorbei ist, nein, ich misse die Zeit und jede Minute. Aber in mir herrscht ein anderes Gleichgewicht. Ich glaube nicht, dass mich THE PHONE CALL vor dem Filmfest so berührt hätte. Ich weiß auch nicht einmal, ob THE PHONE CALL wirklich gut ist und nicht vielleicht zu dick aufgetragen mit Emotionsmarmelade. Das ist auch egal. Das, was vorher stumpf und taub war, hat nun winzige Löcher, die Membran der Gefühllosigkeit wird zunehmend semipermeabel. Aber das ist keine Erkenntnis, die hatte ich schon vorher und es bedarf keiner großen Weisheit, dass Isolation und Lebenskarussell zwei gegensätzliche emotionale Pole sind. Das war in den letzten fünf Jahren kaum anders.

 

Was mich jetzt mehr als sonst bewegt, ist eine profane Feststellung, nennen wir es stilecht “want” und “need”. All das, was mich gerade positiv beeinflusst, was Emotionen auslöst, wo vorher nur Frostschutzschotter war, das, was ich momentan so dankbar und in innerer Ausgeglichenheit annehme…das ist eigentlich alles noch viel zu wenig, viel zu niedrig, viel zu tief. Im vergangenen Jahr fand ich die Tage nach dem Filmfest als vollkommen, jetzt fühle ich das auch, aber da ist auch das Bewusstsein, das ist noch immer zu wenig. Denn da ist noch mehr. Und ich weiß nicht, ob ich mich mit dem Wenigen, was mich gerade glücklich macht, zufrieden geben soll…nein, will. Normalerweise gebe ich mich mit noch viel weniger zufrieden. Ich will auch nicht unbedingt Mehr. Aber ich hab genug von dem Wenigen. Das Wenige ist zu wenig!

 

Es tut mir Leid, dass das nicht unbedingt ein angemessener Artikel über das FILMFEST DRESDEN ist. Aber es ist notwendig. Denn ohne diesen Pfropfen wäre mir ein Weitermachen schwer gefallen oder hätte zumindest die Arbeit an neuen Artikeln und Dingen beeinträchtigt. Pfropfen, Ventil, klemmende Tür, was auch immer. Ich weiß auch, dass ich mich mit breiten Armen hinstelle und eine möglichst große Angriffsfläche biete durch das, was ich gerade schreibe. Aber auch das ist notwendig. Und es zeigt bereits Wirkung. Ich habe neue Ideen, neue Inspiration, neuen Mut.

 

Wenn ich ehrlich bin, und anders kann ich es nur schwer, dann kann ich nicht sagen, dass ich mich auf das 27. FILMFEST DRESDEN 2015 freue. Denn da ist auch die Gewissheit, dass man, um dahin zu gelangen, erst wieder durch ganz viel Morast waten muss. Diese “Sache” ist keine Frage von zu viel oder zu wenig. Diese Sache hat es eigentlich gar nicht verdient, zu existieren. Momentan sitzt Sie, die Sache, nur da und schweigt. Das ist schon mal gut, dann quatscht Sie nicht immer in alles rein. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Sie eines Tages hier ganz auszieht und die verklemmte Tür hinter sich zu macht. Vielleicht, wenn ich Glück habe, bin ich in diesem Moment selbst gar nicht zu Hause, sondern Draußen und esse Kumpir.

 

 

 

 

Auch wenn ich mich hinter einem Schutzschild von Ironie, Metaphern und Doppeldeutigkeit verstecke, das fällt mir nicht leicht, in Worte zu fassen. Ich kann und will das grad nur bedingt verbalisieren, auch wenn Schreiben das Wichtigste in meinem Leben ist. Aber Bilder oder Töne können das momentan treffender. Wenn man mich fragt, wie ich mich gerade fühle, dann würde ich sagen, ich fühle mich wie Adam Driver in INSIDE LLEWYN DAVIS. Ich hake mich ein und singe eigentlich immer nur “Outer…Space!”. Auch ziemlich wenig. Aber dafür mit ganz großer Geste.

 

Vielen Dank für´s Zuhören!

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de