Fantasy Filmfest 2019 Quick`n`Dirty

Gestern endete in Berlin das 33. Fantasy Filmfest nach elf Tagen Genrestreufeuer aus allen Kanonen und Kanönchen. 50 Genrefilme wollten gesehen werden, für mich hat es gerademal für ein Fünftel gereicht, aber so gut wie alle meine Highlights waren dabei und wir wollen wie immer fröhlich einen kleinen Reviewreigen der schauderlichen Art veranstalten und schauen, welche schröcklichen Festivalhighlights frischen Wind in den aktuellen Genrefilm bringen und welche eher enttäuscht haben. Der diesjährige Jahrgang hatte es nicht leicht, denn das 32. Fantasy Filmfest im Jahr 2018 hatte die blutige Messlatte recht hoch gehängt. Doch schauen wir mal auf die Leckerli von 2019, deshalb Vorhang auf für ein frisches Fantasy Filmfest Quick`n`Dirty.

 

 

 

 

Opening Night: Im letzten Jahr eröffnete MANDY das Fantasy Filmfest laut und krawallig, 2019 hingegen startet das Festival in eher ruhiger, atmosphärischer Intonation mit THE LODGE von Veronika Franz und Severin Fiala (ICH SEH, ICH SEH). Der zweite Spielfilm des österreichischen Regie- und Drehbuchduos wurde von den altehrwürdigen Hammer Studios produziert und verspricht auf den ersten Blick ein ebenso dichtes Psycho-Horrordrama wie ihr Debütfilm zu werden, großartig besetzt mit Riley Keough (UNDER THE SILVER LAKE), Richard Armitage (THE HOBBIT), Jaden Martell (STEPHEN KINGS IT) und Lia McHugh.

 

 

The Lodge The Lodge

 

 

Die Geschwister Aidan und Mia sind alles andere als begeistert, das Weihnachtsfest in einer abgelegenen Waldhütte in den Bergen zu verbringen, noch dazu mit Grace, der neuen Freundin ihres Vaters Richard, welcher Aidans und Mias depressive Mutter verlassen hat. Grace wird von Aidan und Mia wie die böse Stiefmutter im Märchen behandelt, erst Recht, als Vater Richard für zwei Tage in die Stadt zurück muss und seine Kids und Grace allein in der Hütte verbleiben. Aber anstatt das Eis zwischen den Aidan, Mia und Grace während ihrer “Zwangslage” bricht, geschehen plötzlich merkwürdige Dinge und ein bizarrer Albtraum nimmt seinen Lauf.

 

THE LODGE eröffnet das Festival trotz der überaus subtilen Inszenierung mit einem Knall und einem veritablen Schockmoment. Danach betreiben Veronika Franz und Severin Fiala wie in ihrem Debüt ICH SEH, ICH SEH ein unangenehm doppelbödiges Spiel mit ihren Figuren und dem Zuschauer und erschaffen eine geradezu eisige Atmosphäre. Vielleicht ein wenig zu eisig, denn wie in ICH SEH, ICH SEH mangelt es den Figuren an einer emotionalen Nachvollziehbarkeit ihres Handelns. Das führt dazu, dass der Twist der Geschichte für den Zuschauer emotional ebenfalls nur schwer funktioniert, trotz des fantastischen Spiels der Jungdarsteller. Inszenatorisch ist THE LODGE dennoch eine Granate, dank der grandiosen Kameraarbeit von Thimios Bakatakis (THE KILLING OF A SACRED DEER) und des ungemütlichen Sounddesigns. Das Gegenteil von einem Wohlfühlfilm, im positiven Sinne.

 

 

FFFAZIT:

Beklemmendes und äußerst unangenehmes Psychokammerspiel mit hervorragenden Mimen und wahrlich eisiger Atmosphäre. Genauso kalt verhalten sich allerdings auch die Figuren, was den Twist emotional ein wenig ausbremst.

 

THE LODGE (Großbritanien/USA 2018) mit Riley Keough, Richard Armitage, Jaden Martell, Drehbuch: Sergio Casci, Severin Fiala, Veronika Franz , Regie: Veronika Franz, Severin Fiala, SquareOne Entertainment, Kinostart Ende 2019

 

 

 

 

 

 

Fresh Blood: Ein kleines Gipfeltreffen an Genrewilden stellt das Regiedebüt von Ant Timpson dar, der als Produzent für schräge Filmchen wie DEATHGASM, HOUSEBOUND oder THE GREASY STRANGLER verantwortlich war. Denn Timpson verpflichtete in seinem Erstling den mittlerweile entringten, genreerfahrenen Elijah Wood (MANIAC, OPEN WINDOWS) sowie Stephen McHattie (HAUNTER) und schickt beide in eine groteske Vater-Sohn-Reunionstory der wendungsreichen und vor allem blutigen Art.

 

 

Come to Daddy Come to Daddy

 

 

Der friedfertige Hipster DJ Norval (Elijah Wood) fährt zu einem abgelegenen Haus an der Küste, nachdem er einen Brief seines Vaters erhalten hat, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Norvals Vater (Stephen McHattie) allerdings wirkt nicht besonders begeistert über den Besuch, an einen Brief kann er sich nicht erinnern, generell steht er seinem unbeholfenen und verschüchterten Sohn eher feindseelig gegenüber, der seinen Vater beeindrucken will. Die unglückliche Situation zwischen den beiden wird immer gereizter und geht alsbald in Handgreiflichkeiten über. Doch das ist erst der Beginn einer skurrilen, blutigen Tour de Farce.

 

COME TO DADDY ist ein wahrer Springbock durch verschiedene Genreelemente, Stimmungen und Tonalitäten, man weiß nie, wo man das Gesehene einordnen soll. So wird aus dem anfangs recht ernst gehaltenen Wiedersehensdrama ein grotesker Thriller und gegen Ende fast eine durchgeknallte Komödie. Seltsamerweise funktioniert dieser Mashup von Ant Timspon ganz gut, vor allem wegen Elijah Wood, Stephen McHattie und anderer schräger Vögel, die da zum Ende hin auftauchen. Leider bleibt COME TO DADDY im Finale dezent konservativ und kann sich nicht in einen wirklich abgefuckten Klimax steigern, denn Timpson, trotz seines tollen Debüts, ist leider kein Jim Hosking (THE GREASY STRANGLER), der aus den Ingredienzien weitaus mehr herausgeholt hätte.

 

 

FFFAZIT:

Wendungsreicher Psychothrill wandelt sich in blutige Groteske. Ein gut aufgeleger Elijah Wood und ein noch besserer Stephen McHattie in einem fiesen kleinen Bastard von Genremix, der nur gegen Ende ein wenig Fahrt verliert.

 

COME TO DADDY (Kanada/Neuseeland/Irland/USA 2019) mit Elijah Wood, Stephen McHattie, Drehbuch: Toby Harvard , Regie: Ant Timpson, Splendid Film

 

 

 

 

 

 

Fresh Blood: Wirklich gute Horrorkomödien sind leider selten, denn sie reiten größtenteils auf bekannten Horrorklischees und Kalauern herum und sind tonal oft auf ein eher junges Publikum ausgerichtet. Dem Belzebub sei Dank ist die irisch-belgische Koproduktion EXTRA ORDINARY anders, die Protagonisten sind bereits weit jenseits der Dreißig, die Atmosphäre ist schön Retro, ohne in anbiedernden Fanservice auszuarten und die Art des Humors ist alles andere als holzhammermäßig – aber das Debüt von Mike Ahern und Enda punktet vor allem mit Herz, Charme und jeder Menge glibberigen Ektoplasmas.

 

 

Extra Ordinary Extra Ordinary

 

 

Rose Dooley (Maeve Higgins) verbrachte ihre Kindheit an der Seite ihres Vaters als paranormal veranlagtes Medium, bis es zu einer Art Unfall kam. Geister kann Rose immer noch sehen, aber ihre Berufung als Kontaktvermittlerin zu den Toten hat sie seither abgelegt und arbeitet als Fahrlehrerin. Doch eines Tages lernt sie Martin Martin kennen, der von seiner verstorbenen Ehefrau drangsaliert wird. Rose macht für den attraktiven Witwer eine Ausnahme und versucht, Frieden zwischen Lebenden und Toten zu stiften. Doch dann taucht der abgehalfterte Rockstar Christian Winter (Will Forte) auf, der einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist und der es auf die jungfräuliche Seele von Martins Tochter abgesehen hat – die paranormalen Dinge laufen aus dem Ruder.

 

Es ist schon fast eine Seltenheit, eine Horrorkomödie mit etwas älteren Hauptfiguren zu finden, die nicht nur von “sex & drugs & mobile phone” besessen sind, noch dazu mit solchen Sympathiebolzen wie Rose und Martin, welche man sofort ins Herz schließen muss. Wenn auch mancher Gag nur so halb zündet oder breitgetreten wird, die Chemie zwischen Maeve Higgins und Barry Ward macht das locker wieder wett und Will Forte als durchgeknallter One-Hit-Wonder Rockstar Christian Winter ist echt zum Schießen. Ich persönlich hätte gern noch mehr aus der putzigen Geisterwelt erfahren, aber die skurrilen Ideen um die charmanten Figuren machen aus dem irischen EXTRA ORDINARY die vielleicht beste Geisterkomödie seit Peter Jacksons THE FRIGHTENERS.

 

 

FFFAZIT:

Endlich mal wieder eine gelungene Horrorkomödie für Genrefans jenseits der 30 mit jeder Menge Charme, sympathischen Mimen und einem aberwitzigen Finale. Fans von THE FRIGHTENERS werden sich sofort wohlfühlen.

 

EXTRA ORDINARY (Irland/Belgien 2019) mit Maeve Higgins, Barry Ward, Will Forte, Drehbuch und Regie: Mike Ahern, Enda Loughman, Universum Film, ab 25. Oktober auf Blu Ray & DVD

 

 

 

 

 

 

Centerpiece: Am meisten gespannt war ich auf Jessica Hausners LITTLE JOE, der als Centerpiece präsentiert wurde, beschrieben als arthousige INVASION OF THE BODY SNATCHERS Variante um eine im Genlabor gezüchtete Blume, deren Duft die Menschen glücklich machen soll. In ihrem ersten englischsprachigen Spielfilm zitiert Hausner den Klassiker von Phillip Kaufman zwar dezent, aber LITTLE JOE geht dann doch eher eigene Wege. Besetzt ist der kleine Sci-Fi-Blumenstraß unter anderem mit der wundervollen Emily Beecham, welche in Cannes für LITTLE JOE als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

 

 

Little Joe Little Joe

 

 

Die Pflanzenzüchterin und alleinerziehende Mutter Alice hat in einem biotechnologischen Labor eine neue Pflanzenspezies gezüchtet, deren Duft ein Enzym freisetzt, welches die Menschen glücklich macht. Sie nennt das rote Blümelein Little Joe, nach ihrem Sohn und bringt ein Exemplar mit ins gemeinsame Zuhause. Nachdem Mitarbeiter im Labor wie auch Alice Sohn Joe die Pollen von Little Joe eingeatmet haben, scheint sich ihr Verhalten langsam, aber stetig zu verändern. Glücklich scheinen die Betroffenen, aber entwickeln sie auch eine Art entrückte Manie, die Pflanze Little Joe um jeden Preis beschützen zu müssen.

 

Ach LITTLE JOE, einfach machst du es dem Zuschauer wahrlich nicht. Ein Genrefilm ist er nur bedingt, dafür gibt es zu wenig Konflikte und resultierende Spannungen aus den Figuren. Was auf dem Papier als Inhaltsangabe spannend klingt, ist in der Inszenierung eher bieder. Meine Kritik trifft aber nicht den ausgesprochenen Arthouse Charakter des Films, sondern eher das Vermeiden von interessanten Fragestellungen, die der Film zwar anreißt, aber selten ausspielt. Dafür ist er zu isoliert erzählt, spielt nur in den stylisch-futuristisch ausgestatteten Laboren und in Alice Wohnung, die Auswirkungen der Züchtung bleibt nur an den wenigen verschrobenen Figuren erkennbar. Die sind allerding, bis auf Alice, zu leblos gestaltet. Der Look des Films ist grandios, die Musik extravagant, Beecham eine Wucht, aber irgendwie lässt einem LITTLE JOE dezent unbefriedigt zurück.

 

 

FFFAZIT:

Elegante, audiovisuell betörende Arthouse Variante des Klassikers INVASION DER KÖRPERFRESSER mit einer bezaubernden Emily Beecham und einer putzigen Topfpflanze, aber emotional zu distanziert erzähltes Kunstkino.

 

LITTLE JOE (Großbritannien/ Österreich/Deutschland 2019) mit Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, Drehbuch: Géraldine Bajard, Jessica Hausner, Regie: Jessica Hausner, X Verleih AG

 

 

 

 

 

 

Fresh Blood: Klaustrophobisches Setting, Sci-Fi-Paranoia-Thrill, Überraschungshit auf Festivals – vieles über FREAKS von Zach Lipovsky und Adam B. Stein lässt einem im Vorfeld gespannt aufhorchen. Noch dazu ist das Ganze prominent besetzt mit Emile Hirsch, Bruce Dern und der Jungdebütantin Lexy Kolker, was kann da schief gehen? Alle Rezensionen, die ich gelesen habe, sprühen vor Begeisterung, da traue ich mich fast nicht zu gestehen, dass FREAKS für mich bis kurz vor Filmende eine Beinahegurke war.

 

 

Freaks Freaks

 

 

Chloe (Lexy Kolker) ist sieben Jahre alt und weiß so gut wie nichts von der Welt draußen, ihr Vater (Emile Hirsch) verbirgt das Mädchen vor der Außenwelt und drillt sie auf eine andere Identität. Chloe aber interessiert sich nur für den demonstrativ vor ihrem Haus parkenden Eincremetruck von Mr. Snowcone (Bruce Dern) und entschlüpft eines Tages ihrem Gefängnis für eine Kugel Schokoladeneis. Ist die Welt da draußen wirklich so feindseelig und gefährlich, wie Chloe’s Vater ihr weiß machen will? Tatsächlich stimmt etwas nicht mit den Nachbarn und der Polizei und langsam kommt Chloe der Verdacht, dass sie anders ist als alle anderen.

 

Also eins kann man FREAKS nicht vorwerfen und zwar langweilig zu sein. Der Film beginnt als doppelbödiger Paranoiathriller und fügt nach und nach mehr Genreelemente hinzu. Für meinen Geschmack viel zu viele, FREAKS wirkt wie ein überfrachteter Cocktail zwischen SIE LEBEN, FIRE STARTER, X-MEN, CHRONICLE und mehr. Subtil ist FREAKS ganz und gar nicht und je mehr Elemente hinzukommen (Zeitmanipulationen, Unsichtbarkeit, Bodyswitching und ein STRANGER THINGS Gedächtnisbluten aus dem Auge), desto abstruser und alberner wird das Ganze. Albern ja, aber eben nicht ununterhaltsam. Das Finale ist so überfrachtet, dass es für mich nur als Parodie funktioniert, aber das war wohl nicht die Absicht der Macher. Dafür ist Lexy Kolker eine absolute Wucht und rettet das zusammengeklaubte Sci-Fi Potpourri dann doch noch irgendwie.

 

 

FFFAZIT:

Sämtliche Sci-Fi-Superhelden-Fantasy-Klischees in einen bunten Topf geworfen, verquirlt und aufgekocht. Manchmal hart an der Grenze zur Parodie, aber definitiv nicht langweilig. Und Lexy Kolker stiehlt allen anderen die Show.

 

FREAKS (Kanada/USA 2019) mit Lexy Kolker, Emile Hirsch, Bruce Dern, Drehbuch und Regie: Zach Lipovsky, Adam B. Stein, Splendid Film, ab 10. Dezember auf Blu Ray & DVD

 

 

 

 

 

 

Die Zwillingsschwestern Jen und Sylvia Soska, auch bekannt als die Soska Sisters, legten 2012 mit AMERICAN MARY einen beachtlichen Bodyhorrorfilm hin. Dem appetitlichen Subgenre bleiben sie auch mit dem Remake des David Cronenberg Frühwerks RABID aus dem Jahr 1977 treu, der anders als die Klassiker THE BROOD oder DIE FLIEGE eine Frischzellenkur gut gebrauchen kann. Herausgekommen ist eine deftig-eklige, aber auch visuell betörend ausgestattete Splattershow mit Stachelbiss.

 

 

Rabid Rabid

 

 

Rose (Laura Vandervoort) ist ein kleines Mauerblümchen, gern wäre auch sie eine gefeierte Modedesignerin, aber als Schneiderin für den Modezaren Günter wird sie von Chef und Kollegen nur verachtet und verspottet. Doch es kommt noch bitterer, Rose erleidet einen schweren Verkehrsunfall, wonach ihr Gesicht entsetzlich entstellt ist. Eines Tages wird sie auf die Klinik des Arztes Dr. Keloid aufmerksam, der eine neuartige Stammzellenbehandlung anbietet. Tatsächlich verheilt Roses Gesicht auf unheimliche Weise, sie ist nicht nur schöner als je zuvor, sondern sie sprüht auch vor Kreativität und Selbstvertrauen. Doch dann setzt bei Vegetarierin Rose ein unstillbarer Hunger nach Fleisch und Blut ein und sie bemerkt diverse Veränderung in ihrem Körper.

 

In der Tat ist Cronenbergs RABID nicht sonderlich gut gealtert und ein interessanter Kandidat für eine Neuinterpretation. Die Soska Sisters, die sich schon mit AMERICAN MARY in Sachen abgründigen Bodyhorror mit Fetishanleihen empfohlen haben, sind die perfekte Wahl für diesen Job. Ihr visueller Stil ist erneut erstklassig, die Splatter- und Goreeffekte superb handgemacht und schauderlich, das Kostümdesign eine Wucht. RABID ist nicht unbedingt feinfühlig in Sachen Story und (Neben)Figuren, aber den Soska Sisters gelingt ein surreal-angehauchter, atmosphärisch dichter und bedrohlicher Splatterspaß, der irgendwie retro und modern zugleich ist. Für mich ein Highlight des Festivals.

 

 

FFFAZIT:

Die Soska Sisters sind zurück und verpassen dem mittlerweile angegrauten Cronenberg Klassiker eine deftige Frischzellenkur. Grandiose Masken und Kostüme, viel Fetish und richtig schön blutig – ein fantastisches Remake.

 

RABID (Kanada 2019) mit Laura Vandervoort, Mackenzie Grey, Ben Hollingsworth, Drehbuch: John Serge, Jen Soska, Sylvia Soska , Regie: The Soska Sisters, Splendid Film, ab 25. Oktober auf Blu Ray & DVD

 

 

 

 

 

 

Fresh Blood: Noch eine postapokalyptische Vater-Tochter-Geschichte landete im Fresh Blood Wettbewerb, doch könnte sie nicht gegensätzlicher als FREAKS sein – Casey Afflecks zweite Regiearbeit LIGHT OF MY LIFE. Der Oscarpreisträger übernahm auch Produktion, Drehbuch und Hauptrolle in einem sichtlich von THE ROAD inspirierten Endzeitdrama um eine Welt ohne Frauen und Kinder, in der ein Vater versucht, seine Tochter vor den Gefahren der neuen, deprimierenden Weltordnung zu schützen.

 

 

Light of my Life Light of my Life

 

 

Außerordentlich herzlich erzählt der Vater seiner Tochter Rag (Anna Pniowsky) eine Gute-Nacht-Geschichte über einen Füchsin, welche die Tierwelt rettet. Es könnte ein idyllischer Campingausflug sein, doch am nächsten Morgen wird klar, so idyllisch ist die Welt von Rag nicht mehr. Durch eine Epidemie sind so gut wie alle Frauen auf der Welt umgekommen. So streifen der Vater und Rag, die sich in Anwesenheit von anderen als Junge ausgeben muss, durch die kargen Wälder Amerikas und versuchen, Begegnungen zu vermeiden. Bis beide ein leeres Haus finden, in dem ein neues Leben möglich scheint.

 

Die Vergleiche zu THE ROAD oder CHILDREN OF MEN drängen sich ob der post-pandemischen Welt natürlich auf, aber Afflecks Spielfilmdebüt nach der Mockumentary I’M STILL HERE ist noch wesentlich reduzierter als die genannten Genrehighlights. Im Vordergrund steht die Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter, die kein junges Mädchen sein darf, ja nicht einmal eine andere Frau gesehen hat. Der Film lebt fast ausschließlich vom Spiel zwischen Vater und Tochter, vor allem Affleck ist sensationell gut. LIGHT OF MY LIFE ist ein Film, der keine Konfrontationen braucht, um Spannung zu erzeugen. Die eindringlichen Bilder von Kameramann Adam Arkapaw (TRUE DETECTIVES) und der tieftraurigem Score von Daniel Hart machen aus LIGHT OF MY LIFE den womöglich stärksten Beitrag des Fresh Blood Wettbewerbs, ein Filmjuwel, welches lange nachhallt.

 

 

FFFAZIT:

Casey Affleck brilliert als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einem beklemmenden und hochemotionalen Endzeitdrama. Nicht so bildgewaltig wie THE ROAD, dafür funktioniert die Vater-Tochter Geschichte umso eindringlicher.

 

LIGHT OF MY LIFE (USA 2019) mit Casey Affleck, Anna Pniowsky, Drehbuch und Regie: Casey Affleck, Universum Film, ab Oktober auf Blu Ray & DVD

 

 

 

 

 

 

Directors’s Spotlight: Das diesjährige Directors Spotlight ehrt den japanischen Regisseur Tetsuya Nakashima, der mit CONFESSIONS und WORLD OF KANAKO zwei bemerkenswerte Psychothriller gedreht hat, aber auch im Komödienfach brilliert (KAMIKAZE GIRLS). In seinem mittlerweile elften Spielfilm wendet er sich einem neuen Genre zu, einem Geisterfilm der besonderen Art, in dem er erneut wild Genreelemente verknüpft und munter zwischen Comedy, Thriller, Horror und Surrealismus wandelt.

 

 

It Comes It Comes

 

 

Hidekos Leben scheint perfekt zu verlaufen, die Karriere läuft, er heiratet die wunderschöne Kana, beide erwarten eine Tochter und Hideko generiert sich in seinem Blog als überglücklicher Vater. Doch dann wendet sich scheinbar das Blatt des Schicksals und beschert der jungen Familie einen echten Geisterdämon, der von Hidekos und Kakas Tochter Besitz ergreifen will. Das Paar wendet sich an einen Journalisten, der nebenbei ein erfahrener Exorzist ist, um dem Spuk ein Ende zu machen. Doch es kommt natürlich wieder ganz anders als befürchtet.

 

Vorweg, IT COMES ist ein wahrer Berzerker an Genrefilm, aber er macht es dem Zuschauer alles andere als leicht. Wofür IT COMES vielleicht nichts kann, sind die Vergleiche mit anderen japanischen Geisterfilmen wie RINGU oder JUON: THE CURSE, denn damit hat IT COMES nur wenig gemein. Geisterfilm ja, aber ein Horrorfilm ist IT COMES nicht, dafür ist er eindeutig zu unspannend inszeniert. Abgesehen davon schert sich Nakashima auch nicht um andere Genrekonventinen, wechselt munter Tonalitäten und Hauptfiguren, statt Jumpscares und Klischees liefert er am Ende eine visuell überbordende Bilderorgie, wie man sie selten gesehen hat, ein wahrhaft furioses Finale. IT COMES mag nicht jedermanns Sache sein, ein Kunstwerk ist er allemal.

 

 

FFFAZIT:

Wer einen Horrorfilm á la RINGU erwartet, wird womöglich enttäuscht. Dafür zieht Tetsuya Nakashima in Sachen Drive, Genre- und Tonalitätenwechsel sowie im bildgewaltigen Finale alle Register der Filmkunst.

 

IT COMES (KURU) (Japan 2018) mit Junichi Okada, Haru Kuroki, Nana Komatsu, Takako Matsu, Drehbuch und Regie: Tetsuya Nakashima, Gaga Corporation

 

 

 

 

 

 

Bereits in seinem Debüt THE BATTERY bewies Regisseur Jeremy Gardner, wie man mit wenig Geld einen cleveren Horrorfilm drehen kann. Auch in SOMETHING ELSE geht diese Rechnung auf und Gardners Creature Love Story besticht durch atmosphärischen Minimalismus und schlichte Schönheit. Allerdings treibt Jeremy Gardner mit dem Zuschauer auch ein doppelbödiges, fieses Psychospiel, in dem er einerseits auf beklemmende Spannung und Schocks setzt, auf der anderen Seite auf unerträgliche Romantik.

 

 

Something Else Something Else

 

 

Hank ist ziemlich am Boden, nachdem seine Freundin Abby einfach abgehauen ist. Jahrelang schienen sie ein ruhiges, romantisches Leben in einen abgeschiedenen Landhaus gelebt zu haben nun ist Abby weg. Dafür besucht Hank jede Nacht ein scheues Monster, welches an der Tür scharrt und grässliche Geräusche macht. Ist es ein Bär oder ein Puma? Für Hank steht fest, es ist ein Monster und er ist bereit, es zu erlegen. Für seine Freunde dagegen steht fest, Hank verkraftet lediglich die Trennung von Abby nicht. Doch dann kehrt die große Liebe seines Lebens zurück und beide nutzen die Chance, die Probleme in ihrer Beziehung auszudiskutieren, allerdings ist da immer noch das Monster, welches ums Haus schleicht.

 

Früher hat man sich Gruselgeschichten erzählt, welche auf eine erschreckende Pointe hinausliefen. Gardners SOMETHING ELSE ist genau eine solche Geschichte, ein Effektfilm, ein 83-minütiger Horrorwitz, über den man erst nach der Pointe herzhaft lachen kann. Bis es soweit ist, schneidet Gardner dem Zuschauer diverse Fratzen. Während das nächtliche Kratzen des Monsters wirklich atmosphärisch und gruselig ist, sind die romantischen Erinnerungen von Hank an Abby, die immer wieder in die Geschichte geschnitten werden, fast schwer zu ertragen. Das Ganze gipfelt in einer 14-minütigen Dialogszene über Beziehungsprobleme, wohl das Gegenteil von dem, was ein Genrefan erwartet. Doch im nachhinein betrachtet muss das alles so sein. Seht selbst und staunet.

 

 

FFFAZIT:

Die clevere Logline lockt Horrorfreunde, denen zieht Jeremy Gardner in seinem Zweitwerk aber lange Zeit eine Nase und quält mit Beziehungsproblemen und Lovesongs aus der Karaoke Maschine – bis zum markerschütterden, finalen Twist.

 

SOMETHING ELSE (USA 2019) mit Jeremy Gardner, Brea Grant, Drehbuch: Jeremy Gardner , Regie: Jeremy Gardner, Christian Stella, Meteor Film

 

 

 

 

 

 

Closing Night: Zum Abschluss des 33. Fantasy Filmfestes gibt es endlich mal wieder einen crowd pleaser Gruselschocker, nachdem mich ANNA AND THE APOCALYPSE im letzten Jahr eher enttäuscht hat. Mit SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK nahmen sich Produzent Guillermo Del Toro (HELLBOY, THE SHAPE OF WATER) und Regisseur André Øvredal (TROLLHUNTER, THE AUTOPSY OF JANE DOE) den hierzulande wenig bekannten Gruselgeschichten des Autors Alvin Schwartz an und zauberten daraus einen überaus originellen, gruseligen wie witzigen Horrorfilm für nasskalte Herbsttage.

 

 

Scary Stories To Tell In The Dark Scary Stories To Tell In The Dark

 

 

An Halloween des Jahres 1969 stolpern die Teenager Stella, Auggie, Chuck, Ruth, Ramon und Tommy in einem alten Haus über ein geheimnisvolles Buch, geschrieben von einer gewissen Sarah Bellows. Jenes Buch ist überaus gefährlich, denn es liest die verborgenen Ängste seiner Leser und erschafft selbst Geschichten, die zum Leben erwachen, wie eine grauselige Vogelscheuche, einen Zombie auf der Suche nach seinem Zeh oder einen höchst unangenehmen Pickel. Egal was Stella und ihre Freunde tun, sie werden das mörderische Buch nicht los.

 

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK, der Titel ist Programm und Fans klassischer, handgemachter Horrorfilmklassiker können sich freuen, denn es gab seit TRICK `R TREAT aus dem Jahr 2009 lange keinen so spaßigen wie schockenden Teeniegruselstreifen mehr. In SCARY STORIES stimmt irgendwie alles, das Feeling des Jahres 1969, die Kids, allen voran Zoe Colleti als Stella, die Verschachtelung der einzelnen Episoden und natürlich das Creature Design in wundervoller Handarbeit. Statt Blut gibt es in SCARY STORIES vor allem Gänsehaut und Reflexzucken, am meisten punktet Øvredals Geisterbahnfahrt aber mit tollen Mimen, einer großartigen Halloween Gruselatmosphäre und der schauderlich-schönen Aussicht auf MORE SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK.

 

 

FFFAZIT:

Fantastischer Old School Horrorfilm, der auf Blut und Gekröse verzichtet und durch ein geniales Creaturedesign wirklich zu gruseln vermag – Del Toros und Øvredals Adaption berühmter Gruselgeschichten ist ein Volltreffer.

 

SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK (Kanada/USA 2019) mit Zoe Colletti, Michael Garza, Gabriel Rush, Austin Abrams, Drehbuch: Dan Hageman, Kevin Hageman, Guillermo del Toro, Regie: André Øvredal, Entertainment One, ab 31. Oktober 2019 im Kino

 

 

 

Nun ist der ganze Spuk wieder vorbei und was soll ich sagen, 2019 ist ein eher schwieriger Jahrgang. Fairerweise muss man sagen, dass das 2018er Programm mit MANDY, BORDER, UNDER THE SILVER LAKE. MARROWBONE oder WILDLING auch schwer zu toppen war und ein paar Highlights fehlten (MIDSOMMAR). Nichts desto Trotz habe ich mich gut unterhalten gefühlt, ein paar Sachen habe ich verpasst und dementsprechend noch vor mir, aber man muss ja auch mal Leberwurstbrot essen. Das Fantasy Filmfest kehrt zurück und zwar im Januar zu den White Nights 2020 und im nächsten Jahr startet dann im Frühherbst auch schon die 34. Ausgabe an Fear Good Movies. Viel Spaß an alle, die das Fantasy Filmfest noch vor sich haben, bis dahin einen schönen Genreherbst!

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de