Die neue Unwirklichkeit

Eine Hauptstadt im Festivalfieber. Ganz Berlin ächzt unter der Knechtschaft von Gaius Julius Kosslick. Ganz Berlin? Nein, ein kleines Kino in Mitten der Mitte leistet nun schon seit vier Jahren Beihilfe zum Widerstand. Die GENRENALE, das Festival für den deutschen Genrefilm, das Bollwerk gegen die Uniformität filmischer Kältestarre und Mutlosigkeit im deutschen Betroffenheitskino und Betäubungsfernsehen, hat erfolgreich ihren vierten Staffellauf absolviert und purzelte am Donnerstag Nacht über die Zielgerade. Erster! Mit großem Abstand zur BERLINALE.

 

Zwei Tage Genrekino, 25 Filme aus Deutschland, ein Film aus der Schweiz, dazu Gastimporte aus Mexico, Brasilien und Argentinien innerhalb des Morbido Specials – Filme und Filmemacher stehen im Mittelpunkt des Festivals, doch die GENRENALE hat noch weit mehr zu bieten. Denn in ihrem vierten Jahr ist das Festival weniger Ausgangspunkt einer kulturellen Revolte als ein Zielhafen für all die Filmemacher, die gegen jeglichen Widerstand dennoch Genre in Deutschland machen.

 

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Denn die GENRENALE, und das ist bemerkenswert, steht mitnichten für verbitterten Protest gegen das Establishment. Jedenfalls nicht mehr vordergründig. War das Motto vor zwei Jahren noch „NO MORE DRAMA!“, also ein Wunsch, hieß es in diesem Jahr „KEEP IT UNREAL!“ Der Schlachtruf 2014 war sicherlich notwendig, um sich Gehör zu verschaffen. Aber „KEEP IT UNREAL!“ ist im Jahr 2016 mehr als eine Durchhalteparole.

 

Der Begriff „Unwirklichkeit“ ist quasi die Essenz der schwierigen Formulierung, was Genrefilmer machen wollen und was nicht. Wider jede Wirklichkeit, Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach neuen Welten innerhalb unserer Realität. Dabei steht der Begriff „Unwirklichkeit“ eben nicht für eine Abwendung von der Realität. Genre bedeutet Wunsch und Furcht. Ob Flucht in phantastische Welten oder der Dekonstruktion des Seins in Dystopie und Zukunftsangst, für mich ist Genre schon immer die interessantere Variante der filmischen Interpretation von Leben und Gesellschaft gewesen.

 

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Darüber hinaus ist die GENRENALE auch immer ein sehr persönliches Treffen von Gleichgesinnten. Kein Wunder, denn in so konzentrierter Form findet man Mitstreiter gegen die filmische Blässe selten. Auf der GENRENALE bedarf es keiner Rechtfertigung der eigenen Faszination am Medium Film. Es ist die Brücke zwischen der eigenen Leidenschaft und das Wiedererkennen derer in anderen Filmschaffenden, es braucht keine eigenen Räume oder Plattformen, die GENRENALE selbst ist diese Insel, es passiert einfach von allein. Ich glaube nicht, dass man sich nur wegen eines gemeinsamen Filmgeschmacks so wohl fühlt auf diesem Festival. Die Liebe zum Genrefilm ist hier nur der Türöffner. Drin, im Schutzbunker, existiert keine Scham vor Themen, Ausdrucksformen oder Visionen.

 

So will ich heuer berichten über zwei Tage deutsches Genrekino. Über Wunsch und Furcht innerhalb von Geschichten und Visionen, nicht im Bezug auf die noch immer andauernde Skepsis der deutschen Filmbranche dem Genrefilm gegenüber. Denn die GENRENALE definiert sich eben nicht aus Wunsch und Furcht, sie existiert, weil etwas existiert da draußen – Filme und Filmemacher.

 

 

Dystopische Sehnsucht

 

Eine Frage, die bislang auf jeder GENRENALE gestellt wurde ist, wo steht der deutsche Genrefilm aktuell? Eine schwierige Frage, denn man kann sich ihr von vielen Seiten nähern. Zum einen natürlich von Seiten der Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz. Aber eben auch im Hinblick auf Inhalte und Form. Über die wirtschaftliche Lage des deutschen Genrefilms wurde bereits genug gesagt in den letzten Jahren, auch 2016 hat sich nichts grundlegendes geändert, weshalb innerhalb der Podiumsdiskussion auch wieder die Frage gestellt wurde, wie deutsche Genrefilme erfolgreicher sein können.

 

Mich aber interessiert vor allem der Blick nach innen, der Umgang mit Stoffen, resultierend aus aktuellen Fragen rund um Individuum und Gesellschaft, Vergangenheit und Zukunft, globaler Filmsprache und eigener Identität. Denn das schafft erst Themen und Visionen. Gibt es Trends oder Visionen im aktuellen Output? In diesem Jahr gab es auffallend viele Filme, die sich mit dystopischen Zukunftswelten beschäftigt haben, Science-Fiction war präsenter denn je auf der GENRENALE4.

 

 

KRYO von Christoph Heimer

In KRYO von Christoph Heimer geht es um die Frage nach der Überwindung von Krankheit und Tod. David und seine Frau wachen nach einem Jahrhunderte langem Kälteschlaf in einer verlassenen Forschungsstation auf. David hat sich und seine geliebte Frau einfrieren lassen, bis Wissenschaft und Technik es ermöglichen, Krankheit und Tod zu besiegen. Doch nach dem Erwachen stellen beide fest, dass sie völlig allein und isoliert sind und suchen einen Ausweg aus ihrem Kühlkammergefängnis.

 

 

 

DYSTOPIA von Tobias Haase

Die Überwindung des Todes durch Wissenschaft ist auch in DYSTOPIA von Tobias Haase Grundthema.

 

Der Wissenschaftler Jakob hat seine kranke Frau ebenfalls konserviert und ihren Geist in eine Art Cyberspace transferiert, um ihre Existenz vor dem Tod zu schützen. Doch auch in diesem Fall ist der Preis für die Überwindung des Todes die Einsamkeit.

 

 

 

11 YEARS on Simon Begemann

In 11 YEARS von Simon Begemann lässt ein alter Mann seinen Geist in einen jungen Körper transferieren und erkauft sich somit Jugend und Agilität. Doch währt dieser Zustand nur so lang, wie er dafür bereit war zu zahlen. Nach Ablauf dieser externen Lebensverlängerung erwartet auch ihn Einsamkeit und Bedauern.

Einsamkeit ist es auch, die Cam quält, der im Megakonzern YUSAN Roboter entwickelt und sich aus Einzelteilen ein eigenes Modell zusammenbaut.

 

ASAMI von Daniel Farkas

In ASAMI von Daniel Farkas ist der Wunsch nach Zweisamkeit ebenfalls fragil, wenn auch Cam in der Androidin Asami eine Gefährtin zu finden scheint.

 

Letztlich thematisiert auch CORD eine Form der Einsamkeit in einer dystopischen Zukunft. Doch geht es in dem Film von Pablo Gonzalez speziell um die Art der Ausübung von Sexualität, nachdem durch eine nicht näher definierte Seuche jeglicher körperlicher Sexualkontakt untersagt ist. Mittels kybernetischer Technik und Synapsenübertragung lernen dort die Figuren über ihre Stimulans auch Zuneigung und Liebe kennen, die in der kalten Welt verloren zu sein scheint.

 

 

Ist das nun ein neuer Trend, der derzeit auch auf dem internationalem Filmmarkt vorherrscht? Vielfach wurde EX-MACHINA von Alex Garland erwähnt, doch ist der Film von 2015 wohl noch zu jung, um als Anstoß für einen neuen Science-Fiction-Boom zu dienen. Die Fragen, die sich all diese Filme im Programm gestellt haben, sind filmgeschichtlich gesehen schon sehr alt.

 

CORD von Pablo Gonzalez

Trotzdem sind sie aktueller denn je, denn immerhin befinden wir uns im Jahr 2016 in einer dieser möglichen Zukunftswelten, in denen aber jener ersehnte Fortschritt noch nicht eingetreten ist. Rein wirtschaftlich sind solche Filme durchaus am Puls der Zeit, auch auf dem amerikanischen Markt gibt es derzeit einen Run auf Science-Fiction-Filme um künstliche Intelligenz und somit dem Erhalt der Menschheit mit Mitteln von Wissenschaft und Technik.

 

So viel diese Filme thematisch gemein haben, so unterschiedlich sind sie in ihrer Inszenierung. Zwar eint alle eine gewisse Schwermut und ein depressives Setting, doch auf Figurenebene unterscheiden sie sich teilweise erheblich. Leider ist genau dieser Punkt entscheidend für das Mitfühlen und Nachvollziehen der jeweiligen Leidenswege, heraus aus der Gleichgültigkeit und Starre in jedwedem System, hin zur Befriedigung von seelischen wie körperlichen Bedürfnissen.

 

Das funktioniert für mich in KRYO und 11 YEARS beispielweise nur bedingt, weil ich diesen Schmerz in den Figuren nicht wirklich spüre. In ASAMI hingegen schon und auch in CORD, obwohl letzterer dazu keinen leichten Zugang bietet. Alle dystopischen Filme im Programm sind wahre Augenweiden, von technischer Brillianz, egal ob sie kühl und cleen wie in ASAMI oder KRYO gestaltet sind oder dreckig und abstoßend wie in CORD. Aber das Erschaffen einer dystopischen Welt in lediglich visueller Hinsicht reicht nicht aus, um jene Zukunftsvisionen fühlbar zu machen.

 

 

Asynchron

 

Neben dem Thema als Aufhänger einer Geschichte, in diesen Fällen eine dystopische Welt und der Umgang mit Verlust und Einsamkeit, gibt es noch eine andere Herangehensweise an den Stand aktueller Genreproduktionen, nämlich hinsichtlich Format und Publikumsbindung.

 

DYSTOPIA – User Generated Cinema

DYSTOPIA beispielsweise ist nicht nur einfach ein Filmprodukt, die Idee dahinter ist mehr als nur einen Film zu liefern. DYSTOPIA wurde ausgelegt als Gemeinschaftswerk innerhalb einer internationalen Community, die in allen Phasen des Produktionsprozesses eingebunden wurde. Das Ganze nennt sich USER GENERATED CINEMA und bedeutet eine Abkehr vom diktatorischen Filmemachens zu einer demokratischen Gemeinschaftsarbeit von der Idee bis zur VFX-Gestaltung. Das produzierte Filmmaterial steht online jedem zur Verfügung und ein Jeder kann aus DYSTOPIA seine persönliche Filmversion schneiden.

 

Was ist an dieser Idee so besonders, dass ich sie für einen wichtigen Faktor hinsichtlich gegenwärtiger Produktionsmodelle erachte? Sicherlich ist DYSTOPIA in dieser Form bislang einmalig, aber crossmediales Denken wird besonders für den Genrefilm immer wichtiger. Auf der GENRENALE4 gab es noch ein weiteres Beispiel für diese Herangehensweise. Der Regisseur Pablo Gonzalez produzierte für seinen Film CORD einen Soundtrack mit Stücken, die zwar nicht im Film vorkamen, aber in der Vision des Stoffes angesiedelt sind und somit eine Erweiterung des filmischen Kosmos darstellen.

 

Zu dem Film FIVE MINUTES von Maximilian Niemann gibt es ein Live-Action-Onlinegame, welches eine Brücke zwischen Zombiefilm und interaktivem Storytelling schlägt. Ich halte das nicht nur für Marketingkniffe, sondern für eine Expansion der geschaffenen Filmwelten. Seien es Comics, Graphic Novels, Bücher, Publikumsbindung funktioniert heute über mehrere Faktoren als nur Poster und Film, bereits im Vorfeld einer Produktion, zum Beispiel innerhalb von Crowdfunding-Kampagnen.

 

FIVE MINUTES von Maximilian Niemann

Bleiben wir bei FIVE MINUTES. Ich war überrascht, dass auch Horrorstoffe wieder verstärkt unter den Programmteilnehmern vertreten waren. Das war meines Erachtens in den letzten beiden Jahren weniger der Fall. FIVE MINUTES hat mich aber vor allem deshalb fasziniert, weil er einer der wenigen Kurzfilme war, der dieses Format auch inhaltlich spiegeln und nicht nur ein kurzer Spielfilm sein will. In FIVE MINUTES geht es um Tom, der sich im Kampf mit einem Zombie verletzt hat und nun fürchtet, infiziert zu sein.

 

Es bedarf zirka fünf Minuten, um festzustellen, ob eine Infektion erfolgt ist oder nicht, denn das erste Symptom einer Ansteckung ist Gedächtnisverlust. Tom sperrt sich und seine Tochter in einen Raum, der von wütenden Infizierten umzingelt ist und wartet die quälenden Minuten bis zur Entscheidung seines Schicksals ab, was sich spannungstechnisch hervorragend auf den Zuschauer überträgt. Rein inhaltlich ist FIVE MINUTES eine Art THE LAST OF US in Kurzfilmform.

 

Doch im Vordergrund steht weniger die Story als der Thrill dieses Countdowns. Dass es überaus emotional funktioniert, liegt aber auch an den Figuren, mit denen man in der kurzen Laufzeit des Films immens mitfühlen kann, weil sie einfach stark spielen. Ein Film, der wirklich fantastisch funktioniert und der von der Kameragestaltung über den Schnitt bis zum Masken- und Sounddesign absolut erstklassig produziert ist.

 

HADES von Kevin Kopacka

Auch HADES von Kevin Kopaka hat mich begeistert, eine Art Neo-Gallio, der durch eine starke Hauptfigur sowie wunderschöne Bild- und Soundgestaltung fesselt. Scheinbar in einem Alptraum gefangen muss eine Frau die sieben Flüsse des Hades durchqueren, die eine Allegorie ihres Daseins darstellen. Ohne Dialog und von großer Bildsprache geprägt ist HADES eine Art Trip á la Refn, den ich ob seiner halluzinierenden Wirkung gern öfter sehen würde.

 

Warum mich HADES so begeistert hat, kann ich darüber hinaus nicht mal sagen, denn eigentlich bin ich als Autor stärker vom epischen Geschichtenerzählen geprägt. Aber in diesem Jahr war ich auf der GENRENALE gar nicht mal so fixiert auf Stoffe und Figuren als auf inszenatorische Aspekte.

 

Denn, von HADES, CORD, UNTER ICH und VENUSFLIEGENFALLE abgesehen, waren Stoffe und deren Erzählweise wie so oft nicht unbedingt neu. Das müssen sie beim Genrefilm auch nicht immer sein, ich meine das nicht kritisch. Mir gefallen die visuellen Welten, die ehernen Geschichten um große wie kleine Sehnsüchte, all das hat mich ob der größeren Bandbreite der Genres in diesem Jahr gefesselt. Doch gerade hinsichtlich der Inszenierung gab es leider einige Enttäuschungen.

 

VENUSFLIEGENFALLE von Tim Dünschede

Die durchaus spannende Geschichte im Film KRYO beispielsweise fand ich eher langweilig erzählt. Der Plot von REBORN ist auf dem Papier ein spannender Thriller, aber spannend war der Film von Rodja Tröscher für mich nicht inszeniert. Das betrifft zum Teil auch DYSTOPIA, KUWULULU, MICHAELA und REAL BUDDY, die vorhandenes Spannungspotential nicht wirklich ausgeschöpft haben.

 

Damit meine ich weniger gut aufbereiteten Nervenkitzel als ein konsequenteres Erzählen in Bildern, welches zu oft mit einer tollen Optik verwechselt wird. Ja, KRYO sieht absolut umwerfend aus in Art Design und Effektgestaltung. Trotzdem gerät es zum Teil zur Fassade, weil mit dieser Optik nicht wirklich erzählerisch umgegangen wird.

 

JAGON von Murat Eyüp Gönültas

Wo wir wieder beim Stand des deutschen Genrefilms wären? Hat er vielleicht auch bei inszenatorischen Aspekten Nachholbardarf gegenüber internationaler Genreware? Mir fiel das besonders bei den Beiträgen des MORBIDO SPECIALS auf, die Bilder stärker für das Erzählen nutzten. Ein witziger Zufall hat das noch bestärkt, denn leider gab es bei dem Film LIEBRE 105 von Sebastián und Federico Rotstein aus Argentinien technische Wiedergabeprobleme, Ton und Bild waren nicht synchron.

 

Was für Filmemacher ein Festivalalptraum ist, förderte eine interessante Beobachtung zu Tage, denn erzählerisch konnte ich dem Film nicht nur gut folgen, er verlor auch nicht wirklich sein Spannungspotential, weil hier konsequent mit Bildern erzählt wurde. Dieses technische Malheur wurde dann aber gleichsam zu einer Sternstunde der GENRENALE, als Festivalleiter Krystof Zlatnik die Geschichte ungemein charmant, spannend und witzig auf der Bühne nacherzählte.

 

 

Elevated Genre

 

Doch es gibt auch positive Gegenbeispiele, sowohl HADES als auch DIE BEHANDLUNG von Tobias Haase, VENUSFLIEGENFALLE von Tim Dünschede, CORD, ASAMI und natürlich JAGON erzählen wunderbar mit Bildern und nutzen diese auch über den Aspekt reiner Optik hinaus.

 

ZOMBRIELLA von Benjamin Gutsche

Ich habe mich köstlich über ZOMBRIELLA von Benjamin Gutsche amüsiert, der einerseits mit wundervollen Bildern gearbeitet hat und mit seinem Zombie-Kinderfilm dem Thema wirklich neue Seiten abgewinnt, wogegen selbst Filme wie SCOUTS VS ZOMBIES im wahrsten Sinne des Wortes abstinken. Aber Humor im Genrefilm ist eine noch schwierigere Angelegenheit, HERMAN, THE GERMAN fand ich zum Schießen, REAL BUDDY hingegen hat bei mir gar nicht gezündet.

 

Nicht immer muss alles neu oder anders sein. Ein Genrefilm kann auch begeistern, wenn er seine Hausaufgaben gut macht. So funktionierten für mich die Filme BIG BAD WOLF von Katharina Ruß und FIRST DROP OF BLOOD Matthias Wissmann und Kevin Hartfiel, obwohl sie eher konventionelle Genreware darstellen. Dann wieder gab es Filme, die dadurch auffielen, weil sie Genrestrukturen verwandten, obgleich sie auch hätten anders erzählt werden können, wie DER AUSFLUG von Stefan Najib. Was wiederum die Diskussion aufkommen ließ, was nun Genre ist und was nicht.

 

DER AUSFLUG von Stefan Najib

Witzig vor allem, weil sich mancher Filmemacher selbst gar nicht sicher war, ob er da einen Genrefilm gemacht hat. Aber auch die anfänglich geführte Diskussion der letzten Jahre, ob Genre nur Genre sein kann, verändert sich allmählich, was während der Podiumsdiskussion besonders Huan Vu herausstellte, in dem er Bezug auf den neuerlichen Begriff „Elevated Genre“ nahm. Genre in Reinform scheint da kaum mehr zu funktionieren, zu retrospektiv, zu viel Zitat. Man kann Dramastoffe durchaus mit Mitteln des Genrefilms erzählen. Man kann aber auch Genrestoffe erzählen, ohne ausschließlich auf Genrestrukturen zurückgreifen zu müssen.

 

Ich habe selbst die Frage gestellt, ob Genre nur Genre sein kann und der Begriff Elevated Genre scheint tatsächlich der Ausweg aus einer gewissen Genrestagnation zu ein, wie international erfolgreiche Hybriden und Crossover wie IT FOLLOWS oder SPRING, aber auch Großkaliber wie MAD MAX FURY ROAD oder THE REVENANT zeigen, die mitnichten reine Genrewerke sind.

 

Ich glaube sogar, dass deutsche Genrefilmemacher, bewusst oder unbewusst, diesen Weg gehen und das Programm der diesjährigen GENRENALE zeigt das auch, reinrassige Genrefilme waren da gar nicht so zahlreich vertreten. Und der Markt, ob national oder international, schreit auch nicht unbedingt nach reinen Genrestoffen, obgleich es in der Theorie einfacher erscheint, einen klassischen Genrefilm innerhalb einer Zielgruppe zu platzieren.

 

 

Dienstag ist Genretag!

 

Dererlei Fragen waren auch Thema der diesjährigen Podiumsdiskussion, in der es darum ging, wie deutsche Genrefilme erfolgreicher werden. Meine erste Vermutung, dass es dabei ausschließlich um Belange von Förderung, Produktion und Vermarktung geht, war eine Fehleinschätzung, in diesem Jahr wurde vermehrt über Inhalte und Formen gesprochen.

 

Diskussionsgäste waren Huan Vu, der mit THE DREAMLANDS eine ambitionierte Lovecraftverfilmung realisiert, Robert Franke, der innerhalb der ZDFE.drama von ZDF Enterprises für die Vermarktung des fiktionalen Programmoutputs, als auch für internationale Koproduktionen zuständig ist, Regisseur Nikias Chryssos, der mit DER BUNKER einen großen Erfolg feiert sowie Yazid Benfeghoul, Herausgeber der Zeitschrift DEADLINE und Koproduzent von SKY SHARKS.

 

Moderiert wurde die Diskussion abermals von Autor Mark Wachholz, doch ist das ein wenig untertrieben, denn Mark schafft es jedes Jahr, nicht nur zwischen den Gästen zu vermitteln, sondern durch kluge Anregungen und Schlussfolgerungen die Diskussion überhaupt erst zu formen. Ich wäre auch dafür, wenn Mark ganz allein auf dem Podium säße und spricht. Insgesamt war die Gesprächsrunde nicht ganz so aufschlussreich wie in den letzten Jahren, schwankte sie doch zu stark zwischen Verallgemeinerungen und nicht zielführenden Einzelbeispielen, bei allem Respekt hielt ich Yazid Benfeghouls Beiträge zu diesem Komplex eher unkonstruktiv und teils am Thema vorbei.

 

Zudem wurde nicht wirklich die Frage beantwortet, was es denn nun ist, was deutsche Genrefilme erfolgreicher machen kann. Sind es die Stoffe, ist es die eigene Identität, gar eine deutsche Identität, die oft gesucht wird, die aber dann einer internationalen Vermarktbarkeit widerspricht. Ein wirkliches Fazit konnte nicht gezogen werden, was aber auch an der Komplexität des Themas und zu wenigen Vergleichsbeispielen liegt.

 

ARRI GENRE PITCH 2016, moderiert von Stephan Greitemeier, Jury: Jürgen Fabritius, Kiri Trier & Christian Alvart

Deutlich aufgebohrt hingegen wurde das Pitching-Special, präsentiert von ARRI und abermals vollmundig moderiert von Autor Stephan Greitemeier. In diesem Jahr gingen acht Autoren mit ihren Stoffen auf die Bühne und stellten sich einer Jury, bestehend aus Kiri Trier, Production Director bei ARRI Productions, Jürgen Fabritius, Verleiher und Marketingspezialist sowie Regisseur und Produzent Christian Alvart.

 

Die Auswahl der Pitche war breit, von Hounted House meets Fernsehshow PARAHOUSE von Ulrich Kaiser über eine Fantasy-Serie NIBELUNG von Diana Wink, Gothic Horror DIE STADT von Elena Lyubarskaya, SYMPTOM MENSCH, ebenfalls ein dystopischer Steampunk-Roboter-Plot von Maximilian Lippemeier, AN WOLKEN KRATZEN von Jasmina Maria Wesolowski über eine hypochrondrische Gesellschaft in einem überdimensionalen Hochhaus sowie 101 von Chris Krüger, eine durchgeknallte Genrevariation von WARTEN AUF GODOT und I KNOW YOUR FACE von Oliver Wergers, ein Social-Media-Thriller.

 

Mein Highlight des Pitchings war TIAN, eine Horrorgeschichte von Stefan Gieren um einen alleinerziehenden Vater, der mit seiner Tochter in die Hamburger Unterwelt, eine Art vergessenes Chinatown, eindringt.

 

Alle Pitche gibt es auf der GENRENALE-Seite zum Nachlesen und Mappen zum Download.

 

„Tut mir laut!“

 

Filme, Filme, Filme, Podium, Pitch, war sonst noch was? In jedem Fall! Denn die GENRENALE war und ist neben dem fulminanten Programm auch immer ein persönliches Aufschnappen von Genregerüchten, Teasertrailern, Heißmachern, Diskussionen um Visionen im Foyer und ein Treffpunkt für alle, die sich über das Jahr verteilt nur in Foren und sozialen Netzwerken begegnen. Begeistert war ich von einem ersten Teaser zum Film WOLPERTINGER von Holger Frick, mit dem ich bereits letztes Jahr darüber sprach und der nun erstes Filmmaterial im Gepäck hatte. Es ist nur eins von vielen Projekten, von denen man liest, diskutiert und für das es auf der GENRENALE eine echte Andockstation für Austausch und Enthusiasmus gibt. Einblicke in den Film SKY HARKS sind mittlerweile fast GENRENALE-Tradition, wie auch der abschließende Boll, der zu uns spricht.

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Für mich steckt in der GENRENALE viel mehr als nur Programm. Manchmal sind es einzelne Sätze von Filmemachern, die meine Sicht auf Genre und Film beeinflussen. Warum will man Genre machen? Was wird das Jahr über Jahr diskutiert, auf Facebook, in Foren. Dann steht ein Filmemacher auf der Bühne und sagt, dass er unbedingt einen Helikopter im Film haben wollte. Frage beantwortet. Die Reaktion des Regisseurs auf das fantastische Sounddesign in UNTER ICH: „Tut mir laut!“ Die polarisierende Wirkung mancher Filme („Bester Film bisher?“ „CORD!“ „Waaaas? Ekelhaft!“). Oder wie ich im letzten Jahr von einem Gast hörte: „Nur Raumschiffe, Blut und Geballer, so eine Scheiße!“ Der Mann war Genrefilmmacher. Wie geil ist das denn?

 

Im nächsten Jahr wird die GENRENALE fünf Jahre alt. Sie wird weiter wachsen und sie befreit mich bereits in diesem Jahr von einer notwendigen Hinweisung, wie wichtig das Festival für den deutschen Filmmarkt ist. Klingt so, als gäbe es kein Problem mit dem deutschen Genrefilm? Das ist natürlich nicht so, klar. Aber anstatt mich die GENRENALE jedes Jahr an die prekäre Lage für deutsche Genrefilmmacher erinnert, lässt sie mich das eher für zwei Tage vergessen. Komisch. Denn während dieser zwei Tage ist der deutsche Genrefilm sehr lebendig und allgegenwärtig. Ich sage das nicht nur aus einer Position als Zaungast heraus, was gar nicht stimmt. Für mich als Autor wirkt die GENRENALE wie eine Batterie, die meine Genrezellen aufläd. Durch Filme, durch Visionen, vor allem aber durch Menschen. Das ist wirklich unwirklich. Mach weiter, GENRENALE! Wider jede Wirklichkeit!

 

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de