Die kleine Genrefibel Teil 90: Religious

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, schön mit Kartoffelbrei und Röstzwiebeln, legte eine Schallplatte auf (Invisible Touch von Genesis) und sprach: „Es werde Licht.“ Und es ward Licht. Dann dividede er the light from the darkness, denn Gott war Amerikaner aus dem noch zukünftigen Milwaukee. Er formte Landmassen und Täler, füllte sie mit Wasser und nannte es Meer, schnell noch die anderen Gestirne ans Himmelszelt gepappt mit Doppelklebeband, fertig. Aus einer überdimensionalen Playmobilkiste griff er sich Pflanzen und Getier und verstreute sie über das Erdenrund, Seegurken, Schleierkraut, Fichtenmarder, das ganze Geschnetz, dass es nur so fleuchte und zu guter Letzt schuf er den Mensch nach seinem Bilde als Mann und Frau, segnete sie und schickte sie am Ende des Schachtelsatzes in den Garten Eden spielen. Das Werk ward vollbracht. Nun wollte er ruhen, aber es gab noch kein Netflix, Gott sagte „Scheiße!“, trat die Playmobilkiste um, setzte sich auf sein rotes Moped und fuhr nach Südtirol Marillen pflücken.

 

 

 

 

Die Schöpfungsgeschichte, wer kennt sie nicht? Am Ende des Jahres möchte ich mit Euch über Gott sprechen, den wohl größten Dramaturgen aller Zeiten. Was er immer für Ideen hat, dieser Gott, irre. Film zum Beispiel, aber da scheiden sich die heiligen Geister, denn Film wird oft als Teufelswerk bezeichnet. Welche Rolle spielt Gott, die heilige Schrift namens Bibel und die Religion im Film? Ein Buch mit sieben Siegeln. Aber ein vorzügliches Thema für eine kleine Genrefibel. Keine Angst, wir wollen es nicht übertheologisieren oder verpsalmen so kurz vor Weihnachten, stattdessen werfen wir einen Blick auf die illustren Sparten des Bibel- und Jesusfilms, den biblischen Monumentalfilm und auf die großen Kontroversen in Sachen Religionsdarstellung im Film.

 

Amen.

 

Es werde Lichtspiel.

 

Der Film ist ein relativ junges Medium, immer auf der Suche nach einer guten Stoffvorlage und so ist es nicht verwunderlich, dass der Film unweigerlich auf das wohl bedeutendste Drehbuch aller Zeiten treffen musste – die Bibel. Natürlich gilt das nur für den sogenannten westlichen Kulturkreis und das Christentum als größte Weltreligion, der 2,3 Milliarden Menschen angehören. Das Christentum und die Bibel haben den Film in der westlichen Welt am meisten geprägt, die Bibel, ein Füllhorn von Geschichten, sie hat bereits weit vor der Erfindung des Mediums Film die kulturelle Erzählung beeinflusst, Geschichten über Glauben, Unglauben, Schuld, Sühne, Rache und Vergebung, man findet all diese Elemente und mehr in über 2000 Jahren Kulturgeschichte.

 

 

La vie et la passion de Jésus-Christ

LA VIE ET LA PASSION DE JÉSUS-CHRIST (1898) von Auguste & Louis Lumière

 

 

Der christliche Glaube und biblische Inhalte haben so den Film bis heute in indirekter Form beeinflusst, doch es gab auch eine direkte Ausprägung, welche man als Bibelfilm bezeichnet, die Verarbeitung biblischer Geschichten im Film selbst. Die Bibel war somit eine der ersten großen Stoffvorlagen für Filme nach Erfindung des Mediums im Jahr 1895 und traf dabei auf das wohl größte Zielpublikum. Gleichzeitig war die Thematisierung von Religion und Glaube eine heikle Angelegenheit, die Kirche war vom neuen Medium anfangs alles andere als begeistert, sie empfand den Film als mögliche Schaubühne der Unzucht und der Blasphemie.

 

 

Bibelfilm History

Bibelfilm History: Der erste Bibel Spielfilm THE BIRTH, THE LIFE AND THE DEATH OF CHRIST (1906) von Alice Guy-Blaché, der erste Monumentalfilm QUO VADIS? (1913) von Enrico Guazzoni, NOAHS ARK (1928) von Michael Curtiz, BEN HUR: A TALE OF THE CHRIST (1925) von Fred Niblo, SODOM UND GOMORRHA (1922) von Michael Curtiz.

 

 

Zu Beginn der Filmgeschichte übernahmen Filmemacher Bibelpassagen und ikonische Darstellungen direkt als Drehbuchvorlage und verfilmten sie teilweise wörtlich. Im Zentrum der ersten Bibelverfilmungen stand die Figur Jesus und die Passionsgeschichte, erstmals verfilmt von den Gebrüdern Kirchner und den Gebrüdern Lumière im Jahr 1897 bzw. 1898 als lose Aneinanderreihung von Szenen mit einer Länge von 10 bis 15 Minuten. Auch der erste Spielfilm THE BIRTH, LIFE AND DEATH OF CHRIST aus dem Jahr 1906 beschäftigte sich mit der Darstellung des Leidensweges Christi, dessen Vorlage aber eher ikonische Gemälde waren.

 

Die konsequente Entwicklung filmtechnischer Mittel ermöglichte vor allem dem Bibelfilm eine erste große Blüte ab den 1920er Jahren. Filmemacher wendeten sich den großen Geschichten des Alten und Neuen Testaments zu, dabei waren es weniger die narrativen Elemente als visueller Overkill, welcher die großen Produktionen auszeichnete. Gemäß der überdimensionalen Vorlage wurde auch im Bibelfilm aus dem Vollen geschöpft, Massenszenen, Kostümschlachten und aufwändige Kulissen.

 

Samson und Deliliah

SAMSON UND DELILAH (1922) von Alexander Corda

Sodom und Gomorrha

SODOM UND GOMORRHA (1922) von Michael Curtiz

 

Aufgrund dieses Aufwandes entstand der neue Begriff des Monumentalfilms, der aber kein Genre war und auch nicht den Bibelfilm allein diente, sondern dem Historienfilm an sich. Ein Monumentalfilm war das Ergebnis einer überdimensionalen Idee von Film in allen Bereichen, Figuren, Geschichten, Ausstattung, epische Länge, aber eben auch überdimensionale Kosten. Der Monumentalfilm wurde in Hollywood perfektioniert, vergleichbare Produktionen kamen ab den 1920er Jahren aber auch aus anderen Ländern.

 

Neben dem italienischen Antikfilm und dem deutschen Kostümfilm war es überraschenderweise das Land Österreich, welches in den 1920er Jahren eine filmische Hochphase hatte. Zwei der bedeutendsten frühen Bibel- und Monumentalverfilmungen stammten aus Österreich, SAMSON & DELILA von Alexander Korda und SODOM & GOMORRHA von Michael Curtiz, beide aus dem Jahr 1922, letzterer gilt bis heute als teuerste Filmproduktion der österreichischen Filmgeschichte.

 

 

Die zehn Gebote 1923

DIE ZEHN GEBOTE (1923) von Cecil B. DeMille

 

 

In den Vereinigten Staaten von Amerika aber prägte vor allem ein Regisseur den Monumentalfilm – Cecil B. DeMille, welcher 1923 den Bibelfilm DIE ZEHN GEBOTE mit schier unglaublichem Aufwand realisierte. Der Stummfilm kostete damals unglaubliche 1,4 Millionen US-Dollar, konnte an der Kinokasse aber das Vierfache seiner Kosten einspielen. Interessanterweise beinhaltete die Verfilmung des Zweiten Buch Mose, auch bekannt als Exodus, auch einen in der Gegenwart spielenden Teil, was für eine der ersten monumentalen Bibelverfilmungen ungewöhnlich modern erschien.

 

Nach dem alttestamentarischen DIE ZEHN GEBOTE widmete sich Cecil B. DeMille im Jahr 1927 der monumentalen Verfilmung des Lebens von Jesus Christus mit KÖNIG DER KÖNIGE, die Produktionskosten beliefen sich auf 2,5 Millionen US-Dollar. Im Gegensatz zu DIE ZEHN GEBOTE waren die Produktionsumstände bei KÖNIG DER KÖNIGE schwieriger, die Visualisierung der Ikone Jesus Christus folgte strengen moralischen Richtlinien bis hin zu einem Verhaltenskodex der vertraglich verpflichteten Darsteller.

 

 

König der Könige 1927

KÖNIG DER KÖNIGE (1927) von Cecil B. DeMille

 

 

Für die Kirche waren Bibelverfilmungen Fluch und Segen zugleich. Sicher sahen Kirchenverbände auch Vorteile im neuen Medium, Menschen durch Filme zum Glauben zu bringen. Dem gegenüber aber stand die Krux der blasphemischen Darstellung biblischer Inhalte. Diese Elemente waren im biblischen Monumentalfilm zwischen 1920 und 1960 noch nicht wirklich problematisch, die Adaptionen waren teilweise wörtlich und von einem naiven Grundton geprägt, eine direkte wie kritische Auseinandersetzung mit biblischen Inhalten fand im monumentalen Bibelfilm bis 1960 kaum statt.

 

In biblischem Maße Monumental

 

Der Höhepunkt der Bibelfilmwelle wurde 1956 mit der Neuverfilmung des alttestamentarischen Stoffes um DIE ZEHN GEBOTE erreicht, ebenfalls inszeniert von Cecil B. DeMille. Mit Produktionskosten von zirka 13 Millionen US-Dollar war es seinerzeit die teuerste Filmproduktionen überhaupt, das Einspielergebnis von damals 122 Millionen entspricht heute über einer Milliarde US-Dollar. Dabei geriet DIE ZEHN GEBOTE konventioneller als das Original aus dem Jahr 1923, auf die Gegenwartselemente wurde verzichtet, stattdessen widmete sich das 220 Minuten lange Mammutwerk dem ganzen Leben von Moses.

 

 

Die zehn Gebote 1956

DIE ZEHN GEBOTE (1956) von Cecil B. DeMille mit Charlton Heston

 

 

Mit BEN HUR aus dem Jahr 1959, welcher dem Aufwand von DIE ZEHN GEBOTE in nichts nachstand und der zudem mit 11 Oscars ausgezeichnet wurde, endete aber die große Ära des biblischen Monumentalfilms. Zwar gab es mit KÖNIG DER KÖNIGE (1961) von Nicolas Ray, der erste Farb- und Tonfilm über das Leben Jesus Christus, sowie der kolossale Flop DIE GRößTE GESCHICHTE ALLER ZEITEN (1965) von George Stevens noch weitere monumentale Filmvorhaben, aber in den 60er Jahren verschoben sich einige inhaltliche wie dramaturgische Dinge im Bibelfilm.

 

 

Das betraf vor allem eine neue Welle an Jesusfilmen, welche aber zwei Dinge neu justierten. Zum einen entledigten sich Filme wie DAS 1. EVANGELIUM – MATTHÄUS von Pier Paolo Passolini jeglichen monumentalen Beiwerks, zum anderen wurde an die Figur Jesus Christus differenzierter herangegangen. Die ikonenhafte wie naive Darstellung wurde biografischer und metaphernhafter. Statt naivem Heldentum erzählten Filmemacher nun vermehrt von Zweifeln und Schwächen biblischer Figuren und Ikonen.

 

 

DAS 1. EVANGELIUM – MATTHÄUS

DAS 1. EVANGELIUM – MATTHÄUS (1964) von Pier Paolo Passolini

 

 

Das führte zur ersten Kontroverse im Bibelfilm, die menschliche Darstellung der Figuren, allen voran Jesus. In DAS 1. EVANGELIUM – MATTHÄUS war Jesus überaus menschlich, wo in früheren Verfilmungen Bibelpassagen oft unverändert übernommen wurden, trat nun eine realistischere Betrachtung der Figur. Diese Vermenschlichung war der Kirche natürlich ein Dorn im Auge, für das Publikum bedeutete das aber, ein tieferes Verständnis neben der biblischen Auslegung zu erhalten, den Figuren näherzukommen. Weil daraus auch Widersprüche entstanden, die zur Hinterfragung von Glaube und Religion führten, regierte die Kirche kritisch.

 

 

Jesusdarsteller

Jesusdarsteller: Jeffrey Hunter in KÖNIG DER KÖNIGE (1961), Enrique Irazoqui in DAS 1. EVANGELIUM – MATTHÄUS (1964), Robert Powell in JESUS VON NAZARETH (1977), Willem Dafoe in DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI (1988), Jim Caviezel in DIE PASSION CHRISTI (2004) und Ewan McGregor in 40 TAGE IN DER WÜSTE (2017).

 

 

Auch heute noch fällt es schwer, das wirklich zu verinnerlichen. Biblische Figuren, allen voran die Darstellung von Jesus Christus, nimmt eine besondere Stellung innerhalb der äußeren Kritik am Medium Film ein. Nicht nur kirchliche Verbände, allerlei moralische Instanzen betrachteten den Film argwöhnisch, es gab Debatten über Gewalt und Sexualität, Religion aber war ein noch viel heikleres Thema. Für andere Figuren, ob historisch verbürgt oder fiktiv, ist das kaum vorstellbar. Aber wenn Jesus nicht mit den Worten aus der Bibel sprach, sondern frei vom menschlichen Herzen weg, kam das seinerzeit schon einem ersten Skandal gleich.

 

 

Die größte Geschichte aller Zeiten 1965

DIE GRößTE GESCHICHTE ALLER ZEITEN (1965) von George Stevens, David Lean und Jean Negulesco mit Max von Sydow

 

 

Was nicht bedeutet, dass der Film das erste Medium war, welches Glaube und Religion hinterfragte, möglicherweise war es sogar das letzte. Doch der Film hatte eine größere Reichweite als alles zuvor und das bewegte Bild war prägend und nachhaltig. Zudem hatte das Medium die teuflischen Angewohnheit, je mehr man es von außen kritisierte, desto mehr wurde Interesse generiert. Etliche Boykottaufrufe der Kirche bewirkten somit meist das Gegenteil.

 

Nobody Fucks With the Jesus

 

Von der Vermenschlichung der Figur Jesus bis zur Gotteslästerung war es es nur ein schmaler Grat. Was würde passieren, würde man biblische Inhalte nicht fromm mit den Mitteln des konservativen Monumentalfilms erzählen, sondern innerhalb der Komödie? Einen blasphemischen Aufruhr verursachte 1979 der Monty Python Film DAS LEBEN DES BRIAN, in dem es nicht einmal um die Figur Jesus selbst ging, sondern um Brian von Nazareth, der zur selben Zeit nur einen Stall weiter das Licht der Welt erblickte.

 

 

Das Leben des Brian

DAS LEBEN DES BRIAN (1979) von Terry Jones

 

 

Die Parallelgeschichte Brians zur Wirkungszeit Jesus Christus war Satire und entgegen der harschen Kritik nicht einmal eine Kritik an der Figur Jesus oder seiner Lehren, sondern Kritik am Dogmatismus religiöser Gruppierungen. Das machte die Sache natürlich nicht besser, sondern eher schlimmer. Die heutige Kultsatire wurde im Jahr seiner Veröffentlichung von scharfen Protesten christlicher und jüdischer Vereinigungen begleitet, es folgten Boykotte und Verbote, das Trara um den Film heizte aber auch die Diskussion um Meinungsfreiheit versus Blasphemie an.

 

Zwar übertraf in satirisch-frevelhafter Form DAS LEBEN DES BRIAN alle vorherigen auf der Bibel basierenden Werke, aber selbst die Satiregruppe Monty Python ging in der Erarbeitung des Stoffes vorsichtig und überlegt vor, wie alle Filmemacher, die sich biblischen Themen annahmen. Für DAS LEBEN DES BRIAN bedeutete das einen Spießrutenlauf, aber das gipfelte eben auch in gesteigertem Interesse an dem Film, der nach erfolgreichem Einsatz im Kino zum Kultfilm aufstieg.

 

DAS LEBEN DES BRIAN war nur der Startschuss des großen Blasphemiestreites, den fortan fast jede Produktion eines mehr oder weniger direkten Bibelfilms traf. In Deutschland führte das 1982 mit DAS GESPENST von Herbert Achternbusch zu einem weiteren Skandal von noch größerem Ausmaß. In DAS GESPENST wird die gekreuzigte Christusfigur eines bayrischen Klosters lebendig, steigt vom Kreuz herab und wandert durch Bayern, allein das brachte ihm eine FSK Freigabe ab 18 Jahren ein.

 

 

Das Gespenst 1982

DAS GESPENST (1982) von Herbert Achternbusch

 

 

Die Proteste gegen DAS GESPENST erreichten 1983 sogar das Bundesinnenministerium, welches unter Leitung des CSU Politikers Friedrich Zimmermann die Auszahlung einer letzten Fördermittelrate untersagte, in Österreich wurde er aufgrund § 188 StGB (Herabwürdigung religiöser Lehren) sogar verboten. Das alles wegen einer albernen Clownerei, welche „dem religiösen Empfinden eines nach Millionen zählenden Teils der Bevölkerung“ nicht zugemutet werden könne, so der FSK-Bericht vom 29. März 1983.

 

 

Die letzte Versuchung Christi

DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI (1988) von Martin Scorsese

 

 

DAS LEBEN DES BRIAN aus Großbritannien und DAS GESPENST aus Deutschland sind die bekanntesten Kontroversen zwischen den Polen Satirefreiheit und Blasphemie, doch auch in Amerika, wo Meinungsfreiheit das höchste Gut war, erregten Bibelfilme nach den Monumentalwerken zwischen 1920 und 1960 die christlichen Gemüter. In Martin Scorseses DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI aus dem Jahr 1988 war der blasphemische Umstand jener, dass Jesus nur allzu menschlich dargestellt wurde, auch in sexueller Hinsicht, sowie in Jesus‘ Wunsch nach einem Leben außerhalb seines Märtyrertums. Jesus steigt vom Kreuze ab und gründet eine Familie, zu viel Bibelauslegung für Gläubige und christliche Verbände, neben Protesten und Beschlagnahmungen kam es sogar zu einem Brandanschlag auf ein französisches Kino.

 

Bibel Remix

 

Ein Skandal mit Ansage wurde dann natürlich auch Mel Gibsons DIE PASSION CHRISTI aus dem Jahr 2004. Gibsons Ansatz war weniger die freie Interpretation um die Figur Jesus, obgleich er sich für seinen Film scheinbar wahllos aus Evangelien und anderer religiöser Quellen bedient hat. Dennoch wollte Gibson einen der authentischsten Jesusfilme überhaupt produzieren, komplett in Lateinisch, Aramäisch und Hebräisch. Doch vor allem war es die explizite Darstellung von Gewalt, die für einen Skandal sorgte.

 

 

Die Passion Christi

DIE PASSION CHRISTI (2004) von Mel Gibson

 

 

Gibson konterte die Kritik mit dem Einwand, er müsse die Gewalt so drastisch inszenieren, um das immense Opfer Christi begreiflich zu machen. Kritiker hingegen bezeichneten DIE PASSION CHRISTI als Splatterfilm. Am Erfolg änderte das nichts, der Film spielte über 600 Millionen US-Dollar ein und gilt als erfolgreichster religiöser Film aller Zeiten. Von einem globalen Welterfolg träumten in den 90er und frühen 2000er Jahren viele Produzenten, so auch der deutsche Medienunternehmer Leo Kirch, der zwischen 1993 und 2000 mit ungeheurem Aufwand und jeder Menge internationaler Stars eine 12-teilige Bibelfilmreihe produzierte.

 

 

Bibelfilm Leo Kirch

Auswahl an Bibelverfilmungen von Leo Kirch 1993 – 2000

 

 

Die große Welle biblischer Monumentalfilme im Kino aber endete in den späten 60er Jahren, wohl auch, weil biblische Themen, Auslegungen und Referenzen generell im Mainstreamfilm Einzug hielten, von den Materialschlachten des Blockbusterkinos, welche den Monumentalfilm als solchen überflüssig machten, ganz zu schweigen. Religiöse Themen gab es nun auch in STAR WARS, in THE LORD OF THE RINGS oder in MATRIX. Die letzten großen Bibelfilme der jüngeren Geschichte bildeten wieder zwei Extreme ab, die freie Interpretation und inhaltliche Modernisierung wie in Darren Aronofskys NOAH und die inhaltlich abweichende, dennoch konservative Herangehensweise im Fall EXODUS: GODS AND KINGS von Ridley Scott, beide aus dem Jahr 2014.

 

 

Noah 2014

NOAH (2014) von Darren Aronofsky

 

 

An NOAH von Darren Aronofsky kritisierten evangelische Verbände die freie Interpretation und die Abweichungen von den biblischen Ereignissen bis hin zur Erweiterung der Geschichte und Umdeutung. In islamischen Ländern wurde der Film verboten, weil er der islamistischen Lehre widersprach, vor allem aber, weil die bildliche Darstellung von Propheten verboten ist.

 

 

EXODUS: GÖTTER UND KÖNIGE 2014

EXODUS: GÖTTER UND KÖNIGE (2014) von Ridley Scott

 

 

Auch EXODUS von Ridley Scott führte zu Kontroversen, vorwiegend waren das whitewashing Vorwürfe ob der Besetzung. Darüber hinaus ging auch EXODUS mit den biblischen Quellen recht frei um und machte daraus eher ein Actionspektakel, aber das tat auch DIE ZEHN GEBOTE von Cecil B. DeMille, in Kern ist EXODUS ein klassischer Monumentalfilm alter Schule, aber in moderner Optik.

 

Glaubensfrage

 

Der monumentale Bibelfilm mag tot sein, nicht aber die Beschäftigung mit religiösen Themen im Film, beide Ausprägungen hat es von Beginn der Filmgeschichte immer gegeben. Manche bezeichnen sie als direkte oder indirekte Verfilmungen biblischer Motive. Denn neben Filmen, die mehr oder weniger direkt auf der Bibel basierten, gab und gibt es auch immer Filme, die sich mit religiösen Themen auseinandergesetzt haben (Schuld, Sühne, Vergebung, etc.) oder mit religiösen Umständen oder Figuren spielen.

 

 

Evan Allmächtig

EVAN ALLMÄCHTIG (2007) von Tom Shadyac mit Steve Carell

 

 

So sehr wie religiöse Verbände den Film an sich oder kritische Werke skandalisiert haben, so vehement reagierte auch der Film selbst mit Religionskritik, mehr aber noch mit der kritischen Betrachtung religiöser Organisationen. Das sind vor allem Filme, die sich nicht mit dem Glauben oder jedweder Religion an sich befassen, sondern vornehmlich mit dem Wirken religiöser Angehörigkeit oder eben religiöser Organisationen wie der christlichen Kirche.

 

 

Seit DAS LEBEN DES BRIAN hat sich vor allem die religiöse Satire weiterentwickelt, teilweise sogar ohne großen Aufschrei, wenn nicht direkte Bezüge zu heiligen Schriften jedweder Religion vorlagen. Nicht immer waren die filmischen Ergebnisse bissig oder clever, Religion im Film geriet auch häufig ins immerwährende Klischee wie der Witz: „Treffen sich ein Moslem, ein Christ und ein Jude…“. Nur wenigen Filmen gelingt der satirische wie tiefgründige Spagat wie in GLAUBEN IST ALLES von Edward Norton oder im originell respektlosen DAS BRANDNEUE TESTAMENT des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael.

 

 

DAS BRANDNEUE TESTAMENT (2015) von Jaco Van Dormael

 

 

Denn nicht selten wurde Gott selbst zu einer Filmfigur. Ein bisschen Skandal war da immer noch, wie im Fall DOGMA (1999) von Kevin Smith, in dem Gott von einer Frau dargestellt wurde oder in BRUCE sowie EVAN ALLMÄCHTIG, in dem Gott von Morgan Freeman verkörpert wurde. Beides hat auch Irritationen ausgelöst, die Darstellung von Gott als Frau oder als Farbiger, man weiß nicht einmal, ob es sexistische oder rassistische Reaktionen waren oder lediglich der eherne Blasphemievorwurf.

 

 

Gott im Film

Gott im Film: George Burn in OH GOTT… (1977), Charlton Heston in BEINAHE EIN ENGEL (1990), Alanis Morissette in DOGMA (1999), Morgan Freeman in BRUCE ALLMÄCHTIG (2003), Isaac Andrews in EXODUS: GÖTTER UND KÖNIGE (2014), Mark Harelik in PREACHER (2016 – 2019), Steve Buscemi in MIRACLE WORKERS (2019).

 

 

Religion im Film bleibt ein Reizthema von höchster Brisanz. Aber leider eben nicht nur dort, sondern in allen Bereichen der Kunst, in der die Darstellung von religiösen Inhalten im Mittelpunkt steht. Die Betrachtung als Skandal und Boykottaufrufe gegenüber Filmen können nachvollziehbar sein oder nicht, aber damit können und müssen Filmemacher leben. Wir wissen aber auch, dass es dabei nicht bleiben muss, wie die Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh und der Terroranschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Jahr 2015, bei dem zwölf Menschen aus religiös motivierten Gründen ermordet wurden, zeigen.

 

 

Preacher

Tyson Ritter als neuer Jesus in PREACHER (2016 – 2019)

 

 

Im Zuge der Ermordung von Theo Van Gogh und des Terroranschlages auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurden Überlegungen laut, auf religiöse Satire generell zu verzichten. Das hätte manch gläubig Verletzter auch gerne Filmemachern geraten, im Vorfeld von DAS LEBEN DES BRIAN, DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI oder DOGMA. Aber das kann nicht die Lösung des Problems sein, Kunst und Satire muss frei sein. Welch unnötiger Psalm. Beenden wir die weihnachtliche Kleine Genrefibel dann lieber mit einem Filmzitat, auch wenn es kein Biblisches ist: „Frohe Weihnacht…und Friede allen Männern und Frauen.“

 

 

_________________________________________________________________________________________________________________________________________

 

In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de