Die kleine Genrefibel Teil 87: Black Cinema

Der Film generiert sich oft als moralisches Korrektiv, vor allem in der Verarbeitung gesellschaftspolitischer Themen. Diese Prozesse sind ständig im Wandel, verändern sich durch Zeitgeist, Annäherung oder wütenden Protest. Nicht immer müssen gesellschaftliche Reizthemen abgeschlossen und aufgearbeitet sein, filmische Selbstreflektion menschlichen Denkens und Handelns wird vielmehr ständig neu justiert. Auf Kriegspropaganda folgte der Antikriegsfilm, filmische Projektionen von Feindbilder erfolgten analog zu historischen Ereignissen, Gewalt und Sexualität im Film begleiteten Debatten unterschiedlicher Dekaden. Doch es gibt ein Thema, welches sich seit Erfindung des Mediums bis heute nur zögerlich verändert hat, trotz mehrerer Wellen filmischen Protests. Jenes traurigsten Kapitel ist das Thema Rassismus, in der Realität wie im Film, der zu oft rassistischer Mittäter war und es immer noch ist.

 

 

Blackkklansman

John David Washington und Laura Harrier in Spike Lee’s BLACKKKLANSMAN, Foto: David Lee / Focus Features

 

 

Die Bewegung #blacklivesmatter als Antwort auf die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten war nie der ersten Aufschrei gegen rassistisch motivierte Verbrechen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Und auch die Debatte #oscarssowhite wurde nicht erst infolge der Nichtbeachtung schwarzer Filmschaffender in den Jahren 2015 und 2016 bei den Academy Awards losgetreten, sondern ist Höhepunkt einer langanhaltenden Diskriminierung gegenüber people of color im US-amerikanischen Filmgeschäft. Rassismus ist ein globales Problem, aber nie wurde es so offenkundig gespiegelt wie in Hollywood. In großen Teilen ist amerikanische Filmgeschichte auch die Geschichte von Rassismus. Gleichzeitig ist Black Cinema auch Teil der Geschichte einer schwarzen Emanzipationsbewegung in den USA.

 

Rassismus, Ressentiments & Racefilm

 

Heute leben in den Vereinigten Staaten von Amerika etwa 40 Millionen Afroamerikaner, die meisten von ihnen sind Nachfahren jener 6,5 Millionen Menschen, welche im Zuge des Sklavenhandels zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert von Afrika nach Amerika verschleppt und dort als Sklaven ausgebeutet wurden. Das Geburtsjahr des Films 1895 war gleichzeitig der 30. Jahrestag der Befreiung aller Sklaven im Jahr 1865 am Ende des Sezessionskrieges 1861 bis 1865. Doch die Abschaffung der Sklaverei bedeutete auch den Beginn einer neuen Art der Diskriminierung durch Rassentrennung, welche bis in die 1960er Jahre bestand. Eine mehr oder weniger offene Rassendiskriminierung aber gibt es in den Vereinigten Staaten von Amerika bis zum heutigen Tage.

 

 

racial segregation

William H. West minstrel show 1900, Blackfacing hielt im Film Einzug, rassistische Segregation in Lichtspielhäusern und das angepasste, unterwürfige Verhalten von afroamerikanischen Schauspielern, das sogenannte Onkel-Tom-Syndrom – nur ein kleiner Teil von rassistischer Ausgrenzung in den Vereinigten Staaten nach der Jahrhundertwende.

 

 

Die Geschichte der Diskriminierung von people of color, vor allem aber der in den USA lebenden Afroamerikaner, ist eines des traurigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, zu dem der Film einen eher unrühmlichen Beitrag leistete. Trotz der Abschaffung der Sklaverei 1865 herrschte im Filmgeburtsjahr 1895 ein tiefgreifender Rassismus in den USA in allen Lebensbereichen. Im Film, der in erster Linie ein wirtschaftliches Beschäftigungsfeld darstellte, war das nicht anders. Doch nicht nur in diesem Berufsfeld, vor allem in filmischer Gestaltung trat bis in die 1920er Jahre ein selten versteckter Rassismus auf. Schwarze wurden als subhuman, als untermenschlich, dargestellt, zur Belustigung des weißen Publikums gab es Varietee Veranstaltungen, in denen Schwarze von Weißen dargestellt wurden (Blackfacing), die wenigen schwarzen Darsteller durften maximal klischeehafte Nebenrollen mimen.

 

 

Birth of a Nation 1915

Die demütige Darstellung von Afroamerikanern durch Blackface Mimen als wilde Tiere, dazu geschichtsverfälschende Darstellungen und die positive Hervorhebung des Ku-Klux-Clans in THE BIRTH OF A NATION von D. W. Griffith.

 

 

Eine mögliche Berührung zwischen einem schwarzen Darsteller und einer weißen Darstellerin war im Film seinerzeit undenkbar. Afroamerikanische Schauspieler wurden in stereotype Rollen gezwungen, teilweise in entmenschlichter Darstellung durch Haltung, Gestik und Sprache, vorgeführt als Wilde, Lüsterne oder Gewalttätige, maximal als Diener oder Haushälter. Einen traurigen Höhepunkt bildete 1915 der Film THE BIRTH OF A NATION von D. W. Griffith, welcher geschichtsrevidierend die Untaten des Klu-Klux-Klans als positiv deklarierte, Weiße als Opfer verfälscht darstellte und Schwarze als minderwertig und bösartig diffamierte.

 

Doch es gab eine Reaktion auf den offenen Rassismus im Film und diese begründete nicht nur den afroamerikanischen Film, sondern auch eine neue Art der Wirtschaftlichkeit mit dem Medium. Das US-amerikanische Studiosystem war bis 1948 ein Monopol in weißer Hand, welches schwarze Filmschaffende zum Teil systematisch ausschloss. Aus dieser Lage heraus entstanden gleich zwei Dinge, das Black Cinema und der Independentfilm, beides konnte aus dieser Lage nur gemeinschaftlich entstehen. Schwarze Filmemacher begannen unabhängig von den Studios Filme zu produzieren (zum Teil allerdings von Weißen finanziert), vor allem aber versuchten Filmschaffende, die stereotype und diskriminierende Darstellung von Schwarzen im Film abzubauen.

 

 

 

 

Dies führte zur Entstehung einer ersten Welle des Black Cinema, den sogenannten Racefilm zwischen 1915 und 1950. Der Racefilm wurde ausschließlich von Afroamerikanern für Afroamerikaner produziert und auch veröffentlicht, ohne Unterstützung der großen Studios, die seinerzeit auch das Monopol für die Vorführungen in eigenen Kinoketten inne hatten. Der Pionier und Begründer des afroamerikanischen Films war der Autor und Regisseur Oscar Micheaux, welcher 1919 als erster Schwarzer begann, innerhalb seiner eigenen unabhängigen Produktionsfirma Micheaux Film and Book Company Filme zu produzieren und zu veröffentlichen.

 

 

Racefilm

Der Racefilm, begründet durch den ersten Independent Filmemacher Oscar Micheaux, zwischen 1919 – 1950.

 

 

Oscar Micheaux aber ging es nicht allein um das Filmgeschäft, er versuchte in seinen Werken vor allem gegen die diskriminierende Darstellung von Schwarzen anzukämpfen. Seine Filme thematisierten interkulturelle Beziehungen, Gewalt, Lynchmorde, Glücksspiel und Prostitution, aber auch das tägliche Leben innerhalb schwarzer Gemeinschaften. In seinem ersten Film THE HOMESTEADER aus dem Jahr 1919 befasste er sich mit einer für diese Zeit undenkbaren Liebesbeziehung zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann. Der Film wurde in den Kinos in eigenen separierten Mitternachtsvorstellungen gezeigt, zog ein großes schwarzes Publikum an und machte aus der Hauptdarstellerin Evelyn Preer den ersten afroamerikanischen Filmstar.

 

1920 dreht Micheaux mit WITHIN OUR GATES eine direktes Gegenstück zu THE BIRTH OF A NATION und wiederlegte damit die historische Verfälschung und rassistische Rechtfertigung von D. W. Griffith. WITHIN OUR GATES gilt heute als eins der wichtigsten Dokumente über Rassendiskriminierung in den USA und zusammen mit THE HOMESTEADER als Begründer des Black Cinema. Obgleich die meisten der damaligen Racefilme heute als verschollen gelten, war ihre Wirkung bereits in den 1920er Jahre unübersehbar. Das lag vor allem daran, dass sie trotz der Boykotts der Studios ein großes, afroamerikanisches Publikum fanden.

 

 

Within Our Gates

WITHIN OUR GATES (1920) von Oscar Micheaux

 

 

Die Neubewertung jener Zielgruppe fand nämlich nicht aus humanistischen, sondern vornehmlich wirtschaftlichen Gründen statt. Den Studios wurde klar, es gab es neue Popularität von schwarzen Filmen wie Stars, welche der Racefilm hervorbrachte, wie beispielsweise Paul Robeson durch den Film BODY AND SOULS von Oscar Micheaux aus dem Jahr 1925. Neben dem ökonomischen Interesse gab es auch gesellschaftliche und politische Veränderungen, welche die Studios zu einer Reaktion zwang. Nicht nur, dass den Studios bewusst wurde, dass es ein schwarzes Publikum gab, auch gesellschaftliche Veränderungen formten den Weg des Black Cinema, der bereits in den 40er Jahren politisiert wurde.

 

 

Black Actors

Die ersten afroamerikanischen Leindwandstars – Paul Robeson und Mercedes Gilbert in BODY AND SOULS, ZOU ZOU (1934) – die erste Afroamerikanerin in einer Hauptrolle, allerdings nur in Frankreich – Josephine Baker stieß in Amerika auf rassistische Ressentiments sowie Harry Belafonte und Dorothy Dandrige in CARMEN JONES (1954) von Otto Preminger – die erste Oscar Nominierung für eine afroamerikanische Hauptdarstellerin.

 

 

1940 wurde die Schauspielerin Hattie McDaniel für VOM WINDE VERWEHT mit einem Oscar für die beste Nebendarstellerin ausgezeichnet, McDaniel war die erste afroamerikanische Darstellerin, welche diesen Filmpreis gewann. Die Wirkung dieses Erfolges aber war zwiespältig, da ihre Rolle als Haushälterin noch ganz und gar den Stereotypen von Afroamerikanern entsprach und der Film nach wie vor von rassistischen Elementen durchzogen war. Jener Erfolg war zudem offenkundig begleitet von einer unrühmlichen Hinnahme der damaligen Lebensumstände für Schwarze, immerhin musste McDaniel während der Oscarverleihung an einem eigenen Tisch sitzen, getrennt von den anderen, weißen Nominierten.

 

 

Hattie McDaniel

Die erste afroamerikanische Oscar Preisträgerin 1940 – Hattie McDaniel in VOM WINDE VERWEHT.

 

 

Gleichzeitig bildete der Racefilm bis ins Jahr 1950 auch nicht ein Miteinander von schwarzen und weißen Communities ab, obgleich deren Lebensumstände im Gegensatz zum amerikanischen Studiofilm wesentlich realistischer gestaltet waren. Black Cinema aber generierte sich auch als Protest und es sollte nicht das letzte Mal in der Filmgeschichte sein, in der Weiße im afroamerikanischen Film komplett ausgespart wurden. Von Anfang an stand im Black Cinema Kampf gegen Versöhnung im Vordergrund.

 

Der angepasste weiße Schwarze

 

Eine wesentliche Veränderung aber trat 1948 durch das Hollywood Antitrust Gesetz in Kraft. Der US-amerikanische Film war ein Monopol in Händen weißer Filmstudios, welche neben Produktionsstätten auch die Kinos besaßen, die sie selbst betrieben. Infolge des Falls United States v. Paramount Pictures, Inc. wurde diese Monopolstellung zerschlagen, die Studios mussten ihre Kinoketten abstoßen und ein neues System trat an deren Stelle – das package unit system. Filme konnten nun extern entwickelt und Studios angeboten werden, das bedeutete auch mehr Unabhängigkeit für Autoren, Regisseure und Schauspieler, auch Schwarze. Das Publikum bestimmte nun, wer Star wurde und wer nicht, nicht mehr das Studio, und so kam es auch zu einer neuen Popularität von schwarzen Stars in Filmen, die Studios mussten reagieren und übergaben afroamerikanischen Schauspielern wichtigere Rollen.

 

 

Hollywoodland

Große Symbolkraft, aber kein direkter Zusammenhang: nach dem Hollywood Antitrust Gesetz (United States v. Paramount Pictures, Inc.) 1948 veränderte sich die Filmwirtschaft in Hollywood grundlegend, das Monopol der Studios wurde zerschlagen, Produktion und Vertrieb wurden unabhängig, damit auch schwarze Filmemacher. Ein Jahr später, 1949, wurde aus Hollywoodland Hollywood.

 

 

Dieser Einschnitt war natürlich nicht das Ende der Rassendiskriminierung, welche in den USA nach wie vor an der Tagesordnung war. Zwar überlagen ökonomische Interessen im Film die früheren Ressentiments, der Rassismus aber blieb und wurde im Film mehr unterschwellig formuliert. An dessen Stelle trat auch ein zum Teil widerwärtiger Helferkomplex innerhalb der Darstellung von Schwarzen sowie eine zeitgemäße Assimilation, eine hilfreiche Anpassung der Schwarzen an das damalige Mainstreamkino.

 

Während sich in den 1950er und 1960er Jahren eine neue schwarze Bürgerrechtsbewegung formierte, beginnend mit Rosa Parks Weigerung, im Jahr 1955 ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen zu überlassen, gab sich das Mainstreamkino als liberal und erweckte den Anschein, als habe es Rassismus überwunden, nur weil man nun Filme mit schwarzen Darstellern produzierte. Zuerst gab es auch keinen Protest, welcher Filmemacher wollte schon am eigenen Ast sägen. Aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit afroamerikanischen Themen war im Hollywoodfilm der 50er und frühen 60er Jahre teilweise nur Fassade.

 

 

 

 

Nur so konnten Schwarze zu Stars werden, wie Sidney Portier, welcher große Hauptrollen spielen durfte und 1964 als erster afroamerikanischer Schauspieler für LILIEN AUF DEM FELDE mit dem Oscar für die beste Hauptrolle ausgezeichnet wurde. Er war nach Hattie McDaniels der zweite afroamerikanische Schauspieler überhaupt, der von der Academy ausgezeichnet wurde. Viele seiner Filme spiegelten die Diskriminierung von Farbigen, so auch RAT MAL, WER ZUM ESSEN KOMMT aus dem Jahr 1967, in dem Portier den Bräutigam einer weißen Amerikanerin spielt, welcher aufgrund seiner Hautfarbe für familiären Trouble sorgt.

 

 

Sidney Portier

Sidney Portier als erster mit einem Oscar ausgezeichneter Hauptdarsteller in LILIEN AUF DEM FELDE (1963) von Ralph Nelson.

 

 

Doch so ein mutiges Stück Film war RAT MAL, WER ZUM ESSEN KOMMT gar nicht, schon gar nicht wirkliches Black Cinema, in den 60er Jahren drehten weiße Regisseure jene Filme mit schwarzen Stars in vermeintlich gutmütiger Absicht, mehr bedacht auf eine politisch korrekte Außenwirkung der Stoffe und Inszenierungen. Das soll das Talent und den Erfolg eines großartigen Schauspielers wie Sidney Portier nicht schmälern, aber auch er war in gewisser Weise gefangen im Studiosystem. Portier sprach eher eine weiße Mittelschicht an als dass er von der black community wahrgenommen wurde, er musste sich wie viele andere Schauspieler in diesem System fügen, es wurde zur unausgesprochenen Bedingung für seinen Erfolg.

 

 

Black Cinema 1960

Während der großen Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren entstanden die ersten kritischen Filme zum Thema rassistische Segregation – THE INTRUDER (962) von Roger Corman, RAT MAL, WER ZUM ESSEN KOMMT mit Sidney Portier (1967) von Stanley Kramer und WER DIE NACHTIGALL STÖRT (1962) von Robert Mulligan

 

 

Das Mainstreamkino der 60er und 70er Jahre wurde überaus politisch, aber nur wenige Filme fokussierten Rassismus. In WER DIE NACHTIGAL STÖRT von Robert Mulligan aus dem Jahr 1962 geht es um den ehemaligen Richter Atticus Finch, der die Verteidigung eines schwarzen Farmarbeiters übernimmt, welcher beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. 1967 spielte Sidney Portier in IN DER HITZE DER NACHT von Norman Jewison einen Polizeidetektiv aus dem Norden der USA, der einen Mordfall in einer rassistisch geprägten Kleinstadt im Süden aufklären soll. In Zeiten der großen race riots und der Bürgerrechtsbewegung waren das durchaus mutige Filme, aber sie spiegelten nie die Sicht schwarzer Filmemacher, was im Film eine Wutreaktion auslöste.

 

Dicks & Chicks & Black Bloodsuckers

 

Jene Wutreaktion nannte sich Blaxploitation und wurde im Jahr 1971 durch den Film SWEET SWEETBACK’S BAADASSSSS SONG von Regisseur Melvin Van Peebles begründet. Blaxpolitation als Kofferwort zwischen Black und Exploitation war eine Antwort auf den angepassten und geduldeten Rassismus innerhalb der Filmbranche, die zwar gern Schwarze als Starvehikel präsentierten, aber nie die Sicht der Afroamerikaner vertraten, geschweige denn afroamerikanische Filmemacher unterstützten. Wie in Zeiten von Oscar Micheaux wurde Exploitationfilme unabhängig von den Studios produziert und waren ganz für ein schwarzes Publikum ausgelegt.

 

 

Melvin Van Peebles

Godfather of Blaxploitation Melvin Van Peebles in SWEET SWEETBACK’S BAADASSSSS SONG (1971)

 

 

Und wieder waren es ökonomische Faktoren, die diese Welle an Filmen begünstigten und auch die Studios zur Partizipation zwang. Durch die Bürgerrechtsbewegung, die Proteste und schlussendlich die Ermordung von Martin Luther King und Malcom X war das öffentliche Interesse an diesen Themen riesig. Zudem entstand auf Seiten der Filmemacher ein neues Selbstbewusstsein und auch eine neue Aggressivität. Blaxploitation bedeutete Radikalität, die nicht immer in gesellschaftlichem Konsens driftete. Mit der Blaxpolitationwelle zwischen 1971 und 1979 kam es zur Kampfansage des afroamerikanischen Films in Hollywood.

 

 

Blaxpolitation

Blaxploitation – Filme von Schwarzen für Schwarze mit einer gehörigen Portion Gewaltverherrlichung und Sexismus.

 

 

Nach dem großen Erfolg von SWEET SWEETBACK’S BAADASSSSS SONG, welcher bei Produktionskosten von 150.000 US-Dollar stolze 15 Millionen an der Kinokasse erwirtschaftete, setzten auch die großen Studios auf diese neuen schwarzen Themen und Figuren. Inhaltlich waren jene Filme nur bedingt gesellschaftskritisch, es waren vor allem urbane Action- und Gangsterfilme mit grenzwertiger Gewaltdarstellung, voller Sexismus und ironischerweise auch einer Ausspielungsart von Rassismus, welcher als Gegenrassismus daherkam.

 

Die neuen schwarzen Helden wie SWEETBACK oder SHAFT aus dem Jahr 1971 waren nun erstmalig wirkliche schwarze Heldenfiguren und sie schleuderten den Rassismus mit Gewalt in die Gesellschaft zurück. Eine neue Artikulation im Film entstand, ein ganz neues Flair, bedingt auch durch den popkulturellen Zeitgeist der 70er Jahre, der Verwendung von hippen Soundtracks und einer plakativen Darstellung von Sex und Gewalt, viel Attitüde, aber eher weniger offener politischer Protest.

 

Eine große Veränderung, die mit der Blaxpolitationwelle aufkam, war die Erkenntnis, dass solche Filme und Stars nicht nur ein schwarzes Publikum anzogen, sondern ein insgesamt männliches. Dazu mussten vorerst einige Vorbehalte abgebaut werden. Mit SHAFT aus dem Jahr 1971 wurde Richard Roundtree nicht nur als schwarzer Actionstar präsentiert, sondern auch als eine Art neuer, schwarzer James Bond. Ob das auf gesellschaftlichen Konsens trifft, wird bis zum heutigen Tag heftig diskutiert.

 

 

Dolemite

Rudy Ray Moore in DOLEMITE (1975) von D’Urville Martin

 

 

Entgegen dieser Vorbehalte erwirtschafteten Filme wie SHAFT (1971) oder SUPERFLY (1972) Millionen an der Kinokasse. Neue Filmtermini wurden geboren, die Gangster, Pimps und Hustler in den Großstädten, das Drogenmilieu, obgleich die Filme alles andere als Milieustudien waren. Die Blaxploitationwelle hatte zudem Ähnlichkeiten mit der nach der Ermordung von Malcom X entstandenen Black Power Bewegung, welche den eher friedlichen Protestmärschen von Martin Luther King folgte. Auf das angepasste Black Cinema der 60er Jahre mit Sidney Portier folgte Blaxploitation mit einem ganz anderen Gestus.

 

 

 

 

Für viele Filmemacher wie Melvin Van Peebles oder Gordon Parks waren Blaxpolitationfilme ein großer Erfolg und das ebnete auch den Weg für andere schwarze Filmemacher. Doch nicht jeder sah im Blaxploitationfilm eine friedfertige Annäherung innerhalb der Rassendiskriminierung. Zum einen, weil sich diese Filme selbst eklatantem Rassismus oder Sexismus hingaben und das selten ironisiert oder doppeldeutig, zum anderen, weil Blaxploitation eine schwarze Identität im Film auf gewisse Weise persiflierte.

 

Cleoptatra Jones

Tamara Dobson als CLEOPATRA JONES (1973) von Jack Starrett

Coffy - Die Raubkatze

Pam Grier in COFFY – DIE RAUBKATZE (1973) von Jack Hill

 

Sexismus und Gewaltverherrlichung war die schwerwiegendsten Makel jener Welle und sie untergruben zum Teil die positiven Belange schwarzer Filmemacher. Einerseits sorgten sie dafür, dass auch schwarze Frauen in plakativen Hauptrollen zu Stars wurden, doch der Preis war ein hoher, statt rassistisch motivierter Diskriminierung trat nun sexuelle Erniedrigung. Zu Filmstars der Blaxpolitationwelle wurde auch Tamara Dobson als CLEOPATRA JONES und Pam Grier als COFFY oder FOXY BROWN, die kämpferisch und selbstbestimmt inszeniert wurden, dafür aber ausbeuterischen Sexismus über sich ergehen lassen mussten.

 

 

Blacula

William Marshall in BLACULA (1972) von William Crain

 

 

Auf der anderen Seite waren nur die ersten Filme dieser Welle an die Lebensrealitäten von Afroamerikanern angelehnt, wenn auch weit weg vom Realismus der jeweiligen Zeit. Blaxploitation verstand sich auch als Wühltisch, weiße Themen oder Filme in die schwarze Fiktion zu übertragen. So verzweigte sich das Subgenre Blaxploitation in ein weiteres Nischengenre, dem Blaxpolitation Horrorfilm, welcher die großen Klassiker des Horrorfilms invertierte. So wurde 1971 aus Dracula BLACULA, es gab einen BLACK FRANKENSTEIN, DR. BLACK & MR. HYDE sowie eine Blaxpolitation Variante von DER EXORZIST namens ABBY.

 

 

 

Der Blaxploitation Horrorfilm aber verfügte durchaus über cleveren Subtext, nicht unbedingt so politisch wie George A. Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD aus dem Jahr 1968. Blaxploitation Horror wollte zwar vornehmlich weißes Kino assimilieren, aber genau dadurch entstanden interessante ironische Allegorien.

 

Im Film BLACULA wurde auch das Thema Sklaverei  gespiegelt, der Vampirfürst war hier ein 200 Jahre alter afrikanischer Prinz, welcher per Schiff nach Amerika aufbrach, um seine Rache zu vollführen. Der Horrorfilm bot viele Andockstellen für gesellschaftlichen Subtext, einige wurden durchaus clevere Rassismusparabeln wie CANDYMAN aus dem Jahr 1992, bis Regisseur Jordan Peele mit GET OUT und US den Grundstein für einen neuen schwarzen Horrorfilm legte.

 

Schlussendlich war Blaxpolitation eine eher kurze Welle, die Ende der 70er Jahre wieder verebbte, ohne wirklich nachhaltige gesellschaftpolitische Spuren zu hinterlassen. Filmästhetisch allerdings hatte Blaxpolitation durchaus einen Nachhall, sowohl auf den Ghettofilm der 80er Jahre als auch auf die Musikbranche, die in den 90er Jahren wiederum auf den Film zurückschwappte.

 

 

Jackie Brown

Wiederbelebung des Blaxpolitation Subgenres durch Quentin Tarantino – Pam Grier in JACKIE BROWN (1997)

 

 

Die Audiovisualität von Blaxploitation blieb später vor allem im Zitat lebendig, allen voran ehrte Regisseur Quentin Tarantino dieses Subgenre in Teilaspekten seiner Filme. Mit JACKIE BROWN drehte Tarantino 1997 sogar eine waschechte Hommage an den Blaxploitationfilm mit Pam Grier in der Hauptrolle. Aber auch PULP FICTION oder DJANGO UNCHAINED hatten dererlei Bezüge.

 

 

 

 

Das Revival an neuen Blaxploitation Werken ist nach Tarantino aber hauptsächlich eine retrospektive Spiegelung der Ästhetik und des Styles, im Gegensatz zu anderen wiederbelebten Subgenres, die auch inhaltlich in neuen Jahrzehnten gespiegelt wurden. Möglicherweise waren die Blaxploitation Filmemacher auch dezent enttäuscht von der gesellschaftspolitischen Wirkung ihrer Werke, die nur eine kurze Welle hervorbrachte und die Arbeitssituation für schwarze Filmschaffende nicht wirklich veränderte. Nach der Blaxploitationwelle schien es so, als stünden die Bemühung um ein realistisches Black Cinema wieder schlechter, und das obwohl vor allem in den 80er Jahren viele schwarze Schauspieler Erfolge an der Kinokasse feierten.

 

„Of course there’s something wrong with him, he’s a negro.“

 

In den 80er Jahren fiel der US-amerikanische Film dezent in alte, rassistische Muster zurück. Die Revolte der afroamerikanischen Blaxploitationregisseure war zu Ende und hinterließ anderen schwarzen Filmemachern kein wirkliches Erbe. Schwarze Schauspieler waren wieder auf weiße Regisseure angewiesen und machten unter ihnen Karriere als überaus beliebte Hampelmänner. Eddie Murphy wurde berühmt in der Rolle des Ganoven Reggie Hammond als plappernder Sidekick von Nick Nolte in NUR 48 STUNDEN, später dann in BEVERLY HILLS COP oder in DIE GLÜCKSRITTER, der Rassismus zumindest in sarkastischen Untertönen konnotierte.

 

 

Nur 48 Stunden

Vermeintliche Gegensätzlichkeiten und Kalauerei, Stereotypisierung und Quote – in den 80er Jahren wurden Rassismus legerer – Eddie Murphy und Nick Nolte in 48 HRS. (1982)

 

 

Ähnlich erging es anderen schwarzen Star wie Danny Glover oder Whoopy Goldberg, die wieder Stereotypen geben mussten. Aber sie waren damit auch überdurchschnittlich erfolgreich. Über Rassismus wurde gelächelt im Kino, Begriffe wie der Quotenschwarze wurden geboren. Zudem entstand der Begriff des white saviours, also Figuren, welche als gute weiße Retter den Schwarzen in Notlagen helfen, aus denen er sich selbst nicht befreien kann. Die großen Studios gingen übermäßig politisch korrekt vor in ihren Filmen, verweigerten aber nach wie vor schwarzen Filmemachern Schlüsselpositionen hinter der Kamera. Stattdessen kollektives Schulterklopfen für Filme wie MISS DAISY UND IHR CHAUFFEUR, welcher 1990 den Oscar für den besten Film erhielt.

 

 

 

 

Es musste schwarzen Filmemachern wie Hohn vorgekommen sein, insbesondere Spike Lee, welcher im Jahr 1990 für seine filmische Rassismusstudie DO THE RIGHT THING ebenfalls für den Drehbuch Oscar nominiert war und gegen MISS DAISY verlor. Doch es sollten noch 25 weitere Jahre vergehen, bis sich auch gegen diese Praktik Protest formierte. Black Cinema aber war in den 80er Jahren wieder auf sich allein gestellt, ohne Unterstützung der großen Studios und nur im Independentfilm möglich. Doch eine andere Entwicklung unterstützte Mitte der 80er Jahre den afroamerikanischen Film, und zwar die Musikbranche.

 

 

Hollywood Shuffle

Die erste große Abrechnung mit rassistischer Diskriminierung im US-amerikanische Filmgeschäft – HOLLYWOOD SHUFFLE (1987) von Robert Townsend

 

 

Die Musik hatte nicht nur das Black Cinema von jeher begleitet, sondern auch den Mainstream erreicht. Wie für die 40er und 50er Jahre der schwarze Blues als Filmsoundtrack unverzichtbar wurde, geschah dies in den 80er und 90er Jahren mit Rap und HipHop und neuer Jugendgenerationen. Es war nicht nur die Musik, die ganze Musikbranche veränderte sich, die 80er Jahre waren das Zeitalter des Musikvideos, Rap und HipHop eroberten den Mainstream und diverse Musikproduzenten, Musikvideoregisseure wie Rapper wanderten von der Musik zum Film und übertrugen ihre Themen auf das visuelle Medium.

 

 

Ghettofilm

Von der Musik(videoproduktion) ins Filmgeschäft – der Aufstieg des Ghetto- und HipHop Films – BOYZ IN THE HOOD (1991) von John Singleton mit Ice Cube, Cuba Gooding jr. und Morris Chestnut.

 

 

Zwischen den Hotspots New York und L. A. entstand in den 80er Jahren der Ghettofilm als Vorläufer einer neuen schwarzen Welle. Die Bereicherung des Films durch Rap, HipHop, schwarzes Gangstermilieu sowie Kamera- und Schnittästhetik veränderten auch das Gesicht des Mainstreamfilms. Vorrangig aber waren die ersten Ghettofilme Zeitzeugen der neuen Lebensverhältnisse in den USA. Schwarze lebten abgeschottet von weißen Gegenden in Ghettos, wo Armut, Gewalt und Drogen regierten. Rassismus war natürlich immer noch Thema Nummer 1, aber die neu entstandene Subkultur war auch von inneren Problemen belastet. Sie drückten sich zuerst in der Musik aus und Anfang der 90er Jahre auch im Film. Den Weg dafür ebnete abermals ein Filmemacher, welcher unabhängig arbeitete, erfolgreich war und schwarzen Realismus im Zentrum seiner Arbeit positionierte.

 

A Spike Lee Joint

 

Das Sprachrohr für eine afroamerikanische Weltsicht wurde der 1957 geborene Shelton Jackson Lee, der als Spike Lee bereits 1983 für seinen ersten Kurzfilm den Studenten Oscar gewann. Spike Lee veränderte den US-amerikanischen Film immens, inhaltlich wie stilistisch. Seine Belange waren durchweg Schwarz, auch hatten seine Filme aggressive Wut inne, aber sie lösten sich von Stereotypen und traten in gewisser Weise als mikroskopische Studien auf. Zudem waren Spike Lees Filme nicht nur von schwarzem Realismus geprägt, sondern enthielten stilistische Einflüsse von Woody Allen und der französischen Nouvelle Vague.

 

 

SHE'S GOTTA HAVE IT

SHE’S GOTTA HAVE IT (1986) von und mit Spike Lee und Tracy Camilla Johns.

 

 

Sein Spielfilmdebüt gab Spike Lee 1986 mit SHE’S GOTTA HAVE IT, eine Comedy über eine überaus selbstbestimmte schwarze Frau. Den größten Impact aber hinterließ der Film wirtschaftlich, er spielte bei einem Budget von 185.000 US-Dollar nicht nur stolze 7 Millionen an der Kinokasse ein, sondern war auch beim Nicht-Schwarzen Publikum erfolgreich. SHE’S GOTTA HAVE IT war keine Studioproduktion, sondern ein Autoren- und Independentfilm und mit diesem Konzept und seiner Kompromisslosigkeit begründete Spike Lee eine dritte große Welle nach dem Racefilm und Blaxploitation – das New Black Cinema.

 

 

Spike Lee ließ sich selten vereinnahmen und seine Filme lagen immer zwischen den Polen Intellektualität und Aggressivität. Nach dem Erfolg gründete er die Produktionsfirma 40 Acres and a Mule Filmworks, eine zynische Anspielung an ein Versprechen der amerikanischen Regierung an die befreiten Sklaven, diese sollten eigentlich Landbesitz und Nutztiere bekommen. Da war er also, Spike Lee, der erfolgreichste und bedeutendste schwarze Filmemacher der Neuzeit.

 

 

DO THE RIGHT THING

DO THE RIGHT THING (1989) von Spike Lee – rassistische Gewalt und Gegengewalt führen zum gewaltsamen Erstickungstod von Radio Raheem (Bill Nunn, Mitte) durch einen weißen Polizisten.

 

 

Mit DO THE RIGHT THING aus dem Jahr 1989 zitierte er Martin Luther King und Malcom X und schuf eine ergreifende Parabel über Hass und rassistische Gewalt wie Gegengewalt. Dass am Ende von DO THE RIGHT THING ein Schwarzer von einem weißen Polizisten zu Tode gewürgt wurde, nahm nicht etwa den gewaltsamen Tod von George Floyd im Jahr 2019 vorweg, er thematisierte diese Lebensrealität in den USA nur als erster filmisch. Spike Lees Werke waren klug, aber nie versöhnlich, zu Recht, hatte die Filmwelt 1989 bereits 100 Jahre rassistische Ressentiments hinter sich und Filmschaffende wurden mit einer Handvoll Filmpreisen abgespeist, im Schnitt alle 20 Jahre. Stattdessen wurde Spike Lee sogar Gegenrassimus vorgeworfen, nicht nur gegenüber Weißen, aber nicht selten waren das weiße Rechtfertigungen für ihren eigenen Rassismus.

 

 

New Black Cinema

Rise of Black Cinema – NEW JACK CITY (991) von Mario van Peebles, JUICE – CITY WAR (1992) von Ernest R. Dickerson und MENACE II SOCIETY (1993) von Allen & Albert Hughes.

 

 

Der schwarze Film schrie nach einer neuen Darstellung und Sichtweise US-amerikanischer Filmemacher, welche den USA und den hohlen Worten vom land of the free skeptisch gegenüberstanden, zu Recht. Denn die US-amerikanischen Studios gingen auch in dieser Welle nicht wirklich auf die Lebensrealität von Schwarzen ein oder zogen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Erwägung. Hollywood machte das, was es schon immer machte, es assimilierte den Erfolg, in dem Fall das New Black Cinema und den Ghettofilm und wollte schlichtweg nur wiederholen. Immerhin bedeutete das den erfolgreichen Aufstieg einiger weniger afroamerikanischer Regisseure wie John Singleton (BOYZ IN THE HOOD) oder Ernest Dickerson (JUICE – CITY WAR) .

 

Still #SoWhite?

 

Vom Ghettofilm nahm sich der US-amerikanische Film die zeitgenössischen Themen, Waffen, Gewalt, Rap, Mode, Accessoires. Stars, die unter Spike Lee berühmt geworden sind, durften nun vermehrt im US-Mainsteamkino auftreten. Dazu gehörten Schauspieler wie Denzel Washington, Wesley Snipes oder Angela Bassett, die allerdings alsbald unter weißer Regie zu funktionieren hatten. Unter dieser Maske mussten auch Stars wie Denzel Washington oder Halle Berry wieder Stereotypen spielen, besonders gern wurden sie dafür auch ausgezeichnet, Washington als rassistischer Cop in TRAINING DAY, Halle Berry als gewalttätige Prostituierte.

 

 

Training Day Monsters Ball

2002, 39 Jahre nach Sidney Portier für LILIEN AUF DEM FELDE, gewann ein afroamerikanischer Schauspieler einen weiteren Oscar für die beste männliche Hauptrolle – Denzel Washington für TRAINING DAY. Im selben Jahr gewann Halle Berry für MONSTER’S BALL als erste afroamerikanische Schauspielerin den Oscar für eine Hauptrolle.

 

Das Problem lag nicht an mehr oder weniger erfolgreichen schwarzen Schauspielern, es war der Mangel an afroamerikanischen Filmemachern hinter der Kamera in allen Gewerken und eine noch geringere Zahl an schwarzen Produzenten. Für weiße Regisseure waren Filme mit schwarzen Themen oft reine Prestigeobjekte, ihnen fehlten nicht selten das Problembewusstsein für Themen und Lebenswirklichkeiten. Steven Spielberg nahm sich mit DIE FARBE LILA und AMISTAD schwarzer Themen an, schilderte sie aber eben aus weißer Sicht, die meist rührselig aufgeladen war und in positivem, versöhnlichem Tenor endeten.

 

 

Neben filmischer Abarbeitung von historischen Themen, die sich aus schwarzer Sicht wie ein Reinwaschen von Schuld anfühlten, gesellten sich wieder und wieder Filme mit einem unübersehbaren white saviour complex, die Inszenierung des weißen Retters als Wohlwollen gegenüber Schwarzen. Das Problem bei Filmen wie MISS DAISY UND IHR CHAUFFEUR, THE HELP oder dem Oscar Gewinner 2019 GREEN BOOK ist, dass man sie nicht so leicht durchschauen kann und Kritiken zum Teil auf Unverständnis treffen, weil in ihnen doch eine so gute Botschaft läge. Doch jene Botschaft hat meist weder mit der historischen Wahrheit noch mit der aktuellen Lebenssituation von Schwarzen, nicht nur Filmemachern, zu tun.

 

 

THE HELP

White Saviour Complex – der gutmütige weiße Retter in THE HELP (2011) von Tate Taylor, u.a. mit Jessica Chastain, Octavia Spencer und Viola Davis.

 

 

Das US-Mainstreamkino hat schwarze Talente meist sofort für sich abonniert, sie fehlten somit im echten afroamerikanischen Film, jenes Independentkino wurde von den großen Studios assimiliert. Dafür wurden ab und zu Prestigeprojekte verwirklicht, in denen die Realität einerseits durch eine weiße, wohlwollende Sichtweise verzerrt wurde, andererseits auch jedes Klischee und jede Stereotype erneut wiedergekäut wurde. Mit Filmen wie THE HELP oder GREEN BOOK glaubte man, sich den wahren, unausgesprochenen Problemen entledigt zu haben. Die gab es aber vor allem in den 2000ern und 2010er Jahre noch immer zu Hauf, Misstrauen in afroamerikanische Filmprojekte, fehlende Diversität vor und hinter der Kamera sowie fehlende Anerkennung.

 

 

 

 

Es halfen auch keine Erfolge wie PRECIOUS von Lee Daniels aus dem Jahr 2009, der Oscar Gewinner 12 YEARS A SLAVE von Steve McQueen oder FRUITVILLE STATION von Ryan Coogler von 2013, in den Folgenjahren 2015 und 2016 fiel Hollywood in alte Muster zurück und ignorierte eine Vielzahl von schwarzen Talenten in beiden Oscar Jahren. Wieder einmal half nur energischer Protest, Filmemacher wie Spike Lee und Schauspielerinnen wie Jada Pinkett-Smith riefen zum Boykott der Veranstaltung auf. Unter dem Hashtag #oscarssowhite forderten vor allem afroamerikanische Filmemacher nach mehr Diversität, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Anerkennung. Die Academy reagierte und versprach, die Aufstellung ihrer Mitglieder zu diversifizieren.

 

 

New Black Cinema

FRUITVALE STATION (2013) von Ryan Coogler 12 YEARS A SLAVE (2013) von Steve McQueen und SELMA (2014) von Ava DuVernay.

 

 

Doch nicht ausschließlich deshalb verbesserte sich die Situation in den Folgejahren, nicht die halbgare Entscheidung der Academy war dafür verantwortlich, sondern die losgetretene Debatte und ihr Anklang. Nach 2015 und 2016 kam es tatsächlich zu einer neuen Blüte des Black Cinema. Für SELMA wurde mit Ava DuVernay die erste schwarze Regisseurin für den Golden Globe nominiert, 2017 erhielt Barry Jenkins Film MOONLIGHT Oscars für Mahershala Ali, für das beste Drehbuch und für den besten Film.

 

 

Moonlight

Alex R. Hibbert und Mahershala Ali in MOONLIGHT (2016) von Barry Jenkins.

 

 

Auch wenn das Verhältnis von Erfolgen wie Auszeichnungen gegenüber weißen Filmproduktionen nach wie vor im Ungleichgewicht war, hinterließen Filme wie SELMA oder MOONLIGHT ein größeres Echo und brachten schwarze Filmemacher in weitausbessere Verhandlungspositionen. Doch der Unterschied lag darin, dass man diese Talente nicht unter weißen Bedingungen weiterarbeiten ließ, sondern sich mehr einer afroamerikanischen Sicht öffnete. So fiel nicht nur die stereotype Darstellungen und Dramaturgie, sondern auch die letzte Bastion, der US-Blockbuster, der nun auch von schwarzen Filmemachern gestaltet werden konnte.

 

 

 

 

Natürlich gehörte auch eine Portion Glück und Zufall dazu, dass Regisseur Ryan Coogler nach FRUITVILLE STATION und CREED für Marvel 2018 BLACK PANTHER inszenieren durfte und dieses Experiment ein exorbitanter Erfolg wurde. Dieser Erfolg öffnete einige Türen für afroamerikanische Filmemacher. Mit GET OUT sprengte Regisseur Jordan Peele den neoliberalen Rassismus in den USA mit einer cleveren Parabel in Form eines Horrorthriller und wurde damit mit dem Drehbuch Oscar ausgezeichnet.

 

 

Black Panther

BLACK PANTHER (2018) von Ryan Coogler

 

 

Obgleich 2019 mit GREEN BOOK abermals ein Film mit ausgesprochenem white saviour complex den Oscar für den besten Film gewann, gab es auch Nominierungen und Gewinner wie Spike Lee für BLAKKKLANSMAN, Ruth E. Carter für das beste Kostümdesign für BLACK PANTHER, der auch für den besten Film nominiert wurde, Mahershala Ali für GREEN BOOK und Barry Jenkins, welcher für den Drehbuch Oscar für IF BEALE STREET COULD TALK nominiert war. Schwarze Filmschaffende prägen den US-Film hinter der Kamera zwar noch immer wesentlich seltener als vor der Kamera, aber die Debatte war nie lebendiger als in den letzten Jahren.

 

 

Diese Debatte wurde natürlich auch von der erschütternden Realität begleitet, als im Jahr 2019 erneut ein Afroamerikaner unter weißer Polizeigewalt getötet wurde und die internationale Bewegung #blacklivesmatter wie ein Feuersturm entbrannte. Die Handykamera, die die Ermordung von George Floyd protokolierte und dokumentierte, wurde zur Selbstverteidigungswaffe. Im Black Cinema war sie es von Anfang an, der Film wurde trotz Herabsetzung, Restriktionen, Verweigerungen, Ausschluss und fehlender Anerkennung zum wichtigsten Werkzeug gegen Rassismus.

 

 

Black Filmmakers

Die einflussreichsten afroamerikanischen Filmemacher: Oscar Micheaux (WITHIN THE GATES), Melvin Van Peebles und sein Sohn Mario Van Peebles (SWEET SWEETBACK’S BAADASSSSS SONG, NEW JACK CITY), Gordon Parks (SHAFT), Sidney Portier (SAMSTAGNACHT IM VIERTEL DER SCHWARZEN), SPIKE LEE (DO THE RIGHT THING), John Singleton (BOYZ IN THE HOOD), Ernest R. Dickerson (JUICE – CITY WAR), Ryan Coogler (FRUITVALE STATION), Ava DuVernay (SELMA), Steve McQueen (12 YEARS A SLAVE), Barry Jenkins (MOONLIGHT) & Jordan Peele (GET OUT).

 

 

Die jahrzehntelanger Benachteiligung von afroamerikanischen Filmemachern, die entwürdigende Darstellung von Schwarzen und der herablassende Gestus des white saviours, das alles sind Dokumente des Rassismus’, ebenso die wütende wie hintergründige Reaktion des Black Cinema. So halte ich auch nicht viel davon, offenkundigen wie versteckten Rassismus aus 120 Jahren Filmgeschichte zu tilgen oder diesen zu verbannen, wie eine weitere Debatte um Werke wie VOM WINDE VERWEHT oder DUMBO fordert. Irgendwann werden diese zeitgeschichtlichen Dokumente fehlen in der Rassismusanalyse und man wird sich fragen:

WTF, was war das Problem?

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de