Die kleine Genrefibel Teil 85: (Anti)Kriegsfilm

Der Krieg, er ist nicht tot, der Krieg. Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur. Manchmal liegt er im Blu-ray Player und wartet, auf dich, auf mich, auf jedwede Cineasten, die Geschichtsinteressierten, die pazifistischen Moralisten wie auf die bellizistischen Kriegstrommelschlägel. Er ist nicht tot, der Krieg. Erzählungen über den Krieg haben die menschliche Kultur immens beeinflusst, in Literatur, Musik, der Malerei, natürlich im Film bis hin zur neusten Generation an Videospielen. Krieg. Ein so kleines Wort und ein so großer Nachhall. Im Film gilt der Begriff Krieg manchmal als verheißungsvolles Synonym für einen Konflikt, sei es der Krieg der Sterne, der Knöpfe oder der Eispiraten, die englische Bezeichnung war betitelt unzählige Filme wie WARCRAFT, WAR OF THE WORLDS oder WORLD WAR Z. Doch nicht überall, wo das Wort Krieg im Titel auftaucht, handelt es sich auch um einen Kriegsfilm.

 

 

 

They shall not grow old

Das kollektive Gedächtnis an die Weltkriege ist Schwarz-Weiß – erstmals gelang es Regisseur Peter Jackson (THE LORD OF THE RINGS) mit der Dokumentation THEY SHALL NOT GROW OLD (2019) historisches Filmmaterial mittels Kolorierung und Synchronisation zu vergegenwärtigen.

 

 

Wie immer ist die Lage um einiges komplizierter. Dabei ist der Kriegsfilm ein relativ klares Genre, es gehört zu den ältesten Filmsparten des Mediums und hat sich inszenatorisch über die Jahrzehnte nur unwesentlich verändert. Wohl aber in Absicht, Auslegung und Interpretation. Alle Filmgenres wurden in ihrer Entwicklung von äußeren weltgeschichtlichen Ereignissen beeinflusst und geformt. Der Kriegsfilm aber war nicht nur audiovisueller Begleiter und Abbilder der jüngeren Geschichte, er hat sich auch von ihr vereinnahmen und missbrauchen lassen, dass man auch heute noch manchem Kriegsfilm in gewisser Weise misstrauisch gegenüber steht. Der Kriegsfilm als moralisches Dilemma? Das wollen wir uns ein wenig genauer anschauen.

 

Kriegsdarstellungen

 

Krieg, das ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Gewalt und Waffen ausgetragener Konflikt. Ein Kriegsfilm wiederum ist ein Genre, in dem jene kriegerischen Auseinandersetzungen die Figuren bestimmen und die Handlungen zum Teil oder ganz in einem solchen Kriegsszenario ablaufen. Dennoch muss man bei dem einschlägigen Genrebegriff Kriegsfilm noch ein wenig mehr differenzieren. So haben alle realen historischen Kriege eine Darstellung im Film gefunden, dazu gehören auch antike Schlachten und kriegerische Auseinandersetzungen im Mittelalter. Jene werden aber mehrheitlich nicht als Kriegsfilme bezeichnet, sondern sind in den Genres Historienfilm oder Abenteuerfilm verortet. Was also ist nun das Genre Kriegsfilm?

 

 

Waterloo 1970

WATERLOO (1970) von Sergei Fjodorowitsch Bondartschuk – historische Kriegsschlachten vor Beginn des 20. Jahrhunderts werden eher als Historienfilme denn als Kriegsfilme bezeichnet.

 

 

Es gibt keine eindeutige Definition für den Kriegsfilm, aber genretechnisch wird der Begriff Kriegsfilm nur in Zusammenhang mit moderne Kriegsszenarien des 20. Jahrhunderts, beginnend mit der Reflektion des Ersten Weltkrieges, verwandt. Eine Ausnahme bilden hier möglicherweise Filme über den Amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865. Auch müssen echte historische Kriegsauseinandersetzungen den Filmhintergrund bilden, um als Kriegsfilm wahrgenommen zu werden, fiktive Szenarien in Fantasy oder Science-Fiction Filmen wie WARCRAFT oder WAR OF THE WORLDS bezeichnet man in erster Linie nicht als Kriegsfilme.

 

 

Aber auch im historischen Kontext wirft der Begriff Kriegsfilm Fragen auf. Bildet der Krieg nur einen Handlungshintergrund oder befindet man sich mitten im Kriegsgeschehen respektive in einer Schlacht? Denn Krieg ist niemals nur der bewaffnete Kampf an der Front. Der Kriegsfilm teilt sich so in thematische Subgenre, von denen das bekannteste der sogenannte combat film ist, also die Darstellung der Kriegsschlacht(en). Doch auch andere Kriegsaspekte bilden Subgenres wie den Lagerfilm, POW Filme (Prisoners Of War, also Kriegsgefangene), Filme über Kriegsheimkehrer, Kriegssatiren und Filme über Kriegsverbrechen wie den Holocaust.

 

 

Kriegsfilm Subgenre

Die Subgenre des modernen Kriegsfilms – combat film (HACKSAW RIDGE), Lager- oder POW-Film (GESPRENGTE KETTEN), Filme über Kriegsheimkehrer (GEBOREN AM 4. JULI), über Kriegsverbrechen (DER HAUPTMANN) und die Kriegssatire.

 

 

Hinzu kommt, dass es eben nicht den einen Krieg gibt, sondern sich die historischen Kriegsszenarien trotz ihres barbarischen Charakters immens unterscheiden können. So unterteilt man Kriegsfilme auch hinsichtlich ihres Schauplatzes und sogar der Verwendung spezifischer Waffengattungen. Der Schauplatz definiert beispielsweise Filme über Luftkrieg, Städtebombardement oder Dschungelkampf, andere Subsparten werden über Waffen und Kriegsgerät definiert wie Panzerschlachten oder U-Bootkriege.

 

 

Kriegsfilm Subgenre

Weitere Differenzierung des Kriegsfilm über Kriegsführung und Akteure – U-Boot Filme (U 571), Fliegerpiloten (DIE LUFTSCHLACHT UM ENGLAND), Panzerschlachten (HERZ AUS STAHL), Dschungelkrieg (PLATOON) & Wüstenkrieg (JARHEAD).

 

 

Kriegsfilme, die in echten historischen Kontexten spielen, können sehr wohl auch fiktionale Elemente beinhalten. Das funktioniert zum Teil deshalb, weil dem Zuschauer Hintergrundinformationen über bestimmte Kriege vorliegen, entweder aus geschichtlicher Bildung oder auch nur durch filmische Prägung, die zur Einordnung diverser Elemente dienen (Protagonisten und Antagonisten wie Alliierte und Nazis, Kriegsursachen und Kriegsverläufe als Handlungselemente). So kann es auch fiktionale Handlungen im realen Kriegsgeschehen geben, die aber vom Zuschauer als beispielhaft und damit glaubhaft rezipiert werden können.

 

Im Zentrum von Kriegsfilmen steht aber weniger der Kriegshintergrund, die Kriegstaktik oder Kriegsphilosophie, sondern der Mensch als Individuum und gleichzeitig der Kriegsdiener, welcher seine Individualität mit Kriegseintritt gegen etwas anderes eingetauscht hat. Im Zusammenhang mit Kriegsfilmen spricht man häufig von Patriotismus und Heldenverehrung, aber im Kriegsfilm müssen die Figuren nicht immer Helden sein, obgleich Elemente der Heldengeschichte definitiv vorkommen wie die Ausbildung als Rekrut, Vorgesetzte höheren Dienstgrades als Mentoren, Reifeprozesse, Erkenntnisse und Entwicklungen.

 

 

Kriegsfilm Protagonisten

Figuren in Kriegsfilmen definieren sich über ihre Rollen und Hierarchien, vom Kommandeur über den Oberst bis zum Fußsoldaten – DUNKIRK (2017) von Christsopher Nolan.

 

 

Helden in Kriegsfilmen sind ambivalent, denn das Heldentum im Krieg ist zwiespältig. Auch fokussieren die meisten Kriegsfilme keine Einzelfiguren, sondern Gruppen oder die Einheit der Gruppe, Soldaten, Offizieren, Hierarchien, bedingt und beeinflusst durch Befehle oder moralische Zwickmühlen. All das wird von unterschiedlichen Figuren verschiedentlich reflektiert, es gibt sie, die vermeintlichen Helden, aber es gibt auch Feiglinge oder Profiteure mit verschiedensten Persönlichkeiten und Eigenschaften.

 

 

The Thin Red Line

Der Tod des Soldaten als unweierliche Konsequenz in DER SCHMALE GRAT (1998) von Terrence Malick.

 

 

Das führt zu interessanten, manchmal widersprüchlichen, oft aber kontroversen Figurenbeschreibungen und Konstellationen, denn in Kriegsfilmen werden Figuren immer in eine Rolle gezwungen, in der sie sich normalerweise nicht befinden. Sie verlieren ihre Individualität, aus Menschen werden Soldaten, Regeln scheinen während der Kriegszeit ausgesetzt, Entscheidungen werden beeinflusst, manche handeln gegen ihre Natur, ihren Glauben und ihre Prinzipien. Kriegshintergrund und Kriegsgeschehen mögen dem Zuschauer gewahr sein, die Identifikation mit Kriegsfiguren allerdings ist in höchsten Maße zwiespältig.

 

“Es ist der Krieg ein roh gewaltsam Handwerk.”

 

Inszenatorisch ist der Kriegsfilm indes leichter zu beschreiben, auch wenn er genau deshalb oft aneckt innerhalb der Analyse. Aus moralischer Sicht kann man recht einfach zwischen guten und schlechten Kriegsfilmen unterscheiden, aber was meint man damit, was ist ein guter oder schlechter Kriegsfilm? Bei Kriegsfilmen steht der Krieg im inszenatorischen Mittelpunkt, was häufig verkannt und missinterpretiert wird. In erster Linie ist der Kriegsfilm nämlich ein Actionfilm und man stößt sich diesbezüglich viel mehr an einer wie auch immer gearteten Diskrepanz zwischen Action als Unterhaltungselement und einer moralischen Botschaft.

 

 

The Battle of Jangsari

Das Subgenre des combat film ist immer ein Actionfilm – THE BATTLE OF SANGSARI (2019) von Kwak Kyung-taek & Tae-hoon Kim.

 

 

Kriegsfilme werden durch Actionelemente bestimmt, das Audiovisuelle steht im Vordergrund, also Stunts, Pyrotechnik, Props und Effekte. Was in anderen Genres dem Unterhaltungszweck dient, führt im Kriegsfilm erst zu einer realistischen Darstellung des Kriegsgeschehens. Man sagt auch nicht, ein Kriegsfilm sei schlecht, weil es überall nur knallt und poltert. Action ist im Kriegsfilm an sich alles andere als selbstzweckhaft. Trotzdem sorgen diese Elemente des Actionfilm häufig für Kritik, Kämpfe als Spektakel zu inszenieren. In Wahrheit ist es ein schmaler Grat innerhalb der Inszenierung, was zu einer diffizilen Bewertung der Materie führt.

 

 

Herz aus Stahl

Der Kriegsfilm definiert sich darüber hinaus über realistische Ausstattung von Kriegsgerät – HERZ AUS STAHL (2015) von David Ayer.

 

Warum also wird der Kriegsfilm wesentlich kritischer betrachtet und driftet oft in eine Diskussion über Moral ab, die es zwar auch in anderen Genres und Filmen um schreckliche Dinge gibt, aber nie in dieser Konsequenz. Das liegt nur zum Teil daran, dass der Kriegsfilm ein schreckliches und noch dazu reales geschichtliches Ereignis thematisiert. Es geht viel mehr darum, dass es sich bei Krieg auch um ein gegenwärtiges Szenario handelt und Krieg kein geschichtlich abgeschlossenes und bewertetes Faktum darstellt. Wichtiger als Genremerkmale in Sachen Kriegsfilm sind Kontext, Zeit, Haltung und Wirkung.

 

Krieg und Kriegsfilm unterlagen im 20. Jahrhundert einer rasanten technischen Entwicklung. Die Evolution des Medium Films fand in der Zeit der beiden großen Weltkriege statt. Diese haben auch andere Genres beeinflusst, aber der Kriegsfilm wurde wie kein anderes Genre vom Krieg selbst missbraucht. Kriegsfilme sind weitaus mehr zeitabhängig als andere Genres und der Kriegsfilm hatte den Krieg im Vorfeld, währenddessen und danach zu bewerten. Und er tat das auch in unterschiedlichster Form. In den 1920er Jahren gab es beispielsweise relativ wenige Filme über den 2. Weltkrieg. Ein sarkastischer Gedanke und vielleicht nicht wirklich witzig. Aber genau das zeigt die zeitabhängige Wirkungsweise von Kriegsfilmen, Krieg und Film sind gemeinsam gewachsen.

 

 

Inglourisous Basterds

Neben Propaganda, Antikriegsfilm und Kriegssatire kann im Kriegsfilm auch kontrafaktische Spekulation betrieben werden, ohne in Geschichtsrevisionismus zu verfallen – INGLOURIOUS BASTERDS (2009) von Quentin Tarantino.

 

 

Viele Filmgenres behandeln historische Themen retrospektiv. Der Kriegsfilm allerdings wurde selbst zum Werkzeug des Krieges, er hat sich vereinnahmen lassen, während der beiden Weltkriege wurde er als Propagandamittel missbraucht und auch später diente er zur nachträglichen Rechtfertigung und Legitimierung von Kriegen. Ab 1918 und 1945 wurde die Behandlung des Ersten und Zweiten Weltkrieges im Film zwangsläufig retrospektiv geführt, der Krieg galt als abgeschlossen und ging in die Analyse. Doch jeder neue Krieg brachte das alte Dilemma zurück, wie der Film sich dem Krieg zu stellen hat.

 

Propaganda & Antikriegsfilm

 

So ist neben allen Elementen der Filmtheorie, also Genre, Stoff und Inszenierung die Wirkung eines Kriegsfilmes der entscheidende Punkt innerhalb seiner Interpretation. Scheinbar kann es nur zwei Richtungen des Kriegsfilms geben, die des Pro-Kriegsfilms und die des Antikriegsfilms. Ganz so einfach ist es aber eben nicht, denn diese Begriffe sind nicht klar definiert und selbst wenn sie es wären, sie obliegen der persönlichen Auslegung. Zum Bereich Pro-Kriegsfilm gehört sicherlich der aktive Propagandafilm, welcher zum Zwecke der Kriegslegitimation entworfen wurde oder wird. Er beschreibt die Absicht einer Kriegspartei, bestimmt deren Sicht und Ziel, egal ob Propaganda innerhalb der beiden Weltkriege, während des Vietnamkrieges oder des Irakkrieges.

 

 

Propagandafilm

Der Film wurde in Kriegs- wie in Friedenszeiten als Propagandamittel missbraucht – THE BIRTH OF A NATION (1915), U-BOOTE HERAUS (1918), THE BATTLE CRY OF PEACE (1915), ÜBER ALLES IN DER WELT (1941), STUKAS (1941), LADY FROM CHUNGKING (1939).

 

 

Doch das ist nur ein Teilaspekt. Denn jeder unabhängige Filmemacher kann auch in Friedenszeiten Sinn und Unsinn eines Krieges verschiedenartig auslegen. Manchmal aber kommen diese Auslegungen auch nur von Seiten des Publikums oder der Filmkritik. Dann wird ein Film als Pro-Kriegsfilm bezeichnet, wenn die Inszenierung einer Kriegsschlacht heroisierend wirkt, die Richtigkeit des Krieges nicht in Frage stellt oder der Kriegsgegner unpersönlich verzerrt dargestellt wird. Hinzu kommt die bereits genannte Benennung von Action als Unterhaltungselement, die Darstellung von Gleichgültigkeit oder gar Genugtuung in Sachen Kriegsgräuel, der Ausblendung von unschuldigen Kriegsopfern und einer moralischen Selbstbewertung im Positiven.

 

 

Westfront 1918

Einer der ersten echten Antikriegsfilme – WESTFRONT 1918 (1930) von Georg Wilhelm Pabst

 

 

Dem gegenüber steht der Antikriegsfilm und er ist wie der Pro-Kriegsfilm kein Genrebegriff, sondern eine Ablesung. Antikriegsfilme beziehen eindeutig Stellung, gegen den Krieg und jedwede Rechtfertigung. In Antikriegsfilmen gibt es eine unmissverständliche Botschaft gegen den Krieg, aber um das zu erreichen, eine abschreckende Wirkung, ist auch der vermeintliche Antikriegsfilm gezwungen, Aspekte des Krieges so zu inszenieren wie möglicherweise ein Pro-Kriegsfilm, um jenes Ergebnis zu erreichen.

 

Du warst unser Kamerad

Propagandistischer Pro-Kriegsfilm DU WARST UNSER KAMERAD (1949) von Allan Dwan mit John Wayne

KOMM UND SIEH

Der sowjetische Antikriegsfilm KOMM UND SIEH (1985) von Elem Germanowitsch Klimow

 

Das macht beide Begriffe im höchsten Maße uneindeutig. Von Propagandafilmen zu Kriegszeiten abgesehen ist die Auslegung von Pro- oder Antikriegsfilmen widersprüchlich. Francis Ford Coppola, Regisseur des Films APOCALYPSE NOW hat einmal gesagt: “Alle Kriegsfilme sind Antikriegsfilme.”. Man könnte auch sagen, ein Antikriegsfilm muss in erster Linie ein Kriegsfilm sein, um seine Botschaft wirklich zu vermitteln. Und auch vermeintliche Hochgefühle wie Soldatenromantik oder Kameradschaftsgeist sind Kriegsrealität, sie zu inszenieren verlangt Feingefühl, aber nicht automatisch wird aus einer solchen Darstellung ein Pro-Kriegsfilm.

 

 

John Rambo

Vom beklemmenden Heimkehrer Kriegsdrama FIRST BLOOD bis zur Gewaltverherrlichung in RAMBO 2 – DER AUFTRAG und RAMBO 3 – die Figur John Rambo wurde zu einem Zerrbild des Kriegsfilms.

 

 

Die Interpretation von Kriegsfilmen ist ungleich schwerer als die Themen aller anderen Genres, warum ist das so? Weil sich die Ablehnung eines Krieges in den meisten Menschen moralisch fest eingebrannt hat, zu Recht, Krieg ist vollumfänglich abzulehnen. Aber die realistische Beschäftigung mit Krieg in Ursachen und Auswirkungen sind komplexer und alles andere als Schwarz und Weiß. Wenn ein kritisches Argument trifft, dann jenes, dass sich der Kriegsfilm neben seiner Vereinnahmung als Propagandamittel, häufig der Zeichnung von Schwarz und Weiß bedient hat.

 

Im Film liegt es daher nicht am Publikum, die Interpretation wie auch die Faszination ist nicht mit Pro und Contra Krieg allein beschreibbar. Es geht in Sachen Kriegsfilm weniger um eine Stellungnahme des Publikums als um Faszination. Krieg wird zum Fetisch, nicht nur im Film. Es ist die Faszination um Kriegsgeräte oder um Taktiken großer Feldherren. Kinder haben mit Plastiksoldaten gespielt und kleine Panzer ins Hausaufgabenheft gekritzelt, ein anderer sammelt Kriegsdevotionalien, Uniformen gelten als sexy. Nicht jeder, der aus diesen Gründen gern Kriegsfilme schaut, ist ein Kriegsbeführworter. Und somit steht hinter diversen Regisseuren von Kriegsfilmen nicht immer eine Verherrlichung der Materie, sondern ein Fetisch.

 

 

Kriegsfilm

Kriegsfilm als Fetisch – Waffenkult in FULL METAL JACKET, die Uniform als Fetisch (TAKING CHANCE), Heldentum und Technikbegeisterung in TOP GUN, Krieg als Westernabenteuer & die Kriegscoolness der CALL OF DUTY Generation (GREEN ZONE).

 

 

Jener Fetisch hat den Kriegsfilm bis heute zum Teil im Exploitationfilm bewegen lassen, die vermeintlich großen Antikriegsfilme sind in der Minderzahl, weil es eben gar nicht so einfach ist, das treffend zu verstofflichen oder zu inszenieren. Bei Kriegsfilmen sind immer Zweifel gegenüber den Machern im Raum und wenn nicht gegenüber den Machern, dann gegenüber der Nation, aus dem der Film stammt. Auch das ist ambivalent, der US-amerikanische Kriegsfilm über den Zweiten Weltkrieg beschreibt fast immer die Sicht der Kriegsgewinner, der Vietnamkrieg gilt als Trauma und ist größtenteils auch als solches inszeniert, wohingegen Filme über den Irakkrieg wieder kritisch aufgefasst werden können – folgen diese Filme einer Kriegsagenda?

 

 

Kriegsästhetik

Streitbare Kriegsästhetik in APOCALYPSE NOW (1979) von Francis Ford Coppola

 

 

Sehr häufig werden solche Gedanken nur an der Inszenierung festgemacht und führt in ein weiteres Dilemma des Kriegsfilms. Neben Krieg als Fetisch wird Krieg auch häufig ästhetisiert. Das führt zu Diskrepanzen in der Interpretation wie im Fall von APOCALYPSE NOW, der sich einerseits als Antikriegsfilm definiert, wohl aber den Krieg auch ästhetisiert hat, wie die Hubschrauber zu Wagners Ritt der Walküren. Krieg ist ambivalent und Kriegsfilme sind es ebenso. Natürlich hat es Patriotismus und Heldenverehrung gegeben, sie als solche zu inszenieren verlangt Fingerspitzengefühl, teilt die Materie aber nicht automatisch in Pro und Contra. Auch fällt es manchmal schwer, Satire von Kriegspropaganda zu unterscheiden.

 

 

Kriegssatire

Anders als andere Subsparten können auch Kriegssatiren bittere Kriegsfilme sein – SHOULDER ARMS mit Charlie Chaplin (1918), M.A.S.H. (1970), WIE ICH DEN KRIEG GEWANN (1967), WAG THE DOG (1997), BUFFALO SOLDIER (2001) & JOJO RABBIT (2020).

 

 

In Sachen Kriegsfilm scheint es so, als stünde man als Filmemacher in einer moralischen Verpflichtung. Doch ist oft die realistische Darstellung von Krieg und den auch die Fehlinterpretationen und moralischen Schwächen der Figuren ausschlaggebend für seine abschreckende Wirkung. Und diese Fragen sind auch nie gleich zu beantworten, denn jeder Krieg verlangt andere Vorkenntnisse, ist national anders zu interpretieren und nicht auf den ersten Blick moralisch einzuordnen. Schauen wir uns die filmisch wichtigsten Kriegsszenarien ein wenig genauer an und versuchen diese an den moralischen Maßstäben Pro und Anti Kriegsfilm zu bewerten.

 

Im Schützengraben

 

Der erste Kriegsfilm der Filmgeschichte war COMBAT NAVAL EN GRÈCE von Georges Méliès aus dem Jahr 1897, also gut drei Jahre nach Erfindung des Mediums. Jenes Seegefecht in Griechenland behandelte eine Schlacht aus dem Türkisch-Griechischen Krieg von 1897 und war somit sogar ein zeitaktueller Betrag zu einem Kriegsgeschehen. Inszenatorisch bestand der Film aus einer einzigen Einstellung und spielte auf einem Kriegsschiff, zu sehen waren Offiziere und Matrosen, zu hören war allerdings erstmal nichts, denn es handelte sich logischerweise um einen Stummfilm. Aber bereits in COMBAT NAVAL EN GRÈCE gab es kriegerische Schauwerte.

 

 

Kriegsfilme Geschichte

Der erste Kriegsfilm COMBAT NAVAL EN GRÈCE von Georges Méliès (1897), THE FUGITIVE (1910) von D. W. Griffith & THE BATTLE AND FALL OF PRZEMYSL (1915).

 

 

Damals wurde noch gestaunt, denn beide prägenden Weltkriege lagen noch in scheinbar ferner Zukunft. Von überschwänglicher Antikriegsnatur konnte also keine Rede gewesen sein, kriegerische Auseinandersertzungen in fernen Ländern waren zu jener Zeit exotisch für das normale Kinopublikum. Bis zum Vorfeld des Ersten Weltkrieges bestimmten Historienepen mit Kriegshandlungen das Genre, eine gehörige Portion Kolonialromantik, militärische Zackigkeit und gestenhafte Kampfpose.

 

An Vorlagen mangelte es nicht, in Literatur und Malerei fanden sich viele stoffliche und visuelle Inspirationen, den Krieg als Spektakel auch auf die neuartige Leinwand zu bringen. Natürlich war der Begriff Krieg vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kein Fremdwort und der Zuschauer auch nicht völlig ahnungslos, aber der Film ermöglichte ja gerade jene Neuartigkeit, einer solchen Sache wie eben Krieg aus der sicheren Position eines Kinosessels heraus beiwohnen zu können.

 

 

Birth of a Nation

Kriegsfilmklassiker und rassistisches Propagandawerk BIRTH OF A NATION (1915) von D. W. Griffith

 

 

1915 kam der US-amerikanische Film BIRTH OF A NATION von D. W. Griffith in die Kinos, zum einen ein Klassiker des Kriegsfilms von überwältigender technischer Machart, aber ebenso durchzogen von rassistischen Inhalten und fragwürdiger moralischer Rechtfertigung. BIRTH OF A NATION thematisierte die Revolution und den amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865 und legitimierte somit nachträglich diverse Kriegsdenke und Kriegstaten. Aus diesem Grund ist BIRTH OF A NATION mit Sicherheit kein Antikriegsfilm gewesen und leitete bereits den Missbrauch des Films als Propagandamittel ein.

 

 

Westfront 1918

WESTFRONT 1918 (1930) von Georg Wilhelm Pabst

 

 

In den Kriegsjahren 1914 bis 1918 des Ersten Weltkrieges wurde Film zum Teil dokumentarisch wie propagandistisch verwendet, die Übergänge waren fließend. Diverse Filme thematisierten das Leben der Soldaten an der Front, aber auch der dokumentarische Charakter täuschte oft über die Kriegswirklichkeit hinweg bzw. romantisierte sie. Jene Kriegsfilme waren nicht das Werk reflektierender Filmemacher, die Kontrolle über jene Produktionen lagen beim Staat.

 

Wegen der Überpräsenz an Filmen über den Zweiten Weltkrieg sind Filme über den Ersten Weltkrieg rarer und die Sicht auf diesen großen Krieg oft betrübt. Das liegt auch an der Tatsache, dass ein Großteil der Film- und Fotoaufnahmen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur in Schwarz-Weiß vorlagen, das visuelle Gedächtnis also eher abstrakt denn realistisch war. Erst nach dem Krieg entstand innerhalb der Kunst eine thematische Beschäftigung, die allerdings selten neutral war.

 

Die ersten Kriegsfilme nach Ende des Ersten Weltkrieges trugen noch pazifistische Züge, die ob des Schreckens der Kriegsjahre den Krieg verurteilten. Aber das währte nur kurz, denn in Vorbereitung auf den sich abzeichnenden Zweiten Weltkrieg wurden Filme sehr rasch wieder Propaganda und diesmal nutzte man die eigene Interpretation des Ersten Weltkrieges für die nationale Sache.

 

 

The Big Parade

THE BIG PARADE (1925) von King Vidor und George W. Hill

 

 

 

In THE BIG PARADE aus dem Jahr 1925, dem ersten Spielfilm nach Ende des Ersten Weltkrieges, wurde der Krieg zwar realistisch erzählt, allerdings konzentrierte sich der Film auf Soldatenklischees. 1927 gewann der Kriegsfilm WINGS dann den ersten Oscar überhaupt, der Film thematisierte euphorisch die Heldentaten der US-Piloten im Ersten Weltkrieg. Doch nicht alle Filme seinerzeit waren eher Pro Krieg, allen voran IM WESTEN NICHTS NEUES von Lewis Milestone, der 1930 in die Kinos kam.

 

 

Wings 1927

WINGS (1927) von William A. Wellman gewann 1929 den ersten Oscar für den Besten Film.

 

 

Im Unterschied zu früheren Kriegsfilmen fügte IM WESTEN NICHTS NEUES, nach dem Roman von Erich Maria Remarque, etwas wirklich Neues in Sachen Inszenierung hinzu. Als einer der ersten Tonfilme überhaupt bereicherte IM WESTEN NICHTS NEUES den Kriegsfilm um eine entscheidende inszenatorische Ebene – den Ton. Darüber hinaus schilderte und bebilderte der Filmklassiker die Kriegsgräuel um Schützengräben drastisch wie realistisch und schockierte das Publikum. Er bewirkte Abschreckung, eine der wichtigsten Säulen des Antikriegsfilms, der durch Filme wie IM WESTEN NICHTS NEUES und WESTFRONT 1918 begründet wurde.

 

 

Im Westen nichts Neues

Der Antikriegsfilmklassiker IM WESTEN NICHTS NEUES (1930) von Lewis Milestone nach dem Roman von Erich Maria Remarque

 

 

In globaler pazifistischer Bestrebung entstand der Antikriegsfilm aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Obgleich die Menschheit in die neue Eskalation des Kalten Krieges glitt, waren retrospektiv erzählte Filme über beide Weltkriege scheinbar befreit vom Propagandazwang und audiovisueller Anheizung, der Mensch reflektionsfähiger und demütiger. Kriegsfilme, egal ob über den Ersten oder den Zweiten Weltkrieg, dienten als Mahnmal gegenüber jeglicher Kriegsbemühung und konnten symbolisch interpretiert werden. Allerdings spiegelten Kriegsfilme immer die Perspektiven der Kriegsgewinner bzw. der Kriegsverlierer.

 

 

Im Westen nichts Neues 1979

Neuverfilmung von IM WESTEN NICHTS NEUES (1979) von Delbert Mann

 

 

1957 inszenierte Stanley Kubrick den Film WEGE ZUM RUHM mit Kirk Douglas und schilderte das Verheizen von Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu anderen Kriegsfilmen, die mit einer militärischen Romantik spielten, war WEGE ZUM RUHM zudem hochgradig antimilitärisch. Er ging dahingehend weiter als andere Kriegsfilme zuvor, die mögliche Ursachen des Krieges aussparten und den Krieg als isoliertes historisches Ereignis betrachteten.

 

 

Wege zum Ruhm

WEGE ZUM RUHM (1957) von Stanley Kubrick

 

 

WEGE ZUM RUHM befasst ich aber auch mit der Psychologie der Soldaten, dem Gehorsam und der möglichen Befehlsverweigerung. Für einen weiteren Schritt, nach den Ursachen auch die Auswirkungen eines Krieges auf die Figuren zu thematisieren, bedurfte es aber noch einiger Zeit und trat im US-amerikanischen Kino erst mit der Behandlung des Vietnamkrieges auf. Zuvor war es meist so, dass Sieg und Niederlage eines Krieges das Filmende markierte.

 

 

Gallipoli

GALLIPOLI (1982) von Peter Weir

 

 

Das Thema Krieg wurde dementsprechend national völlig unterschiedlich behandelt. Während in den USA, die zu den Kriegsgewinnern des Ersten und Zweiten Weltkrieges zählten, in den 50er und 60er Jahren opulente Schlachtengemälde entstanden, kam es in Deutschland zur großen Kriegsverdrängung im Kino durch eine Flut von Heimatfilmen. Erst durch Bernhard Wickis Film DIE BRÜCKE 1959 über den Zweiten Weltkrieg formierte sich der Antikriegsfilm auch im Nachkriegsdeutschland.

 

 

Erster Weltkrieg im Film

Der Erste Weltkrieg als romantisches Kriegsdrama mit LEGENDEN DER LEIDENSCHAFT (1994) von Edward Zwick und IN LOVE AND WAR (1996) von Richard Attenborough und der überaus realistische Film DER SCHÜTZENGRABEN (1999) von William Boyd (II).

 

 

Insgesamt wurde der Zweite Weltkrieg im Film wesentlich breiter behandelt als der Erste Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg wurde in Filmen wie LAWRENCE VON ARABIEN (1962) und DOKTOR SCHIWAGO (1965) als episches Drama vor Kriegshintergrund inszeniert, in den 70er und 80er Jahren gab es kaum Filme über den Ersten Weltkrieg. Möglicherweise bedurfte es einer gewissen Zeit, um den Ersten Weltkrieg in den Kontext des gesamten Jahrhunderts zu setzen, was erst in den 2000er Jahren präziser gestaltet wurde.

 

 

Obgleich kein Kriegsfilm nimmt sich DAS WEIßE BAND von Michael Haneke den Ursachen beider Weltkriege als Generationskonflikt an und erweitert die historische Interpretation weg von der Isolierung des reinen Kriegsgeschehens. Dem gegenüber entromantisierten Regisseure, mal mehr oder weniger galant, die Sicht auf den Ersten Weltkrieg. Steven Spielberg bediente mit WAR HORSE (2011) zum Teil noch das Klischee und den Pathos, Sam Mendes wiederum gelang es mit 1917, einen beklemmenden Blick in die Schützengräben des Ersten Weltkrieges zu werfen. Wenngleich auch die Psychologisierung der Hauptfigur über weite Strecken nicht greifbar wird, ermöglicht 1917 einen modernen Blick auf den seit über 100 Jahre beendeten Ersten Weltkrieg.

 

 

1917 Sam Mendes

1917 (2019) von Sam Mendes

 

 

Die künstlerische Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges brachte filmische Meisterwerke wie IM WESTEN NICHTS NEUES und WEGE ZUM RUHM hervor, doch jene Filme waren lange nicht so zahlreich wie Werke über den Zweiten Weltkrieg, die neben der realistischen Kriegsdarstellung auch in die Abstraktion driften konnten. Das lag auch an der Fetischierung des Zweiten Weltkrieges innerhalb der Popkultur. Neben ernsten Kriegsfilmen wurde der Zweite Weltkrieg in den 70er Jahren auch ein Objekt des Exploitationfilms und polarisierte durch selbstzweckhafte Gewaltdarstellung und die Ikonisierung diverser Kriegssymboliken.

 

The killin’ Nazi business

 

Im Vorfeld und während des Zweiten Weltkrieges wurde der Film in vielen Nationen als Propagandamittel eingesetzt, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg waren das nun aber weniger dokumentarische Werke, sondern Spielfilme, zudem lernte der Film früh Mechanismen der Täuschung. Vor allem die Nazis wussten den Film in Sachen Storytelling und Symbolik clever zu nutzen, direkt war Kriegspropaganda nie. Das betraf besonders die Produktionen gen Ende des Krieges, die als Durchhaltefilme bekannt wurden.

 

 

Sergeant York

Der Erste Weltkrieg in SERGEANT YORK (1941) von Howard Hawks als psychologische Vorbereitung auf den Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg.

 

 

Aber auch Großbritannien und die USA stimmten ihr Volk mit heroischen wie patriotischen Heldenfilmen, meist angesiedelt im Ersten Weltkrieg, auf den globalen Krieg ein. Der Kriegsfilm brachte neue Schauspielstars hervor, beispielsweise Gary Cooper, der für Howard Hawks SERGEANT YORK 1941 den Oscar bekam. Mal mehr oder weniger propagandistisch dienten dererlei Filme zur psychologischen Vorbereitung auf den Kriegseintritt.

 

Der Kriegseintritt der USA, das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Kapitulation Nazideutschlands veränderte vor allem den US-amerikanischen Film. Auch andere Nationen wurden filmisch für Dekaden geprägt, doch es gab einen großen Unterschied zum Ersten Weltkrieg und auch im Bezug auf künftige Kriegskonflikte. Diese Prägung entstand direkt im Zusammenhang mit Kriegsgewinnern und Kriegsverlierern und beeinflusste die Gestaltung von Filmstoffen bis heute.

 

Für die USA gab es zwei entscheidende Feindbilder des Zweiten Weltkrieges, Nazideutschland und Japan. Während der Krieg gegen Nazideutschland in allen Facetten aus Sicht der Sieger in Filmen inszeniert wurde, war der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor das erste große Kriegstrauma der USA. Egal ob Sieg oder Niederlage, die USA setzten filmisch auf puren Heroismus, als hätten sie den Weltkrieg im Alleingang gewonnen. Andere alliierte Nationen wurden ausgespart, teilweise gar nicht erwähnt.

 

 

Pearl Harbor

Pearl Harbor im Film – VERDAMMT IN ALLE EWIGKEIT (1953) von Fred Zinnemann, TORA TORA TORA (1970) von Richard Fleischer, Kinji Fukasaku und Toshio Masuda & PEARL HARBOR (2001) von Michael Bay

 

 

Neben seiner Karriere als Westernheld wurde John Wayne zum Star des US-amerikanischen Kriegsfilms, bereits 1942 spielte Wayne einen Kommandanten einer Fliegerstaffel im Einsatz gegen Japan in UNTERNEHMEN TIGERSPRUNG. 1949 spielte John Wayne die Hauptrolle in DU WARST UNSER KAMERAD (SANDS OF IWO JIMA), welcher das Hissen der US-Flagge am Ende als filmisches Symbol etablierte, gleichzeitg unverhohlen den US-geführten Krieg als gerechte Sache propagandierte.

 

 

In den 50er und 60er Jahren war es einerseits diese Symbolik, die den Film prägte, aber auch die Fokussierung auf das Militärische. Soldatenschlachten und das sinnlose Sterben an der Front wurden eher ausgespart oder kleingehalten, ins Zentrum rückten Fliegerpiloten oder U-Boot Kapitäne und das Vorzeigen eines eher taktischen, sauberen Krieges. Auch das war bedingt durch eine neue militärische Vormachtstellung der USA, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch weiterhin kriegsführend war.

 

 

Der Längste Tag

DER LÄNGSTE TAG (1962) von Darryl F. Zanuck, Ken Annakin, Bernhard Wicki, Andrew Marton, Gerd Oswald

 

 

Trotz des US-amerikanischen Heroismus waren die Kriegsfilme der 60er und 70er Jahre überaus gut recherchiert und glaubhaft ausgestattet. Auch die Evolution von Filmtechnik trug dazu bei, den Realismus des Krieges im Film sicht- und fühlbar zu machen. Die große Zeit der Kriegsepen, beginnend mit Darryl F. Zanucks Großproduktion DER LÄNGSTE TAG (1962), ließ eine Welle an Schlachtengemälden mit überbordendem Produktionsdesign entstehen.

 

 

Kriegsfilm Exploitation

In den 70er Jahren driftete der Kriegsfilm teilweise in den Exploitationfilm – DIE BRÜCKE VON REMAGEN (1969) von John Guillermin, STEINER – DAS EISERNE KREUZ (1977) von Sam Peckinpah & EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE (das Original zu INGLOURIOUS BASTERDS, 1978) von Enzo G. Castellari

 

 

Nach Beendigung des Vietnamkrieges verschoben sich die Sichtweisen auf den Krieg im Film, weniger aber um Filme über den Zweiten Weltkrieg, der von den USA als einzig gerechter Kriegserfolg angesehen wurde. Doch bis zu einem Revival des Kriegsfilms dauerte es bis in die 90er Jahre, wo sich amerikanische Filmemacher wie Steven Spielberg aufmachten, auch die dunkelsten, unheroischen Seiten des Zweiten Weltkrieges zu bebildern. Nach einer Flut von Exploitationfilmen im den 70ern und einer Fokussierung auf das Militär in den 80ern wurde in den 90er Jahren nun auch das Scheitern von US-Soldaten thematisiert.

 

 

Nach Spielbergs SCHINDLERS LISTE war es vor allem DER SOLDAT JAMES RYAN, der 1998 ein neues Kriegsfilmrevival einläutete. Im selben Jahr startete auch Terrence Malicks Antikriegsfilm DER SCHMALE GRAT, bei der Oscarverleihung gewann die Holocaust Tragikomödie DAS LEBEN IST SCHÖN von Roberto Begnini den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. DER SOLDAT JAMES RYAN und DER SCHMALE GRAT wagten sich an die eher unheroischen Bilder vom Leid der Soldaten in Dreck und Schlamm, bedingt auch durch semidokumentarische Machart und keinerlei Abscheu vor grauenhaften Bildern sterbender “Helden”.

 

 

Der Soldat James Ryan

DER SOLDAT JAMES RYAN (1998) von Steven Spielberg

 

 

Nach 2001, als die Welt und vor allem Amerika in eine neue Kriegsbedrohung durch den internationalen Terrorismus glitt und Amerikas militärische Rolle wieder wichtiger wurde, nahm auch der Patriotismus in Kriegsfilmen wieder zu. Michael Bay inszenierte 2001 den Angriff auf PEARL HARBOR als Liebesfilmepos vor Kriegshintergrund, Clint Eastwood beleuchtete zumindest beide Seiten, die der Amerikaner und die der Japaner, in seine Filmdoppel FLAG OF OUR FATHERS und LETTERS FROM IWO JIMA (beide 2006).

 

Flags of our Fathers

Die US-Sicht auf die Schlacht um Iwojima in FLAGS OF OUR FATHERS (2006)…

Letters rom Iwo Jima

…und die japanische Sicht in LETTERS FROM IWO JIMA (2006), beide von Clint Eastwood.

 

Wenn auch nicht wirklich eine Pro-Kriegsstimmung in den Filmen implementiert wurde, immerhin befand sich die USA ab 2003 im zweiten Irakkrieg und wollte weiterhin Soldaten anwerben, von Antikriegsfilmen waren die neuen Produktionen aber auch weit entfernt. Immer wieder musste im US-amerikanischen Kriegsfilm der Zweite Weltkrieg herhalten, der im Gegenzug zum Vietnamkrieg oder dem Irakkrieg als einzig “gerechter Krieg” angesehen wurde.

 

Der Deutsche Nachkriegsfilm

 

Jede Nation, die im Zweiten Weltkrieg involviert war, hat nach dessen Ende ihre Rolle im Krieg filmisch ausgelotet. Das bedeutete für den Deutschen Film natürlich keine Aufarbeitung des Kriegsgeschehens, vielmehr der schwierige Umgang mit der Täterrolle. Bis zu Bernhard Wickis DIE BRÜCKE 1959, aber auch darüber hinaus, geriet der Zweite Weltkrieg in kollektive Vergessenheit und Verdrängung. Bis in die 60er Jahre war das deutsche Kino von seichten Heimatfilmen und Liebeskomödien bestimmt.

 

 

Die Brücke

DIE BRÜCKE (1959) von Bernhard Wicki

 

 

Mit DIE BRÜCKE inszenierte Bernhard Wicki den wohl bedeutendsten deutschen Antikriegsfilm, er wurde auch für den Golden Globe und den Oscar nominiert. Der Erfolg von DIE BRÜCKE bedeutete aber nicht, dass es für den deutschen Kriegsfilm einfach war, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. In den 50er Jahren rangierten auch Filme wie 08/15 (1954) oder DES TEUFELS GENERAL (1955) ganz oben an der Kinokasse, warfen aber eher einen verklärten Blick auf die Schrecken der Kriegsjahre und wurden teilweise als Kasernenhofschwanks verachtet.

Jene Verklärungen bildet beispielsweise die Rolle des deutschen Soldaten als kleiner Mann innerhalb des Naziregimes, der nicht anders konnte, als zu kämpfen in 08/15, das man neben dem klaren Antikriegsfilm wie DIE BRÜCKE hier von sogenannten “Rehabilitationsfilmen” sprach.

 

Der deutsche Kriegsfilm lag lange zwischen Opferpose und weichgespülter Aufarbeitung, doch es entstanden auch bemerkenswerte Kriegsfilme ohne jene Positionierung wie DAS BOOT (1981) von Wolfgang Petersen oder STALINGRAD (1993) von Joseph Vilsmeyer. Doch generell war und ist es schwierig für den deutschen Film, mit der eigenen Kriegsvergangenheit umzugehen, was man deutlich in der Rezeption von Oliver Hirschbiegels DER UNTERGANG ablesen kann.

 

Stalingrad

STALINGRAD (1993) von Joseph Vilsmaier

 

Die kleinste Veränderung historischer Details aus filmdramaturgischen Gründen wird vor allem beim deutschen Kriegsfilm kritisch betrachtet und sogar als Geschichtsrevision betitelt, mal mehr oder weniger. Aber auch darüber hinaus, so führte die allzu menschliche Darstellung von Adolf Hitler in DER UNTERGANG (2004), gespielt von Bruno Ganz, zu Irritationen und Annahmen einer fehlgeleiteten Identifikationsfläche, die man dem Zuschauer nicht zutraute zu verstehen. Dererlei Gedanken beeinflussten natürlich alle Filmemacher, welche einen Kriegsfilm in Deutschland produzieren wollten.

 

 

Unsere Mütter unsere Väter

UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2013) von Philipp Kadelbach

 

 

Heute ist der Zweite Weltkrieg im Film nicht nur Kriegsdokument, er hat den internationalen Film durch Symbolik und Auslegung grundlegend verändert. Die Nationalsozialisten als Feindbild sind im US-amerikanischen Film nicht mehr wegzudenken. Für die USA als Kriegsgewinner natürlich recht simpel. Doch ganz anders verhält es sich mit der Rolle der USA im Vietnamkrieg.

 

Napalm am Morgen

 

Bis in die 60er Jahre waren US-amerikanische Kriegsfilme ein Erfolg an der Kinokasse. Mit der Friedensbewegung in den 70er Jahren, bedingt durch den barbarischen Vietnamkrieg, wichen propagandistische und patriotistische Züge aus den Produktionen, die klaren Grenzen zwischen Gut und Böse verschwammen. Die Soldaten, die aus Vietnam zurückkehrten, stellten viel mehr Fragen um die Sinnhaftigkeit des Vietnamkrieges, des Krieges allgemein. Die Stimmung innerhalb der Bevölkerung war extrem gegen diesen Krieg aufgeheizt, was auch der Film abbildete und Filmemacher eindeutig positionieren ließ.

 

 

Die durch die Hölle gehen

DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN (1978) von Michael Cimino

 

 

Selbstverständlich gab es auch heroische Filme über den Vietnamkrieg, abermals besetzt mit John Wayne wie DIE GRÜNEN TEUFEL (THE GREEN BERETS, 1968), der Amerikas Einsatz im Vietnamkrieg zu rechtfertigen versuchte. DIE GRÜNEN TEUFEL entstand auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges, als die Amerikaner große Verluste erlitten. Doch erst mit dem Ende des Vietnamkrieges 1975 begann die schonungslose Aufarbeitung des größten amerikanischen Kriegstraumas seit Pearl Harbor.

 

Die grünen Teufel

Der Rassist und Kriegsdienstverweigerer John Wayne im Propaganda Machwerk DIE GRÜNEN TEUFEL (1968) von Ray Kellogg und John Wayne.

Apocalypse Now

Der Antikriegsfilm Klassiker APOCALYPSE NOW (1979) von Francis Ford Coppola

 

In DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN (THE DEER HUNTER) von Michael Cimino aus dem Jahr 1978 wird der Kriegseinsatz zwar nicht grundsätzlich hinterfragt, auch gibt es zum Teil rassistische Tendenzen, aber nie zeigte ein Film vorher die Auswirkungen des Krieges auf die Soldaten nach ihrer Heimkehr. Noch eindringlicher und geradezu unamerikanisch inszenierte Francis Ford Coppola 1979 den Antikriegsfilmklassiker APOCALYPSE NOW um einen Trupp Soldaten in Vietnam, deren Ziel es war, einen wahnsinnig gewordenen US-Colonel zu liquidieren. Der Vietnamkrieg veränderte den US-amerikanischen Kriegsfilm grundlegend.

 

 

Full Metal Jacket

FULL METAL JACKET (1987) von Stanley Kubrick

 

 

Von Kriegstaktik, imposanten Militärfiguren und gefeierten Siegen konnte im Vietnamfilm keine Rede sein, hier regierte Wahnsinn und Gewalt. In den 80er Jahren erreichte die kritische Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg im Film ihren Höhepunkt, beginnend mit Oliver Stones PLATOON (1986) und Stanley Kubricks FULL METAL JACKET (1987). Vor allem FULL METAL JACKET thematisiert neben dem Dschungel-Guerillakampf auch die psychologische Kriegsführung und den wahnsinnigen Drill der Soldaten.

 

 

Oliver Stone Vietnam Trilogie

Die Vietnam Trilogie von Oliver Stone – PLATOON (1986), GEBOREN AM 4. JULI (1989) und ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE (1993)

 

 

Der Vietnamkrieg veränderte die Einstellung der Amerikaner gegenüber dem Krieg, bevor es Filme reflektierten. Jene Filme sind vielmehr ein Zeuge jener Ablehnung gegen den Vietnamkrieg. Oliver Stone setze die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg mit GEBOREN AM 4. JULI (1989) und ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE (1993) fort und schloss so seine Vietnamtrilogie. Obgleich sich der US-Kriegsfilm in den 90ern wieder dem Zweiten Weltkrieg zuwendete, die Auswirkungen des Vietnamkrieges hinterließ Spuren in allen Filmgenres.

 

 

Vor allem die Rückkehr der traumatisierten Soldaten wurde Grundlage für neue Filmfiguren in Filmen wie TAXI DRIVER (Travis Bickle) oder FIRST BLOOD (John Rambo). Der Vietnamkrieg beeinflusste den Horrorfilm (George A. Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD), den Western (THE WILD BUNCH), sogar im Science-Fiction Horrorfilm ALIENS von James Cameron sieht man Parallelen zu den hochbewaffneten Marines im Kampf gegen den unsichtbaren Aliengegner.

 

Für das US-Militär war der Vietnamkrieg auch dahingehend eine Katastrophe, dass sich in den späten 70er und 80er Jahren ungleich schwerer neue Soldaten rekrutieren ließen. Gegen die neue Welle von Antikriegsfilmen wie APOCALYPSE NOW konnte man nichts machen, wozu allerdings das Militär befähigt war, es konnte seine Unterstützung von Filmvorhaben ausschlagen, wenn die Tonalität nicht passte. So erging es schon APOCALYPSE NOW, der vom Pentagon nicht mit Ausstattung und Gefährt versorgt wurde. Ein rigider Code auf Basis des Drehbuches machte es einem Antikriegsfilm unmöglich, Unterstützung durch das Militär zu erfahren.

 

 

Wir waren Helden

Rückkehr der Kriegspropaganda mit WIR WAREN HELDEN (2002) von Randall Wallace

 

 

Andere Filme konzentrierten sich wieder auf heroische Einzelhelden und bewegten den Fokus weg vom Fußsoldaten auf Piloten und Kapitäne, deren Kriegsruf noch intakt schien. So erhielt TOP GUN die volle Unterstützung des Militärs und sorgte auch wieder für Neurekrutierungen innerhalb der Army. TOP GUN kam wie PLATOON 1986 in die Kinos und entfachte durch propagandistisches Kalkül wieder eine Faszination für das Militär, die Krieg als ehrenhaftes Abenteuer versprachen. So pendelten US-amerikanische Kriegsfilme zwischen Verharmlosung, in dem sie Soldaten in Kriegseinsätzen in besserem Licht zeigten und der abschreckenden Wirkung von realistischen Kriegsszenarien, bedingt durch effektvollen Realismus wie in DER SOLDAT JAMES RYAN.

 

“Bist Du im Irak, dann bist Du tot!”

 

Dieses Auf und Ab an Kriegsbegeisterung und Ablehnung war natürlich auch generationsbedingt. Mit dem 11. September 2001, dem Krieg gegen den internationalen Terrorismus und dem Zweiten Irakkrieg gingen große filmische Veränderungen einher, es gab eine neue Bedrohung, aber auch eine neue Generation an Soldaten, die anders geprägt waren. Der Irakkrieg bot eine neue Möglichkeit der filmischen Auseinandersetzung, auch bedingt durch neue Medien wie Videospiele, die Kriegsschauplätze auf den heimischen Fernseher erlebbar machten, gefeiert von einer neuen Generation von CALL OF DUTY Fans.

 

 

Jarhead

JARHEAD (2005) von Sam Mendes

 

 

Mit den Feldzügen in Afghanistan und im Irak gab es auch im Kino einen Wandel des Kriegsfilms. Mit WIR WAREN HELDEN aus dem Jahr 2002 kam es sogar wieder zu einer Heroisierung der Soldaten im Vietnamkrieg, was auch Auswirkungen auf das US-amerikanische Kriegsgefühl hatte. Der Antiterrorkrieg galt wieder als gerechter Krieg und wurde auch im Kino vermehrt hurrapatriotisch und unkritisch gespiegelt. Es gab wieder ein klares Feindbild und auch militärische Anfangserfolge.

 

 

Doch der Irakkrieg war dem Vietnamkrieg nicht unähnlich, das Wüstenterrain war ähnlich schwierig, Selbstmordattentäter waren der Alptraum der Soldaten. Letzten Endes führten militärische Zweifel über die Rechtmäßigkeit des Krieges zu einer ähnlichen Ablehnung, als Soldaten in Leichensäcken zurückkehrten und die Grundlage des Krieges angezweifelt wurde (Massenvernichtungswaffen im Irak). Filme näherten sich den Tatsachen wie Mutmaßungen auf unterschiedlichen Wegen.

 

 

The Hurt Locker

THE HURT LOCKER (2008) von Kathryn Bigelow

 

 

THE HURT LOCKER von Katherine Bigelow aus dem Jahr 2008 erzeugte durch einen dokumentarischen Stil eine inszenatorische Wucht und schildert die Arbeit von Bombenentschärfern im Irak, trotz einiger Kritik in Sachen Authentizität gilt THE HURT LOCKER als herausragender Film über den Irakkrieg. AMERICAN SNIPER (2014) von Clint Eastwood wiederum wurde umso kontroverser aufgenommen. Er schildert die Geschichte des Navy-SEALs Scharfschützen Chris Kyle, auf dessen Konto 160 Tötungen gehen.

 

American Sniper

AMERICAN SNIPER (2014) von Clint Eastwood

Sergeant Rex

SERGEANT REX (2017) von Gabriela Cowperthwaite

 

Kritiker warfen dem Film AMERICAN SNIPER Waffenkult und blinden Militarismus vor. Der vielleicht beste Beitrag zur filmischen Aufarbeitung des Irakkriege stammt wiederum von Sam Mendes (1917) – JARHEAD aus dem Jahr 2005, der im ersten Golfkrieg 1990 spielt und als einer der wenigen Kriegsfilme vor allem das zermürbende Warten auf Befehle und Aktionen thematisiert.

 

 

Sand Castle

SAND CASTLE (2017) von Fernando Coimbra

 

 

Mit Ausnahme von AMERICAN SNIPER allerdings blieb dem Großteil der Filmproduktionen um den Irakkrieg ein Erfolg an der Kinokasse verwehrt, was auch daran liegen kann, dass sich keine klare Botschaft aus dem Irakkrieg ableiten lässt, möglicherweise noch nicht. Denn der Kriegsfilm insgesamt ist immer auch anhängig von der nachträglichen Aufarbeitung, die wie im Fall des Ersten Weltkrieges auch mehrere Jahrzehnte beanspruchen kann.

 

War Never Changes

 

Der Kriegsfilm ist ein ungemein schwieriges Terrain, nicht dass es nicht auch andere schwierige Themen gibt, die im Film polarisiert haben, aber beim Kriegsfilm ist man überdurchschnittlich sensibilisiert. Eine nachträgliche Deutung des Genres ist auch heute noch schwierig, denn zu viele Faktoren beeinflussen das Sujet, das Herkunftsland und seine Geschichte, die Bewertung der jeweiligen Zeit, Generationsfragen, Pazifismus, Fetisch oder Kriegsverherrlichung. Man sieht es deutlich an der Polarisierung der Begriffe Kriegsfilm und Antikriegsfilm, an einer Abscheu vor jeglichem Heroismus und Patriotismus, auch wenn es diese gegeben hat.

 

 

Selbst dieser Artikel ist nicht ganz frei davon. Die Konzentration auf die wichtigsten filmischen Behandlungen der großen Kriege zieht die Frage nach sich, was ist mit all den anderen, nicht genannten Kriegskonflikten und derer Verfilmungen? Sind zu wenig anführende Worte gefallen, das Krieg in allen Belangen verwerflich ist? Ich selbst würde mich auch nicht als größten Fan von Kriegsfilmen bezeichnen, aber ich weiß natürlich um die Wirkung von diversen Filmen, die mich ereilten, aber auch das ist eine Altersfrage. In jungen Jahren sah ich Filme wie PLATOON noch anders, die Wirkung unterscheidet sich mit zunehmender Reife.

 

 

Greyhound

Es wird ihn weiterhin geben, den heroischen Kriegsfilm über den Zweiten Weltkrieg wie GREYHOUND (2020) von Aaron Schneider,…

 

 

Andere Filme wierderum haben mich auch in jüngeren Jahren unfassbar bestürzt wie FULL METAL JACKET oder auch die erste halbe Stunde von DER SOLDAT JAMES RYAN. Vielen ging es so und mir ist auch klar warum, es liegt in der Kraft des Kriegsfilms, im Wissen der grausamen Realität dahinter. Gleichwohl fällt mir aber in der Recherche auch auf, dass es einen getrübten Blick auf den Kriegsfilm als Genre gibt, als hätte der Kriegsfilm eine besondere Verpflichtung. Ein Großteil, vielleicht sogar 90 Prozent aller Kriegsfilme, sind lediglich Actionfilme vor kriegsmilitärischem Hintergrund. Nur selten gelingt es Autoren oder Regisseuren, eine klare Haltung einzunehmen. Kriegsfilme müssen Antikriegsfilme sein, aber das ist nicht so einfach.

 

 

Jojo Rabbit

…aber zum Glück gibt es auch clevere wie bittere Kriegssatiren mit JOJO RABBIT (2020) von Taika Waititi

 

 

Der Kriegsfilm ist keineswegs ein geschlossenes Genre, nicht solange es Kriege gibt. Das Genre Kriegsfilm hat sich eben auch vom Krieg vereinnahmen lassen, missbrauchen lassen, als Propaganda, es ist nicht verwunderlich, sogar geboten, dass man beim Kriegsfilm lieber noch einmal nachfragt, bevor man alles für dokumentiert und faktisch hält. Am Ende schreibe ich häufig, mal schauen, was die Zukunft des Genres noch so bereit hält. In gewisser Weise hätte ich nichts dagegen, wenn das Genre ausstirbt, weil es keine neuen Stoffe mehr gibt, weil es keine neuen Kriege mehr gibt, ein naiver Gedanke. Aber da das illusorisch ist, kann der Kriegsfilm dann wenigstens wichtigste Funktionen erfüllen – hinterfragen, aufklären, aufwühlen, schockieren.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

One Comment

  1. Antworten

    […] Denkens und Handelns wird vielmehr ständig neu justiert. Auf Kriegspropaganda folgte der Antikriegsfilm, filmische Projektionen von Feindbilder erfolgten analog zu historischen Ereignissen, Gewalt und […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de