Die kleine Genrefibel Teil 69: AG Kurzfilm

In der kleinen Genrefibel wird das Klein heute groß geschrieben. Ein Satz voller Mysterien. Oder sollte es besser heißen kurz? Wäre treffender, aber ich bezweifle es, kurz waren die bisherigen 68 Folgen der Genrefibel ja selten. Dennoch geht es heute um die Kürze, denn wir beschnuppern eine Gattung Film, die zwar jedem bekannt sein dürfte, zu der aber die meisten keine so emotionale Verbindung herstellen können wie zum abendfüllenden Spielfilm. Die Rede ist selbstverständlich vom nicht-abendfüllenden Film oder kurz Kurzfilm. Jeder Filmfreund da draußen weiß, Filme gibt es in verschiedenen Längen. Und dann gibt es noch den Kurzfilm. Manche bekritteln, der Kurzfilm sei ihnen zu kurz. Und man muss schon einen Pfiffikus an Filmfan finden, der die Frage beantworten kann: “Nenn mir mal einen tollen Kurzfilm!”

 

Kurzfilme. Dieses Thema scheint einfach und kompliziert zugleich. Was will man über Kurzfilme überhaupt noch sagen, außer dem Umstand, sie seien kurz? Denn da geht’s bereits los, die irrige, aber nicht unbedingt falsche Erkenntnis, Kurzfilme sind zumindest kürzer als “normale” Filme. Es zeigt, dass Kurzfilme irgendwie im Schatten von kommerziell verwertbaren Langfilmen stehen.

 

 

Große Kurzfilmfestivallandschaft Deutschland

 

 

Kurzfilme sind nett und süß, vielleicht mag sie nicht jeder, aber kaum einer mag sie partout nicht, denn dafür erscheinen sie zu harmlos, nicht nachhaltig genug, so geprägt sind wir heute vom Film als durchdeterminierter Cluster, als Lego Technic Baustein für den medialen Setzkasten, der 20:00 Uhr Schiene im Kino und der Gewissheit der Programmslots im TV, dass der TATORT zum Glück knapp vor den Tagesthemen zu Ende ist. Schwein gehabt! Denn Film muss verlässlich sein, planbar sein, nur so wird es zu einem kommerziellen Nutzprojekt mit Mehrwert. Der Kurzfilm hingegen, er macht, was er will. Wie soll man ihn in sein Leben integrieren, wie soll man mit ihm planen zwischen Marvelphasen und Netflixstaffeln? Der Kurzfilm passt irgendwie nicht ins heutige Schema.

 

In aller Kürze

 

Oder gerade doch? Lassen wir erstmal die Polemik und ergründen die Materie streng kulturwissenschaftlich. Kurzfilme definieren sich ausschließlich über ihre Länge. Das scheint Fakt zu sein. Aber das, was wir als kurz wahrnehmen, wird natürlich beeinflusst von der Variable F wie Film, eine Konstante. Denn der Film als solcher wird heute mit dem kommerziellen Film gleichgesetzt. Sagen wir Film, meinen wir Langfilm. Im Vergleich zum Kurzfilm ist der Begriff Langfilm aber weniger schwammig, eher klarer.

 

 

Kurzfilm ist das, was übrig blieb. Am Anfang des Kinos waren alle Filme Kurzfilme.

 

 

Denn Film als Medium ist erstmal gar keiner bestimmten Länge verpflichtet. Film ist Film, egal wie lang. Am Anfang beschränkten technische Limitierungen oder bestimmte Längen an Filmmaterial die Laufzeit eines Films. Am Anfang waren alle Filme Kurzfilme, der Begriff existierte gar nicht. Erst als sich der Film hin zum Langfilm entwickelte und vor allem etablierte, nannte man Filme unter einer bestimmten Länge Kurzfilme. Da der Film im Kino oder später im TV das kommerzielle Geschäft bestimmte, wurde der Langfilm zum Messbecher. Der Kurzfilm wird heute als Sonderform des Film wahrgenommen, aber eigentlich verhält es sich genau anders herum. Der Kurzfilm ist eine wesentlich puristischere Form des Mediums, der Langfilm eher ein Sonderfall.

 

Wenn auch die Länge oder Kürze eines Films ausschlaggebend erscheint, nicht alles lässt sich darauf herunterbrechen. Denn die Länge eines Films entsteht nicht einfach so, sondern ist meist ein Ergebnis von Storytelling. Der Spielfilm hat sich in seine heutige Längenform zwischen 75 und 180 Minuten aus dramaturgischen, aber auch aus marktwirtschaftlichen Gründen heraus entwickelt.

 

 

Der Kurzfilm als Suppenfond: Kurzspielfilm, Animations- und Experimentalfilm, dokumentarischer Kurzfilm, Imagefilm, Werbung & Musikvideo

 

 

Die Art, eine Geschichte spannend zu erzählen, wurde aus dem klassischen Theater übernommen, es gab Akte, es gab einen Anfang, eine sich entwickelnde Handlung, ein Ende, es gab Figuren, Protagonisten, Antagonisten, all das zusammen formte den Langfilm recht schnell und wurde zur Blaupause. Der Langfilm war ein Produkt, ein kommerzielles Produkt, er musste so werden. Der Kurzfilm hingegen unterlag diesen Beschränkungen oder Spezifikationen nicht. Im Gegenteil und zum Glück.

 

Man kann den Kurzfilm über andere Merkmale wesentlich besser klassifizieren, beispielweise seiner Funktion als Unterhaltungs- oder Bildungswerk, seinem Inhalt (dokumentarisch oder Spielfilm) oder aufgrund seiner technischen Machart (Animation oder Realfilm). Plötzlich wird das Bild des Kurzfilms größer. Denn zu Kurzfilmen gehören nicht nur die unbekannten Studentenfilme, die auf Festivals laufen, so ein geläufiges Bild des Kurzfilms. Man kann unter diesen Aspekten alle Arten von kurzen Filmen einbeziehen, auch Werbung, Musikvideos, Beiträge aus Reportagen, Erklärfilme, Nachrichtenmazen, Imagefilmchen.

 

 

 

 

Befassen wollen wir uns heute aber nicht mit Werbung oder Imagefilmen, sondern dem Kurzfilm als künstlerisches Werk, als Träger einer komprimierten Geschichte und Medium der erzählerischen wie gestalterischen Freiheit. Wir haben in der kleinen Genrefibel nie einen Unterschied zwischen Lang- oder Kurzfilmen gemacht, wenn wir Genres oder Themenpaletten abgearbeitet haben. Im riesigen Kaleidoskop an Kurzfilmen weltweit aber fällt es schwer, einzelne Beispiele aufzulisten, weshalb wir eher grundsätzlich an die Materie herangehen. Willkommen in der Arbeitsgemeinschaft Kurzfilm.

 

Gespielter Witz oder 15 Minuten Drama

 

Kurzfilme unterteilen sich je nach Herangehensweise in verschiedene Gattungen. Jene Form, die die meisten Betrachter beim Thema Kurzfilm vor Augen haben, ist der sogenannte Kurzspielfilm. Sein erzählerischer Stil entspricht noch am ehesten dem eines Langspielfilms. In Kurzspielfilmen werden wie in Langfilmen szenische Spielfilmhandlungen erzählt, allerdings in wesentlich kürzerer Zeit. Das heißt nicht, dass ein Kurzspielfilm ein geraffter Langfilm ist, er ist eher szenisch-fokussierter oder pointierter.

 

DINNER FOR ONE (1963)

STAPLERFAHRER KLAUS (2001)

 

Ein Kurzspielfilm kann nicht oder nur selten eine Langspielfilmdramaturgie komprimieren. Das Problem bei dieser Gattung ist allerdings, viele Kurzfilme versuchen das und scheitern. Es scheint logisch, dass man in 15 Minuten nicht DER HERR DER RINGE nacherzählen kann, mit Figurenentwicklung und dramatischer Struktur. Um das zu erzeugen, hat sich der Langspielfilm ja genau dahin entwickelt und pendelt je nach Struktur zwischen 75 und 180 Minuten, 90% davon sind Spielfilme von 90 Minuten Länge.

 

Welche Laufzeiten definieren denn nun Kurz(spiel)filme? Dafür gibt es keine genauen Festlegungen, nur Randbereiche. Der kürzeste Kurzfilm ist möglicherweise ein Werk des niederländischen Fotografen und Regisseurs Anton Corbijn namens KLEINSTE KORTSTE FILM, er dauert nur gut eine Sekunde. Darin beißt Schauspielerin Carice van Houten dem Regisseur selbst in den Finger. Somit handelt es sich laut Definition also um einen extrem kurzen Spielfilm, kein Experimental- oder Animationswerk.

 

 

 

 

Die maximale Länge eines Kurzfilms hingegen variiert durch verschiedene Vorgaben. Am häufigsten werden diese durch die Regularien von Filmfestivals festgelegt. Die Kurzfilmrubriken der Academy of Motion Pictures Arts and Science, die für den OSCAR nominiert werden, definieren einen Kurzfilm mit einer Länge unter 40 Minuten, auf der BERLINALE wird zwischen 15 und 30 Minuten eingeschränkt. Es gibt also keine Verbindlichkeiten genauer Laufzeiten. Ein wenig genauer definiert die französische Filmtheorie die Materie, nach der ein Film zwischen 30 und 40 Minuten als court métrage bezeichnet wird, ein sogenannter mittellanger Spielfilm zwischen 60 und 70 Minuten als moyen métrage und long métrage einen Spielfilm ab 70 Minuten.

 

Die Liebe zum Kurzfilm: HOTEL CHEVALIER (2007) von Wes Anderson

OSCAR-gekrönt: THE PHONE CALL (2013) von Mat Kirkby

 

Der Kurzspielfilm ist von allen Gattungen des Kurzfilms das wohl schwierigste Metier. Denn er muss das erreichen, was auch ein Langspielfilm vermag, eine Geschichte erzählen, möglichst mit Figuren, Entwicklung, Pointe, er muss Emotionen schüren und er muss nachhallen. Klingt einfach, ist aber extrem schwierig. Weil diese Formel, die Langspielfilme heute verwenden, über die Jahrzehnte entwickelt und vom Publikum verinnerlicht wurde. Nicht selten hat das Publikum dann auch diese Erwartungshaltung an einen Kurzfilm. Aber man kann wie gesagt schwer eine Langspielfilmhandlung in einem Drittel der Zeit komprimieren und gleichzeitig jene Dramaturgie auswalzen, die dieser Prägung nachgeht. So sind Kurzspielfilme eher auf einer bestimmten Szene oder Szenerie aufgebaut und schließen in fast jedem Fall in einer Pointe.

 

 

Festivaleditionen auf DVD und Blu-ray

 

 

Das sind zwar immer noch geradlinige Geschichten mit Anfang und Ende, darin können auch alle dramaturgischen Werkzeuge des Storytellings angewandt werden, das Ergebnis aber ist andersfühlig. Ein überaus bekanntes Beispiel für einen solchen Kurzspielfilm ist DINNER FOR ONE aus dem Jahr 1963. Im eigentlichen Sinne ist dieser Kurzfilm ein Sketch. Die TV-Aufzeichnung wurde zum Gassenhauer und zur Blaupause für einen szenischen Sketch bzw. gespielten Witz mit Pointe als Kurzspielfilm.

 

Ein Sketch ist eine dankbare Form für einen Kurzfilm, denn ein Witz ist eine clever geformte Geschichte. Anders sieht das bei eher ernsten, dramatischen Kurzspielfilmen aus, die viel schwieriger zu konzipieren sind in kürzerer Laufzeit. Viele scheitern, weil sie die selben Elemente bedienen wollen, nur weniger Zeit zur Verfügung haben, diese auf Geschichte und Figuren auszurollen. Glücklicherweise ist die kommerzielle Abkapselung des Kurzfilms auch ein Segen, denn das macht aus dem Kurzfilm auch ein Übungsmedium für den Langfilm. Manchmal ist der Kurzfilm Mittel zum Zweck des Ausprobierens, ob etwas filmisch funktioniert oder nicht. Nicht selten ist ein Kurzfilm deshalb auch eine Vorlage oder ein Proof of Concept für einen etwaigen Langfilm.

 

 

Der Kurzfilm als Inspiration und Sprungbrett: BOTTLE ROCKET (1994) von Wes Anderson, LA JETEE (1962) als Vorlage für 12 MONKEYS, ALIVE IN JOBURG (2006) als Vorlage für DISTRICT 9, ELECTRONIC LABYRINTH THX 1133 4EB (1967) als Kurzfilmvorlage für THX 1138, Proof of Concept THE COSTUMER IS ALWAYS RIGHT für SIN CITY, OSCAR-prämierter Kurzfilm 9 (2005) für #9.

 

 

Man tut sich schwer, den Kurzfilm als solchen zu bewerten, wenn in ihm doch mehr Funktionen als seiner selbst willen inneliegen. Kurzfilme sind auch dazu da, einfach gemacht zu werden. Jene, die sich damit an ein Publikum oder eine Jury wenden, müssen sich natürlich anderen Dingen stellen als Filmemacher, die mit der Länge des Mediums experimentieren. Ein Langspielfilm muss immer funktionieren, denn er ist ein kommerzielles Produkt und wenn er nicht funktioniert, dann erfüllt er seinen Zweck nicht. Ein Kurzfilm hingegen scheint frei. Deshalb ist es in diesem Medium auch möglich, filmisch ungemein frei zu agieren.

 

Avantgarde & Daumenkino

 

Das führt zu den anderen Gattungen des Kurzfilms neben dem Kurzspielfilm, vor allem dem Experimentalfilm. Sicher gibt es auch experimentelle Langfilme, aber je experimenteller die sind, desto weniger kommerziell werden sie. Beim Kurzfilm ist das nicht so tragisch, deshalb gibt es in diesem Sektor auch die krudesten und wahnwitzigsten Experimente, die je auf jedwedes Filmmaterial gebannt wurden. Diese Herangehensweise hat sich schon früh etabliert in der Kunst, für die der Film nur ein Trägermedium war.

 

 

Experimenteller Kurzfilm FIELD

 

 

Erste experimentelle Kurzfilme entstanden in den 1920er Jahren und der bekannteste ist wohl EIN ANDALUSISCHER HUND von Luis Buñuel und Salvador Dalí. Das 16-minütige Werk gilt als Meisterstück des surrealistischen Films. Buñuel und Dalí verwenden filmische Materialien eher wie Werkzeuge der Malerei, Techniken wie Montagen und aufeinanderfolgende surrealistische Bilderfolgen und absurde Handlungen führten zu einer Abstraktion, die so nur mit den Mitteln des Films möglich war. Gerade der Experimentalfilm wurde von einer weiteren Kurzfilmgattung bereichert, dem Animationsfilm.

 

 

STEAMBOAT WILLIE (1928) von Walt Disney

LUXO JR. (1986) von John Lasseter / PIXAR

 

 

Geschätzte 90% aller Animationsfilme sind Kurzfilme, die Limitierungen der Länge sind auch dem Entwicklungsprozess verschuldet, denn eine Bild für Bild Animation ist zeitaufwendig und teuer. Auch wenn es heute Animationsfilme wie Sand am Meer zu geben scheint, die Zahl von Animationskurzfilmwerken ist um ein Vielfaches höher, hier gehört jeder Cartoon oder Trickfilmclip mit hinein. Die Animationstechniken wurden dann auch vermehrt im Experimentalfilm eingesetzt oder sogar in Realfilme eingefügt.

 

 

Realfilm- und Animationscrossover in EINE VILLA MIT PINIEN (2016) von Jan Koester

 

 

Neben Kurzspielfilmen, Experimental- und Animationswerken und wilden Kreuzungen derer erscheint die Gattung Tatsachenfilm beinahe bieder. Aber auch ein großer Teil von dokumentarischen Kurzfilmen erfindet eine neue Filmsprache abseits des Mainstreams oder bedient sich Elementen des Experimentellen oder Surrealistischen. Animationen wiederum werden sehr häufig im Bildungsfilm eingesetzt, als audiovisuelle Hilfe oder zur Vermittlung von Zusammenhängen. Imagefilme haben eher informativen Charakter und sind Werbematerialen, Werbung ohnehin, sie werden nicht wirklich als Kurzfilme wahrgenommen, obgleich auch darunter manch aufregendes Filmwerk dabei ist. Eher noch das Musikvideo, das mittels klassischen Storytelling und der Verwendung von Animationswerkzeugen oder surrealen Ideen manch Kurzfilmwerk in den Schatten stellen kann.

 

short was the norm

 

Neben all diesen inhaltlichen und genrespezifischen Aspekten kommt man nicht umhin, über kommerzielle Aspekte des Kurzfilm zu sprechen. Denn diese hängen zum Großteil mit seiner Entwicklung über die Jahrzehnte zusammen. Am Anfang waren alle Filme Kurzfilme und somit gab es diesen Begriff auch gar nicht. In den Filmvorführungen der ersten Lichtspielhäuser waren kurze Filme aufsehenerregend, wie zum Beispiel DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT aus dem Jahr 1896.

 

 

Kurzfilmstationen: Georges Méliès Kurzfilmtraumwelten, surrealistischer Avantgarde EIN ANDALUSISCHER HUND, erster Kurzfilm OSCAR für DER ZERMÜRBENDE KLAVIERTRANSPORT (1932), Hilmar Hoffman, Gründer der Westdeutschen Kulturfilmtage, später Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, das erste Kurzfilmfestival der Welt

 

 

Die Dramatik lag damals in der reinen filmischen Abbildung, nicht in der Manipulation. In den ersten Jahren waren diese Filmchen ein Unterhaltungsprogramm wie auf Jahrmärkten, in Kinos wurden ganze Kurzfilmketten gezeigt. Nach technischer Evolution hat sich der Langspielfilm ab 1910 als kommerzielle Sonderform des Mediums entwickelt. Ab den 20er Jahren entstand eine avantgardistische Kurzfilmbewegung, die den Kurzfilm als eigenständiges Kunstmittel etablierte. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Kurzfilm für Propaganda missbraucht, ab den 50er Jahren fungierte er im Kino als Vorfilm vor dem Langspielfilm.

 

Obgleich der Kurzfilm vom kommerziellen Langspielfilm aus den Kinos verdrängt wurde, als Kunstform wurde er gesondert betrachtet und auch gepriesen. Ab 1932 wurde der OSCAR für den besten Kurzfilm vergeben, die Regularien änderten sich über die Jahre, heute gibt es Kategorien wie Bester Animationskurzfilm und Bester Dokumentarkurzfilm. Doch nicht nur bei den OSCARS wurde der Kurzfilm gefeiert, auf der ganzen Welt sprossen Kurzfilmfestivals aus dem Boden, auch in Deutschland bzw. in Oberhausen, wo ab 1954 die Internationalen Kurzfilmtage das erste reine Kurzfilmfestival der Welt begründeten.

 

 

 

 

Die Kurzfilmfestivals der Welt haben sich zudem auf verschiedene Gattungen spezialisiert, so gibt es reine Animatonsfilmfestvials oder Festivalaufrufe unter speziellen Vorgaben wie die 99Fire-Films-Awards in Berlin, in der Teilnehmer in 99 Stunden einen 99-sekündigen Film produzieren müssen. Wie überall warten auf die Filmemacher Preisgelder und Prestige, oftmals die einzig mögliche kommerzielle Nutzung des Kurzfilmproduktes. Doch die Möglichkeiten haben sich seit den 80er Jahren für Filmemacher auch drastisch verbessert. Mit Beginn des Videozeitalters war es größeren Schichten möglich, günstig Kurzfilme zu drehen. Schluss mit teurem Filmmaterial, auf Video konnte jeder ein echter Regisseur sein oder zumindest so tun.

 

 

 

 

Auch das Aufkommen von Musiksendern wie mtv ermöglichte eine Evolution des Kurzfilms. Doch der Kurzfilm selbst war im normalen Kino nicht mehr existent. Das Fernsehen nahm nur selten Kurzfilme ins Programm, wenn dann wurde man nur auf den Dritten oder auf arte fündig. Warum also taten sich Filmemacher das an, ein unkommerzielles Produkt zu entwickeln? Weil es für viele von ihnen den Einstieg in die Filmbrache überhaupt bedeutete.

 

Die Kurzfilmvisitenkarte

 

Für viele junge Filmemacher ist der Kurzfilm die einzige Waffe im Kampf um den Kinoolymp. Aber nicht nur das. Viele sind beim unbedarften Filmen auch überhaupt erst auf den Geschmack gekommen. Es gab immer diese Projektion vom großen Kino, abgesehen von Künstlern, die den Film selbst als Malwerkzeug verwandten und für die eine Leinwand schon die Leinwand war.

 

Aber die meisten waren geprägt vom Kino und wollten das reproduzieren. Erst wurden die Vorbilder kopiert, dann wurden selbst Geschichten entwickelt. Manchmal aber wurden nur technische Belange fokussiert, Spezialeffekte, Action, bewegte Emotionen in Farbe oder Schwarz-Weiß. Der Kurzfilm kam selten aus Autorenhand, was auch ok war, denn er förderte das Experiment. Doch nicht aus jedem Streiter mit Super8 Kamera oder Camcorder wurde dann auch ein potenter Geschichtenerzähler. Manche aber schon.

 

 

Die Kurzfilmanfänge der Großen: AMBLIN von Steven Spielberg, FREIHEIT von George Lucas, XENOGENESIS von James Cameron, MY BEST FRIEND’S WEDDING von Quentin Tarantino

 

 

Die Welt des Films scheint undurchdringlich, auch ohne Kurzfilme einzubeziehen. Aber in die tiefsten Tiefen des Films kann man nur eintauchen, wenn man auch die Kurzfilmarbeiten heutiger bekannter Regisseure mit einbezieht. Vielen fällt es bereits schwer, einen Debütfilm zuzuordnen. Die meisten Kurzfilmwerke bekannter Filmemacher sind dagegen noch verborgener. Steven Spielbergs Debütspielfilm war DUELL aus dem Jahr 1971, aber bereits 1968 drehte er mit AMBLIN seinen ersten richtigen Kurzfilm mit einem Budget von 15.000 Dollar. Aber was heißt schon richtigen? Bereits seit seinem 8. Lebensjahr filmte Spielberg mit der 8mm Kamera seines Vaters, mit 13 Jahren gewann er mit seinem Kurzfilm ESCAPE TO NOWHERE einen Filmwettbewerb.

 

 

Tim Burtons Kurzfilmwerke THE ISLAND OF DOCTOR AGOR (1971), STALK OF THE CELERY MONSTER (1979), VINCENT (1982) & FRANKENWEENIE (1984)

 

 

Ist das die typische Laufbahn eines Filmemachers, Kurzfilme drehen, die Preise auf Festivals gewinnen, um dann Langfilme machen zu können? Bei Spielberg ist die Sache klar, er war ein Geschichtenerzähler und wollte schon immer Geschichten für viele Menschen entwickeln. Andere Filmemacher treiben eher technische Herangehensweisen an oder das künstlerische Experiment mit dem Medium. Tim Burton bekam als Grafiker bei Disney die Möglichkeiten, Kurzfilme über seine verschrobenen wie stilistischen Figuren und Welten zu drehen. Als Burton Fankommt auch um seine Kurzfilme VINCENT oder FRANKENWEENIE nicht herum.

 

 

THE SHORT FILMS OF DAVID LYNCH (2009, auf DVD)

 

 

Und seit jeher hat David Lynch einen ganz eigenen Zugang zu Geschichten und Filmen und experimentierte damit vor allem stilistisch in seinen ersten Kurzfilmen, die noch surrealere Wundertüten sind als seine Langfilme. Animatoren und Puppenspieler wie Nick Park (WALLACE & GROMIT) oder Adam Elliot (HARVEY KRUMPET) wiederum haben weit mehr Kurzfilme ihrer Puppenfiguren im Portfolio als Spielfilme, weil bereits in 10-Minütern monatelange Arbeit stecken kann.

 

Glücksfall Unkommerzialität

 

Jeder heutige Filmemacher hat Kurzfilme gemacht, deswegen ist eine Aufzählung oder eine Essenz der Besten wegen der Fülle nicht sonderlich sinnig. Wer weiß schon, wie viele Filme es da draußen gibt, geschweige denn erst Kurzfilme. Wenn man Glück hat, findet man die frühen Kurzfilmwerke der großen und kleinen Regisseure allesamt auf YouTube oder etwaigen Quellen.

 

Ist denn mit Kurzfilmen nichts weiter anzufangen? Auch wenn der Kurzfilm wenig kommerziell erscheint, vermarktbar ist er dennoch, beispielweise in Compilations. Es gibt einige Zusammenstellungen nach verschiedenen Betrachtungswinkeln, mal steht eine Retrospektive eines Regisseurs oder einer Firma im Mittelpunkt, mal ist es eine Festivalauswahl.

 

 

Animationsfilm Compilations

 

 

Gar nicht so abwegig war dagegen der Gedanke, aus mehreren Kurzfilm(segmenten) einen abendfüllenden Spielfilm fürs Kino zum Ticketverkaufen herzustellen. Doch kann man dabei streng genommen nicht mehr wirklich von Kurzfilmen sprechen. Es gibt einige Episodenfilme mit in sich geschlossenen Geschichten, doch stehen diese meist unter einem gemeinsamen Thema oder einer Idee. Bekannt ist PARIS, JE T’AIME aus dem Jahr 2006 mit 18 Kurzfilmsegmenten, erst kürzlich wurde der neue Coen Brothers Film THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS auf Netflix veröffentlicht, der ursprünglich eine Anthologieserie werden sollte, nun aber mit fünf Kurzfilmepisoden einen Spielfilmcontainer füllt.

 

 

Horror Anthologien & Shocking Short Film Compilations

 

 

Apropos Anthologiefilme, es ist schwer zu sagen, ob man die Kurzfilmsegmente einer dreiteiligen Anthologie wie KATZENAUGE oder TALES FROM THE DARKSIDE so für sich als Kurzfilme betrachten kann. Sie sind es natürlich, aber ohne das Rahmenkonzept teils ziemlich konzeptlos. Anders sieht das aus, wenn es mehrere und dafür kürzere Episoden werden. Im Fall von THE ABCS OF DEATH war die Vorgabe, 26 Kurzfilme nach allen Buchstaben des Alphabets zu entwerfen. Einige davon hätten sicherlich auch auf normalen Festivals für Furore gesorgt.

 

 

Horrorkurzfilme als Prungbrett fürs Kino: MONSTER (2005) von Jennifer Kent (THE BABADOOK, 2014) & LIGHTS OUT (2013) von David F. Sandberg (LIGHTS OUT, 2016)

 

 

Ohnehin ist im Horrorsektor eine Affinität zum Kurzfilm zu finden, denn dieses Genre eignet sich auch gut für kurze Schockmomente oder makabre Geschichten. Dafür sprechen nicht nur die vielen Anthologien oder Serien wie TALES FROM THE CRYPT, manchmal ist eine schaurige Kurzfilmszenerie der Ursprung für einen Horrorkinoerfolg. So gibt es für die EVIL DEAD Reihe von Sam Raimi einen vorläufigen Kurzfilm namens WITHIN THE WOODS, auch SAW oder MAMA haben ihre Ursprünge in Kurzfilmen.

 

Kurzsüchtig

 

Wie betrachtet man nun den Kurzfilm? Als Gehhilfe für den Langfilm, als Sprungbrett oder als eigenständige Filmgattung oder Genre. Man kann den Begriff Genre hier mal verwenden, denn der Kurzfilm ist über die Jahrzehnte zu einem eigenen Genre geworden, ähnlich der Kurzgeschichte für die Literatur. Für viele ist der Kurzfilm der Beginn einer Filmkarriere, aber wer weiß schon, ob es nicht auch Regisseure gibt, die ausschließlich Kurzfilme gedreht haben und auch nichts anderes wollten.

 

 

Kurzfilmdreh auf Iphone: SNOW STEAM IRON (2017) von Zack Snyder

 

 

Es bleibt bei der Frage, was bringt der Kurzfilm dem Konsumenten. Der ist mit dem Langspielfilm und mit der Serienrevolution ja schon überfordert. Oder sagen wir besser zu stark konditioniert auf Film als Blockschokoladenmassenware. Ein Kurzfilm mag da manchmal nett sein, aber was solls? Man geht doch nicht ins Kino für 15 Minuten. Und wer schaut schon 3sat oder KurzSchluss auf arte. Aber ein Publikum für Kurzfilme gibt es dennoch und zwar Festivals. Für Unerfahrene hat so ein Festival immer so einen abgeschotteten Charakter, der aber gar nicht existiert. Jeder kann auf ein Kurzfilmfestival gehen und Kurzfilme schauen.

 

 

Wenn man selbst mit Film zu tun hat, ist der Kurzfilm kein Buch mit sieben Siegeln. Ich selbst habe dutzende Kurzfilme gebastelt, anfangs noch nicht einmal aus dem Wunsch heraus, sowas mal beruflich zu machen, also Film. Es war die Liebe zum Film selbst und zu Geschichten und Kurzfilme machen war eine Möglichkeit des Ausdrucks. Damals haben wir noch nicht einmal Kurzfilme dazu gesagt, wir haben Filme gemacht. There is no Kurzfilm. Die Liebe zum Kurzfilm blieb, ich arbeite seit zehn Jahren auf dem Filmfest Dresden und bin in diesem Jahrgang sogar in der Auswahljury für den nationalen Kurzfilmwettbewerb.

 

 

Das Kurzfilm Open Air zum Filmfest Dresden

 

 

Für mich gehören Kurzfilme genauso dazu wie alles andere auch beim Film. Eigentlich eine völlig depperte Aussage. Aber viele betrachten den Kurzfilm noch so isoliert. Dabei hat man Dank YouTube und dem Internet nun so vieler Möglichkeiten, alle Arten von Kurzfilmen zu konsumieren. Denn dort ist die Kürze enorm von Vorteil, was das Kopieren und Weiterverbreiten betrifft. Ohne das Internet hätten einige Regisseure ihre Visionen nie auf die große Leinwand bringen können. Wenn sich das Kino und das Fernsehen schon nicht mehr um Kurzfilme kümmern, hier erlangt er einiges an Attraktivität zurück. Der Kurzfilm wird mit Sicherheit nicht mehr zu großen kommerziellen Ehren kommen, aber nie stand es um diese kleine, aber feine Filmkunst so gut wie heute.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de