Die kleine Genrefibel Teil 68: Der Giallo

Der Oktober neigt sich schiefwinklig dem Ende entgegen, die Erwachsenen tollen in Laubhäufen und die Kinder freuen sich auf Halloween. Auch wir in der Wandergruppe muggeln uns mollig warm ein und frönen unser Genredasein im retrospektiven Kaleidoskop. Nachdem wir in letzter Zeit eher grobe Brocken vom Genremassiv abgeschlagen haben, widmen wir uns mal wieder dem feinfühligeren Filetieren der Filmsubsparten. Wenn aus Genres Subgenres werden, verästelt sich das Geflecht an Motiven, Themen, Dramaturgien und Inszenierungen immer feingliedriger und dringt dabei in diverse Nischen vor. Subgenres werden dadurch aber nicht immer puristischer oder simpler, eine echte Nische besteht meist aus vielen unterschiedlichen Versatzstücken der Filmspartenkunst. So auch unser heutiges Thema, ein waschechtes Subgenre mit vielerlei Vorbild und Prägung – der Giallo.

 

 

 

 

Manche Genres oder Subgenres erstrecken sich über die gesamte Lebenszeit des Bewegtbildes vom Jahr 1896 bis heute. Andere Subsparten sind dagegen zeitlich wie örtlich limitiert. Man spricht in diesem Zusammenhang von Wellen oder Phasen. Subgenres entstehen nicht aus dem Nichts, sondern in konsequenter und kreativer Weiterentwicklung bestehender Gattungen. Zeitlich bilden sie damit oft diverse Epochen ab und damit auch politische wie kulturelle Veränderungen. Das gleiche gilt für bestimmte Regionen, Film war zwar eine globale Sprache, aber es gab unzählige Dialekte. Treffen diese Faktoren aufeinander, oft eingeleitet durch einen Kassenerfolg, entsteht manchmal ein neues Subgenre, so auch beim italienischen Giallo zwischen 1963 und 1979.

 

Der Gelbe

 

Der Giallo ist ein spezifisch italienisches Subgenre des Krimis oder Thrillers, er entstand im Jahr 1963 und hatte seine Blüte in den frühen 70er Jahren. In jener Zeit waren gerade die Italiener sehr umtriebig im Genregeschäft und auch international erfolgreich. Das italienische Kino übernahm ab den 60er Jahren viele Motive aus Hollywood, schuf damit aber neue Ausprägungen durch eine eigenen Filmsprache und Stilistik. Der Spaghettiwestern zum Beispiel färbte das eher heroische US-Westernmodel in dunklere Tönen, auch der Zombie- und Kannibalenfilm hatte durch italienische B-Movie Produktionen ein eigenes Gesicht. Aber der Giallo war mehr als nur ein Verschnitt internationaler Genreausprägungen, seine Wurzeln liegen nicht nur im US-amerikanischen Kino.

 

 

Heftromanreihe “Il Giallo Mondadori” mit typisch gelben Einband

 

 

Giallo ist das italienische Wort für Gelb und es bezieht sich auf eine bestimmte Richtung der italienischen Kriminalliteratur, den sogenannten “letteratura gialla”, die “gelbe Literatur”. In Italien bezeichnete man den Krimi salopp als “il giallo”, der Gelbe. Zurück geht das auf den Einband der erfolgreichen Heftromanreihe “Il Giallo Mondadori” in gelber Farbe, einer Krimilesereihe, in der seit 1929 diverse Kriminalromane von Autoren wie Agatha Christie, Edgar Wallace oder Raymond Chandler veröffentlicht wurden.

 

Krimiliteratur wurde bereits ab den 40er Jahren erfolgreich adaptiert, wie THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (1943) von James M. Caine. Ein erstes Subgenre im großen Komplex der “Crime Movies” war der US-amerikanische Film Noir der Jahre 40er und 50er Jahre. Doch im Gegensatz zum späteren italienischen Giallo hatte der Film Noir mehr gesellschaftspolitische Tönung, es ging um ernste Themen wie Prohibition, Drogen oder politische Kabale. In den 60ern wandelte sich der Krimi durch Filmemacher wie Alfred Hitchcock weiter in Richtung Thriller, in dem die Hauptfigur persönlich mit dem Kriminalfall verbandelt war. In Europa war man dem klassischen Detektivkrimi der 40er Jahre noch länger treu, denn er zog nach wie vor ein großes Publikum in die Kinos.

 

 

Die Inspirationsquellen des Giallo: der US-amerikanische Film Noir, Verfilmungen von Kriminalliteratur (THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE 1943), Hitchcocks PSYCHO (1960), der deutsche Edgar Wallace Krimi von Rialto Film und der schwedische Krimi MANNEQUIN IN RED (1958)

 

 

So entstand als Vorstufe des italienischen Giallos ausgerechnet in Deutschland der berühmte Krimi nach Romanen von Edgar Wallace, der auch in der Reihe “Il Giallo Mondadori” verlegt wurde. In den Edgar Wallace Filmen der Produktionsfirma Rialto vereinen sich bereits ein Großteil der Motive des italienischen Giallo – Mordfälle, ein maskierter Killer, Gruselatmosphäre, Pulp und plakative Gewalt. Besonders letzteres war ein Produkt der filmischen Umbrüche und Auslotung der Sehgewohnheiten ab den 60er Jahren, als Gewalt im Kino schick wurde. Das alles, der Detektiv Krimi im Film Noir, die Romane der Reihe “Il Giallo Monadori”, Hitchcocks PSYCHO und die Edgar Wallace Filme ebneten den Weg für den italienischen Giallo.

 

Bevor wir in die eigentliche Geschichte des Giallo eintauchen, gibt es noch weitere Formfragen zu klären. Nachdem die Inspirationsquellen des Giallo gelüftet sind, was aber ist ein Giallo nun genau, nach genrespezifischen, dramaturgischen und inszenatorischen Gesichtspunkten? Genretechnisch ist der Giallo eher ein wildes Crossover. Der klassische Krimi und der moderne Thriller, beide Richtungen haben den Giallo geprägt, puristisch gesehen ist er aber weder das eine noch das andere.

 

Black Leather Gloves

 

In Gialli gibt es immer einen Mordfall, meist müssen gutaussehende junge Damen dran glauben, so weit, so bekannt. Ein Giallo bedient sich auch fast immer des Konstruktes “Whodunnit”, also dem Rätselspaß nach dem Mörder. Das hat er mit dem klassischen Krimi gemein. Aber der Giallo verfügt nicht über eine Detektivfigur im klassischen Sinne, die Hauptfiguren waren meist Unbeteiligte oder Außenstehende, oft waren sie Zeugen des Mordes und gerieten so ins Fadenkreuz der Mörder – was eigentlich ein Element des Thrillers ist. Auch kriminologische und investigative Aspekte waren im Giallo eher nebensächlich, eine klug recherchierte Spur zum Mörder, das gab es im Giallo weniger.

 

Giallos waren also ein zwei Drittel Krimi und Thriller. Sie waren aber auch zu einem Drittel Horrorfilm, was fast ausschließlich auf die Inszenierung zurückgeht. Der Plot war zwar offen für Mystery, möglicherweise für Mystery sogar stilprägend, aber in Gialli finden sich für gewöhnlich keine übernatürlichen Handlungen. Doch das Rätsel wird meist mystisch aufgeladen und befeuert. Inszenatorisch dagegen schlägt der Giallo stark in die Horrorrichtung aus, vor allem wegen der plakativen Darstellung von Gewalt. Gut ausgearbeitete Mordszenen waren in den 60er Jahren im Kino noch etwas Außergewöhnliches.

 

Dass Thrill zu Horror wurde, dafür sorgte auch das Aussehen und Verhalten des Killers. Der Giallo übernahm den maskierten Mörder aus den Rialto Krimis nach Edgar Wallace wie den Frosch mit der Maske und machte ihn noch unheimlicher. Der Maskierte trug oft eine Ledermaske, in jedem Fall aber Lederhandschuhe, er war selten zu sehen, der Zuschauer aber durfte durch seine Augen schauen, wenn er auf Mordjagd ging. Das allein war ein stilprägendes Merkmal auch für den Horrorfilm der kommende Jahrzehnte, die Verfolgerperspektive des Killers und sein Mordwerkzeug zum Beispiel wurde im Slasher reproduziert, die optisch detaillierte Abbildung des Mordes öffnete die Türen des Splatterfilms. Der Giallo war ein deftiges Süppchen aus Krimi, Thriller und Horrorfilm.

 

Die unbeteiligte Hauptfigur im Fadenkreuz des Mörders – PROFONDO ROSSO (1975) von Dario Argento

Psychosexuelle Abgründigkeiten in RED WEDDING NIGHT (1970) von Mario Bava

 

Hinzu kam allerlei Subtext und Symbol. Sex und Erotik waren wichtige Säulen des Giallo, nicht nur für die plakative Außenwirkung, das Zugmagnet für den Erfolg an der Kinokasse, sondern auch für die Psychologisierung der Figuren. Das Mordmotiv war im Giallo fast immer ein psychosexueller Hintergrund, Demütigung, Missbrauch oder krankhafte Veranlagung. Symbole dafür waren wiederum die Mordwerkzeuge und Utensilien des Mörders, die stark in die Fetischrichtung tendierten. Schwarze Lederhandschuhe, phallische Stichwaffen, Strangulationsseile, all das hatte auch einen erotischen Charakter. Der Giallo selbst war nicht sonderlich freizügig, zwar gab es nackte Haut, aber weniger explizite Sexszenen. Es war eher morbide Erotik, der im Vordergrund stand.

 

 

Die Giallo Formel: plakative Gewaltdarstellung, der maskierte Killer, schwarze Handschuhe und Stich- oder Schnittwaffen, reißerische Titel, knallige Farbgestaltung und Beleuchtung, Close-ups und hypnotische Kamerafahrten und Synthie Soundtracks.

 

 

Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Giallo ein echtes B-Movie Subgenre war, kostengünstig und vor allem trivial. Schauwerte standen weit über inhaltlichen Aspekten, trotz der Psychologie und der Symbolkraft war der Großteil der Giallokunst extrem reißerisch, frauenverachtend und überaus exploitativ. Den Subtext des Film Noirs erreichte der Giallo nie. Auch war er manchmal erzählerisch absurd und irrational, manche Szenen völlig überflüssig, unlogisch oder deplatziert. Das Schauspiel war oft übertrieben gestenreich, manche Schnitte konfus und diverse Auflösungen sinnbefreit. Im Vordergrund stand der Unterhaltungswert. Doch noch etwas anderes bestimmte den Giallo.

 

Stilistik war das entscheidende Etwas, was den Giallo formte. Es gab diverse gestalterische und dramaturgische Codes im Giallo. Farbe, insbesondere Rot, wurde prägend für diese Subsparte, besonders die Filme von Mario Bava und Dario Argento bestimmten die Farbgebung in der Hochphase des Giallo. Filmtechnik hatte einen besonderen Stellenwert im Giallo, egal ob Kameraeinstellungen, Kamerafahrten, Farbgestaltung oder Filmmusik. Das Framing war ungewöhnlich bis bizarr, es gab viele Close-ups auf Augen, Mordwerkzeuge oder bestimmte Gegenstände wie Schuhe oder Puppen. Und natürlich waren Sound und Musik Schlüsselelemente des Subgenres, eindringlicher Synthesizereinsatz und surreales Sounddesign waren überaus modern.

 

Liest man diese dramaturgischen und stilistischen Merkmale des Giallo, fragt man sich, wie das alles in einem so kurzen Zeitraum zwischen 1963 und 1979 entstehen konnte. Der Giallo war keine Bewegung oder eine Entwicklungsstudie, sondern er entstand wie so vieles im Film durch eine Handvoll Filmemacher, die jenes Subgenre ob ihrer Herangehensweise formten. Will man die Geschichte des Giallos verstehen, geht kein Weg über die Schöpfer und Erneuerer dieses Subgenres vorbei.

 

Sei donne per l’assassino

 

Den ersten echten Giallo erschuf der italienische Regisseur Mario Bava im Jahr 1963 – LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO, auch bekannt unter den internationalen Titeln THE GIRL WHO KNEW TO MUCH oder THE EVIL EYES. Mario Bava arbeitete früh an einem Filmset, sein Vater war bereits Kameramann und Sohn Mario erhielt nach einigen Assistenzjobs die Möglichkeit, selbst Regie zu führen. Sein erstes eigenes Werk DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT aus dem Jahr 1960 wurde nicht nur in Italien ein Erfolg, der Film wurde für den US-Markt gekauft und geriet zum Hit. Weil Mario Bava mit kleinen Budgets umzugehen wusste und dennoch eine klare Vorstellung von Visualität und Inszenierung hatte, wurde er von Produzenten mit Kusshand unter Vertrag genommen.

 

 

 

 

Aus dem großen Topf an filmischen Inspirationen, den gelben Krimis, dem amerikanischen Film Noir, dem deutschen Edgar Wallace Krimi und dem schwedischen Film MANNEQUIN IN RED schuf Bava 1963 mit LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO den Giallo im Alleingang, zwar noch in Schwarz-Weiß, aber inhaltlich bereits ein echter Giallo. Ein Jahr und zwei Filme später erschien dann Bavas Meisterstück der Giallokunst SEI DONNE PER L’ASSASSINO, auch bekannt als BLOOD AND BLACK LACE oder BLUTIGE SEIDE. Hier konnte Bava seine Vorstellung von Kamera- und Lichtgestaltung in Perfektion umsetzen, BLUTIGE SEIDE gilt als Meilenstein des italienischen Kinos und beeinflusste eine ganze Riege an Regisseuren, es mit dem neuartigen Subgenre zu versuchen.

 

 

BLUTIGE SEIDE (1964) von Mario Bava

 

 

Mehr noch, der Giallo wird auch als Vorstufe des US-amerikanischen Slasherfilms angesehen, der Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre durch Filme wie HALLOWEEN oder FREITAG, DER 13. entstand. Auch dieses Subgenre hat seine Wurzeln im italienischen Giallo. Die Italoproduktionen wurden von US-Produzenten eingekauft und mit mörderischen Titeln in die US-Kinos gebracht. Junge Mädchen, die von maskierten Killern mit Stichwerkzeugen verfolgt und brutal ermordet wurden, das insirierte in jener Zeit auch junge Filmemacher wie John Carpenter, Sean S. Cunningham oder Wes Craven.

 

LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (1963) von Mario Bava gilt als erster echter Giallo

A BAY OF BLOOD (1971) ebnete den Weg des US-amerikanischen Slasherfilms

 

Auch für das Slashergenre stand Bava Pate mit seinem Film BAY OF BLOOD (IM BLUTRAUSCH DES SATANS) aus dem Jahr 1971, der mehr Slasher als Giallo war. Eigentlich hat Bava nur wenige echte Giallo inszeniert, aber allein BLUTIGE SEIDE hat das Subgenre mehr bestimmt als alles danach. Trotzdem gilt nicht Bava, sondern ein anderer Filmemacher als der König des Giallo, weil er die Bava Formel mit eigenen Ideen anreicherte und das Subgenre in den 70er Jahren zum Höhepunkt führte.

 

Der Giallo-Papst

 

 

Ein regelrechter Senkrechtstarter im Horrorfilmbereich war der italienische Regisseur Dario Argento. Gleich sein erstes Drehbuch, in Zusammenarbeit mit Bernardo Bertolucci, für Sergio Leones Westernklassiker SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, hob Argento in den italienischen Filmolymp. Seine Regiedebüt von 1970 L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO (DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE) wurde dann zu einem neuen Höhepunkt der von Mario Bava eingeleiteten Giallowelle.

 

 

Dario Argento

 

 

Mario Bava fungierte als eine Art Mentor für Argento und beeinflusste ihn nicht nur in der Wahl des Subgenres, sondern auch in seiner Stilistik. Aber Argento übernahm nicht nur Bavas Visualität, er streute auch vermehrt US-amerikanische Genreversatzstücke in seine Filme ein wie On-Location Shooting und die Verwendung von Handkameras. Darüber hinaus verfeinerte das visuelle Konzept, extravagante Kamerafahrten und Lichtspiele wurden Argentos Markenzeichen.

 

THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE, in Deutschland als DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE vermarktet, war der Beginn der ersten Giallo Trilogie von Argento, auch bekannt als Tiertrilogie. Im Jahr 1971 folgten rasch DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE und VIER FLIEGEN AUF SCHWARZEM SAMT. Manch Faible von Argento fand man in vielen seiner Filme, beispielweise den Mord mittels zerbrochenem Glas. Auch thematisieren viele seiner Filme die Kunst, insbesondere Malerei. Argento war ein talentierter Bildkompositeur, aber eigentlich nur ein mittelmäßiger Geschichtenerzähler und Drehbuchautor.

 

 

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) von Dario Argento

 

 

Trotzdem waren seine Werke aufsehenerregend. Nach der ersten Giallo Trilogie folgten die Meisterstücke des Subgenres PROFONDO ROSSO (1975) und SUSPIRIA (1977). PROFONDO ROSSO (auch bekannt als DEEP RED) ist handlungstechnisch höchst merkwürdig und ob seiner Humoreinlagen oft unfreiwillig komisch, aber optisch eine wahre Wonne, mit dem genialen Soundtrack der Band Goblin und heftigsten Gewaltspitzen. SUSPIRIA hingegen ist nur inszenatorisch ein Giallo, weil er tendenziell mehr Horrorfilm als Krimi war. SUSPIRIA ist Teil der Mütter Trilogie, ihm folgte 1980 INFERNO und MOTHER OF TEARS aus dem Jahr 2007.

 

PROFONDO ROSSO (1975)

SUSPIRIA (1977)

 

Auch wenn Argentos Werke zwischen paranormalen Horrorfilmen und echten Slashern pendeln, sein Gesamtwerk ist eindeutig im Giallo Sektor angesiedelt. Argento wurde durch seine frühen Filme weltweit bekannt und anerkannt, auch wenn er in manchen Ländern große Probleme mit der Zensur bekam. Heute gilt Argento als Giallo Papst, auch wenn er ab den 90er Jahren nicht mehr an die frühen Erfolge anknüpfen konnte. Aber dafür trägt nicht er die Schuld allein, es ist eher ein Zeichen dafür, dass der Giallo an seine Hochzeit in den 70ern gekoppelt und später schwer reproduzierbar war.

 

Martino & Fulci

 

Durch den Erfolg der Gialli von Mario Bava und Dario Argento machten sich noch eine ganze Reihe anderer Regisseure einen Namen. Das wäre zum einen Sergio Martino, der eine stattliche Anzahl Gialli gedreht hat, darunter auch Klassiker wie DER SCHWANZ DES SKORPIONS oder TORSO (DIE SÄGE DES TEUFELS), in denen es äußerst deftig und visuell betörend zur Sache geht.

 

 

 

Vor allem TORSO aus dem Jahr 1973 hat wie A BAY OF BLOOD von Mario Bava den US-amerikanischen Slasherfilm entschieden beeinflusst. Der sturmmützenmaskierte Killer ist ein direkter Vorfahre von Michael Myers oder Jason Vorhees und TORSO inspirierte auch Eli Roth zu Torture Porn HOSTEL. Wegen seiner Umtriebigkeit im italienischen Horrorfilm gilt Sergio Martino als ebenso talentiert wie Argento, nur schaffte er es leider nie zu einem ähnlichen Bekanntheitsgrad.

 

 

 

 

Natürlich darf auch der Name Lucio Fulci nicht fehlen, obgleich sich Fulci vor allem im italienischen Zombiefilm und als Splatterpapst einen Namen gemacht hat. Doch Fulci hat auch einige sleezige Gialli inszeniert, darunter A LIZARD IN A WOMAN’S SKIN (1971), QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ (1973) und DIE SCHWARZEN NOTEN (1977). Danach gab sich Fulci anderen Subgenres, insbesondere dem italienischen Zombiefilm hin (WOODOO, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL).

 

 

 

 

Mario Bava, Dario Argento, Sergio Martino und Lucio Fulci sind die Namen, wenn es um den italienischen Giallo geht. Daneben haben aber auch Mario Bavas Sohn Lamberto Bava, Umberto Lenzi oder Aldo Lado sehenswerte Gialli inszeniert. Trotz des großen internationalen Erfolges und Einflusses des Giallo verschwand das Subgenre Ende der 70er Jahre fast völlig von der Leinwand.

 

QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ (1973)

A LIZARD IN A WOMAN’S SKIN (1971)

 

Der Hauptgrund lag sicherlich im Niedergang der italienischen Filmproduktion und dem Auftreten neuer Subgenres. Doch damit ist die Geschichte des Giallos noch nicht zu Ende. Das Subgenre hat vor allem im letzten Jahrzehnt eine Metamorphose durchlebt. Mehr noch, die gestalterische Filmkunst des Giallos findet sich auch in ganz anderen Sparten.

 

Die Farbformel

 

Nach 1980 war der Giallo praktisch tot und wurde von anderen Subgenrewellen weggespült, auch in Italien, wo die Filmbranche nicht mehr an die Erfolge der Vorjahrzehnte anknüpfen konnte. Einzig Dario Argento blieb seiner Kunst treu. Dass der Giallo fest an die Zeit der 70er gekoppelt war, zeigt Argentos Versuch, 2009 mit GIALLO einen echten Nachzügler der Sparte zu inszenieren. Trotz Originalrezept blieb der künstlerische und kommerzielle Erfolg aus, mehr noch, GIALLO wirkte albern und ungelenk.

 

 

GIALLO (2009) von Dario Argento mit Adrian Brody

 

 

Der echte Giallo existierte nur zwischen 1963 und 1980. Weil er aber auch in andere Länder exportiert wurde, färbte die Genreformel ab, vor allem in Amerika. Dort liehen sich einige Regisseure das Flair und die visuelle Finesse der italienischen Kollegen für ihre Filme und bereicherten damit bestehende Subgenres wie den Slasher und aber auch den Erotikthriller.

 

Den Anfang machte 1978 der Thriller DIE AUGEN DER LAURA MARS von Irvin Kerhner in Drehbuchzusammenarbeit mit John Carpenter, der sich viel vom Gialloflair lieh. Noch einen drauf setze Brian De Palma 1980 mit DRESSED TO KILL, der eigentlich ein waschechter US-Giallo ist. Die Einflüsse des Film Noir sind zum teil höher, aber davon hat sich der Giallo ja auch bedient.

 

 

 

 

Vor allem weil beim Giallo der Fokus auf Filmtechnik lag, Argentos Farbenspiele in rarem Techicolor, die Fahrten und Kamerawinkel, beeinflusste das die Arbeit anderer visueller Filmemacher. Obgleich kein Giallo steckt beispielweise in BLACK SWAN viel von der DNA des Subgenres, THE NEON DEMON von Nicolas Winding Refn ist unübersehbar von Dario Argento und Mario Bava inspiriert.

 

BLACK SWAN (2010) von Darren Aronofsky

THE NEON DEMON (2016) von Nicolas Winding Refn

 

Stilistisch hat man viel vom Giallo verwendet, die alte Whodunnit Krimi Struktur aber zog nicht mehr sonderlich beim Publikum. Diese Felder besetzten in den 80er und 90er Jahren die Erotikthriller, bis Ende des Millenniums neue Filmemacher vermehrt retrospektiv inszenierten. Junge Wilde wie Tarantino bedienten sich Erzählstrukturen und Filmtechnik vergangener Jahrzehnte und adaptierten sie für ihre Zeit. Grindhousekino, Italowestern, alles kam irgendwie wieder.

 

Während es anderen Subgenres gelang, sich inhaltlich und technisch zu transformieren, blieb dem Giallo nur die Mutation. Eine neue Subform entstand, der sogenannte Neo Giallo. Von technischer Herangehensweise war er ganz Giallo, nur mit moderneren Mitteln. Aber die Liebe für Farben und Blickwinkelspiele blieb erhalten. Reduziert wurde das Inhaltliche, dort, wo triviale Schlitzer und kreischende Frauenzimmer, verworrene Kriminalfälle oder halbgare Psychologiestudien nicht mehr zogen.

 

Neo Giallos wurden zur reinen Sinnesbetörung. Der Neo Giallo reflektiert fast ausschließlich den visuellen Style des Subgenres und verschweigt die eher fadenscheinigen Plots und manch behäbige Erzählform. Der pure Surrealismus wurde zum Triebmotor des Subgenreastest, was nicht heißt, dass dieser nicht faszinierend sein konnte.

 

Neo Giallo Mutazione

 

Als neue Meister dieses Fachs haben sich Hélène Cattet und Bruno Forzani herausgestellt, zwei Franzosen, die den Giallo auf eine neue, fast metaphysische Ebene hoben. Nach dem gefeierten AMER aus dem Jahr 2009 folgte 2013 das Giallospektakel THE STRANGE COLOUR OF YOUR BODY’S TEARS (DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN), der zwar verschroben, aber berauschend wie ein LSD-Trip daherkam. Ihr drittes Werk LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE (2017) hingegen ist ein waschechter Italowestern.

 

 

THE STRANGE COLOUR OF YOUR BODY’S TEARS (2013) von Hélène Cattet und Bruno Forzani

 

 

Auch aus deutschsprachigen Landen gibt es Giallo Verehrer und einige wenige Werke von Neo Giallos, darunter Andreas Marschall mit seinem zweiten Spielfilm MASKS und dem Segment der Horror Anthologie GERMAN ANGST namens ALRAUNE. Beide Filme sind vorzügliche Neo Gialli. Der österreichische Filmemacher Kevin Kopacka zeigte seine Liebe für den Giallo bislang auf zahlreichen Festivals zur Schau, HADES und TLMEA sind surreale Meisterwerke nach alter Giallo Schule.

 

MASKS (2012) von Andreas Marschall

TLMEA (2016) von Kevin Kopacka

 

Auch wenn der echte Giallo nur noch retrospektiv existiert, die visuellen Spielereien der italienischen Filmemacher haben andere Genres immens beeinflusst. In einer relativ kurzen Zeitspanne hat der Giallo den Film verändert, schade dass die italienische Filmindustrie nie wieder wirklich erstarkt ist nach der Genrehochphase in den 70er und 80er Jahren.

 

Im Neo Giallo bleibt die optische Opulenz jener Subsparte erhalten und vielleicht verändert sie sich weiter, wie der Giallo zum Neo Giallo mutiert ist. Versuche, echte Giallo Krimis wieder in die Kinos zu bringen, sind riskante Manöver. Gialli sind zwar trotz technischer Spielereien recht kostengünstig, aber die Plots sind reichlich überholt und ungelenk. Spannend bleibt, wie sich das Remake von Dario Argentos Klassiker SUSPIRIA aus dem Jahr 1977 schlägt, welches Anfang November in den Kinos anläuft.

 

 

SUSPIRIA von Luca Guadagnino (ab 15. November 2018 im Kino)

 

 

Darüber hinaus hat man heute Glück, wenn die alten Indizierungen der Argento Klassiker und einiger anderer nach und nach aufgehoben werden und die alten Schinken schick restauriert wieder in den Handel geraten. Eine großartige Gelegenheit, BLUTIGE SEIDE oder PROFONDO ROSSO in bester Qualität noch einmal zu genießen und sich an der wundervoll altmodischen und doch brillanten Kamera- und Lichtarbeit zu ergötzen, angereichert mit allerlei Leichen, darnieder gestochen vom maskierten Killer.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

 

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de