Die kleine Genrefibel Teil 53: Musik & Tanz

Die OSCARS stehen vor der Tür und der große Favorit bei den 89. Academy Awards heißt LA LA LAND mit 14 Nominierungen, so viele gab es seit TITANIC 1998 nicht mehr. Doch nicht jeder teilt die Euphorie über das Musical von Regisseur Damien Chazelle, im Gegenteil, LA LA LAND wird in den Internetforen reichlich beschimpft und angefeindet. So ergeht es vielen Filmen, die als OSCAR-Bait Dreck verschrien werden, Filme, die sich angeblich der Academy anbiedern, an ein Hollywood, welches wieder einmal nur sich selbst feiert. Doch bei LA LA LAND hat das noch einen spezielleren Grund, denn es ist ein Filmmusical und diese werden von Filmliebhabern leidenschaftlich gehasst. Nun ist LA LA LAND nicht nur ein Musical, es ist die Quintessenz des klassischen Hollywood Musicals schlechthin. Doch viele sehen in LA LA LAND weniger Hommage als Heuchelei, der Film sei völlig unpolitisch, übertrieben kitschig, ein Weichspülkonzentrat, gefährlicher Eskapismus in gefährlichen Zeiten und vor allem – diese unerträglich nervige, klebrige, schmalzbeutelig-triefende Musik!

 

Ja, Filmmusicals haben es im Genrestreichelzoo nicht leicht, sie gelten als braves und kitschiges Kuschelkino, Frauen springen im Dreieck, während sich Männer angewidert wegducken. Niemand hat etwas gegen Musik im Film, gegen Filmsongs und große Musikerleidenschaften. Aber wenn Filmfiguren auf offener Straße plötzlich anfangen zu singen, begleitet von einem unsichtbaren Orchester und die Warteschlange an der Kasse von Woolworth eine komplexe Tanzchoreographie an den Tag legt, erheben sich ganze Heerscharen von Augenbrauenpaaren nach oben, während der Resthabitus mit Würgereflexen ringt. Aktiver Gesang außerhalb der Dusche ist noch immer eine Urangst und der Gipfel der Scham, mit der niemand mehr konfrontiert werden wollte, nachdem man in der 10. Klasse vor seinen Schulkameraden “Morning Has Broken” von Cat Stevens singen musste.

 

 

 

 

Wir wollen uns heute dennoch mit Filmmusicals beschäftigen, aber nicht nur damit. Das Filmmusical verbindet Schauspiel, Gesang, Tanz, Musik und Choreographie und all diese Einzelteile haben den Film schon seit seiner Erfindung 1986 begleitet und geprägt. Das Filmmusical ist in dieser Betrachtung eine Art Filtrat, wir aber beschäftigen uns hier und heute auch mit dem Musikfilm allgemein, mit Tanzfilmen, Musikerbiographien, Konzertfilmen und mit all dem, was Musik und Tanz im Film ausmacht. Mit einer Ausnahme, Soundtracks gehören nicht in die kleine Genrefibel, dazu gibt es später vielleicht mal was Eigenes. Beginnen wir aber mit dem klassischen Filmmusical.

 

Der Ton macht das Muscial

 

Der Begriff Musical ist nicht nur Reizwort, er beschreibt auch ein Genre. Man kann Musicals in zwei Bereiche gliedern, das Bühnenmusical und das Filmmusical. Obgleich Tanz, Gesang und Schauspiel in der Geschichte des Theaters schon immer eine tragende Rolle gespielt haben, formierte sich das moderne Bühnenmusical, wie wir es heute noch kennen, erst in den 1920er Jahren. Zwei Metropolen gelten als Geburtsstätte, der New Yorker Broadway und das Londoner West End. Von dort aus trat das Musical rasch den Siegeszug rund um den Globus an.

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Das Filmmusical entstand in jener Zeit parallel zum Bühnenmusical und das hatte zwei gewichtige Gründe. Zum einen war das Filmmusical ein Resultat aus der Entstehung des Tonfilms, der dieses Genre überhaupt erst ermöglichte. Zum anderen hatte das Filmmusical gegenüber dem Bühnenmusical den Vorteil, schnelle und unkomplizierte Kulissenwechsel zu ermöglichen.

 

In den Anfangstagen des Films war das Medium eine Art Jahrmarktsattraktion. Das Publikum wollte schnelle und kostengünstige Unterhaltung und fand sie im Film in Form von Ästhetik und visuellen Schauwerten, aber auch in der Befriedung von Fernsucht und Traum sowie emotionaler Reaktion wie beim Slapstick. Der Tonfilm konnte nun noch stärker emotionale Reaktionen hervorrufen.

 

BROADWAY MELODY (1929)

Nicht nur Dramaturgie und Storytelling veränderten sich drastisch durch die Einführung des Tonfilms im Jahr 1929, auch Technik und Stilistik wandelten sich. War man auf der Bühne und im Stummfilm relativ frei von technischen Barrieren, schränkte der Tonfilm zunächst ein und erschwerte die Gewerke der Filmproduktion, was man auch auf der Leinwand sah. Die Komposition und Ästhetik des visuellen Stummfilms wich wieder statischer Bildgestaltung, Schauspieler renkten sich im Spiel unnatürlich in Richtung der neuen Mikrofone, alles wirkte steif und wenig lebendig.

 

Doch gerade in der Anfangszeit des Film entwickelte sich die neue Technik rasant schnell. Um 1920 spielten noch Live-Orchester zu Filmszenen. 1921 gab es bereits die erste synchrone Tonfilmaufführung, 1922 den ersten Film mit integrierter Lichttonspur, 1927 erblickte dann mit THE JAZZ SINGER nicht nur der erste Tonfilm das Licht der Welt, sondern auch das erste Filmmusical.

 

Premiere von THE JAZZ SINGER, erster Tonfilm und Musical 1927

THE JAZZ SINGER markierte in der Geschichte des Films einen Wendepunkt, er läutete das Ende des Stummfilms ein und ebnete den Siegeszug des Tonfilms und des Musicals. Integraler Bestandteil des Musicals waren Gesangsnummern, mit denen nun auch Handlung transportiert wurde. Das Publikum begegnete dem Tonfilm anfang mit Skepsis, das betraf aber meist die Dialoggestaltung.

 

Man sah das in den Einspielergebnissen und der kommerziellen Kluft zwischen Stummfilmen und Tonfilmen mit gesprochenen Dialogen. Stand aber Musik, Tanz und Gesang im Filmvordergrund, glich der Kinobesuch eher einer Revueshow, also einer Art Musiktheater oder Cabaret.

 

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In den ersten Filmen gab es noch keine durchgehende Handlung, es war eine Abfolge von (Gesangs)Nummern, woher sich auch der Begriff Nummernrevue ableitete. Auch in Deutschland entstand diese Vorform des Musicals recht früh in den 30er Jahren. Sogenannte Revuefilme waren eine Mischung aus Musical, Operette und Tanzdarbietung und sie boten lose Handlungsfäden, verbunden durch leichtfüßige, immer wiederkehrende Musik- und Tanzeinlagen aus bekannten Gassenhauern jener Zeit. Diese Revuefilme in Deutschland hatten aber nur eine kurze Hochzeit und sie verschwanden wie ähnlich gelagerte amerikanische Produktionen bis 1950 fast vollständig von der Kinoleinwand. Grund dafür war die inhaltliche Weiterentwicklung des Musikfilms oder Musicals weg von der Nummernrevue hin zu einem eigenen Genre mit klaren Strukturen.

 

Revuefilmklassiker: KARNEVAL DER LIEBE (1943) mit Johannes Heesters

Was waren und sind diese Genremerkmale, welche ein Musical auszeichnen? Das Bühnenmusical wie das Filmmusical haben ihre Wurzeln im Musiktheater, so sind auch Filmmusicals lange Zeit wie Bühnenstücke inszeniert worden. Zwar hatte der Film größere visuelle Freiheiten, aber so manches Filmmusical wirkte wie ein abgefilmtes Bühnenwerk. In Musicals ist Musik und Tanz in die Handlung integriert, über Songs und Tanz wird Handlung vermittelt und weitergetragen. Doch diese Form des Gesangs und Tanzes ist arrangiert und choreographiert, was solche Szenen meist unwirklich und träumerisch wirken lässt, mit voller Absicht. So gab es zwischen diesen Szenen durchaus normale Dialoge, doch sobald gesungen wurde, öffnete sich das Szenario hin zu einem Blick in die Seele, in Sehnsüchte und Träume. Musik und Gesang waren ein Ausdruck dafür.

 

Nicht selten waren und sind Musicals reine Starvehikel, die um eine mehr oder minder bekannte Musikerpersönlichkeit gestrickt wurden. So auch THE JAZZ SINGER, in dem der damals bekannte Sänger und Entertainer Al Jolson nach gefeierten Auftritten am Broadway auftrat. In späteren Jahren sollten viele berühmte Musiker als Musicalstars herhalten, von Elvis über die Beatles bis zu Abba. Doch vielmehr definieren sich Musicals aus inhaltlichen und dramaturgischen Aspekten heraus.

 

MARY POPPINS (1964)

DER ZAUBERER VON OZ (1939)

 

Man trifft in vielen klassischen wie auch modernen Musicals auf die gleichen Themen, die nur wenig differierten. So unterscheidet man Musicals in Sachen Dramaturgie grob in drei Richtungen. Das wäre zum einen das “folk musical”, was streng genommen nur eine oberflächliche Zeitreise ist, zu der auch der Revuefilm gehört. Unterschiedlicher in Sachen Figuren und Storytelling waren das sogenannte “fairy tale musical” und das “backstage musical”.

 

Im “fairy tale musical” ist die Traumwelt integraler Bestandteil, in der sich die Realität allerhöchstens spiegelt, ein treffendes Beispiel dafür ist DER ZAUBERER VON OZ aus dem Jahr 1939. Im “backstage musical” hingegen geht es um Selbstverwirklichung, vor allem in der Realität. In den meisten Musicals findet man beide Anleihen, so auch in LA LA LAND. Nicht jedes “backstage musical” muss hinter den Kulissen der Traumfabrik spielen, es bezieht aber die größte dramatische Wirkung aus dem Traum des Protagonisten und seiner Kraftanstrengung, diesen Traum zu erreichen.

 

Dafür findet das Musical durch Musik- und Tanznummern viele Stationen, um die Geschichte voranzutreiben. Im Musical definieren Solosongs der Hauptfiguren meist diesen Traum, vor allem, wenn es um Liebe geht. Das Duett steht für eine Art des Dialogs, es bringt die Liebenden zusammen und definiert ihrer beider Wünsche und Träume. Songs dienen im Musical oft der Selbstreflektion.

 

Das Musical insgesamt tendiert oft in diese Richtung, vor allem das “backstage musical”, welches häufig herhalten musste, um emotionale Geschichten hinter den Kulissen der Traumfabrik zu erzählen. Diesem Traum wird in Musicals oft viel Platz eingeräumt, durch große Gesten und große Gefühle, was das Musical oft konservativ und kitschig wirken lässt. Doch selten ist das so platt wie es scheint, denn hinter dieser Fassade der Selbstverwirklichung, dem Symbol des amerikanischen Traums, verstecken sich auch nachvollziehbar menschliche Schwächen und Defizite, die sich oft zwischen den Gesangszeilen verbergen. All das können Musicals auch als pompöses Korsett benutzen, um im Schleier aus LaLa und Kitsch gesellschaftspolitischen Zündstoff zu verstecken wie in  WEST SIDE STORY oder THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW.

 

Freed Unit Musical Machinery

 

Die Entwicklung des Musicals ging in der Frühzeit des Films rasch den Weg weg von der wenig narrativen Nummernrevue hin zu durchchoreographierten Handlung, deren Bestandteile nun Schauspiel, Dialog, Gesang und Tanz in gleichberechtigten Teilen waren. Die Technik folgte dieser Entwicklung bzw. brachte sie weiter voran und so wichen die steifen Bühnenfilme bald lebendigen Filmmusicals wie THE BROADWAY MELODY oder THE LOVE PARADE von Ernst Lubitsch (1929).

 

Arthur Freed (2. v. l.) mit seiner Freed Unit

Die goldene Ära des Hollywood Musicals waren die Jahre 1930 bis 1950. In diesen Jahren wurden nicht nur Bühnenmusicals adaptiert, sondern es wurden auch eigene Geschichten als Musicals geschrieben und verfilmt. Eine herausragende Persönlichkeit in diesem Genre war Arthur Freed, der für die Metro Goldwyn Meyer eine Vielzahl von Musicalklassikern schrieb und produzierte.

 

Die MGM hatte in diesen Jahren das Musical erzählerisch und ästhetisch auf eine neue Stufe gehoben. Arthur Freed holte Bühnenmusicalarbeiter zum Film, gründete 1939 eine eigene Musicalabteilung bei MGM, die als “Freed Unit” bekannt wurde und produzierte die Klassiker DER ZAUBERER VON OZ (1939), MEET ME IN ST. LOUIS (1944), EIN AMERIKANER IN PARIS (1951), SINGING IN THE RAIN (1952) und GIGI (1958). Niemand revolutionierte das Filmmusical so wie Arthur Freed.

 

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Die Musicals von Arthur Freed und der MGM waren extravagant inszeniert und geradezu verschwenderisch ausgestattet, von starker Farbsättigung geprägt und fast alle waren “fairy tale musical”. Die Struktur des Drehbuches war nun keine Nummernrevue mehr, Dialog, Gesang und Tanz wurden zu einer Einheit.

 

Doch wie viele andere Genres verebbte auch die goldenen Ära der Musicals Ende der 50er Jahre, vor allem aus Kostengründen. Das Musical veränderte sich und nahm noch eine weitere inszenatorische Hürde. Waren die Filmmusicals bislang fast alle Studioproduktionen, wurde ab den 60er Jahren nun vermehrt an Originalschauplätzen gedreht, was technisch herausfordernd war.

 

 

 

Walt Disney

Einen anderen Weg ging der Produzent Walt Disney, der 1939 mit SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE den ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm in die Kinos brachte. Neben Freed ist Disney der zweite große Protagonist des Hollywood Musicals, auch nach seinem Tod 1966 blieb die Firma dem Musical treu und überstand auch die schwersten Zeiten des Genres.

 

 

Doch, von Disney abgesehen, befand sich das klassische Hollywood Musical ab 1950 in einer Krise. Die Produktionen waren teuer und das Publikum war der heilen Märchenwelt langsam überdrüssig. Es lag weniger an Gesang und Tanz als in der völligen Abgekehrtheit von gesellschaftspolitischen Fragen. Doch das Musical in seiner weiteren Evolution war gar nicht so unpolitisch wie sein Ruf. Besonders in den sechziger Jahren wurden vermehrt kritisch reflektierende Musicals Welterfolge.

 

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Eins der bekanntesten und erfolgreichsten Musicals war THE SOUND OF MUSIC aus dem Jahr 1965, welches weltweit 1,2 Milliarden Zuschauer erreichte. Trotz des österreichischen Idylls erzählt der Film auch die Geschichte des Aufstiegs der Nationalsozialisten und dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Ob dieser Thematik wurde der Film in Deutschland in einer Zeit der Verdrängung des Zweiten Weltkrieges kein großer Erfolg, international hingegen prägte er vor allem in den USA das Kitschbild von Deutschland, Österreich und den Alpen.

 

 

In den darauffolgenden Jahren wagten sich Musicals häufiger an ernstere Themen und Hintergründe. Broadwaystücke wurden aufwändig als Film inszeniert und spiegelten auch aktuelle Befindlichkeiten. In WEST SIDE STORY gab es jugendaffine Themen und jede Menge Gesellschaftskritik, OLIVER oder MY FAIR LADY thematisierten Armut und soziale Missstände.

 

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Ende der 60er Jahre wurden Filmmusicals dann auch zum Träger der sexuellen Selbstbestimmung und Revolution wie in CABARET oder THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW. Und das Filmmusical war beständig. THE SOUND OF MUSIC oder THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW liefen täglich und weltweit in diversen Lichtspielhäusern, bis zum heutigen Tag. Das Musical hatte nicht dieses Mindesthaltbarkeitsdatum anderer Filmproduktionen, wie Stücke am Broadway immer und immer wieder vor Massenpublikum aufgeführt wurden, wurden auch Filmmusicals zu Dauerbrennern.

 

 

Hüftgesang

 

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Doch das war vorerst das letzte große Aufbäumen des Filmmusicals, welches zuerst vom realistischen New Hollywood, dann vom Lucas´schen und Spielberg´schen Blockbusterkino an den Rand gedrängt wurde. Anfang der 80er Jahre wurden vor allem wieder Bühnenmusicals erfolgreich, als ein neuer junger Star am Musicalhimmel in Erscheinung trat – Andrew Lloyd Webber. Auf der Bühne feierten Komponist Webber und Texter Tim Rice große Erfolge mit “Cats” (1981), Starlight Express (1984) und “Das Phantom der Oper” (1986). Im Kino hingegen wurde XANADU (1980) ein großer Musicalflop.

 

Einer der Gründe war auch das Aufkommen einer neuen Welle ab den 70er Jahren, es war die große Zeit der Discomusik, in Tanzlokalen wie auch im Kino. Tanz gehörte schon immer zum Musical dazu wie Beschläge am Steppschuh. Der große Erfolg des Tanzfilms SATURDAY NIGHT FEVER (1977), welcher Schauspieler und Tänzer John Travolta berühmt machte, veränderte auch das Musical. Ein Jahr später folgte der Film GREASE mit Travolta und Olivia-Newton John in den Hauptrollen und die Discowelle brach endgültig aus.

 

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Der Tanzfilm und das Musical haben gemeinsame Wurzeln. Die großen Stars des klassischen Tanzfilms waren Fred Astaire und seine Partnerin Ginger Rogers, sie spielten gemeinsam in zehn Filmen und waren ein beliebtes Leinwandpaar. Tanzfilme grenzen sich schwierig von Musicals ab, es gibt im Englischen nicht einmal eine treffende Bezeichnung für den Begriff Tanzfilm. Tanz war integraler Bestandteil des Musicals, aber wurde selten so perfekt choreographiert wie durch Fred Astaire. Erst durch die Discowelle und der Jugend-Popkultur trennte sich der Tanz- vom Musicalfilm.

 

Nicht wenige Tanzfilme spielen im tänzerischen Milieu. Das verbindet solche Geschichten mit dem “backstage musical”, ohne Gesangsnummern zu benötigen. Die Figuren gehen ihrer Selbstverwirklichung nach, streben nach tänzerischem Erfolg und der Erfüllung des ganz großen Traums. So thematisieren viele Tanzfilme den Wettkampf vor oder hinter den Kulissen.

 

John Travolta im Tanzfilmklassiker SATURDAY NIGHT FEVER (1977)

Tanzfilme werden aber auch vornehmlich wegen großer Schauwerte geliebt. Das betrifft vor allem Kostümierung und Tanzchoreographie. Die Ästhetik und die Fühlbarkeit des Tanzes war schon immer ein großer Zuschauermagnet, auch im Film. Tanz war ein Sport und wie dieser auch ein Ausweg aus einer bestimmten sozialen Ungerechtigkeit. Das waren starke dramaturgische Zwänge und Motivationen, die auf den Figuren lagen, was Tanzfilme im allgemeinen recht spannend macht.

 

Der Tanz war vor allem immer ein Kampfbegriff der Jugend. Nur wenige Filme thematisieren klassische Tanzstile und Paare. Der moderne Tanzfilm entwickelte sich aus dem Musical heraus zu Zeiten der Discowelle mit Filmen wie SATURDAY NIGHT FEVER und STAYING ALIVE, mit FAME, FOOTLOSE und DIRTY DANCING, welche ein Millionenpublikum fanden.

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Die Choreographien wurden immer aufwändiger, die Anforderungen immer härter und die Sehnsüchte immer größer. Neben der Schauspielerei und dem Gesang war der Tanz der große Traum von jungen Frauen wie Männern. Ob klassisches Ballet, Hip-Hop oder Streetdance, Tanzfilme sind eine wundervolle Waage zwischen ästhetischer Bewunderung, Anstachelung der Willensstärke, Überwindung von Schranken und gesellschaftspolitischer Trennwände, egal ob arm oder reich.

 

 

STREET DANCE 3D (2010)

 

 

“It’s a little bit funny this feeling inside”

 

Während der Tanzfilm neue Zuschauer in die Kinos lockte, dümpelte das Musical in den 80er und 90er Jahren mehr schlecht als recht vor sich hin. Mit Ausnahme von Disneyproduktionen war das klassische Filmmusical out. Disney produzierte mit OLIVER & CO. einen Zeichentrickfilm in bester Musical Tradition, hatte aber danach auch den Mut, neue Wege in Sachen Musical zu gehen. In den frühen 90er Jahren perfektionierte Disney diesen Stil mit ARIELLE, DIE MEERJUNGFRAU, DIE SCHÖNE UND DAS BIEST und DER KÖNIG DER LÖWEN, die als Zeichentrickfilme und Musicals in einem vor allem Familienunterhaltung waren.

 

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Daneben war kaum mehr Platz für richtige Musicals, denen im Kino das Publikum fehlte. Auf der Bühne war das Musical dank Andrew Llyod Webber erfolgreich, Bahnhofskinos spielten Klassiker wie THE SOUND OF MUSIC und THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW rauf und runter. Aber in einer Zeit von MTV, Rap, Hip-Hop und Techno galt das Hollywoodmusical als Anachronismus.

 

MOULIN ROUGE von Baz Luhrmann (2001)

Das änderte sich aber durch einen Film, der es verstand, neue, zeitgenössische Popkultur und klassisches Musical zu verbinden – MOULIN ROUGE aus dem Jahr 2001. Die Handlung des Films basiert auf den Opern “La Boheme” und “La Traviata” sowie der Operette “Orpheus aus der Unterwelt”, die musikalische Gestaltung der Gesangsnummern allerdings sind Adaptionen von Popsongs wie “Like A Virgin” von Madonna, “Roxanne” von The Police oder “Smells Like Teen Spirit” von Nirvana.

 

MOULIN ROUGE markiert einen wichtigen Wegstein in der weiteren Evolution des Musicals. Der Film leiht sich weniger Teile klassischer Hollywood Musical als zeitgenössischer Videoclip-Ästhetik und überbordender Hindufilm Choreographie. Kein anderes Filmmusical wich bislang so radikal vom Rezept des Genres ab wie MOULIN ROUGE. Die Geschichte jedoch ist ein klassisches “backstage musical” von Traum und Selbstverwirklichung.

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Mehr noch, MOULIN ROUGE hat das Filmmusical revolutioniert und gleichermaßen zu seinen Wurzeln zurück geführt. Der Film erzählt eine einfache Liebesgeschichte, ist aber verzwickt und shakespearesk erzählt, voller Slapstick und Wort-, wie Gesangsgefechten, verschwenderisch ausgestattet, überbordend kitschig und vor allem deshalb so fantastisch, weil er beim Publikum den Gedanken anregte, dass man ein Musical nicht zu ernst nehmen muss.

 

 

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Denn MOULIN ROUGE war so überkanditelt, dass es einem gar nicht mehr unnatürlich vorkam, dass plötzlich alle zu singen anfangen. Das mag Musicalhasser nicht bekehrt haben, aber das Publikum nahm nun Musicals wieder ganz gerne in Kauf, auch weil es nicht wie in den 50ern zu einem Überangebot führte. Zwei Jahre nach MOULIN ROUGE wurde CHICAGO ein großer Erfolg, spielte in den Staaten 170 Millionen Dollar ein und wurde mit sechs OSCARS ausgezeichnet. Großes Interesse galt vor allem den Stars, die alle selbst sangen wie Richard Gere, Catherine Zeta-Jones und Rene Zellweger in CHICAGO.

 

 

LA LA LAND von Damien Chazelle (2017)

Seither kommen in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder große Musicalneuauflagen und Interpretationen in die Kinos. Von MOULIN ROUGE bis LA LA LAND waren sie fast alle retrospektiv geprägt und huldigten das Genre in seiner Inszenierung selbst. Das kann man kritisch sehen, war aber nie das Einzige. Immer wieder gab es Gesangsüberraschungen wie Entsetzen, wenn Russel Crowe in LES MISERABLES zu trällern anfängt, zum Beispiel. Auch war man eventuell irritiert, dass der neue Tim Burton Film SWEENEY TODD sich seinerzeit als waschechtes Musical entpuppte. Aber die hohen Besucherzahlen verraten, Musicals, zumindest im großen Stil, sind durchaus noch gewinnbringend.

 

 

Bollywood Musical DEVDAS (2002)

 

Man denke zum Beispiel auch an den riesigen Hindi-Filmmarkt, der fälschlicherweise immer auf den Begriff Bollywood reduziert wird und in dem Musicals ebenfalls große Kassenschlager sind. Es gibt große Unterschiede zwischen westlichen Musicals und Hindi Sing- und Tanzspektakeln, aber auch Gemeinsamkeiten. Der Bollywood Film wird wie in alten Hollywood Glanzzeiten von einem Star Vehikel getragen und darauf zugeschnitten. Auch die handwerkliche Perfektion erinnert an die legendäre Freed Unit, doch die Inder verstehen ihr Filmhandwerk nicht in Anlehnung an Hollywood und mögen auch den Begriff Bollywood nicht wirklich.

 

 

 

In den letzten Jahren ist dann das Filmmusical auch öfter zu seinen Bühnenwurzeln zurückgekehrt, manche Beispiele mag man nicht für möglich halten. TANZ DER VAMPIRE, DER KÖNIG DER LÖWEN, SISTER ACT oder ROCKY fallen einem da ein, letztere sind stofflich sogar gut als Musical adaptierbar. Aber auch RE-ANIMATOR, THE EVIL DEAD oder CARRIE haben es vom Film auf die Musicalbühne geschafft. Schaurig. Apropos schaurig, ein weiteres Subgenre, so es das gibt, in jedem Fall gibt es einen schönen Sammelbegriff dafür, ist das Grusical.

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Bereits THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW trug den Horror im Namen und hatte neben Sex, Revolution und Trash auch gepflegten Grusel zu bieten, auch abseits der Songs. DER KLEINE HORRORLADEN ist ein Glanzstück eines Musicals, aber erst TIM BURTONS NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS brachte das Grusical in neue Richtungen, von der auch moderne CG-Animationsfilme profitiert haben. Legendär ist zudem die Folge ONCE MORE WITH FEELING aus der Serie Buffy, dessen Soundtrack bis in die Top 10 der Charts stieg.

 

SWEENEY TODD von Tim Burton (2007)

Irgendwie kann man aus jedem Stoff ein Musical zaubern, es bedarf nur einer starken Geschichte und immenses Regiehandwerk. Klingt einfach, ist aber teuflisch schwer. Musicals sind, was Timing, Choreographie, Kameraarbeit, Komposition, Sound Bearbeitung und Schnitt betrifft, eigentlich alle Gewerke des Films, so etwas wie die handwerkliche Königsdisziplin. Aus diesem Grund werden Musicals wie LA LA LAND zumeist auch mit Nominierungen und Preisen überschüttet. Musicals sind mehr als nur peinliches Gesinge auf offener Straße, sie sind technische Meisterwerke, die meist zu Unrecht auf den Gesang und die vermeintlich freudig-naive Botschaft reduziert werden.

 

 

Clips & Concerts

 

 

Die fiktive Band Stillwater in ALMOST FAMOUS (2000)

Mit LA LA LAND ist das Musical mal wieder mitten im Scheinwerferlicht. Aber es gibt noch so viel mehr über Musik im Film zu sagen. Nicht jeder Musikfilm ist auch gleich ein Musical. Der Musikfilm hat nicht nur Musikgeschichte analog zur Filmgeschichte portraitiert, Musik wurde zur gesellschaftlichen Stimmgabel, angefangen von den Portraits großer klassischer Musiker und Komponisten bis hin zu zeitgenössischen Popmusikern, mit denen wir uns bereits in der Kleinen Genrefibel Teil 43: Biopic beschäftigt haben. Musik nimmt in Musikerportaits eine andere Erzählebene ein, Musik ist in diesem Bereich thematisch stark mit der Handlung verknüpft, auch ohne direktes Storytelling über Songs und Tanzeinlagen.

 

 

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Doch neben Individualismus bildete der Film auch ganze Musiksparten ab oder machte sich ihrer Kraft zueigen. Der Jazz hatte großen Einfluss auf den frühen Film, bis der Rock ´n Roll das Zepter übernahm. Rockmusik auf der Bühne war einem Musical nicht unähnlich, es war theatralisch, voll großer Gesten, die meisten Rockmusiker hätten auch große Musicalstars sein können.

 

Dass auch ein Rockmusical funktioniert, beweist der Film ROCK OF AGES mit Tom Cruise. Doch beim Musikfilm geht es nicht nur um Musik, es geht auch oft um das Business selbst, welches einen ähnlichen Glamourfaktor hatte wie die Filmindustrie. So ist es nicht verwunderlich, wenn sich genauso viele Musiker als Schauspieler versucht haben wie umgekehrt. Das ist in beiden Fällen nicht immer gut gegangen. Eine herausragende Persönlichkeit möchte ich aber gesondert hervorheben, wenn es um die Verquickung von Musik und Film geht und zwar den King of Pop Michael Jackson.

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Michael Jackson war ein begnadeter Musiker und Entertainer, er hat aber auch in der Filmwelt übergroße Fussspuren hinterlassen. Seit Kindesbeinen stand er auf der Bühne und trat bereits 1978 in dem Musical THE WIZ neben Diana Ross als Vogelscheuche auf. Als Anfang der Achtziger Jahre der Sender MTV Musikvideos populär machte, nutzte Michael Jackson dieses neue Medium, um fulminante Visualisierungen seiner Musik schaffen. 1983 drehte er mit Regisseur John Landis (BLUES BROTHERS) einen Meilenstein in der Geschichte des Musikvideos – “Thriller”.

 

Michael Jackson arbeitete mit Francis Ford Coppola, Effektpionier Stan Winston und Spike Lee, er engagierte große Regisseure für seine aufwändigen Musikvideos, die in Sachen Special Effekts, Ausstattung und Inszenierung großen Blockbustern in nichts nachstanden. Der Spielfilm MOONWALKER aus dem Jahr ließ sich dabei noch nicht einmal in eine Schublade stecken, er war Musikvideo, Spielfilm, Konzertfilm und Collage in einem, eine bis dahin völlig neuartige Sache.

 

MOONWALKER (1988)

MOONWALKER ist als Filmwerk eine Anomalie. Besteht die erste Hälfte noch aus einem Zusammenschnitt mehrerer audiovisuell betörender Musikvideos und Livemitschnitte, erzählt der zweite Teil des Films eine naive, aber charmente Sci-Fi-Heldengeschichte, mit Joe Pesci als Fiesling Frank Lideo, einer feschen Transformers Verwandlung, verrückten Stop-Motion Tricks und natürlich jeder Menge Pathos. MOONWALKER wirkt heute etwas antiquiert, aber 1988 war Jacksons Film ein Effektfeuerwerk sondersgleichen.

 

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MOONWALKER war möglicherweise auch der ersten Konzertfilm, der sich durchaus von einem Konzertmitschnitt unterschied. Wenngleich ein Konzertfilm keine Spielfilmhandlung im engeren Sinne vorweist, verfügte er doch über eine eigene Dramaturgie und Narration. Einige große Regisseure wie Martin Scorcese haben Konzertfilme gedreht, andere Regisseure haben sich mit aufwändigen Musikvideos einen Namen gemacht (David Fincher, Tim Burton, Michael Gondry, Tarsem Singh, Spike Jonze) und drückten dem jeweiligen Musikvideo damit ihre persönliche Handschrift auf.

 

“Es müsste immer Musik da sein…”

 

Doch der Film thematisierte nicht nur reale Musiker und ihr Werk. Dem Rock ´n´Roll folgte der Rap, der Hip-Hop, Techno, Grundge, jedes Jahrzehnt hatte ihren musikalischen Einfluss auf den Film und Geschichten wurden nicht nur über real existierende Protagonisten des Musikbusiness erzählt.

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Im Grunde ähneln Filme über Musikleidenschaft im Privatleben oder Beruf den Themen vieler Musicals oder auch denen des Tanzfilms, es sind Geschichten über Figuren mit großen Träumen und Selbstverwirklichungstrieb. Geschichten über Musiker sind spannend, selbst wenn kein Talent vorhanden sein mag, die Leidenschaft begeistert und lässt einem Mitfiebern.

 

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Von FLORENCE FOSTER JENKINS, die keinen gerade Ton herausbrachte, sich aber für eine begnadete Opernsängerin hielt über alten Tage eines heruntergekommenen Countrystars in CRAZY HEART bis zu WHIPLASH von LA LA LAND Regisseur Damien Chazelle über einen Konzertschlagzeuger, die Geschichten und Figuren bewegen durch ihren Traum.

 

 

Denn mit Musik verhält es sich wie mit Sport, der eigene Ehrgeiz lässt einen wachsen und deshalb sind Musikerfilme und Sportlerfilme gar nicht so verschieden. Musik ist aber nicht immer Wettkampf, es war auch immer Ausdruck einer Generation und hat damit auch die Tonailtät des Films beeinflusst. Der Film hat sich mit diesen Entwicklungen befasst, weil Autoren und Filmemacher niemals unbeeinflusst von Musik waren. Der Rap hat den Film immens geprät, er wurde zur universellen Filmsprache.

 

8 MILE (2002)

 

Andere Musikrichtungen haben Begleiterscheinungen thematisiert. Der Drogenfilm ist stark verknüpft mit Musik, egal ob psychodelisch oder ekstatisch, Filme über Techno oder Rave sind auch immer Studien über Rausch und Sucht. Letzten Endes hat sich so gut wie jedes Musikgenre irgendwann im Film wiedergefunden, von Big Band, A Capella Combo, Country über Disco, Grundge bis zum Electro. Denn im Musikerleben steckt viel Dramatik, was selbst Musikdokus spannend und aufregend macht.

 

 

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Musicals, Musikfilme, Tanzfilme, Musikvideos, Konzertfilme, Biopics, die Liste an Subgenres, die Musik thematisieren oder stilisieren, ist so lang wie das Köchelverzeichnis. Einzig einen visionären Blick in die Zukunft der Musik blieb der Film bislang schuldig, mich würde brennend interessieren, welchen Stellenwert Musik in der Zukunft hat. Vielleicht gibt es da noch Potential für den Science-Fiction Film. Aber es ist wohl schwierig, sich zukünftige Musikgenres auszudenken, in Zeiten des Rock ´n Roll hätte auch niemand den Techno vorhersagen können.

 

 

Damit verlassen wir die große Bühne des Musikfilms in all seinen Spielarten. Wenn am Sonntag die OSCARS verliehen werden und der Favorit LA LA LAND den OSCAR für den besten Film gewinnen sollte, beweist das klassische Musical wieder einmal, dass es noch lang nicht ausgedient hat. Das mag Musicalverächter nicht umstimmen, die der Meinung sind, gesungen werden darf nur allein im Auto oder unter der Dusche. Sollen sie doch. Wir trällern weiter “Hoch auf dem gelben Wagen”. Bis dahin!

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de