Die kleine Genrefibel Teil 17: Big Ensemble

In heimischen Lichtspielhäusern ist soeben der Film AMERICAN HUSTLE angelaufen, GOLDEN GLOBE Gewinner und mit zehn Nominierungen auch heißester OSCAR-Kandidat, bzw. ein Favorit für die seltene Chance auf die Big Five, also Bester Film, Regie sowie sämtliche Darstellerrubriken. Deswegen ist AMERICAN HUSTLE  auch ein gutes Beispiel für ein missverständliches Auffassen von Figurenhierarchien in Filmen. Ich erinnere mich an Diskussionen um die Differenzierung von Haupt- und Nebenrollen in einen Film, was eine Nebenrolle ist, wie groß diese sein kann, darf, muss oder nicht. „Der Joker ist doch keine Nebenrolle!!!“ wird häufig skandiert. Im Grunde gibt es eine einfache Antwort, Nebenrolle ist in dem Fall nur eine vereinfachte Übersetzung, der Terminus „supporting actor“ ist treffender, die unterstützende Rolle im Bezug auf die Hauptfigur/en. Die kann durchaus als zweite Hauptrolle fungieren, in jedem Fall macht sich eine supporting role oder Nebenrolle nicht an Screentime oder Dialoganteil fest.

 

 

Abgesehen von der hinreißenden Jennifer Lawrence und von Jeremy Renner gibt es drei gleichberechtigte Hauptfiguren in AMERICAN HUSTLE.

 

Was es zusätzlich ein wenig verkompliziert, ist der Umstand, dass die Figuren in AMERICAN HUSTLE nicht groben Schablonen von Hauptcharakteren oder Nebencharakteren entsprechen, sondern in nahezu gleichberechtigter Weise agieren. In einem solchen Fall spricht man von einem sogenannten Ensemblefilm. Das ist im Grunde kein Dramaturgengeheimnis, aber der Begriff Ensemblefilm bedeutet mehr als nur ein Film mit einer Anzahl von gleichberechtigen Figuren größer oder gleich drei. Ist das überhaupt so, kann man das verarithmetisieren?

Filme, die nur eine Figur besitzen, gibt es meiner Meinung nach überhaupt nicht. Es liegt in der Beschaffenheit des Medium Films, dass man ohne technische Hilfe (z.B. Voice Over) das Innenleben eines Protagonisten nur schwerlich mit einer Kamera abbilden kann. So man in einem Roman die Möglichkeit hat, als Autor die Gedanken- und Gefühlswelt einer Figur durch das geschrieben Wort auszudrücken, kann man das im Film nur über den visuellen Weg, durch die Mimik und Gestik des Schauspielers, vor allem aber durch sein Handeln.

 

Durch Handeln entsteht Handlung. Ein Robinson Crusoe würde in dem Fall stundenlang in der Pampa hocken und aufs Meer starren, Widersprüche, Zweifel, Ängste, all das spielt sich in seinem Kopf ab und ist nicht belichtbar. Im Fall von CAST AWAY mit Tom Hanks fungiert hier Wilson, ein Volleyball, als unterstützende Figur, die zum Spiegel für die Hauptfigur Chuck wird. Eine Figur wird zwar durch ihr eigenes Handeln charakterisiert, das Innenleben der Figur wird aber erst durch eine andere Figur sichtbar, herausgelockt, gereizt und herausgefordert – Held versus Bösewicht, boy meets girl, Mörder und Opfer, Räuber und Gendarm.

 

Filme wie MAGNOLIA, TRAFFIC oder RESERVOIR DOGS besitzen unglaubliche viele Figuren, die zum größten Teil gleichberechtigt nebeneinander agieren. Sie werden als Ensemblefilm bezeichnet, andere werden das nicht. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Ensemblecast oder All-Star-Cast, was sich häufig auf ein geballtes Auftreten von bekannten Schauspielern bezieht.

 

 

Die Gemeinschaft der Gefährten in LORD OF THE RINGS

 

Ein Ensemble ist aber mehr als nur ein Haufen Akteure, ein Ensemblefilm, eine dramaturgisch schlüssige Figurengroßkonstellation, ist eine der größten Herausforderungen für Autoren und Stoffentwickler. Zudem kann man an den Begriff Ensemble auch ganz naiv herangehen und hinterfragen, in welchen Genres ist ein Figurenensemble leicht zu konzipieren, in welchen schwieriger, wie verhält es sich mit der Figurengewichtung, mit dem Bezug zum Plot oder der Story, ist es einfach, eine große Gruppe von Figuren zu lenken oder läuft man Gefahr, sich in zu vielen Charakteren zu verlieren. Was sind die besten Ensemblecasts, die Filme mit den meisten Figuren und was macht am Ende eine klassische Heldenreise á la STAR WARS oder HERR DER RINGE auch zu einem Ensemblefilm?

 

 

Ein Held braucht keine Gemeinschaft

 

Ensemblefilme sind nicht der Gegenentwurf zur typischen Heldenreise. Singuläre Helden haben das Kino nur wesentlich stärker geprägt. Ein Held ist nicht kompliziert. Ob nun im Bezug auf einen Antagonisten, die große Liebe oder das große Ziel, meist kann man seine Wünsche und Begehrlichkeiten empathisch nachvollziehen und seiner Reise folgen. Für einen zweiten Helden ist in einer Heldengeschichte kein Platz. Dafür gibt es logische Gründe. Mehr als ein Platzhirsch im Gehege und Zoff ist vorprogrammiert. „Es kann nur einen geben!“, heißt es. In STAR WARS ist der Held Luke Skywalker, er ist aber nicht die einzige heldenhafte Figur. Auch Han Solo ist ein Held, er ist aber anders gestaltet als Luke.

 

Er ist eine Art Antiheld, ein zwielichtiger Held, aber trotzdem ein Held. Man könnte meinen, eine Geschichte kann kaum mehr als einen Held ertragen, weil es sonst Stunk geben würde, wenn plötzlich zwei oder mehr Helden Anspruch auf Prinzessin, Krone und Königreich erheben. Aber genau in dieser Überlegung liegt dramaturgisches Dynamit inne, denn was ist spannender und erzeugt mehr Reibung als mehrere, gleichberechtigte Helden, die einem Ziel unterworfen sind. Filme wie STAR WARS oder DER HERR DER RINGE sind zwar klassische Heldenreisen, die den Held in den Mittelpunkt stellen, doch so streng wird gar nicht verfahren mit dieser Konstellation. Spätestens, wenn sich in THE EMPIRE STRIKES BACK die Helden Skywalker und Solo trennen, erleben sie gleichbedeutende Geschehnisse, die sich auf den Fortlauf der Story auswirken. STAR WARS oder HERR DER RINGE haben ein Kollektiv an Figuren, auch Helden, aber die Figuren sind in der Regel ganz verschieden aufgebaut oder charakterisiert.

 

 

Heldenensemble in THE AVENGERS (2012)

 

Vielleicht denkt man beim Begriff Ensemblefilm eher an PULP FICTION als an STAR WARS, was auch nicht verkehrt ist. In vielen Ensemblefilmen besteht die Figurenkonstellation eben nicht aus typischen Helden. Held und Ensemble scheinen sich zu widersprechen. In diesem Widerspruch liegt aber auch großes Potential, was erst in den letzten Jahren ausgeschöpft wurde.

 

Denn Figurenensembles treten mehr und mehr auch in klassischen Heldenkonstrukten auf. Mehrere Figuren, die das gleiche Ziel und Grundcharakterisierung, werden in einen Plot geworfen und müssen erstmal ihr hahnenhaftes Konkurrenzverhalten in Griff bekommen. Dass das überaus amüsant sein kann, sieht man an Multiheldengeschichten wie X-MEN oder THE AVENGERS. In Comics bereits ein alter Hut, gab es diese Großaufgebote im Kino erst ab den neunziger Jahren. Reicht ein Held normalerweise aus, um eine spannende Geschichte zu erzählen, sind es in THE AVENGERS ganze sechs Superhelden. Ein klassischer Held hat sich meist nur mit dem Bösewicht herumzuschlagen, in einem Heldenverband liegen die größten Probleme in den gesteigerten Egos der Charaktere. Jeder will der Beste sein, letztendlich schafft man es aber nur zusammen, im Endeffekt auch ganz klassisch.

 

 

Das entbehrliche Ensemble in THE EXPENDABLES

 

Auch die verschiedenen Besatzungen von Raumschiff Enterprise haben größere und kleiner Helden, nur wird ihre Konstellation und ihr Zusammenspiel durch eine Befehlshierarchie geregelt – der Käpt’n hat dann das letzte Wort, bzw. Spannung entsteht aus den Differenzen zwischen Kapitän und ersten Offizier. Helden sind Einzelkämpfer, die es in einer Gruppe schwer haben.

 

Die Idee, einzelne Comichelden oder Actionhelden in einem Film zu vereinen, entfernt sich von bloßer Heldenstereotype hin zu einer tieferen Betrachtung ihres Innenlebens. Man stelle sich das so vor: Ein Film über einen Batman, der allein in seiner Höhle hockt, Mundwinkel ganz nach unten gezogen, der ab und zu mürrisch auf Patrouille geht und am Abend dann seine Vichyssoise löffelt, von dem wird man nicht viel erfahren. Es bedarf anderer Figuren (Alfred, Robin, Joker), um ihn zu spiegeln. IRON MAN, der in seinen Abenteuern auf dicke Hose macht, gerät erst unter Konkurrenzdruck anderer patenter Helden in die Versuchung, seine erwartbaren Reaktionen zu ändern. In THE EXPENDABLES ist es ein Haufen von Actionveteranen selben Typus, die erst in ihrem geballten Gemeinschaftsauftreten zwinkernde Ironie auf ihr singuläres Heldentum entstehen lassen.

 

 

Helden und Ensemble, das scheint doch zu funktionieren, vielleicht aber erst seit den Nullerjahren, als man nach Auswegen aus der Heldenstagnation suchte. Antihelden, Gebrochenen Helden, vor allem aber Gangstern und Gesocks sind klassischere Figuren in Ensemblefilmen. Ein Held scheint nun mal einmalig, Taugenichtse und Kriminelle hingegen geben sich gern in Gruppen und Banden ab und sind somit prädestiniert für ein Figurenensemble.

 

 

Jeder ist sich selbst der Nächste

 

Ist der Ensemblefilm deshalb vorrangig thematisch begründet, will sagen, beeinflussen soziale Konstrukte am Ende, ob in Film einen Ensemblecharakter hat? STAR TREK zum Beispiel oder jeder Stoff, der sich um die Besatzung eines Raumschiffs dreht? Inhaltlich kann man bereits ganz am Anfang des Stoffentwicklungsprozesses festmachen, ob man es mit einer Heldengeschichte, einer Geschichte um zwei Figuren (boy meets girl) oder eben mit einem Ensemble zu tun hat. Eine Geschichte um eine Sportmannschaft wird sich nicht nur über die Hauptfigur erzählen lassen. Bobmannschaft, Raumschiffcrew, Spezialeinheit, aber auch die Familie oder eine Schulklasse sind solche Gruppenkonstrukte, die fast ausschließlich über ein Ensemble an Figuren zu lösen sind. Aber auch Gangs, die Mafia, eine Diebesbande oder eine Gruppe Trickbetrüger sind fantastische Fraktionen, in denen man mit vielen gleichberechtigten Figuren spielen kann.

 

 

Die Crew als funktionierendes Ensemble in STAR TREK

 

In RESERVOIR DOGS dreht sich alles um den verpatzten Raubüberfall von acht Möchtegernganoven. Im Gegensatz zu Heldenkonstellationen kann man sich bei Ganoven sicher sein, dass jeder auf seinen Vorteil bedacht, eigennützig und sich selbst der Nächste ist. Das gibt einer Gruppe von Gangstern gehörig dramaturgisches Potential. Zusammenhalt, Vertrauen oder Rücksichtnahme sind von eher fragiler Natur. Das macht solche Ganovengruppierungen wie in RESERVOIR DOGS, PULP FICTION oder SNATCH sehr reizvoll, während die Kriminellengarde aus OCEANS 11, 12 und 13 zu gut scheinen zum Böse sein. Im Falle der OCEANS-Filme ist das aber noch ein anderes Problem, mit dem sich manch Ensemblefilm herumschlagen muss. Doch dazu gleich mehr. Schauen wir erstmal, in welchen anderen Genres sich Ensembles anbieten und was oft mit einem Ensemble verwechselt wird.

 

Trotz gleicher Outfits und symbolischer Namen echter Charakterfeinschnitt – RESERVOIR DOGS

Ein zu großes Starensemble zerstört die Illusion – OCEANS ELEVEN

 

Es gibt ein winziges Subgenre, welches ausschließlich über ein Figurenensemble funktioniert, das sogenannte whodunit, welches der Frage nachgeht: Who has done it? Das sind größtenteils Krimis, in denen es einen Mord, ein Opfer und eine überschaubare Anzahl an Verdächtigen gibt. Klassiker dieser Gattung sind Filme wie TOD AUF DEM NIL, MORD IM ORIENT-EXPRESS oder Françoise Ozons Film aus dem Jahr 2002 – 8 FRAUEN. In solchen vertrackten Konstellationen, in dem jeder der Mörder sein kann, jeder mit dem Opfer bekannt oder verbandelt war, jeder seinen persönlichen Nutzen aus dem Mord ziehen kann, führt automatisch zu einer Betrachtung einzelner Figuren in einem Ensemble. Ein tolles Beispiel dafür ist auch die Serie TWIN PEAKS, die dutzende Figuren besitzt, die sich um eine zentrale Frage spinnen: „Wer war es?“ Ein ähnliches Prinzip basiert auf dem alten Abzählreim um Zehn kleine Negerlein! In diesem alten Lied, welches Vorlage für einen Roman von Agatha Christie war, dezimiert sich so eine Gruppe von Verdächtigen auf einer Insel. Im Prinzip ist der Roman Christies eine direkte Vorlage für so manchen Horrorfilm, in denen eine Gruppe nach und nach ausgedünnt wird. Doch ein Ensemble sind kreischende Teenagerschwärme deswegen noch lange nicht.

 

 

Ein Ensemble eignet sich hervorragend für Mörderratespiele – MORD IM ORIENT EXPRESS (2017)

 

Im Genrefilm scheinen Ensembles schwierig, weil der Genrefilm aus festen dramaturgischen Strukturen besteht. Held beißt sich mit Ensemble, dennoch ist genau das der Reiz an Superhelden- oder Actionheldengruppen. Andere Gruppen können indessen leicht mit einem Ensemble verwechselt werden. Denn ein Ensemble ist mehr als ein Haufen von Figuren.

 

 

Der reine Horror: Teenagergruppen & Kaffeekränzchen

 

Im Horrorfilm trifft man auf so manches Grüppchen: Teenager in Feriencamps, in Waldhütten, etc. sind dramaturgische Grundnahrungsmittel. Ein Ensemble stellen sie allerdings nicht recht dar, denn die Mitglieder in den meisten Horrorfilmgruppen sind sehr stark stereotyp geprägt und folgen brav den dramaturgischen Linien ihrer unzähligen Vorgänger: das Survivalgirl, das Sportasss, der Klassenkasper, der Introvertierte. Natürlich macht sie das auch zu einer Gemeinschaft, aber es gibt trotzdem nur eine Hauptfigur und die Interaktionen untereinander beeinflussen die Geschichte nicht grundlegend. Es gibt nur wenige Horrorfilme mit einem Ensemble abseits Teenagerstichelei.

 

Es ist geradezu aberwitzig, aber SCREAM von 1997 steht zum einen für die Widerbelebung des Teenieslashers in den neunziger Jahren und bescherte dem Horrorfilm ab da eine unüberschaubare Anzahl von Figurengrüppchen. SCREAM selbst ging aber in seiner Figurenkonstellation gar nicht den platten Weg von Stereotypen, er macht vor allem wegen seines Ensembles Spaß. Nur wenige Gruppen in späteren Filmen waren dann so originär, dass man sie als Figurenensemble bezeichnen könnte, die meisten Figuren überleben nicht mal am Ende. Sidney Prescott, Gale Weathers und Dewey schon.

 

 

Ensembles in Horrorfilmen haben wichtige Charakterfunktionen – SCREAM 2 (1997)

 

Dabei ist es nicht schwer, ein Horrorfilmensemble auf die Beine zu stellen, wenn man nicht mit großen Stereotyplegosteinen baut. Was die meisten Gruppen in Horrorfilmen ausmacht, ist nicht mehr als der Umstand, dass sich mehrere Figuren faktisch grundlos zusammenhorden. Dichter wird eine Gruppe allein schon durch die Nachvollziehbarkeit, warum es die Gruppe überhaupt gibt. In THE DESCENT ist es eine Gruppe von Extremsportlern, Höhlenkletteren, alles Frauen. Im Klassiker THE HAUNTING von 1963 ist es eine Gruppe von Leuten, die empfänglich für das Übernatürliche sind und sich auf einen Schloss einem Experiment hingeben. Schaut man sich weitere, wenige Beispiele an, erkennt man, dass ein Ensemble nie aus einem Haufen von Stereotypen entsteht. Im Falle von DARK SHADOWS ist die Sachlage sogar so, dass das Ensemble im Kern eine Familie ist – ob die nun untot, vampirisch oder dämonisch ist eigentlich Blutwurst.

 

Tolle Horrorfilm-Ensembles sind selten, aber es gibt sie: FLATLINERS (1990)

Ungewöhnliches Frauenensemble in THE DESCENT (2005)

 

Ziemlich schaurig sind auch Filme, die sich ausschließlich Frauenensembles thematisieren. Die wohl einzige Möglichkeit, dass es mal SEX AND THE CITY in meine Genrestudien schafft.

 

Es gibt allerdings auch ganz tolle Ensemblefilmchen mit ausschließlich weiblichen Figuren, naja, sagen wir eher, in denen Männer stark in den Hintergrund rücken: GRÜNE TOMATEN beispielsweise, BETTY UND IHRE SCHWESTERN oder NOW AND THEN. Nicht immer müssen Konflikte aus einem Geschlechterkampf resultieren. Was zu der Frage führt, ob es immer der gleiche Konflikt ist, der ein Ensemble berührt. Denn vom Storytelling her ist ein Ensemblefilm nicht festgelegt, Figuren anhand eines Konfliktes, der sie alle betrifft, zu gestalten. Alle Beispiele für mehr oder weniger bezeichnende Ensemblefilme gingen bislang vom Wirken innerhalb einer Gruppe aus, aus dem das Ensemble entsteht.

 

Es gibt aber auch Filme, und diese werden zweifelsfreier als Ensemblefilme erkannt, in denen es gleichberechtigte Figuren gibt, die unterschiedliche Storyansätze durchlaufen, in verschiedenen Szenarien, Orten, Zeiten. PULP FICTION beispielsweise ist so aufgebaut, dass der Zuschauer verschiedenen Figuren erlebt, die zwar Überschneidungen im Bezug auf die Story aufweisen, aber parallel erzählt werden. In Filmen wie 21 GRAMS, BABEL oder AMORES PERROS erlebt man viele Figuren, deren Wege sich nur kurz kreuzen, die Auswirkungen auf die Geschehnisse aber immens sind.

 

Überschätzte Klassiker: L.A. CRASH

 

Filme mit diesem Dominoeffekt auf die Figuren sind MAGNOLIA als auch L.A. CRASH. Beide Filme gelten als Meisterwerke des Ensemblefilms. Ich würde das aber nur MAGNOLIA zuschreiben, der gekonnt das Schicksal mehrerer Menschen als Kettenreaktion miteinander verbindet. L.A. CRASH, der mit dem OSCAR für den besten Film und das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, ist mit Sicherheit ein toller Film, hat aber dramaturgische Schwächen, die sich zum einen auf das Ensemble beziehen.

 

In Filmen, die eine episodische Erzählweise besitzen, ist Figurengewichtung ein entscheidendes Element. In L.A. CRASH gibt es sieben gleichberechtigte Hauptfiguren, deren Stories sich allesamt um das Thema Rassismus und Vorurteile spinnen. Manche zünden, andere nicht. Der Part um Jean Cabot (Sandra Bullock) fällt für mich durch seine Übermoralisierung und Erwartbarkeit der Figuren im Vergleich zu den anderen Teilen ab. Er nimmt deshalb auch den anderen Teilen Zeit, die sie benötigen, um tiefer in die Figuren einzutauchen. Zwar ist auch dieser Part mit den anderen vernetzt, im Stoffentwicklungsprozess kann man sich aber die Frage stellen, ob ein Ensemble über eine verzichtbare Figur verfügt und wie die Gewichtung zu anderen gestaltet werden kann.

 

 

L.A. CRASH (2004) von Paul Haggis

 

Da jede Episode des Films das Thema Rassismus widerspiegelt, endet auch jede Episode für sich in einem dramatischen Akt des Handelns und Erkennens. Gäbe es nur eine Episode mit einer Hauptfigur, die das Thema spiegelt, ist das kein Problem. Bei L.A. CRASH sind es fünf Episoden mit fünf Figurengruppierungen, die mir am Ende fünfmal erzählen, dass Rassismus nicht gut ist. L.A. CRASH macht das zudem sehr plakativ, ein wenig mit moralischem Süßstoff versetzt und mitunter sehr direkt. Vielleicht liegt da die Schwierigkeit gegenüber einem Film mit nur einem Helden, es ist schlicht langweilig, jede Figur zur gleichen Erkenntnis zu treiben und damit das Thema der Geschichte zu verheizen.

 

 

Unterschiedliche Figuren, unterschiedliche Stories

 

MAGNOLIA macht das anders. Auch er hat ein zentrales Thema (Vaterfiguren), auch hier überschneiden sich die Wege der Figuren ein ums andere mal und auch hier steht am Ende ein Ereignis, dass alle Figuren eint – es regnet Frösche. So zeigt der Film L.A. CRASH eine Schwierigkeit des Ensemblefilms, die Gewichtung der Figuren im Kontext der Handlung. Ich glaube, durch die Wegnahme des Bullock-Parts wäre der Film L.A. CRASH wesentlich runder geworden. Es gibt aber noch andere Schwierigkeiten mit Figuren in Ensemblefilmen.

 

Es gibt Filme, die von vorherein daraufhin konzipiert sind, einer großen Gruppe von bekannten Schauspielern eine Bühne zu geben. Allein darin liegt ja Potential inne, ein Film mit 20 Superstars muss ja wohl auch 20 mal erfolgreicher werden. Ich bin aber der Meinung, dass manchmal Schauspieler viel zu sehr von Figuren ablenken. Die OCEANS-Filme von Steven Soderbergh zum Beispiel, allesamt Ensemblefilme, sind vielmehr Filme mit vielen bekannten Schauspielern. Zu vielen. Denn vor lauter Clooneys, Pitts, Roberts und Zeta-Jones fällt es mitunter schwer, die Figuren zu sehen. Das ist ein Problem von einigen Ensemblecasts, deren Hauptargument es ist, endlich mal einen Film mit De Niro, Kline, Douglas UND Morgan Freeman zu Gesicht zu bekommen.

 

SHORT CUTS (1993) von Robert Altman

 

Ein Film wie THIS IS THE END, in denen die Darsteller auch noch sich selbst spielen, kann ich fast nicht als Geschichte wahrnehmen. Das ist aber nicht die Regel, es gibt Regisseure, die sich als wahre Löwendompteure herausstellen, einen großen Haufen an Diven und Grazien beherrschen und es dennoch schaffen, dass man fast ausschließlich ihre Figuren sieht. Meister dieses Fachs ist mit Sicherheit Robert Altman, der in seinem Film SHORT CUTS 22 Schauspieler unter der Fuchtel hatte. Aber auch Wes Anderson, dessen Filme ein großes Staraufgebot besitzen, Woody Allen oder Christopher Nolan beherrschen ein Ensemble mit links.

 

 

Die Ensemble-Serien-Revolution

 

Im dramaturgischen Kontext wird häufig behauptet, eine Geschichte verträgt nur eine Hauptfigur. Diese hat Ziele, Nebenfiguren beeinflussen sie zwar, aber nicht grundlegend. Geschichten um mehrere gleichberechtigte Figuren zu entwickeln ist wesentlich schwieriger, aber auch erfüllender, spannender. Ein gleichberechtigtes Gegenüber mit den gleichen Wünschen, kann eine Figur wesentlich besser spiegeln als eine Umgebung mit Pappaufstellerfiguren und Stichwortgebern.

 

Dass große Figurenkonstellationen erfolgreich sind und gar nicht ob ihrer Komplexität abschrecken, zeigen die großen Erfolge von Fernsehserien oder Soaps, in denen ein Figurenensemble im Vordergrund steht. Serien leben sogar von der langsamen, aber stetigen Figurenentwicklung über Wochen und Monate hinweg. Auch muss ich mal eine Lanze für GUTE ZEITEN – SCHLECHTE ZEITEN brechen, denn dessen Erfolg (über 5000 Folgen) kommt vorrangig durch das Weiterentwickeln der Figuren über große Zeiträume (und natürlich die atemberaubenden Special Effects). Gerade Soaps oder Telenovelas wird vorgeworfen, mit grobschlachten Stereotypen zu jonglieren. Das mag auch so sein, nur passiert etwas seltsames, wenn man eine Figur für eine Serie über Jahre schreibt und weiterentwickelt. Irgendwann wird sie in Situationen kommen, in denen sie einfach anders handeln muss, schon aus Gründen der Langeweile, immer in gleicher Weise zu agieren und zu reagieren.

 

Grund für jahrelange Beliebtheit: ein sympatischer Ensemble Cast in GUTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN

Ensemblecast Figuren sollten sich im besten Fall charakterlich nie verändern – THE BIG BANG THEORIE

 

Eine Figur wie ein Fiesling kann nicht über Jahre hinweg gleich handeln, meist wird es interessant, wenn ein angeblich kalter Knochen wie Joe Gerner sanfte Seiten zeigt, eine Kratzbürste wie Emily Zweifel hegt oder wenn sich über Wochen eine Figur wie Mesut Yildiz vom Gangsterproll zum einem interessanten, differenzierten Charakter wandelt. Ich würde sogar sagen, dass genau durch diesen Umstand, dass man, wenn man Figuren für eine lange Zeit und ohne konkretes Ziel entwickelt, automatisch aus der Stereotypenfalle entweicht. Natürlich ist es so, wenn man mal nur hineinzappt in die berühmte Vorabendserie, dass einem sofort Charaktere und ihr wahrscheinliches Handeln klar werden. Man erkennt das wohl erst, wenn man Figuren eine Zeit lang verfolgt. Ich schaue gern GUTE ZEITEN – SCHLECHTE ZEITEN, weil ich Figuren mag, weil ich Figurenentwicklung mag. Bin auch der Meinung, dass man in Sachen Figuren einiges von GZSZ lernen kann. Möglicherweise habe ich mich jetzt um Kopf und Kragen geschrieben. Mir egal. Ich mag auch ALLES WAS ZÄHLT. Schon mal mitbekommen, was für eine tolle Figur Simone Steinkamp ist?

 

 

Gruppenfotos berühmter Serienensembles

 

Serien leben ausschließlich davon, wie es mit den Figuren weitergeht. Figurenensembles haben in den letzten Jahren wesentlich stärker das Fernsehen erobert als das Kino. Eine Serie wie LOST hätte es in den neunziger Jahren noch nicht gegeben, zu komplex, zu viele Figuren, das würde den Zuschauer überfordern. Ein Figurenensemble für eine Serie zu entwickeln ist wohl die höchste Kunst des Schreibhandwerks. Weil man nicht eingeengt ist vom Ziel der Figur, welches sie bestenfalls nach 90 Minuten zu erreichen hat. Weil man einer Figur auch Leben geben kann, wenn man Aspekte der Figur nicht komplett durchdenkt und ausarbeitet, wie es beim Film von Nöten ist, ihr auch Freiraum lässt, weil sie auf längere Sicht gestaltet wird, so sie der Zuschauer mag.

 

Die meisten Serien werden wegen ihres Figurenkollektivs im Gedächtnis bleiben, weniger wegen der Story. Ich kenne keinen Fall des A-TEAMS mehr, aber kenne jeden beim Vor- und Nachnamen. TWIN PEAKS ist mir deshalb so ans Herz gewachsen, weil es ein Figurenensemble besitzt, welches starken Soap-Charakter hat, BUFFY, DEAD LIKE ME, ROSEANNE, die Faszination ist hier ausschließlich im Ensemble begründet.

 

Was nehmen wir mit aus dieser kleinen Genrefibel? Erstmal, Ensemblefilme sind kein Genre. Ensemblefilme setzen auf mehrere gleichberechtigte Figuren, es gibt keine Hauptfigur, jeder ist Haupt- wie Nebenfigur. Das macht es schwierig, eine richtige Gewichtung der Figuren zu finden, es kann einem aber auch besser helfen, die Figuren zu charakterisieren, zu formen, denn sie sind stärker von den anderen Figuren abhängig als in Filmen mit einem Helden. Auch wenn man nicht direkt einen Ensemblefilm schreibt, helfen einem doch erkannte Strukturen, um Geschichten spannender zu erzählen.

 

 

Ensemblecasts sind kein Garant für das Überleben beliebter Figuren – GAME OF THRONES

 

Die Story einer Figur kann linear verlaufen, wir erleben eine Folge aus Aktion-Reaktion, Kausalität und Wahrscheinlichkeit. Geschichten, die von Figuren handeln, die etwas parallel oder überschneidend erleben, können aus diesem Kreis der Linearität austreten. In MAGNOLIA wirkt jede Szene einer Figur aus dem Ensemble wie die erste Szene eines Films. Man kann über Figurenensembles linear erzählen, ohne, dass es einem linear vorkommt. Das ist nicht besser oder schlechter als das Dramatisieren einer Figur, lässt einem aber mehr Freiraum beim Entwickeln.

 

Ein Ensemble kann näher am Zuschauer wirken, weil man vertrauter ist mit Dingen wie Gruppendynamik, Gruppenverhalten, Gruppenstrukturen und Hierarchien. Man kann Figuren aus einer Gruppe besser verstehen, man kann überhaupt nur Figuren verstehen, die von anderen Figuren durch ihr Handeln und tun in Frage gestellt werden. Je mehr, desto besser. Boy meets girl, so ein Konstrukt schafft Reiz und Reibung. Eine Sportmannschaft mit gleichermaßen ehrgeizigen Akteuren kann Reiz und Reibung noch wesentlich steigern. Nur Robinson Crusoe starrt weiterhin auf das Meer und vermisst seine Canasta-Runde.

 

 

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In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, sämtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die mich bis weit nach mein Lebensende beschäftigen wird. Ich lege den Fokus auf Dramaturgie und Buch, werde mich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.

 

Lesen Sie in der nächsten Folge:

 

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2 Comments

  1. Antworten

    […] Phase 2 des MCU begann 2013 mit IRON MAN 3, auch wurden die Origins von Thor und Captain America mit THOR – THE DARK WORLD (2013) und THE RETURN OF THE FIRST AVENGER (2014) fortgeführt. Mit THE GUARDIANS OF THE GALAXY und ANT-MAN erschienen 2014 beziehungsweise 2015 Filme nach weniger bekannten Comicvorlagen, doch auch diese Phase schloss 2015 mit AVENGERS – AGE OF ULTRON in einem Ensemblefilm. […]

  2. Antworten

    […] stärker aus dramaturgischen Aspekten und Fragen der Interpretation. Die Themen (Echt)zeit oder Figurenensembles sind solche Beispiele und auch in dieser Folge der kleinen Genrefibel beschäftigen wir uns […]

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Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de