33. Fantasy Filmfest

Das Fantasy Filmfest steht vor der Tür, vom 4. bis zum 29. September dürfen Genrefilmfreunde in sieben Städten Deutschlands wieder ihre Lust nach blutigem Thrill, obskurem Horror oder phantastischem Geplänkel frönen. 51 Filme gehen an den Start, zehn davon im Fresh Blood Wettbewerb für Debüt- oder Zweitwerke junger Genrehaudegen, ein Director’s Spotlight und ein Centerpiece sind auch wieder dabei, mit einem Eröffnungsfilm geht es los und es endet mit dem Abschlussfilm, wer kommt auf solche Ideen? Natürlich Rosebud Entertainment, welche wieder auf diversen Festivals die Rosinen aus dem Genrekuchen gepickt haben.

 

 

 

 

Man hört ja aber immer wieder die Kritik, das Fantasy Filmfest sei mehr eine Tradeshow der Verleiher, deren Output zeitnah nach dem Festival auf den Markt geworfen wird statt…ja, statt was eigentlich? Exklusive Previews von Filmen, die noch gar nicht gedreht wurden? Das neumodische Zeug raus, dafür ausschließlich Retrospektiven aus den 80ern, natürlich in 35mm? Wie dem auch sei, ich freue mich seit Jahren, im frühen Herbst ein paar Genreschmankerl auf großer Leinwand erleben zu dürfen, nicht nur Filme, sondern ein gewohnt gut kuratiertes Programm mit großer Genrebandbreite. Und da schnuppern wir wie immer vorher mal kurz rein.

 

 

 

 

Das Festival eröffnet auf den ersten Blick nicht so brachial wie im letzten Jahr mit MANDY, aber doch bemerkenswert, denn der zweite Spielfilm der Österreicherinnen Veronika Franz und Severin Fiala nach ICH SEH, ICH SEH hat es ins Opening geschafft – THE LODGE. Auch in THE LODGE dreht es sich um eine junge Frau und zwei Kinder, die neue Freundin muss sich mit den Kids des Partners herumschlagen, die sie als böse Stiefmutter in spe abstempeln und den Mutterersatz nicht akzeptieren wollen. Wer ICH SEH, ICH SEH kennt, darf sich auch mit THE LODGE auf ein bitterböses Spiel einstellen, mit dabei sind Riley Keough (UNDER THE SILVER LAKE), Jaeden Martell (MIDNIGHT SPECIAL, STEPHEN KINGS ES) sowie Alicia Silverstone und Richard Armitage.

 

 

Eröffnungsfilm: THE LODGE von Veronika Franz und Severin Fiala (SquareOne Entertainment)

 

 

Der japanische Ausnahmeregisseur Tetsuya Nakashima (CONFESSIONS, WORLD OF KANAKO) wird mit einem Director’s Spotlight geehrt – IT COMES führt die Tradition des japanischen Geisterfilms nach THE RING oder THE GRUDGE beklemmend fort und wird dem Subgenre hoffentlich auch ein paar neue Impulse geben (wir wenden uns diesem Thema auch in der Kleinen Genrefibel Teil 78 im Oktober zu). In IT COMES muss ein Pärchen ihre Tochter vor übernatürlichen Mächten schützen, das Ganze sieht im Trailer ungemein düster und bildgewaltig aus. Ein Muss für jeden Fan japanischer Horrorfilmkunst.

 

 

Director’s Spotlight: IT COMES von Tetsuya Nakashima (Gaga Corporation)

 

 

Centerpiece in diesem Jahr ist LITTLE JOE und der stammt ebenfalls aus der Hand einer österreichischen Filmemacherin – Jessica Hausner (HOTEL, AMOUR FOU) – und ist eine Koproduktion zwischen Großbritannien, Österreich und Deutschland. Im letzten Jahr begeisterte in dieser Rubrik das schwedische Meisterwerk BORDER, dieses Jahr könnte LITTLE JOE in ähnliche Sphären vorstoßen. LITTLE JOE, das ist der Rufname einer Topfpflanze, welche in einem Labor gezüchtet wurde und die über ein seltenes Enzym verfügt, welches die Menschen glücklich macht. Natürlich nur solange, wie es auch der Pflanze selbst gut geht. Ein genialer Sci-Fi Plot irgendwo zwischen LITTLE SHOP OF HORRORS und INVASION DER KÖRPERFRESSER, somit auch mein Herzstück des Festivals.

 

 

Centerpiece: LITTLE JOE von Jessica Hausner (X Verleih AG)

 

 

Zum Abschluss gibt es die Kollaboration zwischen Genrepapst Guillermo Del Toro (HELLBOY, PANS LABYRINTH) und André Øvredal (TROLLHUNTER), die sich den Gruselgeschichten des US-Kinderbuchautors Alvin Schwartz angenommen haben. Das Ergebnis heißt SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK und klingt nach einem fantastischen Festivalabschluss. Eine echte Anthologie wird es wohl nicht werden, die verschiedenen Geschichten sind eher in bester TRICK ‘R TREAT Manier verflochten, aber das Monsterdesgin ist atemberaubend und auf die Filmemacher ist natürlich Verlass bezüglich schauriger und betörend schöner Horrorunterhaltung.

 

 

Abschlussfilm: SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK von André Øvredal (Entertainment One)

 

 

Kommen wir zum Fresh Blood Award. Endlich sind wieder zehn Filme im Wettbewerb statt derer sieben im letzten Jahr, das sieht einfach besser aus auf der Grafik, danke Fantasy Filmfest. Die Filme selbst sind aber wieder hochkarätig, während mich hingegen im letzten Jahr nur PIERCING und MARROWBONE begeistert haben.

 

 

 

 

Mein Highlight in diesem Jahr ist EXTRA ORDINARY vom Regieduo Enda Loughman und Mike Ahern aus Irland und Belgien. Gute Horrorkomödien rar sind und EXTRA ORDINARY atmet in gewisser Weise das Flair von Peter Jacksons THE FRIGHTENERS. In EXTRA ORDINARY hat die übersinnlich veranlagte Fahrlehrerin Rose ihren Nebenjob als Medium bereits an den Nagel gehängt, doch hilft sie ein letztes Mal einem Witwer, dessen Tochter wohl vom Teufel besessen ist. Klingt in der Tat außergewöhnlich.

 

 

Fresh Blood: EXTRA ORDINARY von Mike Ahern & Enda Loughman (Universum Film)

 

 

Noch mehr Koproduktionen mit Irland stechen aus dem Wettbewerbsprogram, zum einen A GOOD WOMAN IS HARD TO FIND, eine blutige Sozialsatire mit einem Hauch Neo Noir, so beschreibt es das Fantasy Filmfest. Darin kämpft eine junge Mutter gegen Polizeiversagen, Jugendamt und die Drogenmafia, es verspricht deftig zu werden. Das wird wohl auch COME TO DADDY mit Elijah Wood, dem Regiedebüt des Produzenten Ant Timpson, auf dessen Konto die Werke TURBO KID und THE GREASY STRANGLER gehen und der als überbordend brutale Tour de Force beschrieben wird. Ähnlich gelagert scheint auch WHY DONT YOU JUST DIE! aus Russland zu sein, in dem zwei Männer mit unbarmherziger Härte aufeinander losgehen und nicht nur Möbelstücke zertrümmern.

 

 

Fresh Blood: A GOOD WOMAN IS HARD TO FIND von Abner Pastoll (Independent), COME TO DADDY von Ant Timpson (Splendid Film), WHY DONT YOU JUST DIE! von Kirill Sokolov (Alamode Filmdistribution)

 

 

In Richtung Science-Fiction Thriller tendieren sowohl DARK ENCOUNTER aus Großbritannien als auch FREAKS aus Kanada. Während DARK ENCOUNTER von Carl Strathie (SOLIS) einen Alienentführungsplot bietet, setzt FREAKS von Zach Lipovsky und Adam B. Stein auf ein klaustrophobisches Setting, in dem ein Vater (Emile Hirsch) seine Tochter vor der Außenwelt versteckt hält. Handelt es sich um Paranoia oder ist da draußen wirklich etwas, vor dem man panische Angst haben muss? Wir werden sehen. Zu diesen Sci-Fi Stücken gesellt sich auch VIVARIUM mit Jesse Eisenberg und Imogen Poots, der als wahnsinniger Mix aus Kafka und TWILIGHT ZONE beschrieben wird. Endlich wieder mehr Sci-Fi im Programm, top!

 

 

Fresh Blood: DARK ENCOUNTER von Carl Strathie (Falcom Media), FREAKS von Zach Lipovsky & Adam B. Stein (Splendid Film), VIVARIUM von Lorcan Finnegan (Tele München Gruppe)

 

 

Wem das alles zu rabiat erscheint, für den kommt eventuell das Regiedebüt von Casey Affleck LIGHT OF MY LIFE in Frage, der als einfühlsam erzähltes Endzeitkino beschrieben wird. Zudem werden Vergleiche zu CHILDREN OF MEN oder THE ROAD gezogen, beides inzwischen Klassiker. In LIGHT OF MY LIFE gibt es nach einer Pandemie kaum mehr Frauen oder Mädchen auf der Welt, umso mehr muss Filmvater Affleck seine Tochter vor der apokalyptischen Welt schützen. In HOTEL MUMBAI hingegen geht es um realen Horror in einem Hotel in der indischen Metropole Mumbai, welches ins Visier von Terroristen gerät. Mit dabei sind Armie Hammer, Jason Isaacs und Dev Patel. Zu guter Letzt wird es aber wieder etwas fröhlicher, denn mit READY OR NOT beschert das Festival dem Zuschauer eine rabenschwarze Familienfeier auf Leben und Tod, in der sich Samara Weaving bewähren muss.

 

 

Fresh Blood: LIGHT OF MY LIFE von Casey Affleck (Universum Film), HOTEL MUMBAI von Anthony Maras (SquareOne Entertainment / Universum Film), READY OR NOT von Matt Bettinelli-Olpin & Tyler Gillett (20th Century Fox of Germany)

 

 

Doch auch im restlichen Programm schlummert das ein oder andere Highlight, für mich vor allem das Remake des Cronenberg Klassikers RABID von den Soska-Schwestern (AMERICAN MARY), welcher abgründigen Bodyhorror verspricht. In diese Richtung tendiert auch ALL THE GODS IN THE SKY aus Frankreich, der noch ein wenig mehr surreal gewürzt zu sein scheint. Da ich auch gern Genreware aus außergewöhnlichen Herkunftsländer goutiere und mir letztes Jahr bereits der israelische Film GOLEM gefiel, steht für mich DACHRA, der erste Horrorfilm aus Tunesien, auf dem Programmzettel.

 

 

 

 

Dafür habe ich zwei Filme, die mich nicht sonderlich vom Hocker reißen, zum einen 3 FROM HELL von Rob Zombie, mit dessen Filmen ich nicht viel anfangen kann, sowie DARLIN’, das Sequel zu THE WOMAN, nach einem Buch von Jack Ketchum, abermals mit Pollyanna McIntosh, aber das ist mir alles zu gräuselig. Aber gibt ja viele Fans von Zombie und Ketchum, was soll’s. Da schau ich mir lieber DREAMLAND von PONTYPOOL Regisseur Bruce McDonald sowie den Mysterygrusler I SEE YOU von Adam Randell an, der hoffentlich ähnlich rätselhaft wie MARROWBONE im letzten Jahr sein wird.

 

 

 

 

Zudem brauche ich weniger klassische Genreverschnitte als obskure Filmchen, deswegen steht bei mir auch PORNO ganz oben auf der Liste. Darin finden bibeltreue Teenager eine alte Filmrolle, auf dem ein satanistischer Pornofilm zu sehen ist und befreien so einen lüsternen Sukkubus. Das ist genau mein Ding. Im spanisch-portugiesischen SOME TIMES LATER geht es um ein dystopisches, alternatives Jahr 1977, in dem die Welt getrennt ist zwischen dem “Adel” in Wolkenkratzern und dem “Pöbel” in den Slums. Und zu guter Letzt freue ich mich auf den neuen Film von Jeremy Gardner und Christian Stella (THE BATTERY) mit dem Titel SOMETHING ELSE. Die Schlichtheit der Logline hat es mir angetan – Ein Mann. Ein Haus. Ein Monster. Und ein verdammt fieser Twist.

 

 

 

 

So viel zum Programm und meinen Favoriten, aber ich gehe auch gern spontan in das ein oder andere Genreschmankerl, um mich vielleicht selbst zu überraschen. Eröffnung, Centerpiece, Directors Spotlight und Abschlussfilm sind definitiv Granaten, auch der Wettbewerb rockt, endlich wieder mehr Science-Fiction, viel Asia Zeug und Thriller, dafür weniger klassischer Horror, insgesamt aber ein wirklich vielversprechendes Programm. Wir sehen uns im Anschluss des diesjährigen Fantasy Filmfestes zu einer Nachbesprechung im Quick `n Dirty Artikel, bis dahin ein schönes Festival, wo immer ihr da draußen auch teilnehmt. Alle Infos zu Filmen, Spielzeiten, Bilder und Trailer findet ihr auf der offiziellen Fantasy Filmfest Seite. Bis dahin, Eure Traumfalter Filmwerkstatt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Christian Hempel | Autor, Dramaturg und Stoffentwickler | Gesslerstraße 4 | 10829 Berlin | +49 172 357 69 25 | info@traumfalter-filmwerkstatt.de